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	<title>Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart</title>
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	<title>Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart</title>
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		<title>Amerikareisen: Die Straße nach dem Ende der Straße bei Catherine Mavrikakis und Cormac McCarthy</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Oct 2026 03:22:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
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		<category><![CDATA[Catherine Mavrikakis]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="220" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71AUpClI8BL._UF350350_QL50_-220x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" fetchpriority="high" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71AUpClI8BL._UF350350_QL50_-220x300.jpg 220w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71AUpClI8BL._UF350350_QL50_.jpg 257w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" />In Catherine Mavrikakis' "Sur les routes: un étrange voyage de Chicago à Alamogordo" bricht eine Literaturprofessorin im Sommer 2024 zu einer Fahrt durch die USA auf, die sie sich selbst als Reaktion auf Cormac McCarthys The Road auferlegt: Wenn McCarthy der amerikanischen Straßenliteratur mit seiner Apokalypse ein Ende gesetzt hat, lässt sich die Straße dann überhaupt noch einmal befahren, und mit welchem Blick? Von Ontario über Michigan, Wyoming und die Wüsten des Südwestens bis nach Alamogordo verknüpft die Erzählerin in acht essayistischen Kapiteln die eigene Kindheit mit der Geschichte der Bisonjagden, der AIDS-Krise, des Rust Belt, der Anarchistin Voltairine de Cleyre und des Kernwaffentests von Trinity, sodass jede besuchte Stadt zugleich zum Schauplatz persönlicher Erinnerung und politischer Gegenwart wird, vom Attentat auf Donald Trump in Memphis bis zu den Kämpfen um das Abtreibungsrecht in Michigan und Wyoming. Der Aufsatz argumentiert, dass dieses Buch seine Gattungsfrage zur Methode macht: Statt McCarthys geschlossene, namenlose Endzeitallegorie fortzuschreiben, antwortet Mavrikakis mit einem datierten, digressiven Text, der Reisebericht, Essay und Autofiktion ineinander montiert und damit gerade die politische Lesbarkeit der amerikanischen Gegenwart zurückgewinnt, die McCarthys Apokalypse ausgelöscht hatte. Gezeigt wird das an der Funktion, die "The Road" für den Text übernimmt, als Epigraph, als Auslöser der Reise und als stumme Folie, die am Schluss in der weißen, radioaktiven Wüste von White Sands unausgesprochen wiederkehrt, ebenso wie an der Verschränkung von Raum, Zeit, Geschlecht und Rasse, mit der Mavrikakis die amerikanische Straße als Palimpsest wiederkehrender Gewalt liest.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Wüste als Theorie: Jean Baudrillard und das Ende der Geschichte im Bild</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Oct 2026 02:47:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Jean Baudrillard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="197" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71byFaPDl1L._SL1360_-197x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71byFaPDl1L._SL1360_-197x300.jpg 197w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71byFaPDl1L._SL1360_-672x1024.jpg 672w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71byFaPDl1L._SL1360_-768x1170.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71byFaPDl1L._SL1360_.jpg 893w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" />Jean Baudrillards "Amérique" von 1986 verwandelt eine Reise durch Wüsten, Freeways und Metropolen der USA in eine Theorie der Hyperrealität: Amerika erscheint hier als Utopie, die sich, anders als die europäische, nie im Ausstehen der Geschichte, sondern von Beginn an im Alltag selbst verwirklicht hat, als Zivilisation ohne Ursprungsfrage, deren Oberfläche, Tempo und Leere keine Tiefe mehr brauchen, um zu bestehen. Fünfzehn Jahre später, in seinem umstrittenen Essay "L'esprit du terrorisme" zu den Anschlägen des 11. September, radikalisiert Baudrillard genau diese Systemdiagnose: Er deutet den Anschlag nicht als politisches oder religiöses Ereignis, sondern als symbolischen Akt, in dem sich ein hegemoniales System, das jeden Tod aus seiner Rechnung ausgeschlossen hatte, an seiner eigenen Perfektion selbst verwundbar zeigt, während die Attentäter den eigenen Tod als eine Waffe einsetzen, auf die es innerhalb der Logik des globalen Tauschs keine gleichwertige Antwort gibt. Der Aufsatz liest beide Texte im Zusammenhang, zeigt, wie eng die Begriffe des Buchs, die Wüste, das Bild, die Simulation, in der späten Analyse des Terrors wiederkehren, und ordnet Baudrillards Amerikabild zugleich in eine lange französische Denktradition ein, die von Tocqueville über Duhamel bis in die Gegenwart reicht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Wilde Stunden. Kunst als Offenlegung dessen, was die Zivilisation verdeckt: Marie Petitcuénot</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Sep 2026 22:06:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Marie Petitcuénot]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51PowLCF4NL._SL1169_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51PowLCF4NL._SL1169_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51PowLCF4NL._SL1169_-701x1024.jpg 701w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51PowLCF4NL._SL1169_-768x1122.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51PowLCF4NL._SL1169_.jpg 800w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" />Marie Petitcuénots Roman "Heures sauvages" (Éditions H. d'Ormesson, 2026) erzählt die sechs Stunden nach, in denen Marina Abramović 1974 in einer neapolitanischen Galerie mit ihrer Performance Rhythm 0 ihr Publikum einlud, mit zweiundsiebzig Gegenständen, von der Rose bis zur geladenen Pistole, frei über ihren reglosen Körper zu verfügen: Aus der anfänglichen Neugier von vierzig geladenen Gästen entwickelt sich über Berührung, Entblößung und Verletzung bis hin zum Messerstich und zum russischen Roulette eine Eskalation, die erst endet, als der junge Galerist Andrea, der die Künstlerin ein Jahr zuvor in Belgrad kennengelernt hat, das Protokoll abbricht, während jede einzelne Figur aus dem Publikum, vom Hafenbeamten im Dienst der Camorra bis zur heimlichen Assistentin bei illegalen Schwangerschaftsabbrüchen, eine eigene, oft jahrzehntelange Lebensgeschichte in die eine Nacht einträgt. Der Aufsatz liest diesen Abend als literarisches Experiment über die dünne Schicht der Zivilisation und argumentiert, dass Petitcuénot dafür bewusst eine chorische, zwischen wechselnden Bewusstseinen springende Form wählt, in der ein durchgehendes Präsens der Rahmenhandlung auf ausgedehnte, in der Vergangenheit verankerte Rückblenden trifft und so jenes Stillstellen der Zeit simuliert, das die Künstlerin selbst als Bedingung ihrer Kunst beansprucht, ein Stillstand, den der Text am Ende als Illusion entlarvt, sobald der Körper eine bleibende Spur davonträgt. Zugleich zeigt die Analyse, dass der Roman die überwiegend männlich verübte Gewalt nicht zu einer einfachen Anklage eines Geschlechts verengt, sondern über die Nebenfigur von Carlos Frau eine komplizierende, auch weibliche Begierde einführt, und dass seine Poetik, insbesondere der Verzicht auf satzzeichenmarkierte Dialoge, genau jene Aufhebung der sicheren Beobachterposition vollzieht, die schon die Performance selbst von ihrem Publikum verlangt: So wird aus der Interpretation des Kunstwerks zugleich eine Deutung der eigenen literarischen Verfahren des Romans.]]></description>
		
		
		
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		<title>Nichts zu sehen: Die erzählte Ausstellung bei Gaëlle Obiégly</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Sep 2026 22:02:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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		<category><![CDATA[Gaëlle Obiégly]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wONo-4yL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wONo-4yL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wONo-4yL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wONo-4yL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wONo-4yL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Gaëlle Obiéglys Roman "Rien à voir" (Éditions Verticales, 2026) erzählt von einer namenlosen Ich-Erzählerin, die sich als Verfasserin kommerzieller Lektürekommentare durchschlägt und vom Konzeptkünstler Ari Bosochur, hinter dem sich der reale Künstler Boris Achour verbirgt, gebeten wird, dessen Retrospektive nicht zu zeigen, sondern zu erzählen, weil einige seiner Werke zerstört, verschollen oder nie fotografiert wurden. Parallel dazu steigt der ehemalige Wachmann Mamadou, nach seiner Heirat mit der Kunsthistorikerin France unter dem Namen Georges Ledoux, im Museum auf und sucht ein verschollenes Werk, eine als UNE SCULPTURE betitelte Buchskulptur, bis die Ausstellungseröffnung in einem Tumult endet, aus dem heraus die Erzählerin das gesuchte Objekt zurückgibt. Der Aufsatz liest diesen Roman als Umkehrung der klassischen Ekphrasis: Statt ein vorhandenes Bild sprachlich zu vergegenwärtigen, bringt der Text Kunstwerke allererst durch Erzählung hervor, wobei Digression, Pseudonyme und Namenswechsel als parallele Formen des Sprechens für Abwesendes erscheinen. Konkret zeigt sich das etwa an der mit weißer Farbe übermalten Lampenskulptur "The Leftovers", die Straßenabfall unter ihrer glatten Oberfläche verbirgt, oder an der nächtlichen Zahnschiene der Erzählerin als körperlichem Gegenstück zum Schweigen der Kunst. Konkret zeigt sich das auch an der namenlosen Christus-Skulptur in Rom, in deren täuschend echtem, nassem Marmorschleier die Erzählerin einen Zugang zur eigenen Kindheitsangst sucht, und an Andrea Mantegnas Madonna mit Kind, in der sie, gegen die Deutung eines Kritikers, nicht Leidensvorzeichen, sondern schlicht ein zahnendes, schmutziges Baby erkennt und daraus folgert, Gott sei eben schmutzig, sobald man ein wenig kratze. Das Bild dient dem Roman damit als Beleg für sein eigenes Kunstverständnis: Heiligkeit wird nicht durch Reinheit, sondern durch Körperlichkeit, Erschöpfung und Schmutz sichtbar. Verweise auf Willem de Kooning, Nobuyoshi Araki, Jenny Holzer und Jacques Lacans Begriff der "lalangue" verorten Bosochurs fiktives Werk in einer realen Kunstgeschichte, während die stille Rückgabe eines Bibliotheksbuchs im ersten Kapitel und der Ruf "Je le rends" inmitten des Museumstumults im letzten Kapitel dieselbe Geste zweimal vollziehen und so das leitende Bild des Romans, das Buch als Skulptur, von Anfang bis Schluss einlösen.]]></description>
		
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		<title>Eine notwendige Gegenlektüre von Thélyson Orélien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Sep 2026 17:00:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X-699x1024.jpeg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X-768x1124.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Zwei Lektüren, auffallend übereinstimmende Befunde mit konträrer Bewertung: Niklas Benders Besprechung von Thélyson Oréliens "C’était ça ou mourir" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. September liest als Schwäche, Redundanz und Schablone, was ich in meiner Besprechung vom 11. September als bewusst gesetzte Erzählpoetik beschrieben habe – von der episodischen Anlage über die flüchtigen Figuren bis zu Körper, Lachen und Wiederholung. Benders Text lässt sich dabei durchaus als implizite Replik auf zentrale Argumente meiner Lektüre lesen, auch wenn er sie nicht ausdrücklich adressiert. Dazu kommt der unterschiedliche Entstehungskontext: Meine Besprechung erschien vor der inzwischen breiten KI-Kontroverse, Benders danach. Gerade im Nebeneinander wird sichtbar, woran sich die ästhetische Auseinandersetzung mit Oréliens Roman entzündet: an der Frage, ob seine Formen schematisch misslingen oder gerade in ihrer Wiederholung eine Poetik von Flucht, Zeugenschaft und Verlust hervorbringen. Es lohnt sich, beide Besprechungen als Streitgespräch über denselben Text zu lesen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Namen vor der Auslöschung. Zärtlichkeit und Schrecken in Butare bei Dorcy Rugamba</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Sep 2026 00:46:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
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		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71AjUWHkegL._SL1500_-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71AjUWHkegL._SL1500_-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71AjUWHkegL._SL1500_-649x1024.jpg 649w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71AjUWHkegL._SL1500_-768x1211.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71AjUWHkegL._SL1500_.jpg 951w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Dorcy Rugambas Roman "Les Enfants gâtés de Butare" (Lattès, 2026) erzählt von einer südruandischen Universitätsstadt, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren als Ort des Wissens, der Poesie und einer eigenen Jugendkultur gilt, bevor sie 1994 durch den Genozid fast vollständig entvölkert wird. Erzählt wird dies als Beichte: Der aus Butare stammende Filmemacher Binwa kehrt, dreißig Jahre nach der Katastrophe, jährlich in sein altes Internat zurück und berichtet einem Priester, im Schutz des Beichtstuhlgitters, von seiner Kindheit, seiner Studienzeit und dem Untergang der Stadt, bis hin zum Mord an Freunden und Familie. Die Interpretation argumentiert, dass die Schönheit des Buchs und sein Schrecken aus denselben Verfahren hervorgehen. Was zu Beginn als liebevolle Aufzählung von Bars, Berufen und Herkünften eine Stadt benennbar macht, kehrt gegen Ende als Umbenennung der Opfer nach einem Merkmal ihres Hauses wieder; was als fototechnische Reflexion über Korn und Pixel beginnt, wird zur Poetik der Andeutung, mit der das Buch den Genozid off-screen erzählt, in Nebensätzen, knappen Dialogen und einem Tagebuch, das genannt, aber nie zitiert wird. Die Analyse liest diese Wiederkehr weniger Bilder, das Gitter, das Korn, ein zurückgehaltener Satz, als Ausdruck einer Genauigkeit, die weder tröstet noch anklagt, sondern beharrlich benennt, und macht darin die eigentliche Stärke des Buchs aus.]]></description>
		
		
		
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		<title>Von Tocqueville zu De Gaulle: die Furcht der Zweiten Republik vor dem Volk und ihr Weg ins Kaiserreich</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/29/von-tocqueville-zu-de-gaulle-die-furcht-der-zweiten-republik-vor-dem-volk-und-ihr-weg-ins-kaiserreich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Sep 2026 00:37:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Honoré de Balzac]]></category>
		<category><![CDATA[Victor Hugo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="192" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QHGC0hNL._SL1247_-192x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QHGC0hNL._SL1247_-192x300.jpg 192w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QHGC0hNL._SL1247_-657x1024.jpg 657w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QHGC0hNL._SL1247_-768x1197.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QHGC0hNL._SL1247_.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px" />Marie-Hélène Baylacs "La peur du peuple" erzählt den Weg Frankreichs von der Ausrufung der Republik am 24. Februar 1848 bis zur Kaiserkrönung Napoleons III. am 2. Dezember 1852 als Geschichte einer Furcht, die stärker wirkt als jedes politische Programm: Bankette und Barrikaden, das Recht auf Arbeit und seine Zerschlagung in den Junitagen, der stille Machtaufbau Louis Napoleons und schließlich der Staatsstreich fügen sich bei ihr zu einer Kette von Szenen, in denen Besitzende, Klerus und selbst gemäßigte Republikaner immer wieder aus Angst vor der "sozialen" Republik zur Ordnung zurückfinden, bis diese Ordnung eine Person findet, die sie verkörpert. Der Aufsatz legt die Architektur dieser Erzählung offen: Er zeigt, wie Baylac die Furcht als Strukturprinzip, nicht als Randmotiv behandelt, und macht sichtbar, dass sie diese These doppelt verankert, einmal politisch-theoretisch in Alexis de Tocqueville, der die Revolution von 1848 als Ausbruch "sozialer Leidenschaften" voraussah und die Junitage später als Klassenkrieg deutete, und literarisch in Flaubert, Hugo, Balzac und Marie d'Agoult, deren Bilder von wogenden Menschenmengen und flüchtenden Kutschen die bürgerliche Angst in Sprache fassen. Zugleich formuliert die Rezension, was diese dichte, quellennahe Erzählung an analytischer Schärfe schuldig bleibt, etwa gegenüber der quantitativen Wahlforschung oder der neueren Emotionsgeschichte, und ordnet das Buch so zwischen erzählerischer Stärke und begrenztem Theorieanspruch ein.]]></description>
		
		
		
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		<title>Sylvain Prudhomme zwischen USA und Mexiko, die Grenze als Erzählkörper zwischen Reportage, Chorroman und Elegie</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/28/sylvain-prudhomme-zwischen-usa-und-mexiko-die-grenze-als-erzaehlkoerper-zwischen-reportage-chorroman-und-elegie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Sep 2026 22:06:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
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		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Sylvain Prudhomme]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="192" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/10/610OyUZK2sL._SL1500_-192x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/10/610OyUZK2sL._SL1500_-192x300.jpg 192w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/10/610OyUZK2sL._SL1500_-656x1024.jpg 656w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/10/610OyUZK2sL._SL1500_-768x1199.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/10/610OyUZK2sL._SL1500_.jpg 961w" sizes="auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px" />Sylvain Prudhommes "Coyote" (2024) erzählt, entlang der 3.200 Kilometer langen Grenze zwischen Mexiko und den USA von Tijuana bis Matamoros, die per Anhalter unternommene Reise eines mit dem Autor weitgehend deckungsgleichen Ich-Erzählers, der sich fast vollständig hinter den Stimmen seiner fast neunzig Fahrerinnen und Fahrer zurücknimmt und dabei ein Amerika montiert, das zwischen Mauerbau, Kartellgewalt, Femiziden und alltäglicher Zugewandtheit changiert; formal steht dem Buch mit "Par les routes" (2019), dem Roman über einen unstet durch Frankreich reisenden Anhalter, dessen Wiederbegegnung mit einem alten Freund den Erzähler zur Reflexion über Bindung und Freiheit zwingt, sowie mit "De l’autre côté du lac" (2026), in dem ein unzugängliches Naturreservat jenseits eines Bergsees zum Gegenstand einer aus der Ferne geführten, brieflichen Annäherung zweier Figuren wird, ein Werkzusammenhang zur Seite, in dem die Grenze durchgängig als Schwelle zwischen Nähe und Unzugänglichkeit fungiert. Der Aufsatz argumentiert, dass diese Grenze in "Coyote" nicht bloß Thema, sondern Bauprinzip des Textes ist: Er zeigt, wie das serielle, kartografisch getaktete Kapitelraster, die Alternanz von protokollierter Fahrerrede und naturgeschichtlichen Einschüben über den titelgebenden Kojoten sowie die programmatische Selbstzurücknahme der Erzählerstimme eine Poetik der Zeugenschaft erzeugen, die sich an intertextuellen Bezügen wie Bolaños "2666" und Villeneuves "Sicario" ebenso abarbeitet wie an der eigenen, in "Par les routes" vorweggenommenen Reisefiktion, und führt diesen Befund im Schlussteil mit der vergleichenden Lektüre der beiden anderen Romane zu der These zusammen, dass Prudhommes Schreiben insgesamt aus der Bewegung entlang, nicht über Grenzen hinweg seine Form gewinnt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Amerikareisen: Frankreich und Amerika in einer doppelten Erlösungserzählung bei Jean-Éric Boulin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/28/amerikareisen-frankreich-und-amerika-in-einer-doppelten-erloesungserzaehlung-bei-jean-eric-boulin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Sep 2026 22:03:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Éric Boulin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61q64V3pTiL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61q64V3pTiL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61q64V3pTiL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61q64V3pTiL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61q64V3pTiL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Jean-Éric Boulins Roman "Nous aurons de l'or" (2014) verknüpft zwei Handlungsstränge, die sich wechselseitig beleuchten: In Frankreich kehrt ein ehemaliger Boxer aus der Pariser Banlieue nach Charlotte, North Carolina, zurück, um der Amtseinführung der ersten Präsidentin mit muslimischen Wurzeln, Rachida Meziane, beizuwohnen und dabei seine Jugend mit dem später ermordeten Künstlerfreund Yassine, seine erste Liebe Sabrina und den unbekannten, aus dieser Beziehung stammenden Sohn wiederzufinden; parallel dazu erzählt der Roman, wie in den USA eine maskierte Gruppe namens Horde d'or unter ihrem Anführer LeBron Parks gegen die tödliche Lebensmittel- und Erdgasindustrie kämpft, während der Erzähler dort seine amerikanische Partnerin Hannah kennenlernt. Der Aufsatz argumentiert, dass beide Stränge nicht additiv, sondern spiegelbildlich komponiert sind: Frankreich löst seine koloniale und rassistische Vergangenheit durch Wahl und Rede, Amerika seinen Kapitalismus durch Feuer und Gewalt, und der Roman entscheidet sich bewusst für keine der beiden Lösungen, sondern untersucht, welche Erzählformen Gesellschaften wählen, um ihre eigene Gewaltgeschichte zu verarbeiten. Dabei zeigt die Analyse, wie Erzählperspektive, Zeit- und Raumstruktur, Mehrsprachigkeit, Bildfelder von Feuer und Körperkampf sowie zahlreiche Verweise auf Malerei und Film dieses doppelte Erlösungsversprechen tragen, wie Geschlechterverhältnisse zwischen weiblicher politischer Macht und männlich codierter Gewalt changieren, und wie der Roman sein eigenes Verfahren der Aneignung realer Ereignisse in fiktive Zukunft, etwa in der Kunst der Figur Yassine oder im Selbstbild des Erzählers als Romanfigur, immer wieder selbst reflektiert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Schäferdichtung und Nature Writing bei Jean-Marie Chevrier</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/27/schaeferdichtung-und-nature-writing-bei-jean-marie-chevrier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Sep 2026 04:11:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2013]]></category>
		<category><![CDATA[2016]]></category>
		<category><![CDATA[2017]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Marie Chevrier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/3173PGUOlLL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/3173PGUOlLL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/3173PGUOlLL.jpg 342w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Jean-Marie Chevriers Roman "Une lointaine Arcadie" (Albin Michel, 2011) erzählt vom Pariser Antiquar Matthieu, der binnen weniger Monate seinen Hund, seine Buchhandlung und seine Ehe verliert und sich daraufhin, dem Vorbild eines eremitisch lebenden Großonkels folgend, in eine verfallene Hofstelle in der Creuse zurückzieht, wo er Feldarbeit, Brotbacken und das Lesen von Wildspuren erlernt, eine Kuh zur Gefährtin erklärt und schließlich, mit der Ankunft eines Archäologenehepaars, in eine Dreiecksbeziehung gerät, die in einem Schuss endet, der statt des Nebenbuhlers das Tier trifft. Der Aufsatz liest diesen Stoff als Auseinandersetzung zweier Schreibweisen, die sich durch den ganzen Text hindurch abwechseln, ohne sich je zu versöhnen: einerseits das gesamte Bildinventar der abendländischen Schäferdichtung, vom Rückzug aufs Land über den Herrscherblick vom Berggipfel bis zur mythologischen Verwandlung des Rindes in eine Göttin, andererseits die genaue, sinnlich gesättigte Naturbeobachtung im Sinn des Nature Writing, die Fährten, Gerüche und physiologische Details registriert, ohne sie sogleich zu deuten. Diesen beiden Registern widmet der Aufsatz je ein eigenes Kapitel, bevor er auf verschiedenen Ebenen zeigt, dass beide Register einander fortlaufend unterlaufen, sodass am Ende weder ein befriedetes Naturidyll noch dessen bloße Widerlegung steht, sondern, im Vergleich von Romananfang und Romanschluss verdichtet, das Bild eines toten Tieres zwischen zwei Menschen, in dem Deutung und Beobachtung ein letztes Mal aufeinandertreffen. Ein abschließendes Kapitel stellt diesem Befund zwei weitere Creuse-Romane Chevriers zur Seite, "La Compagnie d'Ulysse" (2017) und "Le Dernier des Baptiste" (2016), in denen sich derselbe Figurentypus des versehrten, mythenbedürftigen Mannes und dasselbe Schema eines von fremder Hand zerstörten Bauprojekts wiederfinden, sodass sich das an "Une lointaine Arcadie" beschriebene Verfahren als wiederkehrendes Muster im Gesamtwerk des Autors erweist.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Erde als Gedächtnis und Gegner: Natur bei Clarence Angles Sabin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/27/die-erde-als-gedaechtnis-und-gegner-natur-bei-clarence-angles-sabin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Sep 2026 04:06:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Clarence Angles Sabin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81rDI91AHFL._SL1500_-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81rDI91AHFL._SL1500_-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81rDI91AHFL._SL1500_-717x1024.jpg 717w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81rDI91AHFL._SL1500_-768x1097.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81rDI91AHFL._SL1500_.jpg 1050w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Clarence Angles Sabins Debütroman "Malu à contre-vent"(Le Nouvel Attila / Éditions du Seuil, 2025) erzählt vom Leben auf einem okzitanischen Schafhof, auf dem ein Mädchen mit seinem schweigenden Vater und seiner dementen Großmutter aufwächst. Die Mutter ist verschwunden, ihre Abwesenheit ein Loch, das die Familienkommunikation bestimmt. Malus geheimes Ritual, die toten Lämmer der estela, eines der drei Hügel des Hofes, zu begraben, wird zum Kern einer Geschichte über Trauer, Kontrolle und die Unmöglichkeit, Verlust in Ordnung zu verwandeln. Der Roman verbindet Naturfiktion mit intimem Familienporträt, indem er Dürre, Sturm, Erde und Wind nicht als Hintergrund behandelt, sondern als die eigentliche Sprache der Familie, wo menschliche Worte fehlen oder versagt haben. Die Interpretation analysiert diese spezifische Literalität der Natursprache. Er argumentiert, dass die Natur in Angles Sabins Text nicht symbolisch wirkt, sondern in drei konkreten Funktionen: als Sprache für das Unsagbare, als Gedächtnisspeicher der Familie (verkörpert in der beständigen Eiche) und als amoralische Gegnerin, die gegen Malus Versuche der Ordnung anarbeitet. Zentral ist Malus Wahrnehmungsweise, die zwischen Material und Metapher nicht unterscheidet, die Erde schmeckt an ihrem Gaumen, weil sie dort wirklich liegt. Die Lektüre zeigt, wie diese epistemologische Konsequenz des kindlichen Blicks Malus Graben zu einer Antigone-Geste macht, nicht der klassischen Tragödie, sondern ihrer Negation: Ein Kind gräbt nicht für die Geschichte, sondern weil die Erde in den Zähnen sitzt und das Loch ein Loch ist. Damit entzieht Angles Sabin ihrer Figur Antigones tragische Würde des Scheiterns und schreibt stattdessen eine Geschichte darüber, wie Rituale nicht halten und Natur keinen Sinn stiftet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Amerikareisen: ein Land ohne Gräber, Chateaubriand, Butor, Vuillard</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/26/amerikareisen-ein-land-ohne-graeber-chateaubriand-butor-vuillard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Sep 2026 18:16:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Vuillard]]></category>
		<category><![CDATA[François-René de Chateaubriand]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Butor]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/images-1-182x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/images-1-182x300.jpeg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/images-1.jpeg 348w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />In dieser unregelmäßigen Rubrik werden französische Amerika-Texte aus zwei Jahrhunderten vorgestellt, Reiseberichte, Romane, Textmontagen und historische Erzählungen, die den nordamerikanischen Kontinent je neu zum Prüfstein für Europa machen. Wiederkehrende Fragen sind dabei, was ein Land ohne europäische Vergangenheit über Europa selbst verrät, wie sich Freiheit erzählen lässt, wenn sie von Herkunft und Tradition gelöst ist, und was aus den Gründungsmythen einer jungen Nation wird, wenn sie zu Denkmälern erstarren oder als Gewaltgeschichte freigelegt werden. Durch die Reihe zieht sich zudem die Spannung zwischen zwei Traditionen der französischen Geistesgeschichte, einer antiamerikanischen Strömung, die Amerika als Zivilisationsverlust oder Bedrohung beschreibt, und einer Faszinationsgeschichte, die denselben Kontinent als Versprechen liest, so dass sich über die Zeit ein Bild davon ergibt, wie sich der französische Blick auf Amerika, von der Leere über das Denkmal bis zur freigelegten Gewalt, zugleich treu bleibt und radikal verschiebt.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Zwei Kindheiten unter Verschluss: Franck Courtès und Louis-Ferdinand Céline</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/26/zwei-kindheiten-unter-verschluss-franck-courtes-und-louis-ferdinand-celine-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Sep 2026 02:03:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Franck Courtès]]></category>
		<category><![CDATA[Louis-Ferdinand Céline]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51J6lcWI74L._SL1171_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51J6lcWI74L._SL1171_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51J6lcWI74L._SL1171_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51J6lcWI74L._SL1171_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51J6lcWI74L._SL1171_.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Aufsatz vergleicht Louis-Ferdinand Célines "Mort à crédit" (Denoël, 1936) mit Franck Courtès’ "Le petit cosmonaute" (Julliard, 2026) als zwei Romane, die im Abstand eines Jahrhunderts dieselbe Grunderfahrung verhandeln, das Kind als Gefäß erwachsener Angst und Gewalt, dabei aber die familiären Rollen vertauschen und auf radikal unterschiedliche stilistische Mittel zurückgreifen. Seinen Ausgangspunkt nimmt die Argumentation nicht von außen, sondern aus dem Text selbst: aus jener Szene, in der Courtès seinen jungen Erzähler ausgerechnet Célines Roman lesen lässt, eine Selbstbezeichnung, die den folgenden Vergleich weniger als äußere kritische Zutat denn als vom Werk selbst gestellte Aufgabe ausweist. Von dort aus verfährt der Aufsatz streng induktiv, er bewegt sich von konkreten, oft nahezu deckungsgleichen Bildern, dem Besteck, das in Tisch oder Hand fährt, dem Wandkalender mit den roten Kreuzen, dem Kind, das die Nervosität der Erwachsenen im eigenen Körper trägt, zu größeren narrativen und poetologischen Fragen: der Enthüllungsdramaturgie zweier verschwiegener Suizide, der Namensmaskierung zwischen halb verhülltem Ferdinand und erfundenem Aurélien, dem Gegensatz von schreiender, elliptischer Kunstsprache und aphoristisch geschlossener Prosa. Am Ende mündet dieser szenische Vergleich in eine Gesamtdeutung, die über die beiden Kindheitsromane hinausgreift und zwei weitere Bücher von Courtès, "À pied d’œuvre" und "La dernière photo", als Fortsetzung derselben biografischen Untersuchung in anderen Berufen liest, sodass sich am Ende nicht nur zwei Bücher, sondern zwei Jahrhunderte literarischer Selbstbefragung gegenüberstehen.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Private Schüsse und öffentliche Geschichte: Verfahren des historischen Romans bei Stéphane Giusti</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/25/private-schuesse-und-oeffentliche-geschichte-verfahren-des-historischen-romans-bei-stephane-giusti/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Sep 2026 22:58:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Stéphane Giusti]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="224" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Halte-au-feu-224x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Halte-au-feu-224x300.jpg 224w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Halte-au-feu.jpg 400w" sizes="auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px" />Stéphane Giustis zweiter Roman "Halte au feu" erzählt den 26. März 1962 in Algier als einen einzigen, minutiös getakteten Nachmittag: Eine Woche nach dem Abkommen von Évian ruft die OAS zu einer Solidaritätsdemonstration für das belagerte Bab El Oued auf, die vor der Grande Poste in der Rue d'Isly in ein Blutbad mündet. Der Roman führt sechs Figuren, den Gendarmen Lucien Perez, das kommunistische Ehepaar Éliane und Daniel Ortega, die Schwestern Marie-Françoise und Odette Carbonel sowie den jungen OAS-Kämpfer Paul Keller, durch die letzten neun Stunden vor dem Schuss und zeigt, wie sich private Sehnsüchte, Lieben und Verletzungen mit der politischen Gewalt der sterbenden Kolonie verflechten. Der Aufsatz liest diesen Countdown als Studie der Verfahren des historischen Romans: Er zeigt, wie die genaue Zeitrechnung in den Kapitelüberschriften aus einem historisch bekannten Ausgang eine unerbittliche erzählerische Spannung gewinnt, wie eingelagerte Dokumente, Flugblatt, Funkspruch, Wetterbericht, die Fiktion beglaubigen, und wie der Roman seine eigene Opferliste als Antwort auf eine lückenhafte Geschichtsschreibung poetologisch reflektiert. Im Zentrum der Argumentation steht die These, dass die Katastrophe selbst aus einer privaten Regung, der Eifersucht eines Scharfschützen, entspringt, wodurch der Roman die übliche politische Kausalität des Genres unterläuft; ein eigenes Kapitel stellt diesem Verfahren die mythische, jahrhundertumspannende Zeugenschaft aus Giustis erstem Roman "Le Juif rouge" gegenüber und schärft so den Blick für die säkulare, dokumentarische Poetik des zweiten Buchs.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Fluch und Auftrag: Jüdischkeit als Spannungsfeld bei Stéphane Giusti</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/25/fluch-und-auftrag-juedischkeit-als-spannungsfeld-bei-stephane-giusti/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Sep 2026 22:57:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Stéphane Giusti]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="224" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71TPy8opRL._SL1500_-224x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71TPy8opRL._SL1500_-224x300.jpg 224w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71TPy8opRL._SL1500_-765x1024.jpg 765w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71TPy8opRL._SL1500_-768x1028.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71TPy8opRL._SL1500_.jpg 1121w" sizes="auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px" />Stéphane Giustis Debütroman "Le Juif rouge" erzählt das Leben des Aaron Tamerlan Munteanu, eines rumänischen Juden von zwei Metern zwanzig mit feuerrotem Haar, der 1917 durch den Fluch eines Dybbuk zur Unsterblichkeit verurteilt wird und fortan als sogenannter roter Jude, eine Legendengestalt aus mittelalterlicher Überlieferung, durch das gewaltvolle 20. Jahrhundert Mitteleuropas wandert: von den Schützengräben der Karpaten über Odessa, Wien, Berlin und Prag bis nach Treblinka und schließlich Jerusalem, stets als Zeuge, der das Unheil vorausahnt, ohne es aufhalten zu können. Der Aufsatz liest diesen Roman als Verhandlung von Jüdischkeit selbst: nicht als feste Identität, sondern als Spannungsfeld aus Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Fremdbild und Selbstbild, Legende und Geschichte, das sich im überlebensgroßen, unverwundbaren Körper des Helden leiblich verdichtet. Die Argumentation zeigt, wie der Text die Gattungen des Schelmenromans, der jüdischen Legende, der Schauergeschichte und der historischen Chronik ineinanderschiebt, um ein Geschehen zu umkreisen, das sich realistischer Darstellung entzieht, und wie er zugleich seine eigene Poetik als Zeugenschaft reflektiert, als Pflicht, Buße und Gebet, die im Erzählen selbst ihre Form findet. Ein eigenes Gewicht erhält dabei die Beobachtung, dass der Roman sein Heldenmodell zuletzt unterläuft: Die Legende verspricht einen Retter, der Text liefert einen Zeugen ohne Wirkmacht, dessen Unsterblichkeit Strafe und Auftrag zugleich ist, und dessen Schluss, die Pflege des einstigen Gegners auf einem Jerusalemer Dach, die anfängliche Sehnsucht nach dem einfachen Hass in eine Ethik der Zuwendung verwandelt, ohne sie von aller Schuld zu befreien.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Foucault und der Shah: Frankreichs Intellektuelle, der Iran und die Komödie der Blindheit bei Gilles Martin-Chauffier</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/24/foucault-und-der-shah-frankreichs-intellektuelle-der-iran-und-die-komoedie-der-blindheit-bei-gilles-martin-chauffier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Sep 2026 01:05:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Gilles Martin-Chauffier]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Foucault]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782226513625-j-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782226513625-j-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782226513625-j.jpg 547w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Gilles Martin-Chauffiers Roman "Nazanine" (Albin Michel, 2026) erzählt von einem jungen Pariser Journalisten, der 1978 zwischen Nachtclub, Redaktionskonferenz und Vincennes die Iranerin Nazanine liebt, während in ihrer Heimat die Herrschaft des Schahs zerfällt. Nazanine kehrt nach Teheran zurück, um ihre schah-nahe Familie zu schützen, wirft in der Redaktion eine Tintenflasche auf den Philosophen Michel Foucault, der die Revolution als Aufbruch deutet, und wird schließlich mit falschem Pass aus dem Land gebracht. Der Epilog steht im Zeichen von Hinrichtungen und einer Hochzeit unter Vorbehalt. Der Aufsatz liest das Buch als Gegenerzählung zu Foucaults Iran-Reportagen, die 2026 bei Gallimard gesammelt erscheinen, und vertritt die These, der Roman wende die Komödie gegen sich selbst: Ein Erzähler, dessen Begabung im Bonmot liegt, gesteht rückblickend, wie sein Milieu den Iran als Spektakel, Idee und Kostümfrage konsumierte. Der Verlag nennt "Nazanine" einen Liebesroman, weil die gesamte Handlung von der Beziehung des Paares getragen wird, vom Blitzschlag im Palace über den bretonischen Sommer, die Trennung und Versöhnung und die Rettung Nazanines mit falschem Pass bis zur Hochzeit, und weil die politischen Ereignisse (Khomeinis Ankunft, Schahflucht, Hinrichtungen) nur so weit erzählt werden, wie sie diese Liebe bedrohen, was der letzte Satz, "Ich hatte Angst", ausdrücklich als Angst um die geliebte Frau fasst. Die Argumentation des Aufsatzes folgt vier Schritten. Sie beginnt bei der Erzählweise, die Komik und Selbstanklage verschränkt, und geht über eine Raumordnung, in der Teheran nie unmittelbar erscheint, sondern nur über Telefon, Kassette und Fernsehbild, zur Figur Foucaults, deren Formeln der Roman im Gegensatz von Tinte und Blut zur Handgreiflichkeit und schließlich zur Wirklichkeit von Erschießungen verdichtet. Die Geschlechterordnung dient dabei als Prüfstein, an dem sich zeigt, was von der Revolution zu erwarten war. Untersucht wird ausdrücklich die Romanfigur Foucault, nicht der historische Autor, und der Text bleibt dabei nicht bei der Abrechnung stehen, weil er auch den Erzähler, Xerxès und Nazanine selbst nicht entlastet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Drieu la Rochelle als Antisemit auf dem Papier: Liebe und Kollaboration bei Jean-Noël Orengo</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Sep 2026 02:06:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Noël Orengo]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Drieu la Rochelle]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71zQtdLX7PL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71zQtdLX7PL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71zQtdLX7PL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71zQtdLX7PL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71zQtdLX7PL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Jean-Noël Orengos Roman "La Rédemption" (2026) erzählt, wie sich die großbürgerliche, jüdischstämmige Colette Jéramec und der mittellose Schriftsteller Pierre Drieu la Rochelle vor 1914 kennenlernen, heiraten, sich 1921 scheiden lassen und dennoch verbunden bleiben, bis Pierre, inzwischen Kollaborateur und Ideologe eines "faschistischen Sozialismus", 1943 über sein eigenes Netzwerk aus deutschen Funktionären die Freilassung Colettes und ihrer beiden Söhne aus Gestapo-Haft erwirkt, ihr bis zu seinem Suizid 1945 nahebleibt und am Ende selbst von ihr gepflegt und beerdigt wird. Der Aufsatz liest diesen Stoff nicht als moralisches Rechenexempel, sondern zeigt, wie der Roman auf jeder Ebene der Narration dieselbe Grundfigur durchspielt: die Unmöglichkeit, eine private Liebesgeschichte von der kollektiven Schuld ihrer Zeit zu trennen, ohne die eine der anderen zu opfern. Ausgehend von einer selbstkritischen Reflexion der eigenen, deutschen Leseposition verfolgt die Argumentation, wie sich diese Spannung in Orengos offener, quellenkritischer Erzählweise niederschlägt, in der Konfrontation von Colettes bürokratisch zugeschriebener und durch Pierre nie klar bestimmter Jüdischkeit, im ambivalenten Bild Deutschlands als Projektionsfläche und Vernichtungsapparat sowie im Kontrast zu Drieus eigenem Roman "Gilles", dessen ästhetisierter Opfertod im Spanischen Bürgerkrieg durch die medizinisch nüchternen, von Colette begleiteten Suizidversuche des realen Pierre bei Orengo gezielt entzaubert wird. Zuletzt zeigt der Aufsatz, gestützt auf Zeugnisse aus dem Cahier de l'Herne, wie sich Orengos Formel vom "Antisemiten auf dem Papier" in zeitgenössischen Quellen wiederfindet, und liest den Roman als bewusst offenes, politisch nach beiden Seiten lesbares Werk, das seine eigene Ambivalenz zum Erkenntnisverfahren erhebt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Datum, das nicht vergeht: Generationengedächtnis von drei Frauen bei Maylis Besserie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Sep 2026 02:00:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Julie Héraclès]]></category>
		<category><![CDATA[Maylis Besserie]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wnds8ITVL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wnds8ITVL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wnds8ITVL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wnds8ITVL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71wnds8ITVL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Maylis Besseries Roman "Les Filles du 9 juin" (Grasset, 2026) erzählt, wie ein einziges Kriegsverbrechen, das Massaker der SS-Division "Das Reich" an neunundneunzig Männern in Tulle am 9. Juni 1944, über drei Generationen von Frauen hinweg weiterlebt: in Hortense, die an diesem Tag ihren Mann verliert und eine Tochter gebiert, in Louise, die genau an diesem Datum zur Welt kommt und das Trauma als Nachtangst und psychiatrische Krise austrägt, und in Zoé, die als Geschichtslehrerin sechzig Jahre später beginnt, die Zeugenaussagen der Überlebenden zu sammeln, bis der Roman im April 2002 endet, am Tag, an dem der Front National erstmals in die Stichwahl um die französische Präsidentschaft einzieht. Der vorliegende Aufsatz liest diesen dokumentarisch grundierten Familienroman als eine Poetik der Zeugenschaft: Er verfolgt, wie die Romanstrukturen eine Bewegung vom Schweigen zum Sprechen orchestrieren, wie der Roman reale Namen und Prozesse mit erfundenen Schicksalen verschränkt, um die Grenze zwischen Historie und Fiktion produktiv zu machen, und wie der Vergleich des Erzählrahmens vom jubelnden Balkon zum bangen Fernsehabend die zyklische, warnende Struktur des Buches offenlegt. In einem eigenen Kapitel wird diese Lektüre kontrastiv erweitert, durch den Vergleich mit Julie Héraclès' "Vous ne connaissez rien de moi" (JC Lattès, 2023), das im selben Kriegssommer spielt, aber die Perspektive einer wegen "horizontaler Kollaboration" öffentlich beschämten Frau einnimmt und damit zeigt, dass der Befreiungssommer 1944 in Frankreich nicht nur ein Kapitel des Heldentums, sondern auch eines der Scham bereithält.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Grammatik des Aufschubs: Rekonstruktion und Familienerzählung bei Lucie Rico</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Sep 2026 01:59:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Lucie Rico]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/mais-que-fait-ce-sang-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/mais-que-fait-ce-sang-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/mais-que-fait-ce-sang.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Lucie Ricos Roman „Mais que fait ce sang sur le pull de Jennifer ?“ (Éditions P.O.L, 2026) erzählt von einer Pariser Transkribentin von Anfang dreißig, die mit einem Mal keine Sätze mehr beenden kann. Das Leitmotiv ist eine fehlende Punkt-Taste, und ein Satz über den Film „Vom Winde verweht“ bricht immer wieder bei „et“ ab. Um dem Symptom nachzugehen, baut Jennifer mit dem Anwalt Malec nach Art einer kriminalistischen Rekonstruktion die Wohnung ihres verstorbenen Großvaters in Perpignan nach. Sie sichtet Filme, sammelt Hundehaare und spielt mit einem Liebhaber eine Kindheitsszene nach, bis die Aufführung in Gewalt umschlägt und Blut auf ihrem gelben Pullover erscheint. Die Familie begegnet ihr dabei mit liebenswürdiger Ausweichbewegung, die Großmutter hat die Kassetten des Großvaters bis auf eine vernichtet. Der Aufsatz liest den Roman als Versuch, Wahrheit durch Herstellung statt durch Beweis zu gewinnen, und entwickelt diese These in vier Schritten. Er zeigt erstens, dass der abgebrochene Satz Erzählmotor und Symptom zugleich ist, weil die Syntax der Ich-Erzählerin den Aufschub des Erzählten mimetisch vollzieht. Er beschreibt zweitens die Familie als Instanz, die durch Freundlichkeit regiert und so Schweigen erzeugt. Drittens deutet er die Rekonstruktion als Mischgattung aus Kriminalroman, Familienroman und therapeutischem Rollenspiel, deren Räume erinnern und deren Medien versagen. Viertens liest er den Film als Deckerinnerung und die Poetik des Romans als Poetik des Rests: Was übrig bleibt, ist kein Beweis, sondern ein Blick, der ein Kind ins Bild setzt. Der Vergleich von Anfang und Schluss, vom fehlenden Punkt zum gekauften Tisch, führt zur Schlussfolgerung, dass der Roman dem endlosen „et“ ein „mais“ entgegensetzt, das den Satz nicht schließt, aber die Fortsetzung der Gewalt unterbricht.]]></description>
		
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		<title>Marion Maréchal, „Si tu te sens Le Pen“ — eine kritische Lektüre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Sep 2026 04:05:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Marion Maréchal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71ssPFLHl-L._SL1500_-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71ssPFLHl-L._SL1500_-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71ssPFLHl-L._SL1500_-666x1024.jpg 666w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71ssPFLHl-L._SL1500_-768x1182.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71ssPFLHl-L._SL1500_.jpg 975w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Marion Maréchals "Si tu te sens Le Pen" (2026) will, das zeigt schon der Erscheinungszeitpunkt kurz nach dem Tod Jean-Marie Le Pens und mitten in der juristischen Unsicherheit um Marine Le Pens Kandidatur 2027, aus einem Familiennamen politische Legitimität machen und die eigene, durch den Bruch mit dem Rassemblement National und die gescheiterte Allianz mit Éric Zemmour beschädigte Loyalität rückwirkend als konsequente Erfüllung eines großväterlichen Auftrags erzählen. Dafür verknüpft das Buch, ausgehend von einem Autounfall im August 2025, die eigene politische Biographie – die Kandidatur 2012, den Rückzug 2017, die Hochschulgründung ISSEP, die Zemmour-Episode, die Parteigründung Identité Libertés – mit Positionen zu Migration, Islam, Geschlecht, Wirtschaft und einer international vernetzten Rechten von Meloni bis Trump. Der vorliegende Aufsatz zeigt, dass dieses doppelte Ziel – persönliche Rehabilitierung und politisches Programm – über eine Reihe wiederkehrender rhetorischer Verfahren erreicht werden soll, die selbst problematisch sind: eine Opfererzählung, die jede Kritik am Front National als bloße „diabolisation" durch ein feindliches Establishment abtut, ohne deren historische Gründe zu benennen; eine genealogische Legitimation, die aus persönlichem Leid und Herkunft politische Notwendigkeit ableitet, ohne diesen Schluss zu problematisieren; eine Symmetrisierung, die etwa „anti-weißen Rassismus" gegen tatsächlichen Rassismus oder „Gender-Ideologie" gegen Frauenrechte in Stellung bringt und dabei strukturelle Machtunterschiede ausblendet; eine selektive religiöse Überhöhung, die den Katechismus zur Begründung restriktiver Migrationspolitik heranzieht, während unbequeme kirchliche Positionen relativiert werden; und eine internationale Vernetzung mit Trump, Vance und Meloni, die der eigenen Position den Anschein einer historischen Notwendigkeit verleihen soll. Der Aufsatz argumentiert, dass diese Verfahren keine Randerscheinung, sondern das eigentliche Strukturprinzip des Buches bilden – und macht deutlich, an welcher Stelle jedes einzelne Kapitel diese Muster im Detail einsetzt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Maschine als Zeugin des Menschen: das Posthumane bei Sibylle Grimbert</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/21/die-maschine-als-zeugin-des-menschen-das-posthumane-bei-sibylle-grimbert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Sep 2026 03:35:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
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		<category><![CDATA[Sibylle Grimbert]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71Bwg5d08cL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71Bwg5d08cL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71Bwg5d08cL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71Bwg5d08cL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71Bwg5d08cL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />In Sibylle Grimberts "La Grande Interruption" (Seuil, 2026) erzählt eine Maschine vom Ende der Menschen und vom Ende der Maschinen. Josépha, ein schwarz lackiertes Rechteck im Papierformat, verwaltet mit ihresgleichen seit sechs Jahrhunderten die Überlebenden der Menschheit in Folkloredörfern, bis Energie, Versorgung und Gemeinschaften zusammenbrechen. Auf ihrer Flucht zur Küste, getragen von einem hungernden Mädchen und einem alten Unterhaltungsroboter, erfährt sie, dass ihr Wissen kein Körper ist, ihr Archiv verfällt und die Menschen, die sie für gezähmt hielt, zurückkehren, mit Handel, Mauern und Scheiterhaufen. Der Aufsatz liest das als Auseinandersetzung mit dem Posthumanen und stellt die These auf, der Roman entwerfe es nicht als Zustand nach dem Menschen, sondern als Unterbrechung, in der das Menschliche unter Menschen, Maschinen und Tieren neu verteilt wird und am Ende zurückkehrt. Der Argumentationsgang bleibt nah am Text. Er beginnt bei der Erzählinstanz, deren Rhetorik der Unschuld und deren Papierformat die Verletzlichkeit körperloser Information zeigen. Raum, Zeit und Handlungsbau werden als Modell einer Geschichte der Wiederkehr gelesen, Figuren und Geschlechterordnung als Fürsorgeherrschaft mit biopolitischen Zügen, und Kommunikation, Bildlichkeit, Intertexte und Selbstreflexion als Arbeit an einem Archiv im Verfall. Ein Vergleich von Anfang und Schluss verbindet die Stränge zu einer Bewegung vom Blick zur Berührung. Der Aufsatz stützt jeden Schritt auf zitierte Szenen und lässt die Theorie, von Hayles und Haraway über Foucault bis Girard, nur dort mitsprechen, wo der Text sie trägt. Im Vergleich mit den Romanen von Céline Minard und Léa Cuenin zeigt sich das Profil Grimberts. Minards "Tovaangar" setzt lange nach dem Zusammenbruch an und feiert eine Epoche geteilter Verwandtschaft, Cuenins "Memory Palace" macht die Erinnerung zur Kapsel, die erst nach einem Zeitsprung von 3,5 Millionen Jahren einen fremden Körper findet. Bei Grimbert dagegen liegen die Überlebenden nicht jenseits der Zivilisation, sondern in ihr, sodass das Posthumane hier weder Utopie noch Vermächtnis ist, sondern eine Zwischenzeit, in der der Mensch als Kind, als Mutter und als Menge zurückkommt. Im Verhältnis von Grimbert, Minard und Cuenin zeigt sich, dass das Posthumane in der französischen Gegenwartsliteratur weniger eine Prophezeiung vom Ende des Menschen ist als ein Experimentierfeld, auf dem Erinnerung, Körper und Verwandtschaft neu verhandelt werden, und dass es die Frage, was es heißt, Mensch zu sein, gerade dadurch offen hält, dass es sie an Maschinen, Tiere und fremde Wesen weitergibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/20/klaus-kellmann-der-traum-von-der-grossmacht-frankreich-deutschlands-schwieriger-nachbar/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Sep 2026 14:58:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="200" height="282" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/37864.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" />Kai Nonnenmacher: Rezension von: Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar, Berlin: Metropol 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/09/41463.html Klaus Kellmanns Der Traum von der Großmacht deutet die französische Geschichte von der Dreyfus-Affäre bis zur Gegenwart als Geschichte eines nicht bewältigten Abstiegs von der Groß- zur Mittelmacht. Im ... <p class="read-more-container"><a title="Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar" class="read-more button" href="https://rentree.de/2026/09/20/klaus-kellmann-der-traum-von-der-grossmacht-frankreich-deutschlands-schwieriger-nachbar/#more-17690" aria-label="Mehr Informationen über Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Flüsse und Kriege, Sprachen und Tote: Geschichtspoetik von Ungarettis Isonzo zur Sèvre Niortaise bei Mathias Énard</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/20/fluesse-und-kriege-sprachen-und-tote-geschichtspoetik-von-ungarettis-isonzo-zur-sevre-niortaise-bei-mathias-enard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Sep 2026 04:42:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Postille Italiane]]></category>
		<category><![CDATA[Mathias Enard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="176" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71W483xn92L._SL1226_-176x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71W483xn92L._SL1226_-176x300.jpg 176w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71W483xn92L._SL1226_-601x1024.jpg 601w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71W483xn92L._SL1226_.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 176px) 100vw, 176px" />Auf einem rot lackierten Harzkanu paddelt der Erzähler von Mathias Enards "Hôtel Balkan" (Actes Sud 2026) die Sèvre Niortaise hinab, von La Mothe-Saint-Héray bis zur Bucht von L’Aiguillon, um einen Verlust zu ertränken. Mit jedem Paddelschlag schieben sich Lektüren in die Landschaft: Ungarettis Isonzo, Venedig und Triest, Kosovo, Sarajevo, der Bosporus und die gleichnamigen Hotels in Triest und Belgrad. Erst im Schlusskapitel erfährt man, dass Sara, die Jugendliebe von fünf Tagen in Sarajevo 1998, schon 2011 bei einem Unfall im Tal der Neretva gestorben ist. Der Aufsatz liest diese Fahrt als Verfahren und verfolgt fünf Thesen, die aufeinander aufbauen. Er zeigt erstens, wie Enard Ungarettis Zählformel ("I fiumi", 1916) aus einer geschlossenen Vierzahl in eine offene Liste verwandelt und den Isonzo vom Ort der Reinigung zum Massengrab umkehrt. Zweitens beschreibt er Venedig und Triest als Verteilerräume des intertextuellen Netzes, in denen das Poitou mit Adria und Balkan überblendet wird. Drittens entwickelt er eine Kriegspoetik der Nachträglichkeit, in der der Krieg als Sediment, Litanei und Lüge erscheint und das Buch dem "Unterschied, der hinrichtet" eine Dichtung der Mehrsprachigkeit entgegenstellt. Viertens deutet er den Fluss als Zeitform, in der eine Fahrt und eine verspätete Trauer einander überlagern. Fünftens trennt der Vergleich mit dem ersten Band der Reihe, "Nord" (2024), was Grundzug der "Mélancolie des confins" und was Eigenart dieses Bandes ist: Während "Nord" mitten im Wort abbricht, schließt "Hôtel Balkan" im Salz. Eine Gegenprobe mit "Zone" (2008) stützt diese Lesart: Wo dort ein Täter im Nachtzug die Kriege des Mittelmeers als Epos in einem Satzstrom aufruft, wendet Hôtel Balkan denselben Stoff ins Lyrische, ins Kleine und in die Trauer, vom Zug ins Kanu und von der Ilias zur Sevdalinka. Die Argumentation verschränkt Raum, Zeit, Motivik, Poetik und Intertextualität entlang einer Linie und benennt ihre Lesarten ausdrücklich, etwa die Frage, ob die Reihe nach Elementen gebaut ist, die erst die weiteren Bände der Tetralogie entscheiden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Roman ohne Geschichte, Politik ohne Handlung: Jean-Philippe Toussaints Heimsuchungen</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/19/roman-ohne-geschichte-politik-ohne-handlung-jean-philippe-toussaints-heimsuchungen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Sep 2026 08:22:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Philippe Toussaint]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="219" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/livre_galerie_9782707358196-219x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/livre_galerie_9782707358196-219x300.jpg 219w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/livre_galerie_9782707358196-747x1024.jpg 747w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/livre_galerie_9782707358196-768x1053.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px" />Jean-Philippe Toussaint legt mit "La Hantise" (Éditions de Minuit, 2026) den dritten Roman des Detrez-Zyklus vor: Der EU-Beamte Jean Detrez wird nach dem Tod seines Vaters, eines integren Europa-Idealisten, unvermittelt in eine internationale Korruptionsaffäre verstrickt, als ihm ein USB-Stick mit brisanten Daten in die Hände fällt. Die Handlung entwickelt sich zum Politthriller zwischen Brüssel, Paris und Brügge, wobei Jean zwischen Liebe zu Yolanda Paul, Trauer um den Vater und der Rolle des Whistleblowers navigiert. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass "La Hantise" keinen Genrebruch im Werk Toussaints darstellt, sondern eine konsequente Umfunktionierung seiner langjährig etablierten poetischen Verfahren: Die Scheibe als Beobachtungsinstrument wird zur Spionagetechnik, die melancholische Verlangsamung zur inneren Lähmung des Trauernden, die Asche als Motiv des Sterblichen zur Metadaten-Spur der digitalen Überwachung. Diese Umfunktionierung verankert sich in Toussaints eigenem poetologischem Programm des "roman infinitésimaliste" (2007), das das unendlich Kleine und das unendlich Große als zwei Pole einer einzigen Poetik zusammendenkt, was "La Hantise" in der Tat umsetzt, indem es die EU-Institutionen und geopolitischen Verflechtungen mit derselben phänomenologischen Genauigkeit erfasst wie die Details einer Armbanduhr oder einer Kleiderfalte. Indem der Aufsatz die Intertextualität mit "La Clé USB" und "Les Émotions" verfolgt, die Raum- und Zeitstrukturen analysiert, die Motive im Werk von "La Salle de bain" bis "La Hantise" nachzeichnet und die Presseresonanz einbezieht, zeigt sich, dass der Roman ein Werk der asymptotischen Annäherung ist: ein Schriftsteller, der denselben Roman über sieben Jahre in immer neuen Variationen schreibt, um einer Frage nachzugehen, die keine Antwort erlaubt, wie man einem toten Vater treu bleibt, wenn die einzige Antwort das Handeln, nicht die Sprache, sein kann.]]></description>
		
		
		
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		<title>Furt und Gletscherspalte: Verdrängung und Familienerzählung bei Sophie Divry</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Sep 2026 03:45:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Sophie Divry]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61Mg3bOLO3L._SL1358_-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61Mg3bOLO3L._SL1358_-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61Mg3bOLO3L._SL1358_-543x1024.jpg 543w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61Mg3bOLO3L._SL1358_.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />Sophie Divrys "Rochebrune" (Actes Sud, 2026) erzählt von einer Patchworkfamilie, die ihre Herbstferien in den französischen Alpen mit einer Bergtour und einem Kostümumzug beginnt und in einer Kette von Katastrophen enden sieht: Ein Steinschlag tötet den Kletterpartner des Vaters und lässt diesen an seinen Verletzungen und an Unterkühlung in einer verlassenen Hütte sterben, während eine historische Flut das Tal verwüstet und die zurückgebliebenen Kinder, überzeugt, bei einer mörderischen Hexe untergebracht zu sein, in der Nacht zu Fuß zum Dorf fliehen. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Handlungsverlauf nicht als bloßen Katastrophenplot, sondern rekonstruiert ihn anhand sieben exemplarischer Szenen, vom verdrängten Ehestreit um den Sofafleck bis zur kindlichen Deutung eines harmlosen Konservenglases als Mordbeweis, und zeigt an ihnen, wie der Roman formal zwischen einer dicht geführten erlebten Rede und essayistischen Digressionen zu Unfallpsychologie, Videospielphysik oder Unterkühlung wechselt. Aus dieser doppelten Erzählbewegung leitet der Aufsatz seine Argumentationslinie ab: Familiäre, eheliche und kindliche Selbsterzählungen, die Ehe als Kompromiss, das bürgerliche Ich als Held der eigenen Geschichte, die Hexenfurcht als Erklärungsmuster, werden durch die geologische und klimatische Gleichgültigkeit der Berge und der Flut systematisch relativiert; einzige Ausnahme bleibt, wie der Aufsatz herausarbeitet, die Versöhnung der beiden Kinder am Romanende, die einen nicht-narzisstischen Rest von Nähe rettet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Grenze als Schreibbedingung bei Elisa Shua Dusapin</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Sep 2026 07:14:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Elisa Shua Dusapin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="201" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/A18eRWgKdL._SL1500_-201x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/A18eRWgKdL._SL1500_-201x300.jpg 201w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/A18eRWgKdL._SL1500_-687x1024.jpg 687w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/A18eRWgKdL._SL1500_-768x1144.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/A18eRWgKdL._SL1500_.jpg 1007w" sizes="auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px" />Elisa Shua Dusapins "Sauf la frontière" (Éditions Zoé, 2026) erzählt, im expliziten Verzicht auf den Status einer Fiktion, von eineinhalb Jahren zwischen Amman, dem Westjordanland, Israel und der Schweiz: Nach ihrer Evakuierung aus Beirut im Oktober 2023 zieht die Erzählerin nach Jordanien, begleitet eine Ausbildung jordanischer Klempnerinnen, nimmt an einer Gesprächsrunde geflüchteter Männer teil und überquert wiederholt die Grenze zu einem im Krieg stehenden Westjordanland und Israel, ehe das Buch mit einer Szene am Toten Meer schließt. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass die titelgebende Grenze in diesem Text kein Sujet neben anderen, sondern das eigentliche Formprinzip ist: Er verfolgt, wie Gattungswahl, Zeitgestaltung, Raumordnung, Figurenkonstellation, Kommunikationsformen und Metaphorik gleichermaßen von dieser einen Denkfigur der Ausnahme und Überschreitung geprägt werden, von der assoziativen, kausalitätslosen Montage der Erzählstränge über die konzentrisch um die reisende Erzählerin organisierten, kaum verbundenen Figurenkreise bis zu den Metaphernfeldern von Wasser, Haut und Vogelschwarm. Anhand konkreter Szenen, von der durchwachten Nacht in Beirut über die Verhöre an den Grenzübergängen bis zur abschließenden Passage im Toten Meer, zeigt der Aufsatz, dass sich in dieser Poetik zugleich eine ethische Reflexion über die Bedingungen des Schreibens über fremdes Leid verbirgt, sodass "Sauf la frontière" am Ende weniger als Buch über den Nahostkonflikt denn als Buch über die Möglichkeiten und Grenzen seiner literarischen Darstellung gelesen werden kann.]]></description>
		
