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	<title>Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart</title>
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	<title>Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart</title>
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		<title>Vom Rand her gelesen: deutsch-französische Vermittler, Opfer und Erinnerungsorte im 19. und 20. Jahrhundert</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jul 2026 04:38:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="202" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies-202x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" fetchpriority="high" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies-202x300.jpg 202w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies-689x1024.jpg 689w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies-768x1141.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/07/oublies.jpg 800w" sizes="(max-width: 202px) 100vw, 202px" />Der von Andrea Micke-Serin und Brigitte Rigaux-Pirastru herausgegebene Sammelband "Die Vergessenen und die Unsichtbaren im deutsch-französischen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts" (De Gruyter, 2026) untersucht anhand eines gemeinsamen erinnerungstheoretischen Ansatzes Akteurinnen und Akteure, Werke und Ereignisse, die aus der deutsch-französischen Erinnerungskultur weitgehend verschwunden oder an ihren Rand gedrängt worden sind. Die interdisziplinären Beiträge aus Literatur-, Kultur-, Kunst- und Geschichtswissenschaft reichen von Federica D'Ascenzos Studie zum Schriftsteller Édouard Dujardin über Philippe Wellnitz' Analyse der wiederentdeckten Buchhändlerin und Autorin Françoise Frenkel sowie Moritz Schertls Untersuchung von Patrick Modianos Dora Bruder bis hin zu Andrea Micke-Serins Rekonstruktion der Biographie des preußischen Abenteurers Carl Jäger (Caïd Osman). Weitere Beiträge widmen sich unter anderem dem Glasmaler Heinrich Ely, dem Fußballfunktionär Willy Scheuer, dem Rabbiner Moses Nordmann, dem Politiker Salomon Grumbach, den vergessenen Deportierten des Konzentrationslagers Ravensbrück sowie den französisch-ostdeutschen Beziehungen während des Kalten Krieges. Der Band zeigt eindrucksvoll, wie nationale Erinnerungskulturen transnationale Biographien und Grenzgänger systematisch marginalisieren, und eröffnet neue Perspektiven auf die deutsch-französische Kultur- und Erinnerungsgeschichte.]]></description>
		
		
		
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		<title>Ein Mietshaus im Elsass und Gespenster der Geschichte: Michèle Audin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/07/01/ein-mietshaus-im-elsass-und-gespenster-der-geschichte-michele-audin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 02:15:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
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		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="185" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-185x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-185x300.jpg 185w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-630x1024.jpg 630w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-768x1248.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-945x1536.jpg 945w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL-1260x2048.jpg 1260w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81LfniOsCL.jpg 1299w" sizes="(max-width: 185px) 100vw, 185px" />Der Artikel präsentiert Michèle Audins Roman "La Maison hantée" (2025) als eindrückliches Beispiel eines "roman croisé", in dem sich dokumentarische Recherche, erzählerische Imagination und multiple Zeitebenen überlagern: Ausgehend von ihrem Einzug in ein Straßburger Mietshaus im Jahr 1992 folgt eine Ich-Erzählerin den Spuren früherer Bewohner und entfaltet aus Archivmaterialien, Zufallsfunden und vorsichtigen Rekonstruktionen ein Geflecht von Lebensgeschichten, das besonders die Familie Caron-Fischbach in den Jahren 1930 bis 1946 in den Blick nimmt; im Schatten der nationalsozialistischen Annexion des Elsass werden dabei Fragen von Zugehörigkeit, Sprachzwang und administrativer Gewalt virulent, wobei insbesondere die jüdischen Bewohner des Hauses und ihr sukzessives Verschwinden aus den Registern als beklemmende Leerstelle hervortritt, die weder narrativ geschlossen noch historisch vollständig aufgeklärt werden kann. Die erzählerische Bewegung gleicht einem tastenden Durchqueren von Räumen und Zeiten – Treppenhaus, Wohnungen, Archive –, in denen sich Stimmen überlagern und Gegensätze nicht aufgelöst, sondern sichtbar gehalten werden. Vor diesem Hintergrund argumentiert der Aufsatz, dass Audin eine Poetik der Spurensicherung entwickelt, die das Nebeneinander von Fakt und Fiktion nicht nivelliert, sondern ausstellt: Erstens wird der historische Roman durch die konsequente Selbstreflexivität der Erzählinstanz als Konstrukt kenntlich gemacht, indem imaginative Ergänzungen ausdrücklich markiert und damit epistemologisch transparent werden; zweitens erscheint das Elsass als paradigmatischer Raum gekreuzter Identitäten, in dem nationale Zuschreibungen – insbesondere unter den Bedingungen der NS-Sprachpolitik – gewaltsam durchgesetzt und zugleich in ihrer Fragilität erfahrbar werden; drittens erweist sich das Schweigen der Quellen, etwa im Fall der ausgelöschten jüdischen Existenzen, nicht als bloßes Defizit, sondern als zentrales Bedeutungsträger, der die Grenzen historischer Erkenntnis markiert und eine ethisch reflektierte Form des Erinnerns einfordert. So macht der Aufsatz plausibel, dass "La Maison hantée" Geschichte nicht als lineare Erzählung, sondern als vielstimmiges, von Brüchen durchzogenes Gefüge begreift, in dem sich Vergangenheit nur im Modus der Annäherung und Überkreuzung erschließt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Im Schatten der Helden: Marc Biancarellis Antwort auf den korsischen Nationalmythos</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/30/im-schatten-der-helden-marc-biancarellis-antwort-auf-den-korsischen-nationalmythos/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Jun 2026 05:27:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Biancarelli]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-543x1024.jpg 543w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-768x1449.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-814x1536.jpg 814w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild-1085x2048.jpg 1085w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Roman_national_Titelbild.jpg 1166w" sizes="(max-width: 159px) 100vw, 159px" />Marc Biancarellis "Roman national" (Actes Sud, 2026) entwirft im Gewand des historischen Romans ein komplexes Bild Korsikas als „doppelte Insel“, die zugleich durch äußere Herrschaft unterworfen und durch innere kulturelle Ressourcen behauptet wird: Vor dem Hintergrund des Aufstands Sampieru Corsos im Jahr 1564 verfolgt der Text die Lebenswege Fioravantes und Catalinas, die zwei gegensätzliche Antworten auf eine Gesellschaft ohne stabile politische Institutionen verkörpern – Bindung an lokale Loyalitäten und Rachelogiken einerseits, radikale Ablösung und Selbstentwurf andererseits; in drei erzählerischen Bögen (Kindheit, Kriegsgeschehen, Nachklang) verbindet Biancarelli dokumentierte Ereignisse mit subjektiven Perspektiven und unterläuft dabei systematisch die Erwartung eines heroischen Nationalepos, indem er zeigt, dass der vermeintliche Befreiungskampf weniger von kollektiven Idealen als von privaten Motiven getragen wird und letztlich an innerer Zerrissenheit scheitert; die Argumentation des Romans zielt damit auf eine Dekonstruktion des „roman national“ als Gattung, indem nationale Identität als nachträgliche, selektive Konstruktion sichtbar wird, die insbesondere die Gewalt an Frauen ausblendet – ein blinder Fleck, den die zentrale Figur Catalinas explizit macht –, während zugleich die Sprache, konkret das Korsische, als eigentlicher Träger von Kontinuität und Widerstand herausgestellt wird, der sich staatlicher Kontrolle entzieht; formal entspricht dieser These eine polyphone Erzählstruktur ohne privilegierte Instanz, die Geschichte als Feld konkurrierender Stimmen präsentiert, während inhaltlich eine Anthropologie der Gewalt entfaltet wird, die diese nicht als Ausnahme, sondern als zirkulierendes Prinzip sozialer Ordnung begreift; in dieser Perspektive erscheint Catalinas Bewegung der Ablösung als einzige nicht destruktive Handlungsform, sodass der Roman insgesamt als paradoxer Nationalroman lesbar wird, der die Bedingungen kollektiver Identitätsbildung freilegt, indem er sie zugleich erzählerisch unterläuft.]]></description>
		
		
		
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		<title>Férocité, Klasse, Körper: Female Gaze bei Caroline Laurent, Benoîte Groult, Éric Holder und D. H. Lawrence</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/29/ferocite-klasse-koerper-female-gaze-bei-caroline-laurent-benoite-groult-eric-holder-und-d-h-lawrence/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 10:08:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="225" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71SyuJm-k1L._SL1500_-225x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71SyuJm-k1L._SL1500_-225x300.jpg 225w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71SyuJm-k1L._SL1500_-768x1024.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71SyuJm-k1L._SL1500_.jpg 1125w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" />Der Artikel nimmt vier Liebesgeschichten in den Blick, in denen Frauen Männer aus deutlich niedrigeren sozialen Klassen bzw. Milieus begehren, und macht daran eine präzise Verschiebung sichtbar: Frauen schauen auf Männer. Im Zentrum stehen dabei die Romane von Caroline Laurent (2026), Benoîte Groult, D. H. Lawrence und Éric Holder, mit einem Seitenblick auf Annie Ernaux. Ihr Begehren ist jedoch nie abstrakt, sondern stets an den Körper gebunden: an Arme, Hände, Rücken, an Haut, Arbeit, Bewegung. Während Lawrence den Körper des Wildhüters noch als beinahe mythische Quelle von Vitalität und Erlösung stilisiert und Groult ihn in eine lange, letztlich unüberbrückbare Klassendifferenz einbettet, zeigt Holder ihn in seiner stillen Materialität – als gezeichneten, arbeitenden Körper, der kaum Worte für sich hat. Laurents Roman geht darüber hinaus: Hier wird der männliche Körper mit einer Genauigkeit betrachtet, die weder verklärt noch entschuldigt, sondern zugleich begehrt und analysiert. Gerade darin liegt die argumentative Pointe des Artikels: Der „weibliche Blick“ ist keine einfache Umkehr des traditionellen Blickregimes, sondern eine widersprüchliche Praxis, in der sich Begehren, soziale Prägung und Selbstreflexion überlagern. Die Liebe überschreitet zwar die Grenze zwischen den Klassen, hebt sie aber nicht auf; sie macht sie vielmehr am Körper selbst sichtbar. Am Ende verschiebt sich der Fokus noch einmal: Entscheidend ist nicht die Erfüllung der Beziehung, sondern das Schreiben darüber – als Akt, der das Erlebte festhält, zuspitzt und dem weiblichen Blick eine eigene, souveräne Form gibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Wasser, Hitze, Tiefe: Zur Poetik des französischen Sommerromans</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/28/wasser-hitze-tiefe-zur-poetik-des-franzoesischen-sommerromans/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 28 Jun 2026 02:09:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="225" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Plage-course-300x225.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Plage-course-300x225.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Plage-course.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Artikel wurde bei 37°C geschrieben. Er bündelt sechzehn jüngere französischsprachige Romane zu einer vielstimmigen Topographie des Wassers – von der Pariser Stadtpiscine über private Swimmingpools und nordamerikanische Wohnanlagen bis hin zu Seenlandschaften und den Küsten des Atlantiks und Mittelmeers. In prägnanten Szenen – dem Zögern auf dem Fünf-Meter-Brett, dem ersten Eintauchen eines alten Mannes nach Jahrzehnten, dem reglosen Sitzen am Rand eines unbenutzten Beckens oder dem erschöpften Auftauchen nach einem weiten Meeresschwimmen – wird Wasser als elementare Erfahrung des Körpers erfahrbar: kühlend, tragend, widerständig. Die Texte zeigen, wie sich im Moment des Badens soziale Ordnungen verschieben und zugleich sichtbar werden: Körper werden lesbar, Klassenunterschiede, Begehren und Ausschlüsse treten offen zutage, während das Wasser für Augenblicke eine Gleichheit herstellt, die an Land sofort wieder zerfällt. - Zugleich fungiert das nasse Element als Speicher und Auslöser von Erinnerung: Chlorgeruch, Salz auf der Haut oder das wiederkehrende Blau eines Beckens rufen Kindheit, erste Liebe oder Verlusterfahrungen auf. Mehrfach kehren die Romane zur Adoleszenz zurück, zu Initiationsmomenten eines Sommers, in dem ein Sprung ins Wasser über Zugehörigkeit entscheidet oder ein Nicht-Sprung eine Lebenslinie markiert. Andere Texte zeigen das Wasser als Ort existenzieller Grenzerfahrung – als Raum der Trauerbewältigung, der Krankheit, der Depression oder der Konfrontation mit dem Tod, in dem Sprache versagt und nur noch der Körper reagieren kann. Zwischen öffentlichem Schwimmbad, das als sozialer Mikrokosmos fungiert, und offenem Meer, das Gleichgültigkeit und Übermacht verkörpert, entfaltet sich so eine Poetik des Wassers, die das Element weder auf Metapher reduziert noch rein naturalistisch belässt: Es ist zugleich konkreter Stoff und Resonanzraum, in dem sich Leben verdichtet. Der Sommer erscheint dabei als beschleunigte, aufgeheizte Zeitform, in der sich im Kontakt mit dem Wasser Übergänge vollziehen – zwischen Kindheit und Erwachsensein, Nähe und Verlust, Kontrolle und Kontrollverlust – und in der die Figuren für einen Moment zugleich freigelegt und sich selbst entzogen sind.]]></description>
		
		
		
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		<title>Karsamstag ohne Auferstehung: Michel Houellebecq und das entzauberte Christentum</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/27/karsamstag-ohne-auferstehung-michel-houellebecq-und-das-entzauberte-christentum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Jun 2026 05:29:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Michel Houellebecq]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="200" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41Kms6V3lkL-200x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41Kms6V3lkL-200x300.jpg 200w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41Kms6V3lkL.jpg 400w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" />"Noël raté. Le christianisme désenchanté de Michel Houellebecq", hrsg. von Stephan Leopold und Noëlle Miller versammelt zwölf Beiträge und eine Postface, die Houellebecqs Werk aus unterschiedlichen Perspektiven als Auseinandersetzung mit einem fortwirkenden, seiner Heilsgewissheit beraubten Christentum lesen. Ausgehend vom Weihnachtsmotiv als Chiffre des Scheiterns entfalten die Beiträge ein interpretatorisches Feld, das von Fragen der Autorschaft und Performativität über die religiöse Struktur des Konsumkapitalismus und die Problematik sozialer Kohäsion bis hin zu den Motiven von Liebe, Mitleid und Transzendenz reicht. Der Band verbindet literaturwissenschaftliche, religionsphilosophische und kultursoziologische Ansätze zu einer kohärenten Deutung des Œuvres als eines „Karsamstags ohne Auferstehung“, in dem christliche Formen und Symbole fortbestehen, ohne noch durch einen positiven Glaubensgehalt eingelöst zu werden. Trotz einzelner Redundanzen und einer mitunter weitgehenden christologischen Typologisierung eröffnet der Sammelband eine interpretatorisch ambitionierte und methodisch vielfältige Perspektive auf den religiösen Gehalt von Houellebecqs Werk und formuliert zugleich Fragestellungen, die über die Houellebecq-Forschung hinaus für die Analyse zeitgenössischer Formen literarischer Entzauberung von Bedeutung sind.]]></description>
		
		
		
