Luftturbulenzen mit Oulipo

Die Werkstatt für potenzielle Literatur, Oulipo, bleibt produktiv und ist mit Hervé Le Tellier bis zu den Shortlists mehrerer Literaturpreise der Rentrée littéraire vorgedrungen: Ein Spiel mit Möglichkeiten: Was wäre, wenn im März 2021 etwas Unvorstellbares passieren würde, das man jetzt noch für Science Fiction hält? Was wäre, wenn wir unseren Doppelgängern begegnen müssten? Was wäre, wenn dieses Flugzeug auf dem Weg in die USA in schreckliche Turbulenzen gerät? Entsprechend der Gruppenpoetik von Oulipo wieder ein Spiel mit Verweisen, Zitaten, Referenzen, Mise en abyme-Effekten, und dies geistreich, witzig und spannend. Der Präsident der Gruppe, Hervé Le Tellier, erfindet ein Alter ego mit einem gleichnamigen Roman, Victør Miesel, und das ø ist nicht zufällig ein mathematisches Symbol, Tellier selbst hatte Mathematik und Linguistik studiert, wie er in seinem Buch Toutes les familles heureuses geschrieben hatte.

Clémence Balmer lit vite, c’est son métier, et en une heure elle a fini. L’Anomalie ne ressemble à rien de ce que Victor a produit auparavant. Ce n’est pas un roman, pas une confession, pas non plus une succession sans lien de phrases lumineuses ou de formules scintillantes. C’est un livre étrange, au rythme lancinant, qu’on ne peut lâcher, et elle y reconnaît en filigrane tout ce qui a influencé Miesel, de Jankélévitch à Camus, Gontcharov et tant d’autres. Un texte noir, sans distance, où même le persiflage est douloureux : […]

Hervé Le Tellier, L’Anomalie

Clémence Balmer liest schnell, das ist ihr Beruf, und in einer Stunde ist sie fertig. Die Anomalie ist anders als alles, was Victor jemals zuvor produziert hat. Es ist kein Roman, kein Geständnis, keine nahtlose Abfolge von leuchtenden Sätzen oder glitzernden Formeln. Es ist ein seltsames Buch, mit einem eindringlichen Rhythmus, den man nicht wieder los wird, und darin erkennt sie in filigraner Weise alles, was Miesel beeinflusst hat, von Jankélévitch über Camus, Gontscharow und so viele andere. Ein schwarzer Text, distanzlos, wo selbst die Persiflage schmerzhaft ist: […]

So schreibt Raphaëlle Leyris in Le Monde des Livres: „Ce roman plein de rebondissements, qui va des Etats-Unis au Nigeria, en passant par la France et l’Inde, pour raconter la confrontation de ses protagonistes avec des doubles soudainement apparus, possède une efficacité narrative qui ne renonce pas aux jeux littéraires chers à cet oulipien distingué. Si, par son épaisseur, par le nombre de ses personnages et par ses ambitions de roman-monde, L’Anomalie diffère du reste de son travail, on y trouve les constantes d’une œuvre qui, depuis près de trente ans, jongle avec les structures, la langue et les références.“ 1

Und der Roman endet so poetisch, autopoetologisch wie naturwissenschaftlich mit einer unabgeschlossenen tour d’horizon:

Il est difficile de décrire ce qui se passe, aucun mot n’existe tout à fait dans la langue pour définir cette vibration lente du monde, cette pulsation infinitésimale qui, partout sur la Terre, et dans le même instant, affecte aussi bien le chat qui dormait près de la cheminée dans ce chalet de l’Arkansas que l’oie cendrée qui traverse le ciel au-dessus de Bordeaux, et les chutes du Zambèze et les neiges immaculées de l’Anapurna, le pont du Rialto sur le Grand Canal de Venise comme l’artère encombrée du grand bidonville de Dharavi et l’éponge sale posée au bord d’un évier à Montjoux et le vieux pneu crevé dans la cour d’un garage à Mumbai

Hervé Le Tellier, L’Anomalie

Es ist schwierig zu beschreiben, was geschieht, kein Wort existiert in der Sprache, um diese langsame Schwingung der Welt zu definieren, dieses winzige Pulsieren, das überall auf der Erde und im selben Augenblick die Katze, die in diesem Cottage in Arkansas am Kamin schlief, ebenso beeinflusst wie die Graugans, die den Himmel über Bordeaux durchfliegt, und die Sambesi-Fälle und der unberührte Schnee des Anapurna, die Rialto-Brücke über den Canal Grande in Venedig sowie die verstopfte Arterie des großen Slums in Dharavi und der schmutzige Schwamm am Rand eines Waschbeckens in Montjoux und der alte platte Reifen im Hof einer Garage in Mumbai

Anmerkungen
  1. „Dieser Roman voller Wendungen, der von den Vereinigten Staaten über Frankreich und Indien nach Nigeria reist, um die Konfrontation seiner Protagonisten mit plötzlich auftauchenden Doppelgängern zu erzählen, hat eine erzählerische Wirksamkeit, die nicht auf die literarischen Spiele verzichtet, die diesem bedeutenden Oulipianer am Herzen liegen. Obwohl sich L’Anomalie durch seine Tiefe, die Anzahl der Figuren und seine Ambitionen als Weltromanautor vom Rest seines Werkes unterscheidet, enthält es doch die Konstanten eines Werkes, das seit fast dreißig Jahren mit Strukturen, Sprache und Referenzen jongliert.“>>