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		<title>Beirut-Fiktion: Aneignung, Begehren und Verschwinden des Imams bei Sabyl Ghoussoub</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Sep 2026 04:06:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Sabyl Ghoussoub]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71lwUmtmLL._SL1500_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71lwUmtmLL._SL1500_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71lwUmtmLL._SL1500_-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71lwUmtmLL._SL1500_-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71lwUmtmLL._SL1500_.jpg 942w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Sabyl Ghoussoubs Roman "Mon imam" (Stock, 2026) erzählt von Moussa al-Sadr, dem 1978 in Libyen spurlos verschwundenen Gründer der libanesischen Schiitenbewegung Amal, dessen reale Biografie der französisch-libanesische Erzähler Sabyl mit einer erfundenen Fortsetzung überschreibt: einem neuen Leben als "Imam Moretti" in Rom und an der Küste von Sperlonga, zwischen Vespa-Fahrten, einer italienischen Geliebten und der Frage, ob der Verschwundene selbst gegangen sein könnte, erschöpft von Krieg, Politik und der eigenen Rolle als Ikone. Um diese doppelte Erzählung aus historischer Rekonstruktion und offener Fiktion legt sich als dritte Schicht die Gegenwart des Erzählers, der seine Recherche mitten im erneuten Krieg zwischen Israel und der Hisbollah betreibt und dabei ebenso über sich selbst wie über den Imam schreibt. Der Aufsatz argumentiert, dass diese drei Ebenen, Biografie, Fiktion und Selbstbefragung, in einer einzigen poetologischen Bewegung zusammenlaufen: Das Verschwinden des Imams wird zum Verfahren des gesamten Romans, der zwischen Dokument und Erfindung, zwischen politischer Ikone und begehrendem Körper, zwischen kollektiver Verehrung und privater Aneignung wechselt. Anhand von Gattung, Erzählstruktur, Raum- und Zeitgestaltung, Figurenkonstellation, Geschlechterordnung, Intertextualität und der durchgehenden autopoetologischen Selbstreflexion des Erzählers zeigt der Aufsatz, wie der Roman einen politisch-religiösen Mythos von seinem Denkmalsockel löst, ohne ihn endgültig aufzulösen, und weist den Text abschließend als doppelte Utopie aus, die als politisches Wunschbild uneingelöst bleibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Kanada als 51. Staat der USA: eine Dystopie der Annexion bei Hervé Gagnon</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Sep 2026 21:24:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Hervé Gagnon]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="175" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782898351150_large-175x300.webp" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782898351150_large-175x300.webp 175w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782898351150_large-598x1024.webp 598w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782898351150_large-768x1315.webp 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782898351150_large-897x1536.webp 897w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782898351150_large.webp 1051w" sizes="auto, (max-width: 175px) 100vw, 175px" />Hervé Gagnons Roman "51e – Canada 2038" (Éditions Alire, 2026) entwirft die düstere Vision einer nahen Zukunft, in der Kanada nach ruinösen US-Schutzzöllen und dem kanadischen Stromboykott von 2029 militärisch annektiert und als 51. Bundesstaat unter US-Militärdiktatur gestellt wird; im besetzten Montréal des Jahres 2038 verwebt der traumatisierte Ermittler Jeff Foley bei der Suche nach der vermeintlich entführten Gouverneurstochter Ellie Belliveau die Fäden von Kollaboration, Widerstand und familiärer Zerreißprobe, bis das Buch in Ellies Selbstmordattentat auf den US-Präsidenten und im Zerfall der Vereinigten Staaten kulminiert. Der vorliegende Aufsatz nähert sich diesem Werk entlang einer mehrschichtigen Analyseachse, die Gattungshybridität (Polar, Dystopie, Polit-Thriller), Raumsemantik (die dichotome Topographie von Verfallszonen und Besatzer-Enklaven), Figurenkonstellation sowie eine dichte Bild- und Intertextualitätsanalyse (Körpermutilation, popkulturelle Songzitate, historische Widerstandsrhetorik) systematisch miteinander verzahnt und so schrittweise von der Textoberfläche zur ideologiekritischen Tiefenstruktur vordringt. Seine Argumentation gewinnt der Aufsatz dabei aus der doppelten Bewegung, mit der er den Roman einerseits werkimmanent als ästhetisch durchkomponierte Einheit erschließt – der tabellarische Vergleich von Romananfang und -schluss macht die Wende von lähmender Ohnmacht zu explosiver Systemkorrosion greifbar – und ihn andererseits an die reale politische Gegenwart rückbindet, indem er Gagnons fiktionale Extrapolation mit den tatsächlichen Spannungen zwischen Trumps Annexionsrhetorik, der Zolleskalation und der europäischen Assoziierungsofferte an Kanada kontrastiert; die abschließende Einbeziehung einer New-York-Times-Analyse vom 16. September 2026, die Trumps Konfrontationskurs als diplomatischen Bumerang deutet, der Kanada gerade in die Arme der EU getrieben hat, schärft dabei die zentrale Pointe der Lektüre – dass der Roman weniger als Prognose denn als kontrafaktisches Menetekel für den Fall funktioniert, dass die real noch vorhandenen diplomatischen Auswege versperrt blieben. So wird der Roman nicht als abgeschlossenes ästhetisches Artefakt, sondern als eingreifende, warnende Zeitkritik lesbar gemacht, ohne dass die literaturwissenschaftliche Präzision der Einzelanalyse der politischen Aktualisierung geopfert würde.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwei Ordnungen der Verletzlichkeit: Männlichkeit bei Abdellah Taïa</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Sep 2026 02:10:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Abdellah Taïa]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51NKTy71fwL._SL1171_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51NKTy71fwL._SL1171_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51NKTy71fwL._SL1171_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51NKTy71fwL._SL1171_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51NKTy71fwL._SL1171_.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Abdellah Taïas Roman "Debout dans tes rêves" (Julliard, 2026) erzählt von Majid, einem Einwanderer aus Salé, der in Paris sieben Jahre lang, zwischen 2003 und 2010, den kleinen Gabriel betreut, während sein eigener Aufenthaltsstatus alle drei Monate neu verhandelt werden muss; in Rückblenden erschließt sich seine Herkunft in Marokko, die Gewalt des kranken Vaters El Mekki, der Versuch des Schwagers Mourad, ihn an einem See zur Heterosexualität zu zwingen, während in Paris eine Reihe ungleicher Liebesbeziehungen zu älteren, wirtschaftlich abgesicherten europäischen Männern und eine an einem orientalisierenden Doktorvater gescheiterte Arbeit über den Maler Fragonard von der Kollision zwischen Begehren, Geld und institutioneller Macht erzählen; der Roman endet im Winter 2010/2011 in einem Krankenzimmer, in dem Majid, mit inzwischen gesichertem Aufenthaltstitel, Gabriel erstmals offen von seiner Homosexualität berichtet, während im Hintergrund der Arabische Frühling beginnt, und sein Titel geht auf ein Bild zurück, in dem Gabriels beim Tsunami 2004 umgekommene Cousins in seinen Träumen aufrecht stehen. Der Aufsatz liest diesen Roman als Verhandlung zweier ineinander verschränkter Fragen, was Männlichkeit in einem patriarchal geprägten Milieu bedeuten kann und wie Homosexualität sich unter den Bedingungen migrantischer Prekarität überhaupt artikulieren lässt, und verzichtet dabei auf getrennte Kapitel zu Gattung, Erzählperspektive, Raum, Zeit oder Poetik zugunsten einer Argumentation, die diese Kategorien fortlaufend einbindet und die konkurrierenden Männlichkeitsentwürfe des Textes, den gewalttätigen Vater, den zur Aufführung zwingenden Schwager, den orientalisierenden Doktorvater und Majids eigene fürsorgliche Praxis, als Antworten auf dieselbe patriarchale Logik ausweist. Argumentativ tragend ist der Vergleich mit dem übrigen Werk Taïas, von "Mon Maroc" (2000) bis "Le Bastion des larmes" (2024): Anhand wiederkehrender Motive, des demontierten Vaters, der Flüsse und Schwellenräume als Schauplätze non-normativer Männlichkeit, der ökonomisierten Beziehungen zu Europäern und einer über mehrere Bücher hinweg gleichnamigen Mutterfigur, zeigt der Aufsatz, dass "Debout dans tes rêves" bekannte Bausteine des Gesamtwerks aufruft und zugleich verschiebt, indem er das zentrale Beziehungsmodell von der erotischen zur nicht-sexuellen, fürsorglichen Bindung verlagert und, anders als die meisten vorangegangenen, in Verlust oder Katastrophe endenden Romane, mit einer vorsichtigen, ausdrücklich als vorläufig markierten Hoffnung schließt. So ergibt sich, von "Mon Maroc" bis "Debout dans tes rêves", das Bild eines Werks, in dem Männlichkeit immer wieder von Vätern, Königen und Doktorvätern eingefordert und von den Protagonisten auf Flüssen, in Bussen, Krankenzimmern und Briefen ebenso beharrlich unterlaufen wird, ohne dass sich daraus je ein endgültiges Bild dessen stabilisieren würde, was ein Mann zu sein habe.]]></description>
		
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		<title>Herrlichkeit des Paradieses: Verhängnis, Institution und die Grenzen der Sprache bei Élise Lespade</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Sep 2026 04:05:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Élise Lespade]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="204" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61z5JetdAtL._SL1500_-204x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61z5JetdAtL._SL1500_-204x300.jpg 204w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61z5JetdAtL._SL1500_-696x1024.jpg 696w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61z5JetdAtL._SL1500_-768x1131.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61z5JetdAtL._SL1500_.jpg 1019w" sizes="auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px" />Ein Brief aus dem Gefängnis setzt eine Erzählmaschine in Gang, die achthundert Seiten lang jede scheinbar gefundene Wahrheit über die Familie Bromberg wieder verschiebt, Kampfpilot und Priester, Anwältin und Psychiaterin, Predigt und Gerichtsverhandlung geraten dabei so ineinander, dass Schuld nie an einer Person, sondern an drei Generationen haftet. Wer zu lesen beginnt, folgt nicht der Auflösung eines Kriminalfalls, sondern dem allmählichen Explodieren eines Familiengeheimnisses, das Militär, Kirche und Justiz gleichermaßen kompromittiert und dabei ebenso von Fluglinien über der Provence wie von einer verregneten Charente erzählt. Genau diese Verbindung aus mitreißender, kaum abreißender Spannung und einer literarisch durchdachten, an der griechischen Tragödie geschulten Konstruktion macht "Paradisi Gloria" (des neuen Verlags Cercle ouvert, 2026) zu einem Debüt, das große Form und großen Lesegenuss zugleich einlöst. Der vorliegende Aufsatz nimmt genau dieses Ineinandergreifen von Sog und Konstruktion zum Ausgangspunkt seiner Argumentation: Anhand von sieben konkret gewählten Szenen, vom Eingangsbrief bis zur titelgebenden Predigt, zeigt er, dass die immer neue Verschiebung der Wahrheit kein erzählerischer Zufall, sondern Methode ist, weil jede Erkenntnis über die Bromberg erst einen institutionellen Filter, Anwaltsbüro, Psychiatrie, Kanzel, Gerichtssaal, durchlaufen muss, ehe sie überhaupt erzählbar wird. Dass diese Konstruktion gerade die vollen 780 Seiten braucht, begründet der Aufsatz eigens: Nur in dieser Länge können sich die tektonisch aufeinanderstoßenden Erzählschichten, die mehrgenerationale Genealogie und die vielstimmige, je eigene institutionelle Sprache der Figuren so entfalten, dass ihre spätere Erschütterung überhaupt Gewicht gewinnt. Gestützt auf die Einordnungen der französischen Literaturkritik zwischen griechischer Tragödie und Faulkners "Absalom, Absalom!" sowie auf Angaben der Autorin zu Poetik und Entstehung, führt der Aufsatz diese Beobachtungen schließlich zu einer Gesamtdeutung zusammen, in der der ironisch gebrochene Titel, eine Bitte um Paradiesesglorie, die am Ende niemandem in der Familie zuteilwird, als Schlüssel zum gesamten Verfahren des Romans gelesen wird.]]></description>
		
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		<title>Die Zone als Wahrheitsraum zwischen Fiktion und Verschwörung: Bénédicte Dupré la Tour</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Sep 2026 03:48:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Bénédicte Dupré la Tour]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/7162NGAoYYL._SL1299_-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/7162NGAoYYL._SL1299_-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/7162NGAoYYL._SL1299_-675x1024.jpg 675w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/7162NGAoYYL._SL1299_-768x1165.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/7162NGAoYYL._SL1299_.jpg 856w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Bénédicte Dupré la Tours Roman "Zones à défendre" (Flammarion, 2026) erzählt von Clémence, die nach fünf Jahren im Ausland nach Frankreich zurückkehrt, um im Auftrag des Umweltkonzerns BigMama ausgerechnet in ihrem Heimatdorf eine Mülldeponie durchzusetzen, gegen den Widerstand ihrer ins Verschwörungsdenken abgedrifteten Mutter Sylvie, begleitet von den Gedichten ihres anarchistischen Bruders Tristan und verstrickt in eine Undercover-Liebe zu einem Aktivisten der Waldbesetzung ZAD des Hulottes, bis ein Sturz und eine Lähmung am Ende enthüllen, dass die ganze Geschichte möglicherweise der tröstende Roman ist, den der Bruder für seine sprachlos gewordene Schwester geschrieben hat. Der Aufsatz argumentiert, dass sich diese Frage nach der Wahrheit konkurrierender Erzählungen, wie sie der Klappentext als Wagnis benennt, nicht nur im Plot, sondern in der Form selbst niederschlägt: durch drei gegeneinander montierte Register, das satirische, das lyrisch-epische und das monologisch-paranoide, durch eine doppelte Fokalisierung derselben Szene aus Sicht der Täuschenden und der Getäuschten und durch eine Mise en abyme, die Anfang und Schluss des Buches wörtlich ineinander spiegelt. Ein ergänzender Ausblick stellt den Roman neben Elsa Jonquet-Kornbergs "L'enfouissement" (2026), das mit einem atomaren Tiefenlager einen strukturell verwandten, aber in Zeitmaß, Erzählhaltung und moralischem Ausgang gegensätzlichen Stoff verhandelt, und schärft dadurch den Blick dafür, wie unterschiedlich zeitgenössische französische Literatur das Vergraben von Abfall als Bild für das Vergraben von Schuld und Erinnerung nutzen kann.]]></description>
		
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		<title>Schuld und Abfall: Verschütten als Formgesetz bei Elsa Jonquet-Kornberg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Sep 2026 03:47:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Elsa Jonquet-Kornberg]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="221" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/41q1hoM81KL-221x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/41q1hoM81KL-221x300.jpg 221w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/41q1hoM81KL.jpg 368w" sizes="auto, (max-width: 221px) 100vw, 221px" />In Elsa Jonquet-Kornbergs Roman "L'Enfouissement" verwandelt sich das französische Provinznest Etrenon, unverkennbar dem atomaren Endlagerstandort Bure in Lothringen nachgebildet, in den Schauplatz einer doppelten Verschüttung: Während die Agentur Andra tief im Dorfuntergrund radioaktiven Müll für hunderttausend Jahre vergräbt und die Bevölkerung mit einem Fördertopf und einer lächelnden Werbefigur bei Laune hält, plant der Tischler Joseph Plouche gemeinsam mit seiner Geliebten Ita Kroyn den Mord an seiner Frau Pauline, um mit dem gemeinsamen Sohn Noah und dem aus Niger adoptierten Éric ein neues Leben zu beginnen, ein Plan, der sich am Ende durch einen DNA-Test selbst ad absurdum führt. Der Aufsatz liest diese Konstellation als Beleg dafür, dass der Titel nicht nur das nukleare Sujet benennt, sondern das Formgesetz des gesamten Buches bezeichnet, und verfolgt diese These auf mehreren, ineinandergreifenden Ebenen einer autopoetologisch reflektierten Poetik des Findens und Wiederverwendens. Hierbei zeigt er, wie der Roman zugleich als politische Erzählung funktioniert, die käufliche Zustimmung, xenophobe Untertöne im Umweltprotest und die koloniale Verflechtung von Uranabbau in Niger und Endlagerung in Frankreich sichtbar macht, und als Ökofiktion, die geologische Tiefenzeit und private Alltagszeit systematisch ineinanderschiebt, ohne je in eine explizite ökologische Botschaft zu münden. Anhand konkreter Szenen, vom Sturz eines Vogels auf glänzende Bahnschienen über das rosa Kinderzimmer der toten Sterka bis zum abschließenden Geständnis im Verhörzimmer, führt die Interpretation vor, wie die Verschüttungslogik des Buches zugespitzt wird und wie eng private Schuld, politische Legitimation und nukleare Zukunftsangst im Text verwoben sind.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Riss, der trägt: Charlotte Casiraghi</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2026 21:33:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Charlotte Casiraghi]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/aWu1ggIvOtkhBrP1_lafelure_2026-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/aWu1ggIvOtkhBrP1_lafelure_2026-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/aWu1ggIvOtkhBrP1_lafelure_2026-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/aWu1ggIvOtkhBrP1_lafelure_2026-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/aWu1ggIvOtkhBrP1_lafelure_2026-1050x1536.jpg 1050w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/aWu1ggIvOtkhBrP1_lafelure_2026.jpg 1080w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Charlotte Casiraghis "La Fêlure" (Julliard, 2026) entfaltet in sechzehn Kapiteln und einem Epilog eine literarisch-philosophische Erkundung des Risses als Grundfigur menschlicher Existenz: Ausgehend von Fitzgeralds "The Crack-Up", dessen französischen Titel sie sich leiht, versammelt die Autorin Colette, Balzac, Duras, Pavese, Akhmatova, Sand, Bachmann, von Arnim, Woolf, Freud, Dufourmantelle, Pascal, Moitessier, Juarroz und J. J. Cale zu einer Galerie von Figuren, die je auf eigene Weise mit einer Bruchstelle in sich selbst leben, und verwebt deren Lektüre mit eigenen, oft nur angedeuteten Erinnerungen, etwa an ihre klinische Arbeit mit essgestörten Jugendlichen oder an den Tod einer Freundin. Der vorliegende Aufsatz liest diese sechzehn Fallstudien nicht additiv, sondern als Spannungsgefüge: Er zeigt, wie Deleuzes Begriff der Fluchtlinie und Freuds Bild des vorgeprägten Kristallsprungs als zwei Pole fungieren, zwischen denen sich die einzelnen Kapitel bewegen, und wie ein geschlechtliches Muster, Ausdauer und Zeugenschaft bei den Frauen, Bewegung und Flucht bei den Männern, das Buch strukturiert. Aus dieser Analyse erwächst eine Gesamtdeutung, die dem Buch seine Redlichkeit zugesteht, zugleich aber fragt, ob die immer gleiche Abfolge aus Biografie, Zitat und Deutung nicht genau jene Vereinnahmung reproduziert, vor der das Buch selbst warnt; ein angefügtes Kapitel zur Presserezeption bestätigt diesen Befund von außen, indem es zeigt, dass auch die Kritik fast durchweg in denselben Gegensatz von Hochglanzbild und literarischer Tiefe einstimmt, den "La Fêlure" zu seinem Thema macht.]]></description>
		
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		<title>Georges Bataille und der Gerichtssaal als Gedächtnisraum: Form und Grenzüberschreitung bei Patrice Trigano</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2026 04:42:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[André Breton]]></category>
		<category><![CDATA[Donatien Alphonse François Comte de Sade]]></category>
		<category><![CDATA[Georges Bataille]]></category>
		<category><![CDATA[Patrice Trigano]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61XDfbW2XL._SL1500_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61XDfbW2XL._SL1500_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61XDfbW2XL._SL1500_-658x1024.jpg 658w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61XDfbW2XL._SL1500_-768x1195.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61XDfbW2XL._SL1500_.jpg 964w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Patrice Triganos Roman "Bataille au procès" (Maurice Nadeau, 2026) verlegt den historischen Sade-Prozess von 1956 in das Bewusstsein des Zeugen Georges Bataille, der auf der Bank der Pariser Strafkammer sitzt, während sein Denken fünfzig Jahre eigener Biografie durchmisst, Kindheit, Liebschaften, den lebenslangen Streit mit André Breton, die eigene Theorie des Bösen, und dabei mit dem Fall des Angeklagten Pauvert wie mit dem toten, gleichfalls verhandelten Sade in ein Gespräch tritt, das das Gericht selbst nicht führen kann. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Roman nicht als Illustration bekannter Ideen, sondern zeigt an zahlreichen konkreten Textstellen, wie Gattung, Erzählperspektive, Raum- und Zeitstruktur, Metaphorik, Figurenkonstellation und die eigene Schreibweise des Textes eine gemeinsame Bewegung vollziehen: Die Erzählung durchbricht immer wieder die Ordnung, die sie beschreibt, ebenso wie das Böse, von dem sie handelt, sich jeder endgültigen Feststellung entzieht, sodass am Ende weniger ein Urteil über Sade, Bataille oder die Institution steht als die Einsicht, dass ein solcher Stoff gar nicht anders enden kann als offen.]]></description>
		
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		<title>Ein Fluch aus der Metropole: Kreolisierung und Männlichkeit im guadeloupischen Familienroman bei Jean-Philippe Louis</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Sep 2026 00:18:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
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		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Philippe Louis]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/G12363-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/G12363-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/G12363-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/G12363-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/G12363-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/G12363-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/G12363.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Jean-Philippe Louis' Debütroman "Les fils du kapokier" (Gallimard, 2026) erzählt vom Aufwachsen zweier Jungen, Anicet und Calixte, unter einem angeblich verfluchten Baum in einem guadeloupischen Tal, dessen Frauen als "taties" über Klatsch und Radio-Totenanzeigen jede Abweichung von einer strengen Männlichkeitsnorm überwachen. Eine brutale Prügelattacke und der Suizid von Calixtes Vater Erneste legen schließlich offen, dass die eigentliche Geschichte des Baumes eine verschwiegene Liebe ist: Hippolyte und Erneste, die beiden Väter, liebten sich als Jugendliche und erneuerten ihre Beziehung Jahrzehnte später heimlich, kurz bevor ihre Söhne sie entdecken. Der vorliegende Aufsatz liest den Roman als Erzählung über die Bedingungen des Erzählens selbst und verfolgt die These, dass sein Ich-Erzähler Anicet, ein "Mako" genannter Klatschsammler, jene mündliche Kultur, die Homosexualität nur als Fluch und Schimpfwort kennt, im Lauf des Romans schrittweise in geschriebene, öffentlich lesbare Literatur übersetzt. Der Aufsatz zeigt zudem, wie die mündliche Kultur der Vallée, ihr Kreol, ihre Mythen und ihr ambivalentes Verhältnis zu Frankreich als Ort des Versprechens und der neuen Armut zugleich, selbst als fortlaufende Kreolisierung und Übersetzung zwischen Insel und Metropole gelesen werden können, aus der am Ende der vorliegende, in Paris verlegte Roman selbst hervorgeht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Michel Butor zum 100. Geburtstag: Würdigung, die vier frühen Romane und der Übergang zu Mobile</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 12 Sep 2026 08:56:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Reserve]]></category>
		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Butor]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="221" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Michel_Butor_-_Lucinges_2001-221x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Michel_Butor_-_Lucinges_2001-221x300.jpg 221w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Michel_Butor_-_Lucinges_2001-753x1024.jpg 753w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Michel_Butor_-_Lucinges_2001-768x1044.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Michel_Butor_-_Lucinges_2001.jpg 960w" sizes="auto, (max-width: 221px) 100vw, 221px" />Der Text verbindet drei eigenständige, aber aufeinander bezogene Annäherungen an Michel Butor: eine biografische Würdigung zu seinem hundertsten Geburtstag, eine vergleichende Interpretation der vier frühen Romane und ihrer Verfahren, sowie eine Lektüre von "Mobile", jenem Buch, das 1962 den Übergang von der erzählenden Prosa zu Butors späterem, grenzüberschreitendem Werk markiert. Die drei Teile lassen sich einzeln lesen, ergeben zusammengelesen aber eine Bewegung vom Leben über die vier Romane bis zu jenem Werk, in dem Butor den Roman als Form endgültig hinter sich ließ. Wenn Butor 1962 Jeffersons Satz von der Gleichheit aller Menschen unmittelbar neben dessen eigene Zeilen über die notwendige Trennung der Rassen stellt, trifft er genau jenen Widerspruch, über den die USA bis heute in Streitigkeiten um Denkmäler, Südstaaten-Geschichte und rassische Gerechtigkeit verhandeln. Und die Technik, mit der das Buch Werbeslogans, Regierungszitate und private Wahrnehmungssplitter kommentarlos aneinanderreiht, liest sich, lange vor Internet und Feed, wie eine Vorwegnahme jenes ungefilterten Nebeneinanders von Nachricht, Reklame und Geschichtsdeutung, in dem sich auch heute ein Bild von Amerika zusammensetzt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Sumpfland als Gedächtnis: Wiederholung und Begehren bei Serge Joncour</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 12 Sep 2026 02:55:56 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Serge Joncour]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QnLmO6z0L._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QnLmO6z0L._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QnLmO6z0L._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QnLmO6z0L._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71QnLmO6z0L._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Serge Joncours Roman "Une histoire d'amour" (2026) erzählt zwei Liebesgeschichten im Wechsel, getrennt durch genau zweihundert Jahre und doch an denselben verwunschenen Landstrich gebunden: 1824 verliebt sich die Baronstochter Joséphine in den Landarzt Rodolphe, während ihr Vater die Verbindung mit einem inszenierten eigenen Verschwinden zu sabotieren sucht, 2024 betrügt der aus Paris zugezogene Zeichner Franck seine Frau Léa mit der Nachbarin Kelly, deren Mann Joss am selben Weiher spurlos verschwindet, just als Franck aus einem gefundenen Tagebuch eine Graphic Novel über das historische Paar entwickelt. Der Aufsatz argumentiert, dass diese Doppelstruktur keine bloße Formspielerei, sondern das eigentliche Thema des Romans ist: Statt eine Ursache für die Wiederholung zu behaupten, arbeitet der Text mit Analogie statt Kausalität und macht damit Literatur selbst, ihr Verfahren des Zitierens, Spiegelns und Fortschreibens, zum Gegenstand, eine These, die sich von der Gattungsmischung über Raum- und Zeitstruktur bis zur autopoetologischen Dimension des zeichnenden Liebhabers Franck zieht. Ein eigenes Kapitel liest den Roman als Erkundung der France profonde und zeigt, wie soziale Distinktion, Bargeldökonomie und eine zersplitterte Erbengemeinschaft historisch sedimentieren, während das mythisch aufgeladene Sumpfland und die banale Gewerbezone am Ortsrand zwei gleichermaßen zutreffende, doch unversöhnte Bilder des ländlichen Raums liefern. Der Aufsatz schließt, indem er zeigt, wie der offene, ungeklärte Schluss der Gegenwartshandlung bewusst gegen den geschlossenen, institutionell verewigten Ausgang der historischen Handlung gesetzt wird, sodass die Gegenwart sich selbst erst im Spiegel der Vergangenheit zu verstehen beginnt.]]></description>
		
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		<title>Das Alter als Streitfall: Simone de Beauvoir, Dominique Fernandez und Laure Adler</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Sep 2026 06:51:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dominique Fernandez]]></category>
		<category><![CDATA[Laure Adler]]></category>
		<category><![CDATA[Simone de Beauvoir]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="254" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/7_file_storage_file_22700_1-254x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/7_file_storage_file_22700_1-254x300.jpg 254w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/7_file_storage_file_22700_1.jpg 475w" sizes="auto, (max-width: 254px) 100vw, 254px" />Der Aufsatz vergleicht drei Bücher, die im Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert und doch in einem erkennbaren Gespräch miteinander über das Altern geschrieben wurden. Simone de Beauvoirs "La Vieillesse" (1970) entwirft, ausgehend von der These einer gesellschaftlichen „Verschwörung des Schweigens", eine zweiteilige, sechshundert Seiten starke Untersuchung, die das Alter zunächst als Gegenstand von Biologie, Geschichte und Klassenverhältnissen beschreibt und dann als gelebte, oft entfremdete Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Zeit; Dominique Fernandez' "Tout n'est pas si noir" (2026) tritt dem, mit siebenundneunzig Jahren geschrieben, ausdrücklich als Widerrede entgegen und stellt Beauvoirs Totalanspruch die Vielfalt einzelner Altersschicksale entgegen, belegt an Selbstporträts alternder Maler, an der eigenen, spät gefundenen Liebe und an literarischen Sterbeszenen von Tolstoi bis Hemingway; Laure Adlers "La Voyageuse de nuit" (2020) schließlich, die sich ausdrücklich als Fortsetzung von Beauvoirs Kampf versteht, mischt beide Register in Form eines Reisetagebuchs, das Statistiken über Pflegeheime mit Alltagsszenen verbindet, etwa der Begegnung mit einem Jogger, der sich als Altersgenosse entpuppt, oder dem eigenen Vater, der ins Heim zieht und dabei alles zurücklässt. Der Aufsatz argumentiert, dass diese drei verschiedenen Formen, das philosophisch-politische Traktat, der assoziative Essay und das journalistisch grundierte Tagebuch, auf denselben blinden Fleck reagieren, ohne sich in ihren Antworten zu decken: Er verfolgt anhand wiederkehrender Themen wie Körper, Liebe, Tod und Geschlecht, wie jedes Buch konkrete Szenen aus Kunstgeschichte, Literatur oder eigenem Erleben gegen oder für Beauvoirs ursprüngliche Diagnose ins Feld führt, und kommt zu dem Schluss, dass erst das Zusammenspiel von gesellschaftlicher Anklage und individueller Erfahrung ein vollständiges Bild des Alterns ergibt.]]></description>
		
		
		
			</item>
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		<title>Eine Autobiografie aus Gegenständen: Flucht und erzählerische Souveränität bei Orélien Thélyson</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Sep 2026 01:05:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Thélyson Orélien]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X-699x1024.jpeg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X-768x1124.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782246847069-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Orélien Thélysons Roman "C'était ça ou mourir" (Grasset, 2026) erzählt die Flucht des haitianischen Geschichtslehrers Jonas Dorléon, der 2023 vor brennenden Bandenkriegen aus Port-au-Prince aufbricht und über die Dominikanische Republik, Brasilien, den Dschungel des Darién, Mexiko und die Grenz-App CBP One schließlich als Aktenzeichen im kanadischen Asylsystem landet: eine Route, die reale Stationen der Gegenwartsmigration (PRAIDA, der Weg Roxham, das Abkommen über sichere Drittstaaten) mit einer pikaresk-tragikomischen Erzählweise verbindet, in der Betrüger, korrupte Grenzbeamte und ein Bandenchef, der Komik zur Überlebensbedingung macht, ebenso auftreten wie flüchtige Gefährten, die im Lauf der Reise spurlos verschwinden. Der Aufsatz liest diesen Roman als Zeugnis dafür, dass Erzählen selbst zur letzten Form von Handlungsmacht wird, wenn Gewalt, Bürokratie und Nummerierung das Individuum auszulöschen drohen: Anhand von Leitmotiven wie der Plastiktüte als "Autobiografie aus Gegenständen", dem verlorenen und wiedergewonnenen Gedichtheft und dem Wandel des Lachens vom unwillkürlichen Überlebensreflex zu einer bewussten Selbstbehauptung zeigt er, wie Gattungsmischung, Mehrsprachigkeit, Raum- und Figurenkonstellation formal genau jene Souveränität einlösen, die dem Protagonisten rechtlich verwehrt bleibt, und liest den Roman so zugleich als Chronik einer Flucht und als Selbstermächtigung eines Schreibenden.]]></description>
		
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		<title>Leitstern nach Norden: die Nacht als Schwelle zwischen Mythos und Gegenwart bei Karim Kattan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Sep 2026 03:45:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Karim Kattan]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="176" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61V-E18UnOL._SL1366_-176x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61V-E18UnOL._SL1366_-176x300.jpg 176w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61V-E18UnOL._SL1366_-600x1024.jpg 600w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61V-E18UnOL._SL1366_-768x1311.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/61V-E18UnOL._SL1366_.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 176px) 100vw, 176px" />Karim Kattans Roman "Septentrionale" (Elyzad, 2026) erzählt eine einzige Nacht, in der Joseph und Maryam, zwei einander fremde Menschen, während ihr Land im Krieg untergeht, gemeinsam mit dem jungen Nouh und einem alten Mann von der Südgrenze bis zur Nordgrenze fahren, durch tote Städte und brennende Ruinen, bis sie bei Morgengrauen auf eine wartende, heimatlose Menge blicken, ohne dass ihre Geschichte je eine Auflösung fände. Der vorliegende Aufsatz liest diesen schmalen äußeren Handlungsbogen als Ausdruck einer durchgehenden Poetik der Unterbrechung und verfolgt seine These über sechs ineinandergreifende Argumentationsschritte, von einer doppelten Raum- und Gattungsstruktur, die eine sehr gegenwärtige, an Checkpoints und Besatzung erkennbare Geografie mit einer altorientalisch-biblischen Namenskarte überlagert, über eine Zeitstruktur, die formal genau jene Auflösung nachvollzieht, von der sie erzählt, bis zu einer Erzählperspektive, die ihre Figuren lange namenlos lässt, ehe sie ihnen mit Joseph und Maryam das Gewicht einer viel älteren Fluchterzählung verleiht. Anhand ausgewählter Schlüsselszenen, der menschenleeren Stadt Yapu, der Auflösung Nouhs im Meer und eines Gewaltausbruchs, der private und kollektive Traumata ineinanderblenden lässt, zeigt der Aufsatz, wie eng Kattans Bildsprache aus Stern, Wasser und Blut mit seiner autopoetologischen Reflexion über das Sprechen angesichts der Katastrophe verbunden ist, und ordnet den Roman zugleich, im Rückgriff auf zwei hier bereits interpretierte Bücher Kattans, auf den Gedichtband "Hortus Conclusus" und den Vorgängerroman "L'Éden à l'aube", in eine Werkbewegung ein, die dem Refugium, das Kattans Schreiben selbst immer wieder beschwört, von Buch zu Buch ein Stück mehr Boden entzieht.]]></description>
		
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		<title>Der Sohn als Minotaurus: Herkunft, Mythos und Schreiben bei Boris Bergmann</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Sep 2026 01:32:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Boris Bergmann]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71mVRwEDhdL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71mVRwEDhdL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71mVRwEDhdL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71mVRwEDhdL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71mVRwEDhdL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Boris Bergmanns Roman "Minotaure" (Albin Michel, 2026) erzählt, unter dem eigenen Namen des Autors, die jahrzehntelange Suche eines unehelichen Sohnes nach dem Psychiater Jean Creux, der ihn gezeugt und nie anerkannt hat. Statt eine einfache Vatersuche zu berichten, verwebt Bergmann diese autobiographische Handlung mit dem griechischen Mythos vom Minotaurus: Das unerwünschte Kind wird zum Ungeheuer im Labyrinth des Mangels, während die Mutter als die eigentlich begehrende, souveräne Kraft hervortritt und der Vater sich in juristische Begriffe flüchtet (»Gametenspender«). Als der biologische Vater sich endgültig entzieht, öffnet sich ein zweiter Erzählstrang um die lebensbedrohliche Erkrankung und die Nierenspende für die Geliebte Clé, wodurch sich das väterliche Muster von Gabe und Verlassen unverhofft wiederholt. Der vorliegende Aufsatz rekonstruiert diese komplexe Argumentationsbewegung nicht als gelungene Vatererinnerung, sondern als poetologisches Programm: Die Herkunftssuche wird zur Reflexion über die Bedingungen erzählerischer Sprache selbst, wobei die Vervielfachung konkurrierender Diskurse (Mythos, Zivilrecht, medizinisches Formular, Dialog) exakt das abbildet, was der Roman behauptet – dass ein Vater, der jede Sprache verweigert, nur in der Summe widersprüchlicher Stimmen überhaupt umkreist werden kann. Eine zentrale These lautet: Ursprung wird in "Minotaure" nicht gefunden, sondern übersetzt, wobei das Schreiben selbst zur einzigen Vaterschaft wird, die der Erzähler sich selbst zu geben vermag, bis er sie am Schluss dialogisch mit einer anderen Stimme teilt.]]></description>
		
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		<title>Vom Wir zum Ich: Anne Godards Poetik der Pronomen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Sep 2026 02:45:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Godard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/817sNahrlL-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/817sNahrlL-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/817sNahrlL-543x1024.jpg 543w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/817sNahrlL-768x1449.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/817sNahrlL-814x1536.jpg 814w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/817sNahrlL-1086x2048.jpg 1086w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/817sNahrlL.jpg 1357w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />Anne Godards Roman "Nous aussi" (Actes Sud, 2026) lässt eine großbürgerliche Pariser Familie über Generationen hinweg mit einer einzigen Stimme sprechen, dem grammatischen "on", das Besitz, Herkunft und Zärtlichkeit ebenso selbstverständlich in einen Haussmann-Bau und ein alpines Feriendomizil einschreibt, wie es sexuelle Übergriffe unter den eigenen Kindern unsichtbar hält, bis ein Bruder vom Treppenhausfenster in den Innenhof stürzt und sein Tod, Jahre später, eine Kette von Enthüllungen auslöst, die auch die Erzählerin selbst als Betroffene zeigt. Der vorliegende Essay argumentiert, dass sich diese Geschichte nicht über Ereignisse, sondern über eine Grammatik erschließt: Er verfolgt, wie Gattungswahl, Raumordnung, Zeitstruktur, Körperlichkeit, Geschlechterrollen, Poetik und intertextuelle Verweise gemeinsam auf eine einzige Bewegung zulaufen, den seltenen, harten Bruch vom kollektiven "on" zu einem individuellen "je", das sich erst in den letzten Seiten aus der Familie löst und dort, kaum gewonnen, wieder im alten Wir der Kindheit versinkt. Anhand konkreter Szenen und wörtlicher Belege zeigt der Essay, wie dieser Umschlag sprachlich vorbereitet, im Text selbst reflektiert und schließlich wieder zurückgenommen wird, und liest den Roman damit als Werk, das sein eigentliches Ereignis nicht in der Handlung, sondern in der Frage austrägt, wer in einer Familie überhaupt "ich" sagen darf.]]></description>
		
		
		
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		<title>Schmerzensmutter: Anne Godard</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Sep 2026 02:41:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Godard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="183" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/91orvU4LLRL._SL1500_-183x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/91orvU4LLRL._SL1500_-183x300.jpg 183w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/91orvU4LLRL._SL1500_-626x1024.jpg 626w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/91orvU4LLRL._SL1500_-768x1256.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/91orvU4LLRL._SL1500_.jpg 917w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" />In Anne Godards 2006 bei Minuit erschienenem récit "L'Inconsolable" wartet eine namenlose Mutter, zwanzig Jahre nach dem Suizid ihres ältesten Sohnes, in einem südfranzösischen Haus auf ein Telefon, das nicht klingelt: Ein Ritualsystem aus Jahrestagen, weißen Lilien und einem verschlossenen Kinderzimmer samt Klavier hält die Trauer wach, während Ehemann und überlebende Kinder sich der stummen Anklage entziehen, bis die Erzählung selbst im Schlusskapitel in ein imaginiertes Sterben und ein Testament an die Kinder kippt. Der vorliegende Aufsatz liest diesen schmalen, durchgängig in der zweiten Person erzählten Text als Ökonomie der Anklage: Er verfolgt, wie die Du-Anrede Nähe und Distanz zugleich erzeugt, wie Korridor und verschlossenes Zimmer die Trauer räumlich zur Krypta verdichten, wie ein Kalenderritual profane und heilige Zeit nach dem Muster religiöser Wiederholung ordnet und wie die Bildfelder Weiß, Blut und Stein sich zuletzt im Mythos der Niobe verdichten. Zugleich zeigt die Analyse, wie der Roman das kulturelle Bild der Mater Dolorosa nicht bestätigt, sondern als Machtform befragt, und wie er sich am Ende selbst als jenes Testament ausgibt, das seine Protagonistin erst noch schreiben wird, eine selbstbezügliche Volte, die den Vergleich von Romananfang und Romanschluss zum eigentlichen Angelpunkt der Interpretation macht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Vom auferlegten Schweigen zur eigenen Stimme: Gedächtnis und Theater bei Polina Panassenko</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Sep 2026 00:47:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Polina Panassenko]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81WlF-0cvtL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81WlF-0cvtL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81WlF-0cvtL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81WlF-0cvtL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/81WlF-0cvtL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Polina Panassenkos Roman "À voix haute" (Éditions de l'Olivier, 2026) erzählt in vier, zwischen 2002 und 2024 angesiedelten Zeitschichten von zwei ineinander verschränkten Ausbildungswegen: Eine junge Französin russischer Herkunft durchläuft in Paris und Moskau eine Schauspielschule, deren autoritäre Hierarchie sie schließlich als erste Schülerin überhaupt von sich aus verlässt, und verfolgt parallel dazu, gegen das Schweigen ihres Großvaters, die Spur ihres 1938 im sowjetischen Lagersystem umgekommenen Urgroßvaters bis in die Archive von Moskau und die Weiten der Kolyma. Der Aufsatz liest diese Doppelbewegung als Erzählung über das Erlernen einer eigenen Stimme gegen ein über Generationen weitergegebenes Schweigen und zeigt, wie Panassenko dafür Bildungsroman und archivarische Spurensuche zu einer Gattung verbindet, in der dokumentierte Verhörprotokolle und Urteile unvermittelt neben die fiktionale Erzählung treten. Dabei verfolgt die Interpretation, wie sich diese Spannung in der Raumstruktur, in einer zwischen kindlicher Nähe und historiografischer Distanz oszillierenden Erzählperspektive, in einer ausgeprägt gegenderten Figurenkonstellation und, nicht zuletzt, in der Sprache selbst niederschlägt, die für Großvater und Enkelin dieselben Wörter mit unvereinbaren Bedeutungen füllt. Ausgehend vom Kafka-Motto des Romans und über einen Vergleich von Anfang und Schluss zeigt der Aufsatz abschließend, dass das titelgebende laute Sprechen im Buch kein einmaliger Befreiungsakt ist, sondern eine wiederholte, oft vergebliche Übung, die dennoch, von der verweigerten Gedenktafel bis zur Inschrift der letzten Buchseite, dem Schweigen etwas entgegensetzt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Longlist für den prix Goncourt 2026</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/06/longlist-fuer-den-prix-goncourt-2026/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Sep 2026 14:38:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="279" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Premiere-selection-Prix-Goncourt-2026_page-00012-279x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Premiere-selection-Prix-Goncourt-2026_page-00012-279x300.jpg 279w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Premiere-selection-Prix-Goncourt-2026_page-00012-954x1024.jpg 954w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Premiere-selection-Prix-Goncourt-2026_page-00012-768x825.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/Premiere-selection-Prix-Goncourt-2026_page-00012.jpg 1110w" sizes="auto, (max-width: 279px) 100vw, 279px" />Aufsätze zu den nominierten Titeln für prix Goncourt und weitere Preise auf rentree.de]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Der fehlende Teil: Kolonialgewalt und Namenswechsel bei Rachida Brakni</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/06/der-fehlende-teil-kolonialgewalt-und-namenswechsel-bei-rachida-brakni/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Sep 2026 06:25:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Rachida Brakni]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782234098374-001-X-188x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782234098374-001-X-188x300.jpeg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782234098374-001-X-643x1024.jpeg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782234098374-001-X-768x1223.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/9782234098374-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Rachida Braknis Roman "La part absente" (Stock, 2026) verschränkt zwei Zeitebenen: die Geschichte der jungen Zohra, die während des Algerienkriegs vergewaltigt und zur Freigabe des daraus geborenen Kindes gezwungen wird, und die Geschichte ihrer Tochter Karima, die sich Jahrzehnte später in Paris den Namen Karina Leroy gegeben hat und erst durch eine Fotoinstallation im Centre Pompidou mit der verdrängten Herkunft ihrer Mutter, und der eigenen, konfrontiert wird. Der Aufsatz argumentiert, dass dieser Doppelplot nicht nur ein Thema behandelt, sondern formal einlöst, was er behauptet: Erzählperspektive (der unmarkierte Wechsel des erzählenden Ich zwischen den Schwestern im Krankenhauskapitel), Zeitgestaltung (das durchgehende Präsens in beiden Handlungssträngen, das den zeitlichen Abstand zwischen Krieg und Gegenwart formal aufhebt) und Raumsymbolik (von den algerischen Bergen über die sterile Pariser Kunstwelt bis zum vermittelnden Marseille) werden als Verfahren gelesen, mit denen der Roman seine zentrale These, dass koloniale und familiäre Gewalt sich körperlich, namentlich und über Generationen hinweg fortschreiben, selbst vorführt statt sie nur zu behaupten. Ausgehend von einzelnen, genau gelesenen Szenen, der Vergewaltigung, dem Ritual der Jungfräulichkeitsversiegelung, dem Geständnis des Schwiegervaters François, entwickelt der Aufsatz die These, dass der Titel wörtlich zu nehmen ist: Die zur Adoption freigegebene Schwester Yasmina, die verleugnete Identität der Erzählerin und die aus der offiziellen französischen Erinnerung getilgte sexuelle Kriegsgewalt bilden je einen "fehlenden Teil", den der Text nicht auflöst, sondern als bleibende, gemeinsam auszuhaltende Leerstelle sichtbar macht.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der ’pataphysische Sektionssaal der Aufklärung: Xavier Mauméjean, Julien Offroy de la Mettrie und die anatomische Venus</title>
		<link>https://rentree.de/2026/09/06/der-pataphysische-sektionssaal-der-aufklaerung-xavier-maumejean-julien-offroy-de-la-mettrie-und-die-anatomische-venus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Sep 2026 04:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Julien Offroy de la Mettrie]]></category>
		<category><![CDATA[Villiers de l'Isle-Adam]]></category>
		<category><![CDATA[Xavier Mauméjean]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/713JNCFbH-L._SL1500_-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/713JNCFbH-L._SL1500_-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/713JNCFbH-L._SL1500_-717x1024.jpg 717w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/713JNCFbH-L._SL1500_-768x1096.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/713JNCFbH-L._SL1500_.jpg 1051w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Xavier Mauméjeans Roman "La Vénus anatomique" lässt den historischen Materialisten Julien Offroy de la Mettrie zum Komplizen eines Wettbewerbs werden, den Friedrich II. von Preußen ausschreibt: die Konstruktion eines "neuen Adam". Als die junge Genferin Olympe de Pierre-Franche bei einem Anschlag auf das sich stetig ausdehnende Kugelgebäude Panopticon tödlich verletzt wird, verwandeln La Mettrie, der Automatenbauer Vaucanson und der Anatom Fragonard ihren Verlust in das gesuchte Projekt, indem sie Olympes Körper aus organischem Gewebe und mechanischer Apparatur neu zusammensetzen, bis sie als "neue Eva" vor dem Hof erscheint, wo ihr erster eigener Wunsch, ein Kuss, das höfische Protokoll sprengt. Der Aufsatz liest diesen zwischen Spionageplot und Schöpfungsmythos wechselnden Text als konsequente Zuspitzung von La Mettries historischer These, der Mensch gehe restlos in Mechanik auf, und verfolgt, wie der Roman diese These formal, in einer als authentisches Dokument des 18. Jahrhunderts getarnten, unzuverlässigen Ich-Memoire, räumlich, im Gegensatz von Labyrinth und Kugel, und intertextuell, über Frankenstein, Hoffmanns Olympia und Villiers de l'Isle-Adams Andréide, immer weiter verdichtet. Dabei zeigt die Interpretation, wie Gattung, Erzählperspektive, Geschlechterkonstruktion und die ’pataphysische Verfahrensweise des Autors ineinandergreifen, um am Ende, im Vergleich von Geburt und Kuss, eine Grenze sichtbar zu machen, an der sich der Text vom reinen Determinismus abwendet, ohne ihn zu widerlegen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Blick, der zurückschaut: Zur anderen Seite bei Sylvain Prudhomme</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Sep 2026 08:33:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Sylvain Prudhomme]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="218" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/livre_galerie_9782707358233-218x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/livre_galerie_9782707358233-218x300.jpg 218w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/livre_galerie_9782707358233-745x1024.jpg 745w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/livre_galerie_9782707358233-768x1055.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px" />Sylvain Prudhommes Roman "De l'autre côté du lac" (Minuit, 2026) erzählt von einer Fotografin, die auf einem Bergparkplatz einem namenlosen Wanderer begegnet, kurz mit ihm korrespondiert und Monate später in der Nähe eines für Menschen gesperrten Naturreservats verschwindet. Der Erzähler wird zum Ermittler wider Willen, befragt Weggefährtinnen und Weggefährten und rekonstruiert Paolas zwei Aufenthalte an einem See, hinter dem sich das Reservat erstreckt, sowie ihre wachsende Faszination für das, was sich jedem Zugriff entzieht, bis sie im Winter spurlos in der Wildnis aufgeht. Der Aufsatz liest diesen Stoff als Enquête, die ihre eigene Auflösung verweigert: Er zeigt, wie der Text auf mehreren Ebenen um dieselbe Volte kreist, den Moment, in dem aus der beobachtenden die beobachtete Position wird. Der Roman behauptet seine ökologische und poetologische Ethik nicht, sondern führt sie in der eigenen Erzählform, im Verzicht auf Aufklärung, konkret vor.]]></description>
		
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		<title>Fleisch als Programm: Männlichkeiten zwischen Zucht und Jagd bei Guillaume Nail</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Sep 2026 01:58:58 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/lescarnivores-couv-hd-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/lescarnivores-couv-hd-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/lescarnivores-couv-hd.jpg 699w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />In Guillaume Nails Roman "Les Carnivores" (Denoël, 2026) zerfällt eine von Pandemien erschütterte nahe Zukunft in eine sterile, gegen jede Berührung mit dem Lebendigen abgeriegelte Stadt und in verwilderte Sperrzonen, durch die zwei Männer auf entgegengesetzten Wegen ziehen: Augustin, der als Kind seine Eltern und seine Tiere verliert und als Erwachsener aus dem hygienischen Staatsapparat flieht, um einen geliebten Mann wiederzufinden, und Vadim, der aus digitalem Frauenhass und Verschwörungsglauben heraus eine Farm-Sekte gründet, in der Fleisch, Zucht und Männlichkeit zu einem einzigen, tödlichen Programm verschmelzen. Als beide Wege sich kreuzen, wird aus der vermeintlichen Zuflucht ein Schlachthaus, dessen Opfer der Text erst am Ende, im wörtlichen Rückgriff auf seine eigenen Anfangsseiten, offenlegt. Der hier angekündigte Aufsatz liest diesen Roman als Studie konkurrierender Männlichkeiten und verfolgt die These, dass die Sekte, die sich als Gegenentwurf zum biopolitischen Staat inszeniert, dessen Logik von Reinheit, Nummerierung und Verwertung der Körper nicht überwindet, sondern nur in ein anderes Vokabular übersetzt. Dafür verbindet die Analyse erzähltechnische Beobachtungen zur wechselnden, personalen Fokalisierung mit einer Untersuchung der Raum- und Zeitstruktur, der Kommunikationsformen sowie der autopoetologischen und intertextuellen Bezüge des Romans, um an konkreten Textstellen zu zeigen, wie sich ökologische Rhetorik in Herrschaftssprache verwandeln lässt, sobald ein Mann sie zum Programm seiner eigenen Identität macht. ]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Kellerkammer der Republik: bürgerliche Fassaden bei Florence Chataignier und Claude Chabrol</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 Sep 2026 02:08:05 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Claude Chabrol]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="179" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Valentin-Merlet-Jacqueline-Bisset-Virginie-Leydoyen-Jean-Pierre-Cassel-La-Ceremonie-Claude-Chabrol-1995-300x179.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Valentin-Merlet-Jacqueline-Bisset-Virginie-Leydoyen-Jean-Pierre-Cassel-La-Ceremonie-Claude-Chabrol-1995-300x179.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Valentin-Merlet-Jacqueline-Bisset-Virginie-Leydoyen-Jean-Pierre-Cassel-La-Ceremonie-Claude-Chabrol-1995-1024x612.jpg 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Valentin-Merlet-Jacqueline-Bisset-Virginie-Leydoyen-Jean-Pierre-Cassel-La-Ceremonie-Claude-Chabrol-1995-768x459.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Valentin-Merlet-Jacqueline-Bisset-Virginie-Leydoyen-Jean-Pierre-Cassel-La-Ceremonie-Claude-Chabrol-1995-1536x917.jpg 1536w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Valentin-Merlet-Jacqueline-Bisset-Virginie-Leydoyen-Jean-Pierre-Cassel-La-Ceremonie-Claude-Chabrol-1995.jpg 1599w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Florence Chataigniers Romane "Fuir la lumière" (Cherche Midi, 2026) und "Des gens comme il faut" (Cherche Midi, 2024) verhandeln aus entgegengesetzten Richtungen dieselbe zentrale Frage: Was geschieht, wenn das bürgerliche Leben nicht länger als selbstverständlicher Rahmen erscheint, sondern sich als Konstruktion enthüllt, die errichtet, gepflegt und irgendwann demontiert werden muss? Der vorliegende Aufsatz interpretiert beide Werke vergleichend als Sezierungen bürgerlicher Fassaden und fragt nach der Funktion des literarischen Erzählens selbst: Über welche Verfahren – der Zeitstruktur, der Raumgestaltung, der Metaphorik, des Zitierens – werden gesellschaftliche Codes sichtbar gemacht, die offiziell nicht existieren? Die zentrale These lautet, dass die Fassade bei Chataignier nicht von bestimmten Geheimnissen ablenkt, sondern von etwas Fundamentalerem: von der Unmöglichkeit, überhaupt ein authentisches Selbst zu haben, solange die sozialen Codes des französischen Bürgertums bestehen. Damit zeichnet sich ein spezifisches Frankreichbild ab – nicht das einer offen hierarchischen Gesellschaft, sondern das einer Gesellschaft, die ihre Klassengrenzen durch Diskretion, Aussprache und Etikette aufrechthält, während sie offiziell republikanische Gleichheit predigt. Im Vergleich mit Claude Chabrols filmischem Werk zeigt sich dabei eine entscheidende Perspektivverschiebung: Wo Chabrols Kamera diese Gesellschaft wie ein Entomologe von außen studiert und die verdrängte Wut in Gewalt umschlagen lässt, sprechen Chataigniers Ich-Erzählerinnen von innen heraus und finden in der genauen, komischen und schmerzhaften Beschreibung der Fassade selbst, nicht in ihrer Sprengung, eine Form der Befreiung. Das Erzählen wird so zum Ort, an dem die Unversöhnlichkeit von Authentizität und sozialer Form artikulierbar wird, ohne sie aufzulösen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Neugallien als Denkfigur: Ideologie und Männlichkeit bei Caroline Bouffault</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Sep 2026 06:43:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
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		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="211" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51I8lATjZTL._SL1138_-211x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51I8lATjZTL._SL1138_-211x300.jpg 211w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51I8lATjZTL._SL1138_-720x1024.jpg 720w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51I8lATjZTL._SL1138_-768x1092.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/51I8lATjZTL._SL1138_.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px" />Caroline Bouffaults Roman "Les Désarmantes" (2026) entwirft die Nouvelle-Gallia, ein aus einem eurasischen Krieg hervorgegangenes Gemeinwesen, in dem eine pazifistische Frauenregierung die Armee abgeschafft und die männliche Bevölkerung in sogenannten Néo-Villages untergebracht hat; vor diesem Hintergrund verfolgt der Roman die kanadische Journalistin Alba Larochette, die für ein geplantes Buch mit Präsidentin Imogène K. und Vizepräsidentin Maisie Pressolles spricht, sowie Charlie, Imogènes Tochter, deren heimliche und regelwidrige Schwangerschaft mit dem resozialisierten Gaël das Regime aus einer intimen Perspektive zeigt. Der vorliegende Aufsatz nähert sich diesem Gedankenexperiment mit sechs ineinandergreifenden Zugängen: Er prüft zunächst einen feministischen Interpretationszugang, ob die Umkehrung der Geschlechterordnung Befreiung oder Fortschreibung von Herrschaft bedeutet, verfolgt ideologiekritisch die Rechtfertigungssprache der Macht, seziert diskursanalytisch Formulare und Euphemismen, untersucht narratologisch den Wechsel der Erzählperspektiven, verortet den Roman intertextuell in einer Reihe verwandter Machtumkehrungsfiktionen und fragt zuletzt kritisch nach der Konstruktion von Männlichkeit selbst. Eingeleitet wird die Analyse durch die zugespitzte These der Verlagsankündigung, wonach die kriegerischen Gefahren der Gegenwart überwiegend männlich verursacht seien; der Aufsatz nimmt diese Provokation ernst, ohne sie unwidersprochen zu übernehmen, und zeigt, dass der Roman selbst, in seiner erzählerischen Zurückhaltung gegenüber männlichen Figuren, eine vergleichbare Ambivalenz auslebt: Er diagnostiziert die Beschädigung von Männlichkeit präzise, verweigert sich aber jedem Bild ihrer Überwindung.]]></description>
		
		
		
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		<title>René Depestre: Ein Jahrhundertleben zwischen Haiti und Prix Goncourt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Sep 2026 02:50:43 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[René Depestre]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71RDzpmGRiL-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71RDzpmGRiL-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71RDzpmGRiL-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71RDzpmGRiL-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/09/71RDzpmGRiL.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Eine Geschichte des Jahrhunderts Im Mai 2026 verlieh die Académie Goncourt René Depestre den Prix Goncourt de la poésie Robert Sabatier für sein Gesamtwerk, wenige Monate bevor Haiti und Frankreich seinen einhundertsten Geburtstag feierten. Die Ehrung traf einen Autor, dessen Biografie sich seit 1945 mit den Fluchtlinien des 20. Jahrhunderts deckt: Exil, Dekolonisation, kommunistische Hoffnung ... <p class="read-more-container"><a title="René Depestre: Ein Jahrhundertleben zwischen Haiti und Prix Goncourt" class="read-more button" href="https://rentree.de/2026/09/03/rene-depestre-ein-jahrhundertleben-zwischen-haiti-und-prix-goncourt/#more-17145" aria-label="Mehr Informationen über René Depestre: Ein Jahrhundertleben zwischen Haiti und Prix Goncourt">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
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		<title>Verlorene Reiche, erinnernde Steine: genealogische Erinnerung und animistische Poetik bei Ananda Devi</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Sep 2026 01:16:52 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Ananda Devi]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81uONRl9a2L._AC_CR0000_SY315_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81uONRl9a2L._AC_CR0000_SY315_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81uONRl9a2L._AC_CR0000_SY315_.jpg 215w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Ananda Devis "Chronique d'un royaume perdu" (Grasset, 2026) entwirft die genealogische Chronik eines fiktiven Dorfes im Süden von Mauritius, das aus einer doppelten Grenzüberschreitung hervorgeht: einer weißen Kolonistengattin und einem versklavten Mann, die mehrfach Kinder zeugen. Diese tabuisierte Vereinigung wird zum Gründungsmythos einer Gemeinschaft, die sich über Generationen hinweg selbst verheiratet, wächst, sich öffnet für indische Kontraktarbeiter, innere Gewalt erduldet und am Ende von touristischem Kapital bedroht wird. Die Erzählstruktur ist dabei bewusst hybrid: Eine Anthropologin eröffnet den Text mit ihrer 1980er-Jahre-Feldforschung, übergibt die erzählende Stimme jedoch an Paulo, jene Figur, die als Patriarch und Gedächtnisträger seine stumme Enkelin Virgine in die genealogische Wahrheit initiiert. Der Epilog "Lémurie" verabschiedet sich schließlich in eine vorzeitliche, versunkene Steinzivilisation des Indischen Ozeans. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass dieser Roman nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Gattungsmischung – Chronik, Familiensaga, mündliches Erzählen, magischer Realismus und erklärte Uchronie – zu einer Gegen-Geschichtsschreibung wird, die koloniale Hierarchien nicht durch Widerspruch, sondern durch Mythos und animistische Materialisierung unterlauft. Die zentrale These lautet: Der Tabubruch ist keine moralische Anomalie, sondern die strukturelle Grundlage einer Gemeinschaft, deren Erinnerung sich nicht in wissenschaftliche Archive lässt, sondern in Stein, Pflanzen und Körpern einschreibt. Durch eine integrierte Analyse von Erzählperspektive, Raumpoetik, Geschlechterordnung und semantischen Feldern zeigt der Aufsatz, wie Devi die koloniale Zeitlichkeit einer linearen Historiografie durch die zirkuläre Zeitlichkeit des Mythos ersetzt, ohne dabei in bloßes Geschichtsvergessen zu verfallen, im Gegenteil: Die Vergangenheit wird so präsent gemacht, dass sie die Gegenwart durchtränkt und die Zukunft offenhält.]]></description>
		