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		<title>Tugend, Volk, Terreur vor den Präsidentschaftswahlen 2027: Jean-Luc Mélenchon, Robespierre und das Erbe der Revolution</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/26/tugend-volk-terreur-vor-den-praesidentschaftswahlen-2027-jean-luc-melenchon-robespierre-und-das-erbe-der-revolution/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 11:57:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2027]]></category>
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		<category><![CDATA[Jean-Luc Mélenchon]]></category>
		<category><![CDATA[Maximilien Robespierre]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="169" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/1000064337-300x169.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/1000064337-300x169.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/1000064337.jpg 686w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Artikel analysiert die politische und ideengeschichtliche Verbindung zwischen dem Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon und Maximilien Robespierre, dem jakobinischen Revolutionär und Architekten der Terreur, und zeigt, wie sich zentrale Motive des jakobinischen Denkens – insbesondere das Konzept der „Vertu“ als republikanische Tugend, die Vorstellung eines homogenen Volkswillens und die scharfe Gegenüberstellung von Volk und Korruption – in Mélenchons politischem Projekt für La France insoumise fortschreiben. Ausgehend von der ambivalenten Figur Robespierres, die zwischen Tugendideal und Terrorherrschaft steht, rekonstruiert der Text die historiographischen Deutungstraditionen und ihre gegenwärtige politische Aktualisierung in Frankreich. Dabei wird deutlich, dass Mélenchons Mobilisierungskraft ebenso wie seine Polarisierung aus einer strukturellen Spannung resultiert: dem Versuch, moralische Reinheit und demokratische Repräsentation zu vereinen. Der Beitrag verbindet politische Theorie, Ideengeschichte und literarische Reflexion und versteht die anhaltende Auseinandersetzung um Robespierre als Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Krise und Selbstdeutung der französischen Linken.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das schöne Trugbild: die unbequeme Wahrheit über Davids politische Kunst</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/26/das-schoene-trugbild-die-unbequeme-wahrheit-ueber-davids-politische-kunst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 04:34:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Michon]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41sGVUG0C1L._AC_UF8941000_QL80_-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41sGVUG0C1L._AC_UF8941000_QL80_-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/41sGVUG0C1L._AC_UF8941000_QL80_.jpg 659w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Clemens Klünemann entwirft in seinem David-Buch "Verstörende Vielfalt: Jacques-Louis David und die Inszenierung des Politischen – eine Kulturgeschichte der Französischen Revolution im Spiegel seiner Malerei" eine kulturgeschichtlich fundierte Neubewertung Jacques-Louis Davids, die den Maler konsequent aus der Rolle des passiven „Zeitzeugen“ löst und als zentralen Akteur der politischen Bildproduktion der Französischen Revolution sichtbar macht. Anhand zentraler Werke zeigt er, wie David durch eine bewusst eingesetzte Ästhetik der „glatten Schönheit“ und heroischen Eindeutigkeit eine neuartige Öffentlichkeit mitprägte, in der politische Ereignisse nicht nur dargestellt, sondern wirkungsmächtig inszeniert wurden. Klünemann versteht Davids Malerei als Teil einer umfassenden „Ästhetisierung des Politischen“, die es erlaubte, die komplexen und widersprüchlichen Dynamiken der Epoche in prägnante, kollektiv anschlussfähige Bildformeln zu überführen. Dabei arbeitet er heraus, dass Davids Fähigkeit zur Anpassung an wechselnde Regime – vom Ancien Régime über den Jakobinismus bis zum Empire – weniger als bloßer Opportunismus denn als Ausdruck einer spezifischen künstlerischen Logik zu begreifen ist, die auf die Herstellung politischer Präsenz und Evidenz zielte. Besonders eindrücklich ist Klünemanns Analyse der ikonographischen Strategien, mit denen David religiöse Bildtraditionen in den Dienst revolutionärer Sinnstiftung stellte und so emotionale wie symbolische Bindungskraft erzeugte. Insgesamt liest sich das Buch als Rekonstruktion der engen Verschränkung von Kunst, Macht und Öffentlichkeit, die David als Schlüsselfigur einer Epoche zeigt, in der Bilder zu entscheidenden Trägern politischer Bedeutung wurden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Joual und Norm: Sprachpolitik und Erinnerung bei Gabriel Marcoux-Chabot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/25/zwischen-joual-und-norm-sprachpolitik-und-erinnerung-bei-gabriel-marcoux-chabot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Jun 2026 03:58:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Gabriel Marcoux-Chabot]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="200" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_-200x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_-200x300.jpg 200w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_-683x1024.jpg 683w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_-768x1152.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71byqUxkp2L._SL1500_.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" />Kanada bildet den kulturellen und sprachpolitisch-poetologischen Hintergrund der in der Rezension analysierten Konstellation in Gabriel Marcoux-Chabots "Godpèle" (2025). Im Zentrum steht die Figur la Floune, die nach einer existenziellen Flucht in die winterliche Wildnis ein Tagebuch verfasst und dabei das verdrängte Trauma ihrer Gemeinschaft – den Kannibalismus während eines katastrophalen Winters – schrittweise freilegt. Die Interpretation arbeitet heraus, dass dieses narrative Geschehen untrennbar mit der zweisprachigen Anlage des Textes verbunden ist: Die Gegenüberstellung von phonetisch notiertem Joual und standardisiertem Französisch bilden Reflexionsinstrumente über Sprachverlust, kulturelle Normierung und die Gewalt der sprachlichen Glättung. Indem die standardsprachliche Version die mündliche Rede scheinbar klärt, reproduziert sie zugleich das Verschweigen des Traumas. Daraus entwickelt die Rezension die These, dass "Godpèle" Sprache selbst als Ort von Wahrheit und Verdrängung inszeniert: Erst im Übergang vom gemeinschaftlich regulierten Sprechen zum individuellen Schreiben wird das Verborgene artikulierbar. Diese Leitidee verfolgt die Analyse durch Figuren, Raumordnung und Metaphorik und deutet Schreiben als ambivalente Praxis zwischen Erkenntnis und Begrenzung. Die Argumentation führt zur Einsicht, dass erst das ausgesprochene Wort – das Durchbrechen des kollektiven Schweigens – die Möglichkeit einer ethisch ausgerichteten Zukunft eröffnet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Jüdisch-arabische Koexistenz als Familienchronik: Pierre Hazan</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/24/juedisch-arabische-koexistenz-als-familienchronik-pierre-hazan/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Jun 2026 04:33:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Hazan]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="191" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/book_1083_thumbnail_fr-191x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/book_1083_thumbnail_fr-191x300.jpg 191w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/book_1083_thumbnail_fr-652x1024.jpg 652w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/book_1083_thumbnail_fr.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px" />Pierre Hazans "Les Juifs, les Arabes, ma famille et moi" (2026) entfaltet anhand einer weit verzweigten Familiengeschichte ein ebenso literarisches wie historiographisches Projekt: In sieben genealogisch organisierten Kapiteln rekonstruiert das Buch die untergegangene Realität jüdisch-arabischer Koexistenz im östlichen Mittelmeerraum und stellt sie den verhärteten Identitätslogiken des 20. Jahrhunderts entgegen. Ausgehend von Figuren wie einem sephardischen Rabbiner des 19. Jahrhunderts, einem zugleich ägyptischen Nationalisten und Zionisten oder den letzten jüdischen Stimmen Ägyptens verbindet Hazan Archivmaterial, Erinnerungsfragmente und zeitgenössische Begegnungen mit israelischen und palästinensischen Akteuren. Daraus entwickelt er drei zentrale Thesen: dass Koexistenz historisch gelebte Praxis war, dass ihre Zerstörung auf konkurrierende Nationalismen zurückgeht und dass die wechselseitig verdrängten Traumata – die Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern und die Nakba – untrennbar miteinander verschränkt sind. Das Buch versteht sich so als Intervention in die Erinnerungspolitik der Gegenwart und als Plädoyer dafür, Hybridität nicht als Ausnahme, sondern als verlorene historische Normalität neu zu denken.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Könige haben keine Namen mehr – Frankophonie im Zerfall des Libanon: Charif Majdalani</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/23/die-koenige-haben-keine-namen-mehr-frankophonie-im-zerfall-des-libanon-charif-majdalani/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 03:43:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Charif Majdalani]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71nAtzPt-UL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71nAtzPt-UL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71nAtzPt-UL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 628w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Charif Majdalanis Roman "Le nom des rois" (Stock, 2025), entwirft die Kindheit eines Beiruter Jungen am Vorabend des Bürgerkriegs als ein Spannungsfeld zwischen ästhetischer Weltflucht und historischer Zumutung: Während draußen die Ordnung zerfällt, verschanzt sich das Ich in den klingenden Namen längst versunkener Könige, die es wie Trophäen in Hefte einträgt – ein „onomastisches Erzittern“, das die Realität übertönt. Im Zentrum der Handlung steht die enge Freundschaft zu einem Mitschüler, die ersten Liebeserfahrungen und die allmähliche Konfrontation mit einer politischen Gewalt, die die imaginären Gegenwelten des Erzählers zerschlägt. Diese genealogische Imagination bildet die zentrale These des Romans: Der Name, die Sprache, ja die französisch geprägte Kultur selbst erzeugen eine schillernde Ersatzwelt, deren Schönheit jedoch an der Gewalt der Geschichte zerbricht. Majdalani konkretisiert diesen Bruch in eindrücklichen Bildern – dem Duft alter Larousse-Enzyklopädien, den mondänen Salons Beiruts, den flirrenden Berglandschaften Massiafs –, die allmählich vom Echo der ersten Schüsse, vom Zerfall der sozialen Rituale und vom Verlust der ersten Liebe überlagert werden. In der Kritik häufig mit Proust verglichen, erscheint der Roman so als elegische Diagnose einer Klasse, die im Spiegel Frankreichs lebte und die Katastrophe nicht sehen wollte: Der Übergang vom Sammeln der Königsnamen zum Abfeuern einer echten Waffe markiert das Ende der poetischen Illusion und den Eintritt in eine Geschichte, die nicht mehr erzählbar, sondern nur noch erlitten ist.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das einmalige Wort: Samuel Poisson-Quinton</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/22/das-einmalige-wort-samuel-poisson-quinton/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Jun 2026 04:02:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Samuel Poisson-Quinton]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="221" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604-221x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604-221x300.jpg 221w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604-754x1024.jpg 754w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604-768x1043.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782330219604.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 221px) 100vw, 221px" />Samuel Poisson-Quintons Roman "Hapax" (Actes Sud / Inculte, 2026) erzählt von einem Pariser Möchtegern-Schriftsteller, der nach dem Tod seines Vaters und dem Verlust seines Erbes in eine Krise aus Trauer und Sprachverlust gerät, während er zugleich in einer politisch deformierten, autoritär ökologisch umgebauten Stadt lebt und eine intensive Fernbeziehung zu der Reiterin Artémise entwickelt; die episodisch-groteske Handlung – von Beerdigung und Enteignung über absurde Begegnungen bis zu Verhaftung und Verhör – kulminiert in der Offenbarung von Artémises Schwangerschaft, wodurch sich der Kreis von Tod und Geburt schließt und die Erfahrung existenzieller Wiederkehr gegen die formale Linearität gestellt wird. Die Rezension argumentiert, dass die Oulipo-Contrainte des Romans – kein Wort darf wiederholt werden – nicht bloß formales Experiment, sondern strukturbildendes Prinzip ist, das sämtliche Ebenen durchdringt: Stil (Synonymketten, Registerwechsel), Handlung (groteske Episoden als Folge sprachlicher Not), Figurenkonzeption (Verschwinden statt Wiederkehr) und Poetik (Selbstreflexion der Regel). Dabei tritt ein prägnanter Gegensatz hervor zwischen der oft derb-komischen, grotesk übersteigerten Ereignisfolge und dem archaisch-erhabenen, bewusst künstlichen Sprachregister, das diese Banalitäten pathetisch überhöht und zugleich ihre Lächerlichkeit exponiert. Zentral ist die These eines produktiven Selbstwiderspruchs: Während das sprachliche Gesetz jede Wiederholung verbietet, insistiert die erzählte Welt auf zyklischen Mustern (Trauer, Begehren, Generationenfolge), sodass der Roman notwendig auf seinen eigenen Bruch zusteuert, der im bewussten Regelverstoß der Schlusszene eintritt. Der Aufsatz liest diese Kollision als Allegorie auf Vergänglichkeit und Wiederkehr und deutet die Contrainte als poetische Entsprechung von Trauerarbeit: Das erzwungene Erfinden immer neuer Wörter für denselben Referenten wird zum sprachlichen Analogon eines Verlusts, der sich nicht wiederholen lässt und doch ständig wiederkehrt.]]></description>
		
		
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		<title>Wo die Jungs hinfahren: Alix Boirot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/21/wo-die-jungs-hinfahren-alix-boirot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 21 Jun 2026 05:34:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-674x1024.jpg 674w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-768x1166.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-1011x1536.jpg 1011w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons-1348x2048.jpg 1348w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/69d4b7128932dce6d1673026_BOIROT_OuVontGarcons.jpg 1594w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Die Studie der Anthropologin Alix Boirot zeigt, dass der sommerliche Partytourismus als verdichtetes soziales Labor fungiert, in dem Männlichkeit nicht einfach ausgelebt, sondern unter hohem Performanzdruck hergestellt wird: Ausgehend von einem medial geprägten „touristischen Imaginären“, das Frauen als verfügbare Objekte eines männlichen Blicks inszeniert, reisen die jungen Männer mit einem vorab internalisierten Skript an – sichtbar etwa in den frühen Abenden auf der Straße, wenn sie auf die Beschreibung eines Clubs fast reflexhaft mit der Frage reagieren, ob „da Mädchen“ seien, oder in den Schlafsälen, wo noch vor der ersten Nacht halb im Scherz, halb im Ernst ausgehandelt wird, wer im Fall einer „Eroberung“ das Zimmer räumt. In der Praxis erweist sich dieses Skript jedoch als widersprüchlich: Der scheinbar entgrenzte Hedonismus ist streng reguliert („kontrollierter Kontrollverlust“), und die Nächte folgen ritualisierten Abläufen – vom kollektiven Vorglühen mit billigem Alkohol über das dichte Gedränge vor den Clubs bis hin zur exzessiv choreografierten Ekstase auf der Tanzfläche, deren Spuren sich am Morgen in klebrigen Böden, leeren Flaschen und stolz präsentierten Erinnerungslücken materialisieren. Die eigentliche Bühne ist dabei weniger heterosexuell als homosozial organisiert: Wenn ein junger Mann seine Trinkfestigkeit demonstrativ überschreitet oder eine flüchtige Annäherung überzeichnet erzählt, richtet sich die entscheidende Anerkennung nicht an die anwesenden Frauen, sondern an die Blicke und Kommentare seiner Freunde. Im Anschluss an Konzepte wie „doing gender“ und „hegemoniale Männlichkeit“ wird sichtbar, dass Männlichkeit hier als prekäre, ständig zu erneuernde Leistung erscheint, deren Scheitern – etwa wenn die erwarteten sexuellen Begegnungen ausbleiben und sich stattdessen nur ein distanziertes Nebeneinander auf der Tanzfläche einstellt – in Selbstzweifel, aber auch in Schuldumkehr umschlagen kann, etwa wenn ein zurückgewiesenes Gespräch vor dem Club in spöttische oder aggressive Kommentare kippt. Zugleich legt die Untersuchung die strukturelle Einbettung dieser Performanzen offen – in ökonomisch gesteuerte Erlebnisindustrien, in denen Schlepperinnen draußen künstlich Fülle versprechen und Türsteher durch Preise selektieren –, sodass sich die sommerliche „Leichtigkeit“ als ritualisierte Praxis sozialer Differenzierung und Machtreproduktion erweist, die gerade in ihren scheinbar beiläufigen Szenen – dem Griff zur Kondompackung im Koffer, dem Anstoßen im Kreis der Freunde, dem kurzen, folgenlosen Flirt im Stroboskoplicht – ihre eigentliche soziale Dichte entfaltet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Impressionismus als Widerstand: Pedro Kadivar</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/19/impressionismus-als-widerstand-pedro-kadivar/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Jun 2026 22:35:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Pedro Kadivar]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71C12Vue3vL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Pedro Kadivars Roman "Dernière année au pays natal" (Gallimard 2026) erzählt das letzte Schuljahr eines Jugendlichen im iranischen Schiras des Jahres 1982 – gegliedert in vier Jahreszeiten, vom melancholischen Herbst über den erstarrten Winter und einen gefährlichen Frühling bis zum Sommer des Abschieds – und verschränkt diese erlebte Vergangenheit mit der erinnernden Rückschau eines Exilanten im heutigen Berlin. Auslöser ist das Foto eines als Märtyrer inszenierten toten Schulkameraden, das im Schulkorridor hängt und den Erzähler Jahrzehnte später als Heimsuchung wieder einholt. Die Interpretation deutet den Impressionismus – als Wahrnehmungsweise wie als Kompositionsprinzip des Romans – als die eigentliche politische Haltung gegen ein totalitäres Regime. Diese These wird auf mehreren Ebenen plausibilisiert, die sich gegenseitig stützen: strukturell über die Jahreszeitengliederung, die innere Reifung statt politische Chronik artikuliert; bildtheoretisch über die zentrale Opposition zwischen dem Propagandafoto des Toten und der lebendigen Malerei über eine Galerie von Malern (Cézanne, Van Gogh, Mondrian, Hockney), die ein verstecktes Bildungsprogramm des Sehens bilden; und über das namenlose, sensorisch beschriebene Begehren zwischen dem Protagonisten und dem Bruder des Toten, das jeder ideologischen Klassifizierung entgeht. Die ästhetische Form wird dabei gegen die Ideologie gelesen – gegen Eindeutigkeit, Abstraktion, Teleologie und Lärm –, weil er die Einzelbeobachtungen zu einem Prinzip bündelt: Ein Roman, der die einheitliche Perspektive verweigert, öffnet einen Raum der Freiheit. Das unwillkürliche Erinnern wird als traumatische Variante der Proust'schen "mémoire involontaire" gefasst. So zeigt sich, wie kohärent der Roman seine ethische Grundfrage beantwortet: wie man seine Seele in einer zerfallenden Welt rettet, nicht philosophisch, sondern durch die Präzision des Sehens und die Verwandlung von Erfahrung in Form.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Rückzug der Götter und Wiederkehr des Sinns: Jean-Luc Nancy</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/19/zwischen-rueckzug-der-goetter-und-wiederkehr-des-sinns-jean-luc-nancy/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Jun 2026 06:12:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Luc Nancy]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="187" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/416S2v7XeyL._SL1050_-187x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/416S2v7XeyL._SL1050_-187x300.jpg 187w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/416S2v7XeyL._SL1050_-640x1024.jpg 640w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/416S2v7XeyL._SL1050_.jpg 656w" sizes="auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px" />Die Rezension zeichnet Jean-Luc Nancys Band "Demande: philosophie, littérature" als ein über Jahrzehnte gewachsenes, zugleich heterogenes und erstaunlich kohärentes Denkgeflecht, das die traditionelle Grenzziehung zwischen Philosophie und Literatur radikal neu bestimmt: Nicht Hierarchie oder Verschmelzung, sondern ein unabschließbares wechselseitiges „Verlangen“ (demande) strukturiert ihr Verhältnis. Im Zentrum steht die These, dass beide Diskurse einander um eine Wahrheit bitten, die keiner besitzen kann, und gerade in dieser unerfüllbaren Bewegung lebendig bleiben. Leitmotive wie der „Rückzug“ (retrait) als zugleich trennender und verbindender „Zug“ (trait), die Auffassung von Sinn als resonanter, pluraler Prozess jenseits bloßer Bedeutung sowie die Betonung von Stimme, Körper und Rhythmus im literarischen Vollzug entfalten ein Denken, das systematische Geschlossenheit bewusst verweigert. Die Sammlung verbindet theoretische Schärfe mit poetologischer Sensibilität und persönlicher Zwiesprache – insbesondere mit Philippe Lacoue-Labarthe – und gewinnt ihre bleibende Relevanz aus der insistierenden Offenheit ihrer Fragen: nach dem Sinn als Anruf, nach Literatur als Antwortgeschehen und nach einer Ethik des Lesens und Schreibens, die im Unabgeschlossenen ihre eigentliche Form findet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Asche und Saat, Transformation der Poesie: Yves Di Manno</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/18/asche-und-saat-transformation-der-poesie-yves-di-manno/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jun 2026 19:38:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Yves Di Manno]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080150653-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080150653-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080150653.jpg 297w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Mit "Élagage" (Flammarion, 2026) legt Yves di Manno eine pointierte Abschiedsbilanz seines jahrzehntelangen Nachdenkens über Dichtung vor: Der Band versammelt verstreute Texte – Rezensionen, Porträts, Essays –, die zu einer bewusst fragmentarischen Kartographie der Poesie seit dem späten 20. Jahrhundert montiert sind. Im Zentrum steht eine doppelte Bewegung des „Auslichtens“: einerseits die Freilegung verborgener Traditionslinien (insbesondere der nordamerikanischen Moderne und des belgischen Surrealismus), andererseits die Kritik an erstarrten Formen, modischen Diskursen und einer zur Selbstinszenierung verkommenen Gegenwartslyrik. So entsteht kein systematisches Panorama, sondern ein Gegenkanon, der die Ränder ins Zentrum verschiebt und Dichtung als präzise Spracharbeit verteidigt. Zugleich markiert das Buch einen historischen Einschnitt: Mit ihm endet die von di Manno über drei Jahrzehnte geprägte Reihe „Poésie/Flammarion“, die maßgeblich zur Sichtbarkeit zeitgenössischer Lyrik beigetragen hat. "Élagage" erscheint damit nicht als nostalgischer Abgesang, sondern als kritische Übergabe – als Einladung, die „diskrete Wirksamkeit“ poetischer Formen unter veränderten kulturellen Bedingungen weiterzuführen. In der Verbindung von persönlicher Lektüregeschichte, editorischer Praxis und poetologischer Reflexion wird das Buch zu einem Instrument der Orientierung: Es bilanziert nicht nur, sondern öffnet Perspektiven auf eine zukünftige, widerständige Poetik jenseits etablierter literarischer Routinen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Mine als Text, die Stadt als Körper: Kiruna bei Maylis de Kerangal</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/18/die-mine-als-text-die-stadt-als-koerper-kiruna-bei-maylis-de-kerangal/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jun 2026 12:12:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Maylis de Kerangal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-717x1024.jpg 717w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-768x1097.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L-1075x1536.jpg 1075w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/61XoY4zqR5L.jpg 1240w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Zu Maylis de Kerangals "Kiruna" (2019) entwickelt der Beitrag eine Lektüre, die das Buch nicht nur als literarische Reportage über die nordschwedische Bergbaustadt und ihre spektakuläre Verlegung versteht, sondern als poetologische Reflexion über die Bedingungen des Sehens und Erkennens. Im winterlichen Dunkel reist die Erzählerin nach Kiruna, begegnet Bergarbeitern, Ingenieurinnen und Bewohnern, verfolgt die Geschichte einer Stadt, die sich selbst versetzen muss, weil die stetig wachsende Mine den Boden unter ihren Häusern destabilisiert, lauscht den Erschütterungen der Sprengungen, rekonstruiert den Streik von 1969 und stößt auf die verdrängten Geschichten der Sámi. Doch der eigentliche Gegenstand ihrer Suche bleibt ihr verschlossen: Die tiefsten Bereiche des Bergwerks entziehen sich dem Blick, sodass sich die Erkenntnis nicht aus unmittelbarer Anschauung, sondern aus Spuren, Stimmen und Erinnerungen ergibt. Ausgehend von der nächtlichen Ankunft und der Wahrnehmung der Mine als verborgenem Zentrum des Raumes rekonstruiert der Aufsatz in konzentrischen Bewegungen die Argumentation des Textes: die unauflösliche Verflechtung von Stadt und Mine als „siamesische Zwillinge“, die Anthropomorphisierung des Untergrunds zum lebendigen Körper, die Überlagerung konkurrierender Zeitlichkeiten von der Geschichte der Sámi bis zum Bergarbeiterstreik von 1969, die langsame Aneignung des unterirdischen Raums durch Frauen sowie die Entwicklung einer Schreibweise, die aus dem Scheitern unmittelbarer Anschauung eine Methode macht. Dabei wird "Kiruna" im Licht von de Kerangals späteren poetologischen Überlegungen in "La lentille et le roman" (2026) gelesen: Wie eine Linse bündelt der Text fragmentarische Wahrnehmungen, Stimmen und Erinnerungen, ohne die Dunkelheit seines Gegenstandes vollständig aufzulösen. Der Beitrag zeigt, dass die Mine nicht nur als industrielles Objekt, sondern als historisches, politisches und epistemologisches Gefüge erscheint und dass de Kerangals Schreiben gerade im Beharren auf Unschärfe und partieller Sichtbarkeit eine Poetik des indirekten Wissens entwirft, in der das Unsichtbare nicht beseitigt, sondern in seiner verborgenen Wirksamkeit lesbar gemacht wird.]]></description>
		
