Luftturbulenzen mit Oulipo

Die Werkstatt für potenzielle Literatur, Oulipo, bleibt produktiv und ist mit Hervé Le Tellier bis zu den Shortlists mehrerer Literaturpreise der Rentrée littéraire vorgedrungen: Ein Spiel mit Möglichkeiten: Was wäre, wenn im März 2021 etwas Unvorstellbares passieren würde, das man jetzt noch für Science Fiction hält? Was wäre, wenn wir unseren Doppelgängern begegnen müssten? Was wäre, wenn dieses Flugzeug auf dem Weg in die USA in schreckliche Turbulenzen gerät? Entsprechend der Gruppenpoetik von Oulipo wieder ein Spiel mit Verweisen, Zitaten, Referenzen, Mise en abyme-Effekten, und dies geistreich, witzig und spannend. Der Präsident der Gruppe, Hervé Le Tellier, erfindet ein Alter ego mit einem gleichnamigen Roman, Victør Miesel, und das ø ist nicht zufällig ein mathematisches Symbol, Tellier selbst hatte Mathematik und Linguistik studiert, wie er in seinem Buch Toutes les familles heureuses geschrieben hatte.

Mehr

Schnappschüsse eines jüdischen Exils in Frankreich

Saturn erscheint in fast allen Longlists für die Literaturpreise im Herbst. Die Romanschriftstellerin und Psychoanalytikerin Sarah Chiche erzählt ihre tragische Geschichte und die ihrer Familie, die sie einst in eine schwere Depression stürzte. Wie in einem Film hält sie Schnappschüsse aus der Kindheit ihres Vaters fest: die 1950er Jahre, Algier, ihr Vater Harry, der mit seinem älteren Bruder Armand aufwächst, und seine wohlhabenden Eltern Louise und Joseph. Die Männer der Familie sind Klinikärzte. Die jüdische Familie gehört nicht zu den französischen Kolonisten, sondern lebte in Algerien, seit sie im 15. Jahrhundert aus Spanien vertrieben worden waren. Ein verschwenderisches Leben bis zum Algerienkrieg, dann Exil in Frankreich, Täter und Opfer der Vergangenheit.

Mehr

Schreißwunder

La langue de Frédéric Arnoux plonge ses racines dans l’argot d’une marginalité qui fourmille de néologismes surprenants, dès le titre : « Merdeille », mot-valise, union antinomique très parlante, qui dit clairement que « dans ce monde de merde il y a encore quelques merveilles ! » ; ou encore « écolomie » imageant par condensation l’alliance improbable de la nature et des affaires. Ces mots sont des cailloux semés entre les lignes par le narrateur pour indiquer la route à suivre : « Là où on habite c’est quand même tout près de rien » […]. 1

Philippe Brenot, Le Monde
Anmerkungen
  1. Die Sprache von Frédéric Arnoux wurzelt im Slang einer Marginalität, die von überraschenden Neologismen wimmelt, schon im Titel: „Merdeille“, einem Kofferwort, einer sehr aussagekräftigen antinomischen Vereinigung, die deutlich sagt: „In dieser beschissenen Welt gibt es noch einige Wunder!“ oder „Ökolomie“, was die unwahrscheinliche Allianz zwischen Natur und Wirtschaft verdichtet. Diese Worte sind Kieselsteine, die der Erzähler zwischen die Zeilen verstreut hat, um den einzuschlagenden Weg aufzuzeigen: „Wo wir leben, ist immer noch sehr nahe am Nichts“ […].>>

Rurale Rückkehr des Authentischen

Der Autor folgt den Spuren Alexandres, eines sehr anziehenden Helden, der seine Äcker liebt. Über seine Schwester Caroline, die in Toulouse studiert, lernt er eine Gruppe von Atomkraftgegnern kennen, darunter Constanze, eine schöne blonde und lächelnde Ostdeutsche. Um sie wiederzusehen, erklärt er sich bereit, diesen gefährlichen Aktivisten Dünger zu liefern. Die Jahre vergehen, mit den Schwierigkeiten der landwirtschaftlichen Existenz. Alexandre bleibt allein und ist immer wieder von weitem den Auftritten der Frau ausgesetzt, von der er glaubt, dass sie die Frau seines Lebens ist.

Mehr