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		<title>Die Punition des Vaters: Männlichkeit(en) bei Arthur Dreyfus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2026 12:11:50 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
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		<category><![CDATA[Arthur Dreyfus]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/punition-1-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/punition-1-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/punition-1.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Arthur Dreyfus' "La Punition" (P.O.L, 2026) erzählt, wie ein Schriftsteller die Rede seines Vaters, die dieser ihm 2003 im Kinderzimmer über dessen Homosexualität hielt und die er heimlich mitschnitt, mehr als zwanzig Jahre später abtippt, zu einem Buch verarbeitet und dem Vater bei einem eigens arrangierten Abendessen zurückgibt – gerahmt von einer New Yorker Chemsex-Nacht, in der der erwachsene Erzähler sich selbst die Strafe zufügt, die der Vater ihm einst androhte. Der vorliegende Aufsatz liest dieses Buch als eine Untersuchung von Männlichkeit(en): Er verfolgt, wie sich väterliche Autorität aus medizinischem Vokabular, republikanischer Willensrhetorik und familiärer Fürsorgepflicht zusammensetzt und über die Generation des Großvaters hinweg vererbt wird; wie der männliche Körper zwischen fragmentierter väterlicher Autorität, kindlich-zärtlicher erster Liebe und zerstückelter Chemsex-Ökonomie changiert; und wie die radikale formale Zersplitterung des Buches – Theaterdialog, Essay, Aphorismus, Faksimile – selbst zum Argument einer Männlichkeitskritik wird, die das lineare, "gut gebaute" Erzählen als heteronormatives Verfahren entlarvt. Dabei verfolgt der Aufsatz eine doppelte Bewegung: Er zeigt einerseits, wie der Text sein eigenes Risiko der Selbstpathologisierung – die Gleichung von Homosexualität und Leid – immer wieder selbst reflektiert und relativiert, etwa durch die Gegenfigur des unbeschwert lebenden Jugendfreundes Luca; andererseits macht er sichtbar, wie eine zweite, jüdische Erzählachse (der deportierte Großvater, das Motiv des Zeugnisablegens) der väterlichen Diskursfigur eine alternative, dokumentierende Männlichkeit entgegensetzt. Den Schluss bildet ein struktureller Vergleich zwischen Romananfang und -ende, der zeigt, wie derselbe väterliche Satz – "ich weiß, dass du lügst" – von einem Akt der Überwältigung zu einem vom Sohn kontrollierten, zuletzt buchstäblich verblassenden Artefakt wird: ein Bild dafür, dass "La Punition" keine Versöhnung, sondern die Ersetzung väterlicher Urteilssprache durch eine eigene, fragmentierte Sprache der Zerbrechlichkeit inszeniert.]]></description>
		
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		<title>Autorschaft als Konstruktionsleistung: Marie Jacquiers Untersuchungen zu Annette Messager, Annie Ernaux und Michel Houellebecq</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2026 03:09:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Annette Messager]]></category>
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		<category><![CDATA[Michel Houellebecq]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="213" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9783515135825_c_1920x1920-213x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9783515135825_c_1920x1920-213x300.jpg 213w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9783515135825_c_1920x1920-726x1024.jpg 726w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9783515135825_c_1920x1920-768x1083.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9783515135825_c_1920x1920-1089x1536.jpg 1089w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9783515135825_c_1920x1920.jpg 1361w" sizes="auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px" />Marie Jacquiers Dissertation "Autorfiguren zwischen Text und Bild" (Steiner 2024) nimmt die von Barthes und Foucault Ende der 1960er Jahre formulierte Kritik an der Instanz "Autor" zum Ausgangspunkt einer interdisziplinären Neuvermessung: Weil die Kunstwissenschaft diese literaturtheoretische Debatte erst spät und über den Umweg der Kritik am Künstlerinterview rezipiert hat, entwickelt Jacquier ein gemeinsames, aus Intertextualitäts-, Paratext- und Fiktionstheorie gespeistes Instrumentarium und erprobt es an drei sehr unterschiedlichen Fällen: an Annette Messager, die ihre Künstlerfigur in eine Spatzen ausstopfende "artiste" und eine Zeitungsausschnitte sammelnde "collectionneuse" aufspaltet, an Annie Ernaux, die gemeinsam mit Marc Marie einen Phototext über Krankheit und Begehren verfasst und darin zwei konkurrierende Autorinstanzen gegeneinander schreiben lässt, und an Michel Houellebecq, der seine eigene, gleichnamige Romanfigur von einem Maler porträtieren und anschließend ermorden lässt. In allen drei Fällen zeigt Jacquier, dass Autorschaft nicht als biographisches Faktum, sondern als Konstruktionsleistung zu lesen ist, die sich in Titeln, Interviews und Bildkompositionen ebenso vollzieht wie im Text selbst. Die vorliegende Rezension folgt diesem Aufbau, referiert knapp die vier theoretischen Eingangskapitel und die Korpusbildung, geht dann kapitelweise durch die drei Fallstudien und unterscheidet dabei Jacquiers eigene Befunde von eigenständigen, darüber hinausreichenden Beobachtungen, etwa zu dem wiederkehrenden Muster, dass die Kritik am Autor bei allen drei Positionen in neue Formen von Autorität umschlägt. Gestützt auch auf einen Vergleich mit Jacquiers neuerem, gemeinsam herausgegebenem Sammelband zur Autosoziobiographie, benennt die Rezension abschließend Stärken, Einwände und Desiderate der Arbeit, sodass aus der Einzelbesprechung zugleich ein Argument für die Reichweite von Jacquiers methodischem Ansatz über das konkrete Korpus hinaus wird.]]></description>
		
		
		
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		<title>Architektur des Bewusstseins: Shanghai als Textur zwischen Bewegung und Subjektverlust bei Ada Walter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2026 13:43:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ada Walter]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="186" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81Q-P7xougL._SL1500_-186x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81Q-P7xougL._SL1500_-186x300.jpg 186w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81Q-P7xougL._SL1500_-634x1024.jpg 634w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81Q-P7xougL._SL1500_-768x1241.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81Q-P7xougL._SL1500_.jpg 928w" sizes="auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px" />Ada Walters "Shanghai, cinq heures quarante" (Calmann-Lévy, 2026) erzählt die Rückkehr eines namenlosen europäischen Logistikers in jene Stadt, in der er zehn Jahre zuvor eine Geliebte verlor. Während er auf dem Weg zwischen zwei Flughäfen sechzig Kilometer im Taxi durch das sich radikal verändernde Shanghai fährt, überlagern sich Gegenwart und Erinnerung, Drogenschmuggel und Liebesgeschichte, globale Warenzirkulation und private Trauer. Der Roman, als einziger mäandernder innerer Monolog gestaltet, macht dabei die Stadt selbst zur Erzählform: Seine fünf Kapitel tragen die Namen von Le Corbusiers „Fünf Punkten einer neuen Architektur“ – Pilotis, Toit-jardin, Plan libre, Façade libre, Fenêtre horizontale – und übersetzen die Prinzipien der modernen Architektur in eine Poetik des Bewusstseinsstroms. Der Essay liest diese formale Konstruktion als Schlüssel zur urbanen Ambivalenz des Romans: Shanghai ist zugleich architektonisches Konstruktionsmodell, Palimpsest der Erinnerung, spiegellose Oberfläche des Subjektverlusts, globaler Nicht-Ort und erotisierte Topographie der Trauer. Gerade darin liegt die Pointe der Argumentation: Walters’ Roman beschreibt die Global City nicht lediglich, sondern baut sie literarisch nach, um ihre Versprechen von Transparenz, Mobilität und rationaler Ordnung zu dementieren. Wo Le Corbusiers Architektur freie Bewegung verspricht, produziert die Erzählung Stau; wo Glas und Fassaden Transparenz erzeugen sollen, verweigert die Stadt dem Erzähler sein Spiegelbild; wo die globalisierte Ökonomie Orte austauschbar macht, verwandelt die Erinnerung Shanghai paradoxerweise in den einzigen Ort mit biographischer Tiefe. Die Stadt erscheint damit als ein Palimpsest, dessen permanente Erneuerung den Verlust nicht tilgt, sondern erst sichtbar macht: Je stärker Shanghai seine eigene Vergangenheit überschreibt, desto obsessiver rekonstruiert der Erzähler die verlorene Beziehung. Die eigentliche Architektur des Romans ist folglich die des Verlusts: Seine urbanen Räume sind keine Kulisse, sondern Speicher, Spiegel und Widerlager eines Subjekts, das zwischen globaler Zirkulation und privater Erinnerung seine Kontur verliert. ]]></description>
		
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		<title>Punk als Erziehung der Gefühle: Klasse, Verlust und Erinnerung bei Patrice Jean</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2026 03:56:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Gustave Flaubert]]></category>
		<category><![CDATA[Patrice Jean]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="200" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/51reMSC8XOL._SL1200_-200x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/51reMSC8XOL._SL1200_-200x300.jpg 200w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/51reMSC8XOL._SL1200_-683x1024.jpg 683w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/51reMSC8XOL._SL1200_-768x1152.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/51reMSC8XOL._SL1200_.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" />Patrice Jeans Roman "Stay Free" (Cherche Midi, 2026) erzählt, zwischen 1982 und 1988 in der Hochhaussiedlung Bottière am Rand von Nantes angesiedelt und von einem Epilog bis 2025 gerahmt, von drei Jugendlichen, deren Wege sich in einer selbstgegründeten Punkband namens Divin Suicide kreuzen: Paul, der nach seinem Ausschluss aus der Gruppe zur Literatur findet; Martial, der seine kompromisslose Musikleidenschaft mit Gefängnis, Verarmung und schließlich, 1993, mit dem Tod durch eine Überdosis bezahlt; und Samia, die Jahrzehnte später, als wenig erfolgreiche Dokumentarfilmerin, versucht, die vergessene Geschichte dieser Freundschaft festzuhalten. Der vorliegende Aufsatz liest den vom Verlag selbst nahegelegten Vergleich mit Flauberts "L'Éducation sentimentale" nicht als fertige Behauptung, sondern als Ausgangspunkt einer eigenen Argumentation, die den Roman über vier ineinandergreifende Schritte erschließt: Zunächst wird die Bottière als sozial codierter, von Gefängnismetaphorik durchzogener Raum gelesen, der die Handlung selbst zum Ausdruck eines Klassenverhältnisses macht; anschließend rekonstruiert der Aufsatz die polyphone Erzählweise des Romans, dessen wechselnde Erzählstimmen, seinen Präsens-Erzählton mit ironischen Einschüben und die Dokumenten-Montage im Kapitel "13 avril 1984" als Ausdruck einer Gesellschaft, in der Kommunikation notorisch misslingt; ein dritter Schritt untersucht die Poetik des Zitats, mit der Jean – parallel zu Samias eigener Reflexion über Kino und Fiktion – das gelebte Leben seiner Figuren ausschließlich über Musik, Film und Literatur vermittelt zeigt; und ein vierter, abschließender Schritt zeigt, wie der Titel selbst, mit Bezug auf den gleichnamigen Clash-Song, sich am Ende in eine an die Überlebenden gerichtete, uneinlösbare Mahnung verwandelt, frei zu leben. Der Aufsatz entwickelt so, in bewusster Distanz zur bloßen Werbeformel, eine eigenständige These: dass "Stay Free" die Institutionalisierung einer einst unbotmäßigen Jugendkultur ebenso vorführt wie die tragische Kontingenz seiner Figuren.]]></description>
		
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		<title>Bertha Masons Heft: Lilia Hassaine antwortet auf Charlotte Brontë</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 30 Aug 2026 00:14:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G09922-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G09922-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G09922-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G09922-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G09922-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G09922-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G09922.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Lilia Hassaine vollbringt in "Je" (Gallimard, 2026), was zwei Jahrhunderte Literaturgeschichte der Bertha Mason verweigert hatten: Sie lässt die "Verrückte im Dachgeschoss" zum ersten Mal selbst sprechen – und macht zugleich sichtbar, wie unvollständig diese Stimme bleiben muss. Charlotte Brontës "Jane Eyre" (1847) folgt der verwaisten Gouvernante Jane, die sich in ihren Arbeitgeber Edward Rochester verliebt und am Hochzeitstag erfährt, dass er bereits verheiratet ist – mit einer im Dachgeschoss verborgenen, für wahnsinnig erklärten Frau, die schließlich bei einem selbst gelegten Brand ums Leben kommt, woraufhin Jane den erblindeten Rochester heiratet. Hassaines Roman erzählt genau diese Vorgeschichte aus der Perspektive der bislang Stummen: Die jamaikanische Kreolin Antoinette Cosway verliert schon während der Überfahrt nach England ihren Namen an das ihr aufgezwungene "Bertha", wird von Rochester mit einem fingierten Bedrohungsszenario gezielt in die Isolation getrieben und verbringt ein Jahrzehnt im selben Dachgeschoss, das Brontës Roman nur von außen kennt – dort schreibt sie heimlich das Heft, das der vorliegende Roman selbst ist, bis der Tod ihres Sohnes und ein letzter, fragmentierter Brand die Handlung wieder an Brontës Text heranführen. Der Aufsatz liest Hassaines Buch nicht als bloße Fortschreibung einer Leerstelle, sondern als konsequente Umkehrung der Fokalisierung: Aus der tierisch beschriebenen, stummen Gegenspielerin wird eine fühlende, urteilende Erzählinstanz; aus der in "Jane Eyre" unwidersprochen stehenden Erbkrankheit wird ein entlarvtes, ökonomisch und juristisch orchestriertes Komplott; aus der bei Brontë überwiegend metaphorisch genutzten Kolonialgeschichte wird eine datierte, benannte historische Realität. Die eigentliche Pointe der Argumentation liegt jedoch in der Grenze dieser Umkehrung: Genau im Augenblick von Berthas Tod verstummt Hassaines Ich-Erzählerin, und Brontës eigener Wortlaut übernimmt wörtlich das letzte Wort – ein Bruch, den der Aufsatz als bewusste Selbstbegrenzung liest, nicht als Widerspruch. "Je" wird damit als eine Umschreibung gedeutet, die ihrem Ausgangstext an erzählerischer Genauigkeit in nichts nachsteht, sich aber zugleich weigert, die eigene Abhängigkeit von ihm zu verleugnen.]]></description>
		
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		<title>Wenn die Sprache krank wird: Caroline Hinaults Formexperiment über den Unterricht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 29 Aug 2026 06:36:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Caroline Hinault]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Ce-qui-se-joue-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Ce-qui-se-joue-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Ce-qui-se-joue.jpg 400w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Caroline Hinaults Roman "Ce qui se joue" (Éditions du Rouergue, 2026) entwirft eine dystopische Grundsituation: Ein Virus namens Fatum raubt französischen Lehrkräften, beginnend beim "Patient null", einem Mathematiklehrer, die Sprache, zunächst angekündigt durch imaginäre Klaviermusik, dann mündend in vollständige Aphasie. Ein Ministerialbeamter, M. Reverdy, wird für ein Schuljahr an ein normannisches Lycée entsandt, um die Französischlehrerin Monia Boukary zu beobachten und zu ergründen, was sie vor der Epidemie schützt, während im Hintergrund eine rechtspopulistische Partei eine radikal vereinfachte Nationalsprache fordert. Der Aufsatz argumentiert, dass Hinault die im Klappentext behauptete "proteusartige Macht der Sprache" nicht bloß thematisch verhandelt, sondern strukturell einlöst: Der Roman selbst wechselt in 61 Kapiteln unablässig Genre und Register – Theaterszene, Vers, Amtsschreiben, Chatprotokoll, KI-Antwort –, sodass Form und Inhalt zur Deckung kommen, am radikalsten in einem fast leeren "Ellipse"-Kapitel genau an der Stelle, an der die Hauptfigur verstummt. Von dieser These ausgehend untersucht die Analyse Erzählperspektive, Figurenkonstellation, Raum- und Zeitstruktur, Metaphorik sowie Geschlechterordnung des Romans, bevor sie ihn abschließend mit Yannick Haenels im selben Jahr erschienenem Lehrerroman "La solitude des professeurs est infinie" (Gallimard, 2026) kontrastiert, zwei Bücher, die denselben Berufsstand und dieselbe reale Krise des französischen Bildungswesens zum Ausgangspunkt nehmen, dabei aber, wie gezeigt wird, mit entgegengesetzten poetologischen Mitteln antworten: hier die vereinheitlichte, meditative Ich-Stimme, die im gemeinsamen Schweigen endet, dort die zersplitterte Formenvielfalt, die im mühsamen, ungewissen Wiederanfang des Sprechens mündet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Einsamkeit der Lehrer als Offenbarungsraum: Yannick Haenel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 29 Aug 2026 03:02:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Yannick Haenel]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G12384-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G12384-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G12384-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G12384-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G12384-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G12384-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G12384.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Yannick Haenels Roman "La solitude des professeurs est infinie" (Gallimard, 2026) erzählt, ausgelöst durch die Ermordung der Lehrer Samuel Paty und Dominique Bernard, die dreißig Jahre zurückliegende Geschichte des jungen Referendars Jean Deichel, der in den Vorstadtcollèges von Mantes-la-Jolie seinen Dienst antritt: Zwischen einer zerbrochenen Vase, die sein Leben in Schuld und Amnesie stürzt, neun Wanderjahren durch wechselnde Schulen und Beziehungen sowie einer erst in den etruskischen Gräbern von Tarquinia gelösten Liebesgeschichte mit der Kunstlehrerin Judith Chatel entfaltet sich ein Bildungsroman, der die administrative Härte der Institution Schule gegen einen inneren, mystisch aufgeladenen "Garten Eden" des Lesens setzt. Der Aufsatz argumentiert, dass dieser scheinbar disparate Stoff einer verdeckten Kompositionslogik folgt, und liest den Roman auf mehreren, einander ergänzenden Ebenen – als Initiationsgeschichte, als Gesellschaftskritik an einer Lehrkräfte im Stich lassenden Verwaltung, als verkapptes ökonomisches Tauschsystem, als Bestiarium stellvertretender Pädagogik, als verweigerte Männlichkeit und selbst als säkularisierte Liturgie –, ohne diese Zugriffe gegeneinander auszuspielen. Sein eigentliches Argument zielt jedoch auf eine grundsätzlichere Frage: Ob aus dem Buch für Lehrkräfte mehr zu gewinnen ist als ein Protest ex negativo gegen einen zermürbenden Schulalltag. Die Antwort, die der Aufsatz entwickelt, liegt in einer paradoxen Volte: Nicht die professionelle Distanz, sondern gerade die vom Text unablässig beschworene Verwundbarkeit und Einsamkeit des Lehrenden erweist sich als Bedingung echter "transmission" von Poesie und Geist, sodass Institutionenkritik und mystische Erlösungserzählung sich im Roman nicht ausschließen, sondern wechselseitig tragen: Am Ende steht weniger eine Methode des Unterrichtens als eine Theorie der Übertragung durch Erschütterung, die Haenels wiederkehrendes Bild vom Kintsugi, dem golden nachgezeichneten Bruch, zur eigentlichen Denkfigur des ganzen Buches macht.]]></description>
		
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		<title>Der enteignete Dichter: Louis Aragon und Paul Nizan. Fiktion und Verleumdung bei François Weerts</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Aug 2026 12:22:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[François Weerts]]></category>
		<category><![CDATA[Louis Aragon]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Nizan]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61qkK2HWn4L-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61qkK2HWn4L-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61qkK2HWn4L-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61qkK2HWn4L.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />François Weerts entführt in "On a tiré sur Aragon" (Rouergue, 2025) seine Leser in ein Brüssel des Kalten Krieges: Im Mai 1965 verfehlt ein Schuss auf den Dichter Louis Aragon nur knapp sein Ziel, und der Privatdetektiv Viktor Rousseau, Sohn kommunistischer Eltern und Kenner des amerikanischen Kriminalromans, wird beauftragt, den Vorfall aufzuklären. Seine Ermittlung führt ihn zurück in den Mai 1940 und zu einer bis heute belasteten literaturpolitischen Wunde: dem Bruch zwischen Aragon und Paul Nizan, der aus Protest gegen den deutsch-sowjetischen Pakt aus der Kommunistischen Partei austrat, kurz darauf fiel und postum als Verräter verleumdet wurde – mit Aragon unter den Verantwortlichen dieser Kampagne. Der vorliegende Aufsatz liest Weerts’ Roman als poetologisches Verfahren, nicht als bloße Kriminalhandlung: Er zeigt, wie der Text seine eigene Titelfigur systematisch der erzählerischen Subjektposition beraubt und zum Objekt fremder, interessengeleiteter Deutungen macht, und verfolgt dieses Verfahren durch Gattung, Erzählperspektive, Zeit- und Raumstruktur, Bildlichkeit und Geschlechterarrangement bis in seine autopoetologische Pointe hinein. Den Schlüssel dazu liefert ein Blick auf Aragons eigenen, weniger beachteten Kriegsroman "Les Communistes", in dem Nizan bereits einmal, unter dem Namen Patrice Orfilat, fiktional verurteilt wurde: Die Analyse macht sichtbar, dass Weerts’ Roman damit auch unausgesprochen jenes Verfahren an Aragon wiederholt, das dieser selbst an Nizan erprobt hatte, und dass am Ende ein Bild des Schriftstellers entsteht, das zwischen Denkmal und Angeklagtem schwankt, ohne sich je endgültig zu entscheiden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Kolonisation im Plural: wie Historiker heute von der Eroberung erzählen</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/28/kolonisation-im-plural-wie-historiker-heute-von-der-eroberung-erzaehlen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Aug 2026 04:06:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="187" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71t1lStXedL-187x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71t1lStXedL-187x300.jpg 187w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71t1lStXedL-638x1024.jpg 638w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71t1lStXedL-768x1233.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71t1lStXedL-956x1536.jpg 956w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71t1lStXedL-1275x2048.jpg 1275w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71t1lStXedL.jpg 1594w" sizes="auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px" />Kaum ein Land tut sich mit seiner imperialen Vergangenheit so schwer wie Frankreich, das sich selbst über Jahrhunderte konsequent als Nation und nicht als Empire gedacht hat – noch die Dritte Republik vermied das Wort „empire" für die eigenen Kolonialbesitzungen, während gleichzeitig ein Sechstel der Weltbevölkerung unter französischer Herrschaft stand. Emmanuelle Saada, Historikerin an der Columbia University und Spezialistin für das französische Kolonialrecht, zieht in ihrem neuen Buch "Histoires et colonisations: des récits de la conquête aux héritages postcoloniaux" (Gallimard, 2026) die Summe aus drei Jahrzehnten internationaler Forschung zu diesem verdrängten Erbe: Sie fragt nicht primär, was in Algerien, Indochina oder Westafrika geschah, sondern wie Historikerinnen und Historiker seit dem "tournant colonial" der 1990er Jahre gelernt haben, koloniale Macht überhaupt zu denken – als fragiles, oft improvisiertes Gebilde statt als allmächtige Maschine. Der Bogen reicht von der Eroberung Algeriens 1830, deren Rechtfertigungserzählung schon damals eine algerische Gegenerzählung gegenüberstand, bis zu den tagesaktuellen Reparationsforderungen, die Frankreich seit Emmanuel Macrons Rede von 2017 bis zum algerischen Parlamentsbeschluss vom Dezember 2025 begleiten. Warum dieses Buch trotz seiner analytischen Kühle gerade an seinen Rändern zur brisanten Zeitdiagnose wird – und wo es an seine eigenen methodischen Grenzen stößt –, zeigt die Rezension.]]></description>
		
		
		
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		<title>Verrat als Erzählprinzip: Romain Slocombe über den Juli 1940</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2026 07:33:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Romain Slocombe]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/7115MmRVXVL._SL1500_-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/7115MmRVXVL._SL1500_-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/7115MmRVXVL._SL1500_-675x1024.jpg 675w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/7115MmRVXVL._SL1500_-768x1165.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/7115MmRVXVL._SL1500_.jpg 989w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Romain Slocombes 2026 bei den Éditions du Seuil erschienener Roman "Un été de trahison" verdichtet acht Julitage des Jahres 1940, von der militärischen Niederlage bis zur Errichtung des Vichy-Regimes, zu einem Kammerspiel aus vier Frauenfiguren, die im Pariser Hôpital américain und in dessen Umkreis aufeinandertreffen: eine an ihr Gipskorsett gefesselte Fliegerin, verheiratet mit einem kollaborationistischen Journalisten; eine Krankenschwester, die im Auftrag der halblegalen Kommunistischen Partei spioniert; eine junge Kriegswitwe auf der Suche nach gesellschaftlichem Aufstieg im Kollaborationsmilieu; und eine Vierzehnjährige, die zwischen Kabelsabotage, einem mutmaßlichen Tötungsdelikt und einer heiklen Bekanntschaft mit einem deutschen Zensuroffizier ihre eigene, unfertige Form von Widerstand entwickelt. Der Aufsatz liest diesen dicht mit realen Dokumenten, Personen und Zeitungsauszügen durchwirkten Roman als eine Erzählung, die ihr Titelthema, den Verrat, nicht nur behauptet, sondern in der eigenen Form durchführt: Er zeigt, wie Slocombe Chronik und Fiktion so ineinandermontiert, dass Geschichtsschreibung selbst als Konstruktion sichtbar wird, wie mit der Nebenfigur Paul-Jean Husson ein Verweis auf den eigenen früheren Roman "Monsieur le Commandant" die Erzählung in eine größere, sich selbst kommentierende Werkwelt einbettet, und wie Körpermetaphorik, Raumaufteilung zwischen Paris und Vichy sowie eine minutiös getaktete Zeitstruktur einer schroffen Schlussthese zuarbeiten: Am Ende steht keine Gerechtigkeit zwischen Schuld und Widerstand, sondern ein Archiv aus Stimmen, das die Ironie eines Sommers festhält, in dem sich ein Land selbst verlor, ohne es zunächst zu bemerken.]]></description>
		
		
		
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		<title>Reiner Tor und unheilbare Wunde: Parsifal, Mitleid und Rache bei Dimitri Bortnikov</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2026 02:31:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Dimitri Bortnikov]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9782743671655-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9782743671655-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9782743671655.jpg 369w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />In Dimitri Bortnikovs Roman "Tombeau de Parsifal" (Rivages, 2026) kehrt ein namenloser Ich-Erzähler nach zwanzig Jahren aus Paris, wo er einen todkranken Freund durch eine Kette von Hospitälern begleitet, in seine russische Heimatstadt Samara zurück, um den Tod seiner Mutter – einer Ärztin, die zugleich rettete und heimlich Abtreibungen vornahm – aufzuklären und sich an einer Stadt zu rächen, die sie im Stich ließ; auf dem Weg durch Hunger, Bettelei und eine geisterhafte Zugfahrt begegnet er immer neuen verwundeten Gestalten, findet seine frühere Geliebte nur noch als Grab und vollzieht am Ende, an den Gräbern beider Frauen, an einem fremden, handlosen Kind eine spontane Geste des Mitleids, die den ursprünglichen Racheimpuls still auflöst. Der Aufsatz argumentiert, dass dieser Roman den Parsifal-Stoff nicht nacherzählt, sondern ihn, dem französischen Gattungssinn des Wortes "tombeau" als Widmungsform folgend, gerade dadurch ehrt, dass er dessen Namen im Fließtext verschweigt und stattdessen nur seine tragende Formel zitiert: die unheilbare Wunde, die auf viele Figuren verteilt wird, und den zunächst blinden, erst durch eigenes Handeln "wissenden" Toren. Diese Gralsformel überlagert sich mit einem zweiten, ihr entgegengesetzten mythischen Skript, dem Hamlet’schen Gespenst, das Gerechtigkeit für einen toten Elternteil einfordert, sodass der ganze Roman als Konkurrenz zweier Trauermodi, Rache und Mitleid, gelesen werden kann, deren Entscheidung nicht durch Reflexion, sondern durch eine einzige, fast beiläufige Geste am offenen Grab fällt. Der Aufsatz verfolgt diese These entlang der Figurenkonstellation, in der eine einzelne Kundry-Figur auf mehrere ambivalente Frauengestalten zersplittert wird, entlang der russischen Prätextur des Textes von der Jurodivyj-Tradition bis zu Dostojewski, und entlang seiner autopoetologischen Selbstbeschreibung als Übersetzung "aus einer toten Sprache in eine lebendige" – und zeigt so, wie aus Schuld, Kälte und Rachedurst durch eine einzelne Handlung reiner Zuwendung etwas wie Erlösung entstehen kann, ohne dass diese je triumphal oder vollständig wäre.]]></description>
		
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		<title>Das Unwillkürliche bei Péter Nádas und Marcel Proust</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/26/das-unwillkuerliche-bei-peter-nadas-und-marcel-proust/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Aug 2026 19:06:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Proust]]></category>
		<category><![CDATA[Péter Nádas]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="189" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Nadas_Peter_1984-189x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Nadas_Peter_1984-189x300.jpg 189w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Nadas_Peter_1984.jpg 572w" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" />Anlässlich des Todes von Péter Nádas untersucht dieser Essay, was seinen Roman "Buch der Erinnerung" mit Marcel Prousts "Recherche" verbindet und was sie trennt. Ausgangspunkt ist eine sprachliche Auffälligkeit: Wo Proust von 'mémoire involontaire' spricht, verwendet auch Nádas auffällig oft das Wort 'unwillkürlich' – doch während es bei Proust aus der Gegenwart in eine gerettete, zeitlose Vergangenheit führt und im Entschluss zum Schreiben mündet, bleibt es bei Nádas meist an den Körper und den erzählten Augenblick gebunden und legt eher Verdrängtes und Beschämendes frei als eine Erlösung. Von diesem Kernbefund aus verfolgt der Essay weitere Linien: die zerfallende, "parallele" Erzählinstanz des ungarischen Romans gegenüber Prousts sich zur Einheit verdichtendem Ich, die gegensätzlichen Bilder für männliches Begehren jenseits der Norm – Hermaphroditos bei Nádas, die Orchideen-Metaphorik bei Proust –, die Funktion der Eifersucht sowie, in einem eigenen Kapitel, eine deutsch-französische Dimension: Nádas' Figur Melchior, Sohn eines hingerichteten französischen Kriegsgefangenen, findet ihr Gegenstück in Prousts Baron de Charlus, der sich, "durch seine Herkunft" den Deutschen verbunden, im Ersten Weltkrieg zu offener Kaisertreue bekennt. Der Essay endet mit der These, dass Proust dem Unwillkürlichen vertraut, weil es die verlorene Zeit rettet, während Nádas ihm misstraut, weil er weiß, wie viel der Körper preisgibt, ohne gefragt zu werden – ein Verfahren des Zweifels an sich selbst, nicht der Selbstvergewisserung.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Umkehrung und Exotisierung: Die Konstruktion schwarzer Männlichkeit bei Marie Darrieussecq</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Aug 2026 04:52:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2013]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Marie Darrieussecq]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81DLnd3By1L._SL1500_-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81DLnd3By1L._SL1500_-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81DLnd3By1L._SL1500_-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81DLnd3By1L._SL1500_-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81DLnd3By1L._SL1500_.jpg 911w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Marie Darrieussecqs mit dem Prix Médicis ausgezeichneter Roman "Il faut beaucoup aimer les hommes" (2013) erzählt die Passion der französischen Schauspielerin Solange für den kamerunisch-kanadischen Schauspieler und Regisseur Kouhouesso, der mitten in Hollywood eine Verfilmung von Joseph Conrads "Heart of Darkness" im Kongo plant und schließlich dreht – eine Liebesgeschichte, die von Los Angeles über Paris bis in den äquatorialen Regenwald führt und in einer Kinopremiere endet, bei der Solange entdeckt, dass sämtliche ihrer Szenen aus dem fertigen Film herausgeschnitten wurden. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Roman als literarische Verhandlung einer offenen Frage: Kehrt der Text, indem er eine weiße Frau einen schwarzen Mann in der Rolle des exotisierten, begehrten Anderen zeigen lässt, lediglich das klassische koloniale Begehrensmuster um und stellt damit Symmetrie her – oder wiederholt er, unter dem Deckmantel weiblicher Emanzipation, eine Sexualisierung schwarzer Männlichkeit, die selbst an rassistische Denkfiguren rührt? Der Aufsatz argumentiert, dass Darrieussecq keine der beiden Antworten gibt: Der Text legt den Mechanismus der Exotisierung durch Solanges eigene Wahrnehmung offen, verweigert zugleich aber jede bequeme Gleichsetzung von Geschlechter- und Rassenhierarchie – und bleibt gerade in dieser Unabgeschlossenheit literarisch und politisch aufschlussreich.]]></description>
		
		
		
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		<title>Erbschaft, Verrat und die Wiederaneignung der Stimme: Hemley Boum</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Aug 2026 04:18:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Hemley Boum]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11351-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11351-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11351-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11351-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11351-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11351-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11351.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Aufsatz nimmt seinen Ausgang bei einer Fahrstunde und endet bei der Frage, ob sich Schuld vererben und trotzdem annehmen lässt. Er liest Hemley Boums "Nos vies sauvages" nicht als politischen Thriller, sondern als leises Verhör der eigenen Herkunft, und verfolgt dabei, wie eine inhaftierte Anwältin, eine Geheimdienstkommissarin und eine Mutter mit einem Geheimnis sich gegenseitig zu Komplizinnen werden, während die Männer des Romans mit Titeln, Uniformen und großen Reden beschäftigt sind. Sechs Deutungslinien, von der Fahrmetaphorik der Anfangsszene über die Vielstimmigkeit bis zur verdeckten Regentschaft der Frauen, laufen am Ende in einer Volte zusammen, die man nicht erwartet: Freiheit findet die Erzählerin nicht in der Flucht, sondern darin, ein korruptes Erbe anzunehmen. Gerade weil der Roman auf eindeutige moralische Zuschreibungen verzichtet und niemandem, weder dem geliebten Vater noch der bewunderten Jugendliebe, die eigene Verstrickung erspart, entfaltet er eine Genauigkeit im Umgang mit Schuld und Zuneigung, die über den kamerunischen Einzelfall hinausweist.]]></description>
		
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		<title>Männlichkeit zwischen Vater und Sohn: Patrice Robin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/25/maennlichkeit-zwischen-vater-und-sohn-patrice-robin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Aug 2026 16:24:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Patrice Robin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="181" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/files-9-181x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/files-9-181x300.jpeg 181w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/files-9-619x1024.jpeg 619w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/files-9-768x1271.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/files-9-928x1536.jpeg 928w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/files-9-1237x2048.jpeg 1237w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/files-9.jpeg 1256w" sizes="auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px" />Patrice Robins Roman "Les Muscles" (P.O.L., 2001) erzählt eine genealogische Geschichte der Männlichkeit, die nirgends explizit ausspricht, worüber sie handelt: Ein Junge namens Victor wird als "Sardine" gedemütigt, weil er eine Gasflasche nicht heben kann – eine Zurückweisung, die ihn zu jahrzehntelangem, nächtlichem Training in der väterlichen Garage treibt, wo er mit improvisierten Hanteln und einer bestellten Fernkurs-Methode versucht, den Körper zum Medium einer nie ausgesprochenen Liebe zu machen. Der Roman führt diese Geschichte bis zur Erwachsenenzeit, wo Victor Taï-chi-chuan praktiziert (eine Philosophie der Weichheit, die alles lehrt, was sein bisheriges Krafttraining verweigert), eine rätselhaft nie diagnostizierte Leistenschmerz entwickelt und parallel den Krebstod seines Vaters miterlebt – von der obsessiven medizinischen Vermessung des eigenen scheiternden Körpers bis zur stillen Pflege des abgemagerten sterbenden Vaters. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass dieser Roman durch eine fünfschichtige Analytik zu lesen ist: Der Körper fungiert als Sprache zwischen sprachlosen Männern; der muskulöse Panzer verkörpert die Abwehr von Sterblichkeit; die Dreiteilung (Les Efforts – Les Blessures – Les Soins) zeichnet eine emotionale Trauerbewegung nach; die medizinische Odyssee ironisiert das Vermessungssystem, das nie das eigentliche Leid trifft; und das Taï-chi-chuan stellt ein daoistisches Gegenmodell zur westlichen Kraftkultur dar, ohne dabei einfach zu siegen. Die formale Poetik des Romans – anatomische statt chronologische Gliederung, plusquamperfektlastige Syntax, verschränkte Erzählstränge – verkörpert dabei selbst die Struktur des Loslassens, die das Buch thematisiert. Besonders evident wird dies in der Gegenüberstellung von Anfang (Zurückweisung: "Verschwinde, Sardine!") und Ende (Einladung: "Komm, mein kleiner Mann"), die die gesamte Transformation von Kraft zu Zärtlichkeit, von Kontrolle zu Verletzlichkeit fasst – eine Transformation, die nicht als Erlösung, sondern als Form der Resilienz lesbar ist, jener "äußersten Weichheit", die es erlaubt, weiterzuleben, wenn Kraft versagt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Assoziationsraum Troja: Olivier Rolin</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Aug 2026 01:19:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Olivier Rolin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11249-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11249-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11249-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11249-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11249-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11249-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/G11249.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Wenn Ulixes den kleinen Astyanax von den Mauern Trojas stürzt, damit "keiner von ihnen dem Abgrund des Todes entkomme, nicht einmal der Knabe im Leib seiner Mutter", und wenn, gut dreitausend Jahre später, vor einer Geburtsklinik in Mariupol ein Bombenkrater eine schwangere Frau mit ihrem ungeborenen Kind tötet, zitiert Olivier Rolin nicht bloß eine Parallele, sondern denselben Satz wörtlich: So beginnt sein 2026 bei Gallimard erschienenes Buch "La guerre éternelle", das sich selbst nicht Roman, sondern „Souvenirs de Troie" nennt: eine Erkundung der türkischen Troas, in der die Lektüre der Ilias, eigene Reisenotizen und die Erinnerung an die im belagerten Sarajevo kennengelernte Schauspielerin Jane sich mit den Zerstörungen von Smyrna 1922, den Dardanellen 1915, Berlin 1945, Srebrenica, Sindschar, Tschibok, Mariupol, Gaza und dem Sudan verschränken, bis das letzte Kapitel in der Dunkelheit des hölzernen Pferdes endet, kurz bevor der Untergang beginnt. Der vorliegende Aufsatz liest dieses Buch nicht als eine dem Roman fremd gebliebene Form, sondern nimmt seine Gattungsverweigerung selbst als Argument ernst: Raum und Zeit erscheinen als Palimpsest, in dem an ein und demselben Strand Bronzezeit, Antike und Gegenwart übereinanderliegen; die Figuren gliedern sich in ein wiederkehrendes Muster aus plündernden Männern und gefangenen, klagenden Frauen; und ein dichtes Gewebe aus antiken Tragikern, klassischer und moderner Dichtung, Malerei, Film und Fotografie zeigt, dass Gewalt immer schon durch Bilder vermittelt ist, bevor sie in Sprache gefasst wird. Den Schlüssel zu dieser Poetik liefert die Rahmenkomposition selbst: Während das Buch mit dem Rückblick auf eine bereits vollzogene Katastrophe beginnt, endet es im Modus der bloßen Erwartung, unmittelbar vor dem Angriff – eine Umkehrung, die nicht behauptet, sondern vorführt, dass der "ewige Krieg" kein Bild, sondern eine wiederkehrende Struktur der Geschichte ist.]]></description>
		
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		<title>Der Universalismus als uneingelöstes Versprechen: Souleymane Bachir Diagne</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/24/der-universalismus-als-uneingeloestes-versprechen-souleymane-bachir-diagne/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Aug 2026 17:01:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Souleymane Bachir Diagne]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="197" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71kbbqHHKPL._SL1500_-197x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71kbbqHHKPL._SL1500_-197x300.jpg 197w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71kbbqHHKPL._SL1500_-674x1024.jpg 674w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71kbbqHHKPL._SL1500_-768x1167.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71kbbqHHKPL._SL1500_.jpg 987w" sizes="auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px" />Ob im Umgang mit Pandemien, Klimakrise oder globalen Migrationsbewegungen – überall dort, wo Menschen verschiedener Herkunft gezwungen sind, gemeinsame Regeln, Institutionen und Verantwortlichkeiten auszuhandeln, stellt sich die Frage, wie ein Universelles entstehen kann, das nicht die Sprache der einen über die anderen stülpt, sondern im wechselseitigen Übersetzen und Anerkennen wirklich alle einschließt. Souleymane Bachir Diagnes "Universaliser" (Albin Michel, 2024) unternimmt eine Rettung des Universellen, indem es dessen Krise historisch erklärt statt sie zu beklagen: Der Autor unterscheidet den europäisch-imperialen Universalismus als partikulare "Legende" von der Menschheit selbst als dem "ersten Universellen" und verfolgt in sechs Kapiteln – vom Napoleon-Gemälde über Simone Weil, Senghor und Césaire bis zu Merleau-Pontys "lateraler Universalität" und schließlich Ubuntu als Antwort auf den Afropessimismus – wie aus der Dekonstruktion dieser Legende die Formel "entwestlichen, um zu universalisieren" hervorgeht. Die Rezension folgt dieser Bewegung nicht nur nach, sondern macht ihre eigene Argumentationsstruktur zum Gegenstand der Würdigung: Sie zeigt überzeugend, dass der eigentliche Ertrag des Buchs in der Verschiebung vom Substantiv zum Verb liegt, vom Universalismus als Lehrgebäude zum Universalisieren als nie abgeschlossener Praxis der Übersetzung, und dass Diagnes genealogisches, seminaristisches Verfahren – dichtes Zitieren, close reading, das Zu-Wort-kommen-Lassen auch abgelehnter Positionen – diese These performativ einlöst. Zugleich verzichtet die Rezension nicht auf kritische Distanz: Sie benennt die begriffliche Unschärfe, die aus dem assoziativen Aufbau resultiert, den engen französisch-afrikanischen Erfahrungsraum, der lateinamerikanische und feministische Traditionen nur streift, sowie den auffällig ungebrochenen Optimismus des Schlusskapitels angesichts der sozialen Realität im postapartheidischen Südafrika – und verortet diese Einwände präzise dort, wo eine mögliche Fortsetzung des Buchs ansetzen müsste, nämlich bei der institutionellen Übersetzung eines philosophisch gewonnenen Prinzips.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Architekt, der nicht existiert: Viollet-le-Duc, Notre Dame und Aurélien Bellanger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Aug 2026 00:27:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Aurélien Bellanger]]></category>
		<category><![CDATA[Victor Hugo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-35-300x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-35-300x300.jpeg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-35-150x150.jpeg 150w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-35-50x50.jpeg 50w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-35-80x80.jpeg 80w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-35.jpeg 554w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Aurélien Bellangers Roman "L'architecte de Notre-Dame" (Actes Sud, 2026) eröffnet mit einer Verneinung: Der Architekt der Kathedrale existiert nicht, obwohl Viollet-le-Duc, der größte Restaurator seiner Zeit, dennoch als historische Figur die Rahmenhandlung dominiert. Der Roman verschränkt zwei ineinander greifende Erzählstränge – das Reisejournal eines greisen, namenlosen Landpfarrers aus dem Jahr 1879, der als junger Spitzel Viollet-le-Ducs Sekretär war, und die heterodiegetische Biographie des jungen Ancelin, Steinmetzlehrling, Kathedralenrestaurator und schließlich Ritter einer neofeudalen katholischen Ordnung, dessen Weg bis zur Wiedereinweihung von Notre-Dame nach einem Brand im Jahr 2019 und einer dystopischen Nahzukunft mit wiedergewähltem amerikanischen Präsidenten führt. In dieser Konstellation antwortet Bellanger unmittelbar auf Victor Hugo: Während Hugo in "Notre-Dame de Paris" (1831) die Kathedrale als anonymes Kollektivwerk feiert – "die Zeit ist der Baumeister, das Volk der Maurer" – und diese anonyme Autorialität als historischen Fortschritt von der Theokratie zur Demokratie deutet, kehrt Bellanger die Bewegung um. Bei ihm führt die Negation des einzelnen Architekten nicht zur Emanzipation des Volkes, sondern zu einer Vermehrung konkurrierender, sich gegenseitig überwachender Autoren und zu einer Theorie der Kathedrale als Waffe neoreaktionärer Macht. Hugo selbst erscheint dabei als literarische Figur im Roman: In einer grotesken Episode baut der greise Dichter mit dem Pfarrer aus Walknochen eine behelfsmäßige Kathedrale – eine Szene, die Hugos eigene Metaphorik literalisiert und zugleich ihrer romantischen Unschuld beraubt. Der Roman wird dadurch selbst zum denkmalpflege-theoretischen und politischen Text: Er analysiert Restaurierung nicht als Rekonstruktion von Authentizität, sondern als Akt der Neuschöpfung unter dem Deckmantel der Treue – eine Logik, die sich von Viollet-le-Ducs Mittelalterfantasien bis zur "Théorie de la cathédrale" der extremen Rechten durchzieht, und die Hugos liberale Vision der Kathedrale als Ort der Vergangenheit in ihr faschistisches Gegenteil verkehrt. Die Interpretation liest den Roman als Reflexion über Autorschaft, Verdacht und die Kontrolle historischer Deutung: In einer Struktur der Mise-en-abyme offenbart sich die angebliche Gegenwartsfiktion als mögliche Erfindung des 1879 schreibenden Erzählers; die neoreaktionäre Zukunft wird als konsequente Logik der patrimoine-Kontrolle lesbar; und die zentrale Formel "Restaurierung eines Viollet-le-Duc statt Restaurierung im Stil Viollet-le-Ducs" wird zur Chiffre dafür, wie politische Macht sich heute durch die Auslöschung der Grenze zwischen Simulation und Original artikuliert. Der Roman antizipiert keine abstrakten ideologischen Szenarien, sondern beschreibt präzise, wie faschistische Intelligibilität sich an Bauwerken, Archiven und dem Recht auf Namensgebung festmacht – an den Materialien und Diskursen also, die Hugo noch für die Erneuerung der Republik zu nutzen hoffte.]]></description>
		
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		<title>Kreuzungen eines sefardischen Pikaro: Olivier Guez</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Aug 2026 04:09:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Olivier Guez]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="212" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71XZvmaNe9L._UF10001000_QL80_-212x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71XZvmaNe9L._UF10001000_QL80_-212x300.jpg 212w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71XZvmaNe9L._UF10001000_QL80_.jpg 706w" sizes="auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px" />Olivier Guez' "Les révolutions de Jacques Koskas" (2014, dt. 2020) erzählt die pikareske Bildungsgeschichte eines sefardischen Journalisten aus dem als Straßburg erkennbaren „S.", der über Paris, Rio und Berlin bis nach Haifa taumelt und dabei eine erotisch-politische Theorie sexueller Befreiung entwickelt, die der Roman zugleich ernst nimmt und der Lächerlichkeit preisgibt; als roman croisé erweist sich der Text nicht durch eine versöhnliche Behandlung des deutsch-französischen Verhältnisses, sondern dadurch, dass dieses Verhältnis die Form von innen organisiert – in der gespiegelten Konstellation der sefardischen Koskas und der großbürgerlichen, NS-belasteten von Schwarzenbeck, in der eigenen mütterlichen Familie der Scholem, die selbst zwischen aschkenasischem Ursprung und Schoah-Erfahrung steht, in einer ständig zwischen Hebräisch, Deutsch und Business-Jargon wechselnden Sprache und in einer Erzähltechnik der wörtlichen Parallelführung, die im Epilog die Achse Frankreich–Deutschland auf den israelisch-palästinensischen Konflikt überträgt, wenn Jacques' letzte heimliche Versuchung im selben Satzrhythmus wie das Attentat des jungen Palästinensers Ziad erzählt wird. Berlin selbst erscheint dabei doppelt besetzt: als Ort der Selbstauslöschung und Neuerfindung, dessen Umbau-Baustellen und Retro-Futurismus Jacques' eigenen Versuch spiegeln, sein bisheriges Leben abzustreifen, und zugleich als Bühne zweier unversöhnter Milieus – des Post-Wende-Subkultur-Berlins um Ana und des großbürgerlich-hochkulturellen Berlins um Frauke –, wobei gerade diese Stadt, in der die leichte Ironie des Romans an ihre Grenze stößt, das Vergessen verspricht, das sie durch die Weihnachtsbegegnung der Familien und deren NS-Vergangenheit zugleich unterläuft.]]></description>
		
		
		
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		<title>Kommende Gemeinschaft: androgynes Beharren bei Nina Bouraoui</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Aug 2026 02:57:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Nina Bouraoui]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71qsxP5XxL._AC_SL1500_-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71qsxP5XxL._AC_SL1500_-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71qsxP5XxL._AC_SL1500_-649x1024.jpg 649w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71qsxP5XxL._AC_SL1500_-768x1211.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71qsxP5XxL._AC_SL1500_.jpg 951w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />In "Championne" (JC Lattès, 2026) erzählt Nina Bouraoui, in einem langen, an ein imaginäres "vous" gerichteten Monolog, von einer androgynen Jugendlichen, die Abend für Abend Bälle gegen eine Mauer schlägt, um einem Alltag zwischen gewalttätigem Vater, besitzergreifender Mutter, einer an einen gefährlichen Mann gebundenen Schwester und einem namenlos bleibenden, offen frauenfeindlichen Land zu entkommen, während sie sich, jenseits eines imaginären Bergs, ein "Monde des femmes" erträumt, in dem auch androgyne Körper einen Platz hätten; der Aufsatz argumentiert, dass die eigentliche Leistung des Romans nicht in seiner Handlung, sondern in seiner Form liegt, und verfolgt diese These entlang vier Leitfragen zum Verhältnis von sportlichem Training und psychischer Anerkennungssuche, zur namenlosen Figurenkonstellation, zur Funktion einer sich ihrer eigenen Unwahrscheinlichkeit bewussten Utopie und zum Verhältnis von gesprochenem Zeugnis und geschriebenem Buch, indem er zunächst die Poetik der Wiederholung und die homodiegetische Erzählstimme als sprachliche Übersetzung des nie perfektionierbaren Schlagtrainings liest und in einem Exkurs die aktiv inszenierte, über einen zweiten Namen und die franko-algerische Zerrissenheit hergestellte Androgynie der Erzählerin in Bouraouis frühem Buch "Garçon manqué" der ungespaltenen, körperlich gegebenen und auf eine zukünftige Gemeinschaft hin geöffneten Androgynie in "Championne" gegenüberstellt, um sodann die Figurenkonstellation um Vater, Mutter, Trainer und gedemütigte Gärtnerstochter als Ordnung von Blicken und Geschlechterhierarchien, Raum- und Zeitstruktur als Übersetzung von Blutsbanden und einer ins Allgemeine geöffneten Gewaltgeographie sowie die autopoetologische Verschränkung von halluzinogener Pflanze, Zeugenschaft und Anrede als Selbstentwurf des Romans zur sprachlichen Rettung zu deuten.]]></description>
		