		
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		<title>Das Auge an der Zapfsäule: Alexandre Labruffe</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/17/das-auge-an-der-zapfsaeule-alexandre-labruffe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Jun 2026 04:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Alexandre Labruffe]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="203" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71CXY6DbmFL._AC_UF10001000_QL80_-203x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71CXY6DbmFL._AC_UF10001000_QL80_-203x300.jpg 203w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71CXY6DbmFL._AC_UF10001000_QL80_.jpg 676w" sizes="auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px" />Der Aufsatz liest Alexandre Labruffes "Chroniques d’une station-service" (éds. Verticales, 2019) als radikale Umcodierung des Romans hin zu einer Poetik des Ephemeren: Im Zentrum steht eine Pariser Tankstelle, die nicht bloß als Schauplatz, sondern als Wahrnehmungs- und Schreibform fungiert. Aus der Perspektive eines namenlosen Tankwarts entfaltet sich ein Geflecht aus Mikroszenen, fragmentarischen Beobachtungen und lose verknüpften Erzählfäden – etwa wenn ein betrunkener Kunde verzweifelt nach den Dichtern ruft, während auf den Überwachungsmonitoren sein Gang zum „hinkenden Flamingo“ verzerrt wird; wenn nachts das Muhen einer Kuh aus einem Viehlaster im Nebel zu einer unerwartet lyrischen Szene anschwillt; oder wenn das flackernde Neonschild „HORIZON“ allmählich Buchstaben verliert und den Ort selbst ins Verschwinden kippen lässt. Die Studie zeigt, wie die formale Zersplitterung, die mediatisierte Wahrnehmung (Überwachungsbilder, Bildschirme, Codes) und die zyklische Zeitstruktur eine Ästhetik des Durchgangs erzeugen, in der Konsum, Begehren und apokalyptische Imagination ineinandergreifen. Im Rückgriff auf Konzepte des „Nicht-Orts“ wird die Tankstelle als paradoxes Zentrum einer globalisierten Transitwelt lesbar, in der Subjektivität sich nur noch als flüchtige Registratur von Zeichen konstituiert. Zugleich arbeitet der Aufsatz die autopoetologische Dimension des Textes heraus: Der Verlust des eigenen Manuskripts wird zur poetischen Matrix eines Romans, der sich selbst als Fragment und Rest inszeniert. So erscheint Labruffes Debüt als melancholisch-ironische Reflexion auf die Bedingungen des Erzählens im Spätkapitalismus.]]></description>
		
		
		
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		<title>Phantome der Geschichte: Christophe Jamin und Lee Miller</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/16/phantome-der-geschichte-christophe-jamin-und-lee-miller/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jun 2026 03:10:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Christophe Jamin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_-664x1024.jpg 664w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_-768x1184.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81guH1uLAZL._SL1500_.jpg 973w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Christophe Jamins Roman "Lee fantôme" (Grasset, 2026) entfaltet zwei eng ineinander verschränkte Erzählbewegungen: Einerseits folgt er in freier, zeitspringender Rekonstruktion der Biografie Lee Millers von ihrer Ankunft im Paris der späten 1920er Jahre über ihre Einbindung in die surrealistische Szene bis zu ihrer Entwicklung zur Kriegsfotografin und ihren Aufnahmen im befreiten Deutschland 1945. Andererseits rekonstruiert er eine deutsch-französische Familiengeschichte des Erzählers, die von einer Emigration aus Konstanz nach Paris, von verschwiegenen Verwandtschaftslinien und der Figur Georg Elsers bis zu offenen Fragen von Schuld und Widerstand im Nationalsozialismus reicht. Beide Stränge werden aus der Perspektive eines kranken, zeitlich entgrenzten Ichs erzählt, das die historischen Episoden nicht chronologisch berichtet, sondern als visionäre Überblendungen einer einzigen Pariser Nacht erfahrbar macht. Der Aufsatz liest den Text als als roman croisé, dessen zentrales Strukturprinzip nicht die Synthese, sondern die produktive Instabilität des "Dazwischen" ist: zwischen Nationen (Deutschland/Frankreich), Medien (Fotografie/Schrift), Zeiten (Zwischenkriegszeit/Gegenwart) und Existenzformen (Leben/Tod). Ausgehend von der Konstellation eines sterbenden Ich-Erzählers, der die Fotografin Lee Miller als "Phantom" einer zugleich historischen und imaginär aufgeladenen Vergangenheit beschwört, wird gezeigt, wie der Text die narrativen Stränge in eine kontrapunktische Struktur überführt, die sich am Datum des 30. April 1945 verdichtet, ohne jemals in eine vollständige Begegnung oder Auflösung zu münden. Die Argumentation arbeitet dabei systematisch heraus, dass der Roman keine klassische Biografie entwirft, sondern ein epistemologisch reflektiertes Imaginieren inszeniert, in dem Erinnerung stets als spekulative Rekonstruktion und als Schwellenphänomen erscheint. Zentral ist die These, dass das Gespenstische nicht nur Figurenqualität (Lee als "fantôme"), sondern poetologisches Prinzip ist: Der Erzähler selbst agiert als mediales Durchgangsmedium zwischen Epochen, während die Fotografie als Leitmedium die Ambivalenz von Fixierung und Zerstörung sichtbar macht. Im weiteren Verlauf wird der Deutschlandbezug als Riss innerhalb einer Familie interpretiert, der Emigration und Täterschaft aus derselben Herkunft ableitet und damit das nationale Versöhnungsnarrativ unterläuft. Die Avantgarde erscheint zugleich als Raum intensiver ästhetischer Produktivität und latenter Gewaltverhältnisse, insbesondere im Verhältnis von männlichem Künstlergenie und weiblicher Muse. Insgesamt entwickelt der Aufsatz eine strikt kompositorische Lesart des Romans: Seine argumentative Pointe besteht darin, dass "Lee fantôme" Bedeutung nicht in der Auflösung historischer Widersprüche erzeugt, sondern im dauerhaften Offenhalten ihrer Überlagerungen – als ästhetisch strukturierte Schwelle, auf der Geschichte nicht erinnert, sondern als gegenwärtige Differenz erfahrbar wird.]]></description>
		
		
		
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		<title>Putins Russland, Homophobie und Papierfranzosen bei Sergueï Shikalov</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/15/putins-russland-homophobie-und-papierfranzosen-bei-serguei-shikalov/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2026 04:17:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Sergueï Shikalov]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL-1398x2048.jpg 1398w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7144-A7WomL.jpg 1653w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Aufsatz liest Sergueï Shikalovs "Espèces dangereuses" (Seuil, 2024) als poetologisch hochreflexiven Text über Homophobie im postsowjetischen Russland, in dem eine ganze Generation schwuler Männer zwischen einem kurzen historischen "Frühling“ und einer erneuten autoritären Eiszeit sichtbar wird. Im Zentrum steht dabei weniger eine lineare Handlung als eine kollektive Erfahrungsform, die sich im unbestimmten "on“ artikuliert: eine litaneiartige, fragmentierte Rede, die individuelle Biographie zugunsten eines geteilten, von Gewalt, Scham und prekärem Begehren gezeichneten Daseins suspendiert. Gerade diese Verweigerung des Ichs wird zur ästhetischen Strategie, die das Verschwinden dokumentiert und zugleich konterkariert, indem sie aus Anonymisierung ein Verfahren der Zeugenschaft macht. Die Thematisierung von Homophobie erscheint dabei nicht nur als soziale Realität – in Gestalt von Übergriffen, institutioneller Gleichgültigkeit und politischer Repression –, sondern als diskursive Ordnung, die Körper klassifiziert, entwertet und aus dem Sagbaren verdrängt. Entscheidend ist, dass der Roman diese Erfahrung in der erlernten französischen Sprache formuliert, die als Medium des Exils einen paradoxen Raum eröffnet: Distanz und Artikulationsmöglichkeit fallen zusammen, sodass das Unsagbare überhaupt erst sagbar wird. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Frage der französischen Staatsbürgerschaft Kontur: Sie markiert zwar einen juristischen und existentiellen Bruch, bleibt jedoch – wie Shikalovs Essay "Français de papier" (2025) zeigt – ambivalent, insofern Zugehörigkeit weiterhin unter Vorbehalt steht und sich die Logiken der Ausgrenzung in neuer Form fortschreiben.]]></description>
		
		
		