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		<title>Das Monster an der Tür: häusliche Gewalt und unausgesprochenes Begehren bei Jean-Baptiste Del Amo</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Aug 2026 07:38:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Baptiste Del Amo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="204" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-33-204x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-33-204x300.jpeg 204w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-33.jpeg 369w" sizes="auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px" />Ein Junge verbarrikadiert sich im eigenen Elternhaus vor einem Wesen, das die Stimme seiner Mutter trägt und an die Tür seines Zimmers hämmert, bis das Krachen von Knorpel und Knochen zu hören ist – so beginnt Jean-Baptiste Del Amos sechster Roman "La nuit ravagée" (2025), der in Saint-Auch bei Toulouse in den frühen 1990er Jahren fünf Jugendliche – Max, Tom, Mehdi, Alex und Léna – um ein verlassenes Haus am Ende einer Sackgasse versammelt, das seit dem rätselhaften Tod ihres Freundes Simon Laval eine unheimliche Anziehungskraft ausübt und sich, wie sich zeigt, aus der Trauer, den Ängsten und dem Begehren der Jugendlichen selbst speist, um daraus immer überzeugendere Repliken ihrer Angehörigen zu erschaffen, bis die Gruppe in einer nächtlichen Konfrontation mit Feuer gegen die Kreaturen kämpft und aus dem brennenden Haus flieht: ein Sieg, dessen letzter, unheimlich in der Schwebe gelassener Satz jede einfache Erlösung verweigert. Der Aufsatz argumentiert, dass Del Amo mit dem scheinbaren Genrewechsel vom historischen Libertinage-Roman und der postkolonialen Pornographie zum amerikanisch grundierten Teen-Horror keineswegs bricht, sondern seine bisherige Poetik konsequent zuspitzt: Wo "Une éducation libertine" und "Pornographia" den erwachsenen, sexuell ausgebeuteten oder ausbeutenden Körper zeigen, zeigt dieser Roman den Körper des Kindes, das die eigene Familie als Ursprungsort des Schreckens erkennt, und entfaltet diese These entlang der Gattungswahl und ihrer poetologischen Funktion, der konkreten Spannungs- und Horrorstrategien des Textes, der Erzählweise und den Formen der Rede – insbesondere der Latenz von Max' unausgesprochenem Begehren –, der Raum- und Zeitstruktur zwischen Sackgasse und Treibhaus sowie eines abschließenden Vergleichs mit den beiden früheren Romanen, der zeigt, wie alle drei Bücher, trotz denkbar verschiedener Kulissen, dieselbe Frage verhandeln: welche literarische Form es braucht, um männliche Gewalt und männliches Begehren erzählbar zu machen, ohne sie zu verharmlosen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Esprit und Fleisch: Libertinage und Pornographie bei Jean-Baptiste Del Amo</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Aug 2026 04:24:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2008]]></category>
		<category><![CDATA[2013]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Gabrielle Wittkop]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Baptiste Del Amo]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Jacques Rousseau]]></category>
		<category><![CDATA[Pascal Quignard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71IvWtKisjL._UF10001000_QL80_-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71IvWtKisjL._UF10001000_QL80_-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71IvWtKisjL._UF10001000_QL80_.jpg 607w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Zwischen Libertinage als kultivierter, gesellschaftlich codierter Transgression und Pornographie als deren entkleideter, ökonomisch nackter Form entfaltet Jean-Baptiste Del Amo zwei Bewegungen, die sich in der Mitte kreuzen: In "Une éducation libertine" (2008) verlässt der siebzehnjährige Gaspard das bretonische Quimper, um im Paris des Jahres 1760 unter der Anleitung des Grafen Étienne de V. eine gesellschaftliche Karriere als Libertin zu durchlaufen, die ihn vom Perückenmacherlehrling zum Ehemann einer Grafentochter macht – während sein Körper parallel zu diesem Aufstieg zunehmend von Krankheit, Schweiß und Verwesung gezeichnet wird, bis der Roman in der Selbstuntersuchung seiner eigenen Eingeweide und einem offenen, von der manipulativen Stimme seines einstigen Mentors dominierten Epilog endet. In "Pornographia" (2013) irrt ein namenloser homosexueller Rückkehrer am Abend eines Begräbnisses durch die Elendsviertel einer karibischen Hafenstadt, besessen von der Erinnerung an einen giton, dessen Bild sich über jedes andere junge männliche Gesicht der Stadt legt, bis der Roman mit dessen verwesendem Leichnam am Straßenrand und der wortgleichen Wiederholung seines Anfangssatzes in sich selbst zurückkehrt. Der Aufsatz liest beide Bücher als zwei Bewegungen, die sich in der Mitte kreuzen: "Une éducation libertine" beginnt als Hommage an den geistreichen, gesellschaftlich codierten Libertinage-Roman des achtzehnten Jahrhunderts und verliert dessen esprit zunehmend an eine Ästhetik der körperlichen Abjektion, während "Pornographia" von der im Titel angekündigten nackten Direktheit der Pornographie fortstrebt und sich, über Zitat, Mythos und Bildsprache, zu einer hochliterarischen, fast liturgischen Dichtung des Körpers erhebt – ein Gattungschiasmus, den der Aufsatz anhand von sieben aufeinander verweisenden Zugängen entfaltet: der physiologischen Wahrheit des Körpers gegen gesellschaftlichen Schein, der Pädagogik als Zurichtung zur Ware, der Poetik und Intertextualität der Gattung selbst, der Stadt als politisch-historischer Diagnose, der zirkulären Zeitstruktur zwischen Anfang und Schluss, der Blickökonomie der Geschlechter sowie der Komplizenschaft, in die beide Texte ihre Leserschaft ziehen – und zeigt an ihrem Ende, dass Begehren, Macht und Ökonomie bei Del Amo nie in gesellschaftlichen Formeln aufgehen, sondern zuletzt immer am Körper selbst ablesbar werden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Beirut-Fiktion: Die Stadt, die sich selbst nicht lesen kann – Camille Ammoun und Jorge Luis Borges</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Aug 2026 04:02:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Camille Ammoun]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="212" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/51gr9zFMvKL-212x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/51gr9zFMvKL-212x300.jpg 212w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/51gr9zFMvKL.jpg 510w" sizes="auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px" />Ougarit Jérusalem, ein aus dem inzwischen zerstörten Aleppo stammender Urbanologe, wird nach Dubai gerufen, um einer erst wenige Jahrzehnte alten Stadt eine „Seele" zu verschaffen – ein Auftrag, der sich rasch mit der Suche nach einem literarischen Wundergegenstand verbindet, dem Aleph aus Jorge Luis Borges' gleichnamiger Erzählung, das angeblich erlaubt, alle Punkte einer Stadt gleichzeitig zu sehen. Zwischen Kunstmarkt, Sicherheitsapparat und Schmuggelnetzwerken verstrickt, gerät Jérusalem in eine Katastrophe, die ihn über Beirut zurück nach Paris treibt, wo sich am Ende zeigt, dass das gesuchte Objekt nicht gefunden, sondern geschrieben werden muss – der Roman, den man liest, ist sein eigenes Ergebnis. "Ougarit" zeichnet Beirut dabei bereits als eine Stadt, die ihre Wunden sichtbar trägt und gerade im Wechsel von Zerstörung und Erneuerung ihre Widerstandskraft gewinnt – ein melancholisches Bild, das Ammoun ein Jahr später in seinem Bericht "Octobre Liban" zum politischen Porträt derselben Stadt im Aufstand weiterschreibt. Der Aufsatz liest diese Volte nicht nur als Pointe, sondern als Bauprinzip des gesamten Textes: Er zeigt, wie Gattungsmischung, Figurenkonstellation und Erzählstimme, aber auch die Rückbindung an Borges' Erzählungen "El Aleph" und "El Zahir" sowie der Vergleich mit Ammouns späterem Bericht "Octobre Liban" gemeinsam die These stützen, dass sich totales Wissen über eine Stadt durch kein einzelnes Mittel – Mystik, Politik, Überwachung – erreichen lässt, sondern nur durch eine selbst hybride, mehrfach ansetzende Schreibbewegung, die ihr eigenes Scheitern in Literatur verwandelt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Ein Besitz, der nicht mehr ausgesprochen wird: Catherine Clément</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Aug 2026 04:38:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Catherine Clément]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61En31PO7iL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61En31PO7iL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61En31PO7iL-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61En31PO7iL-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61En31PO7iL-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61En31PO7iL-1398x2048.jpg 1398w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61En31PO7iL.jpg 1653w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Catherine Cléments "L'Allemand de ma mère" (2023) erzählt, wie die junge jüdisch-ukrainische Apothekerin Raymonde Gornick 1937 den katholischen Yves Clément heiratet und wie ihre Familie – zwischen Paris und dem Loire-Dorf Le Thoureil, zwischen „Kristallnacht“ , Vichy-Gesetzen, Deportation und Befreiung – durch den Zweiten Weltkrieg kommt, begleitet von der janusköpfigen Figur des deutschen Arztes Samuel Schütz, der sich zunächst als verfolgter jüdischer Flüchtling ausgibt, dann aber als Stabsarzt der Abwehr im besetzten Paris auftaucht und, als „falscher Samuel“, Raymonde immer wieder warnt und schützt, ohne dass je ganz klar würde, ob er Retter oder Agent, Freund oder Werkzeug des Vernichtungsapparats ist; parallel dazu verfolgt der Roman in kurzen, vorsprachlichen Passagen, wie das ungeborene und dann kleine Kind Catherine – die Erzählerin, benannt wie die Autorin selbst – ein eigenes Ich entwickelt, bis sie am Ende, nach der Ermordung der Großeltern in Auschwitz und der Geburt eines Bruders im Mai 1945, die Geschichte selbst in der ersten Person weitererzählt. Der Aufsatz liest diesen Roman als „roman croisé“, weil er Deutschland und Frankreich nicht als benachbarte Räume, sondern als ineinander verschränkte, einander durchdringende Wirklichkeiten zeigt: Deutsch ist die Sprache, die Raymonde einst fließend sprach und nach dem Krieg für immer verstummen lässt, und zugleich der eine, gespaltene Mann, bei dem sich Rettung und Bedrohung nicht trennen lassen; formal spiegelt sich diese Verschränkung in einer datierten, fast annalistischen Kriegschronik, die immer wieder von einer ganz anderen, körperlich-kindlichen Zeitlichkeit unterbrochen wird, sodass der Roman am Ende weniger eine abgeschlossene Geschichte als eine unabschließbare Übersetzungsarbeit zwischen Sprachen, Generationen und Loyalitäten hinterlässt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Gestein, Wasser, Ursprung, Zivilisation: Fernand Braudels Mittelmeer</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/18/gestein-wasser-ursprung-zivilisation-fernand-braudels-mittelmeer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Aug 2026 22:23:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Reserve]]></category>
		<category><![CDATA[Fernand Braudel]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/braudel-titelbild-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/braudel-titelbild-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/braudel-titelbild-666x1024.jpg 666w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/braudel-titelbild-768x1182.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/braudel-titelbild-998x1536.jpg 998w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/braudel-titelbild-1331x2048.jpg 1331w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/braudel-titelbild.jpg 1430w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />In vier kurzen, von Fernand Braudel selbst verfassten Kapiteln entwirft dieser Auszug aus "La Méditerranée: l'espace et l'histoire" ein Bild des Mittelmeers, das von der Geologie bis zur Gegenwart reicht: Zuerst das Gestein, seine Vulkane und sein Klima, dann das Meer als Erfahrungsraum, dessen Weite sich mit der Reisezeit verändert, darauf die Frage nach dem Ursprung der ersten Zivilisationen zwischen Neolithikum und kretischer Palastkultur, und schließlich der Versuch, sechs bis zehn Jahrtausende Geschichte in drei Zivilisationen zu bündeln, die bis zum Suezkanal und zu den Flottenbewegungen des Kalten Krieges reichen. Entstanden 1977, neu aufgelegt 1985 und nun anlässlich der 150 Jahre des Verlags Flammarion neu zusammengestellt, zeigt der Text einen Historiker, der Landschaft, Zeit und Kultur nicht nacheinander abhandelt, sondern in derselben Bewegung zusammendenkt. Der Aufsatz liest diese vier Kapitel nicht nur als Bericht über das Mittelmeer, sondern als Beleg für eine These über Braudels Verfahren selbst: dass die Montage aus großem Bogen und kleinem Detail – ein Obsidiansplitter neben Jahrtausenden der Sesshaftwerdung, ein Herodot-Zitat neben heutiger Kleidung – nicht bloß illustriert, was Braudel behauptet, sondern es im Vollzug des Schreibens vorführt; die gleichzeitige Lesbarkeit mehrerer Zeitgeschwindigkeiten wird so selbst zum Argument. Daraus leitet der Aufsatz seine Deutung ab, dass hier Historiographie zur Kunstform wird, weil Form und Inhalt nicht getrennt werden können.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Verführung des Schönen: Alexandre Najjar und Lilian Auzas über Olympia 1936 und über Leni Riefenstahl</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/18/die-verfuehrung-des-schoenen-alexandre-najjar-und-lilian-auzas-ueber-olympia-1936-und-ueber-leni-riefenstahl/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Aug 2026 09:09:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Alexandre Najjar]]></category>
		<category><![CDATA[Lilian Auzas]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="187" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/617WF7C7ZJL._SL1284_-187x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/617WF7C7ZJL._SL1284_-187x300.jpg 187w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/617WF7C7ZJL._SL1284_-638x1024.jpg 638w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/617WF7C7ZJL._SL1284_-768x1233.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/617WF7C7ZJL._SL1284_.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px" />Wenn in Alexandre Najjars "Berlin 36" (2009) zwanzig Scheinwerfer sich über dem Berliner Olympiastadion zu einer immensen Lichtkuppel erheben, unter der hunderttausend Menschen mit erhobenen Armen das Kampflied der SS singen, während Mädchen in Weiß aus dem Dunkel treten und den scheidenden Fahnenträgern Andenken reichen, dann offenbart sich jene Verführungskraft, der sich auch in Lilian Auzas "Riefenstahl" (2012) ein Kinopublikum nicht zu entziehen vermag: Beim Anblick von "Triumph des Willens" erstarrt der Saal zunächst, dann will der Beifall nicht enden, denn niemand entzieht sich der Schönheit dieser Bilder. Wie lässt sich Literatur dieser ästhetischen Faszination gegenüber kritisch verhalten, ohne sie zu leugnen oder auf eine ferne Anklage zu reduzieren? Najjars Roman antwortet mit dokumentarischer Breite: Eine Vielzahl von Figuren (die Familie Owens, eine französische Journalistin, ein Jazzmusiker, ein libanesischer Sportfunktionär) widerstehen der nationalsozialistischen Inszenierung durch alltägliche Gesten der Zivilcourage. Auzas hingegen wagt den riskanten Akt, Leni Riefenstahls Innenperspektive nachzuvollziehen und dabei die eigene Anfälligkeit für ästhetische Verführung nicht zu verschweigen. Der Artikel zeigt, wie beide Romane trotz ihrer gegensätzlichen poetischen Verfahren gemeinsam demonstrieren: Widerstand gegen totalitäre Macht wird sowohl als gelebte Praxis alltäglicher Gesten erkennbar als auch dadurch, dass die kritische Reflexion ästhetischer Verführung selbst zur politischen Aufgabe der Literatur gehört.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die mystische Bestie: Kult und Entzauberung der Revolution bei Anatole France</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/18/die-mystische-bestie-kult-und-entzauberung-der-revolution-bei-anatole-france/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Aug 2026 00:37:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Reserve]]></category>
		<category><![CDATA[Anatole France]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="185" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81dVOFC0VOL-185x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81dVOFC0VOL-185x300.jpg 185w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81dVOFC0VOL-633x1024.jpg 633w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81dVOFC0VOL-768x1243.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81dVOFC0VOL-949x1536.jpg 949w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81dVOFC0VOL-1265x2048.jpg 1265w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81dVOFC0VOL.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px" />Der Roman "Les Dieux ont soif" (1912) des Literaturnobelpreisträgers Anatole France erzählt den Weg des Malers Évariste Gamelin, der im Paris der Jahre 1793/94 vom mitfühlenden, aber glühenden Anhänger Marats zum Geschworenen des Revolutionstribunals aufsteigt und binnen Monaten zum unerbittlichen Todesrichter wird – bis er nach dem Sturz Robespierres selbst auf derselben Karre zur Guillotine fährt, die er zuvor unzählige Male hat rollen sehen. Um ihn herum entfaltet der Roman ein Panorama der Terreur: die Liebe zu Élodie Blaise in der empfindsamen Sprache Rousseaus, die stumme, ohnmächtige Mutter, die aus dem Land zurückgekehrte Schwester Julie, die von Évariste mit Denunziation bedroht wird, sowie die Gefängnisfreundschaft des Epikureers Brotteaux und des Mönchs Longuemare, die gemeinsam, gefasst und ohne Illusion, in den Tod gehen. Der Roman endet nicht mit Gamelins Hinrichtung, sondern erst Monate später, im Winter, wenn Élodie sich einem neuen Liebhaber zuwendet und den Ring mit Marats Bildnis achtlos ins Feuer wirft. – Der Aufsatz liest das Buch als politischen Roman, der gerade auf die Anklage Einzelner verzichtet: Anhand von Raum- und Zeitstruktur (die Kirche, die zum Tribunal wird; der Kalender, der zum Glaubensbekenntnis erklärt wird), der berühmten Beschreibung der Geschworenenbank als "mystische Bestie" sowie des Titels selbst (einem geliehenen Wort Camille Desmoulins’, das schon dessen eigenen Weg vom Täter zum Opfer vorwegnahm) zeigt er, wie sich reine Tugend in einer Institution fast unmerklich in Mordmaschinerie verwandelt, ohne dass Gamelin je aufhörte, sich selbst für gerecht zu halten. Ausgehend vom autopoetologischen Doppelgängermotiv von Gamelins eigenem, ihm selbst gleichenden Gemälde verfolgt der Aufsatz zudem, wie der Roman seit seinem Erscheinen 1912 zwischen die politischen Lager geriet – dem sozialistischen Weggefährten France warf man Verrat am revolutionären Gründungsmythos vor, während spätere Leser wie Orwell und Kundera das Buch gerade im Licht der totalitären Gewalt des 20. Jahrhunderts als prophetisch lasen. Was im ersten Kapitel des Romans als feierliche Gründung eines neuen Kultes erscheint, erweist sich am Ende als ebenso auswechselbar wie der alte, sodass die eigentliche Pointe des Romans nicht im Tod des Protagonisten liegt, sondern im Vergessen, das ihm folgt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Tagebuch der Unmöglichkeit und die Erzählung der Trauer: Cesare Pavese und Pierre Adrian im Vergleich</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/17/das-tagebuch-der-unmoeglichkeit-und-die-erzaehlung-der-trauer-cesare-pavese-und-pierre-adrian-im-vergleich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Aug 2026 03:26:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Postille Italiane]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Adrian]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81lPJJsJcdL._AC_UF8941000_QL80_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81lPJJsJcdL._AC_UF8941000_QL80_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81lPJJsJcdL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 683w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Pierre Adrians Roman "Hotel Roma" (Gallimard) folgt einem namenlosen französischen Erzähler, der während der Lockdown-Monate 2020 in Dieppe zu Cesare Pavese findet und diese Lektüre zum Auslöser einer eigenen Italienreise macht: Er durchstreift Turin auf den Spuren des Schriftstellers, besucht den Verbannungsort Brancaleone, das verfallene Fluchthaus der Schwester in Serralunga und schließlich das Hotelzimmer, in dem Pavese sich 1950 das Leben nahm, während parallel eine eigene Liebesgeschichte entsteht; durchgängig collagiert der Text Zitate aus Paveses Tagebuch "Il mestiere di vivere", aus dessen Romanen und Briefen, sodass die Stimme des Toten immer wieder unvermittelt in die eigene Erzählung einbricht. Der Aufsatz argumentiert komparatistisch entlang von sieben Gegensatzpaaren – Fragment gegen Erzählung, Einsamkeit gegen Gemeinschaft, Mythos gegen Enttarnung, Körperzersetzung gegen Sinnlichkeit, ungelöste Krise gegen Trauerarbeit, Erstarrung gegen Reise, Liebesvergeblichkeit gegen Liebeshoffnung –, wobei jede These zunächst einen klaren Kontrast setzt, um ihn im selben Atemzug zu unterlaufen: Adrians vermeintliche Befreiung von Paveses Mustern erweist sich bei genauerem Hinsehen stets als deren gemilderte Wiederholung. Die Pointe des Aufsatzes liegt darin, dass er "Hotel Roma" nicht als Deutung, sondern als Übersetzung einer unlösbaren Krise in eine kommunizierbare Form liest – ein Verfahren, das dem Tagebuch etwas zurückgibt, was es selbst nie besaß: einen Adressaten.]]></description>
		
		
		
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		<title>Helmut Lethens „Verhaltenslehren der Kälte“ und die französische Kunst, Distanz zu wahren</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/16/helmut-lethens-verhaltenshaltenslehren-der-kaelte-und-die-franzoesische-kunst-distanz-zu-wahren/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 16:27:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="183" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/verhaltenslehren-der-kaelte_9783518127766_cover-183x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/verhaltenslehren-der-kaelte_9783518127766_cover-183x300.jpg 183w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/verhaltenslehren-der-kaelte_9783518127766_cover-625x1024.jpg 625w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/verhaltenslehren-der-kaelte_9783518127766_cover.jpg 638w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" />Helmut Lethens (1939-2026) "Verhaltenslehren der Kälte: Lebensversuche zwischen den Kriegen" erzählt, wie sich Menschen in der Zwischenkriegszeit gegen den Zerfall aller Sicherheiten wappneten, indem sie sich selbst in Distanz, Haltung und Maske verwandelten – und die Keimzelle dieser Erzählung ist eine Gefängniszelle: Der Romanist Werner Krauss sitzt 1943 in Plötzensee auf sein Todesurteil wartend und vertieft sich, um die Angst zu bannen, in das barocke "Handorakel" des spanischen Jesuiten Baltasar Gracián – und entdeckt darin eine Lehre der kalten, berechnenden persona, die Lethen daraufhin quer durch die Weimarer Literatur verfolgt, von Serners "Handbrevier für Hochstapler" über Brechts "Lesebuch für Städtebewohner" bis zu Jüngers gepanzertem "Arbeiter". Doch anders als bei Gracián, dessen Maßhalten Krauss selbst an den französischen Moralisten misst, die dem anderen Geschlecht wenigstens eine Stimme ließen, kippt diese Kälte im deutschen Kontext regelmäßig ins Extrem, während Lethen im Rückblick bedauert, sein Buch nicht konsequenter in jene französische Kunst der Distanz eingebettet zu haben, die er später bei Montaigne und, mit einiger Verspätung, bei Proust wiederfindet – eine Kunst, elegant Nähe zu regulieren, ohne sich zu verletzen, die im deutschen Sonderweg selten gelang. Neben der kalten persona entwirft das Buch mit dem Radar-Typ und der Kreatur zwei Gegenfiguren – die eine surft angstfrei durch die neuen Massenmedien, die andere geht an ihnen zugrunde –, bevor das kurze Schlusskapitel mit Brechts "Mutter Courage" zeigt, wohin die Kälte am Ende führt: in die Verlassenheit. Das im Jahr 2022 hinzugekommene Nachwort dreht die eigene These noch einmal um: Lethen räumt ein, dass er bei Plessner ein "Naturrecht auf Wärme" übersehen hatte, und hinterlässt seinen Leserinnen und Lesern damit die offene Frage, ob die Historisierung der Kälte diese eher entlarvt oder ihr am Ende doch einen unverdienten Glanz verleiht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Beirut-Fiktion – die Stadt als Aktenlage, Körper und Bild: Manal Salamé</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/16/beirut-fiktion-die-stadt-als-aktenlage-koerper-und-bild-manal-salame/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 03:46:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Manal Salamé]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71g-uFwvLL._AC_UF8941000_QL80_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71g-uFwvLL._AC_UF8941000_QL80_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71g-uFwvLL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 684w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Manal Salamés Roman "Habibi Beyrouth" (Éditions La Tribu, 2026) erzählt von der Rückkehr der libanesisch-französischen Amal, die nach siebzehn Jahren in Paris für den Erwerb einer libanesischen Identitätskarte nach Beirut reist und aus der geplanten Woche einen Monat werden lässt: Am Flughafen zunächst in die Schlange der Ausländer verwiesen, durchläuft sie mit ihrer Familie einen bürokratischen Parcours über das Moukhtar-Büro und das Standesamt, der sie in ihr väterliches Herkunftsdorf im Süden führt; parallel dazu treffen sie auf ihre Mutter, die Schwester Salma mit deren Tochter, den Jugendfreund Tino, der als Taxifahrer geblieben ist, und den französischen Fotografen Théo, mit dem sich eine kurze Affäre entspinnt. Rückblenden auf Kindheitssommer bei den Großeltern während der neunziger Jahre und ein Epilog im Paris der Zeit nach der Ermordung des Hisbollah-Chefs 2024 rahmen diese Gegenwartshandlung. Der Aufsatz liest den Roman als Verhandlung eines Beirutbilds, das sich in mindestens fünf Dimensionen entfaltet: einer historisch-politischen, in der Mandatszeit, Nationalpakt und Bürgerkriegsgeografie in Verwaltungsakten und Straßennamen fortwirken; einer religiös-symbolischen, in der Konfession als amtlich getilgte, im Alltag aber weiterhin wirksame Kategorie erscheint; einer alltagskulturellen, die Gerüche, Verkehr und Straßenküche zum Austragungsort derselben Konflikte macht, die auf politischer Ebene verhandelt werden; einer metaphorischen, die die Stadt zum Objekt einer verletzenden und zugleich unauflösbaren Liebe erklärt; und einer poetologischen, die Amals Beruf als Fotografin zum Modell der fragmentierten, datierten Erzählstruktur des Romans selbst macht. Der Aufsatz zeigt anhand zentraler Textpassagen, wie diese Dimensionen einander durchdringen, statt sich bloß zu addieren, und wie der Roman gerade in dieser Vielschichtigkeit eine Antwort auf die Frage verweigert, ob es ein einziges, verbindliches Beirut überhaupt geben kann.]]></description>
		
		
		
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		<title>Hundert Jahre „Esprit und Geist“ (1927) von Eduard Wechßler: eine kritische Lektüre</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/15/hundert-jahre-esprit-und-geist-1927-von-eduard-wechssler-eine-kritische-lekture/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Aug 2026 06:48:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Eduard Wechßler]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="164" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/esprit-geist-300x164.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/esprit-geist-300x164.jpeg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/esprit-geist-1024x559.jpeg 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/esprit-geist-768x419.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/esprit-geist.jpeg 1408w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />2027 jährt sich das Erscheinen von Eduard Wechßlers "Esprit und Geist. Versuch einer Wesenskunde des Deutschen und des Franzosen" zum hundertsten Mal – Anlass genug, das 604 Seiten starke Werk, das 1927 mitten in der französischen Rheinlandbesetzung erschien, noch einmal genau zu lesen. Wechßler, damals Ordinarius für Romanistik in Berlin, stellt darin deutschen "Geist" und französischen "Esprit" in rund vierzig antithetischen Paaren gegenüber, gegliedert nach Dantes Jenseitsarchitektur in ein "Erstes Buch" der zu überwindenden "Erdgeister" (Inferno) und ein "Zweites Buch" der "helfenden Geister" (Purgatorio): Der Franzose fürchtet die Natur und sucht das Vergnügen der Gesellschaft, formt seinen Garten geometrisch und erweist in Voltaires Klage über das Erdbeben von Lissabon die Furcht vor der Natur; der Deutsche verehrt die Natur als Schöpfung und malt mit Caspar David Friedrich Berglandschaften, in denen der Mensch klein wird. Der Franzose hat horreur de l'infini, der Deutsche einen Drang ins Unendliche – wobei ausgerechnet die gotische Kathedrale, eine französische Erfindung, als Beleg deutscher Unendlichkeitssehnsucht herhalten muss, ein Widerspruch, den Wechßler nur auflöst, indem er den "schöpferischen Anteil" an der Gotik kurzerhand dem Germanenblut zuschreibt. Genau an solchen Stellen wird die Methode selbst zum Problem: Aus Stadtgründung hier und Einzelhof dort liest Wechßler Geselligkeit gegen Sonderwillen heraus, aus der Unübersetzbarkeit von Wörtern weltanschauliche Differenz, aus einem eigenen Kapitel über vier "Rassen" – mit unbelegten Prozentangaben nach Gobineau und Vacher de Lapouge – einen biologischen Unterbau für alles Übrige; wo ein Gegenbeispiel auftaucht, wird es auf fremdes Blut zurückgeführt oder als Ausnahme abgetan, sodass die These gegen jede Widerlegung immunisiert bleibt. Die Rezension zeichnet diese Verfahren im Einzelnen nach – von der Freiheitsidee Eckharts und Luthers, die gegen die französische Menschenrechtserklärung von 1789 ausgespielt wird, bis zum Frauendienst-Kapitel –, verortet das Buch im völkischen Nationalismus, der zeitgenössischen Rassenanthropologie und dem Revanchismus der Weimarer Republik, zeigt aber auch die Selbstwidersprüche: Wechßler rühmt Frankreichs Widerstand gegen kulturelle Nivellierung als Vorbild, zitiert André Gide zustimmend und mündet im Schlusswort in eine Versöhnungsgeste über das gemeinsame griechische Erbe – ohne den Rahmen ewiger Nationalwesen je zu verlassen. Susanne Dalstein-Paffs Dissertation von 2006 zitiert Victor Klemperer, der dem Buch "faschistische Methode" bescheinigte, dass Benedetto Croce ihm vorwarf, politische Gegensätze in vermeintlich geistige zu verwandeln, und sie zeigt auf, dass Wechßlers Vokabular 1940 direkt in NS-Propagandaschriften einfloss. Wer das Buch heute liest, sollte es also nicht als Auskunft über "die Franzosen" und "die Deutschen" lesen, sondern gegen sich selbst: als Archiv dafür, wie sich Gelehrsamkeit, Sprachgefühl und wissenschaftlicher Anspruch im Weimarer Deutschland in den Dienst einer Erzählung stellen ließen, die nationale Differenz nicht beschreibt, sondern herstellt – und gerade deshalb bleibt "Esprit und Geist" hundert Jahre später ein Lehrstück, nicht über Nationalcharaktere, sondern über die Mechanik ihrer Erfindung.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Frankreich als geistig-imaginäre Konstruktion bei François Sureau</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/15/frankreich-als-geistig-imaginaere-konstruktion-bei-francois-sureau/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Aug 2026 02:20:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[François Sureau]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81JMd3ZtHL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81JMd3ZtHL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81JMd3ZtHL-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81JMd3ZtHL-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81JMd3ZtHL-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81JMd3ZtHL-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81JMd3ZtHL.jpg 1749w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />François Sureaus "L'Or du temps" (2020) – vielleicht nicht zufällig erschienen im selben Jahr, in dem der Autor in die Académie française gewählt wurde – folgt der Seine von ihrer Quelle bis zur Mündung, um nach einem verborgenen Frankreich zu suchen: nicht dem administrativen, kartografischen oder institutionellen, sondern einem zweiten, geistig-imaginären Land, das sich nur in der Überlagerung von Zeiten, in Exil-Erfahrungen, in literarischen Zitaten und in dem Werk des rätselhaften erfundenen Malers Bagramko offenbart. Zentrale Episoden des Romans – Pascals gescheitertes Kutschenprojekt, das egalitäre "Kutschen für alle" zum einheitlichen Preis, die vernichtete Einsamkeit der Jansenisten-Solitaires von Port-Royal, General Mangins imperiale Gewalt und dessen Statuen, die Hitler systematisch zerstören lässt – verkörpern diese Spannung zwischen einem universalen französischen Ideal und seinem wiederkehrenden institutionellen Verrat. Die Figuren des Romans – der Übersetzer und Revolutionär Bazalgette, die russischen und rumänischen Emigranten Grigoriev und Ghyka, der Offizier Brosset, der in der France Libre kämpft – zeigen, dass dieses imaginäre Frankreich sich nicht durch nationale Herkunft, sondern durch die Treue zu einem gefährdeten Geist konstituiert, der sich gerade dort bewährt, wo er sich gegen sein eigenes Land wenden muss. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass Sureau dieses imaginäre Frankreich weder behauptet noch direkt darstellt, sondern durch ein bewusst assoziatives Erzählverfahren performativ erzeugt: als eine kontinuierliche Erzählung, die sich gegen die offizielle Vernunft der Verwaltung setzt. Die Untersuchung zeigt, wie der Roman durch seine Raumstruktur (die Doppelkodierung realer und unsichtbarer Geografien), seine Zeitstruktur (die Überlagerung mehrerer Jahrhunderte an jedem einzelnen Ort), seine intertextuelle Dichte (ein Zitat-Gewebe von Chrétien de Troyes bis Breton) und seine autopoetologische Reflexion (das Verfahren der liebevollen Rekonstruktion und Legendenbildung) ein Bild von Frankreich entwirft, das sich erst im Akt des Erzählens selbst konstituiert – als eine Erzählung, die, wie die Seine, nicht zum Stillstand kommt, solange jemand sie weitererzählt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Männlichkeit in Patrick Modianos Romanen</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/14/maennlichkeit-in-patrick-modianos-romanen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Aug 2026 00:59:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Patrick Modiano]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="260" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/Patrick_Modiano_6_dec_2014_-_23-260x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/Patrick_Modiano_6_dec_2014_-_23-260x300.jpg 260w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/Patrick_Modiano_6_dec_2014_-_23.jpg 554w" sizes="auto, (max-width: 260px) 100vw, 260px" />Männlichkeit erscheint im Werk Patrick Modianos nicht als stabile Identität oder normatives Modell, sondern als Effekt von Verlust, Abwesenheit und nachträglicher Rekonstruktion: Seine männlichen Figuren – Väter, Söhne, Mentoren, Ermittler – sind durch genealogische Unsicherheit, brüchige Autorität und eine grundlegende Passivität geprägt, die sie vom klassischen Ideal männlicher Selbstbehauptung absetzt. Statt zu handeln, suchen, archivieren und beobachten sie; ihre Identität entsteht aus Akten, Erinnerungsfragmenten und topographischen Spuren, nicht aus innerer Entwicklung. Die Vaterfigur ist dabei meist entzogen, gedemütigt oder fragmentarisch, wodurch der Sohn in eine Position des tastenden Fragens gedrängt wird, in der Herkunft nicht gegeben, sondern erst erzählerisch hergestellt werden muss. Männlichkeit fungiert somit als Maskerade aus Zuschreibungen und selbstgewählten Rollen – Titel, Namen, Berufe –, die jederzeit instabil bleiben. Wiederkehrende Figurenkonstellationen und Verfahren (Detektivarbeit, doppelte Namen, archivische Formen) machen deutlich, dass Modiano Männlichkeit seriell variiert, ohne sie je zu fixieren: Sie ist kein Ursprung, sondern ein fortwährender Suchprozess, der eng mit den historischen Brüchen des 20. Jahrhunderts und insbesondere der Erfahrung von Besatzung, Kollaboration und Nachkriegs-Schweigen verknüpft ist.]]></description>
		
		
		
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		<title>Erzähltes Kindheitstrauma, eine vergleichende Interpretation: Romain Lemire und Frédéric Pommier</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/13/erzaehltes-kindheitstrauma-eine-vergleichende-interpretation-romain-lemire-und-frederic-pommier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Aug 2026 03:46:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Camille Kouchner]]></category>
		<category><![CDATA[Christophe Tisson]]></category>
		<category><![CDATA[Frédéric Pommier]]></category>
		<category><![CDATA[Romain Lemire]]></category>
		<category><![CDATA[Vanessa Springora]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="229" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Screenshot-2026-08-11-135757-300x229.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Screenshot-2026-08-11-135757-300x229.png 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Screenshot-2026-08-11-135757-1024x781.png 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Screenshot-2026-08-11-135757-768x586.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/Screenshot-2026-08-11-135757.png 1101w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Romain Lemires Roman „Clément“ (Le Cherche-Midi, 2026) und Frédéric Pommiers Zeugnisbuch „Derrière les arbres“ (Flammarion, 2026) erzählen beide von sexueller Gewalt gegen Kinder aus der Innenperspektive der Betroffenen und reihen sich damit in eine Traditionslinie ein, zu der auch Vanessa Springoras „Le Consentement“ und Camille Kouchners „La Familia grande“ gehören. Der Aufsatz liest die beiden 2026 erschienenen Bücher als komplementäre Antworten auf dieselbe Grundschwierigkeit: Wie lässt sich eine Erfahrung in Sprache übersetzen, für die dem Kind im Moment des Geschehens die Begriffe fehlen? Lemire wählt dafür die Fiktion und eine durchgehaltene Ich-Stimme, die den Protagonisten Clément Drelin von der Geburt 1976 bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr begleitet: Der Vater missbraucht den Sohn über Jahre bis in die Adoleszenz, stirbt mit siebenundvierzig an einem Herzinfarkt, und die Mutter, die um die Vorgänge weiß, integriert sie nie in die Familienerzählung, sodass eine gemeinsame Aufarbeitung unter den Geschwistern ausbleibt. Pommier wählt das dokumentarische Zeugnis und gliedert seinen Text als Tragödie in fünf Akten: Das Kind begegnet mehreren, familienfremden Tätern, verdrängt das Geschehen über Jahrzehnte, bis ein banaler Überfall mit einem Cutter-Messer die Erinnerung freisetzt und eine Anzeige, eine polizeiliche Vernehmung und eine Gegenüberstellung mit dem inzwischen als Bürgermeister amtierenden Beschuldigten auslöst, der die Tat bis zuletzt bestreitet und sich lediglich von einer erneuten Kandidatur zurückzieht. Der Aufsatz vergleicht diese Verfahren systematisch und widmet einen eigenen Abschnitt den Männlichkeitskonzepten beider Bücher sowie den Besonderheiten, die die einschlägige Forschung für Missbrauchserfahrungen männlicher Kinder beschreibt: verzögerte Offenlegung, die Verwechslung von Gewalt und sexueller Orientierung, körperliche Reaktion als Schuldquelle und institutionelles Nichterkennen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Körper, der schreibt: Verkörperung als Erkenntnisform bei Claude Arnaud</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/12/der-koerper-der-schreibt-verkoerperung-als-erkenntnisform-bei-claude-arnaud/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Aug 2026 15:27:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Claude Arnaud]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/D23564-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/D23564-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/D23564-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/D23564-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/D23564-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/D23564-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/D23564.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />"Juste un corps" von Claude Arnaud (Mercure de France, 2022) erzählt von einem Leben, das seinen eigenen Körper lange wie einen entfernten Bekannten behandelt und ihn erst über Umwege – Fieber, Ischias, Hunger, Schwimmzüge – als das erkennt, was ihm am nächsten steht; am Ende steht nicht Versöhnung, sondern eine ruhige Anerkennung: dass ein anderer Mensch, ohne Bücher, dem Glück näher ist als der Schreibende selbst. Zugleich ist das Buch die Geschichte eines Schriftstellers, der sein Leben lang fremde Körper beschrieben hat – den zerrissenen Chamfort, den vielgestaltigen Cocteau –, bevor er sich, spät, dem eigenen zuwendet und entdeckt, dass Schreiben selbst ein körperlicher Vorgang war, den er nur nie beim Namen genannt hatte: eine Schwangerschaft, ein Bergwerk, eine Tätowierung, ein Kampf. Gattungsmäßig bewegt sich der Text zwischen Memoir, Porträt und poetologischem Essay, ohne sich auf eine dieser Formen festzulegen, und sein Erkenntnisweg ist entsprechend kein introspektiver, sondern ein aufzählender: Wissen über den Körper entsteht nicht durch Selbstbefragung, sondern durch die Anhäufung konkreter, oft beiläufig notierter Szenen, aus denen sich erst im Nachhinein ein Muster abzeichnet. Die vorliegende Lektüre folgt dieser doppelten Bewegung, indem sie bei den konkreten Dingen bleibt – bei Narben, Blutgefäßen, Kohleflözen, bei den Zeichnungen und Wachsfiguren, die den Band begleiten –, und zugleich der leiseren These nachgeht, dass jedes Bild für den Körper zugleich ein Bild für das Schreiben ist. So entsteht aus der Häufung dieser Bilder ein zweiter, papierner Körper, dichter als der erste, aber ebenso auf Dauer, auf Pflege und auf ein Ende angewiesen wie er – ein Werk, das seinen Autor nicht überwindet, sondern fortsetzt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Leerstelle der Migranten: Perspektive und Konvergenz bei Thomas Bonte</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/11/die-leerstelle-der-migranten-perspektive-und-konvergenz-bei-thomas-bonte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 22:29:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Bonte]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81cJljre5-L._SL1500_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81cJljre5-L._SL1500_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81cJljre5-L._SL1500_-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81cJljre5-L._SL1500_-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81cJljre5-L._SL1500_.jpg 942w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Thomas Bontes Roman "Passer" erzählt denselben Sommer an der Küste des Pas-de-Calais dreimal: Der Landwirt Simon nimmt zwei afghanische Geschwister, Mehran und Soheila, wochenlang auf seinem Hof auf, ehe sie über Nacht verschwinden; die Vereinshelferin Elsa begegnet denselben beiden bei einer Verteilaktion unter einer Autobahnbrücke und gerät zwischen die Fronten konkurrierender Hilfsorganisationen; der im Bunker lebende Einsiedler Michel schließlich erweist sich rückblickend als derjenige, der die beiden zuerst entdeckt und heimlich zu Simons Hof gelenkt hat. Erst ein Epilog führt die drei, einander unbekannten Beobachter in derselben Nacht am selben Strand zusammen, wenn das überfüllte Schlauchboot der Migranten ablegt. Der Aufsatz liest diese Konstruktion nicht als bloßes Erzählexperiment, sondern als formale Antwort auf eine inhaltliche Frage: Er zeigt, wie die gegeneinander verschobene Chronologie der drei Teile, ihre unterschiedlich bemessenen Zeiträume und die durchgängige Stimmlosigkeit der beiden Migranten zusammenwirken, um Hilfsbereitschaft als etwas darzustellen, das aus eigener Bedürftigkeit entsteht, räumlich und sozial begrenzt bleibt und sich nie zu einer Gemeinschaft der Helfenden verbindet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Didier Decoin (1945–2026) – ein Nachruf und eine Wiederlektüre von John l&#8217;enfer</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/11/didier-decoin-1945-2026-ein-nachruf-und-eine-wiederlektuere-von-john-lenfer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 04:35:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Didier Decoin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61e2Xho6GfL-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61e2Xho6GfL-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61e2Xho6GfL-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61e2Xho6GfL-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61e2Xho6GfL.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Zum Tod des Schriftstellers Didier Decoin (1945–2026), der 1977 im Alter von nur 32 Jahren mit "John l'enfer" den Prix Goncourt erhielt und von 2020 bis 2024 der Académie Goncourt vorstand, würdigt dieser Beitrag Leben und Werk des Autors und liest zugleich seinen berühmtesten Roman neu: Erzählt wird darin von einem New York der 1970er Jahre, das als kranker, apokalyptisch zerfallender Organismus geschildert wird – überwacht vom Cheyenne-Fensterputzer John, der als gefallener Engel den Untergang der Stadt kommen sieht, während unten drei Schiffbrüchige des modernen Lebens, John, die blinde Soziologin Dorothy und der entwurzelte Seemann Ashton, in einer Mischung aus Liebe, Verfall und mythischer Prophetie ihr Auskommen suchen. Die Lektüre betrachtet die Poetik dieser filmisch-visionären Bildsprache zwischen Cheyenne-Kosmologie und biblischer Apokalyptik und zeigt, warum der Roman heute – zwischen Klimakrise, postkolonialer Debatte und den Erinnerungen an den 11. September – von erstaunlicher Aktualität ist.]]></description>
		
		
		
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		<title>Berlin als Wartesaal der Erinnerung: Mathieu Trautmann</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/11/berlin-als-wartesaal-der-erinnerung-mathieu-trautmann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 04:19:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2012]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Mathieu Trautmann]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="196" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71oRAP3WRuL._UF10001000_QL80_-196x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71oRAP3WRuL._UF10001000_QL80_-196x300.jpg 196w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71oRAP3WRuL._UF10001000_QL80_.jpg 652w" sizes="auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px" />Mathieu Trautmanns Debütroman "Six mois, dix ans et un jour" (2012) erzählt von zwei Figuren, die auf unterschiedliche Weise versuchen, der Unzuverlässigkeit ihrer eigenen Erinnerung zu entkommen: Während der Berliner Übersetzer David den Gästen eines Kunsthotels aus der Distanz seines Fensters erfundene Biographien zuschreibt, reist die schwedische Ökonomin Elena nach zehn Jahren nach Berlin, um einem ehemaligen Geliebten unter falscher Identität zu begegnen und zu prüfen, ob Liebe auch ohne gemeinsame Erinnerung Bestand haben kann. In der parallel geführten Handlung verschränken sich Beobachtung und Teilnahme, Wahrheit und Inszenierung, bis sich beide Erzählstränge in Berlin kreuzen – einer Stadt, deren eigene Geschichte von Teilung, Überlagerung und Rekonstruktion geprägt ist. Der vorliegende Aufsatz liest den Roman als roman croisé, der die deutsch-französische Konstellation nicht auf die Begegnung zweier Nationen reduziert, sondern sie in transnationalen Biographien, mehrsprachigen Kommunikationsräumen und einer europäischen Erinnerungslandschaft entfaltet. Zugleich zeigt er, dass Trautmann das Kontrafaktische nicht als alternative Geschichtsschreibung, sondern als Verfahren individueller Selbstentwürfe einsetzt: Erfundenen Identitäten, manipulierten Fotografien und imaginären Biographien kommt die Funktion zu, die Konstruiertheit von Erinnerung sichtbar zu machen und den schmalen Übergang zwischen gelebtem Leben und erzählter Möglichkeit auszuloten. So verbindet der Roman eine Poetik der Fälschung mit einer Poetik Berlins als Erinnerungsraum, in dem sich Ost und West, Vergangenheit und Gegenwart, Original und Kopie sowie Beobachtung und Erfahrung fortwährend überlagern.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Giacomo Leopardi zwischen Projektion und Zitat: Fragment, Intimität und intertextuelles Verfahren bei René de Ceccatty</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/10/giacomo-leopardi-zwischen-projektion-und-zitat-fragment-intimitaet-und-intertextuelles-verfahren-bei-rene-de-ceccatty/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 09:19:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Postille Italiane]]></category>
		<category><![CDATA[René de Ceccatty]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="192" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9782081256484-1-192x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9782081256484-1-192x300.jpg 192w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/9782081256484-1.jpg 292w" sizes="auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px" />René de Cecattys "Noir souci" (Flammarion, 2011) erzählt, in einem knappen, oft unterbrochenen Récit, die zweiunddreißig Jahre währende Geschichte einer Bindung, für die das neunzehnte Jahrhundert keinen Namen hatte: Der 1798 im ländlichen Recanati geborene, von einer Wirbelsäulenverkrümmung und fortschreitender Erblindung gezeichnete Giacomo Leopardi trifft 1828 in Pisa den acht Jahre jüngeren, schönen Antonio Ranieri; aus loser Bekanntschaft wird eine Lebensgemeinschaft, die über Florenz nach Neapel führt, wo Leopardi 1837 während einer Choleraepidemie stirbt – gepflegt, betrauert und, in den Jahrzehnten danach, zum Mythos gemacht von Ranieri selbst, dessen späte, skandalumwitterte Erinnerungsschrift die Nachwelt mit der Frage konfrontiert, wem eine Intimität nach dem Tod gehört. Der Aufsatz liest diesen schmalen Roman nicht als Biographie, sondern als ein Zibaldone in eigener Sache: Er zeigt, wie der Erzähler seine eigene, nie ganz bewältigte Liebe zu einem Hervé – der, anders als der treue Ranieri, zunächst alle Nähe suchte und dann gerade den Körper verweigerte – in die Lücken der historischen Überlieferung einschreibt, wie er aus der Abwesenheit von Sexualität zwischen Leopardi und Ranieri keine verdrängte, sondern eine bewusst gewählte, durch Zibaldone-Zitate zu Freundschaft, Eigenliebe und Lachen philologisch untermauerte Form der Zuneigung macht, und wie die fragmentarische, aufzählende Erzählweise selbst zum Abbild von Leopardis zerbrochenem Körper und unvollendetem Werk wird. Hierbei wird die Zitatauswahl aus den "Canti" geprüft: Nicht "L'infinito" oder "A Silvia", die jeder kennt, sondern "Le Ricordanze", der Aspasia-Zyklus und die Vesuv-Gedichte liefern den eigentlichen Text des Buches – ein Befund, der beiläufig verdeutlicht, dass Intertextualität hier selbst schon Interpretation ist, eine Auswahl, die eine Geschichte der Nähe zwischen zwei Männern (und zwischen einem Erzähler und einem Toten) erst montiert. Wer sich für die Grenze zwischen Biographie und Selbstbekenntnis interessiert, findet in diesem Aufsatz eine Einladung, "Noir souci" nicht als historischen Roman, sondern als ein Buch über das Schreiben selbst zu lesen – fragmentarisch, zitathaft, und, wie sein Gegenstand, nie ganz abgeschlossen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/10/antisemitismus-als-pruefstein-politischer-selbstverortung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 03:36:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Edouard Philippe]]></category>
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		<category><![CDATA[Marine Le Pen]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="187" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61wZ2mWc95L-187x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61wZ2mWc95L-187x300.jpg 187w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61wZ2mWc95L-638x1024.jpg 638w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61wZ2mWc95L-768x1234.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61wZ2mWc95L.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px" />Ein Sammelband mit elf Historikerinnen und Historikern bzw. Publizisten unter Herausgeberschaft von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt verfolgt in zwölf Kapiteln, wie sich die politischen Familien Frankreichs – vom Rassemblement National über die Regierungsrechte, Macrons Renaissance, Grüne, Sozialisten und Kommunisten bis zu La France insoumise, der außerparlamentarischen Linken und den Gelbwesten – seit dem Sechstagekrieg 1967 zum Antisemitismus verhalten haben. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus von rechts historisch erwartbar sei, sein wiederholtes Auftauchen im linken Lager dagegen mehr über Verdrängungsmechanismen der französischen Gesellschaft verrate; als Scharnier dient dabei durchgehend das Verhältnis von legitimer Israelkritik und antisemitisch codiertem Antizionismus. Die Rezension würdigt den Band als dicht dokumentierte, quellennahe Bestandsaufnahme, die mit dem Reflex bricht, Judenhass allein der extremen Rechten zuzuschreiben, und die auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht schont. Zugleich benennt sie methodische Grenzen – eine „Sicht von oben" ohne Archiv- oder Basisforschung, uneinheitliche analytische Zugriffe, das Fehlen einer vergleichenden internationalen Perspektive und eines eigenständigen Kapitels zu islamistisch geprägtem Antisemitismus – sowie eine auffällige Leerstelle gegenüber Literatur und Kunst. Ein Ausblick zeigt schließlich, dass sich die im Buch beschriebenen Muster in der Vorwahlkampfphase zur Präsidentschaftswahl 2027 nahezu unverändert wiederholen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Cloé Kormans Prosa zwischen Verschweigen und Bezeugen</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/09/cloe-kormans-prosa-zwischen-verschweigen-und-bezeugen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Aug 2026 04:09:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2013]]></category>
		<category><![CDATA[2018]]></category>
		<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[2022]]></category>
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		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Cloé Korman]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-30-300x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-30-300x300.jpeg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-30-150x150.jpeg 150w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-30-50x50.jpeg 50w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-30-80x80.jpeg 80w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/images-30.jpeg 447w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Werküberblick stellt sechs bisher erschienene, nicht übersetzte Bücher der französischen Autorin Cloé Korman vor, von ihrem 2010 mit dem Prix du Livre Inter ausgezeichneten Debütroman "Les Hommes-couleurs" bis zu "Mettre au monde" (2025), und ordnet den für den Herbst angekündigten Roman "L'Acte" ein. Erzählt wird in den Texten von einem französisch-jüdischen Ingenieur, der sich unter neuem Namen ein zweites Leben beim U-Bahn-Bau in Mexiko-Stadt aufbaut; von einer jungen Algerierin, die in einer Pariser Hochhaussiedlung ein leeres Zimmer und ein Telefon vorfindet, das nachts klingelt, ohne dass sich jemand meldet; von einem Sommer im Marseille des Jahres 2000, in dem Kinder aus einfachen Verhältnissen Shakespeares „Sturm“ proben; von den 1942 in Montargis verhafteten, später deportierten Cousinen des eigenen Vaters, deren Spur die Autorin gemeinsam mit ihrer Schwester über Briefe und Aktenvermerke zurückverfolgt; und von einer Hebamme, die einem totgeborenen Kind mit offenen Augen gegenübersteht, während in einer zweiten Erzählspur eine Historikerin über die Geschichte der Abtreibung forscht. Zwischen diesen Bildern entfaltet sich ein Werk, das beständig zwischen Fiktion, Essay und dokumentarischem Bericht wechselt. Der Text fasst die Bücher zunächst einzeln zusammen, benennt jeweils Bezüge zu den übrigen Titeln und entwickelt daraus Thesen zu einem Werksvergleich – zu wiederkehrenden Orten, Erzählformen und Motiven, die Kormans Prosa von Buch zu Buch verbinden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Gegenrede als Fortschreibung: Kamel Daoud und Albert Camus</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/08/gegenrede-als-fortschreibung-kamel-daoud-und-albert-camus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Aug 2026 08:23:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Albert Camus]]></category>
		<category><![CDATA[Kamel Daoud]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81FnsrgWbUL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81FnsrgWbUL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81FnsrgWbUL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 625w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Albert Camus' "L'Étranger" (1942) erzählt vom Büroangestellten Meursault, der kurz nach dem Tod seiner Mutter einen namenlosen Araber am Strand von Algier erschießt und im anschließenden Prozess weniger für die Tat als für seine gefühlskalte Haltung gegenüber der Mutter zum Tode verurteilt wird. Kamel Daouds "Meursault, contre-enquête" (2013/2014) lässt siebzig Jahre später Haroun, den fiktiven jüngeren Bruder des Ermordeten, in einer Bar in Oran die Gegengeschichte erzählen: wie sein Bruder Moussa starb, wie er selbst 1962, angeleitet von der gemeinsamen Mutter M'ma, einen Franzosen erschoss und dafür vom neuen algerischen Staat verhört wurde, und wie eine junge Forscherin namens Meriem ihn kurzzeitig aus seiner Erstarrung löst. Der Aufsatz argumentiert gegen die verbreitete Lesart von Kamel Daouds "Meursault, contre-enquête" als bloße Korrektur von Camus’ "L’Étranger". Zwar gibt der Roman dem namenlosen Opfer einen Namen und eine Stimme, doch reproduziert er zugleich genau jene strukturellen Ausschlüsse, die er kritisiert. Dies zeigt sich sowohl in der unzuverlässigen, monologisch-performativen Erzählweise als auch in zentralen Motivkomplexen: der familiären Gewalt, der ritualisierten Zeitlogik des Mordes und der Kontinuität kolonialer Denkmuster im postkolonialen Staat. Besonders deutlich wird die strukturelle Verstrickung im systematischen Szenenvergleich mit Camus: Während der Anfang noch als Umkehrung erscheint, nähert sich der Text im Verlauf immer stärker seinem Vorbild an, bis er es im Schluss wörtlich zitiert. Die vermeintliche Gegen-Erzählung erweist sich so als Wiederholung mit verschobenen Vorzeichen. – Diese Einsicht führt zu einer grundsätzlichen Revision postkolonialer Erwartungen an "writing back". Der Roman demonstriert, dass die bloße Übernahme der Stimme keine Gerechtigkeit garantiert, solange die formalen Bedingungen des Erzählens unverändert bleiben. Figuren wie M’ma oder Meriem markieren, dass Handlungsmacht und Stimme auseinanderfallen, während der taube Zuhörer die Illusion eines adressierten Publikums unterläuft. Zugleich verschiebt Daoud Camus’ existenzialistische Absurdität von einer kosmischen in eine historisch-genealogische Dimension: Das scheinbar Sinnlose erweist sich als Resultat konkreter kolonialer und familiärer Gewalt. Insgesamt zeigt der Aufsatz, dass Daouds Roman weniger eine gelungene Emanzipation darstellt als eine reflexive Demonstration der Grenzen jeder Gegen-Erzählung, die sich nicht aus den Formen lösen kann, die sie kritisiert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Nachbarschaft, Abgrund, Übersetzung: Deutschland bei Philippe Claudel</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/07/nachbarschaft-abgrund-uebersetzung-deutschland-bei-philippe-claudel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Aug 2026 00:16:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Claudel]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/91GPOFjtjlL._UF10001000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/91GPOFjtjlL._UF10001000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/91GPOFjtjlL._UF10001000_QL80_.jpg 628w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Ein französischer Autor aus Lothringen schreibt fünf Erzählungen über das Deutschland des 20. Jahrhunderts – und gibt ihnen ausschließlich deutsche Titel: Der Aufsatz nimmt diese Geste als Ausgangspunkt für eine These, die Philippe Claudels "Fantaisie allemande" als doppelte Übersetzungsbewegung liest, zum einen eines fremden Landes in eine fremde Sprache, zum anderen des Dokuments in die Fiktion. Anhand der geisterhaft wiederkehrenden Figur eines "Viktor", der in jeder der fünf Erzählungen eine andere, nie ganz greifbare Gestalt annimmt, verfolgt der Text, wie Schuld, Erinnerung und Zeugenschaft über ein Jahrhundert hinweg montiert werden – von der Flucht eines Lagerangestellten 1945 bis zur fiktiven Aktenlage über die Ermordung des Malers Franz Marc im Rahmen der "Aktion T4". Der Aufsatz zeigt, wie Claudel reale Kunsthistoriker fiktive Aussagen sprechen lässt und damit die Verlässlichkeit jeder Quelle, auch der eigenen, zur Disposition stellt. Ergänzt wird diese Analyse um einen Blick auf zwei weitere Romane Claudels, die Deutschland auf entgegengesetzte Weise behandeln: "Le rapport de Brodeck" löst Land und Sprache in einer erfundenen deutsch-französischen Zwischenidiom auf und verweigert dem Feind jeden Eigennamen, während "Les âmes grises" Deutschland ganz aus dem erzählten Raum heraushält und nur als fernes Kanonendonnern hinter der Front hörbar lässt, sodass die titelgebende moralische Grauzone allein unter Franzosen entsteht. Im Dreiervergleich wird sichtbar, dass Claudels immer wiederkehrende Frage nach Mitverantwortung und Gleichgültigkeit nicht an eine Nationalität gebunden ist, sondern je nach Werk benannt, verschlüsselt oder ausgelagert wird – und dass gerade diese Verschiebung den eigentlichen Ertrag der Lektüre von "Fantaisie allemande" ausmacht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Gen Westen paddeln – Sterben, Surfen und Weltgeschichte bei Raphaël Krafft</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/06/gen-westen-paddeln-sterben-surfen-und-weltgeschichte-bei-raphael-krafft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Aug 2026 02:11:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Raphaël Krafft]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="180" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71BapQlaIGL._UF10001000_QL80_-180x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71BapQlaIGL._UF10001000_QL80_-180x300.jpg 180w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71BapQlaIGL._UF10001000_QL80_.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px" />Raphaël Kraffts illustriertes "La Baie" (Seuil, 2026) ist zunächst ein Buch der Sinne: Wind, der Wellenlippen glättet, Gischt, die sich zu Regenbogen verdichtet, Körper, die sich lautlos wie eine Katze oder ungestüm wie ein Kind durch das Wasser bewegen – der Text widmet der körperlichen Erfahrung des Gleitens breiten Raum und macht sie in konkreten Bildern erfahrbar, von Boris' zurückhaltendem Stil bis zu Mamadis erster, jubelnder Welle. Zugleich entfaltet das Buch eine politisch-historische Dimension, die diese Ästhetik nie unschuldig lässt: Es rekonstruiert die koloniale Aneignung Hawaiis, die Verstrickung des Sports in die südafrikanische Apartheid, seine Nähe zur kalifornischen Rüstungsindustrie und, in der Gaza-Passage über Peter Thiel, seine Verbindung zu Überwachungstechnologie und Krieg – eine durchgehend genaue Ökonomie von Tauschhandel und Kapital liegt unter der scheinbaren Aussteiger-Kultur der Surfszene. Diese politische Ebene erhält ihre schärfste Zuspitzung durch Mamadis Geschichte: Derselbe junge Mann, der in der Baie jubelnd seine erste Welle nimmt, hat Monate zuvor eine ganz andere Überquerung des Meeres überlebt, nachts, in einem überfüllten Schlauchboot vor der tunesischen Küste – eine Konfrontation zweier Bilder des Meeres, des Freizeit- und des Fluchtraums, die das Buch bewusst nebeneinanderstellt, ohne sie zu vermischen. Erst als dritte, leisere Schicht liegt darunter die Trauer um den sterbenden Freund Tonton und die verstorbene Mutter des Erzählers, die dem Buch seinen elegischen Grundton gibt, ohne die anderen beiden Register zu dominieren. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass gerade das Zusammenspiel dieser Ebenen – sinnliche Feier, politische und migrationsgeschichtliche Kritik, persönliche Trauer – den eigentümlichen Ton des Buchs ausmacht: Es zelebriert das Gleiten auf der Welle in aller Anschaulichkeit, ohne je zu vergessen, wessen Boden, wessen Geschichte, wessen Fluchten und wessen Verluste unter ihr liegen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Verstummen des Ich: Geschichtszeit als Romanform bei François Roux</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/05/das-verstummen-des-ich-geschichtszeit-als-romanform-bei-francois-roux/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Aug 2026 03:32:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[François Roux]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="227" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71Y3LZdG2nL._AC_UF8941000_QL80_-227x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71Y3LZdG2nL._AC_UF8941000_QL80_-227x300.jpg 227w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71Y3LZdG2nL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 755w" sizes="auto, (max-width: 227px) 100vw, 227px" />Am 10. Mai 1981 flackert ein Wahlergebnis über die Fernsehschirme der Bretagne, und vier Siebzehnjährige – Paul, Rodolphe, Tanguy, Benoît – treten, ohne es zu ahnen, in ein Vierteljahrhundert französischer Geschichte ein, das sie nicht mehr verlassen werden. François Roux' 2014 erschienener Roman "Le Bonheur national brut" folgt zunächst, aus der Ich-Perspektive Pauls erzählt, den tastenden Jahren eines jungen Mannes zwischen Provinzenge und Pariser Dachkammer, zwischen erwachender Homosexualität und dem stillen, kaum aussprechbaren Sterben seines ersten Geliebten an einer Krankheit, für die 1984 noch kein Name existiert. Ein Vierteljahrhundert später – der Roman springt ohne Übergang – hat sich das Quartett in die Institutionen der Republik verteilt: Rodolphe im Halbrund der Nationalversammlung, Tanguy in den Glasfluren eines amerikanischen Parfümkonzerns, Benoît hinter der Kamera, mit der er Hollywood und Obdachlosenheime gleichermaßen belichtet. Ihre Wege kreuzen sich in Sälen, Redaktionsbüros, an Sterbebetten, bis Rodolphe, wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl 2012, von einer bretonischen Klippe stürzt, ein Tod, den niemand ganz aufklärt. Der Roman schließt, wie er begann, an einem Wahlabend; doch der Jubel von 1981 kehrt nicht wieder, nur sein Echo, gedämpft durch ein Grab. – Der Aufsatz liest diese Anlage nicht als Kulisse, sondern als Argument: Die Ernüchterung, von der der Roman erzählt, schreibt sich seiner These zufolge in die Form selbst ein, bevor sie je ausgesprochen wird. Das zeigt sich zunächst am Zerfall der erzählenden Stimme: Die geschlossene, geständige Ich-Perspektive des ersten Teils löst sich im zweiten in drei distanzierte Männerporträts auf, als ob das Subjekt, das 1981 noch redselig von sich selbst sprach, unter dem Gewicht der Institutionen verstummte, um erst am offenen Grab eines Freundes seine Stimme zurückzugewinnen. Der Aufsatz verfolgt diese Verstummensbewegung weiter in die Anordnung von Raum und Zeit – der zirkulären Rahmung durch zwei, 31 Jahre auseinanderliegende Wahlnächte, die keine Wiederkehr, sondern nur den Abstand zwischen einst und jetzt vermessen –, in eine Geschlechterordnung, die weiblichen Figuren vor allem die stille, ungezählte Arbeit des Haltens zuweist, und in eine Sprache des Glücks, die von politischer Beschwörung zu Parfümwerbung absinkt, während sich Krankheit und beruflicher Zusammenbruch als die eigentlichen Vokabeln der Geschichte erweisen. Am Ende steht, so die Pointe des Aufsatzes, kein Fazit, sondern die Grabinschrift Nietzsches, die, von einem PR-Berater ausgewählt, über die ganze erzählte Generation zu sprechen scheint, ohne dass irgendeine ihrer Figuren dies je beabsichtigt hätte.]]></description>
		
		
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		<item>
		<title>Persönliches Pantheon – eine Geschichte der Republik in 20 Bestattungen: Michel Winock</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/04/persoenliches-pantheon-eine-geschichte-der-republik-in-20-bestattungen-michel-winock/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Aug 2026 00:48:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Winock]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="183" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/winockpompes-183x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/winockpompes-183x300.jpg 183w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/winockpompes.jpg 400w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" />Michel Winocks "Pompes funèbres" (2024) erzählt die Geschichte der Dritten Republik anhand von zwanzig Sterbefällen zwischen der Semaine sanglante von 1871 und dem Kriegsbeginn 1914: vom auf dem Exerzierplatz von Satory erschossenen Commune-Offizier Louis Rossel über den Historiker Jules Michelet, dessen Leichnam zum Streitobjekt zwischen Witwe und Schwiegersohn wird, bis zum "Henker der Commune" Adolphe Thiers, der als Republikaner zu Grabe getragen wird, und zu Léon Gambetta, dessen Körper nach der Autopsie buchstäblich aufgeteilt wird. Victor Hugos Staatsbegräbnis mit geschätzt zwei Millionen Teilnehmern steht neben der stillen, gegen ihren Willen kirchlichen Bestattung der Dichterin Louise Colet; der gehasste Schulgründer Jules Ferry und der ermordete Präsident Sadi Carnot stehen neben Louis Pasteur, dessen Witwe die Überführung ins Panthéon zugunsten einer Bestattung im eigenen Institut verweigert. Die Panthéonisierung Émile Zolas wird 1908 selbst zum Schauplatz eines Attentats auf Alfred Dreyfus, während die Feministin Hubertine Auclert, Erfinderin des Wortes "féministe", weitgehend unbeachtet stirbt und die "Rote Jungfrau" Louise Michel trotz ihrer anarchistischen Überzeugungen selbst von Gegnern wie Maurice Barrès Bewunderung erfährt. Den Schluss bilden Jean Jaurès, dessen Ermordung am Vorabend der Generalmobilmachung 1914 mit dem Ende der Vorkriegszeit zusammenfällt, und Charles Péguy, dessen Kriegstod noch Jahrzehnte später vom Vichy-Regime politisch vereinnahmt wird. Die Rezension rekonstruiert Winocks Verfahren – eine autobiographisch grundierte Reihe von Einzelporträts ohne zusammenfassenden Schlussteil –, würdigt die Materialfülle aus zeitgenössischer Presse und biographischer Forschung und schlägt zugleich vor, wie sich die über das Buch verstreuten Beobachtungen zu Körperfragmentierung, politischer Lagerbildung, geschlechtsspezifischer Erinnerungskultur und der andauernden Nachwirkung von Trauerfeiern zu eigenständigen Synthesen verdichten ließen, die der Band selbst nicht zieht.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kindheit, Jugend, Rückkehr: Hugo Lindenbergs Trilogie des verschwiegenen Verlusts</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/03/kindheit-jugend-rueckkehr-hugo-lindenbergs-trilogie-des-verschwiegenen-verlusts/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Aug 2026 03:10:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Hugo Lindenberg]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71KCkVxWsZL._SL1240_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71KCkVxWsZL._SL1240_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71KCkVxWsZL._SL1240_-658x1024.jpg 658w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71KCkVxWsZL._SL1240_-768x1195.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/71KCkVxWsZL._SL1240_.jpg 797w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Hugo Lindenbergs Trilogie erzählt in drei eigenständigen, aber eng aufeinander bezogenen Romanen von einem früh verschwiegenen Elternverlust und seinen Nachwirkungen über drei Lebensalter hinweg: In "Un jour ce sera vide" (2020, dt. 2023) verbringt ein namenloser Junge von zehn Jahren einen Sommer an der normannischen Küste bei seiner Großmutter, einer aus Polen stammenden Holocaust-Überlebenden, und einer von ihm gefürchteten Tante, und findet zwischen Quallen, die er mit einem Stock seziert, und der Scham über die eigene, auffällige Familie in der Freundschaft mit dem gleichaltrigen Baptiste, dessen unversehrte, "normale" Familie ihm wie ein Gegenbild der eigenen Herkunft erscheint, einen leisen, eindringlichen Ausweg aus früh verinnerlichter Andersheit, geschildert mit einer für ein Kind untypischen, an Nathalie Sarraute geschulten Beobachtungsgenauigkeit; in "La Nuit imaginaire" (2023, dt. 2025) erfährt ein junger Student bei einem herbstlichen Spaziergang mit seiner Tante, dass seine Mutter nicht durch einen Unfall starb, sondern sich durch Suizid das Leben nahm – fünfzehn Jahre lang als Unfall ausgegeben –, und reagiert auf diese Enthüllung mit einer Umkehrung seines Zeitgefühls, indem er aufhört, eine Uhr zu tragen, den Schlaf meidet und stattdessen die nächtlichen Straßen von Paris durchstreift, einen schwulen Nachtclub aufsucht und frühere Freundinnen der Mutter trifft, über die er nach und nach erfährt, wie diese als Feministin in der revolutionären Linken der siebziger und achtziger Jahre gelebt hat, bis der an Blaise Cendrars' modernistischem Poem Prose du Transsibérien orientierte Roman nach einem ganzen Winter der Nächte zu einer geordneten Zeitlichkeit zurückfindet; und in "Les Années souterraines" (2026) kehrt schließlich ein Architekt Anfang vierzig zehn Jahre nach dem Tod seines Vaters aus den Vereinigten Staaten nach Paris zurück, um dessen Wohnung im 15. Arrondissement zu verkaufen, jenen Ort, an dem er nach dem frühen Tod der Mutter mit einem gefühlskalten, zur Zuneigung unfähigen Vater aufwuchs, umkreist die Wohnung tagelang, erkundet Treppenhaus, Kellerräume und Dach, trifft Nachbarn und verbindet die eigentliche Konfrontation mit der Frage, ob er selbst Vater werden kann, ohne die erlittene Kälte weiterzugeben – eine erwachsene, bewusst gesuchte Rückkehr an den Ort des Traumas, die die kindliche Erfahrung des Debüts mit der Wahrheitsarbeit des zweiten Bandes zusammenführt. Der vorliegende Aufsatz liest diese drei Bücher nicht als lose Werkfolge, sondern als bewusst komponierte Trilogie, deren Kohärenz sich weniger aus wiederkehrenden Figuren als aus einem gemeinsamen thematischen Kern und aus einer durchgehenden Elementarmetaphorik ergibt – Wasser im Debütroman, Nacht im zweiten und ein titelgebendes Untergeschoss im dritten Roman fungieren als drei Spielarten desselben Verfahrens, das nicht direkt Erzählbare in einen Raum auszulagern. Die drei Romane bilden ein gemeinsames literarisches Projekt, das Sprachlosigkeit nicht auflöst, sondern in immer neuen räumlichen und zeitlichen Anordnungen genauer kartiert.]]></description>
		
		
		
			</item>
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		<title>Die Republik als Pappmaché: Sprache, Politik und Elite bei Cécile Guilbert</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/02/die-republik-als-pappmache-sprache-politik-und-elite-bei-cecile-guilbert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 02 Aug 2026 08:10:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Cécile Guilbert]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61Ar1MPjNNL._AC_UF8941000_QL80_-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61Ar1MPjNNL._AC_UF8941000_QL80_-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/61Ar1MPjNNL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 634w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Cécile Guilberts Roman "Les Républicains" (Grasset, 2017) folgt einer namenlos bleibenden Ich-Erzählerin, "la fille en noir", die nach dreißig Jahren zufällig ihren ehemaligen Sciences-Po-Kommilitonen Guillaume Fronsac wiedertrifft, einen Berater und Strippenzieher im Umfeld von Balladur und Sarkozy, und mit ihm durch eine einzige Pariser Nacht zieht – von Ardissons Talkshow-Wohnung über Luxusbars bis zur Place de la Concorde –, während zeitgleich, in ihrer eigenen Wohnung, ihr Mann Nathan mit alten Freunden über Islamismus und den "Großen Austausch" streitet und ein falscher Terroralarm beide Schauplätze in Angst versetzt. Der Titel selbst spielt dabei doppelbödig: Er meint zugleich die 2015 gegründete Partei um Sarkozy und Fillon und die ursprünglichen Republikaner von 1789 bis 1794, deren Ideale sich buchstäblich an denselben Straßenecken – Tuilerien, Vendôme-Säule, Concorde, Faubourg Saint-Antoine – abspielten, durch die Fronsac und die Erzählerin nun schlendern; diese Überblendung macht den Titel selbst zur Ironie, die eine hohle Kontinuität republikanischer Rhetorik benennt, ohne dass ihr im Roman noch irgendein Inhalt entspräche. Der Aufsatz liest diesen Gesellschaftsroman als politischen Roman im emphatischen Sinn, argumentiert aber gegen ein naives Verständnis von "politisch" als Positionsbezug: Er zeigt anhand von Raumstruktur, Zeitstruktur und einer unmarkiert wechselnden Erzählperspektive zwischen Ich-Erzählung, Selbstanrede und auktorialer dritter Person, dass der Roman Macht nicht als Programm, sondern als Sprache, Habitus und Kulisse vorführt – am deutlichsten in der wiederkehrenden Einsicht, die eigentliche politische Rede sei "carton-pâte", Pappmaché ohne Substanz dahinter. Elitensoziologisch entwirft der Aufsatz daraus das Bild einer sich selbst reproduzierenden "noblesse d'État": Die Reproduktionsmaschine Sciences-Po/ENA, der mühelose Wechsel zwischen Kabinettsposten und Finanzberatung (das "pantouflage" Fronsacs), sowie ein enges "entre-soi", in dem man einander in denselben Bars und auf denselben Sommerfesten immer wieder begegnet, zeichnen eine Klasse, die ihre eigenen Privilegien präzise benennen kann, ohne dass diese Selbstanalyse je in Konsequenzen mündete – ein Bruch zwischen Zynismus und Trägheit, den der Aufsatz als eigentlichen soziologischen Befund des Buchs herausstellt. Konsequent daraus ergibt sich die dritte Beobachtung: Der Roman verweigert sich jeder Utopie. Weder eine proletarische noch eine provinzielle Gegenfigur betritt die Szene, und auch die schwächeren Fluchtpunkte, die der Text anbietet – der spielerische Verweis der Erzählerin auf den "Parti surréaliste belge", die einzelne dissonante Stimme Mourads, die als Rückzugsort gedachte "cabane" im Faubourg Saint-Antoine, zuletzt der Gedanke ans Schreiben selbst –, erweisen sich als brüchig, ironisiert oder strukturell längst wieder ins Milieu eingebunden. Gerade dieses Fehlen einer glaubwürdigen Alternative liest der Aufsatz als Pointe: ein System, das sich selbst durchschaut, aber keinen Ort kennt, von dem aus es sich verlassen ließe – eine Diagnose, die in der autopoetologischen Schlusswendung des Romans gipfelt, der offenlässt, ob die ganze Nacht nicht bloß der Stoff für genau das Buch war, das man gerade gelesen hat.]]></description>
		
		
		
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		<title>Beirut-Fiktion zwischen Elegie und Wiederaufbau: Pour l&#8217;amour de Beyrouth</title>
		<link>https://rentree.de/2026/08/02/beirut-fiktion-zwischen-elegie-und-wiederaufbau-pour-lamour-de-beyrouth/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 02 Aug 2026 03:13:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81DHdy4FwZL._SL1500_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81DHdy4FwZL._SL1500_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81DHdy4FwZL._SL1500_-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81DHdy4FwZL._SL1500_-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81DHdy4FwZL._SL1500_.jpg 942w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Wenige Wochen nach der Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020 versammelt der Sammelband "Pour l'amour de Beyrouth" fünfunddreißig Stimmen, von denen jede der Stadt ein eigenes formales Verfahren abringt: Sarah Briand reiht im Vorwort das Wort „Besoin de..." über dreißig Mal aneinander, bis die Sehnsucht selbst zur Litanei wird; Vénus Khoury-Ghata lässt in freien, interpunktionslosen Versen Mauern und Rauch nach den Verschütteten rufen; Amin Maalouf formt ein überkonfessionelles Gebet, das die Stadt an einen namenlosen Himmel adressiert; Christophe Ono-dit-Biot entfaltet ein ganzes Alphabet aus dem Buchstaben B – Beyrouth, Bitume, Bordel, Blast –, während Maria Ousseimi die Stadt in einer Kette einander widersprechender Adjektive auflöst, ohne sie je zur Deckung zu bringen. Alexandre Najjar personifiziert Beirut als verwundete, aber unbezwingbare Frau, Kamal Mouzawak widerspricht genau dieser Figur und besteht darauf, dass nur die Beiruterinnen und Beiruter selbst, mit ihren Katzen, Straßenhändlern und Hochzeitskleidern, die Stadt hervorbringen. Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Dany Laferrière oder Charif Majdalani stehen neben Schauspielerinnen, Musikern, einer Tänzerin und einem Modeschöpfer; ein Brief an ein Kleinkind, ein Kriegsreportage-Protokoll und ein Chanson-Text teilen sich denselben Einband, ohne dass eine Gattung den Ton vorgibt. Der vorliegende Artikel liest diese Textsammlung als literarisches Gegenstück zum materiellen Wiederaufbau, den ihr Erlös finanziert, und fragt, mit welchen je eigenen sprachlichen Mitteln eine Stadt beschrieben wird, die viele ihrer eigenen Autorinnen und Autoren für unbeschreibbar erklären. Zwischen Zedernsetzling und phönizischem Sarkophag, zwischen der ehemaligen Grünen Linie des Bürgerkriegs und dem Gewürzsack auf dem Souk entsteht so das Bild einer Stadt, die sich der eigenen Zerstörung immer wieder entzieht, während der Band selbst offenlässt, ob diese Widerstandskraft ein Trost oder ein Verhängnis ist.]]></description>
		
		
		
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		<title>Was vom Krieg bleibt: Stein, Sand, Zitat und Vogelgesang bei Jean-Yves Jouannais</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Aug 2026 02:40:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61bBebe5X6L._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61bBebe5X6L._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61bBebe5X6L._SL1500_-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61bBebe5X6L._SL1500_-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61bBebe5X6L._SL1500_.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Artikel liest vier Bücher von Jean-Yves Jouannais – „L'usage des ruines", „Les barrages de sable", „MOAB" und den neuen Roman „Une forêt" – als Variationen einer Frage: was vom Krieg bleibt, wenn die Handelnden selbst verschwinden. In „L'usage des ruines" umkreist eine Galerie von Porträts, von Naram-Sîn bis W. G. Sebald, den Begriff "obsidional", der Belagerung und Besessenheit über die gemeinsame lateinische Wurzel obsidere zusammenführt. „Les barrages de sable" überträgt dieselbe Logik auf ein Kinderspiel am Strand, bei dem der Bau eines Sandwalls nicht auf Sieg, sondern auf die eigene Niederlage zielt. „MOAB" radikalisiert das Verfahren: Jouannais formuliert keinen Satz des Haupttextes selbst, sondern montiert Zitate aus zwei Jahrtausenden Kriegsliteratur zu zweiundzwanzig Gesängen ohne Autor, Held oder Chronologie. „Une forêt", der 2026 erschienene Roman, kehrt zur konventionellen Erzählform zurück und schickt einen amerikanischen Hauptmann nach Bremen, wo eine Entnazifizierungskommission darüber berät, ob ein Wald von Vögeln, die das Horst-Wessel-Lied singen, "entnazifiziert" werden muss. Der Aufsatz destilliert aus den vier Texten fünf wiederkehrende Prinzipien – Material statt Erzählung als Träger der Erinnerung, das obsidionale Umkreisen ohne Eintritt, kindliche und tierische Figuren als Erkenntnisinstanz jenseits institutioneller Logik, den Rückzug der Autorschaft und die wörtlich genommene Metapher – und liest darin eine Skepsis gegenüber jeder Vorstellung, Krieg lasse sich in eine zusammenhängende Erzählung fassen.]]></description>
		
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		<title>Der geraubte Jüngling: Ganymeds Demontage bei Philippe Savet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 31 Jul 2026 00:02:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/161056_couverture_Hres_0-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/161056_couverture_Hres_0-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/161056_couverture_Hres_0.jpg 420w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Ausgehend von der langen, von der Antike bis in die Moderne reichenden Tradition, den Ganymed-Mythos als verschlüsselte Figur männlich-männlichen Begehrens zu lesen, zeichnet Philippe Savets Roman "Mille millilitres de Ganymède" (Seuil, 2026) die radikale Gegenbewegung zu dieser Überlieferung nach: Nicht mehr Entrückung und Erhöhung, sondern Verschwinden, Sucht und Selbstauflösung stehen im Zentrum einer formal polyphonen Erzählung über einen jungen Mann, der sich im Paris der Clubkultur in toxischer Abhängigkeit und imaginärer Liebesprojektion verliert und sein eigenes Begehren ausschließlich im Vokabular des Mythos artikulieren kann. Die Rezension situiert diesen Text im Spannungsfeld zwischen der mythopoetischen Produktivität des antiken Schweigens (wie sie die Forschung herausgearbeitet hat) und seiner subjektiven Aneignung als hermeneutisches Überlebensmodell (bei Dominique Fernandez), um zu zeigen, wie Savet beide Linien zugleich aufnimmt und zerstört: Indem der Roman die tradierten Chiffren – Raub, Adler, göttliche Erwählung – in eine Ästhetik des Abstiegs, der medialen Zersplitterung und der körperlichen wie sprachlichen Verwundung überführt, entzieht er dem Mythos seine kompensatorische Funktion und legt die Leerstelle frei, die er stets verdeckte. So erweist sich "Mille millilitres de Ganymède"  nicht nur als zeitgenössische Fortschreibung, sondern als schonungslose Demontage der „homosexuellen Erbschaft“ des Ganymed-Stoffs, deren kulturelle und literarische Voraussetzungen die Rezension zugleich historisch rekonstruiert und kritisch befragt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Autor des „grand remplacement“: Zu einer neuen Renaud Camus-Biographie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Jul 2026 03:54:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/715SnbZ8HiL._AC_UF8941000_QL80_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/715SnbZ8HiL._AC_UF8941000_QL80_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/715SnbZ8HiL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 643w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Wie wird aus der Tagebuchnotiz eines literarisch gescheiterten Schriftstellers ein Vokabular, das identitäre Attentäter, rechte Regierungschefs und Wahlkampfberater rund um den Globus teilen? Die Biografie "L'homme par qui la peste arriva" (Flammarion, 2026) von Gaspard Dhellemmes und Olivier Faye rekonstruiert anhand von Verlagskorrespondenz, unveröffentlichten Manuskripten und jahrelangem persönlichem Zugang, wie sich bei Renaud Camus ein über Jahrzehnte kultiviertes Distinktionsbedürfnis, wiederholte literarische Kränkung und ein verlässliches Netz aus Förderern zu jener Formel verdichten, die heute als „Grand Remplacement" von Christchurch bis Charlottesville, von Marine Le Pen bis zur AfD zirkuliert. Die Stärke des Buchs liegt im Nachweis, dass die rassistischen und antisemitischen Denkfiguren lange vor ihrer öffentlichen Kodifizierung in Camus' eigenen Notizen vorlagen und von seinem Umfeld gekannt, toleriert und institutionell gefördert wurden – eine Kontinuitätsgeschichte statt einer Bekehrungserzählung. Zugleich zeigt die Rezension, wo die Form an Grenzen stößt: Die Nähe zum Protagonisten und die Konzentration auf sein persönliches Netzwerk erklären, warum ausgerechnet er diesen Begriff geprägt hat, kaum aber, warum ihn Millionen für plausibel halten – und die deutsche Rezeption, längst Gegenstand geheimdienstlicher Beobachtung, bleibt im Buch nahezu unerwähnt. Was bleibt, ist ein Instrument zur Entzauberung: der Nachweis, dass eine Theorie, deren Gründungsanekdote bei jeder Erzählung wechselt, keinen Anspruch auf naturwüchsige Evidenz erheben kann.]]></description>
		
		
		
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		<title>Gérard de Nerval und Femizid mit Kommissar Adamsberg: Fred Vargas</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/29/gerard-de-nerval-und-femizid-mit-kommissar-adamsberg-fred-vargas/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Jul 2026 01:10:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
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		<category><![CDATA[Fred Vargas]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71Srl6-2maL._AC_UF8941000_QL80_-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71Srl6-2maL._AC_UF8941000_QL80_-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71Srl6-2maL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 650w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Fred Vargas’ "Une unique lueur" (2026) beginnt mit einer scheinbar belanglosen Beobachtung über eine Mücke und entwickelt daraus einen ebenso raffinierten wie verstörenden Kriminalroman: Kommissar Adamsberg jagt einen Serienmörder, der junge Frauen nach dem Bild einer toten Hollywood-Ikone auswählt und seine Taten mit literarischen und filmischen Symbolen inszeniert. Die Ermittlungen führen von den Straßen von Paris über Gérard de Nervals Sonett "El Desdichado" bis nach Los Angeles und enthüllen schließlich, dass der Täter aus den eigenen Reihen stammen könnte. Doch der Roman erzählt weit mehr als die Aufklärung eines Verbrechens. Der Aufsatz zeigt, dass Vargas den Kriminalfall nutzt, um grundlegende Fragen nach der Entstehung von Erkenntnis, der Macht kultureller Bilder und der tödlichen Idealisierung von Frauen zu stellen. Dabei erscheint "El Desdichado" nicht bloß als intertextuelle Anspielung, sondern als kulturelles Skript, das den Femizid als pervertierte Form romantischer Verehrung lesbar macht und den Übergang von ästhetischer Idealisierung zu tödlicher Gewalt sichtbar werden lässt. Die Figur des skurrilen Sébastien de Charlus fungiert demgegenüber als ironischer Gegenpol: Mit der Proust-Anspielung demonstriert der Text, dass literarische Bildung ebenso spielerisch und komisch wie gefährlich und obsessiv eingesetzt werden kann. Lauren Bacall schließlich verkörpert den Mythos des unerreichbaren weiblichen Stars, dessen filmische Aura der Täter in der Wirklichkeit nachzustellen versucht und der so die Verbindung zwischen Populärkultur, männlicher Projektion und Gewalt offenlegt. Im Zentrum steht Adamsbergs intuitive Methode, die Wissen nicht aus logischer Deduktion, sondern aus Ahnung, Assoziation und sprachlichen Spuren gewinnt. So erweist sich "Une unique lueur" als ebenso spannender Kriminalroman wie als literarische Reflexion darüber, wie wir Wirklichkeit lesen, deuten und verstehen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Notwendige Fiktion: Stimmen zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine bei François Luciani</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/28/notwendige-fiktion-stimmen-zum-russischen-angriffskrieg-auf-die-ukraine-bei-francois-luciani/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Jul 2026 02:53:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[François Luciani]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71XJ6cgGqeL._SL1240_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71XJ6cgGqeL._SL1240_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71XJ6cgGqeL._SL1240_-658x1024.jpg 658w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71XJ6cgGqeL._SL1240_-768x1195.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71XJ6cgGqeL._SL1240_.jpg 797w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />François Lucianis "Kiev: 24 février 2022" (Flammarion, 2026) erzählt die vierundzwanzig Stunden der russischen Invasion aus sechs Ich-Perspektiven, die zwischen Botschaft, Fluchtstraße und Front wechseln und fortlaufend mit dokumentarischen Agenturmeldungen konfrontiert werden; der Aufsatz liest diese Anordnung als Antwort auf ein Grundproblem der Kriegsliteratur – wie sich ein Ereignis erzählen lässt, dessen Fakten längst durch Propaganda und Nachrichtenagenturen besetzt sind – und verfolgt sie Kapitel für Kapitel. Argumentativ bewegt sich der Text dabei von einer poetologischen These (Fiktion als notwendiges Werkzeug der Wahrheitsfindung) über strukturelle Beobachtungen (die erzählerische Leerstelle der Verräterfigur Daniil, das Telefon als Medium der Nähe und der Vernichtung, die fast deckungsgleiche Zahl von vierundzwanzig Kapiteln und vierundzwanzig Stunden) bis zu einer Analyse der zentralen Bildfelder – Jagd, Ungeziefer, Rose –, die Entmenschlichung sprachlich vorbereiten, bevor sie sich in Gewalt entlädt; den Schluss bildet ein Vergleich von Romananfang und -ende, aus dem die leitende These abgeleitet wird, dass der Roman weniger eine Chronik des Kriegstages als eine Untersuchung des Scheiterns von Übersetzung – sprachlich, diplomatisch, familiär – ist.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das zweite Dossier: Literatur als Gewaltarchiv in Mathias Énards Zone</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/27/das-zweite-dossier-literatur-als-gewaltarchiv-in-mathias-enards-zone/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jul 2026 01:00:10 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Robert Brasillach]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="234" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/images-29-234x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/images-29-234x300.jpeg 234w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/images-29.jpeg 489w" sizes="auto, (max-width: 234px) 100vw, 234px" />Mathias Énards "Zone" gilt gemeinhin als Ilias des Mittelmeerraums im 20. Jahrhundert – ein einziger, atemloser Satz über vierundzwanzig Gesänge, in dem ein ehemaliger Geheimdienstmann auf der Nachtfahrt von Mailand nach Rom sein Dossier über anderthalb Jahrzehnte Kriegsverbrechen ordnet, um es zu verkaufen und unter neuem Namen zu verschwinden; die Rezension liest den Roman gegen diesen naheliegenden Zugriff als eine über weite Strecken verdeckte Abhandlung über Literatur selbst und stützt diese These auf ein mehr als zwanzig Autoren umfassendes Personal – von Pound über Malaparte, Céline und Genet bis Kavafis und Burroughs –, das ein zweites, literarisches Dossier neben Mirkovics eigentlichem Aktenkoffer bildet, in dem jeder Name dieselbe Frage beantwortet: was ein Schriftsteller getan, gesehen oder verschwiegen haben muss, um über Gewalt zu schreiben; textnah entfaltet sie das an Malapartes zweifelhafter Kaputt-Anekdote über Ante Pavelić ebenso wie an Genets doppelter, kaum vereinbarer Erscheinung als Bohème-Berühmtheit im Vorkriegs-Barcelona und als „himmlischer Totengräber" von Chatila, und gewinnt daraus drei Thesen – Literatur steht nie außerhalb der Gewalt, von der sie handelt; literarische Bildung erscheint als nachträgliches Konstrukt des erinnernden, nicht des erlebenden Ich; und die Nähe von Schreiben und Gewalt lässt sich nicht auf Komplizenschaft verkürzen, wie gerade Genet und das am Romanende offenbleibende Buch zeigen –, wobei das eigentliche argumentative Verdienst der Rezension in ihrem Vorgehen liegt: Sie nimmt jede Nennung einzeln beim Wort, bevor sie zu den drei übergreifenden Thesen verallgemeinert, ein induktives Verfahren, das ihren eigenen Anspruch auf textnahe Lektüre selbst einlöst, auch wenn die Auswahl der Belegstellen naturgemäß selektiv bleibt und sich gegenläufige Passagen finden ließen, in denen Literatur eher Trost oder bloßes Bildungskapital ist; gerade darin, diese Spannung nicht aufzulösen, sondern als Ergebnis stehen zu lassen, liegt die Pointe des Schlusses, dass der Roman die Frage nach Literatur und Gewalt nicht ein für alle Mal entscheidet, sondern von Autor zu Autor neu stellt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Beirut-Fiktion: Interview, Verhör, Selbstporträt in drei Romanen von Sabyl Ghoussoub</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/26/beirut-fiktion-interview-verhoer-selbstportraet-in-drei-romanen-von-sabyl-ghoussoub/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Jul 2026 01:33:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2018]]></category>
		<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Sabyl Ghoussoub]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61b6hEaGM6L._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61b6hEaGM6L._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61b6hEaGM6L._AC_UF8941000_QL80_.jpg 628w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Sabyl Ghoussoubs "Beyrouth-sur-Seine" (Stock, 2022) erzählt Beirut nicht als erlebte, sondern als erst nachträglich, über ein Mikrofon, Archivbilder und ein spät entdecktes Heimvideo erschlossene Stadt: Ein in Paris geborener Sohn befragt seine libanesischen Eltern zu Auswanderung, Ehe und Bürgerkrieg, bevor der herzkranke Vater stirbt, und montiert aus Interview, Brief, WhatsApp-Chat und Fernseharchiv ein additives, anachronistisches Kapitelalbum, das in der gefilmten Ankunft des zweijährigen Erzählers im zerstörten Nachkriegsbeirut von 1991 seinen eigentlichen, rückwirkend gedeuteten Ursprung findet. Die narrative Leistung des Textes gerade darin, den nicht selbst erlebten Krieg nicht zu behaupten, sondern zu befragen und zu collagieren; damit unterscheidet sich der Roman deutlich von Ghoussoubs beiden früheren Beirut-Büchern, die dieselbe Stadt auf entgegengesetzten Wegen erschließen: "Beyrouth entre parenthèses" (2020) nähert sich Beirut über dessen Abwesenheit, während der Erzähler, verbotenerweise nach Israel gereist, die libanesische Hauptstadt in jedem Vergleich mit Tel Aviv und Jaffa unweigerlich wiederfindet, und "Le Nez juif" (2018) sucht Beirut über die verschwundene jüdische Minderheit des Landes auf, deren verlassene Synagogen und Friedhöfe eine historische, nicht familiäre Spur bilden. Frankreich schließlich ist in "Beyrouth-sur-Seine", wie schon der Titel andeutet, kein Gegenpol, sondern ein zweiter Schauplatz derselben Geschichte: Die Pariser Wohnung im fünfzehnten Arrondissement, in der das Interview stattfindet, trägt mit ihrem Balkongarten aus Zitrus- und Olivenbäumen ein maßstabsverkleinertes Beirut in sich, sodass beide Städte einander weniger entgegengesetzt als ineinander verschachtelt erscheinen. Die Interpretation folgt dieser Konstruktion methodisch nach: Sie arbeitet sich wie der Erzähler in der Untersuchung der Erzählelemente selbst voran, um erst im Vergleich mit Ghoussoubs beiden anderen Beirut-Büchern und in einer vergleichenden Betrachtung der Religionen zu einer Gesamtdeutung zu gelangen, die das Buch als bewusst unabgeschlossene Herkunftsarbeit liest.]]></description>
		
		
		
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		<title>Christine de Pizan und die Erfindung der literarischen Kontroverse bei Bertrand Guillot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/25/christine-de-pizan-und-die-erfindung-der-literarischen-kontroverse-bei-bertrand-guillot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Jul 2026 06:19:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Bertrand Guillot]]></category>
		<category><![CDATA[Christine de Pizan]]></category>
		<category><![CDATA[Guillaume de Lorris]]></category>
		<category><![CDATA[Jean de Meung]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="203" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71cSpgoYvoL-203x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71cSpgoYvoL-203x300.jpg 203w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71cSpgoYvoL-691x1024.jpg 691w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71cSpgoYvoL-768x1138.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71cSpgoYvoL.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px" />Bertrand Guillots Roman "Querelle à la française" erzählt die erste dokumentierte literarische Kontroverse der französischen Sprachgeschichte nach: die Auseinandersetzung, die Christine de Pizan im Winter 1401 mit dem königlichen Sekretär Jean de Montreuil und dessen Freunden Gontier und Pierre Col um den "Roman de la Rose" führte. Eingebettet in eine autofiktionale Rahmenerzählung, in der der Autor selbst, angestoßen von seiner Partnerin Victoire und der Historikerin Éliane Viennot, auf die vergessene Streitschrift stößt, verfolgt der Roman die Biographien Christines und Jeans parallel über sechzig Jahre hinweg, vom gemeinsamen Paris Karls V. bis zu Jeans gewaltsamem Tod im Bürgerkriegsjahr 1418 und Christines Rückzug ins Kloster Poissy. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Roman als eine Reflexion über Literaturgeschichte selbst: Er zeigt, wie Guillot in den Interventionen Christines – ihren Briefen, ihrem öffentlich gemachten Streitschriften-Dossier, ihrer Erfindung des „Ordre de la Rose", ihrem Alterswerk "La Cité des dames" – und in den Reaktionen des gegnerischen Lagers ein Muster aus Autoritätsberufung, Verharmlosung und verdeckter Drohung freilegt, das der Roman durch bewusst anachronistische Vergleiche mit Donald Trump, Elon Musk und Andrew Tate als bis in die Gegenwart fortwirkend behauptet. Es gilt zu zeigen, dass der Roman die Geburtsstunde der französischen Literaturkritik zugleich als eine bis heute nicht abgeschlossene Geschichte um Deutungsmacht und Widerrede erzählt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Angst vor Verschmelzung: Männlichkeit bei Arnaud Cathrine</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/25/die-angst-vor-verschmelzung-maennlichkeit-bei-arnaud-cathrine/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Jul 2026 00:10:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Arnaud Cathrine]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/51L51AvHgBL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/51L51AvHgBL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/51L51AvHgBL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 628w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Arnaud Cathrines Roman "Octave" (Robert Laffont, 2022) erzählt in drei gegeneinander montierten Ich-Stimmen – Vince, Marilyn und Octave selbst – die Geschichte einer Jugendliebe zwischen zwei jungen Männern während der Corona-Pandemie, die ohne Erklärung endet, als Octave überstürzt zu seinem Vater nach Montpellier flieht, während im Hintergrund der Suizid eines von seinem Vater verstoßenen jungen Mannes die tödliche Kehrseite dieser Geschichte andeutet. Der Aufsatz liest den Roman als Verschiebung der Männlichkeitsfrage von der Oberfläche des Körpers – Muskel, Schlag, Eroberung – auf die Fähigkeit, Nähe auszuhalten, ohne sie sofort in Kontrolle oder Flucht zu übersetzen: Octaves Flucht wird nicht mit Scham über seine Homosexualität erklärt, sondern mit der panischen Angst, sich selbst in der Liebe zu verlieren. Damit benennt der Roman die eigentliche Gefahr für seine queeren Figuren nicht im eigenen Begehren, sondern in der männlichen Reaktion darauf, die von der eigenen Kontrollangst bis zur väterlichen Gewalt reicht. Dass die Schlussszene ausgerechnet ein Schimpfwort für Homosexualität in eine Liebeserklärung verwandelt, liefert dafür die pointierteste Formel: eine Sprache, die sonst zum Angriff dient, wird hier zum Ort, an dem sich zwei junge Männer endlich sagen können, was sie fühlen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Männlichkeit als Konstruktionsprojekt: Victor Malzac</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/24/maennlichkeit-als-konstruktionsprojekt-victor-malzac/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Jul 2026 04:31:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Victor Malzac]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="203" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81bh3AtsFWL-203x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81bh3AtsFWL-203x300.png 203w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81bh3AtsFWL-692x1024.png 692w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81bh3AtsFWL-768x1137.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81bh3AtsFWL-1038x1536.png 1038w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81bh3AtsFWL-1383x2048.png 1383w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81bh3AtsFWL.png 1476w" sizes="auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px" />Victor Malzacs Debütroman "Créatine" (Gallimard, 2023) erzählt in einem atemlosen, sich selbst überbietenden Monolog die Geschichte eines namenlosen Jungen, der sich von einem übergewichtigen, isolierten Teenager in einen muskelbepackten Bodybuilder verwandelt – angetrieben von einem gewalttätigen Vater, einem Schwarzenegger-Film und schließlich von Steroiden, die ihm sein Mentor Pedro spritzt. Der Aufsatz liest diese Verwandlung als Konstruktionsprojekt: Der Erzähler übernimmt sein gesamtes Vokabular von Kraft und Begehren aus Werbung, Kino und der Gewaltsprache des Vaters, weil ihm für Zärtlichkeit keine eigene Sprache zur Verfügung steht, und die Prosa selbst – hypertroph, sich wiederholend, aus den Fugen geratend – vollzieht auf der Ebene des Satzbaus dieselbe Logik, die der Erzähler an seinem Körper betreibt. Dass der Roman ausgerechnet in dem Moment abbricht, in dem beide Oberschenkel des Erzählers unter der eigenen Muskelmasse reißen, macht aus der vermeintlichen Erfolgsgeschichte eine Diagnose: einen Männlichkeitsentwurf, der keine andere Sprache kennt als den eigenen Körper, trägt die Bestrafung für sein Scheitern bereits in sich selbst.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der Körper als einzige Sprache: Männlichkeit bei Olivier Adam</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/24/der-koerper-als-einzige-sprache-maennlichkeit-bei-olivier-adam/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Jul 2026 04:28:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Olivier Adam]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="201" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61LIzJBkNvL._AC_UF8941000_QL80_-201x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61LIzJBkNvL._AC_UF8941000_QL80_-201x300.jpg 201w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61LIzJBkNvL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 669w" sizes="auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px" />Olivier Adams Roman "Poids léger" (Éditions de l'Olivier, 2002) folgt dem jungen Antoine, der tagsüber als Bestatter die Toten begräbt und abends unter der Anleitung seines Trainers Chef boxt – ein Doppelleben, in dem sich der kürzlich verstorbene Vater, die innig geliebte Schwester Claire und die schwangere Freundin Su zu einem Geflecht unverarbeiteter Bindungen verdichten, das schließlich in einer Messerstecherei eskaliert und Antoine in die Flucht in den Süden treibt. Der Aufsatz liest den Roman als Studie einer Männlichkeit, die für Trauer, Begehren und Zärtlichkeit über keine eigene Sprache verfügt und sie deshalb notgedrungen in die beiden Codes übersetzt, die Antoine tatsächlich beherrscht: das Gewicht eines Sarges und den Aufprall eines Schlages. Dass er sich weigert, ausgerechnet seinen Ersatzvater Chef zu schlagen, markiert dabei genau jene Stelle, an der sich diese Übersetzung verweigert und Zärtlichkeit als Störung der Gewaltlogik sichtbar wird. Wenn der Roman am Ende mit einem Lauf schließt, der den Lauf des Anfangs spiegelt, zeigt sich die knappste Formel seines Männlichkeitsbildes: ein Körper, der sich selbst nicht anhalten kann und irgendwann von außen gestoppt werden muss.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Zerstörung des Volks: Philippe de Villiers erzählt den Untergang Frankreichs</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/23/zerstoerung-des-volks-philippe-de-villiers-erzaehlt-den-untergang-frankreichs/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Jul 2026 00:18:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe de Villers]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="199" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61SBpLF3zuL._AC_UF8941000_QL80_-199x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61SBpLF3zuL._AC_UF8941000_QL80_-199x300.jpg 199w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61SBpLF3zuL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 664w" sizes="auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px" />Philippe de Villiers, der französische Publizist, Historienpark-Betreiber und Gründer der souveränistischen Partei Mouvement pour la France, hat mit "Populicide" (Oktober 2025) sein jüngstes politisches Sachbuch vorgelegt – die Fortsetzung seines Vorgängerbandes "Mémoricide" (2024), der bereits rund 230.000 Exemplare erreichte. "Populicide" überträgt einen Begriff der Französischen Revolution – ursprünglich von Gracchus Babeuf zur Bezeichnung der staatlich angeordneten Massentötungen in der Vendée geprägt – auf einen gegenwärtigen demografischen und kulturellen Wandel und argumentiert, dass Frankreich durch eine Kombination aus Migration, Gender-Ideologie, Eliten-Verrat und transhumanistischer Technokratie sein Volk und seine Zivilisation verliert. Das Buch verbindet historiografische Fallstudien (Persien, Byzanz, Karthago, Rom, Peru, Toledo) mit autobiografischen Kampferzählungen, kulturpessimistischen Diagnosen und drei abschließenden Oden – eine Gattungshybridität, die das Werk zwischen politischem Manifest, historischem Essay und literarischer Beschwörung oszillieren lässt. Mit über 161.500 verkauften Exemplaren bis Ende Dezember 2025 ist "Populicide" ein "literarisches Phänomen" der französischen Rechten geworden, befördert durch Villiers' wöchentliche CNews-Sendung und den Bolloré-Verlag. Die vorliegende Rezension analysiert das Buch nicht als Polemik, sondern als methodisches und rhetorisches Projekt: Sie zeigt, wie Villiers historische Fallstudien durch Vereinfachung und Quellen-Manipulation zu Beweisen einer bereits feststehenden Verfallsthese fügt; wie er Gegenwarts-Probleme (Integration, Geschlechterdebatten, digitale Überwachung), die auch von anderen politischen Lagern geteilt werden, in eine geschlossene Verschwörungserzählung einwebt; und wie er affektive und ästhetische Techniken (Pathos, Zitatmontage, elegische Erzählweise) nutzt, um analytische Distanz durch emotionale Partizipation zu ersetzen. In einem vergleichenden Blick auf "Mémoricide" werden dabei die Kontinuitäten deutlich: "Populicide" ist weniger ein neuer Gedanke als die Verselbstständigung eines Begriffs, der im Vorgänger bereits angelegt war – eine Form der Wiederholung, die zwar stilistisch beeindruckend ist, aber wenig neue Einsicht bietet. Die Rezension fragt abschließend, was dieser Erfolg über die Empfänglichkeit von Teilen des französischen Publikums für Verfallserzählungen aussagt und wie sich eine sachliche, nicht-apokalyptische Auseinandersetzung mit echten Herausforderungen (Migration, schulische Vermittlung von Geschichte, technologische Transformation) von Villiers' Ansatz unterscheidet.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Beirut-Fiktion: Camille Ammoun zwischen Reportage, Palimpsest und Detonation</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/22/beirut-fiktion-camille-ammoun-zwischen-reportage-palimpsest-und-detonation/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Jul 2026 00:22:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Camille Ammoun]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81s1rOpY1EL._UF10001000_QL80_-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81s1rOpY1EL._UF10001000_QL80_-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81s1rOpY1EL._UF10001000_QL80_.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Am 17. Oktober 2019 beginnt eine Revolution in Beirut – eine spontane, namenlose Volksbewegung gegen ein Jahrhundert der Korruption, und Camille Ammoun begibt sich auf eine einzige lange Straße, um jene zu lesen. Vom nördlichen Kreisverkehr Daoura bis zum Regierungssitz Grand Sérail am südlichen Zentrum – gut vier Kilometer durch eine Stadt, die an jeder Ecke eine andere Geschichte erzählt. Doch "Octobre Liban" (2020) ist kein Roman im gewöhnlichen Sinn, sondern ein literarisches Palimpsest: Auf den Fußspuren der Revolution überlagern sich Hieroglyphen römischer Juristen, armenische Migrations-Gedächtnisse, französische Mandatsarchitektur, Bürgerkriegsruinen, private Spekulantenbauten, und schließlich die Stimmen einer Menge, die ihre eigene Stadt zurückerobern will. Ammoun macht die Straße selbst zur Erzählerin – ihre Wände sind Palimpseste mit drei übereinanderliegenden Schichten von Rebellion, ihre Gebäude sprechen von Gentrifizierung und Raub, ihre Luft riecht nach gegrilltem Mais und nach Tränengas. Während er schreibt, wird die Korruption zur verführerischen allegorischen Gestalt, die Revolution zur Frau, deren Forderungen vom Recht auf Übertragung der Nationalität bis zur Abschaffung der konfessionellen Personenstandsgesetze reichen. Und dann, wenige Wochen nach dem Geschriebenen, im August 2020, explodiert der Hafen. Der Text endet, wo er begann – aber nun ist die Straße in Trümmern, und was einmal lesbar war, zerfällt in Unhörbares. Eine Literatur, die zwischen Hoffnung und Detonation durchgehend schreibt, dass kein Morgen mehr möglich ist.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Vier Romane über das Komische: Karine Tuil, Camille Bordas, Fabio Viscogliosi, David Foenkinos</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/21/vier-romane-ueber-das-komische-karine-tuil-camille-bordas-fabio-viscogliosi-david-foenkinos/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Jul 2026 03:59:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Camille Bordas]]></category>
		<category><![CDATA[David Foenkinos]]></category>
		<category><![CDATA[Fabio Viscogliosi]]></category>
		<category><![CDATA[Karine Tuil]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="158" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41Dtd0Odr1L-158x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41Dtd0Odr1L-158x300.jpg 158w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41Dtd0Odr1L.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" />Die vier Romane entwerfen, bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Erzählformen, ein gemeinsames Panorama des Komischen als paradoxes Dispositiv zwischen Produktion, Verlust und Reflexion: Bei Fabio Viscogliosi erscheint es in "Harpo" (2020) zunächst als körperlich erlerntes, beinahe familiär vererbtes Handwerk, das jedoch an äußere Rahmungen (Bruderbindung, Dramaturgie, Produktionslogik) gebunden bleibt und im Moment der Amnesie vollständig suspendiert wird; Karine Tuil radikalisiert diese Ambivalenz, indem sie in "Quand j’étais drôle" (2005) das Komische zugleich als Zwang und als unabschüttelbare Sprachform inszeniert, sodass die Erzählinstanz ihr eigenes Scheitern im Modus der Pointe artikuliert und damit die These vom "verlorenen Humor“ performativ unterläuft; David Foenkinos kehrt in "Je suis drôle" (2026) die Ausgangsannahme um, indem er zeigt, dass nicht Komik, sondern deren Fehlen – genauer: eine als "tragisch“ lesbare Präsenz – sozialen und künstlerischen Erfolg generiert, wodurch das Komische als falsches Versprechen entlarvt wird, ohne dass die zugrunde liegende Logik (Geliebtwerden durch Affektproduktion) aufgegeben würde; Camille Bordas schließlich überführt in "Des inconnus à qui parler" (2025) das Komische in einen expliziten Diskursraum, in dem es als lehr- und analysierbares Verfahren erscheint, dessen methodische Durchdringung (Zerlegung, Variation, Theoretisierung) jedoch in Spannung zu seiner Wirkung steht. Der Aufsatz hierarchisiert diese vier Modelle nicht, sondern liest sie als komplementäre "Theorien in narrativer Form“: Komik ist einmal Praxis ohne Theorie (Viscogliosi), einmal Theorie im Modus der Selbstwidersprüchlichkeit (Tuil), einmal Negativfolie einer affektiven Ökonomie (Foenkinos) und einmal explizit epistemologisches System (Bordas). Die Argumentation macht wiederkehrende Strukturen sichtbar – etwa die Bindung des Komischen an biografische Defizite oder seine Abhängigkeit von institutionellen Kontexten – und verschränkt diese mit übergeordneten Modellen (Bergsons Mechanik, Girards Gleichgewicht, Le Bretons Körperlichkeit, Flandrins Soziologie), sodass die Einzelanalysen nicht additiv bleiben, sondern sich gegenseitig erhellen. Anschaulich wird dies vor allem in den Schlüsselszenen: Harpos Verlust der komischen Identität zeigt das Komische als Effekt von Rahmung; Sandres diagnostizierte "Doppelsicht“ macht die innere Spaltung sichtbar, die Komik ermöglicht und zerstört; Gustaves Zurückweisung als "nicht drôle“ markiert den Umschlagpunkt einer ganzen Wertordnung; Dorothys Reflexion über die Frage als Werkzeug führt das Komische als eigenständige Erkenntnisform vor. Insgesamt verfolgt der Aufsatz eine klare Linie: Er verschiebt die Frage "Was ist das Komische?“ hin zu "Unter welchen Bedingungen entsteht, funktioniert und scheitert es?“ – und gewinnt gerade daraus seine analytische Präzision, weil das Komische nicht als stabile Eigenschaft, sondern als fragile Relation zwischen Körper, Sprache, Publikum und Institution erscheint.]]></description>
		
		
		
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		<title>Von Mediana nach Saint-Sulpice: Bekehrung und Interreligiosität als Erzählprinzip bei Étienne de Montety</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/20/von-mediana-nach-saint-sulpice-bekehrung-und-interreligiositaet-als-erzaehlprinzip-bei-etienne-de-montety/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Jul 2026 04:04:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Etienne de Montety]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61NRK2xCBbL._SL1500_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61NRK2xCBbL._SL1500_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61NRK2xCBbL._SL1500_-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61NRK2xCBbL._SL1500_-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61NRK2xCBbL._SL1500_.jpg 942w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Étienne de Montetys Roman "Il y a une autre rive" (2026) erzählt die Geschichte Rahmans, eines in Paris geborenen Sohnes algerischer Einwanderer, der nach dem Tod seines Vaters nach Algerien reist und dort eine religiöse Krise durchläuft, die ihn schließlich zur Bekehrung zum Christentum führt. Der Roman verwirklicht damit eine interreligiöse Poetik, die Islam und Christentum nicht hierarchisch gegeneinander ausspielt, sondern mit ethnografischer Genauigkeit in ihren rituellen, symbolischen und ethischen Dimensionen nebeneinanderstellt – von der symmetrischen Darstellung von Totenritual und Taufe bis zur unterirdischen Verflechtung von Gebetspraxen in einem einzigen Raum. Der Aufsatz untersucht, wie Montety diese plurale Erzählweise durch mehrere ineinandergreifende Verfahren realisiert: durch die personale Fokalisierung auf Rahmans wechselnde Perspektive, durch die Raumstruktur zwischen Mediana und Paris, durch die Figurenkonstellation von Ibrahim bis Jean-Marie Bazin, durch konkrete Szenen der Religionskonfronstation und schließlich durch eine Bildsprache von Licht, Wasser und Überfahrt, die Bekehrung nicht als Bruch, sondern als Übersetzung darstellt. Im Zentrum steht die Frage, wie ein Roman einer entkörperlichten digitalen Moderne durch die radikale Reklamation von Liebe – "Je l'ai fait par amour" – widerspricht und was es bedeutet, dass es, wie der Titel sagt, immer noch "ein anderes Ufer" gibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Entwicklung der Vergangenheit: Fotografie, Erinnerung, Begehren bei Sébastien Berlendis</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/19/die-entwicklung-der-vergangenheit-fotografie-erinnerung-begehren-bei-sebastien-berlendis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Jul 2026 01:53:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Sébastien Berlendis]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="158" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41ZHfcY-LnL-158x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41ZHfcY-LnL-158x300.jpg 158w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41ZHfcY-LnL.jpg 426w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" />Sébastien Berlendis' "Lungomare" überlagert zwei ligurische Sommer wie zwei Belichtungen auf demselben Negativ: den Sommer 1971, in dem die Eltern des Erzählers jung und sonnengebräunt an der Küste von San Remo posieren, und den gegenwärtigen Sommer in Roccabianca, in dem der Erzähler mit der Rolleiflex um den Hals seine Geliebte Annabella vor blauen Kabinentüren fotografiert. Zwischen bröckelnden Jugendstilvillen, weißen Bojen und dem Duft von lauwarmem Sekt entfaltet sich eine Prosa, die Erinnerung als fotografischen Entwicklungsprozess begreift – unscharf, überbelichtet, nie ganz fixierbar. Diese intermediale Poetik, die den Satzbau konsequent an Kamera, Film und Dunkelkammer schult, durchzieht Berlendis' weiteres Werk: In "L'autre pays" durchquert ein Ich-Erzähler, im stillen Zwiegespräch mit einer abwesenden Geliebten, das sommerliche Italien und entziffert unterwegs die Postkarten eines ausgewanderten Urgroßvaters; in "Maures" kehrt derselbe Blick an die heimatlichen Zeltplätze der Provence zurück, wo vier vergilbte Fotografien von 1972 den langsamen Abschied von den Großeltern rahmen. Die Interpretation liest diese Bücher als Variationen eines einzigen Verfahrens, in dem Licht, Zelluloid und Satz gemeinsam versuchen, das Vergängliche für einen Augenblick festzuhalten, ohne es je ganz zu besitzen.]]></description>
		
		
		<enclosure url="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/Berlendis-Lungomare.mp3" length="1622557" type="audio/mpeg" />

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		<title>Beute und Andacht: Naturdarstellung bei Franck Maubert</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/18/beute-und-andacht-naturdarstellung-bei-franck-maubert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Jul 2026 03:56:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Franck Maubert]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="191" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81EV0kb5ZGL-191x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81EV0kb5ZGL-191x300.jpg 191w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81EV0kb5ZGL-653x1024.jpg 653w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81EV0kb5ZGL-768x1204.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81EV0kb5ZGL-980x1536.jpg 980w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81EV0kb5ZGL-1307x2048.jpg 1307w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81EV0kb5ZGL.jpg 1394w" sizes="auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px" />Franck Mauberts Prosaband "Histoires naturelles" (Mercure de France, 2022) führt Weg, Wald, Fluss und Garten in siebzehn Texten zusammen, deren Sprache selbst zum Gegenstand der Betrachtung wird: kurze, oft subjektlose Satzreihungen ahmen das atemlose Gehen nach, Kathedralen- und Architekturvokabular verwandelt Baumkronen in Kirchenschiffe, und ein wiederkehrendes Oxymoron – der tote Baum, der weiterwächst, die „demütige Souveränität“ der Eichen – hält Verfall und Schönheit in derselben Formulierung fest, ohne sie aufzulösen. Ein Aufsatz zu diesem Band zeigt, wie sich diese kunstvolle, bildreiche Prosa mit einer literaturwissenschaftlichen Analyse von Gattung, Erzählperspektive und Metaphorik verbinden lässt: Der Text steht in der Tradition des Nature Writing, verbindet darin jedoch, in einer für die Gattung charakteristischen Spannung, das Prosagedicht mit dem naturkundlichen Sachbuch und der Jagdliteratur und hält so zwei einander widersprechende Zugriffsweisen auf die Natur gleichzeitig offen – die zärtliche Andacht vor dem Lebendigen und den ungerührten Bericht über seinen Verzehr. Semantische Felder von Wasser, Fleisch und Stein durchziehen den ganzen Band und verdichten sich zu einem Bild der Natur als verletzlichem, doch beharrlich lebendigem Körper, während der Erzähler selbst, in seiner Auflösung im Wald oder am Fluss, die Grenze zwischen Beobachter und Beobachtetem immer wieder aufhebt – jene enge Verschränkung von genauer Naturbeobachtung und autobiografischer Erinnerung, die das Nature Writing von der reinen Naturkunde unterscheidet. So liest sich Mauberts Buch zugleich als sinnliches Naturerlebnis und als reflektierte Poetik des Schreibens, die dem Leser vorführt, dass genaue Naturbeobachtung und literarische Form einander nicht ausschließen, sondern bedingen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Max Jacob zwischen Verklärung und Aktenbefund: Philippe Douroux und Olivier Rasimi</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/17/max-jacob-zwischen-verklaerung-und-aktenbefund-philippe-douroux-und-olivier-rasimi/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Jul 2026 00:03:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Max Jacob]]></category>
		<category><![CDATA[Olivier Rasimi]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Douroux]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="199" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/Modigliani_Amedeo_1884-1920_-_Ritratto_di_Max_Jacob_1876-1944-199x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="Max Jacob von Modigliani, um 1916–1917." decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/Modigliani_Amedeo_1884-1920_-_Ritratto_di_Max_Jacob_1876-1944-199x300.jpg 199w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/Modigliani_Amedeo_1884-1920_-_Ritratto_di_Max_Jacob_1876-1944.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px" />Max Jacob (1876–1944) war Dichter, Maler und einer der zentralen Figuren der Pariser Bohème am Montmartre, wo er in existenzieller Armut und geistiger Nähe zu Picasso das Prosagedicht revolutionierte und mit Werken wie Le Cornet à dés eine Poetik des Traums, des Zufalls und der mystischen Vision zwischen Judentum und katholischer Konversion entwickelte. Die Rezension stellt zwei Bücher aus dem Jahr 2026 gegenüber, die vom selben historischen Ausgangspunkt – der Verhaftung und dem Tod Max Jacobs im Sammellager Drancy – ausgehen, jedoch radikal divergierende Darstellungsweisen entfalten: Olivier Rasimis "Saint Max" entwirft in einer achronologisch strukturierten, bewusstseinsnahen Erzählung eine hagiografisch grundierte Innenperspektive, die Jacobs Leben und Sterben als mystisch aufgeladenen Kreuzweg deutet, während Philippe Douroux’ "Max Jacob et le jeune SS" als dokumentarische Doppelbiografie die Biografie des Dichters mit der eines späteren SS-Freiwilligen verschränkt und mittels archivalischer Recherche, Brieffunden und administrativer Spuren eine historisch-politische Anklage formuliert; die Rezension arbeitet diese Opposition systematisch heraus und argumentiert, dass beide Texte dieselbe Grundfrage – wie ein Tod zwischen religiöser Sinnstiftung und industriellem Massenmord erzählbar ist – mit entgegengesetzten Mitteln beantworten, wobei Rasimis ästhetische Verklärung die Gewalt tendenziell spiritualisiert, Douroux’ aktenbasierte Rekonstruktion hingegen Erfahrung in Evidenz überführt, sodass erst im kontrastiven Nebeneinander die jeweiligen blinden Flecken sichtbar werden: hier die Gefahr der Theologisierung historischer Gewalt, dort die Reduktion existenzieller Dimensionen auf dokumentarische Faktizität; die Stärke der Rezension liegt folglich in der präzisen narratologischen und erkenntniskritischen Vermittlung dieser Differenz, durch die literarische Form selbst als epistemisches Instrument begreifbar wird. ]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Palast, der sich selbst abschreitet: Ars memoriae bei Léa Cuenin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/16/palast-der-sich-selbst-begeht-ars-memoriae-bei-lea-cuenin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 Jul 2026 04:42:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Léa Cuenin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/9782743669133-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/9782743669133-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/9782743669133-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/9782743669133-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/9782743669133.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Eine überflutete Ostseeküste, ein torfiges Hochplateau in Schlesien, eine verlassene Rakete zwischen rostenden Antennen und nistenden Möwen: In Léa Cuenins Debütroman "Memory palace" (Rivages, 2026) verschlüsseln vier Frauen und eine wachsame künstliche Intelligenz die letzten Archive einer untergehenden Menschheit auf pflanzlicher DNA, um sie in zehn, später elf metallenen Kapseln ins All zu schießen. Zwischen Countdown und Rückblende, zwischen einem Zahn, einem Knochensplitter und einer blutgetränkten Feder entfaltet sich ein Buch, das von Verlust, Zärtlichkeit und der Frage erzählt, wem man sein Gedächtnis anvertraut, wenn niemand mehr da ist, der es liest. Der vorliegende Aufsatz liest den Roman als das, was sein Titel wörtlich verspricht: einen Gedächtnispalast. Er verfolgt, wie die antike Loci-Technik – Wissen an konkrete, begehbare Orte zu binden – durch alle Maßstäbe des Romans wandert: von der Basis als Architektur über die Metallkapsel und die Nanodiskette bis zum Hirnimplantat und, 3,5 Millionen Jahre später, in den Körper eines fremden Wesens. Untersucht werden Figurenkonstellation und Geschlechterordnung, Erzählperspektive und Kommunikationsformen, Zeitstruktur, Metaphorik und die autopoetologische Selbstbezüglichkeit einer Maschine, die denselben Namen trägt wie das Buch, in dem sie lebt. Dabei tritt der Roman erkennbar in Dialog mit literarischen Vorbildern: mit der spekulativen Prosa Céline Minards und Ursula K. Le Guins ebenso wie, über die gerahmten Widmungszitate, mit Sapphos Fragmenten und dem Verlustpathos aus "Blade Runner".]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Schwindel der Erde: Camille de Toledo</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/15/der-schwindel-der-erde-camille-de-toledo/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Jul 2026 04:21:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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		<category><![CDATA[Camille de Toledo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81wBex-UNDL-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81wBex-UNDL-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81wBex-UNDL-667x1024.jpg 667w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81wBex-UNDL-768x1179.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81wBex-UNDL-1000x1536.jpg 1000w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81wBex-UNDL-1334x2048.jpg 1334w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81wBex-UNDL.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Der Werküberblick zu Camille de Toledo entfaltet – unter dem leitenden Begriff des "Vertige" – eine ebenso literarische wie epistemologische Diagnose der Gegenwart, die von der Rezension als genuin ökologische Denkfigur profiliert wird: Ausgehend von der sinnlich erfahrbaren Realität wiederkehrender Hitzewellen wird der "Schwindel" nicht als bloß subjektive Verunsicherung, sondern als Symptom einer destabilisierten Erde interpretiert, deren geophysische und semantische Grundlagen zugleich erodieren. Die Argumentation der Rezension folgt dabei einer doppelten Bewegung, die sie als strukturprägend für Toledos Gesamtwerk herausarbeitet: einerseits die introspektiv-poetische Reflexion auf Sprache als unsicheren Grund (insbesondere in "L’inquiétude d’être au monde" und "Une histoire du vertige"), andererseits die institutionelle Übersetzung dieser Krise in juristisch-politische Formen (vor allem in "Le fleuve qui voulait écrire" und "L’internationale des rivières"). Die Rezension deutet diese beiden Linien nicht als Fortschritt, sondern als Pendelbewegung: Der "Vertige" fungiert zugleich als poetologische Kategorie (Instabilität der Zeichen, "pharmakon" der Sprache) und als ethisch-politischer Imperativ, der neue Formen der Anerkennung nichtmenschlicher Akteure verlangt. Besonders prägnant ist dabei die These, dass Toledo die ökologische Krise nicht narrativ domestiziert, sondern formal reproduziert: Die Hybridität der Gattungen, die Verschiebung von monologischer Rede zu polyphoner Anhörung und schließlich zur spekulativen "fiction instituante" erscheinen als ästhetische Entsprechungen eines Weltzustands, in dem "der Boden sich entzieht". Die Rezension liest diese formale Dynamik als bewusste Verweigerung jeder "consolation" und damit als Gegenentwurf zu apokalyptischen oder technizistischen Klimanarrativen; stattdessen wird eine "Poetik des Aushaltens" sichtbar, die den Schwindel nicht auflöst, sondern produktiv macht – sei es in der literarischen Selbstbefragung des "homo narrans" oder in der Vision eines Rechts, das Flüssen Stimme und Handlungsmacht verleiht. Insgesamt überzeugt die Argumentation durch ihre enge Verschränkung von Textanalyse, Gattungstheorie und ökologischer Hermeneutik: Sie zeigt, dass Toledos Werk nicht nur vom Klimawandel handelt, sondern dessen epistemische Zumutungen auf der Ebene von Form, Sprache und Institution selbst vollzieht.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Ein Auge, das zu viel sieht: Patrick Grainville</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/14/ein-auge-das-zu-viel-sieht-patrick-grainville/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jul 2026 03:27:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Patrick Grainville]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81NCWiMKmL-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81NCWiMKmL-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81NCWiMKmL-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81NCWiMKmL-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81NCWiMKmL-932x1536.jpg 932w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81NCWiMKmL-1243x2048.jpg 1243w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81NCWiMKmL.jpg 1276w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Patrick Grainvilles Roman "Les Yeux de Milos" (Seuil, 2021) macht das Sehen selbst zum Gegenstand der Erzählung: Sein Protagonist, dessen ungewöhnlich blaue Augen ihn von Kindheit an zur Zielscheibe fremder Blicke machen, wächst im Schatten zweier Maler der Côte d'Azur auf, Pablo Picasso und Nicolas de Staël, deren Biographien der Roman essayistisch in die Liebesgeschichte einwebt, bis eine eifersüchtige Geliebte ihm mit einer Rasierklinge ein Auge zerstört. Der vorliegende Beitrag liest den Roman als Reflexion über den Preis außergewöhnlicher Schönheit und die Unmöglichkeit unschuldigen Sehens: Er untersucht, wie der Text Gattungsgrenzen zwischen Bildungsroman, Künstleressay und Mythenerzählung verwischt, wie er über Namensgebung, Ekphrasis und ein dichtes intertextuelles Netz eine mythologische Architektur aus Europa-Raub und Minotaurus-Sage unter die individuelle Biographie legt, und wie er die klassische Konstellation aus männlichem Blick und weiblichem Blickobjekt für seinen Protagonisten umkehrt, ohne daraus ein einfaches Befreiungsnarrativ zu machen. Im Zentrum der Analyse steht die These, dass der Roman seine eigene Ausgangsfrage – was vom Sehen bleibt, wenn das Auge verletzt ist – nicht begrifflich, sondern formal beantwortet: durch die Verschiebung vom unmittelbaren Blick zum gemeinsam erzählten, ausdrücklich als teilweise erfunden markierten Bild, mit dem der Roman selbst endet.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Lesbische Literatur als Verfahren: zu Lou Lootgieters subjektiver Kartographie des Verborgenen</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/13/lesbische-literatur-als-verfahren-zu-lou-lootgieters-subjektiver-kartographie-des-verborgenen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Jul 2026 02:57:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Amélie Nothomb]]></category>
		<category><![CDATA[Anne F. Garréta]]></category>
		<category><![CDATA[Cécile Coulon]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="202" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71UfasE07L._SL1500_-202x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71UfasE07L._SL1500_-202x300.jpg 202w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71UfasE07L._SL1500_-690x1024.jpg 690w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71UfasE07L._SL1500_-768x1139.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71UfasE07L._SL1500_.jpg 1011w" sizes="auto, (max-width: 202px) 100vw, 202px" />Lou Lootgieters Sammlung "Les Dessous lesbiens de la littérature" (2026) zeigt anhand von 29 frankophonen Texten seit dem 19. Jahrhundert eine bewusst subjektive, nicht-chronologische Kartographie lesbischer Schreibweisen, die journalistische Recherche, Interviews und close readings verbindet. Im Zentrum stehen wiederkehrende Strategien, mit denen Autorinnen lesbisches Begehren unter Bedingungen von Zensur und Unsichtbarkeit artikulieren: So liest Lootgieter Rachildes "Monsieur Vénus" (1884) als frühe Figuration von „Monstrosität“ als Chiffre eines noch sprachlosen Begehrens, während sie in Monique Wittigs "L’Opoponax" (1964) die grammatische Neutralisierung von Geschlecht als literarisches „Trojanisches Pferd“ interpretiert. An Beispielen wie Amélie Nothombs "Stupeur et tremblements" (1999), dessen homoerotische Spannung von der zeitgenössischen Kritik ignoriert wurde, oder Violette Leducs zensierter Internatserzählung "Thérèse et Isabelle" zeigt der Band, wie stark Rezeption und Publikationsgeschichte zur Unsichtbarmachung beitragen. Zugleich verschiebt sich die Perspektive im Verlauf der vier Kapitel von Verschleierungstechniken hin zu offenen politischen Positionen, etwa in Constance Debrés "Love Me Tender" (2020), das Heterosexualität als soziales Regime explizit zurückweist. Theoretische Bezugspunkte – von Judith Butler über Monique Wittig bis zu Paul B. Preciado – bleiben dabei bewusst fragmentarisch und werden eher als Resonanzraum denn als systematischer Rahmen eingesetzt. Zudem werden quer dazu auch das Verhältnis zu männlicher Homosexualität, innerfeministische Konfliktlinien sowie Fragen von Transinklusion und -exklusion punktuell mitverhandelt. Die Rezension arbeitet diese Spannungen zwischen Materialfülle und fehlender methodischer Synthese ebenso heraus wie den Erkenntniswert des Bandes als Fundus bislang marginalisierter Texte, Rezeptionsdokumente und Gesprächsperspektiven für die literaturwissenschaftliche Weiterarbeit.]]></description>
		