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		<title>Kathedrale aus Papier: Heteronymie und autopoetische Spiegelungen bei Matthieu Mégevand</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/14/kathedrale-aus-papier-heteronymie-und-autopoetische-spiegelungen-bei-matthieu-megevand/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Jun 2026 04:51:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Matthieu Mégevand]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-964x1536.jpg 964w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD-1286x2048.jpg 1286w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Megevand-Mon-nom-est-personne_BD.jpg 1594w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Matthieu Mégevands "Mon nom est personne" (2026) ist nicht als biografischer Roman über Fernando Pessoa zu lesen, sondern als konsequent durchkomponierte poetologische Versuchsanordnung, in der die Heteronymie zum formbildenden Prinzip aller Ebenen erhoben wird. Die drei fiktiven Dichteridentitäten werden in ihrer je eigenen Existenz- und Schreibweise profiliert, was die Gesamtstruktur des Romans ableitet: Alberto Caeiro ist ein scheinbar einfacher, naturverbundener Dichter, der in unmittelbarer Wahrnehmung aufgeht, Metaphysik ablehnt und in klaren, bildhaften Versen eine Welt ohne Tiefendimension entwirft; ihm kontrastiert Ricardo Reis, ein von klassizistischer Disziplin, stoischer Distanz und formaler Strenge geprägter Künstler, der seine Emotionen kontrolliert und Literatur als Ordnungssystem begreift; schließlich tritt mit Bernardo Soares ein Heteronym auf, dessen melancholisch-zersplitterte Innenwelt sich in fragmentarischen, selbstreflexiven Texten niederschlägt und das Schreiben als existenzielle Selbstvergewisserung betreibt. Der Aufsatz zeigt, wie diese drei Stimmen zunächst wie autonome Autorenbiografien inszeniert werden, sich jedoch im Schlussteil als Projektionen Pessoas, als abwesendes Zentrum, erweisen: Die scheinbare Vielfalt erweist sich als Effekt einer radikalen Entleerung des Ichs. Gerade in konkreten Konstellationen – etwa wenn die Figuren in indirekten Begegnungen aneinander vorbeidenken oder ihre jeweiligen Räume (Natur, kultivierte Ordnung, urbanes Interieur) unvereinbar bleiben – wird diese Dissoziation erfahrbar. Methodisch schreitet der Artikel von der detaillierten Figurenanalyse über narrative Verfahren bis hin zur poetologischen Selbstreflexion fort und zeigt so, dass Subjektivität hier nur im Modus ihrer Aufspaltung existiert. Mégevands Roman erscheint damit als konsequente Fortschreibung von Pessoas Heteronymie: Nicht ein Autor erfindet Figuren, sondern die Figuren erzeugen erst die Illusion eines Autors – eine Umkehrung, die der Aufsatz als Signatur moderner literarischer Identitätskrisen deutet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Jüdisches Denken gegen sich selbst: Verbergen, Assimilation und doppelte Existenz bei Nathan Devers</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/13/juedisches-denken-gegen-sich-selbst-verbergen-assimilation-und-doppelte-existenz-bei-nathan-devers/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Jun 2026 08:28:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Nathan Devers]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="185" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7110UJih4cL._AC_UF8941000_QL80_-185x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7110UJih4cL._AC_UF8941000_QL80_-185x300.jpg 185w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/7110UJih4cL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 618w" sizes="auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px" />Nathan Devers’ "Penser contre soi-même" (Albin Michel, 2024) verfolgt eine ebenso autobiografische wie philosophische Bewegung, in der das orthodox gelebte Judentum nicht als bloße Herkunft, sondern als dynamischer Denkraum erscheint, der seine eigene Überschreitung ermöglicht. Ausgehend von einem bürgerlich-assimilierten Milieu führt der Text über eine Phase intensiver religiöser Radikalisierung hin zu einem Bruch, der nicht von außen erzwungen wird, sondern aus der inneren Logik des Glaubens selbst hervorgeht – paradigmatisch verdichtet in der Lektüre des Kohelet und im Schwindel der eigenen Kontingenz. Zugleich rückt die Darstellung ein jüdisches Leben ins Zentrum, das sich unter Bedingungen latenter Bedrohung organisiert: Praktiken des Sich-Verbergens, der „marranischen“ Unsichtbarkeit und der situativen Anpassung erscheinen als alltägliche Strategien in einer von Antisemitismus durchzogenen Umwelt. Die Besprechung arbeitet diese Spannung als konstitutiv heraus und liest Jüdischkeit nicht als stabile Identität, sondern als Bewegung, die sich gerade der Verfestigung ins Identitäre entzieht. Sie erscheint vielmehr als eine offene, selbstkritische Praxis, die – in ihrer talmudischen Struktur – die Mittel zu ihrer eigenen Infragestellung bereitstellt. Devers’ Übergang zur Philosophie erweist sich folglich nicht als Abkehr, sondern als Transformation: als Fortsetzung einer existenziellen Suche unter veränderten epistemischen Bedingungen, in der die „zerbrochenen Götzen“ des Glaubens in veränderter Form weiterwirken.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Zwei Blicke auf David Hockney: Catherine Cusset und Fabrice Gaignault</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/13/zwei-blicke-auf-david-hockney-catherine-cusset-und-fabrice-gaignault/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Jun 2026 04:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Catherine Cusset]]></category>
		<category><![CDATA[Fabrice Gaignault]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81x28gfhwCL._SL1500_.jpg 911w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Beide Bücher umkreisen David Hockney und treffen ihn doch von entgegengesetzten Seiten: Catherine Cussets "Vie de David Hockney" (Gallimard, 2018) erzählt als biografischer Roman das Leben des Malers von innen – von der Bradforder Kindheit, in der unter dem Pinsel des Vaters rostiges Metall leuchtend rot wird und "die Welt die Farbe wechselt", bis zur späten Meisterschaft –, getragen von freier indirekter Rede, die den Erzähler hinter der Figur verschwinden lässt und Hockneys Begehren, Trotz und Lebensfreude zur eigentlichen Substanz macht; Fabrice Gaignaults "Patrick Procktor, le secret de David Hockney" (Séguier, 2022) dagegen nähert sich ihm vom Rand, als essayistische Ermittlung über den vergessenen Freund, Rivalen und "Zwilling" Patrick Procktor, der einst voraus war und schließlich mittellos und vergessen starb, während Hockney zum teuersten lebenden Maler der Welt aufstieg. Die vorliegende Interpretation führt die beiden Bücher kontrastiv gegeneinander – durch Erzählhaltung, Figurenkonstruktion, das Verhältnis von Erfolg und Scheitern, die Darstellung von Schöpfung und Homosexualität, die Ekphrasis und schließlich die Tatsache, dass beide dieselben Schlüsselwerke besprechen, "A Bigger Splash" und "Portrait of an Artist". An diesen identischen Bildern lässt sich verfolgen, wie zwei unvereinbare Wahrheiten entstehen: die des Lebens, von innen erlebt, und die des Nachruhms, von außen vermessen. Mit der Frage, warum von zwei eng verwandten Begabungen die eine in den Auktionshimmel aufsteigt und die andere im Anonymen versinkt – und was es über das Schreiben selbst aussagt, wenn eine Apologie der Freude und eine Elegie des Vergessens auf denselben Maler blicken –, ist der Einsatz des Vergleichs umrissen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Wenn die Kraft das Recht ablöst: Bruno Le Maire</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/12/wenn-die-kraft-das-recht-abloest-bruno-le-maire/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 11:15:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Bruno Le Maire]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />"Le temps d'une décision" (Gallimard, 2026) ist zugleich Memoir und weltpolitische Diagnose: Aus fünfundzwanzig Jahren in höchsten französischen Regierungsämtern destilliert Bruno Le Maire die beunruhigte Frage, wer in der Gegenwart von 2025/2026 überhaupt noch entscheidet – und beantwortet sie pessimistisch. Vom verweigerten Handschlag eines Bürgers in Chamonix bis zu den Verhandlungstischen mit Trump, Putin und Xi zeichnet er den Übergang von einer regelbasierten Ordnung, für die das Frankreich des Jahres 2003 mit seinem Veto gegen den Irakkrieg steht, zu einer Welt danach, in der „la force a remplacé le droit" und die Entscheidung aus Nationen und multilateralen Institutionen in die Hände von Autokraten, Tech-Oligarchen und Finanzgiganten abgewandert ist. Der vorliegende Artikel liest dieses Buch nicht allein als politische Streitschrift, sondern legt seine eigentliche Pointe in der Form frei: Le Maire behauptet seine These nicht, er inszeniert sie – durch novellistisch komponierte Szenen, mit dem Skalpell geschnittene Porträts und Leitsymbole wie die Starlink-Antenne über dem Dach seines Landhauses. Die Argumentation des Artikels verläuft in fünf einander durchdringenden Deutungsachsen, von der Anatomie des Entscheidungsverlusts über die Selbstrechtfertigung in der Schuldenfrage bis zum Weckruf an Europa, und mündet in eine zugespitzte These: Dass die literarische Form bei Le Maire selbst zur Antwort auf das diagnostizierte Problem wird – wo niemand mehr „wirklich" entscheidet, verspricht das Erzählen jene Kohärenz, die der Politik abhandengekommen ist. So erweist sich das viel beschworene „livre de vérité" als ein Werk, dessen Wahrheitsanspruch und fiktionale Mittel in einer produktiven, bewusst kalkulierten Spannung stehen.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Herkunft, Begehren und Glaube: Monia Aljalis</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/11/herkunft-begehren-und-glaube-monia-aljali/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 15:59:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Probe]]></category>
		<category><![CDATA[Monia Aljalis]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/154342_couverture_Hres_0.jpg 1366w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Monia Aljalis' Debütroman "L'Extase" (Seuil, 2024) schildert einen einzigen Tag im Leben Leylas, einer jungen Frau mit arabisch-muslimischen Wurzeln, die durch Paris streift, dem entfremdeten Berufsleben entflieht und sich zwischen Freunden, Liebhabern und Randfiguren bewegt – zerrissen zwischen traditioneller Familie und einer trotzigen Suche nach sinnlicher Freiheit, immer wieder eingeholt von religiöser Schuld, bis der Roman im morgendlichen Gebet der Mutter und dem Aufruf „Réveille-toi, Leyla" mündet. Die vorliegende Analyse erschließt den Text über fünf Zugänge – die Sakralisierung des Profanen, die Identität zwischen zwei kulturellen Modellen, den von Scham geprägten Bezug zum Körper, das Motiv des wiederkehrenden „Mahnrufs" und die hybride Form aus Prosa, Vers und Chat – und verdichtet diese Lektüre an einer Schlüsselszene in der arabischen Buchhandlung, in der Leylas sprachliche Heimatlosigkeit greifbar wird.]]></description>
		
		
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		<title>Das Intime als politische Technik: Thesen zu Édouard Louis</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/11/das-intime-als-politische-technik-thesen-zu-edouard-louis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 09:36:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Edouard Louis]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080431738-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080431738-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/9782080431738.jpg 293w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Dieser Artikel liest Édouard Louis' Werk als ein geschlossenes poetologisches Projekt und fragt danach, wie seine Texte die Grenzen zwischen autobiografischem Erzählen, soziologischer Analyse und politischer Intervention überschreiten. Ausgehend von den Begriffen der „Konfrontationsliteratur“ und des „Intimismus“, die Louis in seinem jüngsten Gesprächsband "Que faire de la littérature ?" (2025) entwickelt, werden zehn Deutungsansätze vorgestellt, die die formalen Verfahren, thematischen Konstanten und strategischen Verschiebungen seines Schreibens sichtbar machen. Im Zentrum steht die Frage, ob sich im Verlauf des Werks eine Reifung des Autors oder vielmehr eine Verfeinerung seiner literarischen Mittel beobachten lässt – und wie Louis mit seinen Texten nicht nur erzählen, sondern seine Leserinnen und Leser dazu zwingen will, das zu sehen, was sie allzu leicht verdrängen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Vom Stigma zur Selbstermächtigung: Arabité bei Aïda Amara</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/11/vom-stigma-zur-selbstermaechtigung-arabite-bei-aida-amara/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jun 2026 04:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Aïda Amara]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="177" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/AMARA_AVECMATETE_COUV-600x1017-1-177x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/AMARA_AVECMATETE_COUV-600x1017-1-177x300.jpg 177w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/AMARA_AVECMATETE_COUV-600x1017-1.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px" />Aïda Amaras Roman "Avec ma tête d’arabe" erzählt die Geschichte einer jungen französisch-algerischen Journalistin, deren Identität durch die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 erschüttert wird. Ausgehend von diesem traumatischen Ereignis entfaltet der Text eine vielschichtige Bewegung in die Familien- und Kolonialgeschichte, die von der Pariser Kindheit der Erzählerin bis in das Kabylien des algerischen Unabhängigkeitskriegs zurückreicht. Die Rezension zeigt, dass der Roman Identität nicht als stabile Gegebenheit, sondern als fragile und fortwährende Rekonstruktionsarbeit inszeniert: Das Trauma zerstört die bisherige Selbstgewissheit und zwingt die Erzählerin dazu, ihre Herkunft, ihre familiären Überlieferungen und ihre Stellung zwischen Frankreich und Algerien neu zu befragen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die raffinierte Verflechtung der drei Zeitebenen, die weibliche Genealogie des Widerstands, die Bedeutung von Sprache und Schlagfertigkeit als Formen der Selbstbehauptung sowie die Funktion des Humors als Strategie gegen Ohnmacht und Angst. So erscheint "Avec ma tête d’arabe" als ebenso persönlicher wie politischer Roman, der individuelle Verletzung mit postkolonialer Erinnerung verbindet und das Schreiben selbst als Akt der Wiedergewinnung eines vielstimmigen, widersprüchlichen und dennoch handlungsfähigen Selbst begreift.]]></description>
		
		
		
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		<title>Komm her Lügenfrau: Hélène Frédérick</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/10/komm-her-luegenfrau-helene-frederick/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Jun 2026 07:38:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Probe]]></category>
		<category><![CDATA[Hélène Frédérick]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="220" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71KFiqxhiOL._AC_UF8941000_QL80_-220x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71KFiqxhiOL._AC_UF8941000_QL80_-220x300.jpg 220w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71KFiqxhiOL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 734w" sizes="auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px" />Première poudrerie sur la Wagmüllerstrasse. La neige comme manteau de promesse. Viens là, femme-mensonge, viens, je te trouverai un nouveau nom, quelque chose de léger. Je te décrocherai de ton socle et nous verrons à lisser encore ta peau, à te cajoler. Pour la première fois j’entends ta voix, tu murmures à mon oreille. Tu ... <p class="read-more-container"><a title="Komm her Lügenfrau: Hélène Frédérick" class="read-more button" href="https://rentree.de/2026/06/10/komm-her-luegenfrau-helene-frederick/#more-13819" aria-label="Mehr Informationen über Komm her Lügenfrau: Hélène Frédérick">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
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		<title>Vom defekten Auge zur Poetik des genauen Blicks: Maylis de Kerangal</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/09/vom-defekten-auge-zur-poetik-des-genauen-blicks-maylis-de-kerangal/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jun 2026 03:22:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Maylis de Kerangal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/31m0gCX1dL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/31m0gCX1dL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/31m0gCX1dL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 626w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Ausgehend von Maylis de Kerangals poetologischem Vortrag "La lentille et le roman" (Verdier, 2026), in dem die Autorin ihr defektes Auge – Schielen, Myopie, Hyperopie, kongenitaler Katarakt – zum Ausgangspunkt einer Theorie des Romans als optisches Instrument macht, untersucht der vorliegende Aufsatz das erzählerische Werk Kerangals auf die dort entwickelten und weitergeführten Sehpoetiken hin. Anhand von elf Texten – von "Sous la cendre" (2006) bis "Jour de ressac" (2024) – werden optische Metaphernfelder, semantische Felder des Visuellen sowie Szenen und Bilder des Sehens, Schauens, der Blindheit und der Unschärfe analysiert und in Bezug auf Kerangals zentrale Unterscheidung zwischen "voir" und "regarder", ihre Spinoza-Analogie des Linsenschleifens als handwerklicher Wahrheitssuche und ihr Schlussmodell der Fresnellinse als diskontinuierlicher, vielschichtiger Romanstruktur interpretiert. Der Aufsatz zeigt dabei, dass die im Manifest formulierte Poetik das Werk nicht eigentlich erklärt, vielmehr nachträglich konsolidiert: Die Romane sind uneindeutiger, politisch gefährlicher und emotional aufgewühlter als das Manifest eingesteht – sie zeigen Linsen als Machtinstrumente, Sehen als körperlichen Schmerz und Scheitern als produktive erzählerische Kraft –, und sie entwickeln mit der Synästhesie und der Ästhetik der Unschärfe Prinzipien, die über die optische Metapher des Manifests weit hinausreichen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Im Niemandsland der Identität: Antoine Rault</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/08/im-niemandsland-der-identitaet-antoine-rault/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jun 2026 02:21:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2016]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Antoine Rault]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="206" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/91xmwrkZuWL._AC_UF8941000_QL80_-206x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/91xmwrkZuWL._AC_UF8941000_QL80_-206x300.jpg 206w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/91xmwrkZuWL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 688w" sizes="auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px" />Antoine Raults "La Danse des vivants" (Albin Michel, 2016) folgt einem französischen Soldaten, der 1918 ohne Gedächtnis erwacht, mühelos Französisch, Deutsch und Russisch spricht und unter der Identität des gefallenen deutschen Leutnants Gustav Lerner vom französischen Geheimdienst nach Berlin und ins Baltikum geschleust wird; zwischen Lazarett, Freikorps-Krieg und der Liebe zur russischen Tänzerin Tamara montiert der Roman ein breites Panorama des deutsch-französischen Verhältnisses von 1918/19 – Zusammenbruch des Kaiserreichs, Versailles, Berliner Bürgerkrieg –, an dessen Ende der Held jede nationale Bindung aufkündigt und eine erfundene deutsche Zugehörigkeit wählt. Der Aufsatz liest den Text als "roman croisé" und entfaltet die Leitthese – Rault erzähle die Amnesie eines Einzelnen als Allegorie eines Kontinents, der sein altes Selbst verloren hat, und mache die nationale Differenz nicht zum aufzulösenden Konflikt, sondern zum produktiven, bedeutungsstiftenden Medium – in einer Argumentation, die von der hybriden Gattungssignatur über das dokumentarische Geschichtspanorama, die Erzählarchitektur des "Dazwischen" und die drei Maßstäbe des Deutsch-Französischen (diplomatisches Kräftespiel, sprachliches Verrätselungsdrama, elsässische Grenzexistenz) bis zur autopoetologischen und intertextuellen Selbstreflexion führt; sie belegt dies an konkreten Szenen, etwa am verräterischen "Maurice"/"Moritz", an dem die ganze Tarnung hängt, oder an Klaus Kühns empörter Rückfrage "Quel camp?" –, sodass das wiederkehrende Bild der Grenze, die "nicht zwischen den Figuren, sondern durch sie hindurch" verläuft, aus dem Material entwickelt wird, während die Deutung das produktive Offenhalten der Differenz bis in den bewusst ambivalenten Schluss hinein verfolgt.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Neukaledonien – versehrtes Epos und Empathie als Widerstand: Alice Zeniter</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/07/neukaledonien-versehrtes-epos-und-empathie-als-widerstand-alice-zeniter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Jun 2026 09:49:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Alice Zeniter]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71Y5MnvSHFL._AC_UF8941000_QL80_-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71Y5MnvSHFL._AC_UF8941000_QL80_-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71Y5MnvSHFL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 659w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Als "Frapper l'épopée" im August 2024 erschien, stand Neukaledonien in Flammen: Wenige Monate zuvor hatten Aufstände gegen eine in Paris durchgesetzte Wahlrechtsreform vierzehn Tote und Milliardenschäden gefordert. Alice Zeniters bereits 2023 abgeschlossener Roman trat damit in seiner "Vorkrisen-Fassung" mitten in eine brennende Aktualität ein, die er nicht hatte kennen können – ein Zusammenfall, der ihm eine fast prophetische Schwere verlieh. Das Buch erzählt die Heimkehr der jungen Caldoche Tass nach Nouméa, wo sie als Aushilfslehrerin ihrer ungeklärten Familienherkunft nachspürt, während eine kanak Aktivistengruppe um Un Ruisseau mit Aktionen einer "gewalttätigen Empathie" den Kolonisierenden die Erfahrung der Enteignung körperlich spürbar zu machen sucht; in einem phantastischen Sturz ins "Wasserloch" durchlebt Tass schließlich die koloniale Vorgeschichte ihres ins Bagno deportierten Vorfahren Arezki, ehe der Roman in der Gegenwart und einer kaum sichtbaren Schlussgeste – einem mit dem Finger gespurten Aktivistenkürzel – mündet. Der Aufsatz liest das Werk von seinem Titel her, das Verb "frapper" in seiner Doppelbedeutung (schlagen und prägen) als poetologisches Programm eines "versehrten Epos", das die heroische Kolonialerzählung zertrümmert und zugleich ein neues, vielstimmiges und antiheroisches Gedächtnis einschreibt. Erzählen soll hier nicht informieren, sondern sinnlich verunsichern. Flankiert wird diese werkimmanente Lektüre durch eine Einordnung neben Zeniters "L'Art de perdre", eine Auswertung der französischen Rezeption und eine Reflexion über die Verschiebung der Leseperspektive nach den Aufständen vom Mai 2024 – sodass die Besprechung das Buch zugleich als ästhetisches Wagnis und als politisch brisanten Gegenwartstext profiliert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Wahlnacht vor dem Abgrund: Herrschaft, Droge und Autorschaft bei John Jefferson Selve</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/06/wahlnacht-vor-dem-abgrund-herrschaft-droge-und-autorschaft-bei-john-jefferson-selve/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Jun 2026 01:30:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[John Jefferson Selve]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71cxGLHT3oL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />John Jefferson Selves’ "La matière humaine" (Gallimard, 2026) spielt an einem einzigen Wochenende im Frankreich der nahen Zukunft, unmittelbar vor einer Präsidentschaftswahl, deren Ausgang längst festzustehen scheint. Über Paris liegt der erwartete Sieg der extremen Rechten wie ein düsteres Verhängnis: Die Hauptstadt erscheint als erschöpfte „Parodie der Parodie“, geprägt von sozialer Spaltung, kultureller Selbstbespiegelung und politischer Resignation. Vor diesem Hintergrund erzählt der Roman von drei entwurzelten Figuren, deren Schicksale durch den Tod eines kindlichen Drogenkuriers miteinander verbunden sind. Aus ihrer Perspektive entsteht das Bild eines Landes, in dem verdrängte Konflikte um Klasse, Rassismus, Kolonialgeschichte und staatliche Gewalt mit neuer Wucht an die Oberfläche drängen. Die Rezension liest "La matière humaine" als politische Diagnose eines Frankreichs, das dem Triumph der extremen Rechten nicht mit Widerstand, sondern mit Betäubung begegnet. Zentral ist dabei die These, dass die Droge im Roman weit mehr als ein Motiv darstellt: Sie tritt als erzählende und herrschende Instanz auf, die eine Gesellschaft beherrscht, deren politische Ohnmacht sich in chemische Anästhesie verwandelt hat. Die Wahlnacht bildet den Fluchtpunkt dieser Diagnose. Bemerkenswerterweise verweigert der Roman die Nennung des eigentlichen Wahlergebnisses und inszeniert es stattdessen als Geräusch, Jubel und kollektiven Rausch – als Symptom eines tieferliegenden gesellschaftlichen Zustands. Die Besprechung zeigt, wie Selve aus dieser Konstellation eine ebenso politische wie poetologische Reflexion entwickelt: Der Tod des Kindes und die Geburt der Schrift erscheinen als zwei Seiten derselben Bewegung, in der sich die Möglichkeit von Aufmerksamkeit gegen die Logik der Betäubung behauptet. So verbindet "La matière humaine" politische Endzeitvision, Gesellschaftskritik und Autorschaftserzählung zu einem Roman, der dem Verhängnis der Wahlnacht schließlich nur eine fragile, aber beharrliche Gegenfigur entgegenstellt: „L’espoir“.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Chinafahrt von Tel Quel: Ideologie, Eitelkeit und Projektion bei Jean Berthier</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/05/die-chinafahrt-von-tel-quel-ideologie-eitelkeit-und-projektion-bei-jean-berthier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 05 Jun 2026 06:30:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[François Wahl]]></category>
		<category><![CDATA[Jean Berthier]]></category>
		<category><![CDATA[Julia Kristeva]]></category>
		<category><![CDATA[Marcelin Pleynet]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Sollers]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Barthes]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71i-e6QkZL._AC_UF10001000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71i-e6QkZL._AC_UF10001000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71i-e6QkZL._AC_UF10001000_QL80_.jpg 625w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Jean Berthiers Roman "Voyage tranquille au pays des horreurs" (Cherche Midi, 2026) rekonstruiert die historische China-Reise der Tel-Quel-Gruppe um Roland Barthes, Philippe Sollers, Julia Kristeva, Marcelin Pleynet und François Wahl im Frühjahr 1974. Vor dem Hintergrund der späten Kulturrevolution zeigt der Autor, wie die prominenten französischen Intellektuellen einem streng inszenierten Besichtigungsprogramm folgen und dabei weniger das maoistische China als ihre eigenen theoretischen, politischen und ästhetischen Obsessionen wahrnehmen. Bereits die komische Auftaktepisode um Jacques Lacan, der China durch die Kategorien seiner Psychoanalyse zu verstehen glaubt, ohne überhaupt dorthin zu reisen, führt das zentrale Motiv der Projektion ein. Zugleich dient die im Roman erzählte Affäre um Michelangelo Antonionis in China verfemten Dokumentarfilm als Kontrastfolie: Während der Regisseur versuchte, hinter die offizielle Inszenierung zu blicken, fügen sich die Reisenden bereitwillig in sie ein. Der Aufsatz argumentiert, dass Berthier daraus eine ebenso komische wie ernüchternde Satire auf die Blindheit der Intelligenz entwickelt: Semiologie, Psychoanalyse, Avantgardeästhetik und revolutionäre Hoffnung erscheinen nicht als Mittel der Erkenntnis, sondern als Filter, die den Blick auf Gewalt, Verfolgung und politische Realität verstellen. Im Zentrum steht die These, dass die Reisenden das fremde Land zu einer Projektionsfläche ihrer eigenen Wünsche machen und gerade deshalb an der Wirklichkeit vorbeisehen. Berthiers Roman wird dabei als ideengeschichtliche Fallstudie gelesen, die über den historischen Maoismus hinaus die Frage aufwirft, wie intellektuelle Gewissheiten Wahrnehmung verzerren und das Fremde in einen Spiegel des Eigenen verwandeln können.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Boualem Sansals „Le Village de l&#8217;Allemand“ zwischen Erinnerungskultur und postkolonialem Text</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/03/boualem-sansals-le-village-de-lallemand-zwischen-erinnerungskultur-und-postkolonialem-text/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 03 Jun 2026 15:21:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Boualem Sansal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="179" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_-179x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_-179x300.jpg 179w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_-612x1024.jpg 612w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_-768x1284.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/81DpgG5YDQL._SL1500_.jpg 897w" sizes="auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px" />Dieser Aufsatz ist ausdrücklich keine Besprechung von Sansals Gefängnisjournal "La Légende: libres méditations d'un prisonnier encombrant" (Grasset, 2026), und es soll kurz begründet werden, warum eine solche Besprechung vorerst an dieser Stelle unterbleibt. Das Buch ist ein autobiografischer Haftbericht, der sich selbst als "livre de combat" versteht und noch so dicht in tagesaktuelle Polemiken, Verlagskonflikte und Freund-Feind-Bilanzen verstrickt ist, dass sich seine literarische Eigengestalt kaum vom Lärm um ihn trennen lässt. Statt das Buch verfrüht zu zergliedern, nimmt der Text es zum Anlass, auf den älteren Roman "Le Village de l'Allemand" (Gallimard, 2008) zu verweisen – und vertagt so bis auf Weiteres eine interpretierende Auseinandersetzung mit "La Légende". Der Roman "Le Village de l'Allemand" ist ein „roman croisé", der das Dazwischen nicht nur thematisiert, sondern zum Schreibverfahren erhebt. Anhand der verschränkten Tagebücher der Brüder Schiller, der Isotopie des „village" über vier Todesräume hinweg, der Datumssymmetrie von Massaker und Suizid und der wandernden Lagermetaphorik zeigt er, wie der Roman drei Gedächtnisräume — Shoah, algerischer Bürgerkrieg, französische Banlieue — ineinanderfaltet und Schuld nie als feste Front, sondern als gestaffelt, übersetzbar und nie ganz entscheidbar denkt. Zwei Schlüsselstellen aus Rachels Tagebuch rahmen die Lektüre und werden zugleich zur nachdenklichen Kontrastfolie für "La Légende": Der Romancier, der die Differenz zwischen Bezeugen und Abrechnen einst literarisch durchdrungen hat, erinnert daran, wie fragil die Position des Gerechten bleibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>François Mitterrand zwischen Mythos und Kritik: Annie Ernaux</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/02/francois-mitterrand-zwischen-mythos-und-kritik-annie-ernaux/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jun 2026 15:37:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Annie Ernaux]]></category>
		<category><![CDATA[François Mitterrand]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="234" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Mitterrand_Minitel_Videotex_1981-05-10_v3b_8bpp_3X-300x234.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Mitterrand_Minitel_Videotex_1981-05-10_v3b_8bpp_3X-300x234.png 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Mitterrand_Minitel_Videotex_1981-05-10_v3b_8bpp_3X-768x600.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/Mitterrand_Minitel_Videotex_1981-05-10_v3b_8bpp_3X.png 960w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Essay untersucht die Darstellung François Mitterrands in Annie Ernaux’ "Les années" (2008) im Vergleich zu Mitterrands politischer Streitschrift gegen De Gaulle, "Le Coup d’État permanent" (1964). Im Zentrum steht die Frage, wie beide Texte – trotz ihrer unterschiedlichen Gattungen als autobiografischer Erinnerungsroman und politisches Pamphlet – dasselbe Strukturmerkmal der Fünften Republik sichtbar machen: die Konzentration politischer Hoffnungen, Ängste und Legitimitätsvorstellungen auf eine einzelne charismatische Figur. Während Mitterrand in seiner Kritik an Charles de Gaulle die Gefahren eines personalisierten Präsidialsystems anprangert, beschreibt Ernaux aus der Perspektive eines kollektiven „on“ die Begeisterung, die Erwartungen und die spätere Ernüchterung, die seine eigene Präsidentschaft begleiten. Anhand zentraler Passagen aus "Les années" wird gezeigt, wie Mitterrand von der Symbolfigur des politischen Aufbruchs 1981 über die Enttäuschung der „rigueur“-Jahre bis hin zur Verkörperung von Alter, Vergänglichkeit und historischer Erinnerung wird. Der Vergleich macht deutlich, dass Ernaux nicht nur die affektive Geschichte der französischen Linken erzählt, sondern zugleich das paradoxe Funktionieren eines politischen Systems offenlegt, das selbst seine Kritiker in monarchisch anmutende Erlöserfiguren verwandelt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Montaigne auf der Anklagebank: Philippe Desan</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/02/montaigne-auf-der-anklagebank-philippe-desan/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jun 2026 14:07:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Michel de Montaigne]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Desan]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-677x1024.jpg 677w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-768x1162.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-1015x1536.jpg 1015w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan-1354x2048.jpg 1354w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/desan.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Der Roman des renommierten Montaigne-Forschers Philippe Desans, "Montaigne – La Boétie: une ténébreuse affaire" (2024), erzählt die berühmteste Freundschaft der französischen Renaissance als literarischen Kriminalfall. Ausgehend von der Begegnung Montaignes und Étienne de La Boéties im Bordeaux des 16. Jahrhunderts entfaltet der Roman die provokante Hypothese, Montaigne selbst könnte für den frühen Tod seines Freundes verantwortlich gewesen sein. Über die Spur eines verschollenen Sonetts, verborgener Dokumente und einer modernen akademischen Untersuchung verfolgt Desan die Wege der Überlieferung bis in die Gegenwart und macht die Rekonstruktion der Vergangenheit zum eigentlichen Gegenstand seiner Erzählung. Der Aufsatz zeigt, dass dieser historische Kriminalroman weit mehr ist als ein gelehrtes Spiel: Er stellt eine fiktionale Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der Montaigne-Forschung dar und setzt sich dabei implizit mit der humanistischen Montaigne-Deutung Hugo Friedrichs auseinander. Während Friedrich in seiner klassischen Monographie von 1949 die Einheit eines „sehr organisierten Geistes“ und die Konsubstantialität von Leben und Werk betont, entwirft Desan einen Montaigne, dessen Identität, Texte und Erinnerungen von historischen Interessen, editorischen Eingriffen und sozialen Strategien geprägt sind. Der Aufsatz argumentiert, dass Desans Roman die Grenze zwischen Wissenschaft und Fiktion bewusst verwischt, um die grundsätzliche Erzählnatur jeder Interpretation offenzulegen: Lesen erscheint hier als Arbeit mit Indizien, Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen, sodass die Geschichte eines möglichen Verbrechens zugleich zu einer Reflexion über die Bedingungen literaturwissenschaftlicher Erkenntnis wird.]]></description>
		
		
		
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		<title>Reaktionäre Männlichkeit als leere Provokation: Côme Martin-Karl</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/01/reaktionaere-maennlichkeit-als-leere-provokation-come-martin-karl/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jun 2026 12:04:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Côme Martin-Karl]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/71ibPSeZ-nL._SL1500_.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Côme Martin-Karls Roman "La réaction" (2019) führt seine Leserinnen und Leser in die bizarre Welt französischer Reaktionäre, Online-Trolle, katholischer Integralisten und monarchistischer Splittergruppen, deren politischer Radikalismus zunehmend ins Komische kippt. Im Mittelpunkt steht Matthieu Richard, ein junger Mann ohne festen Halt, der sich weniger aus Überzeugung als aus Lust an Provokation und Außenseitertum in dieses Milieu treiben lässt. Der Aufsatz zeigt, wie der Roman mit satirischer Schärfe die Rituale, Sprachformen und Selbstbilder einer Szene offenlegt, die ständig von Größe, Tradition und Untergang spricht, dabei jedoch von inneren Widersprüchen und politischer Inhaltsleere geprägt ist. Im Zentrum der Argumentation steht die These, dass Martin-Karl nicht in erster Linie rechte Ideologien karikiert, sondern eine Form männlicher Selbstinszenierung, in der politische Positionen zu Requisiten einer Pose werden. Anhand der Erzählweise, der Figurenbeziehungen und der spannungsreichen Verbindung von politischer Radikalität und homosexuellem Begehren arbeitet die Interpretation heraus, wie der Roman die vermeintliche Härte seiner Protagonisten als Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Anerkennung und Besonderheit entlarvt. So erscheint "La réaction" letztlich weniger als politischer Roman denn als brillante Satire auf Männlichkeit, Distinktionssucht und die Verwandlung von Politik in ein Spiel der Selbstdarstellung.]]></description>
		
		
		