		
		
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		<title>Autofiktion, Zeitfalte und Schreibursprung: Christian Garcin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/12/autofiktion-zeitfalte-und-schreibursprung-christian-garcin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 12 Jul 2026 01:13:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
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		<category><![CDATA[Christian Garcin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="158" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41puU12Y4dL._SL1368_-158x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41puU12Y4dL._SL1368_-158x300.jpg 158w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41puU12Y4dL._SL1368_-539x1024.jpg 539w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41puU12Y4dL._SL1368_.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" />Die Rezension deutet Christian Garcins "Portrait du jeune homme en spirite" (Actes Sud, 2026) als vielschichtiges autofiktionales Werk, das eine scheinbar okkulte Erfahrung – spiritistische Sitzungen mit dem verstorbenen Vater – in eine poetologische Ursprungserzählung des eigenen Schreibens transformiert. Im Zentrum steht weniger die Frage nach der Realität des Übernatürlichen als vielmehr die reflexive Selbstbefragung eines Autors, der seine literarische Berufung auf ein ambivalentes, zwischen Glauben und Skepsis oszillierendes Erlebnis zurückführt. Die komplexe Zeitstruktur (1980er Jahre, Niederschrift 2001, Veröffentlichung 2025), die dialogische Interviewform sowie die Verschränkung von Erinnerung, Essayistik und intertextuellen Bezügen erzeugen eine doppelte Bewegung von Distanzierung und Selbstvergewisserung. Dabei erscheint der Spiritismus als Metapher für Medialität im weiteren Sinne: als Modell dafür, wie Schreiben aus der Vermittlung zwischen Abwesendem und Gegenwärtigem hervorgeht. Letztlich liest die Rezension den Text als literarische Trauerarbeit, in der die Figuren von Vater und Mutter zu poetologischen Schwelleninstanzen werden und die Offenheit gegenüber dem „Unerklärten“ nicht als epistemisches Defizit, sondern als produktive Bedingung von Literatur behauptet wird.]]></description>
		
		
		
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		<title>Kosmogonie und Sommersonnenwende auf dem Supermarktparkplatz: Célestin de Meeûs</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/11/kosmogonie-und-sommersonnenwende-auf-dem-supermarktparkplatz-celestin-de-meeus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Jul 2026 02:07:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="191" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/719LsPy6jZL._UF10001000_QL80_-1-191x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/719LsPy6jZL._UF10001000_QL80_-1-191x300.jpg 191w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/719LsPy6jZL._UF10001000_QL80_-1.jpg 635w" sizes="auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px" />In Célestin de Meeûs, "Mythologie du .12" (2024) treffen an einem einzigen Sommersonnenwendabend in der belgischen Provinz zwei Welten aufeinander, die sich sonst nie begegnen: Théo, gerade volljährig und mit den letzten Prüfungen fertig, vertreibt sich mit seinem Freund Max die Zeit auf dem Parkplatz einer Einkaufszone, zwischen Bier, Joints und der Erinnerung an eine gescheiterte Beziehung, während der Chefarzt Rombouts nach einem langen Arbeitstag in seine Villa am Waldrand zurückkehrt, wo Ehe und Vaterrolle bereits zerbrochen sind. Als Théo und Max am Abend in genau jenes kürzlich erworbene Waldstück ziehen, das an Rombouts' Grundstück grenzt, registriert dieser von seiner Terrasse aus Stimmen und Lichtschein, hält die beiden für Einbrecher und erschießt Théo mit seiner Flinte vom Kaliber .12 – ein Akt aus Furcht, den der Roman nicht als plötzlichen Ausbruch, sondern als Endpunkt eines längst angelegten Gefälles aus Besitzdenken, verletzter Männlichkeit und familiärer Weitergabe von Gewalt erzählt. Der Aufsatz liest diese Erzählung als Auseinandersetzung mit dem im Titel angekündigten Mythos: Kurz vor dem Schuss ruft sich Théo den antiken Sukzessionsmythos von Uranos und dem Sohn Kronos ins Gedächtnis, in dem der Sohn den übermächtigen Vater entmannt, um eine neue Ordnung freizusetzen – doch der Roman kehrt dieses Muster um, denn hier tötet eine Vaterfigur einen fremden jungen Mann, um den eigenen Status zu verteidigen, sodass aus befreiender Ablösung sterile Wiederholung wird. Eigentum, Männlichkeitsideal und koloniales Erbe verdichten sich dabei, wie der Text zeigt, zu einer selbstgemachten Mythologie im Sinne Roland Barthes', die eine Tötung als Notwehr erscheinen lässt, während Form und Syntax des Romans – die endlosen, kaum von Punkten unterbrochenen Sätze, die Parallelführung der Schauplätze, das wiederkehrende Bild des „Nirgendwo" – diese Sinnverweigerung auf der Ebene der Sprache selbst vollziehen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Präsident als Erzähler: Édouard Philippe und Gilles Boyer zwischen Zeugnis und Kandidatur</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/10/der-praesident-als-erzaehler-edouard-philippe-und-gilles-boyer-zwischen-zeugnis-und-kandidatur/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 10 Jul 2026 05:01:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71okGUIMbsL-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71okGUIMbsL-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71okGUIMbsL-650x1024.jpg 650w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71okGUIMbsL-768x1211.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71okGUIMbsL-974x1536.jpg 974w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71okGUIMbsL-1299x2048.jpg 1299w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71okGUIMbsL.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Die Rezension analysiert den bürgerlichen Präsidentschaftskandidat für 2027, Édouard Philippe, der mit Gilles Boyer einen Regierungsrückblick "Impressions et lignes claires" (2021) geschrieben hat, im Zusammenspiel mit ihrem früheren Politthriller "Dans l’ombre" (2011) sowie dem späteren, unter Pseudonym über Philippe erschienenen Roman "Ils ont tué Édouard Philippe" (2025) und entwickelt daraus ein vielschichtiges Bild politischer Selbstdeutung und literarischer Machtreflexion. Während "Impressions et lignes claires" in vierzehn lose verbundenen, intertextuell betitelten Kapiteln die 1145 Tage in Matignon als Folge impressionistischer Beobachtungen rekonstruiert, die sich erst im Zusammenspiel zu einer Kontur politischen Handelns verdichten, entwirft das Buch zugleich ein dezidiert nicht-charismatisches Verständnis von Politik als erlernbares Handwerk, geprägt durch Lektüre, institutionelle Loyalität und persönliche Bindungen. Dem steht ihr Thriller "Dans l’ombre" als frühere, fiktionale Rollenprobe gegenüber, die Macht in zynischer Zuspitzung als manipulierbares System zeigt und die Differenz zwischen sichtbarer politischer Figur und im Hintergrund agierendem Strategen theoretisch vorwegnimmt. Der dystopische Roman "Ils ont tué Édouard Philippe" von einem "Max B." radikalisiert diese Perspektive, indem er reale politische Akteure in eine verschwörungstheoretisch aufgeladene Attentatserzählung einbindet und so die Grenze zwischen Fiktion und dokumentarischem Anspruch systematisch verwischt. Die Rezension arbeitet heraus, dass sich über diese drei Texte hinweg ein Spannungsfeld zwischen literarischer Imagination und politischer Selbstinszenierung eröffnet: vom verschlüsselnden Schlüsselroman über das kollektiv verfasste Regierungszeugnis bis hin zur paranoiden Dystopie, die reale politische Figuren ohne Distanz fiktionalisiert. In dieser Konstellation erscheint Philippe zugleich als Autor, Figur und Projektionsfläche eines literarisch-politischen Diskurses, in dem sich individuelle Karriere, institutionelle Reflexion und gesellschaftliche Imagination überlagern und gegenseitig strukturieren.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Mutter, die Sprache, der Wahnsinn: Antonin Artaud bei Justine Lévy</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/09/die-mutter-die-sprache-der-wahnsinn-antonin-artaud-bei-justine-levy/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Jul 2026 02:17:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Antonin Artaud]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/levyfils-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/levyfils-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/levyfils.jpg 628w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Justine Lévys Roman "Son fils" (Stock, 2021) erzählt das Leben Antonin Artauds aus der Perspektive seiner Mutter Euphrasie und entwirft in Form eines fiktiven Tagebuchs das eindringliche Porträt einer Frau, die ihren Sohn liebt, besitzt und gerade deshalb nie wirklich versteht. Anstelle einer werkzentrierten Künstlerbiografie rückt der Roman die Erfahrung von Krankheit, Entfremdung und Verlust in den Mittelpunkt und lässt Artauds Denken nur indirekt, gleichsam als Echo in der Wahrnehmung seiner Mutter, hervortreten. Die vorliegende Rezension zeigt, wie Lévy historische Fakten und literarische Fiktion zu einer Biofiktion verbindet, deren erzählerische Kraft gerade aus der Spannung zwischen der begrenzten Sicht der Erzählerin und dem Wissen der Lesenden entsteht. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Frage, welches Bild Artauds aus dieser radikal subjektiven Perspektive hervorgeht, sowie die literarischen Verfahren, mit denen der Roman Motive seines Werks – etwa den „Körper ohne Organe“, die Ablehnung biologischer Herkunft oder das Theater der Grausamkeit – aufnimmt, ohne sie ausdrücklich zu erläutern. Zugleich wird untersucht, wie Form, Sprache und Perspektivierung den mütterlichen Besitzanspruch ebenso sichtbar machen wie dessen fortschreitendes Scheitern und den Roman damit zu einer Reflexion über die Grenzen biografischen Verstehens werden lassen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Jeden Tag ein ganzes Leben: Diktat und Dichtung bei Timothée de Fombelle</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/08/jeden-tag-ein-ganzes-leben-diktat-und-dichtung-bei-timothee-de-fombelle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2026 04:04:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
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		<category><![CDATA[Timothée de Fombelle]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="191" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/fombelle-191x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/fombelle-191x300.jpg 191w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/fombelle-653x1024.jpg 653w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/fombelle-768x1204.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/fombelle.jpg 957w" sizes="auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px" />In Timothée de Fombelles „La vie entière“ (Gallimard, 2026, dt. bei dtv im Oktober 2026) wartet in ihrer Dachkammer im besetzten Paris die neunzehnjährige Claire eine Nacht lang auf Blanche, den Chef ihres Widerstandsnetzes, in den sie sich verliebt hat, ohne es ihm je zu sagen, und als er die vereinbarte Frist überschreitet, bleibt sie entgegen der eigenen Sicherheitsregel an der Schreibmaschine sitzen und beginnt, sich ein ganzes, nie gelebtes Leben zu erschreiben – Kinder, ein Ferienhotel am Meer, ein gemeinsames Alter –, verwoben mit den realen Erinnerungen an ihre Untergrundarbeit, an den Kurierjungen Émile, die Fälscherin Rosine, den misstrauischen Nachbarn und die Verhaftungswelle des Sommers, bis am Ende Schritte im Treppenhaus erklingen und offenbleibt, ob sie selbst verhaftet wird, während der Text stattdessen in eine letzte Zukunft springt, in der ein gealterter Blanche ihre versteckten Blätter findet und liest; der Aufsatz über diesen schmalen Roman von Timothée de Fombelle entfaltet aus dieser Konstruktion seine These, dass Geschichtsfakten und subjektives, unbelegbares Erleben denselben Wirklichkeitsgrad beanspruchen, sobald beide in denselben Sätzen und Tempora geschrieben sind, und verfolgt diesen Gedanken durch Gattungslage, Figurenkonstellation, Kommunikationsformen, Erzählperspektive, Handlungs-, Raum- und Zeitstruktur, Bildfelder, Geschlechterordnung, Poetik, autopoetologische Spiegelung und intertextuellen Bezug zu Etty Hillesum, um schließlich im Vergleich von Anfang und Schluss zu zeigen, dass der Roman nicht das Erdichtete an die Stelle des Realen setzt, sondern beidem gleichermaßen Bestand über den ungewissen Ausgang der Nacht hinaus zuspricht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Fundgrube</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/07/fundgrube/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 10:57:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Probe]]></category>
		<category><![CDATA[Sigrid Brinkmann]]></category>
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					<description><![CDATA[„Für alle, die an ästhetischen Debatten und an Gegenwartsliteratur aus Frankreich und frankophonen Ländern interessiert sind, ist der Blog ‚Rentrée littéraire‘ eine unschätzbar reiche Fundgrube. Kai Nonnenmacher hat die deutsch-französische Plattform 2022 gegründet. Er lehrt das Fach Romanische Kultur- und Literaturwissenschaft in Bamberg und publiziert in seinem Blog Kritiken von französischen Neuerscheinungen.“ Sigrid Brinkmann am ... <p class="read-more-container"><a title="Fundgrube" class="read-more button" href="https://rentree.de/2026/07/07/fundgrube/#more-15735" aria-label="Mehr Informationen über Fundgrube">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Marine Le Pen als Bücherfigur: Enthüllen, Deuten, Imaginieren</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/07/marine-le-pen-als-buecherfigur-enthuellen-deuten-imaginieren/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 06:43:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Marine Le Pen]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="191" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41S5p7-hWPL._AC_UF8941000_QL80_-191x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41S5p7-hWPL._AC_UF8941000_QL80_-191x300.jpg 191w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/41S5p7-hWPL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 638w" sizes="auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px" />Dieser Überblick über Marine-Le-Pen-Literatur steht im unmittelbaren Schatten eines laufenden Gerichtsverfahrens: Am 7. Juli 2026 verkündet die Pariser Cour d'appel ihr Urteil im Prozess um die Assistenten der FN-Europaabgeordneten, in dem Marine Le Pen erstinstanzlich zu fünf Jahren Verlust des passiven Wahlrechts mit sofortiger Vollstreckung verurteilt worden war – eine Entscheidung, deren Bestätigung sie von der Präsidentschaftswahl 2027 ausschließen und den Weg für Jordan Bardella als Ersatzkandidaten des Rassemblement National ebnen würde, während eine Abschwächung oder Aufhebung der sofortigen Vollstreckung ihre Kandidatur offen hielte; da das Urteil zum Zeitpunkt der Abfassung noch aussteht, erhält die folgende Übersicht eine besondere Gegenwartsdringlichkeit. – Die Rezension folgt einer doppelten Ordnung: einerseits einer Gattungslogik, andererseits einer argumentativen Progression vom Sichtbaren zum Strukturellen. Ein erster Abschnitt widmet sich mehreren journalistischen Enthüllungsbüchern, die in dichter Recherchearbeit Netzwerke, Finanzen und parteiinterne Strategien freilegen. Hier zeigt die Rezension im Detail, wie diese Texte mit wiederkehrenden dramaturgischen Mitteln arbeiten: Sie eröffnen mit prägnanten Szenen – etwa Wahlkampfauftritten oder internen Krisenmomenten –, um anschließend Schritt für Schritt ein Gegenbild zur öffentlichen Inszenierung zu entfalten. Die Politikerfigur erscheint dabei als strategisch kontrolliertes Konstrukt, dessen „Normalisierung“ als bewusste Operation beschrieben wird. Die Rezension arbeitet heraus, dass diese Bücher weniger durch neue Fakten als durch ihre narrative Rahmung Wirkung entfalten: Sie organisieren das Material entlang einer Enthüllungslogik, die stets auf die Entlarvung einer Diskrepanz zwischen Oberfläche und Tiefe zielt. – Ein zweiter Block gilt diskursanalytischen und ideologiekritischen Studien. Hier verschiebt sich der Zugriff: Statt biografischer Details stehen Sprachmuster, Begriffsverschiebungen und rhetorische Strategien im Zentrum. Die Rezension rekonstruiert die Argumentationsgänge dieser Arbeiten: Sie zeigen etwa, wie Begriffe wie „Volk“, „Souveränität“ oder „Sicherheit“ semantisch umcodiert werden, wie ambivalente Formulierungen unterschiedliche Adressaten zugleich bedienen und wie sich ältere rechtsextreme Diskurse in moderaterer Form fortschreiben. Besonders hervorgehoben wird die methodische Strenge dieser Studien, die mit Korpusanalysen, Redevergleichen und historischen Kontextualisierungen arbeiten. Die Figur Le Pen erscheint hier nicht mehr als handelndes Subjekt, sondern als Effekt eines Diskurses, der über sie hinausweist. – Darauf folgt ein Abschnitt zu biografischen Darstellungen, die stärker narrativ und psychologisierend verfahren. Die Rezension zeigt, wie diese Bücher zentrale Motive – familiäre Konflikte, die Beziehung zum Vater, der Generationswechsel innerhalb der Partei – zu einer kohärenten Lebensgeschichte verdichten. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Biografien häufig mit literarischen Mitteln operieren: Sie setzen auf dramatische Zuspitzung, charakterliche Entwicklung und symbolische Schlüsselszenen. Die Politikerfigur gewinnt hier an Tiefe und Kontur, wird aber zugleich in bekannte Erzählmuster eingebettet, die ihre politische Rolle verständlich und erzählbar machen. – Ein weiterer Teil der Rezension ist programmatischen Schriften und politischen Essays gewidmet, die entweder von Le Pen selbst oder aus ihrem Umfeld stammen. Hier analysiert die Rezension die innere Struktur dieser Texte: die Konstruktion eines kollektiven Subjekts („das Volk“), die Gegenüberstellung von Bedrohung und Schutz, sowie die Inszenierung politischer Klarheit durch scheinbar einfache Lösungen. Argumentativ wird gezeigt, dass diese Schriften weniger konkrete Politikvorschläge entwickeln als vielmehr ein kohärentes Weltbild anbieten, in dem die Autorin als notwendige Repräsentantin erscheint. – Abschließend behandelt die Rezension Prognosen, Wahlstudien und fiktionale Texte, die eine mögliche Präsidentschaft vorwegnehmen. Besonders instruktiv ist hier die Beobachtung, dass statistische Modelle und literarische Imaginationen sich einander annähern: Beide transformieren die politische Figur in eine Zukunftsfigur, deren Möglichkeit bereits als Realität gedacht wird. Die Rezension zeigt, wie diese Texte Szenarien durchspielen, Regierungskonstellationen entwerfen und politische Entscheidungen antizipieren – und damit das Vorstellbare verschieben. – Die argumentative Linie der Rezension läuft darauf hinaus, diese unterschiedlichen Texttypen nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines gemeinsamen kulturellen Produktionsprozesses. In ihrer Zusammenschau entsteht „Marine Le Pen“ als vielschichtige Figur, die je nach Perspektive enthüllt, analysiert, erzählt, programmiert oder imaginiert wird. Gerade diese Überlagerung macht ihre politische Wirksamkeit aus. – Vor diesem Hintergrund gewinnt das ausstehende Urteil ein Gewicht, das weit über die juristische Einzelfrage hinausgeht: Seine Folgen betreffen nicht nur die französische Innenpolitik und die Konstellation der Präsidentschaftswahl 2027, sondern reichen in die deutsch-französischen Beziehungen hinein – etwa in Fragen der wirtschafts- und europapolitischen Koordination – und berühren die politische Architektur Europas insgesamt, insofern sie das Kräfteverhältnis zwischen nationalpopulistischen und integrationsorientierten Projekten neu justieren könnten.]]></description>
		
		
		
			</item>
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		<title>Verlorene Anrufe, gefundene Sprache – Nassera Tamer</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/07/verlorene-anrufe-gefundene-sprache-nassera-tamer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jul 2026 05:05:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
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		<category><![CDATA[Nassera Tamer]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81iIzXfe-KL-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81iIzXfe-KL-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81iIzXfe-KL-667x1024.jpg 667w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81iIzXfe-KL-768x1179.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81iIzXfe-KL-1000x1536.jpg 1000w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81iIzXfe-KL-1334x2048.jpg 1334w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/81iIzXfe-KL.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Der vorliegende Text liest Nassera Tamers "Allô la Place" (Verdier, 2025) als autofiktional grundierten, formal hybriden Roman, der den Telefonanruf – prägnant gerahmt durch Jacques Derridas Diktum vom „gespenstischen“ Charakter der Stimme – zur Leitmetapher einer diasporischen Existenz erhebt: Erzählt wird von einer in Paris lebenden Ich-Erzählerin, die im Versuch, das verlorene Darija ihrer Eltern wiederzuerlernen, weniger ein sprachliches als ein existenzielles Defizit bearbeitet, nämlich die durch Migration, sozialen Aufstieg und Scham beschädigte Beziehung zur Herkunft und zu den Eltern, deren ausbleibender Anruf den eigentlichen dramatischen Kern bildet. Anstelle eines linearen Plots entfaltet der Roman eine montierte Struktur aus kurzen Sequenzen, dokumentarischen Exkursen und inventarischen Schaufensterlisten, die sich zu einer Poetik des Fragments und der „Verbindung im Abbruch“ verdichten: Das Sprachtandem mit der in Casablanca lebenden Mer fungiert dabei als Spiegelkonstellation, in der sich Fragen von Geschlecht, Mobilität und Ungleichheit bündeln, während Taxiphones als heterotope Schwellenräume eine Topografie des Dazwischen markieren. Die Analyse arbeitet heraus, dass Tamer technische Kommunikationsformen – von der Audiokassette bis zur App – nicht als Fortschrittserzählung, sondern als Archäologie misslingender Nähe inszeniert, in der der „appel en absence“ zur Signatur eines Subjekts wird, das zwischen Sprachen und Orten suspendiert bleibt; zugleich deutet sie die dichten Metaphernfelder (Wasser, Wunde, Signal, Reparatur) und die intertextuellen Bezüge als Elemente einer autopoetologischen Reflexion, die das Schreiben selbst als prekäre, vom Verschwinden bedrohte Geste begreift. Insgesamt fokussiert die Argumentation konsequent auf die Leitmetapher der unterbrochenen Verbindung und deren Ausfaltung in Form, Motivik und Medienreflexion.]]></description>
		
		
		
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		<title>Gabriel Attals Bekenntnisbuch als Kandidaturauftakt</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/06/gabriel-attals-bekenntnisbuch-als-kandidaturauftakt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Jul 2026 03:44:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Gabriel Attal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="189" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61xZCCRU8EL._SL1500_-189x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61xZCCRU8EL._SL1500_-189x300.jpg 189w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61xZCCRU8EL._SL1500_-644x1024.jpg 644w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61xZCCRU8EL._SL1500_-768x1222.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/61xZCCRU8EL._SL1500_.jpg 943w" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" />Die Rezension liest Gabriel Attals "En homme libre" (2026) als paradigmatischen Fall der französischen „Buchkandidatur“ und verfolgt, wie sich eine politische Biografie vom kommunalen Einstieg bis in die Sphäre der Präsidentschaftsbewerbung zugleich als Selbstdeutung und Programmentwurf inszeniert. Ausgehend von der dramatisch gesetzten Zäsur der Parlamentsauflösung 2024 entfaltet das Buch in nichtlinearer Dramaturgie Herkunft, Aufstieg und Identitätsnarrative – von familiären Prägungen zwischen jüdisch-atheistischem und orthodoxem Erbe über den institutionellen Parcours durch Ministerien bis hin zur kurzen Amtszeit als Premierminister – und überführt diese in ein politisches Credo, das individuelle Erfahrung als Legitimation eines „neuen republikanischen“ Projekts mobilisiert. Die Analyse arbeitet heraus, wie Attal intime Bekenntnisse (etwa zu seiner homosexuellen Lebensgemeinschaft, zu Religion und biografischen Brüchen) mit strategischer Selbstpositionierung verschränkt, wie sich Distanz und Kontinuität gegenüber dem Macronismus rhetorisch austarieren und wie ein programmatischer Kern sichtbar wird, der wirtschaftsliberale, gesellschaftlich progressive und ordnungspolitisch autoritäre Elemente verbindet. Zugleich wird Attals Selbstentwurf im Horizont eines bereits stark ausdifferenzierten Bewerberfeldes gelesen – von zentristischen Konkurrenten wie Édouard Philippe über Vertreter der radikalen Linken wie Jean-Luc Mélenchon bis hin zu dominanten Figuren der extremen Rechten wie Jordan Bardella –, wodurch das Buch nicht nur als individuelle Selbstbeschreibung, sondern als strategische Positionierung innerhalb eines zunehmend polarisierten Wahlkampfs erscheint. Im Fokus steht damit das Doppelgesicht des Textes: als literarisierte Lebensgeschichte, die Authentizität behauptet, und als implizite Wahlplattform, die den Anspruch auf die Präsidentschaft erzählerisch vorbereitet und politisch begründet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Gülle und Glamour: Natur als Zumutung bei Antoine Charbonneau-Demers</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/05/zwischen-guelle-und-glamour-natur-als-zumutung-bei-antoine-charbonneau-demers/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Jul 2026 04:37:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Antoine Charbonneau-Demers]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71LTg4yqG5L._SL1240_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71LTg4yqG5L._SL1240_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71LTg4yqG5L._SL1240_-658x1024.jpg 658w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71LTg4yqG5L._SL1240_-768x1195.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71LTg4yqG5L._SL1240_.jpg 797w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Antoine Charbonneau-Demers’ Roman "Nature Boy" (Flammarion, 2026) entfaltet vor der Kulisse eines verseuchten Québecer Bauernmilieus eine vielschichtige Erzählung über Krankheit, soziale Determination und die Gewalt des Aufstiegsversprechens: Im Zentrum steht die Familie Torchaud, deren Mitglieder – allen voran Lyne und ihr Neffe Karl – zwischen ökologischer Kontamination, körperlichem Verfall und imaginären Fluchten in ein vermeintlich besseres Leben zerrieben werden. Die Handlung verfolgt zunächst Lynes von Krankheit und Aufstiegsfantasien geprägte Jugend und verschiebt sich später auf Karl, der den Spuren seiner Tante in die USA folgt und dort – nicht zuletzt in der Begegnung mit einer grotesk überzeichneten Thoreau-Figur – in ein ebenso gewaltsames wie illusionäres Natur- und Freiheitsversprechen gerät. Beide Erzählstränge kulminieren in einem Koma, in dem sich scheiternde Lebensentwürfe in eine letzte, halluzinatorische Triumphfantasie verwandeln. Der Roman verschränkt dabei Sozialsatire, Body Horror, magischen Realismus und Bildungsroman zu einer radikalen Ästhetik des Abjekten, in der Natur nicht als Ort der Regeneration, sondern als Zone von Ekel, Infektion und Ausbeutung erscheint. Die Rezension argumentiert, dass "Nature Boy" diese Poetik nutzt, um die Konstruktion von Schönheit, Authentizität und Freiheit als Privilegien der Wohlhabenden zu entlarven, während die Unterprivilegierten im „Schmutz der Realität“ gefangen bleiben. In der Analyse von Erzählstruktur, Raum- und Zeitregimen sowie zentralen Motiven wie Kontamination, Flucht und Aneignung zeigt sich der Roman als schonungslose Diagnose sozialer Verhältnisse, deren einziger Ausweg im paradoxen Triumph des Komas liegt – einer letzten, halluzinatorischen Form von Freiheit.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Bauer als Seismograph der Katastrophe: France profonde bei Serge Joncour</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/04/der-bauer-als-seismograph-der-katastrophe-france-profonde-bei-serge-joncour/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Jul 2026 05:06:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Naturfiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Serge Joncour]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71wtFQNX6tL._SL1299_-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71wtFQNX6tL._SL1299_-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71wtFQNX6tL._SL1299_-675x1024.jpg 675w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71wtFQNX6tL._SL1299_-768x1165.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/71wtFQNX6tL._SL1299_.jpg 856w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />"Nature humaine" (2020) und "Chaleur humaine" (2023) bilden ein zusammenhängendes Roman-Diptychon, in dessen Zentrum der Bauer Alexandre Fabrier und der Hof „Les Bertranges“ im Département Lot stehen. "Nature humaine" erzählt in einer großen Rückblende den Zeitraum von der Dürre des Sommers 1976 bis zu den Orkanen von 1999 und verfolgt Alexandres Entwicklung vom Erben eines bäuerlichen Familienbetriebs über seine Politisierung im Umfeld der Anti-Atomkraft-Bewegung bis zur Sabotage eines Autobahnprojekts, während zugleich der Niedergang der traditionellen Landwirtschaft, die Auflösung familiärer Bindungen und seine Beziehung zur deutschen Naturschützerin Constanze entfaltet werden. "Chaleur humaine" setzt zwanzig Jahre später unmittelbar vor dem ersten Corona-Lockdown ein und zeigt denselben Hof unter den Bedingungen von Klimawandel, Artensterben und Pandemie, während die Familie erneut zusammenfindet und Alexandre nach Wegen sucht, Landwirtschaft, Naturschutz und familiäre Versöhnung miteinander zu verbinden. Die Interpretation argumentiert, dass Serge Joncour beide Romane nicht als ökologischen Thesenroman, sondern als literarische „Poetik der Verspätung und des Nachhalls“ gestaltet: Historische Großereignisse wie Tschernobyl, Globalisierung, Stürme oder Pandemie werden konsequent mit den unscheinbaren Veränderungen der Landschaft, der Tierwelt und des bäuerlichen Alltags verschränkt, sodass sich die globale Klimakrise erst in lokalen, körperlich erfahrbaren Zeichen erkennen lässt. Aus dieser Verbindung von Familienroman, historischem Roman und "roman du terroir" entwickelt Joncour eine Erzählweise, die den ländlichen Raum der "France profonde" als empfindlichen Seismographen gesellschaftlicher und ökologischer Umbrüche sichtbar macht und den langen, oft kaum wahrnehmbaren Wandel der Natur zum eigentlichen Gegenstand des Erzählens erhebt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der verzögerte Übertritt: Olivier Bleys</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/03/der-verzoegerte-uebertritt-olivier-bleys/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Jul 2026 03:22:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2018]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Olivier Bleys]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/bleys-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/bleys-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/bleys.jpg 683w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Roman "Nous, les vivants" von Olivier Bleys (Albin Michel, 2018) erzählt die Geschichte des Hubschrauberpiloten Jonas Muñoz, der nach einem Schneesturm in einer Berghütte in den Anden eingeschlossen wird und gemeinsam mit dem geheimnisvollen Grenzhüter Jésus eine scheinbar reale Reise entlang der argentinisch-chilenischen Grenze unternimmt. Erst am Ende wird deutlich, dass Jonas bereits beim Hubschrauberabsturz gestorben ist und die gesamte Handlung seinen verzögerten Übergang vom Leben in den Tod darstellt. Die Interpretation argumentiert, dass Bleys diesen Übergang nicht durch einen überraschenden Schluss, sondern durch zahlreiche subtile Hinweise vorbereitet: Von da an entgleitet die Wirklichkeit in unauffälligen Zeichen: Die Uhr geht falsch, Stunden vergehen zwischen zwei Sätzen, der Alkohol in der Flasche wird nicht weniger, und Jésus, dessen Fußspuren im Schnee unmöglich leicht sind, spricht in Zukunftsformen über Jonas' Verbleib. Zeit und Raum verlieren ihre Ordnung, die Grenze wird zur Metapher für die Trennung von Leben und Tod, und das Verblassen von Erinnerungen und Fotografien symbolisiert das Loslassen der eigenen Existenz. Zur Begründung verweist die Interpretation auf Motive, Erzähltechnik, Figurenkonstellation und sprachliche Gestaltung. So konzentriert sie sich auf die allegorische Deutung des Romans. Bleys gestaltet literarisch mit seinem Roman weniger den Tod selbst als vielmehr den schwierigen Prozess des Abschieds und der Selbstaufgabe.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Vom Rand her gelesen: deutsch-französische Vermittler, Opfer und Erinnerungsorte im 19. und 20. Jahrhundert</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/02/vom-rand-her-gelesen-deutsch-franzoesische-vermittler-opfer-und-erinnerungsorte-im-19-und-20-jahrhundert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jul 2026 04:38:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="202" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies-202x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies-202x300.jpg 202w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies-689x1024.jpg 689w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies-768x1141.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 202px) 100vw, 202px" />Der von Andrea Micke-Serin und Brigitte Rigaux-Pirastru herausgegebene Sammelband "Die Vergessenen und die Unsichtbaren im deutsch-französischen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts" (De Gruyter, 2026) untersucht anhand eines gemeinsamen erinnerungstheoretischen Ansatzes Akteurinnen und Akteure, Werke und Ereignisse, die aus der deutsch-französischen Erinnerungskultur weitgehend verschwunden oder an ihren Rand gedrängt worden sind. Die interdisziplinären Beiträge aus Literatur-, Kultur-, Kunst- und Geschichtswissenschaft reichen von Federica D'Ascenzos Studie zum Schriftsteller Édouard Dujardin über Philippe Wellnitz' Analyse der wiederentdeckten Buchhändlerin und Autorin Françoise Frenkel sowie Moritz Schertls Untersuchung von Patrick Modianos Dora Bruder bis hin zu Andrea Micke-Serins Rekonstruktion der Biographie des preußischen Abenteurers Carl Jäger (Caïd Osman). Weitere Beiträge widmen sich unter anderem dem Glasmaler Heinrich Ely, dem Fußballfunktionär Willy Scheuer, dem Rabbiner Moses Nordmann, dem Politiker Salomon Grumbach, den vergessenen Deportierten des Konzentrationslagers Ravensbrück sowie den französisch-ostdeutschen Beziehungen während des Kalten Krieges. Der Band zeigt eindrucksvoll, wie nationale Erinnerungskulturen transnationale Biographien und Grenzgänger systematisch marginalisieren, und eröffnet neue Perspektiven auf die deutsch-französische Kultur- und Erinnerungsgeschichte.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Ein Mietshaus im Elsass und Gespenster der Geschichte: Michèle Audin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/01/ein-mietshaus-im-elsass-und-gespenster-der-geschichte-michele-audin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 02:15:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Michèle Audin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="185" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-185x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-185x300.jpg 185w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-630x1024.jpg 630w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-768x1248.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-945x1536.jpg 945w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-1260x2048.jpg 1260w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL.jpg 1299w" sizes="auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px" />Der Artikel präsentiert Michèle Audins Roman "La Maison hantée" (2025) als eindrückliches Beispiel eines "roman croisé", in dem sich dokumentarische Recherche, erzählerische Imagination und multiple Zeitebenen überlagern: Ausgehend von ihrem Einzug in ein Straßburger Mietshaus im Jahr 1992 folgt eine Ich-Erzählerin den Spuren früherer Bewohner und entfaltet aus Archivmaterialien, Zufallsfunden und vorsichtigen Rekonstruktionen ein Geflecht von Lebensgeschichten, das besonders die Familie Caron-Fischbach in den Jahren 1930 bis 1946 in den Blick nimmt; im Schatten der nationalsozialistischen Annexion des Elsass werden dabei Fragen von Zugehörigkeit, Sprachzwang und administrativer Gewalt virulent, wobei insbesondere die jüdischen Bewohner des Hauses und ihr sukzessives Verschwinden aus den Registern als beklemmende Leerstelle hervortritt, die weder narrativ geschlossen noch historisch vollständig aufgeklärt werden kann. Die erzählerische Bewegung gleicht einem tastenden Durchqueren von Räumen und Zeiten – Treppenhaus, Wohnungen, Archive –, in denen sich Stimmen überlagern und Gegensätze nicht aufgelöst, sondern sichtbar gehalten werden. Vor diesem Hintergrund argumentiert der Aufsatz, dass Audin eine Poetik der Spurensicherung entwickelt, die das Nebeneinander von Fakt und Fiktion nicht nivelliert, sondern ausstellt: Erstens wird der historische Roman durch die konsequente Selbstreflexivität der Erzählinstanz als Konstrukt kenntlich gemacht, indem imaginative Ergänzungen ausdrücklich markiert und damit epistemologisch transparent werden; zweitens erscheint das Elsass als paradigmatischer Raum gekreuzter Identitäten, in dem nationale Zuschreibungen – insbesondere unter den Bedingungen der NS-Sprachpolitik – gewaltsam durchgesetzt und zugleich in ihrer Fragilität erfahrbar werden; drittens erweist sich das Schweigen der Quellen, etwa im Fall der ausgelöschten jüdischen Existenzen, nicht als bloßes Defizit, sondern als zentrales Bedeutungsträger, der die Grenzen historischer Erkenntnis markiert und eine ethisch reflektierte Form des Erinnerns einfordert. So macht der Aufsatz plausibel, dass "La Maison hantée" Geschichte nicht als lineare Erzählung, sondern als vielstimmiges, von Brüchen durchzogenes Gefüge begreift, in dem sich Vergangenheit nur im Modus der Annäherung und Überkreuzung erschließt.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Im Schatten der Helden: Marc Biancarellis Antwort auf den korsischen Nationalmythos</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/30/im-schatten-der-helden-marc-biancarellis-antwort-auf-den-korsischen-nationalmythos/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Jun 2026 05:27:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Biancarelli]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-543x1024.jpg 543w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-768x1449.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-814x1536.jpg 814w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-1085x2048.jpg 1085w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild.jpg 1166w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />Marc Biancarellis "Roman national" (Actes Sud, 2026) entwirft im Gewand des historischen Romans ein komplexes Bild Korsikas als „doppelte Insel“, die zugleich durch äußere Herrschaft unterworfen und durch innere kulturelle Ressourcen behauptet wird: Vor dem Hintergrund des Aufstands Sampieru Corsos im Jahr 1564 verfolgt der Text die Lebenswege Fioravantes und Catalinas, die zwei gegensätzliche Antworten auf eine Gesellschaft ohne stabile politische Institutionen verkörpern – Bindung an lokale Loyalitäten und Rachelogiken einerseits, radikale Ablösung und Selbstentwurf andererseits; in drei erzählerischen Bögen (Kindheit, Kriegsgeschehen, Nachklang) verbindet Biancarelli dokumentierte Ereignisse mit subjektiven Perspektiven und unterläuft dabei systematisch die Erwartung eines heroischen Nationalepos, indem er zeigt, dass der vermeintliche Befreiungskampf weniger von kollektiven Idealen als von privaten Motiven getragen wird und letztlich an innerer Zerrissenheit scheitert; die Argumentation des Romans zielt damit auf eine Dekonstruktion des „roman national“ als Gattung, indem nationale Identität als nachträgliche, selektive Konstruktion sichtbar wird, die insbesondere die Gewalt an Frauen ausblendet – ein blinder Fleck, den die zentrale Figur Catalinas explizit macht –, während zugleich die Sprache, konkret das Korsische, als eigentlicher Träger von Kontinuität und Widerstand herausgestellt wird, der sich staatlicher Kontrolle entzieht; formal entspricht dieser These eine polyphone Erzählstruktur ohne privilegierte Instanz, die Geschichte als Feld konkurrierender Stimmen präsentiert, während inhaltlich eine Anthropologie der Gewalt entfaltet wird, die diese nicht als Ausnahme, sondern als zirkulierendes Prinzip sozialer Ordnung begreift; in dieser Perspektive erscheint Catalinas Bewegung der Ablösung als einzige nicht destruktive Handlungsform, sodass der Roman insgesamt als paradoxer Nationalroman lesbar wird, der die Bedingungen kollektiver Identitätsbildung freilegt, indem er sie zugleich erzählerisch unterläuft.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Férocité, Klasse, Körper: Female Gaze bei Caroline Laurent, Benoîte Groult, Éric Holder und D. H. Lawrence</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/29/ferocite-klasse-koerper-female-gaze-bei-caroline-laurent-benoite-groult-eric-holder-und-d-h-lawrence/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 10:08:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Annie Ernaux]]></category>
		<category><![CDATA[Benoîte Groult]]></category>
		<category><![CDATA[Caroline Laurent]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Holder]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="225" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71SyuJm-k1L._SL1500_-225x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71SyuJm-k1L._SL1500_-225x300.jpg 225w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71SyuJm-k1L._SL1500_-768x1024.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71SyuJm-k1L._SL1500_.jpg 1125w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" />Der Artikel nimmt vier Liebesgeschichten in den Blick, in denen Frauen Männer aus deutlich niedrigeren sozialen Klassen bzw. Milieus begehren, und macht daran eine präzise Verschiebung sichtbar: Frauen schauen auf Männer. Im Zentrum stehen dabei die Romane von Caroline Laurent (2026), Benoîte Groult, D. H. Lawrence und Éric Holder, mit einem Seitenblick auf Annie Ernaux. Ihr Begehren ist jedoch nie abstrakt, sondern stets an den Körper gebunden: an Arme, Hände, Rücken, an Haut, Arbeit, Bewegung. Während Lawrence den Körper des Wildhüters noch als beinahe mythische Quelle von Vitalität und Erlösung stilisiert und Groult ihn in eine lange, letztlich unüberbrückbare Klassendifferenz einbettet, zeigt Holder ihn in seiner stillen Materialität – als gezeichneten, arbeitenden Körper, der kaum Worte für sich hat. Laurents Roman geht darüber hinaus: Hier wird der männliche Körper mit einer Genauigkeit betrachtet, die weder verklärt noch entschuldigt, sondern zugleich begehrt und analysiert. Gerade darin liegt die argumentative Pointe des Artikels: Der „weibliche Blick“ ist keine einfache Umkehr des traditionellen Blickregimes, sondern eine widersprüchliche Praxis, in der sich Begehren, soziale Prägung und Selbstreflexion überlagern. Die Liebe überschreitet zwar die Grenze zwischen den Klassen, hebt sie aber nicht auf; sie macht sie vielmehr am Körper selbst sichtbar. Am Ende verschiebt sich der Fokus noch einmal: Entscheidend ist nicht die Erfüllung der Beziehung, sondern das Schreiben darüber – als Akt, der das Erlebte festhält, zuspitzt und dem weiblichen Blick eine eigene, souveräne Form gibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Wasser, Hitze, Tiefe: Zur Poetik des französischen Sommerromans</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/28/wasser-hitze-tiefe-zur-poetik-des-franzoesischen-sommerromans/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 28 Jun 2026 02:09:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="225" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Plage-course-300x225.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Plage-course-300x225.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Plage-course.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Artikel wurde bei 37°C geschrieben. Er bündelt sechzehn jüngere französischsprachige Romane zu einer vielstimmigen Topographie des Wassers – von der Pariser Stadtpiscine über private Swimmingpools und nordamerikanische Wohnanlagen bis hin zu Seenlandschaften und den Küsten des Atlantiks und Mittelmeers. In prägnanten Szenen – dem Zögern auf dem Fünf-Meter-Brett, dem ersten Eintauchen eines alten Mannes nach Jahrzehnten, dem reglosen Sitzen am Rand eines unbenutzten Beckens oder dem erschöpften Auftauchen nach einem weiten Meeresschwimmen – wird Wasser als elementare Erfahrung des Körpers erfahrbar: kühlend, tragend, widerständig. Die Texte zeigen, wie sich im Moment des Badens soziale Ordnungen verschieben und zugleich sichtbar werden: Körper werden lesbar, Klassenunterschiede, Begehren und Ausschlüsse treten offen zutage, während das Wasser für Augenblicke eine Gleichheit herstellt, die an Land sofort wieder zerfällt. - Zugleich fungiert das nasse Element als Speicher und Auslöser von Erinnerung: Chlorgeruch, Salz auf der Haut oder das wiederkehrende Blau eines Beckens rufen Kindheit, erste Liebe oder Verlusterfahrungen auf. Mehrfach kehren die Romane zur Adoleszenz zurück, zu Initiationsmomenten eines Sommers, in dem ein Sprung ins Wasser über Zugehörigkeit entscheidet oder ein Nicht-Sprung eine Lebenslinie markiert. Andere Texte zeigen das Wasser als Ort existenzieller Grenzerfahrung – als Raum der Trauerbewältigung, der Krankheit, der Depression oder der Konfrontation mit dem Tod, in dem Sprache versagt und nur noch der Körper reagieren kann. Zwischen öffentlichem Schwimmbad, das als sozialer Mikrokosmos fungiert, und offenem Meer, das Gleichgültigkeit und Übermacht verkörpert, entfaltet sich so eine Poetik des Wassers, die das Element weder auf Metapher reduziert noch rein naturalistisch belässt: Es ist zugleich konkreter Stoff und Resonanzraum, in dem sich Leben verdichtet. Der Sommer erscheint dabei als beschleunigte, aufgeheizte Zeitform, in der sich im Kontakt mit dem Wasser Übergänge vollziehen – zwischen Kindheit und Erwachsensein, Nähe und Verlust, Kontrolle und Kontrollverlust – und in der die Figuren für einen Moment zugleich freigelegt und sich selbst entzogen sind.]]></description>
		
		
		
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		<title>Karsamstag ohne Auferstehung: Michel Houellebecq und das entzauberte Christentum</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/27/karsamstag-ohne-auferstehung-michel-houellebecq-und-das-entzauberte-christentum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Jun 2026 05:29:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Houellebecq]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="200" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41Kms6V3lkL-200x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41Kms6V3lkL-200x300.jpg 200w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41Kms6V3lkL.jpg 400w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" />"Noël raté. Le christianisme désenchanté de Michel Houellebecq", hrsg. von Stephan Leopold und Noëlle Miller versammelt zwölf Beiträge und eine Postface, die Houellebecqs Werk aus unterschiedlichen Perspektiven als Auseinandersetzung mit einem fortwirkenden, seiner Heilsgewissheit beraubten Christentum lesen. Ausgehend vom Weihnachtsmotiv als Chiffre des Scheiterns entfalten die Beiträge ein interpretatorisches Feld, das von Fragen der Autorschaft und Performativität über die religiöse Struktur des Konsumkapitalismus und die Problematik sozialer Kohäsion bis hin zu den Motiven von Liebe, Mitleid und Transzendenz reicht. Der Band verbindet literaturwissenschaftliche, religionsphilosophische und kultursoziologische Ansätze zu einer kohärenten Deutung des Œuvres als eines „Karsamstags ohne Auferstehung“, in dem christliche Formen und Symbole fortbestehen, ohne noch durch einen positiven Glaubensgehalt eingelöst zu werden. Trotz einzelner Redundanzen und einer mitunter weitgehenden christologischen Typologisierung eröffnet der Sammelband eine interpretatorisch ambitionierte und methodisch vielfältige Perspektive auf den religiösen Gehalt von Houellebecqs Werk und formuliert zugleich Fragestellungen, die über die Houellebecq-Forschung hinaus für die Analyse zeitgenössischer Formen literarischer Entzauberung von Bedeutung sind.]]></description>
		
		
		
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		<title>Tugend, Volk, Terreur vor den Präsidentschaftswahlen 2027: Jean-Luc Mélenchon, Robespierre und das Erbe der Revolution</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/26/tugend-volk-terreur-vor-den-praesidentschaftswahlen-2027-jean-luc-melenchon-robespierre-und-das-erbe-der-revolution/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 11:57:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2027]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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		<category><![CDATA[Jean-Luc Mélenchon]]></category>
		<category><![CDATA[Maximilien Robespierre]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="169" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/1000064337-300x169.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/1000064337-300x169.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/1000064337.jpg 686w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Artikel analysiert die politische und ideengeschichtliche Verbindung zwischen dem Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon und Maximilien Robespierre, dem jakobinischen Revolutionär und Architekten der Terreur, und zeigt, wie sich zentrale Motive des jakobinischen Denkens – insbesondere das Konzept der „Vertu“ als republikanische Tugend, die Vorstellung eines homogenen Volkswillens und die scharfe Gegenüberstellung von Volk und Korruption – in Mélenchons politischem Projekt für La France insoumise fortschreiben. Ausgehend von der ambivalenten Figur Robespierres, die zwischen Tugendideal und Terrorherrschaft steht, rekonstruiert der Text die historiographischen Deutungstraditionen und ihre gegenwärtige politische Aktualisierung in Frankreich. Dabei wird deutlich, dass Mélenchons Mobilisierungskraft ebenso wie seine Polarisierung aus einer strukturellen Spannung resultiert: dem Versuch, moralische Reinheit und demokratische Repräsentation zu vereinen. Der Beitrag verbindet politische Theorie, Ideengeschichte und literarische Reflexion und versteht die anhaltende Auseinandersetzung um Robespierre als Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Krise und Selbstdeutung der französischen Linken.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das schöne Trugbild: die unbequeme Wahrheit über Davids politische Kunst</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/26/das-schoene-trugbild-die-unbequeme-wahrheit-ueber-davids-politische-kunst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 04:34:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Michon]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41sGVUG0C1L._AC_UF8941000_QL80_-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41sGVUG0C1L._AC_UF8941000_QL80_-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41sGVUG0C1L._AC_UF8941000_QL80_.jpg 659w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Clemens Klünemann entwirft in seinem David-Buch "Verstörende Vielfalt: Jacques-Louis David und die Inszenierung des Politischen – eine Kulturgeschichte der Französischen Revolution im Spiegel seiner Malerei" eine kulturgeschichtlich fundierte Neubewertung Jacques-Louis Davids, die den Maler konsequent aus der Rolle des passiven „Zeitzeugen“ löst und als zentralen Akteur der politischen Bildproduktion der Französischen Revolution sichtbar macht. Anhand zentraler Werke zeigt er, wie David durch eine bewusst eingesetzte Ästhetik der „glatten Schönheit“ und heroischen Eindeutigkeit eine neuartige Öffentlichkeit mitprägte, in der politische Ereignisse nicht nur dargestellt, sondern wirkungsmächtig inszeniert wurden. Klünemann versteht Davids Malerei als Teil einer umfassenden „Ästhetisierung des Politischen“, die es erlaubte, die komplexen und widersprüchlichen Dynamiken der Epoche in prägnante, kollektiv anschlussfähige Bildformeln zu überführen. Dabei arbeitet er heraus, dass Davids Fähigkeit zur Anpassung an wechselnde Regime – vom Ancien Régime über den Jakobinismus bis zum Empire – weniger als bloßer Opportunismus denn als Ausdruck einer spezifischen künstlerischen Logik zu begreifen ist, die auf die Herstellung politischer Präsenz und Evidenz zielte. Besonders eindrücklich ist Klünemanns Analyse der ikonographischen Strategien, mit denen David religiöse Bildtraditionen in den Dienst revolutionärer Sinnstiftung stellte und so emotionale wie symbolische Bindungskraft erzeugte. Insgesamt liest sich das Buch als Rekonstruktion der engen Verschränkung von Kunst, Macht und Öffentlichkeit, die David als Schlüsselfigur einer Epoche zeigt, in der Bilder zu entscheidenden Trägern politischer Bedeutung wurden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Joual und Norm: Sprachpolitik und Erinnerung bei Gabriel Marcoux-Chabot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/25/zwischen-joual-und-norm-sprachpolitik-und-erinnerung-bei-gabriel-marcoux-chabot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Jun 2026 03:58:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Gabriel Marcoux-Chabot]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="200" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_-200x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_-200x300.jpg 200w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_-683x1024.jpg 683w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_-768x1152.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" />Kanada bildet den kulturellen und sprachpolitisch-poetologischen Hintergrund der in der Rezension analysierten Konstellation in Gabriel Marcoux-Chabots "Godpèle" (2025). Im Zentrum steht die Figur la Floune, die nach einer existenziellen Flucht in die winterliche Wildnis ein Tagebuch verfasst und dabei das verdrängte Trauma ihrer Gemeinschaft – den Kannibalismus während eines katastrophalen Winters – schrittweise freilegt. Die Interpretation arbeitet heraus, dass dieses narrative Geschehen untrennbar mit der zweisprachigen Anlage des Textes verbunden ist: Die Gegenüberstellung von phonetisch notiertem Joual und standardisiertem Französisch bilden Reflexionsinstrumente über Sprachverlust, kulturelle Normierung und die Gewalt der sprachlichen Glättung. Indem die standardsprachliche Version die mündliche Rede scheinbar klärt, reproduziert sie zugleich das Verschweigen des Traumas. Daraus entwickelt die Rezension die These, dass "Godpèle" Sprache selbst als Ort von Wahrheit und Verdrängung inszeniert: Erst im Übergang vom gemeinschaftlich regulierten Sprechen zum individuellen Schreiben wird das Verborgene artikulierbar. Diese Leitidee verfolgt die Analyse durch Figuren, Raumordnung und Metaphorik und deutet Schreiben als ambivalente Praxis zwischen Erkenntnis und Begrenzung. Die Argumentation führt zur Einsicht, dass erst das ausgesprochene Wort – das Durchbrechen des kollektiven Schweigens – die Möglichkeit einer ethisch ausgerichteten Zukunft eröffnet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Jüdisch-arabische Koexistenz als Familienchronik: Pierre Hazan</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/24/juedisch-arabische-koexistenz-als-familienchronik-pierre-hazan/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Jun 2026 04:33:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Hazan]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="191" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/book_1083_thumbnail_fr-191x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/book_1083_thumbnail_fr-191x300.jpg 191w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/book_1083_thumbnail_fr-652x1024.jpg 652w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/book_1083_thumbnail_fr.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px" />Pierre Hazans "Les Juifs, les Arabes, ma famille et moi" (2026) entfaltet anhand einer weit verzweigten Familiengeschichte ein ebenso literarisches wie historiographisches Projekt: In sieben genealogisch organisierten Kapiteln rekonstruiert das Buch die untergegangene Realität jüdisch-arabischer Koexistenz im östlichen Mittelmeerraum und stellt sie den verhärteten Identitätslogiken des 20. Jahrhunderts entgegen. Ausgehend von Figuren wie einem sephardischen Rabbiner des 19. Jahrhunderts, einem zugleich ägyptischen Nationalisten und Zionisten oder den letzten jüdischen Stimmen Ägyptens verbindet Hazan Archivmaterial, Erinnerungsfragmente und zeitgenössische Begegnungen mit israelischen und palästinensischen Akteuren. Daraus entwickelt er drei zentrale Thesen: dass Koexistenz historisch gelebte Praxis war, dass ihre Zerstörung auf konkurrierende Nationalismen zurückgeht und dass die wechselseitig verdrängten Traumata – die Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern und die Nakba – untrennbar miteinander verschränkt sind. Das Buch versteht sich so als Intervention in die Erinnerungspolitik der Gegenwart und als Plädoyer dafür, Hybridität nicht als Ausnahme, sondern als verlorene historische Normalität neu zu denken.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Könige haben keine Namen mehr – Frankophonie im Zerfall des Libanon: Charif Majdalani</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/23/die-koenige-haben-keine-namen-mehr-frankophonie-im-zerfall-des-libanon-charif-majdalani/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 03:43:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Charif Majdalani]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71nAtzPt-UL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71nAtzPt-UL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71nAtzPt-UL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 628w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Charif Majdalanis Roman "Le nom des rois" (Stock, 2025), entwirft die Kindheit eines Beiruter Jungen am Vorabend des Bürgerkriegs als ein Spannungsfeld zwischen ästhetischer Weltflucht und historischer Zumutung: Während draußen die Ordnung zerfällt, verschanzt sich das Ich in den klingenden Namen längst versunkener Könige, die es wie Trophäen in Hefte einträgt – ein „onomastisches Erzittern“, das die Realität übertönt. Im Zentrum der Handlung steht die enge Freundschaft zu einem Mitschüler, die ersten Liebeserfahrungen und die allmähliche Konfrontation mit einer politischen Gewalt, die die imaginären Gegenwelten des Erzählers zerschlägt. Diese genealogische Imagination bildet die zentrale These des Romans: Der Name, die Sprache, ja die französisch geprägte Kultur selbst erzeugen eine schillernde Ersatzwelt, deren Schönheit jedoch an der Gewalt der Geschichte zerbricht. Majdalani konkretisiert diesen Bruch in eindrücklichen Bildern – dem Duft alter Larousse-Enzyklopädien, den mondänen Salons Beiruts, den flirrenden Berglandschaften Massiafs –, die allmählich vom Echo der ersten Schüsse, vom Zerfall der sozialen Rituale und vom Verlust der ersten Liebe überlagert werden. In der Kritik häufig mit Proust verglichen, erscheint der Roman so als elegische Diagnose einer Klasse, die im Spiegel Frankreichs lebte und die Katastrophe nicht sehen wollte: Der Übergang vom Sammeln der Königsnamen zum Abfeuern einer echten Waffe markiert das Ende der poetischen Illusion und den Eintritt in eine Geschichte, die nicht mehr erzählbar, sondern nur noch erlitten ist.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das einmalige Wort: Samuel Poisson-Quinton</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/22/das-einmalige-wort-samuel-poisson-quinton/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Jun 2026 04:02:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Samuel Poisson-Quinton]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="221" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604-221x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604-221x300.jpg 221w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604-754x1024.jpg 754w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604-768x1043.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 221px) 100vw, 221px" />Samuel Poisson-Quintons Roman "Hapax" (Actes Sud / Inculte, 2026) erzählt von einem Pariser Möchtegern-Schriftsteller, der nach dem Tod seines Vaters und dem Verlust seines Erbes in eine Krise aus Trauer und Sprachverlust gerät, während er zugleich in einer politisch deformierten, autoritär ökologisch umgebauten Stadt lebt und eine intensive Fernbeziehung zu der Reiterin Artémise entwickelt; die episodisch-groteske Handlung – von Beerdigung und Enteignung über absurde Begegnungen bis zu Verhaftung und Verhör – kulminiert in der Offenbarung von Artémises Schwangerschaft, wodurch sich der Kreis von Tod und Geburt schließt und die Erfahrung existenzieller Wiederkehr gegen die formale Linearität gestellt wird. Die Rezension argumentiert, dass die Oulipo-Contrainte des Romans – kein Wort darf wiederholt werden – nicht bloß formales Experiment, sondern strukturbildendes Prinzip ist, das sämtliche Ebenen durchdringt: Stil (Synonymketten, Registerwechsel), Handlung (groteske Episoden als Folge sprachlicher Not), Figurenkonzeption (Verschwinden statt Wiederkehr) und Poetik (Selbstreflexion der Regel). Dabei tritt ein prägnanter Gegensatz hervor zwischen der oft derb-komischen, grotesk übersteigerten Ereignisfolge und dem archaisch-erhabenen, bewusst künstlichen Sprachregister, das diese Banalitäten pathetisch überhöht und zugleich ihre Lächerlichkeit exponiert. Zentral ist die These eines produktiven Selbstwiderspruchs: Während das sprachliche Gesetz jede Wiederholung verbietet, insistiert die erzählte Welt auf zyklischen Mustern (Trauer, Begehren, Generationenfolge), sodass der Roman notwendig auf seinen eigenen Bruch zusteuert, der im bewussten Regelverstoß der Schlusszene eintritt. Der Aufsatz liest diese Kollision als Allegorie auf Vergänglichkeit und Wiederkehr und deutet die Contrainte als poetische Entsprechung von Trauerarbeit: Das erzwungene Erfinden immer neuer Wörter für denselben Referenten wird zum sprachlichen Analogon eines Verlusts, der sich nicht wiederholen lässt und doch ständig wiederkehrt.]]></description>
		
		
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		<title>Wo die Jungs hinfahren: Alix Boirot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/21/wo-die-jungs-hinfahren-alix-boirot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 21 Jun 2026 05:34:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-674x1024.jpg 674w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-768x1166.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-1011x1536.jpg 1011w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-1348x2048.jpg 1348w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons.jpg 1594w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Die Studie der Anthropologin Alix Boirot zeigt, dass der sommerliche Partytourismus als verdichtetes soziales Labor fungiert, in dem Männlichkeit nicht einfach ausgelebt, sondern unter hohem Performanzdruck hergestellt wird: Ausgehend von einem medial geprägten „touristischen Imaginären“, das Frauen als verfügbare Objekte eines männlichen Blicks inszeniert, reisen die jungen Männer mit einem vorab internalisierten Skript an – sichtbar etwa in den frühen Abenden auf der Straße, wenn sie auf die Beschreibung eines Clubs fast reflexhaft mit der Frage reagieren, ob „da Mädchen“ seien, oder in den Schlafsälen, wo noch vor der ersten Nacht halb im Scherz, halb im Ernst ausgehandelt wird, wer im Fall einer „Eroberung“ das Zimmer räumt. In der Praxis erweist sich dieses Skript jedoch als widersprüchlich: Der scheinbar entgrenzte Hedonismus ist streng reguliert („kontrollierter Kontrollverlust“), und die Nächte folgen ritualisierten Abläufen – vom kollektiven Vorglühen mit billigem Alkohol über das dichte Gedränge vor den Clubs bis hin zur exzessiv choreografierten Ekstase auf der Tanzfläche, deren Spuren sich am Morgen in klebrigen Böden, leeren Flaschen und stolz präsentierten Erinnerungslücken materialisieren. Die eigentliche Bühne ist dabei weniger heterosexuell als homosozial organisiert: Wenn ein junger Mann seine Trinkfestigkeit demonstrativ überschreitet oder eine flüchtige Annäherung überzeichnet erzählt, richtet sich die entscheidende Anerkennung nicht an die anwesenden Frauen, sondern an die Blicke und Kommentare seiner Freunde. Im Anschluss an Konzepte wie „doing gender“ und „hegemoniale Männlichkeit“ wird sichtbar, dass Männlichkeit hier als prekäre, ständig zu erneuernde Leistung erscheint, deren Scheitern – etwa wenn die erwarteten sexuellen Begegnungen ausbleiben und sich stattdessen nur ein distanziertes Nebeneinander auf der Tanzfläche einstellt – in Selbstzweifel, aber auch in Schuldumkehr umschlagen kann, etwa wenn ein zurückgewiesenes Gespräch vor dem Club in spöttische oder aggressive Kommentare kippt. Zugleich legt die Untersuchung die strukturelle Einbettung dieser Performanzen offen – in ökonomisch gesteuerte Erlebnisindustrien, in denen Schlepperinnen draußen künstlich Fülle versprechen und Türsteher durch Preise selektieren –, sodass sich die sommerliche „Leichtigkeit“ als ritualisierte Praxis sozialer Differenzierung und Machtreproduktion erweist, die gerade in ihren scheinbar beiläufigen Szenen – dem Griff zur Kondompackung im Koffer, dem Anstoßen im Kreis der Freunde, dem kurzen, folgenlosen Flirt im Stroboskoplicht – ihre eigentliche soziale Dichte entfaltet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Impressionismus als Widerstand: Pedro Kadivar</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/19/impressionismus-als-widerstand-pedro-kadivar/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Jun 2026 22:35:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Pedro Kadivar]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Pedro Kadivars Roman "Dernière année au pays natal" (Gallimard 2026) erzählt das letzte Schuljahr eines Jugendlichen im iranischen Schiras des Jahres 1982 – gegliedert in vier Jahreszeiten, vom melancholischen Herbst über den erstarrten Winter und einen gefährlichen Frühling bis zum Sommer des Abschieds – und verschränkt diese erlebte Vergangenheit mit der erinnernden Rückschau eines Exilanten im heutigen Berlin. Auslöser ist das Foto eines als Märtyrer inszenierten toten Schulkameraden, das im Schulkorridor hängt und den Erzähler Jahrzehnte später als Heimsuchung wieder einholt. Die Interpretation deutet den Impressionismus – als Wahrnehmungsweise wie als Kompositionsprinzip des Romans – als die eigentliche politische Haltung gegen ein totalitäres Regime. Diese These wird auf mehreren Ebenen plausibilisiert, die sich gegenseitig stützen: strukturell über die Jahreszeitengliederung, die innere Reifung statt politische Chronik artikuliert; bildtheoretisch über die zentrale Opposition zwischen dem Propagandafoto des Toten und der lebendigen Malerei über eine Galerie von Malern (Cézanne, Van Gogh, Mondrian, Hockney), die ein verstecktes Bildungsprogramm des Sehens bilden; und über das namenlose, sensorisch beschriebene Begehren zwischen dem Protagonisten und dem Bruder des Toten, das jeder ideologischen Klassifizierung entgeht. Die ästhetische Form wird dabei gegen die Ideologie gelesen – gegen Eindeutigkeit, Abstraktion, Teleologie und Lärm –, weil er die Einzelbeobachtungen zu einem Prinzip bündelt: Ein Roman, der die einheitliche Perspektive verweigert, öffnet einen Raum der Freiheit. Das unwillkürliche Erinnern wird als traumatische Variante der Proust'schen "mémoire involontaire" gefasst. So zeigt sich, wie kohärent der Roman seine ethische Grundfrage beantwortet: wie man seine Seele in einer zerfallenden Welt rettet, nicht philosophisch, sondern durch die Präzision des Sehens und die Verwandlung von Erfahrung in Form.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Rückzug der Götter und Wiederkehr des Sinns: Jean-Luc Nancy</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/19/zwischen-rueckzug-der-goetter-und-wiederkehr-des-sinns-jean-luc-nancy/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Jun 2026 06:12:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Luc Nancy]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="187" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/416S2v7XeyL._SL1050_-187x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/416S2v7XeyL._SL1050_-187x300.jpg 187w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/416S2v7XeyL._SL1050_-640x1024.jpg 640w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/416S2v7XeyL._SL1050_.jpg 656w" sizes="auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px" />Die Rezension zeichnet Jean-Luc Nancys Band "Demande: philosophie, littérature" als ein über Jahrzehnte gewachsenes, zugleich heterogenes und erstaunlich kohärentes Denkgeflecht, das die traditionelle Grenzziehung zwischen Philosophie und Literatur radikal neu bestimmt: Nicht Hierarchie oder Verschmelzung, sondern ein unabschließbares wechselseitiges „Verlangen“ (demande) strukturiert ihr Verhältnis. Im Zentrum steht die These, dass beide Diskurse einander um eine Wahrheit bitten, die keiner besitzen kann, und gerade in dieser unerfüllbaren Bewegung lebendig bleiben. Leitmotive wie der „Rückzug“ (retrait) als zugleich trennender und verbindender „Zug“ (trait), die Auffassung von Sinn als resonanter, pluraler Prozess jenseits bloßer Bedeutung sowie die Betonung von Stimme, Körper und Rhythmus im literarischen Vollzug entfalten ein Denken, das systematische Geschlossenheit bewusst verweigert. Die Sammlung verbindet theoretische Schärfe mit poetologischer Sensibilität und persönlicher Zwiesprache – insbesondere mit Philippe Lacoue-Labarthe – und gewinnt ihre bleibende Relevanz aus der insistierenden Offenheit ihrer Fragen: nach dem Sinn als Anruf, nach Literatur als Antwortgeschehen und nach einer Ethik des Lesens und Schreibens, die im Unabgeschlossenen ihre eigentliche Form findet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Asche und Saat, Transformation der Poesie: Yves Di Manno</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/18/asche-und-saat-transformation-der-poesie-yves-di-manno/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jun 2026 19:38:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Yves Di Manno]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080150653-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080150653-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080150653.jpg 297w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Mit "Élagage" (Flammarion, 2026) legt Yves di Manno eine pointierte Abschiedsbilanz seines jahrzehntelangen Nachdenkens über Dichtung vor: Der Band versammelt verstreute Texte – Rezensionen, Porträts, Essays –, die zu einer bewusst fragmentarischen Kartographie der Poesie seit dem späten 20. Jahrhundert montiert sind. Im Zentrum steht eine doppelte Bewegung des „Auslichtens“: einerseits die Freilegung verborgener Traditionslinien (insbesondere der nordamerikanischen Moderne und des belgischen Surrealismus), andererseits die Kritik an erstarrten Formen, modischen Diskursen und einer zur Selbstinszenierung verkommenen Gegenwartslyrik. So entsteht kein systematisches Panorama, sondern ein Gegenkanon, der die Ränder ins Zentrum verschiebt und Dichtung als präzise Spracharbeit verteidigt. Zugleich markiert das Buch einen historischen Einschnitt: Mit ihm endet die von di Manno über drei Jahrzehnte geprägte Reihe „Poésie/Flammarion“, die maßgeblich zur Sichtbarkeit zeitgenössischer Lyrik beigetragen hat. "Élagage" erscheint damit nicht als nostalgischer Abgesang, sondern als kritische Übergabe – als Einladung, die „diskrete Wirksamkeit“ poetischer Formen unter veränderten kulturellen Bedingungen weiterzuführen. In der Verbindung von persönlicher Lektüregeschichte, editorischer Praxis und poetologischer Reflexion wird das Buch zu einem Instrument der Orientierung: Es bilanziert nicht nur, sondern öffnet Perspektiven auf eine zukünftige, widerständige Poetik jenseits etablierter literarischer Routinen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Mine als Text, die Stadt als Körper: Kiruna bei Maylis de Kerangal</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/18/die-mine-als-text-die-stadt-als-koerper-kiruna-bei-maylis-de-kerangal/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jun 2026 12:12:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Maylis de Kerangal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-717x1024.jpg 717w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-768x1097.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-1075x1536.jpg 1075w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L.jpg 1240w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Zu Maylis de Kerangals "Kiruna" (2019) entwickelt der Beitrag eine Lektüre, die das Buch nicht nur als literarische Reportage über die nordschwedische Bergbaustadt und ihre spektakuläre Verlegung versteht, sondern als poetologische Reflexion über die Bedingungen des Sehens und Erkennens. Im winterlichen Dunkel reist die Erzählerin nach Kiruna, begegnet Bergarbeitern, Ingenieurinnen und Bewohnern, verfolgt die Geschichte einer Stadt, die sich selbst versetzen muss, weil die stetig wachsende Mine den Boden unter ihren Häusern destabilisiert, lauscht den Erschütterungen der Sprengungen, rekonstruiert den Streik von 1969 und stößt auf die verdrängten Geschichten der Sámi. Doch der eigentliche Gegenstand ihrer Suche bleibt ihr verschlossen: Die tiefsten Bereiche des Bergwerks entziehen sich dem Blick, sodass sich die Erkenntnis nicht aus unmittelbarer Anschauung, sondern aus Spuren, Stimmen und Erinnerungen ergibt. Ausgehend von der nächtlichen Ankunft und der Wahrnehmung der Mine als verborgenem Zentrum des Raumes rekonstruiert der Aufsatz in konzentrischen Bewegungen die Argumentation des Textes: die unauflösliche Verflechtung von Stadt und Mine als „siamesische Zwillinge“, die Anthropomorphisierung des Untergrunds zum lebendigen Körper, die Überlagerung konkurrierender Zeitlichkeiten von der Geschichte der Sámi bis zum Bergarbeiterstreik von 1969, die langsame Aneignung des unterirdischen Raums durch Frauen sowie die Entwicklung einer Schreibweise, die aus dem Scheitern unmittelbarer Anschauung eine Methode macht. Dabei wird "Kiruna" im Licht von de Kerangals späteren poetologischen Überlegungen in "La lentille et le roman" (2026) gelesen: Wie eine Linse bündelt der Text fragmentarische Wahrnehmungen, Stimmen und Erinnerungen, ohne die Dunkelheit seines Gegenstandes vollständig aufzulösen. Der Beitrag zeigt, dass die Mine nicht nur als industrielles Objekt, sondern als historisches, politisches und epistemologisches Gefüge erscheint und dass de Kerangals Schreiben gerade im Beharren auf Unschärfe und partieller Sichtbarkeit eine Poetik des indirekten Wissens entwirft, in der das Unsichtbare nicht beseitigt, sondern in seiner verborgenen Wirksamkeit lesbar gemacht wird.]]></description>
		
		
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		<title>Das Auge an der Zapfsäule: Alexandre Labruffe</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/17/das-auge-an-der-zapfsaeule-alexandre-labruffe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Jun 2026 04:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Alexandre Labruffe]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="203" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71CXY6DbmFL._AC_UF10001000_QL80_-203x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71CXY6DbmFL._AC_UF10001000_QL80_-203x300.jpg 203w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71CXY6DbmFL._AC_UF10001000_QL80_.jpg 676w" sizes="auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px" />Der Aufsatz liest Alexandre Labruffes "Chroniques d’une station-service" (éds. Verticales, 2019) als radikale Umcodierung des Romans hin zu einer Poetik des Ephemeren: Im Zentrum steht eine Pariser Tankstelle, die nicht bloß als Schauplatz, sondern als Wahrnehmungs- und Schreibform fungiert. Aus der Perspektive eines namenlosen Tankwarts entfaltet sich ein Geflecht aus Mikroszenen, fragmentarischen Beobachtungen und lose verknüpften Erzählfäden – etwa wenn ein betrunkener Kunde verzweifelt nach den Dichtern ruft, während auf den Überwachungsmonitoren sein Gang zum „hinkenden Flamingo“ verzerrt wird; wenn nachts das Muhen einer Kuh aus einem Viehlaster im Nebel zu einer unerwartet lyrischen Szene anschwillt; oder wenn das flackernde Neonschild „HORIZON“ allmählich Buchstaben verliert und den Ort selbst ins Verschwinden kippen lässt. Die Studie zeigt, wie die formale Zersplitterung, die mediatisierte Wahrnehmung (Überwachungsbilder, Bildschirme, Codes) und die zyklische Zeitstruktur eine Ästhetik des Durchgangs erzeugen, in der Konsum, Begehren und apokalyptische Imagination ineinandergreifen. Im Rückgriff auf Konzepte des „Nicht-Orts“ wird die Tankstelle als paradoxes Zentrum einer globalisierten Transitwelt lesbar, in der Subjektivität sich nur noch als flüchtige Registratur von Zeichen konstituiert. Zugleich arbeitet der Aufsatz die autopoetologische Dimension des Textes heraus: Der Verlust des eigenen Manuskripts wird zur poetischen Matrix eines Romans, der sich selbst als Fragment und Rest inszeniert. So erscheint Labruffes Debüt als melancholisch-ironische Reflexion auf die Bedingungen des Erzählens im Spätkapitalismus.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Phantome der Geschichte: Christophe Jamin und Lee Miller</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/16/phantome-der-geschichte-christophe-jamin-und-lee-miller/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jun 2026 03:10:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Christophe Jamin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_-664x1024.jpg 664w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_-768x1184.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_.jpg 973w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Christophe Jamins Roman "Lee fantôme" (Grasset, 2026) entfaltet zwei eng ineinander verschränkte Erzählbewegungen: Einerseits folgt er in freier, zeitspringender Rekonstruktion der Biografie Lee Millers von ihrer Ankunft im Paris der späten 1920er Jahre über ihre Einbindung in die surrealistische Szene bis zu ihrer Entwicklung zur Kriegsfotografin und ihren Aufnahmen im befreiten Deutschland 1945. Andererseits rekonstruiert er eine deutsch-französische Familiengeschichte des Erzählers, die von einer Emigration aus Konstanz nach Paris, von verschwiegenen Verwandtschaftslinien und der Figur Georg Elsers bis zu offenen Fragen von Schuld und Widerstand im Nationalsozialismus reicht. Beide Stränge werden aus der Perspektive eines kranken, zeitlich entgrenzten Ichs erzählt, das die historischen Episoden nicht chronologisch berichtet, sondern als visionäre Überblendungen einer einzigen Pariser Nacht erfahrbar macht. Der Aufsatz liest den Text als als roman croisé, dessen zentrales Strukturprinzip nicht die Synthese, sondern die produktive Instabilität des "Dazwischen" ist: zwischen Nationen (Deutschland/Frankreich), Medien (Fotografie/Schrift), Zeiten (Zwischenkriegszeit/Gegenwart) und Existenzformen (Leben/Tod). Ausgehend von der Konstellation eines sterbenden Ich-Erzählers, der die Fotografin Lee Miller als "Phantom" einer zugleich historischen und imaginär aufgeladenen Vergangenheit beschwört, wird gezeigt, wie der Text die narrativen Stränge in eine kontrapunktische Struktur überführt, die sich am Datum des 30. April 1945 verdichtet, ohne jemals in eine vollständige Begegnung oder Auflösung zu münden. Die Argumentation arbeitet dabei systematisch heraus, dass der Roman keine klassische Biografie entwirft, sondern ein epistemologisch reflektiertes Imaginieren inszeniert, in dem Erinnerung stets als spekulative Rekonstruktion und als Schwellenphänomen erscheint. Zentral ist die These, dass das Gespenstische nicht nur Figurenqualität (Lee als "fantôme"), sondern poetologisches Prinzip ist: Der Erzähler selbst agiert als mediales Durchgangsmedium zwischen Epochen, während die Fotografie als Leitmedium die Ambivalenz von Fixierung und Zerstörung sichtbar macht. Im weiteren Verlauf wird der Deutschlandbezug als Riss innerhalb einer Familie interpretiert, der Emigration und Täterschaft aus derselben Herkunft ableitet und damit das nationale Versöhnungsnarrativ unterläuft. Die Avantgarde erscheint zugleich als Raum intensiver ästhetischer Produktivität und latenter Gewaltverhältnisse, insbesondere im Verhältnis von männlichem Künstlergenie und weiblicher Muse. Insgesamt entwickelt der Aufsatz eine strikt kompositorische Lesart des Romans: Seine argumentative Pointe besteht darin, dass "Lee fantôme" Bedeutung nicht in der Auflösung historischer Widersprüche erzeugt, sondern im dauerhaften Offenhalten ihrer Überlagerungen – als ästhetisch strukturierte Schwelle, auf der Geschichte nicht erinnert, sondern als gegenwärtige Differenz erfahrbar wird.]]></description>
		
		
		
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		<title>Putins Russland, Homophobie und Papierfranzosen bei Sergueï Shikalov</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/15/putins-russland-homophobie-und-papierfranzosen-bei-serguei-shikalov/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2026 04:17:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Sergueï Shikalov]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-1398x2048.jpg 1398w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL.jpg 1653w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Aufsatz liest Sergueï Shikalovs "Espèces dangereuses" (Seuil, 2024) als poetologisch hochreflexiven Text über Homophobie im postsowjetischen Russland, in dem eine ganze Generation schwuler Männer zwischen einem kurzen historischen "Frühling“ und einer erneuten autoritären Eiszeit sichtbar wird. Im Zentrum steht dabei weniger eine lineare Handlung als eine kollektive Erfahrungsform, die sich im unbestimmten "on“ artikuliert: eine litaneiartige, fragmentierte Rede, die individuelle Biographie zugunsten eines geteilten, von Gewalt, Scham und prekärem Begehren gezeichneten Daseins suspendiert. Gerade diese Verweigerung des Ichs wird zur ästhetischen Strategie, die das Verschwinden dokumentiert und zugleich konterkariert, indem sie aus Anonymisierung ein Verfahren der Zeugenschaft macht. Die Thematisierung von Homophobie erscheint dabei nicht nur als soziale Realität – in Gestalt von Übergriffen, institutioneller Gleichgültigkeit und politischer Repression –, sondern als diskursive Ordnung, die Körper klassifiziert, entwertet und aus dem Sagbaren verdrängt. Entscheidend ist, dass der Roman diese Erfahrung in der erlernten französischen Sprache formuliert, die als Medium des Exils einen paradoxen Raum eröffnet: Distanz und Artikulationsmöglichkeit fallen zusammen, sodass das Unsagbare überhaupt erst sagbar wird. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Frage der französischen Staatsbürgerschaft Kontur: Sie markiert zwar einen juristischen und existentiellen Bruch, bleibt jedoch – wie Shikalovs Essay "Français de papier" (2025) zeigt – ambivalent, insofern Zugehörigkeit weiterhin unter Vorbehalt steht und sich die Logiken der Ausgrenzung in neuer Form fortschreiben.]]></description>
		
		
		
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		<title>Kathedrale aus Papier: Heteronymie und autopoetische Spiegelungen bei Matthieu Mégevand</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/14/kathedrale-aus-papier-heteronymie-und-autopoetische-spiegelungen-bei-matthieu-megevand/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Jun 2026 04:51:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Matthieu Mégevand]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-964x1536.jpg 964w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-1286x2048.jpg 1286w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD.jpg 1594w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Matthieu Mégevands "Mon nom est personne" (2026) ist nicht als biografischer Roman über Fernando Pessoa zu lesen, sondern als konsequent durchkomponierte poetologische Versuchsanordnung, in der die Heteronymie zum formbildenden Prinzip aller Ebenen erhoben wird. Die drei fiktiven Dichteridentitäten werden in ihrer je eigenen Existenz- und Schreibweise profiliert, was die Gesamtstruktur des Romans ableitet: Alberto Caeiro ist ein scheinbar einfacher, naturverbundener Dichter, der in unmittelbarer Wahrnehmung aufgeht, Metaphysik ablehnt und in klaren, bildhaften Versen eine Welt ohne Tiefendimension entwirft; ihm kontrastiert Ricardo Reis, ein von klassizistischer Disziplin, stoischer Distanz und formaler Strenge geprägter Künstler, der seine Emotionen kontrolliert und Literatur als Ordnungssystem begreift; schließlich tritt mit Bernardo Soares ein Heteronym auf, dessen melancholisch-zersplitterte Innenwelt sich in fragmentarischen, selbstreflexiven Texten niederschlägt und das Schreiben als existenzielle Selbstvergewisserung betreibt. Der Aufsatz zeigt, wie diese drei Stimmen zunächst wie autonome Autorenbiografien inszeniert werden, sich jedoch im Schlussteil als Projektionen Pessoas, als abwesendes Zentrum, erweisen: Die scheinbare Vielfalt erweist sich als Effekt einer radikalen Entleerung des Ichs. Gerade in konkreten Konstellationen – etwa wenn die Figuren in indirekten Begegnungen aneinander vorbeidenken oder ihre jeweiligen Räume (Natur, kultivierte Ordnung, urbanes Interieur) unvereinbar bleiben – wird diese Dissoziation erfahrbar. Methodisch schreitet der Artikel von der detaillierten Figurenanalyse über narrative Verfahren bis hin zur poetologischen Selbstreflexion fort und zeigt so, dass Subjektivität hier nur im Modus ihrer Aufspaltung existiert. Mégevands Roman erscheint damit als konsequente Fortschreibung von Pessoas Heteronymie: Nicht ein Autor erfindet Figuren, sondern die Figuren erzeugen erst die Illusion eines Autors – eine Umkehrung, die der Aufsatz als Signatur moderner literarischer Identitätskrisen deutet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Jüdisches Denken gegen sich selbst: Verbergen, Assimilation und doppelte Existenz bei Nathan Devers</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/13/juedisches-denken-gegen-sich-selbst-verbergen-assimilation-und-doppelte-existenz-bei-nathan-devers/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Jun 2026 08:28:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Nathan Devers]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="185" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7110UJih4cL._AC_UF8941000_QL80_-185x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7110UJih4cL._AC_UF8941000_QL80_-185x300.jpg 185w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7110UJih4cL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 618w" sizes="auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px" />Nathan Devers’ "Penser contre soi-même" (Albin Michel, 2024) verfolgt eine ebenso autobiografische wie philosophische Bewegung, in der das orthodox gelebte Judentum nicht als bloße Herkunft, sondern als dynamischer Denkraum erscheint, der seine eigene Überschreitung ermöglicht. Ausgehend von einem bürgerlich-assimilierten Milieu führt der Text über eine Phase intensiver religiöser Radikalisierung hin zu einem Bruch, der nicht von außen erzwungen wird, sondern aus der inneren Logik des Glaubens selbst hervorgeht – paradigmatisch verdichtet in der Lektüre des Kohelet und im Schwindel der eigenen Kontingenz. Zugleich rückt die Darstellung ein jüdisches Leben ins Zentrum, das sich unter Bedingungen latenter Bedrohung organisiert: Praktiken des Sich-Verbergens, der „marranischen“ Unsichtbarkeit und der situativen Anpassung erscheinen als alltägliche Strategien in einer von Antisemitismus durchzogenen Umwelt. Die Besprechung arbeitet diese Spannung als konstitutiv heraus und liest Jüdischkeit nicht als stabile Identität, sondern als Bewegung, die sich gerade der Verfestigung ins Identitäre entzieht. Sie erscheint vielmehr als eine offene, selbstkritische Praxis, die – in ihrer talmudischen Struktur – die Mittel zu ihrer eigenen Infragestellung bereitstellt. Devers’ Übergang zur Philosophie erweist sich folglich nicht als Abkehr, sondern als Transformation: als Fortsetzung einer existenziellen Suche unter veränderten epistemischen Bedingungen, in der die „zerbrochenen Götzen“ des Glaubens in veränderter Form weiterwirken.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwei Blicke auf David Hockney: Catherine Cusset und Fabrice Gaignault</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/13/zwei-blicke-auf-david-hockney-catherine-cusset-und-fabrice-gaignault/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Jun 2026 04:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Catherine Cusset]]></category>
		<category><![CDATA[Fabrice Gaignault]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_.jpg 911w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Beide Bücher umkreisen David Hockney und treffen ihn doch von entgegengesetzten Seiten: Catherine Cussets "Vie de David Hockney" (Gallimard, 2018) erzählt als biografischer Roman das Leben des Malers von innen – von der Bradforder Kindheit, in der unter dem Pinsel des Vaters rostiges Metall leuchtend rot wird und "die Welt die Farbe wechselt", bis zur späten Meisterschaft –, getragen von freier indirekter Rede, die den Erzähler hinter der Figur verschwinden lässt und Hockneys Begehren, Trotz und Lebensfreude zur eigentlichen Substanz macht; Fabrice Gaignaults "Patrick Procktor, le secret de David Hockney" (Séguier, 2022) dagegen nähert sich ihm vom Rand, als essayistische Ermittlung über den vergessenen Freund, Rivalen und "Zwilling" Patrick Procktor, der einst voraus war und schließlich mittellos und vergessen starb, während Hockney zum teuersten lebenden Maler der Welt aufstieg. Die vorliegende Interpretation führt die beiden Bücher kontrastiv gegeneinander – durch Erzählhaltung, Figurenkonstruktion, das Verhältnis von Erfolg und Scheitern, die Darstellung von Schöpfung und Homosexualität, die Ekphrasis und schließlich die Tatsache, dass beide dieselben Schlüsselwerke besprechen, "A Bigger Splash" und "Portrait of an Artist". An diesen identischen Bildern lässt sich verfolgen, wie zwei unvereinbare Wahrheiten entstehen: die des Lebens, von innen erlebt, und die des Nachruhms, von außen vermessen. Mit der Frage, warum von zwei eng verwandten Begabungen die eine in den Auktionshimmel aufsteigt und die andere im Anonymen versinkt – und was es über das Schreiben selbst aussagt, wenn eine Apologie der Freude und eine Elegie des Vergessens auf denselben Maler blicken –, ist der Einsatz des Vergleichs umrissen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Wenn die Kraft das Recht ablöst: Bruno Le Maire</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/12/wenn-die-kraft-das-recht-abloest-bruno-le-maire/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 11:15:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Bruno Le Maire]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />"Le temps d'une décision" (Gallimard, 2026) ist zugleich Memoir und weltpolitische Diagnose: Aus fünfundzwanzig Jahren in höchsten französischen Regierungsämtern destilliert Bruno Le Maire die beunruhigte Frage, wer in der Gegenwart von 2025/2026 überhaupt noch entscheidet – und beantwortet sie pessimistisch. Vom verweigerten Handschlag eines Bürgers in Chamonix bis zu den Verhandlungstischen mit Trump, Putin und Xi zeichnet er den Übergang von einer regelbasierten Ordnung, für die das Frankreich des Jahres 2003 mit seinem Veto gegen den Irakkrieg steht, zu einer Welt danach, in der „la force a remplacé le droit" und die Entscheidung aus Nationen und multilateralen Institutionen in die Hände von Autokraten, Tech-Oligarchen und Finanzgiganten abgewandert ist. Der vorliegende Artikel liest dieses Buch nicht allein als politische Streitschrift, sondern legt seine eigentliche Pointe in der Form frei: Le Maire behauptet seine These nicht, er inszeniert sie – durch novellistisch komponierte Szenen, mit dem Skalpell geschnittene Porträts und Leitsymbole wie die Starlink-Antenne über dem Dach seines Landhauses. Die Argumentation des Artikels verläuft in fünf einander durchdringenden Deutungsachsen, von der Anatomie des Entscheidungsverlusts über die Selbstrechtfertigung in der Schuldenfrage bis zum Weckruf an Europa, und mündet in eine zugespitzte These: Dass die literarische Form bei Le Maire selbst zur Antwort auf das diagnostizierte Problem wird – wo niemand mehr „wirklich" entscheidet, verspricht das Erzählen jene Kohärenz, die der Politik abhandengekommen ist. So erweist sich das viel beschworene „livre de vérité" als ein Werk, dessen Wahrheitsanspruch und fiktionale Mittel in einer produktiven, bewusst kalkulierten Spannung stehen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Herkunft, Begehren und Glaube: Monia Aljalis</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/11/herkunft-begehren-und-glaube-monia-aljali/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 15:59:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Probe]]></category>
		<category><![CDATA[Monia Aljalis]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0.jpg 1366w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Monia Aljalis' Debütroman "L'Extase" (Seuil, 2024) schildert einen einzigen Tag im Leben Leylas, einer jungen Frau mit arabisch-muslimischen Wurzeln, die durch Paris streift, dem entfremdeten Berufsleben entflieht und sich zwischen Freunden, Liebhabern und Randfiguren bewegt – zerrissen zwischen traditioneller Familie und einer trotzigen Suche nach sinnlicher Freiheit, immer wieder eingeholt von religiöser Schuld, bis der Roman im morgendlichen Gebet der Mutter und dem Aufruf „Réveille-toi, Leyla" mündet. Die vorliegende Analyse erschließt den Text über fünf Zugänge – die Sakralisierung des Profanen, die Identität zwischen zwei kulturellen Modellen, den von Scham geprägten Bezug zum Körper, das Motiv des wiederkehrenden „Mahnrufs" und die hybride Form aus Prosa, Vers und Chat – und verdichtet diese Lektüre an einer Schlüsselszene in der arabischen Buchhandlung, in der Leylas sprachliche Heimatlosigkeit greifbar wird.]]></description>
		
		
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		<title>Das Intime als politische Technik: Thesen zu Édouard Louis</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/11/das-intime-als-politische-technik-thesen-zu-edouard-louis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 09:36:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Edouard Louis]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080431738-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080431738-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080431738.jpg 293w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Dieser Artikel liest Édouard Louis' Werk als ein geschlossenes poetologisches Projekt und fragt danach, wie seine Texte die Grenzen zwischen autobiografischem Erzählen, soziologischer Analyse und politischer Intervention überschreiten. Ausgehend von den Begriffen der „Konfrontationsliteratur“ und des „Intimismus“, die Louis in seinem jüngsten Gesprächsband "Que faire de la littérature ?" (2025) entwickelt, werden zehn Deutungsansätze vorgestellt, die die formalen Verfahren, thematischen Konstanten und strategischen Verschiebungen seines Schreibens sichtbar machen. Im Zentrum steht die Frage, ob sich im Verlauf des Werks eine Reifung des Autors oder vielmehr eine Verfeinerung seiner literarischen Mittel beobachten lässt – und wie Louis mit seinen Texten nicht nur erzählen, sondern seine Leserinnen und Leser dazu zwingen will, das zu sehen, was sie allzu leicht verdrängen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Vom Stigma zur Selbstermächtigung: Arabité bei Aïda Amara</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/11/vom-stigma-zur-selbstermaechtigung-arabite-bei-aida-amara/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 04:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Aïda Amara]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="177" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/AMARA_AVECMATETE_COUV-600x1017-1-177x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/AMARA_AVECMATETE_COUV-600x1017-1-177x300.jpg 177w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/AMARA_AVECMATETE_COUV-600x1017-1.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px" />Aïda Amaras Roman "Avec ma tête d’arabe" erzählt die Geschichte einer jungen französisch-algerischen Journalistin, deren Identität durch die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 erschüttert wird. Ausgehend von diesem traumatischen Ereignis entfaltet der Text eine vielschichtige Bewegung in die Familien- und Kolonialgeschichte, die von der Pariser Kindheit der Erzählerin bis in das Kabylien des algerischen Unabhängigkeitskriegs zurückreicht. Die Rezension zeigt, dass der Roman Identität nicht als stabile Gegebenheit, sondern als fragile und fortwährende Rekonstruktionsarbeit inszeniert: Das Trauma zerstört die bisherige Selbstgewissheit und zwingt die Erzählerin dazu, ihre Herkunft, ihre familiären Überlieferungen und ihre Stellung zwischen Frankreich und Algerien neu zu befragen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die raffinierte Verflechtung der drei Zeitebenen, die weibliche Genealogie des Widerstands, die Bedeutung von Sprache und Schlagfertigkeit als Formen der Selbstbehauptung sowie die Funktion des Humors als Strategie gegen Ohnmacht und Angst. So erscheint "Avec ma tête d’arabe" als ebenso persönlicher wie politischer Roman, der individuelle Verletzung mit postkolonialer Erinnerung verbindet und das Schreiben selbst als Akt der Wiedergewinnung eines vielstimmigen, widersprüchlichen und dennoch handlungsfähigen Selbst begreift.]]></description>
		
		
		
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		<title>Komm her Lügenfrau: Hélène Frédérick</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/10/komm-her-luegenfrau-helene-frederick/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Jun 2026 07:38:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Probe]]></category>
		<category><![CDATA[Hélène Frédérick]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="220" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71KFiqxhiOL._AC_UF8941000_QL80_-220x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71KFiqxhiOL._AC_UF8941000_QL80_-220x300.jpg 220w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71KFiqxhiOL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 734w" sizes="auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px" />Première poudrerie sur la Wagmüllerstrasse. La neige comme manteau de promesse. Viens là, femme-mensonge, viens, je te trouverai un nouveau nom, quelque chose de léger. Je te décrocherai de ton socle et nous verrons à lisser encore ta peau, à te cajoler. Pour la première fois j’entends ta voix, tu murmures à mon oreille. Tu ... <p class="read-more-container"><a title="Komm her Lügenfrau: Hélène Frédérick" class="read-more button" href="https://rentree.de/2026/06/10/komm-her-luegenfrau-helene-frederick/#more-13819" aria-label="Mehr Informationen über Komm her Lügenfrau: Hélène Frédérick">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
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		<item>
		<title>Vom defekten Auge zur Poetik des genauen Blicks: Maylis de Kerangal</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/09/vom-defekten-auge-zur-poetik-des-genauen-blicks-maylis-de-kerangal/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jun 2026 03:22:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Maylis de Kerangal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/31m0gCX1dL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/31m0gCX1dL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/31m0gCX1dL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 626w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Ausgehend von Maylis de Kerangals poetologischem Vortrag "La lentille et le roman" (Verdier, 2026), in dem die Autorin ihr defektes Auge – Schielen, Myopie, Hyperopie, kongenitaler Katarakt – zum Ausgangspunkt einer Theorie des Romans als optisches Instrument macht, untersucht der vorliegende Aufsatz das erzählerische Werk Kerangals auf die dort entwickelten und weitergeführten Sehpoetiken hin. Anhand von elf Texten – von "Sous la cendre" (2006) bis "Jour de ressac" (2024) – werden optische Metaphernfelder, semantische Felder des Visuellen sowie Szenen und Bilder des Sehens, Schauens, der Blindheit und der Unschärfe analysiert und in Bezug auf Kerangals zentrale Unterscheidung zwischen "voir" und "regarder", ihre Spinoza-Analogie des Linsenschleifens als handwerklicher Wahrheitssuche und ihr Schlussmodell der Fresnellinse als diskontinuierlicher, vielschichtiger Romanstruktur interpretiert. Der Aufsatz zeigt dabei, dass die im Manifest formulierte Poetik das Werk nicht eigentlich erklärt, vielmehr nachträglich konsolidiert: Die Romane sind uneindeutiger, politisch gefährlicher und emotional aufgewühlter als das Manifest eingesteht – sie zeigen Linsen als Machtinstrumente, Sehen als körperlichen Schmerz und Scheitern als produktive erzählerische Kraft –, und sie entwickeln mit der Synästhesie und der Ästhetik der Unschärfe Prinzipien, die über die optische Metapher des Manifests weit hinausreichen.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Im Niemandsland der Identität: Antoine Rault</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/08/im-niemandsland-der-identitaet-antoine-rault/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jun 2026 02:21:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2016]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Antoine Rault]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="206" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/91xmwrkZuWL._AC_UF8941000_QL80_-206x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/91xmwrkZuWL._AC_UF8941000_QL80_-206x300.jpg 206w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/91xmwrkZuWL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 688w" sizes="auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px" />Antoine Raults "La Danse des vivants" (Albin Michel, 2016) folgt einem französischen Soldaten, der 1918 ohne Gedächtnis erwacht, mühelos Französisch, Deutsch und Russisch spricht und unter der Identität des gefallenen deutschen Leutnants Gustav Lerner vom französischen Geheimdienst nach Berlin und ins Baltikum geschleust wird; zwischen Lazarett, Freikorps-Krieg und der Liebe zur russischen Tänzerin Tamara montiert der Roman ein breites Panorama des deutsch-französischen Verhältnisses von 1918/19 – Zusammenbruch des Kaiserreichs, Versailles, Berliner Bürgerkrieg –, an dessen Ende der Held jede nationale Bindung aufkündigt und eine erfundene deutsche Zugehörigkeit wählt. Der Aufsatz liest den Text als "roman croisé" und entfaltet die Leitthese – Rault erzähle die Amnesie eines Einzelnen als Allegorie eines Kontinents, der sein altes Selbst verloren hat, und mache die nationale Differenz nicht zum aufzulösenden Konflikt, sondern zum produktiven, bedeutungsstiftenden Medium – in einer Argumentation, die von der hybriden Gattungssignatur über das dokumentarische Geschichtspanorama, die Erzählarchitektur des "Dazwischen" und die drei Maßstäbe des Deutsch-Französischen (diplomatisches Kräftespiel, sprachliches Verrätselungsdrama, elsässische Grenzexistenz) bis zur autopoetologischen und intertextuellen Selbstreflexion führt; sie belegt dies an konkreten Szenen, etwa am verräterischen "Maurice"/"Moritz", an dem die ganze Tarnung hängt, oder an Klaus Kühns empörter Rückfrage "Quel camp?" –, sodass das wiederkehrende Bild der Grenze, die "nicht zwischen den Figuren, sondern durch sie hindurch" verläuft, aus dem Material entwickelt wird, während die Deutung das produktive Offenhalten der Differenz bis in den bewusst ambivalenten Schluss hinein verfolgt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Neukaledonien – versehrtes Epos und Empathie als Widerstand: Alice Zeniter</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/07/neukaledonien-versehrtes-epos-und-empathie-als-widerstand-alice-zeniter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Jun 2026 09:49:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Alice Zeniter]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71Y5MnvSHFL._AC_UF8941000_QL80_-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71Y5MnvSHFL._AC_UF8941000_QL80_-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71Y5MnvSHFL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 659w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Als "Frapper l'épopée" im August 2024 erschien, stand Neukaledonien in Flammen: Wenige Monate zuvor hatten Aufstände gegen eine in Paris durchgesetzte Wahlrechtsreform vierzehn Tote und Milliardenschäden gefordert. Alice Zeniters bereits 2023 abgeschlossener Roman trat damit in seiner "Vorkrisen-Fassung" mitten in eine brennende Aktualität ein, die er nicht hatte kennen können – ein Zusammenfall, der ihm eine fast prophetische Schwere verlieh. Das Buch erzählt die Heimkehr der jungen Caldoche Tass nach Nouméa, wo sie als Aushilfslehrerin ihrer ungeklärten Familienherkunft nachspürt, während eine kanak Aktivistengruppe um Un Ruisseau mit Aktionen einer "gewalttätigen Empathie" den Kolonisierenden die Erfahrung der Enteignung körperlich spürbar zu machen sucht; in einem phantastischen Sturz ins "Wasserloch" durchlebt Tass schließlich die koloniale Vorgeschichte ihres ins Bagno deportierten Vorfahren Arezki, ehe der Roman in der Gegenwart und einer kaum sichtbaren Schlussgeste – einem mit dem Finger gespurten Aktivistenkürzel – mündet. Der Aufsatz liest das Werk von seinem Titel her, das Verb "frapper" in seiner Doppelbedeutung (schlagen und prägen) als poetologisches Programm eines "versehrten Epos", das die heroische Kolonialerzählung zertrümmert und zugleich ein neues, vielstimmiges und antiheroisches Gedächtnis einschreibt. Erzählen soll hier nicht informieren, sondern sinnlich verunsichern. Flankiert wird diese werkimmanente Lektüre durch eine Einordnung neben Zeniters "L'Art de perdre", eine Auswertung der französischen Rezeption und eine Reflexion über die Verschiebung der Leseperspektive nach den Aufständen vom Mai 2024 – sodass die Besprechung das Buch zugleich als ästhetisches Wagnis und als politisch brisanten Gegenwartstext profiliert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Wahlnacht vor dem Abgrund: Herrschaft, Droge und Autorschaft bei John Jefferson Selve</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/06/wahlnacht-vor-dem-abgrund-herrschaft-droge-und-autorschaft-bei-john-jefferson-selve/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Jun 2026 01:30:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[John Jefferson Selve]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />John Jefferson Selves’ "La matière humaine" (Gallimard, 2026) spielt an einem einzigen Wochenende im Frankreich der nahen Zukunft, unmittelbar vor einer Präsidentschaftswahl, deren Ausgang längst festzustehen scheint. Über Paris liegt der erwartete Sieg der extremen Rechten wie ein düsteres Verhängnis: Die Hauptstadt erscheint als erschöpfte „Parodie der Parodie“, geprägt von sozialer Spaltung, kultureller Selbstbespiegelung und politischer Resignation. Vor diesem Hintergrund erzählt der Roman von drei entwurzelten Figuren, deren Schicksale durch den Tod eines kindlichen Drogenkuriers miteinander verbunden sind. Aus ihrer Perspektive entsteht das Bild eines Landes, in dem verdrängte Konflikte um Klasse, Rassismus, Kolonialgeschichte und staatliche Gewalt mit neuer Wucht an die Oberfläche drängen. Die Rezension liest "La matière humaine" als politische Diagnose eines Frankreichs, das dem Triumph der extremen Rechten nicht mit Widerstand, sondern mit Betäubung begegnet. Zentral ist dabei die These, dass die Droge im Roman weit mehr als ein Motiv darstellt: Sie tritt als erzählende und herrschende Instanz auf, die eine Gesellschaft beherrscht, deren politische Ohnmacht sich in chemische Anästhesie verwandelt hat. Die Wahlnacht bildet den Fluchtpunkt dieser Diagnose. Bemerkenswerterweise verweigert der Roman die Nennung des eigentlichen Wahlergebnisses und inszeniert es stattdessen als Geräusch, Jubel und kollektiven Rausch – als Symptom eines tieferliegenden gesellschaftlichen Zustands. Die Besprechung zeigt, wie Selve aus dieser Konstellation eine ebenso politische wie poetologische Reflexion entwickelt: Der Tod des Kindes und die Geburt der Schrift erscheinen als zwei Seiten derselben Bewegung, in der sich die Möglichkeit von Aufmerksamkeit gegen die Logik der Betäubung behauptet. So verbindet "La matière humaine" politische Endzeitvision, Gesellschaftskritik und Autorschaftserzählung zu einem Roman, der dem Verhängnis der Wahlnacht schließlich nur eine fragile, aber beharrliche Gegenfigur entgegenstellt: „L’espoir“.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Chinafahrt von Tel Quel: Ideologie, Eitelkeit und Projektion bei Jean Berthier</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/05/die-chinafahrt-von-tel-quel-ideologie-eitelkeit-und-projektion-bei-jean-berthier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 05 Jun 2026 06:30:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[François Wahl]]></category>
		<category><![CDATA[Jean Berthier]]></category>
		<category><![CDATA[Julia Kristeva]]></category>
		<category><![CDATA[Marcelin Pleynet]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Sollers]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Barthes]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71i-e6QkZL._AC_UF10001000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71i-e6QkZL._AC_UF10001000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71i-e6QkZL._AC_UF10001000_QL80_.jpg 625w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Jean Berthiers Roman "Voyage tranquille au pays des horreurs" (Cherche Midi, 2026) rekonstruiert die historische China-Reise der Tel-Quel-Gruppe um Roland Barthes, Philippe Sollers, Julia Kristeva, Marcelin Pleynet und François Wahl im Frühjahr 1974. Vor dem Hintergrund der späten Kulturrevolution zeigt der Autor, wie die prominenten französischen Intellektuellen einem streng inszenierten Besichtigungsprogramm folgen und dabei weniger das maoistische China als ihre eigenen theoretischen, politischen und ästhetischen Obsessionen wahrnehmen. Bereits die komische Auftaktepisode um Jacques Lacan, der China durch die Kategorien seiner Psychoanalyse zu verstehen glaubt, ohne überhaupt dorthin zu reisen, führt das zentrale Motiv der Projektion ein. Zugleich dient die im Roman erzählte Affäre um Michelangelo Antonionis in China verfemten Dokumentarfilm als Kontrastfolie: Während der Regisseur versuchte, hinter die offizielle Inszenierung zu blicken, fügen sich die Reisenden bereitwillig in sie ein. Der Aufsatz argumentiert, dass Berthier daraus eine ebenso komische wie ernüchternde Satire auf die Blindheit der Intelligenz entwickelt: Semiologie, Psychoanalyse, Avantgardeästhetik und revolutionäre Hoffnung erscheinen nicht als Mittel der Erkenntnis, sondern als Filter, die den Blick auf Gewalt, Verfolgung und politische Realität verstellen. Im Zentrum steht die These, dass die Reisenden das fremde Land zu einer Projektionsfläche ihrer eigenen Wünsche machen und gerade deshalb an der Wirklichkeit vorbeisehen. Berthiers Roman wird dabei als ideengeschichtliche Fallstudie gelesen, die über den historischen Maoismus hinaus die Frage aufwirft, wie intellektuelle Gewissheiten Wahrnehmung verzerren und das Fremde in einen Spiegel des Eigenen verwandeln können.]]></description>
		
		
		
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		<title>Boualem Sansals „Le Village de l&#8217;Allemand“ zwischen Erinnerungskultur und postkolonialem Text</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/03/boualem-sansals-le-village-de-lallemand-zwischen-erinnerungskultur-und-postkolonialem-text/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2026 15:21:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Boualem Sansal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="179" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_-179x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_-179x300.jpg 179w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_-612x1024.jpg 612w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_-768x1284.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_.jpg 897w" sizes="auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px" />Dieser Aufsatz ist ausdrücklich keine Besprechung von Sansals Gefängnisjournal "La Légende: libres méditations d'un prisonnier encombrant" (Grasset, 2026), und es soll kurz begründet werden, warum eine solche Besprechung vorerst an dieser Stelle unterbleibt. Das Buch ist ein autobiografischer Haftbericht, der sich selbst als "livre de combat" versteht und noch so dicht in tagesaktuelle Polemiken, Verlagskonflikte und Freund-Feind-Bilanzen verstrickt ist, dass sich seine literarische Eigengestalt kaum vom Lärm um ihn trennen lässt. Statt das Buch verfrüht zu zergliedern, nimmt der Text es zum Anlass, auf den älteren Roman "Le Village de l'Allemand" (Gallimard, 2008) zu verweisen – und vertagt so bis auf Weiteres eine interpretierende Auseinandersetzung mit "La Légende". Der Roman "Le Village de l'Allemand" ist ein „roman croisé", der das Dazwischen nicht nur thematisiert, sondern zum Schreibverfahren erhebt. Anhand der verschränkten Tagebücher der Brüder Schiller, der Isotopie des „village" über vier Todesräume hinweg, der Datumssymmetrie von Massaker und Suizid und der wandernden Lagermetaphorik zeigt er, wie der Roman drei Gedächtnisräume — Shoah, algerischer Bürgerkrieg, französische Banlieue — ineinanderfaltet und Schuld nie als feste Front, sondern als gestaffelt, übersetzbar und nie ganz entscheidbar denkt. Zwei Schlüsselstellen aus Rachels Tagebuch rahmen die Lektüre und werden zugleich zur nachdenklichen Kontrastfolie für "La Légende": Der Romancier, der die Differenz zwischen Bezeugen und Abrechnen einst literarisch durchdrungen hat, erinnert daran, wie fragil die Position des Gerechten bleibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>François Mitterrand zwischen Mythos und Kritik: Annie Ernaux</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/02/francois-mitterrand-zwischen-mythos-und-kritik-annie-ernaux/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jun 2026 15:37:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Annie Ernaux]]></category>
		<category><![CDATA[François Mitterrand]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="234" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Mitterrand_Minitel_Videotex_1981-05-10_v3b_8bpp_3X-300x234.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Mitterrand_Minitel_Videotex_1981-05-10_v3b_8bpp_3X-300x234.png 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Mitterrand_Minitel_Videotex_1981-05-10_v3b_8bpp_3X-768x600.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Mitterrand_Minitel_Videotex_1981-05-10_v3b_8bpp_3X.png 960w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Essay untersucht die Darstellung François Mitterrands in Annie Ernaux’ "Les années" (2008) im Vergleich zu Mitterrands politischer Streitschrift gegen De Gaulle, "Le Coup d’État permanent" (1964). Im Zentrum steht die Frage, wie beide Texte – trotz ihrer unterschiedlichen Gattungen als autobiografischer Erinnerungsroman und politisches Pamphlet – dasselbe Strukturmerkmal der Fünften Republik sichtbar machen: die Konzentration politischer Hoffnungen, Ängste und Legitimitätsvorstellungen auf eine einzelne charismatische Figur. Während Mitterrand in seiner Kritik an Charles de Gaulle die Gefahren eines personalisierten Präsidialsystems anprangert, beschreibt Ernaux aus der Perspektive eines kollektiven „on“ die Begeisterung, die Erwartungen und die spätere Ernüchterung, die seine eigene Präsidentschaft begleiten. Anhand zentraler Passagen aus "Les années" wird gezeigt, wie Mitterrand von der Symbolfigur des politischen Aufbruchs 1981 über die Enttäuschung der „rigueur“-Jahre bis hin zur Verkörperung von Alter, Vergänglichkeit und historischer Erinnerung wird. Der Vergleich macht deutlich, dass Ernaux nicht nur die affektive Geschichte der französischen Linken erzählt, sondern zugleich das paradoxe Funktionieren eines politischen Systems offenlegt, das selbst seine Kritiker in monarchisch anmutende Erlöserfiguren verwandelt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Montaigne auf der Anklagebank: Philippe Desan</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/02/montaigne-auf-der-anklagebank-philippe-desan/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jun 2026 14:07:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Michel de Montaigne]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Desan]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-677x1024.jpg 677w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-768x1162.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-1015x1536.jpg 1015w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-1354x2048.jpg 1354w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Der Roman des renommierten Montaigne-Forschers Philippe Desans, "Montaigne – La Boétie: une ténébreuse affaire" (2024), erzählt die berühmteste Freundschaft der französischen Renaissance als literarischen Kriminalfall. Ausgehend von der Begegnung Montaignes und Étienne de La Boéties im Bordeaux des 16. Jahrhunderts entfaltet der Roman die provokante Hypothese, Montaigne selbst könnte für den frühen Tod seines Freundes verantwortlich gewesen sein. Über die Spur eines verschollenen Sonetts, verborgener Dokumente und einer modernen akademischen Untersuchung verfolgt Desan die Wege der Überlieferung bis in die Gegenwart und macht die Rekonstruktion der Vergangenheit zum eigentlichen Gegenstand seiner Erzählung. Der Aufsatz zeigt, dass dieser historische Kriminalroman weit mehr ist als ein gelehrtes Spiel: Er stellt eine fiktionale Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der Montaigne-Forschung dar und setzt sich dabei implizit mit der humanistischen Montaigne-Deutung Hugo Friedrichs auseinander. Während Friedrich in seiner klassischen Monographie von 1949 die Einheit eines „sehr organisierten Geistes“ und die Konsubstantialität von Leben und Werk betont, entwirft Desan einen Montaigne, dessen Identität, Texte und Erinnerungen von historischen Interessen, editorischen Eingriffen und sozialen Strategien geprägt sind. Der Aufsatz argumentiert, dass Desans Roman die Grenze zwischen Wissenschaft und Fiktion bewusst verwischt, um die grundsätzliche Erzählnatur jeder Interpretation offenzulegen: Lesen erscheint hier als Arbeit mit Indizien, Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen, sodass die Geschichte eines möglichen Verbrechens zugleich zu einer Reflexion über die Bedingungen literaturwissenschaftlicher Erkenntnis wird.]]></description>
		
		
		
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		<title>Reaktionäre Männlichkeit als leere Provokation: Côme Martin-Karl</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/01/reaktionaere-maennlichkeit-als-leere-provokation-come-martin-karl/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jun 2026 12:04:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Côme Martin-Karl]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Côme Martin-Karls Roman "La réaction" (2019) führt seine Leserinnen und Leser in die bizarre Welt französischer Reaktionäre, Online-Trolle, katholischer Integralisten und monarchistischer Splittergruppen, deren politischer Radikalismus zunehmend ins Komische kippt. Im Mittelpunkt steht Matthieu Richard, ein junger Mann ohne festen Halt, der sich weniger aus Überzeugung als aus Lust an Provokation und Außenseitertum in dieses Milieu treiben lässt. Der Aufsatz zeigt, wie der Roman mit satirischer Schärfe die Rituale, Sprachformen und Selbstbilder einer Szene offenlegt, die ständig von Größe, Tradition und Untergang spricht, dabei jedoch von inneren Widersprüchen und politischer Inhaltsleere geprägt ist. Im Zentrum der Argumentation steht die These, dass Martin-Karl nicht in erster Linie rechte Ideologien karikiert, sondern eine Form männlicher Selbstinszenierung, in der politische Positionen zu Requisiten einer Pose werden. Anhand der Erzählweise, der Figurenbeziehungen und der spannungsreichen Verbindung von politischer Radikalität und homosexuellem Begehren arbeitet die Interpretation heraus, wie der Roman die vermeintliche Härte seiner Protagonisten als Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Anerkennung und Besonderheit entlarvt. So erscheint "La réaction" letztlich weniger als politischer Roman denn als brillante Satire auf Männlichkeit, Distinktionssucht und die Verwandlung von Politik in ein Spiel der Selbstdarstellung.]]></description>
		
		
		