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		<title>Aufrechtstehen im Untergang: New Orleans bei Laurent Gaudé</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/31/aufrechtstehen-im-untergang-new-orleans-bei-laurent-gaude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 31 May 2026 17:20:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Laurent Gaudé]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_-543x1024.jpg 543w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_-768x1449.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/619Wm-OqHxL._SL1500_.jpg 795w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />Laurent Gaudés Roman "Ouragan" (Actes Sud, 2010) schildert die Verwüstung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina und folgt dabei mehreren Figuren, deren Lebenswege sich im Ausnahmezustand der Katastrophe kreuzen. Im Mittelpunkt stehen die fast hundertjährige Josephine, die sich weigert, ihr Viertel zu verlassen, der von seiner Arbeit auf einer Ölplattform traumatisierte Keanu, seine frühere Geliebte Rose sowie ein Geistlicher, dessen Glaube unter dem Druck der Ereignisse zerbricht. Während der Sturm die Deiche sprengt und die Stadt in den Fluten versinkt, werden soziale Unterschiede, persönliche Traumata und verdrängte Konflikte schonungslos sichtbar. Der Roman erzählt die Naturkatastrophe dabei nicht als realistische Chronik, sondern als vielstimmiges Drama über Verlust, Schuld, Liebe und Überleben. Der Aufsatz untersucht, wie Gaudé den historischen Hurrikan in einen mythisch aufgeladenen Erfahrungsraum verwandelt. Ausgangspunkt ist die These, dass der Sturm als „Offenbarungsinstanz“ fungiert: Er zerstört nicht nur Häuser und soziale Ordnungen, sondern legt zugleich den innersten Kern der Figuren frei. Analysiert werden die polyphone Erzählstruktur, die deutliche Nähe zur Form der antiken Tragödie sowie der lyrisch-epische Stil, der das Geschehen über das Dokumentarische hinaushebt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Zusammenspiel von Stimme und Schweigen, der symbolischen Bedeutung von Raum, Wasser und Körperlichkeit sowie den wiederkehrenden Motiven von Scham, Widerstand und Aufrechtsein. Der Aufsatz argumentiert, dass "Ouragan" soziale Anklage und poetische Verdichtung miteinander verbindet und die Katastrophe als Moment der Wahrheit inszeniert, in dem Untergang und Neubeginn, Verlust und Würde miteinander verbunden werden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Von der Geschichte zur Legende: Alexander der Große bei Laurent Gaudé</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/31/von-der-geschichte-zur-legende-alexander-der-grosse-bei-laurent-gaude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 31 May 2026 09:04:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2012]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Laurent Gaudé]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="184" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_-184x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_-184x300.jpg 184w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_-628x1024.jpg 628w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_-768x1252.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71zEapZFRL._SL1500_.jpg 920w" sizes="auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px" />Laurent Gaudés "Pour seul cortège" (2012) verlagert den historischen Alexanderstoff radikal von der Ebene der Ereignisgeschichte auf die Schwelle zwischen Tod und Nachleben. Statt die bekannten Stationen des Eroberers nachzuerzählen, konzentriert sich Gaudé auf das ausgedehnte Sterben Alexanders in Babylon und auf den Kampf um seinen Leichnam, der zum symbolischen Zentrum des Romans wird. Der Aufsatz argumentiert, dass nicht Alexander als historische Figur, sondern sein sterblicher Körper der eigentliche Protagonist des Werkes ist: An ihm bündeln sich Machtansprüche, Erinnerungsarbeit und die Frage nach der Zugehörigkeit des Toten. Ausgehend von einer Analyse der polyphonen Erzählstruktur, der dramatischen Bauform und der mythisch aufgeladenen Bildfelder von Körper, Hunger, Safran und Wind zeigt der Text, wie Gaudé den historischen Roman in eine Tragödie der Stimmen verwandelt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Figur der Dryptéis, die als Gegenpol zu den machtgierigen Generälen den Übergang vom Besitz des Körpers zur Bewahrung des Geistes verkörpert. Durch den Vergleich mit Gaudés "La mort du roi Tsongor" (2002) und "Le Tigre bleu de l'Euphrate" (2002) wird zudem herausgearbeitet, dass Gaudé ein zentrales Motiv seines Werks fortschreibt: die Frage, wie Tote weiterleben. Die Interpretation deutet "Pour seul cortège" letztlich als Roman über die Macht des Erzählens, das den Menschen der Vergänglichkeit entreißt und ihn in die Sphäre der Legende überführt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Werk, das fehlt: Xavier Garnier und Mohamed Mbougar Sarr im Dialog</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/30/das-werk-das-fehlt-xavier-garnier-und-mohamed-mbougar-sarr-im-dialog/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 May 2026 17:33:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mohamed Mbougar Sarr]]></category>
		<category><![CDATA[Xavier Garnier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL-675x1024.jpg 675w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL-768x1164.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61f47xfM6PL.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Xavier Garniers "Quels lieux pour les littératures en langues africaines ?" und Mohamed Mbougar Sarrs Roman "La plus secrète mémoire des hommes" kreisen beide um die Frage, unter welchen Bedingungen afrikanische Literatur sichtbar wird – und was mit Schriftstellern geschieht, die sich den Erwartungen des französischen Literaturbetriebs entziehen. Garnier rekonstruiert in seiner Studie die verdrängte Geschichte afrikanischsprachiger Literaturen und zeigt, wie stark frankophone Texte von Sprachen wie Wolof, Gikũyũ oder Kiswahili geprägt sind, obwohl diese im internationalen Literaturbetrieb meist unsichtbar bleiben. Sarr erzählt dieselbe Problematik als literarische Suchbewegung: Der junge senegalesische Autor Diégane Latyr Faye verfolgt die Spur des rätselhaften T.C. Elimane, dessen gefeierter Roman von 1938 nach heftigen rassistischen und exotisierenden Reaktionen verschwindet. Der Essay liest beide Bücher als komplementäre Gegenstücke: Garniers theoretische Begriffe – etwa Literatur als „Ökosystem“ aus Sprachen, Orten und Institutionen – machen verständlich, warum Elimane im Roman zugleich bewundert und ausgeschlossen wird, während Sarr Garniers abstrakte Überlegungen in konkrete Szenen übersetzt, etwa in die fingierten Pariser Zeitungskritiken oder die mehrsprachigen Passagen auf Wolof und Serer. Besonders stark ist die Analyse dort, wo sie zeigt, dass afrikanische Autoren im frankophonen Feld bis heute zwischen zwei widersprüchlichen Erwartungen stehen: zugleich „authentisch afrikanisch“ und literarisch universell sein zu müssen. Gerade aus dieser Spannung heraus entwickelt der Essay eine präzise und anschauliche Deutung von Sarrs Roman als Reflexion über literarische Anerkennung, sprachliche Zugehörigkeit und die Möglichkeit des Schreibens unter postkolonialen Bedingungen.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Trilogie der Männlichkeit: Franck Mignot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/29/trilogie-der-maennlichkeit-franck-mignot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 May 2026 13:14:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Franck Mignot]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/faire-avec-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/faire-avec-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/faire-avec.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Aufsatz liest Franck Mignots drei Romane "Mollesse" (2023), "Les Viandards" (2025) und "Faire avec" (2026) als zusammenhängendes erzählerisches Projekt, das eine Genealogie erschöpfter Männlichkeit entwirft. Ausgehend von den programmatischen Titeln, die Erschlaffung, Raubtierhaftigkeit und resignatives Arrangement meinen, arbeitet die Analyse heraus, wie Mignot die Krise männlicher Rollenbilder nicht als spektakulären Zusammenbruch, sondern als langsamen Prozess der Entkräftung beschreibt. Im Zentrum steht die These, dass die drei Romane eine Bewegung vom eruptiven Gewaltakt zur erschöpften Dauerexistenz nachzeichnen: vom mordenden Samuel in "Mollesse" über den kindlichen Beobachter in "Les Viandards" bis zum müden, bleibenden Bertrand in "Faire avec". Der Aufsatz verfolgt diese Entwicklung nicht werkchronologisch, sondern entlang wiederkehrender Strukturmomente – Sprachlosigkeit, Begehren, Vaterschaft, Geschlechterasymmetrie, Raumpoetik und Schreibpraxis – und zeigt, wie sich die Bücher gegenseitig hin auf eine narrative Studie zum Mannsein kommentieren und erhellen. Besonderes Gewicht erhält dabei die Analyse von Mignots Lakonik: Die nüchterne, parataktische Prosa erscheint nicht bloß als Stilmittel, sondern als ethische Haltung einer Welt, in der den Figuren jede stabile Werteordnung abhandengekommen ist. Der Aufsatz argumentiert, dass Mignots Romane den klassischen Bildungsroman systematisch verweigern und stattdessen eine „Chronik des Unveränderlichen“ entwerfen, in der Entwicklung durch Wiederholung ersetzt wird. Gerade darin liegt eine Radikalität der Trilogie: Nicht Katharsis oder Heilung, sondern das erschöpfte „Weiterleben mit dem, was übrig bleibt“ bilde den Horizont dieser Texte. Indem die Studie Mignots Werk zugleich als Milieuchronik, Poetik des Verstummens und Reflexion moderner Männlichkeit liest, macht sie sichtbar, wie eng Form, Sprache und Thema in dieser Trilogie miteinander verschränkt sind.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ausatmen lernen: Meditation und Literatur als Gegenkräfte bei Emmanuel Carrère</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/27/ausatmen-lernen-meditation-und-literatur-als-gegenkraefte-bei-emmanuel-carrere/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 May 2026 08:08:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Emmanuel Carrère]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-932x1536.jpg 932w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L-1243x2048.jpg 1243w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71DPwyvvG6L.jpg 1276w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Emmanuel Carrères "Yoga" (P.O.L. 2020) beginnt als scheinbar überschaubares Projekt: ein „kleines, heiteres und subtiles Buch über Yoga“, geschrieben aus der Perspektive eines Autors, der seit Jahrzehnten Meditation und Tai-Chi praktiziert. Doch schon der Abbruch eines Vipassana-Retreats nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ verschiebt den Text in eine andere Richtung. Aus dem geplanten Essay über Achtsamkeit wird ein Roman über psychische Desintegration, Klinikaufenthalte, depressive und manische Zustände, Erinnerungslücken und die prekäre Suche nach Gegenwärtigkeit. Carrère erzählt von Meditation, ohne je einen spirituellen Erfahrungsbericht daraus zu machen: Gerade die Unfähigkeit zur inneren Stille wird zum Zentrum des Buches. Immer wieder kollidieren meditative Praxis und literarisches Verfahren miteinander – das Ideal des Loslassens mit dem Zwang des Schriftstellers, Gedanken festzuhalten, zu kommentieren und in Sprache zu verwandeln. Der Roman verbindet dabei autobiographische Selbstanalyse mit Reflexionen über Schreiben, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit und entwickelt aus seinen Brüchen eine eigene Form. Räume des Rückzugs – das Schweigeretreat, die psychiatrische Klinik, das Flüchtlingslager auf Léros – erscheinen als Varianten derselben Erfahrung von Isolation und Selbstbeobachtung. Zugleich ist Emmanuel Carrères Text von einer auffälligen Nüchternheit geprägt: Er erzählt weder eine Geschichte der Heilung noch eine der Erleuchtung, sondern beschreibt das Weitermachen unter instabilen Bedingungen. Der Fokus des vorliegenden Aufsatzes auf die autopoetologische Dimension macht die zahlreichen Motive des Romans – Atem, Schweigen, Wiederholung, Selbstbeobachtung und Scheitern – nicht nur thematisch, sondern als Reflexionen über die Bedingungen des Schreibens selbst lesbar. Gerade darin liegt die literarische Spannung des Buches, das aus der Differenz zwischen dem geplanten Yoga-Buch und dem tatsächlich entstandenen Text seine Form gewinnt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Huysmans als Seismograph der Moderne: Agnès Michaux</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/26/huysmans-als-seismograph-der-moderne-agnes-michaux/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2026 09:25:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Agnès Michaux]]></category>
		<category><![CDATA[Joris-Karl Huysmans]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066-717x1024.jpg 717w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066-768x1097.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782749181066.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Agnès Michaux’ Romantrilogie "La fabrication des chiens" und ihre spätere Biographie über Joris-Karl Huysmans bilden zusammen ein außergewöhnliches Doppelprojekt: eine literarische Rekonstruktion des fin de siècle und zugleich ein neuer Blick auf Huysmans als Seismograph der Moderne. Der erste Band der Trilogie (1889) folgt dem jungen Provinzjournalisten Louis Daumale durch das Paris der Exposition universelle, der Eiffelturm-Eröffnung und der Fortschrittsbegeisterung, während unter der glänzenden Oberfläche bereits Nationalismus, Eugenik, soziale Angst und kulturelle Erschöpfung sichtbar werden. Im Zentrum steht Daumales Begegnung mit Huysmans, der nicht als museale Décadence-Ikone erscheint, sondern als radikal aufrichtiger Diagnostiker seiner Zeit: „injuste, parfois seulement, mais en toute sincérité“. Michaux’ Argumentation besteht darin, die Décadence nicht als Pose, sondern als präzise Zivilisationsdiagnose zu lesen. Des Esseintes aus "À rebours" wird nicht als ästhetisches Wunschbild verstanden, sondern als Symptom einer Gesellschaft, deren Reizüberflutung und Künstlichkeit den Menschen deformieren. Diese Idee spiegelt sich im titelgebenden Motiv der „Fabrikation“ von Hunden: Optimierung, Züchtung und gesellschaftliche Dressur werden zur Metapher einer Moderne, die alles Lebendige normiert. In der Biographie radikalisiert Michaux diesen Ansatz weiter, indem sie Huysmans nicht textimmanent, sondern körperlich und sozial situiert liest – als frierenden, nervösen Beamten, dessen Kunst aus physischer Überempfindlichkeit, Großstadtmüdigkeit und kompromissloser Wahrhaftigkeit hervorgeht. So entsteht kein nostalgisches Bild der Belle Époque, sondern eine Analyse der Moderne selbst: 1889 erscheint bei Michaux als jener historische Kipppunkt, an dem Fortschritt und Verfall, Rationalisierung und spirituelle Sehnsucht, Oberfläche und innere Zerrüttung untrennbar ineinander übergehen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Bildstörung: deutsch-französische Interferenzen bei Alain Robbe-Grillet und Claude Ollier</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/25/bildstoerung-deutsch-franzoesische-interferenzen-bei-alain-robbe-grillet-und-claude-ollier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 May 2026 21:54:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Alain Robbe-Grillet]]></category>
		<category><![CDATA[Claude Ollier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="211" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/images-25-300x211.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/images-25-300x211.jpeg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/images-25.jpeg 532w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Aufsatz schlägt eine vielleicht überraschende Genealogie des Nouveau Roman vor, indem er dessen Entstehung nicht im Pariser Literaturbetrieb, sondern in der Extremsituation der Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland verortet. Ausgehend von der Begegnung Alain Robbe-Grillets und Claude Olliers in einer Nürnberger Fabrik rekonstruiert die Lektüre von vier Büchern der Autoren, wie sich unter Bedingungen von Fremdheit, Kontrolle und Entsubjektivierung eine neue Form der Wahrnehmung herausbildet: eine radikale Hinwendung zu Oberflächen, Dingen und räumlichen Strukturen, die psychologische Tiefenmodelle konsequent zurückweist. In Einzelanalysen zeigt der Text, wie diese Erfahrung in spezifische Erzählverfahren übersetzt wird – in fragmentierte Zeitordnungen, instabile Perspektiven und eine Sprache, die weniger deutet als registriert. So entsteht das Bild einer Poetik, die aus historischer Erschütterung hervorgeht, ohne sich je in expliziter Erinnerungsliteratur zu erschöpfen. Die behandelten Romane machen das Verhältnis beider Kulturen nicht zum Thema, sondern schreiben es in ihre formalen Strukturen ein. Das Deutsche erscheint als Erfahrungsraum von Macht und Fremdheit, das Französische als literarische Transformationsinstanz – doch beide sind untrennbar ineinander verschränkt. Diese Texte sind daher deutsch-französische Romane nicht aufgrund ihres Inhalts, sondern weil sie einen Zwischenraum entwerfen, in dem nationale Zuschreibungen instabil werden und Bedeutung erst aus ihrer Überlagerung hervorgeht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Niederlage der Sieger: Laurent Gaudé</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/24/die-niederlage-der-sieger-laurent-gaude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 May 2026 17:17:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2016]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Laurent Gaudé]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61uuo7r2AUL._AC_UF8941000_QL80_-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61uuo7r2AUL._AC_UF8941000_QL80_-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61uuo7r2AUL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 530w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />Laurent Gaudés bislang unübersetzter Roman "Écoutez nos défaites" (2016) ist ein polyphon komponierter Text, der fünf Erzählstränge – vom zeitgenössischen Geheimdienstmilieu bis zu historischen Kriegsschauplätzen (u. a. Hannibal, Grant, Hailé Sélassié) – zu einem dichten Geflecht existenzieller Erfahrungen verbindet, in dessen Zentrum nicht der Sieg, sondern die Niederlage als universale Kategorie steht: militärisch, moralisch und psychisch. Anschauliche, eindringliche Szenen – etwa Grants kalkulierende Kälte nach dem Massaker, Hannibals Konfrontation mit dem Tod des Bruders oder die traumatische Wahrnehmung des Soldaten Sicoh – illustrieren eine Poetik der Stille im Kern der Gewalt, in der Figuren nicht handeln, um zu überwinden, sondern von ihren Erfahrungen belagert werden. Die Rezension liest den Roman als radikale Absage an die Idee des „sauberen Sieges“ und als Kritik gegenwärtiger Remilitarisierung, indem sie die historischen und gegenwärtigen Ebenen systematisch verschränkt. Methodisch arbeitet sie mit paradigmatischen Szenen, die exemplarisch eine Ethik der Niederlage entfalten, und steigert diese zu einer normativen These: Würde entsteht nicht im Triumph, sondern im Umgang mit Verlust. Die Montage der Zeiten und Perspektiven erzeugt keine lineare Entwicklung, sondern eine Bewegung des fortwährenden Übergangs, in der sich Innen- und Außenwelt unauflöslich durchdringen. Die modernen Figuren fungieren als existentielle Resonanzräume der historischen Kriegerfiguren: Assem und Sullivan verkörpern das „Schwanken“ moderner Gewaltakteure, deren Handeln sich im Nachhinein als sinnentleert erweist und die an der Frage nach dem Sinn ihrer Einsätze zerbrechen. Mariam hingegen bildet das entscheidende Gegengewicht, indem sie als Archäologin und Hüterin des kulturellen Gedächtnisses eine Praxis der Bewahrung und Weitergabe verkörpert, die sich jener Logik von Zerstörung und Niederlage entzieht. Während die Agenten im Verschwinden begriffen sind, insistiert Mariam auf der Möglichkeit von Kontinuität – nicht durch Sieg, sondern durch Erinnerung. Der Roman verweigert einen abschließenden Sinn – es gibt weder kathartische Auflösung noch heroische Überhöhung – und erreicht eine seltene Verbindung von erzählerischer Intensität und ethisch-politischer Reflexion.]]></description>
		
		
		