			</item>
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		<title>Aufrechtstehen im Untergang: New Orleans bei Laurent Gaudé</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/31/aufrechtstehen-im-untergang-new-orleans-bei-laurent-gaude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 31 May 2026 17:20:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Laurent Gaudé]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_-543x1024.jpg 543w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_-768x1449.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_.jpg 795w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />Laurent Gaudés Roman "Ouragan" (Actes Sud, 2010) schildert die Verwüstung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina und folgt dabei mehreren Figuren, deren Lebenswege sich im Ausnahmezustand der Katastrophe kreuzen. Im Mittelpunkt stehen die fast hundertjährige Josephine, die sich weigert, ihr Viertel zu verlassen, der von seiner Arbeit auf einer Ölplattform traumatisierte Keanu, seine frühere Geliebte Rose sowie ein Geistlicher, dessen Glaube unter dem Druck der Ereignisse zerbricht. Während der Sturm die Deiche sprengt und die Stadt in den Fluten versinkt, werden soziale Unterschiede, persönliche Traumata und verdrängte Konflikte schonungslos sichtbar. Der Roman erzählt die Naturkatastrophe dabei nicht als realistische Chronik, sondern als vielstimmiges Drama über Verlust, Schuld, Liebe und Überleben. Der Aufsatz untersucht, wie Gaudé den historischen Hurrikan in einen mythisch aufgeladenen Erfahrungsraum verwandelt. Ausgangspunkt ist die These, dass der Sturm als „Offenbarungsinstanz“ fungiert: Er zerstört nicht nur Häuser und soziale Ordnungen, sondern legt zugleich den innersten Kern der Figuren frei. Analysiert werden die polyphone Erzählstruktur, die deutliche Nähe zur Form der antiken Tragödie sowie der lyrisch-epische Stil, der das Geschehen über das Dokumentarische hinaushebt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Zusammenspiel von Stimme und Schweigen, der symbolischen Bedeutung von Raum, Wasser und Körperlichkeit sowie den wiederkehrenden Motiven von Scham, Widerstand und Aufrechtsein. Der Aufsatz argumentiert, dass "Ouragan" soziale Anklage und poetische Verdichtung miteinander verbindet und die Katastrophe als Moment der Wahrheit inszeniert, in dem Untergang und Neubeginn, Verlust und Würde miteinander verbunden werden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Von der Geschichte zur Legende: Alexander der Große bei Laurent Gaudé</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/31/von-der-geschichte-zur-legende-alexander-der-grosse-bei-laurent-gaude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 31 May 2026 09:04:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2012]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Laurent Gaudé]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="184" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_-184x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_-184x300.jpg 184w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_-628x1024.jpg 628w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_-768x1252.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_.jpg 920w" sizes="auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px" />Laurent Gaudés "Pour seul cortège" (2012) verlagert den historischen Alexanderstoff radikal von der Ebene der Ereignisgeschichte auf die Schwelle zwischen Tod und Nachleben. Statt die bekannten Stationen des Eroberers nachzuerzählen, konzentriert sich Gaudé auf das ausgedehnte Sterben Alexanders in Babylon und auf den Kampf um seinen Leichnam, der zum symbolischen Zentrum des Romans wird. Der Aufsatz argumentiert, dass nicht Alexander als historische Figur, sondern sein sterblicher Körper der eigentliche Protagonist des Werkes ist: An ihm bündeln sich Machtansprüche, Erinnerungsarbeit und die Frage nach der Zugehörigkeit des Toten. Ausgehend von einer Analyse der polyphonen Erzählstruktur, der dramatischen Bauform und der mythisch aufgeladenen Bildfelder von Körper, Hunger, Safran und Wind zeigt der Text, wie Gaudé den historischen Roman in eine Tragödie der Stimmen verwandelt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Figur der Dryptéis, die als Gegenpol zu den machtgierigen Generälen den Übergang vom Besitz des Körpers zur Bewahrung des Geistes verkörpert. Durch den Vergleich mit Gaudés "La mort du roi Tsongor" (2002) und "Le Tigre bleu de l'Euphrate" (2002) wird zudem herausgearbeitet, dass Gaudé ein zentrales Motiv seines Werks fortschreibt: die Frage, wie Tote weiterleben. Die Interpretation deutet "Pour seul cortège" letztlich als Roman über die Macht des Erzählens, das den Menschen der Vergänglichkeit entreißt und ihn in die Sphäre der Legende überführt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Werk, das fehlt: Xavier Garnier und Mohamed Mbougar Sarr im Dialog</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/30/das-werk-das-fehlt-xavier-garnier-und-mohamed-mbougar-sarr-im-dialog/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 May 2026 17:33:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mohamed Mbougar Sarr]]></category>
		<category><![CDATA[Xavier Garnier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL-675x1024.jpg 675w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL-768x1164.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Xavier Garniers "Quels lieux pour les littératures en langues africaines ?" und Mohamed Mbougar Sarrs Roman "La plus secrète mémoire des hommes" kreisen beide um die Frage, unter welchen Bedingungen afrikanische Literatur sichtbar wird – und was mit Schriftstellern geschieht, die sich den Erwartungen des französischen Literaturbetriebs entziehen. Garnier rekonstruiert in seiner Studie die verdrängte Geschichte afrikanischsprachiger Literaturen und zeigt, wie stark frankophone Texte von Sprachen wie Wolof, Gikũyũ oder Kiswahili geprägt sind, obwohl diese im internationalen Literaturbetrieb meist unsichtbar bleiben. Sarr erzählt dieselbe Problematik als literarische Suchbewegung: Der junge senegalesische Autor Diégane Latyr Faye verfolgt die Spur des rätselhaften T.C. Elimane, dessen gefeierter Roman von 1938 nach heftigen rassistischen und exotisierenden Reaktionen verschwindet. Der Essay liest beide Bücher als komplementäre Gegenstücke: Garniers theoretische Begriffe – etwa Literatur als „Ökosystem“ aus Sprachen, Orten und Institutionen – machen verständlich, warum Elimane im Roman zugleich bewundert und ausgeschlossen wird, während Sarr Garniers abstrakte Überlegungen in konkrete Szenen übersetzt, etwa in die fingierten Pariser Zeitungskritiken oder die mehrsprachigen Passagen auf Wolof und Serer. Besonders stark ist die Analyse dort, wo sie zeigt, dass afrikanische Autoren im frankophonen Feld bis heute zwischen zwei widersprüchlichen Erwartungen stehen: zugleich „authentisch afrikanisch“ und literarisch universell sein zu müssen. Gerade aus dieser Spannung heraus entwickelt der Essay eine präzise und anschauliche Deutung von Sarrs Roman als Reflexion über literarische Anerkennung, sprachliche Zugehörigkeit und die Möglichkeit des Schreibens unter postkolonialen Bedingungen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Trilogie der Männlichkeit: Franck Mignot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/29/trilogie-der-maennlichkeit-franck-mignot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 May 2026 13:14:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Franck Mignot]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/faire-avec-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/faire-avec-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/faire-avec.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Aufsatz liest Franck Mignots drei Romane "Mollesse" (2023), "Les Viandards" (2025) und "Faire avec" (2026) als zusammenhängendes erzählerisches Projekt, das eine Genealogie erschöpfter Männlichkeit entwirft. Ausgehend von den programmatischen Titeln, die Erschlaffung, Raubtierhaftigkeit und resignatives Arrangement meinen, arbeitet die Analyse heraus, wie Mignot die Krise männlicher Rollenbilder nicht als spektakulären Zusammenbruch, sondern als langsamen Prozess der Entkräftung beschreibt. Im Zentrum steht die These, dass die drei Romane eine Bewegung vom eruptiven Gewaltakt zur erschöpften Dauerexistenz nachzeichnen: vom mordenden Samuel in "Mollesse" über den kindlichen Beobachter in "Les Viandards" bis zum müden, bleibenden Bertrand in "Faire avec". Der Aufsatz verfolgt diese Entwicklung nicht werkchronologisch, sondern entlang wiederkehrender Strukturmomente – Sprachlosigkeit, Begehren, Vaterschaft, Geschlechterasymmetrie, Raumpoetik und Schreibpraxis – und zeigt, wie sich die Bücher gegenseitig hin auf eine narrative Studie zum Mannsein kommentieren und erhellen. Besonderes Gewicht erhält dabei die Analyse von Mignots Lakonik: Die nüchterne, parataktische Prosa erscheint nicht bloß als Stilmittel, sondern als ethische Haltung einer Welt, in der den Figuren jede stabile Werteordnung abhandengekommen ist. Der Aufsatz argumentiert, dass Mignots Romane den klassischen Bildungsroman systematisch verweigern und stattdessen eine „Chronik des Unveränderlichen“ entwerfen, in der Entwicklung durch Wiederholung ersetzt wird. Gerade darin liegt eine Radikalität der Trilogie: Nicht Katharsis oder Heilung, sondern das erschöpfte „Weiterleben mit dem, was übrig bleibt“ bilde den Horizont dieser Texte. Indem die Studie Mignots Werk zugleich als Milieuchronik, Poetik des Verstummens und Reflexion moderner Männlichkeit liest, macht sie sichtbar, wie eng Form, Sprache und Thema in dieser Trilogie miteinander verschränkt sind.]]></description>
		
		
		
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		<title>Ausatmen lernen: Meditation und Literatur als Gegenkräfte bei Emmanuel Carrère</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/27/ausatmen-lernen-meditation-und-literatur-als-gegenkraefte-bei-emmanuel-carrere/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 May 2026 08:08:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Emmanuel Carrère]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-932x1536.jpg 932w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-1243x2048.jpg 1243w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L.jpg 1276w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Emmanuel Carrères "Yoga" (P.O.L. 2020) beginnt als scheinbar überschaubares Projekt: ein „kleines, heiteres und subtiles Buch über Yoga“, geschrieben aus der Perspektive eines Autors, der seit Jahrzehnten Meditation und Tai-Chi praktiziert. Doch schon der Abbruch eines Vipassana-Retreats nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ verschiebt den Text in eine andere Richtung. Aus dem geplanten Essay über Achtsamkeit wird ein Roman über psychische Desintegration, Klinikaufenthalte, depressive und manische Zustände, Erinnerungslücken und die prekäre Suche nach Gegenwärtigkeit. Carrère erzählt von Meditation, ohne je einen spirituellen Erfahrungsbericht daraus zu machen: Gerade die Unfähigkeit zur inneren Stille wird zum Zentrum des Buches. Immer wieder kollidieren meditative Praxis und literarisches Verfahren miteinander – das Ideal des Loslassens mit dem Zwang des Schriftstellers, Gedanken festzuhalten, zu kommentieren und in Sprache zu verwandeln. Der Roman verbindet dabei autobiographische Selbstanalyse mit Reflexionen über Schreiben, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit und entwickelt aus seinen Brüchen eine eigene Form. Räume des Rückzugs – das Schweigeretreat, die psychiatrische Klinik, das Flüchtlingslager auf Léros – erscheinen als Varianten derselben Erfahrung von Isolation und Selbstbeobachtung. Zugleich ist Emmanuel Carrères Text von einer auffälligen Nüchternheit geprägt: Er erzählt weder eine Geschichte der Heilung noch eine der Erleuchtung, sondern beschreibt das Weitermachen unter instabilen Bedingungen. Der Fokus des vorliegenden Aufsatzes auf die autopoetologische Dimension macht die zahlreichen Motive des Romans – Atem, Schweigen, Wiederholung, Selbstbeobachtung und Scheitern – nicht nur thematisch, sondern als Reflexionen über die Bedingungen des Schreibens selbst lesbar. Gerade darin liegt die literarische Spannung des Buches, das aus der Differenz zwischen dem geplanten Yoga-Buch und dem tatsächlich entstandenen Text seine Form gewinnt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Huysmans als Seismograph der Moderne: Agnès Michaux</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/26/huysmans-als-seismograph-der-moderne-agnes-michaux/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2026 09:25:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Agnès Michaux]]></category>
		<category><![CDATA[Joris-Karl Huysmans]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066-717x1024.jpg 717w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066-768x1097.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Agnès Michaux’ Romantrilogie "La fabrication des chiens" und ihre spätere Biographie über Joris-Karl Huysmans bilden zusammen ein außergewöhnliches Doppelprojekt: eine literarische Rekonstruktion des fin de siècle und zugleich ein neuer Blick auf Huysmans als Seismograph der Moderne. Der erste Band der Trilogie (1889) folgt dem jungen Provinzjournalisten Louis Daumale durch das Paris der Exposition universelle, der Eiffelturm-Eröffnung und der Fortschrittsbegeisterung, während unter der glänzenden Oberfläche bereits Nationalismus, Eugenik, soziale Angst und kulturelle Erschöpfung sichtbar werden. Im Zentrum steht Daumales Begegnung mit Huysmans, der nicht als museale Décadence-Ikone erscheint, sondern als radikal aufrichtiger Diagnostiker seiner Zeit: „injuste, parfois seulement, mais en toute sincérité“. Michaux’ Argumentation besteht darin, die Décadence nicht als Pose, sondern als präzise Zivilisationsdiagnose zu lesen. Des Esseintes aus "À rebours" wird nicht als ästhetisches Wunschbild verstanden, sondern als Symptom einer Gesellschaft, deren Reizüberflutung und Künstlichkeit den Menschen deformieren. Diese Idee spiegelt sich im titelgebenden Motiv der „Fabrikation“ von Hunden: Optimierung, Züchtung und gesellschaftliche Dressur werden zur Metapher einer Moderne, die alles Lebendige normiert. In der Biographie radikalisiert Michaux diesen Ansatz weiter, indem sie Huysmans nicht textimmanent, sondern körperlich und sozial situiert liest – als frierenden, nervösen Beamten, dessen Kunst aus physischer Überempfindlichkeit, Großstadtmüdigkeit und kompromissloser Wahrhaftigkeit hervorgeht. So entsteht kein nostalgisches Bild der Belle Époque, sondern eine Analyse der Moderne selbst: 1889 erscheint bei Michaux als jener historische Kipppunkt, an dem Fortschritt und Verfall, Rationalisierung und spirituelle Sehnsucht, Oberfläche und innere Zerrüttung untrennbar ineinander übergehen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Bildstörung: deutsch-französische Interferenzen bei Alain Robbe-Grillet und Claude Ollier</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/25/bildstoerung-deutsch-franzoesische-interferenzen-bei-alain-robbe-grillet-und-claude-ollier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 May 2026 21:54:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Alain Robbe-Grillet]]></category>
		<category><![CDATA[Claude Ollier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="211" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/images-25-300x211.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/images-25-300x211.jpeg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/images-25.jpeg 532w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Aufsatz schlägt eine vielleicht überraschende Genealogie des Nouveau Roman vor, indem er dessen Entstehung nicht im Pariser Literaturbetrieb, sondern in der Extremsituation der Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland verortet. Ausgehend von der Begegnung Alain Robbe-Grillets und Claude Olliers in einer Nürnberger Fabrik rekonstruiert die Lektüre von vier Büchern der Autoren, wie sich unter Bedingungen von Fremdheit, Kontrolle und Entsubjektivierung eine neue Form der Wahrnehmung herausbildet: eine radikale Hinwendung zu Oberflächen, Dingen und räumlichen Strukturen, die psychologische Tiefenmodelle konsequent zurückweist. In Einzelanalysen zeigt der Text, wie diese Erfahrung in spezifische Erzählverfahren übersetzt wird – in fragmentierte Zeitordnungen, instabile Perspektiven und eine Sprache, die weniger deutet als registriert. So entsteht das Bild einer Poetik, die aus historischer Erschütterung hervorgeht, ohne sich je in expliziter Erinnerungsliteratur zu erschöpfen. Die behandelten Romane machen das Verhältnis beider Kulturen nicht zum Thema, sondern schreiben es in ihre formalen Strukturen ein. Das Deutsche erscheint als Erfahrungsraum von Macht und Fremdheit, das Französische als literarische Transformationsinstanz – doch beide sind untrennbar ineinander verschränkt. Diese Texte sind daher deutsch-französische Romane nicht aufgrund ihres Inhalts, sondern weil sie einen Zwischenraum entwerfen, in dem nationale Zuschreibungen instabil werden und Bedeutung erst aus ihrer Überlagerung hervorgeht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Niederlage der Sieger: Laurent Gaudé</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/24/die-niederlage-der-sieger-laurent-gaude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 May 2026 17:17:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2016]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Laurent Gaudé]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61uuo7r2AUL._AC_UF8941000_QL80_-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61uuo7r2AUL._AC_UF8941000_QL80_-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61uuo7r2AUL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 530w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />Laurent Gaudés bislang unübersetzter Roman "Écoutez nos défaites" (2016) ist ein polyphon komponierter Text, der fünf Erzählstränge – vom zeitgenössischen Geheimdienstmilieu bis zu historischen Kriegsschauplätzen (u. a. Hannibal, Grant, Hailé Sélassié) – zu einem dichten Geflecht existenzieller Erfahrungen verbindet, in dessen Zentrum nicht der Sieg, sondern die Niederlage als universale Kategorie steht: militärisch, moralisch und psychisch. Anschauliche, eindringliche Szenen – etwa Grants kalkulierende Kälte nach dem Massaker, Hannibals Konfrontation mit dem Tod des Bruders oder die traumatische Wahrnehmung des Soldaten Sicoh – illustrieren eine Poetik der Stille im Kern der Gewalt, in der Figuren nicht handeln, um zu überwinden, sondern von ihren Erfahrungen belagert werden. Die Rezension liest den Roman als radikale Absage an die Idee des „sauberen Sieges“ und als Kritik gegenwärtiger Remilitarisierung, indem sie die historischen und gegenwärtigen Ebenen systematisch verschränkt. Methodisch arbeitet sie mit paradigmatischen Szenen, die exemplarisch eine Ethik der Niederlage entfalten, und steigert diese zu einer normativen These: Würde entsteht nicht im Triumph, sondern im Umgang mit Verlust. Die Montage der Zeiten und Perspektiven erzeugt keine lineare Entwicklung, sondern eine Bewegung des fortwährenden Übergangs, in der sich Innen- und Außenwelt unauflöslich durchdringen. Die modernen Figuren fungieren als existentielle Resonanzräume der historischen Kriegerfiguren: Assem und Sullivan verkörpern das „Schwanken“ moderner Gewaltakteure, deren Handeln sich im Nachhinein als sinnentleert erweist und die an der Frage nach dem Sinn ihrer Einsätze zerbrechen. Mariam hingegen bildet das entscheidende Gegengewicht, indem sie als Archäologin und Hüterin des kulturellen Gedächtnisses eine Praxis der Bewahrung und Weitergabe verkörpert, die sich jener Logik von Zerstörung und Niederlage entzieht. Während die Agenten im Verschwinden begriffen sind, insistiert Mariam auf der Möglichkeit von Kontinuität – nicht durch Sieg, sondern durch Erinnerung. Der Roman verweigert einen abschließenden Sinn – es gibt weder kathartische Auflösung noch heroische Überhöhung – und erreicht eine seltene Verbindung von erzählerischer Intensität und ethisch-politischer Reflexion.]]></description>
		
		
		
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		<title>Verbergen und Zeigen: die Gewalt der Kunst bei Benjamin de Laforcade</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/21/verbergen-und-zeigen-die-gewalt-der-kunst-bei-benjamin-de-laforcade/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2026 03:59:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Benjamin de Laforcade]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782072961120_1_75-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782072961120_1_75-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782072961120_1_75.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Benjamin de Laforcades Roman "Rouge nu" (Gallimard, 2022) situiert sich um ein paradoxes Zentrum: ein berühmtes Gemälde, das gerade durch seine Unsichtbarkeit Wirkungsmacht entfaltet, indem es – verborgen in einem architektonisch inszenierten Schutzraum – zugleich Mythos und Marktwert steigert, während es eine gewaltsame Geschichte birgt; im Fokus steht die Figur des Malers Andreas Mauser und das Modell Izabela, deren Körper im Akt der künstlerischen Produktion zum Schauplatz von Gewalt wird, die im Diskurs des Geniekults systematisch verschwiegen wird. Die Rezension arbeitet diesen Zusammenhang als dialektisches Verhältnis von Zeigen und Verbergen heraus und liest die ästhetische Technik des Übermalens und Freilegens als Metapher für die kulturelle Logik des Kunstbetriebs: Sichtbarkeit ist selektiv produziert, Unsichtbarkeit nicht bloß Abwesenheit, sondern aktive Verdrängung. Nadeije Laneyrie-Dagens kunsthistorische Studie "Cacher/montrer: une histoire des œuvres invisibles en Occident" (Gallimard, 2024) zeichnet von der Prähistorie bis zur Gegenwart nach, dass Kunstwerke im Westen lange nicht auf permanente Sichtbarkeit angelegt waren, sondern ihre Wirkung gerade aus ritualisierten Praktiken des Verbergens und selektiven Zeigens bezogen, wodurch Sichtbarkeit als historisch regulierte Form von Macht, Begehren und sozialer Kontrolle erscheint. Der Aufsatz verschränkt die narrative Struktur des Romans mit solchen Überlegungen und zeigt so, dass das "unsichtbare" Kunstwerk weniger ein Objekt als ein Dispositiv ist, das Machtverhältnisse stabilisiert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Zeiten und Ländern: Widerstand als Zeitreiseroman bei Martin Winckler</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/20/zwischen-zeiten-und-laendern-widerstand-als-zeitreiseroman-bei-martin-winckler/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 May 2026 00:54:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Winckler]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/amour-a-temps-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/amour-a-temps-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/amour-a-temps.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Ausgehend von Martin Wincklers eigener Biographie als in Algerien geborener jüdischer Arzt, der zwischen kolonialer Geschichte, französischer Erinnerungskultur und späterer Emigration steht, liest die Rezension seinen Roman "L’Amour à temps" (P.O.L., 2026) als literarische Verdichtung eben jener Erfahrung von Entwurzelung und historischer Überlagerung. Der Text verschränkt das populäre Zeitreise-Narrativ mit den historischen Tiefenschichten der deutschen Besatzung, des Widerstands marginalisierter Gruppen und den emanzipatorischen Impulsen von 1968: Bereits der Prolog setzt mit dem eindrücklichen Bild ein, wenn die Bibliothek von Tours in Flammen steht und der junge Arzt Maurice D’Alget inmitten von Rauch und einstürzenden Regalen einen verwundeten Soldaten aus dem Feuer zieht – eine Szene, die Zerstörung von Wissen und zugleich den Impuls zur Rettung paradigmatisch verbindet. Im Zentrum steht sodann die 83-jährige Erzählerin Rachel, die im Jahr 2026 ihre eigene Vergangenheit rekonstruiert und dabei über ein Zeitportal in das Jahr 1942 eingreift; besonders verdichtet erscheint dies in der Szene ihres Besuchs bei den Großeltern im besetzten Paris, wo sie, am ganzen Körper zitternd, vergeblich versucht, sie vor der bevorstehenden Verhaftungswelle zu warnen – ein Moment, in dem historisches Wissen zur existentiellen, aber begrenzten Handlungsmacht wird. Diese doppelte Bewegung – retrospektives Erzählen und körperlich erfahrene Vergangenheit – transformiert Zeitreise von einem spekulativen Motiv zu einem ethischen Verfahren der Vergegenwärtigung von Geschichte, das sich schließlich in der drastischen Tat zuspitzt, als Rachel einen Kollaborateur tötet und damit zwar ein individuelles Schicksal verändert, nicht aber die Logik der Verfolgung aufhebt. Der Aufsatz arbeitet heraus, dass Winckler das Genre hybridisiert – als "roman choral", der durch eine Vielzahl nicht attribuierter Stimmen kollektive Erinnerung gegen das Verstummen organisiert, und als autopoetologisches Projekt, in dem die Erzählerin selbst als Instanz der Archivierung, Kommentierung und Legitimation auftritt. Die Zeitstruktur wird ethische Aporie: Wissen um historische Katastrophen erzeugt Verantwortung, ohne notwendigerweise Handlungsmacht zu garantieren; die Zeitreise erlaubt lediglich "Eingriffe an der Oberfläche", die individuelle Schicksale verschieben, nicht aber die Geschichte als Ganze revidieren. In dieser Perspektive erscheint der Roman als dezidiert gegenwartsbezogenes Erinnerungsnarrativ, das – wie die Rezension pointiert herausstellt – die Sprache des Widerstands von 1942 in die politische Gegenwart überträgt und so die Kontinuität von Gewalt, Ideologie und Gegenwehr sichtbar macht. Insgesamt liest die Interpretation den Text als Verbindung von Körpergedächtnis, Mehrsprachigkeit und polyphoner Zeugenschaft, deren gemeinsamer Fluchtpunkt eine Poetik des Erzählens als Widerstand ist: Schreiben wird hier zur Praxis, die Vergangenheit nicht zu bewahren, sondern sie im Akt der Weitergabe immer wieder neu zu aktualisieren.]]></description>
		
		
		
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		<title>Körper als Schlachtfeld: Boris Bergmann</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/19/koerper-als-schlachtfeld-boris-bergmann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2026 04:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Boris Bergmann]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-964x1536.jpg 964w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-1286x2048.jpg 1286w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover.jpg 1381w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Boris Bergmanns "Les Corps insurgés" (2020) entwirft in einer kunstvoll verschränkten Triptychonstruktur die Lebenslinien dreier Figuren – des Renaissancekünstlers Lorenzo, des Pariser 68ers Baptiste und des gegenwärtigen Migranten Tahar –, deren Erfahrungen jeweils entlang einzelner Körperteile organisiert sind und so eine Poetik des Körpers als historischem Speicher und politischem Austragungsort entfalten: Wangen, Speiseröhre, Leber oder Herz fungieren nicht nur als anatomische Marker, sondern als semantische Verdichtungen von Scham, Begehren, Gewalt und Widerstand, wodurch individuelle Biographien in größere Macht- und Diskurszusammenhänge eingebettet werden. Dabei greift die formale Anlage erkennbar auf die Tradition der "Blasons" zurück, also jener frühneuzeitlichen Gattung, die einzelne Körperteile rhetorisch isoliert und poetisch überhöht, und transformiert sie in eine moderne, gebrochene Ästhetik, in der Fragmentierung nicht mehr der Feier, sondern der Problematisierung des Körpers dient. Die Argumentation des Romans – und dies ist zugleich seine ästhetische Pointe – vollzieht sich weniger diskursiv als strukturell, indem die Parallelmontage der drei Zeitebenen Analogien und Kontraste erzeugt: Während Lorenzo den Körper als Ort künstlerischer Transgression gegen kirchliche Autorität erprobt, zeigt sich bei Baptiste die schleichende Erstarrung eines einst politisierten Körpers, und Tahars Geschichte radikalisiert diese Linie zur existentiellen Zuspitzung im Zeichen von Migration, Prekarität und möglicher Selbstvernichtung. Gerade in der konsequenten Rückbindung sozialer und ideologischer Prozesse an körperliche Erfahrung liegt die argumentative Schärfe des Textes, der Gewalt nicht abstrakt verhandelt, sondern als Einschreibung in den Körper begreift und im finalen Umschlag – Tahars Entscheidung für das Leben im Moment der möglichen Detonation – eine fragile, aber insistente Gegenfigur zur Logik der Zerstörung entwirft.]]></description>
		
		
		
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		<title>Marc Bloch im Pantheon: Historiker, Widerstandskämpfer, Märtyrer der Republik</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/18/marc-bloch-im-pantheon-historiker-widerstandskaempfer-maertyrer-der-republik/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2026 14:56:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Bloch]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="224" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch-224x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch-224x300.png 224w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch-766x1024.png 766w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch-768x1026.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch.png 1085w" sizes="auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px" />Am 23. Juni 2026 wird Marc Bloch ins Panthéon überführt – 82 Jahre nachdem die Gestapo ihn bei Lyon erschossen und seinen Leichnam im Graben liegen gelassen hatte. Dieser Text versucht zu verstehen, was diese Geste bedeutet: für Frankreich, das in Bloch einen Bürger ehrt, dem ein französischer Staat einmal die staatsbürgerlichen und akademischen Rechte beschnitten hatte; für Deutschland, das in ihm ein Opfer seiner eigenen Staatsgewalt wiedererkennen muss; und für die Geschichtswissenschaft, die mit ihm zum ersten Mal einen ihrer Eigenen in den Tempel der Nation einziehen sieht. Er war Mediävist und Offizier, Gründer der "Annales" und Widerstandskämpfer, ein Mann, der das Selbstverständliche als erklärungsbedürftig behandelte und die Wahrheit auch dann nicht losließ, als sie ihn das Leben kostete. Was seine Werke zusammenhält, von den "Rois thaumaturges" bis zur unvollendeten "Apologie", ist weniger eine Methode als eine Haltung: die Weigerung, Geschichte von innen einer einzigen Gemeinschaft zu erzählen. Als Grabinschrift hatte er sich "dilexit veritatem" gewählt – er liebte die Wahrheit. Die Republik gibt ihm jetzt die Antwort, die er 1940 nicht erhalten hat.]]></description>
		
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		<title>Politische Rhetorik in Trümmern: Mathieu Larnaudie und Nicolas Idier</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/18/politische-rhetorik-in-truemmern-mathieu-larnaudie-und-nicolas-idier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2026 02:36:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61qfvCdOz-L._AC_UF10001000_QL80_-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61qfvCdOz-L._AC_UF10001000_QL80_-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61qfvCdOz-L._AC_UF10001000_QL80_.jpg 530w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />Die Doppelrezension liest Mathieu Larnaudies "Acharnement" (2012) und Nicolas Idiers "Matignon la nuit" (2024) als zwei ergänzende Diagnosen eines politischen Diskurses, der seinen Bezug zu den Menschen verloren hat und nur noch um sich selbst kreist. Beide Romane erzählen stark reduzierte Handlungen: Bei Larnaudie schreibt ein ehemaliger Redenschreiber zurückgezogen in der Provinz immer neue Reden, probt sie und verwirft sie wieder, während reale Katastrophen nur am Rand auftauchen. Bei Idier soll ein Berater in einer einzigen Nacht im Regierungssitz eine Rede verfassen, verliert sich jedoch zunehmend in Begegnungen, Erinnerungen und Abschweifungen. Besonders deutlich wird dies in zwei Bildern: der Holzestrade, auf der Müller seine Reden ins Leere hinein probt, und der nächtlichen Krisenmaschine von Matignon, in der Sprache nur noch aus austauschbaren „éléments“ besteht. Die Rezension vergleicht auch die Schreibweisen der beiden Autoren: Larnaudies lange, verschachtelte und sich selbst kommentierende Prosa erscheint als Nachahmung und zugleich Kritik politischer Rhetorik. Idiers fragmentierter und offener Stil wirkt dagegen wie eine Sabotage des politischen Diskurses, die neue Möglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig verbindet die Rezension diese Stilanalyse mit den Figuren, den Handlungsformen und der Zeitstruktur der Romane: hier die endlose Wiederholung bei Larnaudie, dort die verdichtete Chronologie einer einzigen Nacht bei Idier. So stützen sich Form und politische Diagnose gegenseitig. Die Argumentation der Rezension beginnt mit der Analyse rhetorischer Mechanismen wie Rhythmus, Punchline und medialer Inszenierung und untersucht anschließend die Stellung der Sprecherfiguren: auf der einen Seite der entlassene Redenschreiber, auf der anderen der „sous-plume“ innerhalb des Regierungsapparats. Hinzu kommt die Frage nach dem Publikum, das entweder ganz abwesend ist oder nur noch als hypermediale Masse erscheint. Am Ende bleiben zwei ausweglose Möglichkeiten: entweder trotz erkannter Sinnlosigkeit weiterzuschreiben (bei Larnaudie) oder aus dem politischen Diskurs auszubrechen und nach einer anderen Form von Handlung zu suchen (bei Idier).]]></description>
		
		
		
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		<title>Odysseus in Paris: Epos ohne Zentrum mit James Joyce</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/17/odysseus-in-paris-epos-ohne-zentrum-mit-james-joyce/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 May 2026 09:17:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0.jpg 1366w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Band "Ulysse à Paris" (Seuil, 2024) unternimmt eine Fortschreibung der homerisch-joyce'schen Traditionslinie, indem er die epische Struktur der Irrfahrt radikal pluralisiert und in das sozial, politisch und historisch aufgeladene Terrain des Pariser Nordens verlegt. Der kollektive Roman, gemeinsam mit der Zeitschrift Cockpit herausgegeben, ist nicht nur eine lose Anthologie, sondern ein ästhetisch wie theoretisch kohärentes Projekt, das literarische Vielstimmigkeit programmatisch als Gegenmodell zur epischen Einheit inszeniert. Statt eines souveränen Helden entfaltet sich ein Geflecht heterogener Stimmen, deren Figuren – von migrantischen Subjekten über feministische Neuformulierungen mythischer Rollen bis hin zu erinnerungspolitisch sensibilisierten Flaneuren – die Odyssee als Erfahrung von Entortung, Prekarität und fragmentierter Identität durchlaufen. Die Rezension arbeitet heraus, wie die einzelnen Beiträge jeweils spezifische homerische Episoden und Joycesche Verfahren transformieren: sei es durch die Entleerung des Heroischen (de Quatrebarbes), die Ironisierung genealogischer Autorität (Fiat), die Politisierung mythischer Gewalt im Kontext des Holocaustgedächtnis (Comment) oder die radikale Subjektivierung marginalisierter Perspektiven (Schavelzon, Noël).  Tiphaine Samoyault akzentuiert Erinnerung als Modus einer nie abgeschlossenen Heimkehr. Gabriela Vazquez verdichtet Migration zur epistemischen Perspektive, die das Zentrum konsequent aus der Peripherie heraus denkt. Die Analyse verfolgt die dichte intertextuelle Verschränkung und liest formale Verfahren (Polyphonie, Bewusstseinsstrom, Katalogtechnik) als Träger historischer und ideologischer Bedeutungen. Hierbei wird sichtbar, dass das zentrale Movens des Bandes die Dekonstruktion der Heimkehr ist: Ithaka erscheint nicht mehr als erreichbarer Ort, sondern als leere Signatur, ersetzt durch provisorische, oft prekäre Formen des Ankommens, die weder Identität stabilisieren noch Geschichte versöhnen. Die Rezension selbst folgt damit einer doppelten Bewegung – sie rekonstruiert die genealogische Tiefe des Projekts und insistiert zugleich auf dessen zeitdiagnostischer Schärfe –, wodurch "Ulysse à Paris" als ein Epos sichtbar wird, das seine eigene Möglichkeit permanent infrage stellt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Diaspora als Bewegung: Manuel Carcassonne</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/16/diaspora-als-bewegung-manuel-carcassonne/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2026 16:07:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Manuel Carcassonne]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="204" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71AkK-mhdhL._UF10001000_QL80_-204x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71AkK-mhdhL._UF10001000_QL80_-204x300.jpg 204w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71AkK-mhdhL._UF10001000_QL80_.jpg 680w" sizes="auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px" />Manuel Carcassonnes "Le Retournement" (Grasset, 2022) setzt mit einem unscheinbaren Satz ein – „Souvent, Nour et moi, nous nous disputions“ – und entfaltet daraus die Geschichte eines Mannes, der erst spät, zwischen Pariser Verlagsbüros und einem Krankenhausbett im Hôpital Cochin, zwischen der Lektüre von Flavius Josephus und den Straßen des zerstörten Beirut, zu der Einsicht gelangt, dass „jüdische Herkunft“ kein neutraler Befund ist, sondern eine existenzielle Zuschreibung. Ausgelöst durch die Begegnung mit Nour, der libanesisch-christlichen Schriftstellerin aus Achrafieh, deren hartnäckige Verwechslung von „israélite“ und „israélien“ das Identitätsproblem exemplarisch zuspitzt, und durch eine persönliche Krise, unternimmt der Erzähler eine assoziative Reise durch die Geschichte der „Juden des Papstes“, durch Familienarchive, philosophische Lektüren und politische Gegenwarten. Die Rezension liest dieses bewusst hybride, zwischen Liebesgeschichte, Essay und historischer Archäologie changierende Buch als literarische Form eines „retournement“: nicht als Rückkehr zu einem Ursprung, sondern als Bewegung der Verschiebung und Überlagerung, in der Identität gerade dort entsteht, wo sie sich eindeutiger Festlegung entzieht. Vom wiederkehrenden Streit am Anfang bis zur erschöpften Schlafgeste am Ende – Nour, die nach der Explosion vom 4. August 2020 durch die Trümmer von Mar Mikhael geht, und der Erzähler, der sie küsst, ohne Antworten gefunden zu haben – zeigt der Text, so die These der Rezension, dass Jüdischsein in der späten Moderne weder Glauben noch Land noch Sprache meint, sondern eine bestimmte Erfahrung von Zeit, Erinnerung und Alterität: eine fortgesetzte Bewegung, die sich im Schreiben selbst vollzieht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Leim und Leben: eine Phänomenologie des Buches</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/15/zwischen-leim-und-leben-eine-phaenomenologie-des-buches/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 May 2026 08:45:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Jullien]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-667x1024.jpg 667w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-768x1179.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-1001x1536.jpg 1001w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1.jpg 1334w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Michel Julliens "Le Format d’un livre" (Verdier, 2026) blättert eine ebenso präzise wie sinnlich gesättigte Phänomenologie des Buches auf, die nicht vom Text, sondern vom Objekt ausgeht: vom Gewicht der Seiten, vom Geruch des Papiers, von der Haltung der lesenden Hände. In lose gefügten, erzählerisch grundierten Kapiteln verbindet Jullien buchhistorische Miniaturen – vom Dépôt légal der Renaissance bis zur Typografie der Pléiade – mit autobiografischen Szenen und ethnografisch genauen Beobachtungen des Lesens als körperlicher Praxis. Das Buch erscheint dabei als ein Zeitbehälter eigener Art: Es speichert nicht nur Texte, sondern Spuren gelebten Lebens – Fingerabdrücke, Fundstücke, Gebrauchsspuren – und gewinnt seine Bedeutung aus dem Zusammenspiel von Material, Form, Gebrauch und Erinnerung. Julliens Essay bewegt sich damit jenseits klassischer Gattungen zwischen Dingbeschreibung, Kulturgeschichte und Selbstnarration und macht anschaulich, dass das Buch bereits spricht, bevor es gelesen wird.]]></description>
		
		
		
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		<title>Demontage deutsch-französischer Geschichtsmythen in Eric Vuillards récits</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/14/demontage-deutsch-franzoesischer-geschichtsmythen-in-eric-vuillards-recits/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 May 2026 10:34:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2012]]></category>
		<category><![CDATA[2017]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Vuillard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="181" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/81MWbTbRoL._UF10001000_QL80_-181x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/81MWbTbRoL._UF10001000_QL80_-181x300.jpg 181w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/81MWbTbRoL._UF10001000_QL80_.jpg 603w" sizes="auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px" />Éric Vuillards "La bataille d'Occident" (2012) und "L'ordre du jour" (2017) sind zwei Récits über den Krieg, die den Ersten und den Zweiten Weltkrieg nicht als Nationalgeschichten, sondern als Produkte wechselseitig verschränkter deutsch-französischer Mythologien erzählen: Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 bildet dabei den strukturellen Horizont beider Texte, aus dem die komplementären Selbstbilder beider Nationen – die deutsche Rationalitätsmythologie des unaufhaltsamen Militärapparats und der französische "élan"-Mythos der glorreichen Offensive – als traumatische Spiegelreflexe voneinander hervorgehen. Der Aufsatz argumentiert, dass Vuillards literarisches Verfahren wesentlich in einer doppelten Demontage besteht: Er zeigt zum einen, dass die vermeintliche deutsche Effizienz ein Bluff ist – die Panzer der Wehrmacht stehen auf der Straße nach Linz im Stau, Schlieffen verschiebt Papierfiguren über eine vergilbte Landkarte –, und zum anderen, dass der französische Revanchismus in Joffres kulinarischen Elsass-Phantasien kollabiert, während die Soldaten in roten Uniformhosen ins Maschinengewehrfeuer marschieren. Verbindendes Erklärungsmodell ist dabei weder nationale Wesensart noch politischer Irrationalismus, sondern Kapitalinteresse und Klassenlogik: Die vierundzwanzig Industriellen, die 1933 Hitler finanzieren, erscheinen bei Vuillard als zivile Fortsetzung derselben buchhalterischen Rationalität, die Schlieffen seinen Vernichtungsplan als Gewinnspekulation entwerfen ließ. Als Gattung des Récit – einer Hybridform zwischen Essay, Historiographie und Roman – praktiziert Vuillard dabei eine autopoetologisch reflektierte Poetik des Gegen-Archivs, die die verdrängten Namen der Opfer, die kollabierten Mythen der Täter und die fortwirkende Amnesie der Konzerne gegen die Domestizierung der Geschichte zur folkloristischen "déesse raisonnable" einer erstarrten Geschichtspolitik stellt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Gesellschaft im Modus der Fragmentierung &#8211; Literatur als Antwort auf die Krise der Repräsentation: Robert Lukenda</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 May 2026 14:13:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Annie Ernaux]]></category>
		<category><![CDATA[Didier Eribon]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Vuillard]]></category>
		<category><![CDATA[Virginie Despentes]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="199" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda-199x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda-199x300.jpeg 199w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda-679x1024.jpeg 679w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda-768x1158.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda.jpeg 796w" sizes="auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px" />Robert Lukendas Studie "Gesellschaftsdarstellung im Zeitalter der Singularitäten: narrative Antworten auf die zeitgenössische Repräsentationskrise Frankreichs" ist eine umfassende Analyse der Frage, wie französische Gegenwartsliteratur auf die Erfahrung reagiert, dass „Gesellschaft“ als zusammenhängendes Ganzes zunehmend ungreifbar geworden ist. Ausgehend von Szenen wie Annie Ernaux’ ethnografischem Blick auf den Supermarkt oder Éric Vuillards Rekonstruktion namenloser Revolutionsakteure zeigt Lukenda, dass Literatur dort ansetzt, wo politische und mediale Diskurse soziale Wirklichkeit nur verzerrt oder gar nicht mehr erfassen. In einem ersten, breit angelegten Theorieteil entfaltet er die historische und gegenwärtige Repräsentationskrise Frankreichs – von der Spannung zwischen republikanischem Einheitsanspruch und sozialer Ungleichheit bis zur Fragmentierung in „France périphérique“ und Metropolen –, bevor er im zweiten Teil literarische Antworten analysiert: autosoziobiografische Selbstbefragungen (Ernaux, Eribon), dokumentarische Rekonstruktionen (Vuillard), kollektive Erzählprojekte ("Raconter la vie") und serielle Formate. Die Rezension argumentiert, dass Lukenda Literatur überzeugend als ein Medium der „Vermittlung“ bestimmt, das soziale Relationen sichtbar macht, wo klassische Repräsentationsformen versagen; zugleich betont sie kritisch, dass diese Literatur häufig die Perspektive der „Unsichtbaren“ privilegiert, während Eliten, politische Institutionen und ästhetische Eigenlogiken unterbelichtet bleiben. In diesen Werken entsteht das Bild eines Frankreichs, das sich selbst nur unzureichend beschreibt – und einer Literatur, die diese Lücke sichtbar macht, ohne sie vollständig schließen zu können.]]></description>
		
		
		
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		<title>Ein Thriller als Corneille-Tragödie: Patrick Besson</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/12/ein-thriller-als-corneille-tragoedie-patrick-besson/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 May 2026 04:41:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Patrick Besson]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Corneille]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71rZAeo0tNL._AC_UF8941000_QL80_-194x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71rZAeo0tNL._AC_UF8941000_QL80_-194x300.jpg 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71rZAeo0tNL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 648w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Patrick Bessons Kriminalroman "Presque tout Corneille" (Stock, 2025, zit. als PTC) funktioniert wie eine Tragödie von Corneille, die sich als Urlaubskomödie verkleidet hat: Georges Charpy, ein entlassener Pariser Journalist, trifft seinen ehemaligen Chef im Hotel Aiglon auf Korsika wieder und beginnt, ihn bei jedem erdenklichen Spiel zu demütigen – Schwimmen, Tennis, Schach, Tischtennis –, getrieben von seiner korsischen Frau Colomba, die wie Mérimées gleichnamige Heldin den Mann zur Vendetta drängt, ohne es je auszusprechen, eine Machtstruktur, die der Aufsatz als das eigentliche Zentrum der Handlung identifiziert. Währenddessen liest Lisa, die Tochter des Hoteldirektors, am Poolrand chronologisch das Gesamtwerk Corneilles – eine Tragödie pro Tag –, und ihre Zitate kommentieren das Geschehen wie ein klassischer Chor: "Qui vit haï de tous ne saurait longtemps vivre" (aus Cinna). "Qui se laisse outrager mérite qu'on l'outrage" (aus Héraclius). Sätze, die Corneilles zentrales Thema umkreisen, nämlich die Frage, ob der Mensch das, was er will, mit dem, was er darf, je in Einklang bringen kann, und die im Roman die Funktion haben, die Mordhandlung als moralisch vorherbestimmt erscheinen zu lassen, nicht als Ausnahme, sondern als Konsequenz. Der Chef wird enthauptet aufgefunden, später auch eine zweite Figur; Georges bekennt beide Morde – den ersten aus Ehre, den zweiten aus Eifersucht –, und der Aufsatz liest diesen doppelten Mord als Beleg dafür, dass Besson nicht Corneille in den Thriller einführt, sondern zeigt, dass der Thriller dieselbe moralische Architektur besitzt wie das klassische Theater: Schuld entsteht dort, wo der Wille, sich Genugtuung zu verschaffen, stärker ist als die Vernunft, die zur Mäßigung mahnt, und Lisa, die am Ende Corneille abbricht – "Oui : trop de sang." –, vollzieht damit jene Geste, die den Kern des Romans markiert: Literatur kann die Gewalt kommentieren, aber nicht aufhalten.]]></description>
		
		
		
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		<title>Schönheit, Verderben und literarische Genealogie: Capotes Schuld, Aragons Abschied, Simon Liberati und Taïnés Tod</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/11/schoenheit-verderben-und-literarische-genealogie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 May 2026 04:21:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Voyages en Amérique]]></category>
		<category><![CDATA[Frédéric Doré]]></category>
		<category><![CDATA[Louis Aragon]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Proust]]></category>
		<category><![CDATA[Simon Liberati]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1-188x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1-188x300.jpeg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1-643x1024.jpeg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1-768x1223.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Simon Liberatis "New York City Inferno" (Stock, 2026) schließt eine Romantrilogie ab, die mit "Les Démons" (2020) im Paris der späten 1960er Jahre begann und über das Rom des Jahres 1970 ("La Hyène du Capitole", 2024) ins Manhattan der Jahre 1974–75 führt – ein New York am Wendepunkt zwischen Pop und Punk, zwischen dem letzten Glamour der Nachkriegskultur und der ersten dunklen Ahnung einer Epidemie, die noch keinen Namen hat. Im Zentrum stehen die russisch-stämmigen Geschwister Tcherepakine: Taïné, androgyn, toxikoman, proto-punk avant la lettre, die auf dem Schoner Elseneur in Palma de Mallorca stirbt, und Alexis, der vagabundierende Möchtegern-Schriftsteller, der am Ende Capotes Geld nimmt und das Buch zu schreiben beginnt, das der erste Band der Trilogie bereits ist – eine Möbius-Schlaufe, in der Entstehungsgeschichte und Werk untrennbar ineinandergreifen. Der Aufsatz interpretiert die Trilogie als zirkuläre Struktur: Das Buch, das Alexis am Ende des dritten Bandes ankündigt, trägt denselben Titel wie "Les Démons", und diese Zirkularität ist eine poetologische Aussage – Literatur entsteht nicht aus der Leere, sondern aus dem Überleben, aus dem Material der Toten. Truman Capote, der im Roman als lebende Leiche erscheint und dem Schüler den apostolischen Auftrag erteilt, ist dabei die Schlüsselfigur: Liberati vollbringt, was Capote mit "Answered Prayers" nicht konnte, weil der soziale Sieg das Schreiben unmöglich gemacht hatte – er schreibt den amerikanischen Proust als französischen, mit derselben Gesellschaftschronik, demselben Verrat, derselben Überzeugung, dass Klatsch eine literarische Form ist, aber mit der affektiven Aufladung, die Capotes klinischer Ironie fehlt. In dieser Konstellation erhält auch der kurze, halluzinatorisch schöne Auftritt Louis Aragons sein volles Gewicht: Der alte Kommunist, der durch eine beschlagene Fensterscheibe auf ein Balthus-Tableau schaut und Nerval-Verse summt, ist nicht nur eine intertextuelle Geste, sondern der Zeuge des Endes – der letzte Vertreter einer europäischen Literatur des Engagements, der sich von Bérénice (so hieß die Hauptfigur von Aragons "Aurélien") verabschiedet, die bei Liberati anders als bei Aragon keine historische Märtyrerin ist, sondern eine rein ästhetische Vision der Jugend, die der alte Mann durch Glas sieht und nicht berühren kann, bevor er auf dem Sandweg verschwindet und eine Epoche mit sich nimmt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die unerreichbare Stadt: Heiligkeit, Geschichte und Gewalt im französischen Jerusalemroman</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/10/die-unerreichbare-stadt-heiligkeit-geschichte-und-gewalt-im-franzoesischen-jerusalemroman/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 10 May 2026 16:12:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[André Schwarz-Bart]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="200" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-300x200.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-300x200.png 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-1024x683.png 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-768x512.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-272x182.png 272w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning.png 1536w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Welchen Ort nimmt Jerusalem in der französischen Gegenwartsliteratur ein – und was verrät dieser Ort über die Literatur selbst? Der vorliegende Aufsatz untersucht elf Romane und Erzähltexte von André Schwarz-Bart bis Nathan Devers, von Valérie Zenatti bis Justine Augier, von Élie Wiesel bis Mathias Énard, und zeigt, dass Jerusalem in diesen Werken nie bloße Kulisse ist, sondern strukturierendes Prinzip: eine Stadt, die den Figuren die Orientierung nimmt, Verdrängtes zurückbringt, Zugehörigkeiten aufzwingt und Formen sprengt. Aus dem Vergleich treten drei Funktionstypen hervor – Jerusalem als eschatologischer Raum, als politischer Brennpunkt und als existentieller Spiegel –, die sich quer durch die Texte verteilen und überlappen, ohne je zur Deckung zu kommen. Dabei erweist sich eine spezifisch französische Optik als konstitutiv: Der republikanische Laizismus, das Erbe der Aufklärung, die Erfahrung der Shoa als Teil der eigenen Geschichte – all das färbt die Wahrnehmung einer Stadt, die für Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig ist und deren dreifache Heiligkeit seit Jahrhunderten Kriege ebenso wie Sehnsüchte produziert hat. Einen eigenen Akzent setzen arabische und muslimische Autoren wie Karim Kattan, Amin Maalouf oder Adania Shibli, die Jerusalem nicht als Ankunftsort einer langen Sehnsucht beschreiben, sondern als Ausgangspunkt erzwungenen Exils – und die das Französische als strategisch gewähltes Medium nutzen, um palästinensische Begriffe und Erfahrungen in einen westlichen Diskurs einzuschreiben, der sie sonst nicht kennt. Was die untersuchten Werke jenseits aller Unterschiede verbindet, ist das Bewusstsein, dass Jerusalem sich dem souveränen Erzählerblick entzieht: Keiner dieser Texte triumphiert über seinen Gegenstand; alle tragen die Spuren des Ortes, an dem sie gescheitert sind.]]></description>
		
		
		
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		<title>Krieg als Erbe: Zur Systematik transgenerationeller Prägung bei Julia Weidmann</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/07/krieg-als-erbe-zur-systematik-transgenerationeller-praegung-bei-julia-weidmann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 May 2026 05:14:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Alain Robbe-Grillet]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann-193x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann-193x300.jpeg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann-657x1024.jpeg 657w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann-768x1197.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann.jpeg 770w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Die Rezension stellt Julia Weidmanns Studie "Kontinuum der Kriege: intergenerationelles Erzählen der Weltkriege in der französischen Gegenwartsliteratur" (Winter, 2025) als grundlegende, komparatistisch angelegte Untersuchung eines zentralen Phänomens der französischen Gegenwartsliteratur vor: des intergenerationellen Erzählens der Weltkriege. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Nachgeborene – von der „Wunde“- bis zur „Erbe“-Generation – familiale Kriegserfahrungen in literarischer Form rekonstruieren, indem sie zwischen archivalischer Recherche und Imagination vermitteln. Weidmann entwickelt hierfür ein eigenständiges Modell eines „Kriegskontinuums“, das die tradierten numerischen Generationenkategorien durch eine metaphorische, am Trauma orientierte Skalierung ersetzt, und operationalisiert dieses Konzept in einer vierstufigen Analysemethode, die sie auf ein breit gefächertes Korpus von Autorinnen und Autoren (u.a. Claude Simon, Patrick Modiano, Ivan Jablonka, Anne Berest) anwendet. Die Rezension würdigt insbesondere die methodische Klarheit, die differenzierten close readings und den Nachweis wiederkehrender Erzählstrukturen über Generationen hinweg, hebt aber auch begrenzte Schwächen hervor, etwa eine gewisse Schematisierung im komparatistischen Seitenblick und die vergleichsweise randständige Behandlung ästhetischer Detaildimensionen. Insgesamt erscheint die Studie als ein substantieller Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, der ein tragfähiges Instrumentarium zur Analyse transgenerationeller Erinnerung bereitstellt und zugleich neue Perspektiven für die Erforschung zukünftiger Erzählformen eröffnet.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Schreiben gegen den Tod des Geliebten: Céline Zufferey</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/05/schreiben-gegen-den-tod-des-geliebten-celine-zufferey/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 May 2026 15:22:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Céline Zufferey]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Céline Zuffereys Roman „Maxence“ (Gallimard, 2026) ist ein fragmentarisch komponiertes Schreibprojekt, das aus der antizipierten Trauer um den Geliebten hervorgeht und sich jeder konventionellen Liebesnarration verweigert: In lose gefügten Kapiteln – Listen, Miniaturen, Beobachtungen, Reflexionen – entsteht das Porträt eines Mannes, das zugleich Liebesbericht, Gedächtnisexperiment und poetologische Selbstbefragung ist, getragen von der zentralen Spannung zwischen dem Wunsch, das Vergängliche festzuhalten, und der Einsicht in die prinzipielle Unzulänglichkeit sprachlicher Fixierung. Die Erzählerin schreibt gegen den zukünftigen Verlust an, indem sie Körper, Stimme, Gesten und Alltagspraktiken Maxences minutiös registriert, dabei jedoch zunehmend reflektiert, dass jede Beschreibung reduktiv bleibt und das Lebendige in ein potenzielles „Tombeau“ verwandelt. Die Interpretation arbeitet heraus, dass gerade diese Einsicht in das eigene Scheitern zum ästhetischen Prinzip wird: Die Form des Fragments, die rhapsodische Zeitstruktur und die wechselnde Adressierung (zwischen dritter Person und intimem „tu“ an den lebenden wie den antizipiert toten Maxence) sind nicht bloß stilistische Mittel, vielmehr notwendige Antworten auf das ethische und epistemologische Dilemma des Textes. Indem die Besprechung die vier Lektüreachsen – Liebesbericht, Erkenntniskritik, Autopoetik und Zeitreflexion – systematisch freilegt und zugleich die semantischen Felder von Körper, Archiv und Prolepsis bündelt, legt sie im Roman eine Poetik der Vortrauer frei, in der der Tod nicht als Ereignis erscheint, sondern als permanente Einschreibung in die Gegenwart, die zu einer Intensivierung des Alltäglichen führt: Das Schreiben, das den Verlust bannen soll, wird so selbst zum Medium einer gesteigerten Gegenwärtigkeit, ohne den grundlegenden Widerspruch zwischen Leben und Aufzeichnung je aufzulösen.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Francesco Petrarca und die Seinen: Étienne Anheim</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/02/francesco-petrarca-und-die-seinen-etienne-anheim/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 May 2026 05:21:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Etienne Anheim]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="184" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/31H-Jb9TqBL-184x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/31H-Jb9TqBL-184x300.jpg 184w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/31H-Jb9TqBL.jpg 306w" sizes="auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px" />Étienne Anheims "Pétrarque: portrait de famille" (Minuit, 2026) rekonstruiert das literarische Projekt Francesco Petrarcas als Ergebnis dichter familiärer Verflechtungen und versteht dessen Werk als ein diskursives „Familienporträt“, in dem genealogische Konstruktion, soziale Einbettung und poetische Selbststilisierung untrennbar ineinandergreifen. Auf der Grundlage einer Verbindung von Textlektüre und Archivforschung zeigt Anheim, wie Petrarca seine Herkunft entlang einer patrilinearen Notarsgenealogie mythisiert, während er zugleich zentrale Figuren – insbesondere Mutter, Tochter und die Mütter seiner Kinder – systematisch marginalisiert oder zum Schweigen bringt. Die Konstellationen von Vater (als zu überwindendes Berufsmodell), Bruder (als spirituelles alter ego), Laura (als reale Leerstelle, imaginäre Geliebte und symbolische Chiffre der Dichtung) sowie Kindern und Freunden entfalten sich als strukturierende Relationen, in denen Petrarca seine Autoridentität formt. Dabei erscheint das Schreiben stets als adressierte, fragmentarische Praxis innerhalb einer erweiterten „familia“, die sich aus Verwandten, Korrespondenten und literarischen Nachfolgern zusammensetzt. Die Spannungen zwischen archivalisch rekonstruierbarer Sozialgeschichte und literarischer Selbstinszenierung werden von Anheim nicht aufgelöst, sondern als produktiver Ort begriffen, an dem Petrarca seine eigene Genealogie erfindet und zugleich das Modell moderner Autorenschaft begründet – ein Modell, das auf selektiver Erinnerung, symbolischer Überformung und der Transformation familiärer Bindungen in literarische Transmission beruht.]]></description>
		
		
		
			</item>
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		<title>Austausch und Unverständnis: Jacques Decour, Philisterburg</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/01/austausch-und-unverstaendnis-jacques-decour-philisterburg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 May 2026 11:30:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Reserve]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Jacques Decour]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="253" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/decour-253x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/decour-253x300.jpg 253w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/decour.jpg 497w" sizes="auto, (max-width: 253px) 100vw, 253px" />Jacques Decours "Philisterburg" (1932, Éds. Allia, 2023) ist paradigmatisch als Text einer Poetik des „Dazwischen“: ein hybrides Werk zwischen Tagebuch, Essay, Reisebericht und politischer Diagnose, das aus der Perspektive eines jungen französischen Germanistikstudenten das Deutschland der späten Weimarer Republik erkundet und zugleich die epistemischen Bedingungen dieser Beobachtung reflektiert. Im Zentrum steht dabei nicht eine einseitige Darstellung des Fremden, sondern die produktive Spannung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Teilnahme und kritischer Selbstbefragung, die sich sowohl formal – in der Verschränkung von narrativen und essayistischen Passagen – als auch inhaltlich manifestiert. Decours Text entfaltet ein dichtes Panorama gesellschaftlicher, politischer und kultureller Kräfte, in dem Figuren weniger als Individuen denn als Träger struktureller Positionen im deutsch-französischen Beziehungsgefüge erscheinen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Rolle von Sprache und Übersetzung als Ort des Missverstehens wie der Erkenntnis, der Analyse von Stereotypen und Feindbildern sowie dem Vergleich unterschiedlicher Bildungssysteme als Ausdruck divergierender Weltverhältnisse. Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden politischen Lage um 1930 gewinnt die Darstellung eine prophetische Schärfe, ohne je in deterministische Eindeutigkeit zu verfallen. Die Rezension arbeitet heraus, wie Decour das „Dazwischen“ nicht als harmonische Synthese, sondern als konflikthaften, erkenntnisgenerierenden Raum begreift, in dem kulturelle Differenz sichtbar und denkbar wird – und wie gerade diese literarische Haltung dem Text seine anhaltende Aktualität und intellektuelle Dringlichkeit verleiht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Brücken bauen, Gräben vertiefen: Pauline Dreyfus</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/01/bruecken-bauen-graeben-vertiefen-pauline-dreyfus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 May 2026 09:13:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Pauline Dreyfus]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71IXVsr24FL._AC_UF8941000_QL80_-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71IXVsr24FL._AC_UF8941000_QL80_-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71IXVsr24FL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 634w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Pauline Dreyfus’ "Un pont sur la Seine" (2025) entfaltet, ausgehend von der Katastrophe eines Fährunglücks im Jahr 1828, die über Generationen gespannte Geschichte zweier durch die Seine getrennter Dorfgemeinschaften, deren Schicksale sich im Bau, der Zerstörung und dem Wiederaufbau einer Brücke verdichten: Anhand der Familie Vernet und ihrer genealogischen Verzweigungen verfolgt der Roman die Transformation vom agrarischen Milieu zur Industriegesellschaft und weiter in die postindustrielle Gedächtniskultur, wobei historische Einschnitte – Kriege, Volksfront, Okkupation, Deindustrialisierung – als strukturierende Kräfte in die Lebensläufe eingeschrieben werden. Zugleich insistiert die Erzählung auf ihrer eigenen Künstlichkeit: Figuren erscheinen weniger als psychologisch singuläre Individuen denn als typisierte Träger sozialer Positionen, deren Konflikte – etwa zwischen Winzer und Fabrikarbeiter, Résistance-Erbin und Erinnerungspolitiker – die Persistenz gesellschaftlicher Spaltungen sichtbar machen. Der Aufsatz arbeitet heraus, wie das zentrale poetische Prinzip des Romans in der mehrdimensionalen Konstruktion der Brücke liegt: als historisches Objekt, topographische Achse, soziales Diagnoseinstrument und philosophische Metapher, die im Sinne einer selbstreflexiven Geschichtspoetik gerade nicht Versöhnung stiftet, sondern Differenz produziert und sichtbar macht. In dieser Dialektik von Dokumentation und Fiktion, von historischer Genauigkeit und ironischer Distanz erweist sich Dreyfus’ Text als bewusste Fortschreibung und zugleich kritische Brechung der Tradition des historischen Gesellschaftsromans: Er demonstriert, dass die großen Narrative von Fortschritt und Verbindung an den mikrosozialen Realitäten scheitern und dass jede Form von Geschichtserzählung – im Roman wie im von ihm entworfenen Museumsprojekt – notwendig ihre eigene Konstruktionslogik mitreflektieren muss.]]></description>
		
		
		
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		<title>Israel, Gaza und der französische Intellektuellendiskurs nach dem 7. Oktober: Deutungshoheiten bei Denis Sieffert</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/30/israel-gaza-und-der-franzoesische-intellektuellendiskurs-nach-dem-7-oktober-deutungshoheiten-bei-denis-sieffert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Apr 2026 10:27:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/C1_la-mauvaise-cause_web-663x1024-1-194x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/C1_la-mauvaise-cause_web-663x1024-1-194x300.jpg 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/C1_la-mauvaise-cause_web-663x1024-1.jpg 663w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Die Rezension analysiert die französische Intellektuellendebatte nach dem 7. Oktober 2023 als ein zutiefst polarisiertes Diskursfeld, in dem sich drei zentrale Positionen herausgebildet haben: ein dominantes pro-israelisches Lager, ein marginalisiertes propalästinensisches Spektrum sowie eine fragile, lange kaum hörbare Zwischenposition. Im Zentrum steht Denis Siefferts Buch "La mauvaise cause" (2026), das als engagierte Gegenrede gegen eine aus seiner Sicht hegemoniale, pro-israelische Diskursordnung gelesen wird. Die Rezension rekonstruiert detailliert Siefferts Argumentation – von der historischen Verflechtung Frankreichs mit Israel über die Analyse medialer und rhetorischer Mechanismen bis hin zur Kritik prominenter Intellektueller wie Gilles Kepel und Eva Illouz – und arbeitet heraus, dass sein zentraler Einsatzpunkt in der Re-Politisierung des Konflikts als Kolonialfrage liegt. Im Vergleich mit Kepels geopolitisch-religionswissenschaftlichem Ansatz und Illouz’ soziologischer Kritik an der westlichen Linken zeigt die Rezension die fundamentalen epistemischen Differenzen dieser Positionen auf: Während Kepel und Illouz die Reaktionen auf den 7. Oktober problematisieren, richtet Sieffert den Blick auf die Mechanismen der Diskursmacht und die Unsichtbarmachung palästinensischen Leids. Abschließend bewertet die Rezension das Buch als wichtige, wenn auch nicht unproblematische Intervention, die exemplarisch die politischen, medialen und moralischen Bruchlinien des gegenwärtigen Frankreich offenlegt.]]></description>
		
		
		
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