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		<title>Verbergen und Zeigen: die Gewalt der Kunst bei Benjamin de Laforcade</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/21/verbergen-und-zeigen-die-gewalt-der-kunst-bei-benjamin-de-laforcade/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2026 03:59:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Benjamin de Laforcade]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782072961120_1_75-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782072961120_1_75-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782072961120_1_75.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Benjamin de Laforcades Roman "Rouge nu" (Gallimard, 2022) situiert sich um ein paradoxes Zentrum: ein berühmtes Gemälde, das gerade durch seine Unsichtbarkeit Wirkungsmacht entfaltet, indem es – verborgen in einem architektonisch inszenierten Schutzraum – zugleich Mythos und Marktwert steigert, während es eine gewaltsame Geschichte birgt; im Fokus steht die Figur des Malers Andreas Mauser und das Modell Izabela, deren Körper im Akt der künstlerischen Produktion zum Schauplatz von Gewalt wird, die im Diskurs des Geniekults systematisch verschwiegen wird. Die Rezension arbeitet diesen Zusammenhang als dialektisches Verhältnis von Zeigen und Verbergen heraus und liest die ästhetische Technik des Übermalens und Freilegens als Metapher für die kulturelle Logik des Kunstbetriebs: Sichtbarkeit ist selektiv produziert, Unsichtbarkeit nicht bloß Abwesenheit, sondern aktive Verdrängung. Nadeije Laneyrie-Dagens kunsthistorische Studie "Cacher/montrer: une histoire des œuvres invisibles en Occident" (Gallimard, 2024) zeichnet von der Prähistorie bis zur Gegenwart nach, dass Kunstwerke im Westen lange nicht auf permanente Sichtbarkeit angelegt waren, sondern ihre Wirkung gerade aus ritualisierten Praktiken des Verbergens und selektiven Zeigens bezogen, wodurch Sichtbarkeit als historisch regulierte Form von Macht, Begehren und sozialer Kontrolle erscheint. Der Aufsatz verschränkt die narrative Struktur des Romans mit solchen Überlegungen und zeigt so, dass das "unsichtbare" Kunstwerk weniger ein Objekt als ein Dispositiv ist, das Machtverhältnisse stabilisiert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Zeiten und Ländern: Widerstand als Zeitreiseroman bei Martin Winckler</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/20/zwischen-zeiten-und-laendern-widerstand-als-zeitreiseroman-bei-martin-winckler/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 May 2026 00:54:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Winckler]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/amour-a-temps-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/amour-a-temps-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/amour-a-temps.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Ausgehend von Martin Wincklers eigener Biographie als in Algerien geborener jüdischer Arzt, der zwischen kolonialer Geschichte, französischer Erinnerungskultur und späterer Emigration steht, liest die Rezension seinen Roman "L’Amour à temps" (P.O.L., 2026) als literarische Verdichtung eben jener Erfahrung von Entwurzelung und historischer Überlagerung. Der Text verschränkt das populäre Zeitreise-Narrativ mit den historischen Tiefenschichten der deutschen Besatzung, des Widerstands marginalisierter Gruppen und den emanzipatorischen Impulsen von 1968: Bereits der Prolog setzt mit dem eindrücklichen Bild ein, wenn die Bibliothek von Tours in Flammen steht und der junge Arzt Maurice D’Alget inmitten von Rauch und einstürzenden Regalen einen verwundeten Soldaten aus dem Feuer zieht – eine Szene, die Zerstörung von Wissen und zugleich den Impuls zur Rettung paradigmatisch verbindet. Im Zentrum steht sodann die 83-jährige Erzählerin Rachel, die im Jahr 2026 ihre eigene Vergangenheit rekonstruiert und dabei über ein Zeitportal in das Jahr 1942 eingreift; besonders verdichtet erscheint dies in der Szene ihres Besuchs bei den Großeltern im besetzten Paris, wo sie, am ganzen Körper zitternd, vergeblich versucht, sie vor der bevorstehenden Verhaftungswelle zu warnen – ein Moment, in dem historisches Wissen zur existentiellen, aber begrenzten Handlungsmacht wird. Diese doppelte Bewegung – retrospektives Erzählen und körperlich erfahrene Vergangenheit – transformiert Zeitreise von einem spekulativen Motiv zu einem ethischen Verfahren der Vergegenwärtigung von Geschichte, das sich schließlich in der drastischen Tat zuspitzt, als Rachel einen Kollaborateur tötet und damit zwar ein individuelles Schicksal verändert, nicht aber die Logik der Verfolgung aufhebt. Der Aufsatz arbeitet heraus, dass Winckler das Genre hybridisiert – als "roman choral", der durch eine Vielzahl nicht attribuierter Stimmen kollektive Erinnerung gegen das Verstummen organisiert, und als autopoetologisches Projekt, in dem die Erzählerin selbst als Instanz der Archivierung, Kommentierung und Legitimation auftritt. Die Zeitstruktur wird ethische Aporie: Wissen um historische Katastrophen erzeugt Verantwortung, ohne notwendigerweise Handlungsmacht zu garantieren; die Zeitreise erlaubt lediglich "Eingriffe an der Oberfläche", die individuelle Schicksale verschieben, nicht aber die Geschichte als Ganze revidieren. In dieser Perspektive erscheint der Roman als dezidiert gegenwartsbezogenes Erinnerungsnarrativ, das – wie die Rezension pointiert herausstellt – die Sprache des Widerstands von 1942 in die politische Gegenwart überträgt und so die Kontinuität von Gewalt, Ideologie und Gegenwehr sichtbar macht. Insgesamt liest die Interpretation den Text als Verbindung von Körpergedächtnis, Mehrsprachigkeit und polyphoner Zeugenschaft, deren gemeinsamer Fluchtpunkt eine Poetik des Erzählens als Widerstand ist: Schreiben wird hier zur Praxis, die Vergangenheit nicht zu bewahren, sondern sie im Akt der Weitergabe immer wieder neu zu aktualisieren.]]></description>
		
		
		
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		<title>Körper als Schlachtfeld: Boris Bergmann</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/19/koerper-als-schlachtfeld-boris-bergmann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2026 04:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Boris Bergmann]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-964x1536.jpg 964w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover-1286x2048.jpg 1286w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/cover.jpg 1381w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Boris Bergmanns "Les Corps insurgés" (2020) entwirft in einer kunstvoll verschränkten Triptychonstruktur die Lebenslinien dreier Figuren – des Renaissancekünstlers Lorenzo, des Pariser 68ers Baptiste und des gegenwärtigen Migranten Tahar –, deren Erfahrungen jeweils entlang einzelner Körperteile organisiert sind und so eine Poetik des Körpers als historischem Speicher und politischem Austragungsort entfalten: Wangen, Speiseröhre, Leber oder Herz fungieren nicht nur als anatomische Marker, sondern als semantische Verdichtungen von Scham, Begehren, Gewalt und Widerstand, wodurch individuelle Biographien in größere Macht- und Diskurszusammenhänge eingebettet werden. Dabei greift die formale Anlage erkennbar auf die Tradition der "Blasons" zurück, also jener frühneuzeitlichen Gattung, die einzelne Körperteile rhetorisch isoliert und poetisch überhöht, und transformiert sie in eine moderne, gebrochene Ästhetik, in der Fragmentierung nicht mehr der Feier, sondern der Problematisierung des Körpers dient. Die Argumentation des Romans – und dies ist zugleich seine ästhetische Pointe – vollzieht sich weniger diskursiv als strukturell, indem die Parallelmontage der drei Zeitebenen Analogien und Kontraste erzeugt: Während Lorenzo den Körper als Ort künstlerischer Transgression gegen kirchliche Autorität erprobt, zeigt sich bei Baptiste die schleichende Erstarrung eines einst politisierten Körpers, und Tahars Geschichte radikalisiert diese Linie zur existentiellen Zuspitzung im Zeichen von Migration, Prekarität und möglicher Selbstvernichtung. Gerade in der konsequenten Rückbindung sozialer und ideologischer Prozesse an körperliche Erfahrung liegt die argumentative Schärfe des Textes, der Gewalt nicht abstrakt verhandelt, sondern als Einschreibung in den Körper begreift und im finalen Umschlag – Tahars Entscheidung für das Leben im Moment der möglichen Detonation – eine fragile, aber insistente Gegenfigur zur Logik der Zerstörung entwirft.]]></description>
		
		
		
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		<title>Marc Bloch im Pantheon: Historiker, Widerstandskämpfer, Märtyrer der Republik</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/18/marc-bloch-im-pantheon-historiker-widerstandskaempfer-maertyrer-der-republik/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2026 14:56:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Bloch]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="224" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch-224x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch-224x300.png 224w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch-766x1024.png 766w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch-768x1026.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Bloch.png 1085w" sizes="auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px" />Am 23. Juni 2026 wird Marc Bloch ins Panthéon überführt – 82 Jahre nachdem die Gestapo ihn bei Lyon erschossen und seinen Leichnam im Graben liegen gelassen hatte. Dieser Text versucht zu verstehen, was diese Geste bedeutet: für Frankreich, das in Bloch einen Bürger ehrt, dem ein französischer Staat einmal die staatsbürgerlichen und akademischen Rechte beschnitten hatte; für Deutschland, das in ihm ein Opfer seiner eigenen Staatsgewalt wiedererkennen muss; und für die Geschichtswissenschaft, die mit ihm zum ersten Mal einen ihrer Eigenen in den Tempel der Nation einziehen sieht. Er war Mediävist und Offizier, Gründer der "Annales" und Widerstandskämpfer, ein Mann, der das Selbstverständliche als erklärungsbedürftig behandelte und die Wahrheit auch dann nicht losließ, als sie ihn das Leben kostete. Was seine Werke zusammenhält, von den "Rois thaumaturges" bis zur unvollendeten "Apologie", ist weniger eine Methode als eine Haltung: die Weigerung, Geschichte von innen einer einzigen Gemeinschaft zu erzählen. Als Grabinschrift hatte er sich "dilexit veritatem" gewählt – er liebte die Wahrheit. Die Republik gibt ihm jetzt die Antwort, die er 1940 nicht erhalten hat.]]></description>
		
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		<title>Politische Rhetorik in Trümmern: Mathieu Larnaudie und Nicolas Idier</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2026 02:36:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mathieu Larnaudie]]></category>
		<category><![CDATA[Nicolas Idier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61qfvCdOz-L._AC_UF10001000_QL80_-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61qfvCdOz-L._AC_UF10001000_QL80_-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/61qfvCdOz-L._AC_UF10001000_QL80_.jpg 530w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />Die Doppelrezension liest Mathieu Larnaudies "Acharnement" (2012) und Nicolas Idiers "Matignon la nuit" (2024) als zwei ergänzende Diagnosen eines politischen Diskurses, der seinen Bezug zu den Menschen verloren hat und nur noch um sich selbst kreist. Beide Romane erzählen stark reduzierte Handlungen: Bei Larnaudie schreibt ein ehemaliger Redenschreiber zurückgezogen in der Provinz immer neue Reden, probt sie und verwirft sie wieder, während reale Katastrophen nur am Rand auftauchen. Bei Idier soll ein Berater in einer einzigen Nacht im Regierungssitz eine Rede verfassen, verliert sich jedoch zunehmend in Begegnungen, Erinnerungen und Abschweifungen. Besonders deutlich wird dies in zwei Bildern: der Holzestrade, auf der Müller seine Reden ins Leere hinein probt, und der nächtlichen Krisenmaschine von Matignon, in der Sprache nur noch aus austauschbaren „éléments“ besteht. Die Rezension vergleicht auch die Schreibweisen der beiden Autoren: Larnaudies lange, verschachtelte und sich selbst kommentierende Prosa erscheint als Nachahmung und zugleich Kritik politischer Rhetorik. Idiers fragmentierter und offener Stil wirkt dagegen wie eine Sabotage des politischen Diskurses, die neue Möglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig verbindet die Rezension diese Stilanalyse mit den Figuren, den Handlungsformen und der Zeitstruktur der Romane: hier die endlose Wiederholung bei Larnaudie, dort die verdichtete Chronologie einer einzigen Nacht bei Idier. So stützen sich Form und politische Diagnose gegenseitig. Die Argumentation der Rezension beginnt mit der Analyse rhetorischer Mechanismen wie Rhythmus, Punchline und medialer Inszenierung und untersucht anschließend die Stellung der Sprecherfiguren: auf der einen Seite der entlassene Redenschreiber, auf der anderen der „sous-plume“ innerhalb des Regierungsapparats. Hinzu kommt die Frage nach dem Publikum, das entweder ganz abwesend ist oder nur noch als hypermediale Masse erscheint. Am Ende bleiben zwei ausweglose Möglichkeiten: entweder trotz erkannter Sinnlosigkeit weiterzuschreiben (bei Larnaudie) oder aus dem politischen Diskurs auszubrechen und nach einer anderen Form von Handlung zu suchen (bei Idier).]]></description>
		
		
		
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		<title>Odysseus in Paris: Epos ohne Zentrum mit James Joyce</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/17/odysseus-in-paris-epos-ohne-zentrum-mit-james-joyce/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 May 2026 09:17:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/156990_couverture_Hres_0.jpg 1366w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Band "Ulysse à Paris" (Seuil, 2024) unternimmt eine Fortschreibung der homerisch-joyce'schen Traditionslinie, indem er die epische Struktur der Irrfahrt radikal pluralisiert und in das sozial, politisch und historisch aufgeladene Terrain des Pariser Nordens verlegt. Der kollektive Roman, gemeinsam mit der Zeitschrift Cockpit herausgegeben, ist nicht nur eine lose Anthologie, sondern ein ästhetisch wie theoretisch kohärentes Projekt, das literarische Vielstimmigkeit programmatisch als Gegenmodell zur epischen Einheit inszeniert. Statt eines souveränen Helden entfaltet sich ein Geflecht heterogener Stimmen, deren Figuren – von migrantischen Subjekten über feministische Neuformulierungen mythischer Rollen bis hin zu erinnerungspolitisch sensibilisierten Flaneuren – die Odyssee als Erfahrung von Entortung, Prekarität und fragmentierter Identität durchlaufen. Die Rezension arbeitet heraus, wie die einzelnen Beiträge jeweils spezifische homerische Episoden und Joycesche Verfahren transformieren: sei es durch die Entleerung des Heroischen (de Quatrebarbes), die Ironisierung genealogischer Autorität (Fiat), die Politisierung mythischer Gewalt im Kontext des Holocaustgedächtnis (Comment) oder die radikale Subjektivierung marginalisierter Perspektiven (Schavelzon, Noël).  Tiphaine Samoyault akzentuiert Erinnerung als Modus einer nie abgeschlossenen Heimkehr. Gabriela Vazquez verdichtet Migration zur epistemischen Perspektive, die das Zentrum konsequent aus der Peripherie heraus denkt. Die Analyse verfolgt die dichte intertextuelle Verschränkung und liest formale Verfahren (Polyphonie, Bewusstseinsstrom, Katalogtechnik) als Träger historischer und ideologischer Bedeutungen. Hierbei wird sichtbar, dass das zentrale Movens des Bandes die Dekonstruktion der Heimkehr ist: Ithaka erscheint nicht mehr als erreichbarer Ort, sondern als leere Signatur, ersetzt durch provisorische, oft prekäre Formen des Ankommens, die weder Identität stabilisieren noch Geschichte versöhnen. Die Rezension selbst folgt damit einer doppelten Bewegung – sie rekonstruiert die genealogische Tiefe des Projekts und insistiert zugleich auf dessen zeitdiagnostischer Schärfe –, wodurch "Ulysse à Paris" als ein Epos sichtbar wird, das seine eigene Möglichkeit permanent infrage stellt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Diaspora als Bewegung: Manuel Carcassonne</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/16/diaspora-als-bewegung-manuel-carcassonne/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2026 16:07:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Manuel Carcassonne]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="204" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71AkK-mhdhL._UF10001000_QL80_-204x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71AkK-mhdhL._UF10001000_QL80_-204x300.jpg 204w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71AkK-mhdhL._UF10001000_QL80_.jpg 680w" sizes="auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px" />Manuel Carcassonnes "Le Retournement" (Grasset, 2022) setzt mit einem unscheinbaren Satz ein – „Souvent, Nour et moi, nous nous disputions“ – und entfaltet daraus die Geschichte eines Mannes, der erst spät, zwischen Pariser Verlagsbüros und einem Krankenhausbett im Hôpital Cochin, zwischen der Lektüre von Flavius Josephus und den Straßen des zerstörten Beirut, zu der Einsicht gelangt, dass „jüdische Herkunft“ kein neutraler Befund ist, sondern eine existenzielle Zuschreibung. Ausgelöst durch die Begegnung mit Nour, der libanesisch-christlichen Schriftstellerin aus Achrafieh, deren hartnäckige Verwechslung von „israélite“ und „israélien“ das Identitätsproblem exemplarisch zuspitzt, und durch eine persönliche Krise, unternimmt der Erzähler eine assoziative Reise durch die Geschichte der „Juden des Papstes“, durch Familienarchive, philosophische Lektüren und politische Gegenwarten. Die Rezension liest dieses bewusst hybride, zwischen Liebesgeschichte, Essay und historischer Archäologie changierende Buch als literarische Form eines „retournement“: nicht als Rückkehr zu einem Ursprung, sondern als Bewegung der Verschiebung und Überlagerung, in der Identität gerade dort entsteht, wo sie sich eindeutiger Festlegung entzieht. Vom wiederkehrenden Streit am Anfang bis zur erschöpften Schlafgeste am Ende – Nour, die nach der Explosion vom 4. August 2020 durch die Trümmer von Mar Mikhael geht, und der Erzähler, der sie küsst, ohne Antworten gefunden zu haben – zeigt der Text, so die These der Rezension, dass Jüdischsein in der späten Moderne weder Glauben noch Land noch Sprache meint, sondern eine bestimmte Erfahrung von Zeit, Erinnerung und Alterität: eine fortgesetzte Bewegung, die sich im Schreiben selbst vollzieht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Leim und Leben: eine Phänomenologie des Buches</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/15/zwischen-leim-und-leben-eine-phaenomenologie-des-buches/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 May 2026 08:45:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Jullien]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-667x1024.jpg 667w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-768x1179.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1-1001x1536.jpg 1001w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/Le_format_d_un_livre-1334x2048-1.jpg 1334w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Michel Julliens "Le Format d’un livre" (Verdier, 2026) blättert eine ebenso präzise wie sinnlich gesättigte Phänomenologie des Buches auf, die nicht vom Text, sondern vom Objekt ausgeht: vom Gewicht der Seiten, vom Geruch des Papiers, von der Haltung der lesenden Hände. In lose gefügten, erzählerisch grundierten Kapiteln verbindet Jullien buchhistorische Miniaturen – vom Dépôt légal der Renaissance bis zur Typografie der Pléiade – mit autobiografischen Szenen und ethnografisch genauen Beobachtungen des Lesens als körperlicher Praxis. Das Buch erscheint dabei als ein Zeitbehälter eigener Art: Es speichert nicht nur Texte, sondern Spuren gelebten Lebens – Fingerabdrücke, Fundstücke, Gebrauchsspuren – und gewinnt seine Bedeutung aus dem Zusammenspiel von Material, Form, Gebrauch und Erinnerung. Julliens Essay bewegt sich damit jenseits klassischer Gattungen zwischen Dingbeschreibung, Kulturgeschichte und Selbstnarration und macht anschaulich, dass das Buch bereits spricht, bevor es gelesen wird.]]></description>
		
		
		
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		<title>Demontage deutsch-französischer Geschichtsmythen in Eric Vuillards récits</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/14/demontage-deutsch-franzoesischer-geschichtsmythen-in-eric-vuillards-recits/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 May 2026 10:34:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2012]]></category>
		<category><![CDATA[2017]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Vuillard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="181" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/81MWbTbRoL._UF10001000_QL80_-181x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/81MWbTbRoL._UF10001000_QL80_-181x300.jpg 181w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/81MWbTbRoL._UF10001000_QL80_.jpg 603w" sizes="auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px" />Éric Vuillards "La bataille d'Occident" (2012) und "L'ordre du jour" (2017) sind zwei Récits über den Krieg, die den Ersten und den Zweiten Weltkrieg nicht als Nationalgeschichten, sondern als Produkte wechselseitig verschränkter deutsch-französischer Mythologien erzählen: Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 bildet dabei den strukturellen Horizont beider Texte, aus dem die komplementären Selbstbilder beider Nationen – die deutsche Rationalitätsmythologie des unaufhaltsamen Militärapparats und der französische "élan"-Mythos der glorreichen Offensive – als traumatische Spiegelreflexe voneinander hervorgehen. Der Aufsatz argumentiert, dass Vuillards literarisches Verfahren wesentlich in einer doppelten Demontage besteht: Er zeigt zum einen, dass die vermeintliche deutsche Effizienz ein Bluff ist – die Panzer der Wehrmacht stehen auf der Straße nach Linz im Stau, Schlieffen verschiebt Papierfiguren über eine vergilbte Landkarte –, und zum anderen, dass der französische Revanchismus in Joffres kulinarischen Elsass-Phantasien kollabiert, während die Soldaten in roten Uniformhosen ins Maschinengewehrfeuer marschieren. Verbindendes Erklärungsmodell ist dabei weder nationale Wesensart noch politischer Irrationalismus, sondern Kapitalinteresse und Klassenlogik: Die vierundzwanzig Industriellen, die 1933 Hitler finanzieren, erscheinen bei Vuillard als zivile Fortsetzung derselben buchhalterischen Rationalität, die Schlieffen seinen Vernichtungsplan als Gewinnspekulation entwerfen ließ. Als Gattung des Récit – einer Hybridform zwischen Essay, Historiographie und Roman – praktiziert Vuillard dabei eine autopoetologisch reflektierte Poetik des Gegen-Archivs, die die verdrängten Namen der Opfer, die kollabierten Mythen der Täter und die fortwirkende Amnesie der Konzerne gegen die Domestizierung der Geschichte zur folkloristischen "déesse raisonnable" einer erstarrten Geschichtspolitik stellt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Gesellschaft im Modus der Fragmentierung &#8211; Literatur als Antwort auf die Krise der Repräsentation: Robert Lukenda</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/12/gesellschaft-im-modus-der-fragmentierung-literatur-als-antwort-auf-die-krise-der-repraesentation-robert-lukenda/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 May 2026 14:13:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Annie Ernaux]]></category>
		<category><![CDATA[Didier Eribon]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Vuillard]]></category>
		<category><![CDATA[Virginie Despentes]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="199" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda-199x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda-199x300.jpeg 199w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda-679x1024.jpeg 679w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda-768x1158.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/gesellschaftsdarstellung-im-zeitalter-der-singularitaeten-gebundene-ausgabe-robert-lukenda.jpeg 796w" sizes="auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px" />Robert Lukendas Studie "Gesellschaftsdarstellung im Zeitalter der Singularitäten: narrative Antworten auf die zeitgenössische Repräsentationskrise Frankreichs" ist eine umfassende Analyse der Frage, wie französische Gegenwartsliteratur auf die Erfahrung reagiert, dass „Gesellschaft“ als zusammenhängendes Ganzes zunehmend ungreifbar geworden ist. Ausgehend von Szenen wie Annie Ernaux’ ethnografischem Blick auf den Supermarkt oder Éric Vuillards Rekonstruktion namenloser Revolutionsakteure zeigt Lukenda, dass Literatur dort ansetzt, wo politische und mediale Diskurse soziale Wirklichkeit nur verzerrt oder gar nicht mehr erfassen. In einem ersten, breit angelegten Theorieteil entfaltet er die historische und gegenwärtige Repräsentationskrise Frankreichs – von der Spannung zwischen republikanischem Einheitsanspruch und sozialer Ungleichheit bis zur Fragmentierung in „France périphérique“ und Metropolen –, bevor er im zweiten Teil literarische Antworten analysiert: autosoziobiografische Selbstbefragungen (Ernaux, Eribon), dokumentarische Rekonstruktionen (Vuillard), kollektive Erzählprojekte ("Raconter la vie") und serielle Formate. Die Rezension argumentiert, dass Lukenda Literatur überzeugend als ein Medium der „Vermittlung“ bestimmt, das soziale Relationen sichtbar macht, wo klassische Repräsentationsformen versagen; zugleich betont sie kritisch, dass diese Literatur häufig die Perspektive der „Unsichtbaren“ privilegiert, während Eliten, politische Institutionen und ästhetische Eigenlogiken unterbelichtet bleiben. In diesen Werken entsteht das Bild eines Frankreichs, das sich selbst nur unzureichend beschreibt – und einer Literatur, die diese Lücke sichtbar macht, ohne sie vollständig schließen zu können.]]></description>
		
		
		
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		<title>Ein Thriller als Corneille-Tragödie: Patrick Besson</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/12/ein-thriller-als-corneille-tragoedie-patrick-besson/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 May 2026 04:41:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Patrick Besson]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Corneille]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71rZAeo0tNL._AC_UF8941000_QL80_-194x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71rZAeo0tNL._AC_UF8941000_QL80_-194x300.jpg 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71rZAeo0tNL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 648w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Patrick Bessons Kriminalroman "Presque tout Corneille" (Stock, 2025, zit. als PTC) funktioniert wie eine Tragödie von Corneille, die sich als Urlaubskomödie verkleidet hat: Georges Charpy, ein entlassener Pariser Journalist, trifft seinen ehemaligen Chef im Hotel Aiglon auf Korsika wieder und beginnt, ihn bei jedem erdenklichen Spiel zu demütigen – Schwimmen, Tennis, Schach, Tischtennis –, getrieben von seiner korsischen Frau Colomba, die wie Mérimées gleichnamige Heldin den Mann zur Vendetta drängt, ohne es je auszusprechen, eine Machtstruktur, die der Aufsatz als das eigentliche Zentrum der Handlung identifiziert. Währenddessen liest Lisa, die Tochter des Hoteldirektors, am Poolrand chronologisch das Gesamtwerk Corneilles – eine Tragödie pro Tag –, und ihre Zitate kommentieren das Geschehen wie ein klassischer Chor: "Qui vit haï de tous ne saurait longtemps vivre" (aus Cinna). "Qui se laisse outrager mérite qu'on l'outrage" (aus Héraclius). Sätze, die Corneilles zentrales Thema umkreisen, nämlich die Frage, ob der Mensch das, was er will, mit dem, was er darf, je in Einklang bringen kann, und die im Roman die Funktion haben, die Mordhandlung als moralisch vorherbestimmt erscheinen zu lassen, nicht als Ausnahme, sondern als Konsequenz. Der Chef wird enthauptet aufgefunden, später auch eine zweite Figur; Georges bekennt beide Morde – den ersten aus Ehre, den zweiten aus Eifersucht –, und der Aufsatz liest diesen doppelten Mord als Beleg dafür, dass Besson nicht Corneille in den Thriller einführt, sondern zeigt, dass der Thriller dieselbe moralische Architektur besitzt wie das klassische Theater: Schuld entsteht dort, wo der Wille, sich Genugtuung zu verschaffen, stärker ist als die Vernunft, die zur Mäßigung mahnt, und Lisa, die am Ende Corneille abbricht – "Oui : trop de sang." –, vollzieht damit jene Geste, die den Kern des Romans markiert: Literatur kann die Gewalt kommentieren, aber nicht aufhalten.]]></description>
		
		
		
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		<title>Schönheit, Verderben und literarische Genealogie: Capotes Schuld, Aragons Abschied, Simon Liberati und Taïnés Tod</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/11/schoenheit-verderben-und-literarische-genealogie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 May 2026 04:21:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Frédéric Doré]]></category>
		<category><![CDATA[Louis Aragon]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Proust]]></category>
		<category><![CDATA[Simon Liberati]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1-188x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1-188x300.jpeg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1-643x1024.jpeg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1-768x1223.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/9782234086340-001-X-1.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Simon Liberatis "New York City Inferno" (Stock, 2026) schließt eine Romantrilogie ab, die mit "Les Démons" (2020) im Paris der späten 1960er Jahre begann und über das Rom des Jahres 1970 ("La Hyène du Capitole", 2024) ins Manhattan der Jahre 1974–75 führt – ein New York am Wendepunkt zwischen Pop und Punk, zwischen dem letzten Glamour der Nachkriegskultur und der ersten dunklen Ahnung einer Epidemie, die noch keinen Namen hat. Im Zentrum stehen die russisch-stämmigen Geschwister Tcherepakine: Taïné, androgyn, toxikoman, proto-punk avant la lettre, die auf dem Schoner Elseneur in Palma de Mallorca stirbt, und Alexis, der vagabundierende Möchtegern-Schriftsteller, der am Ende Capotes Geld nimmt und das Buch zu schreiben beginnt, das der erste Band der Trilogie bereits ist – eine Möbius-Schlaufe, in der Entstehungsgeschichte und Werk untrennbar ineinandergreifen. Der Aufsatz interpretiert die Trilogie als zirkuläre Struktur: Das Buch, das Alexis am Ende des dritten Bandes ankündigt, trägt denselben Titel wie "Les Démons", und diese Zirkularität ist eine poetologische Aussage – Literatur entsteht nicht aus der Leere, sondern aus dem Überleben, aus dem Material der Toten. Truman Capote, der im Roman als lebende Leiche erscheint und dem Schüler den apostolischen Auftrag erteilt, ist dabei die Schlüsselfigur: Liberati vollbringt, was Capote mit "Answered Prayers" nicht konnte, weil der soziale Sieg das Schreiben unmöglich gemacht hatte – er schreibt den amerikanischen Proust als französischen, mit derselben Gesellschaftschronik, demselben Verrat, derselben Überzeugung, dass Klatsch eine literarische Form ist, aber mit der affektiven Aufladung, die Capotes klinischer Ironie fehlt. In dieser Konstellation erhält auch der kurze, halluzinatorisch schöne Auftritt Louis Aragons sein volles Gewicht: Der alte Kommunist, der durch eine beschlagene Fensterscheibe auf ein Balthus-Tableau schaut und Nerval-Verse summt, ist nicht nur eine intertextuelle Geste, sondern der Zeuge des Endes – der letzte Vertreter einer europäischen Literatur des Engagements, der sich von Bérénice (so hieß die Hauptfigur von Aragons "Aurélien") verabschiedet, die bei Liberati anders als bei Aragon keine historische Märtyrerin ist, sondern eine rein ästhetische Vision der Jugend, die der alte Mann durch Glas sieht und nicht berühren kann, bevor er auf dem Sandweg verschwindet und eine Epoche mit sich nimmt.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Die unerreichbare Stadt: Heiligkeit, Geschichte und Gewalt im französischen Jerusalemroman</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/10/die-unerreichbare-stadt-heiligkeit-geschichte-und-gewalt-im-franzoesischen-jerusalemroman/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 10 May 2026 16:12:30 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[André Schwarz-Bart]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="200" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-300x200.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-300x200.png 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-1024x683.png 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-768x512.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning-272x182.png 272w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/sunrise-over-jerusalem-easter-morning.png 1536w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Welchen Ort nimmt Jerusalem in der französischen Gegenwartsliteratur ein – und was verrät dieser Ort über die Literatur selbst? Der vorliegende Aufsatz untersucht elf Romane und Erzähltexte von André Schwarz-Bart bis Nathan Devers, von Valérie Zenatti bis Justine Augier, von Élie Wiesel bis Mathias Énard, und zeigt, dass Jerusalem in diesen Werken nie bloße Kulisse ist, sondern strukturierendes Prinzip: eine Stadt, die den Figuren die Orientierung nimmt, Verdrängtes zurückbringt, Zugehörigkeiten aufzwingt und Formen sprengt. Aus dem Vergleich treten drei Funktionstypen hervor – Jerusalem als eschatologischer Raum, als politischer Brennpunkt und als existentieller Spiegel –, die sich quer durch die Texte verteilen und überlappen, ohne je zur Deckung zu kommen. Dabei erweist sich eine spezifisch französische Optik als konstitutiv: Der republikanische Laizismus, das Erbe der Aufklärung, die Erfahrung der Shoa als Teil der eigenen Geschichte – all das färbt die Wahrnehmung einer Stadt, die für Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig ist und deren dreifache Heiligkeit seit Jahrhunderten Kriege ebenso wie Sehnsüchte produziert hat. Einen eigenen Akzent setzen arabische und muslimische Autoren wie Karim Kattan, Amin Maalouf oder Adania Shibli, die Jerusalem nicht als Ankunftsort einer langen Sehnsucht beschreiben, sondern als Ausgangspunkt erzwungenen Exils – und die das Französische als strategisch gewähltes Medium nutzen, um palästinensische Begriffe und Erfahrungen in einen westlichen Diskurs einzuschreiben, der sie sonst nicht kennt. Was die untersuchten Werke jenseits aller Unterschiede verbindet, ist das Bewusstsein, dass Jerusalem sich dem souveränen Erzählerblick entzieht: Keiner dieser Texte triumphiert über seinen Gegenstand; alle tragen die Spuren des Ortes, an dem sie gescheitert sind.]]></description>
		
		
		
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		<title>Krieg als Erbe: Zur Systematik transgenerationeller Prägung bei Julia Weidmann</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/07/krieg-als-erbe-zur-systematik-transgenerationeller-praegung-bei-julia-weidmann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 May 2026 05:14:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Alain Robbe-Grillet]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann-193x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann-193x300.jpeg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann-657x1024.jpeg 657w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann-768x1197.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/kontinuum-der-kriege-gebundene-ausgabe-julia-weidmann.jpeg 770w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Die Rezension stellt Julia Weidmanns Studie "Kontinuum der Kriege: intergenerationelles Erzählen der Weltkriege in der französischen Gegenwartsliteratur" (Winter, 2025) als grundlegende, komparatistisch angelegte Untersuchung eines zentralen Phänomens der französischen Gegenwartsliteratur vor: des intergenerationellen Erzählens der Weltkriege. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Nachgeborene – von der „Wunde“- bis zur „Erbe“-Generation – familiale Kriegserfahrungen in literarischer Form rekonstruieren, indem sie zwischen archivalischer Recherche und Imagination vermitteln. Weidmann entwickelt hierfür ein eigenständiges Modell eines „Kriegskontinuums“, das die tradierten numerischen Generationenkategorien durch eine metaphorische, am Trauma orientierte Skalierung ersetzt, und operationalisiert dieses Konzept in einer vierstufigen Analysemethode, die sie auf ein breit gefächertes Korpus von Autorinnen und Autoren (u.a. Claude Simon, Patrick Modiano, Ivan Jablonka, Anne Berest) anwendet. Die Rezension würdigt insbesondere die methodische Klarheit, die differenzierten close readings und den Nachweis wiederkehrender Erzählstrukturen über Generationen hinweg, hebt aber auch begrenzte Schwächen hervor, etwa eine gewisse Schematisierung im komparatistischen Seitenblick und die vergleichsweise randständige Behandlung ästhetischer Detaildimensionen. Insgesamt erscheint die Studie als ein substantieller Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, der ein tragfähiges Instrumentarium zur Analyse transgenerationeller Erinnerung bereitstellt und zugleich neue Perspektiven für die Erforschung zukünftiger Erzählformen eröffnet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Schreiben gegen den Tod des Geliebten: Céline Zufferey</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/05/schreiben-gegen-den-tod-des-geliebten-celine-zufferey/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 May 2026 15:22:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Céline Zufferey]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/G09887.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Céline Zuffereys Roman „Maxence“ (Gallimard, 2026) ist ein fragmentarisch komponiertes Schreibprojekt, das aus der antizipierten Trauer um den Geliebten hervorgeht und sich jeder konventionellen Liebesnarration verweigert: In lose gefügten Kapiteln – Listen, Miniaturen, Beobachtungen, Reflexionen – entsteht das Porträt eines Mannes, das zugleich Liebesbericht, Gedächtnisexperiment und poetologische Selbstbefragung ist, getragen von der zentralen Spannung zwischen dem Wunsch, das Vergängliche festzuhalten, und der Einsicht in die prinzipielle Unzulänglichkeit sprachlicher Fixierung. Die Erzählerin schreibt gegen den zukünftigen Verlust an, indem sie Körper, Stimme, Gesten und Alltagspraktiken Maxences minutiös registriert, dabei jedoch zunehmend reflektiert, dass jede Beschreibung reduktiv bleibt und das Lebendige in ein potenzielles „Tombeau“ verwandelt. Die Interpretation arbeitet heraus, dass gerade diese Einsicht in das eigene Scheitern zum ästhetischen Prinzip wird: Die Form des Fragments, die rhapsodische Zeitstruktur und die wechselnde Adressierung (zwischen dritter Person und intimem „tu“ an den lebenden wie den antizipiert toten Maxence) sind nicht bloß stilistische Mittel, vielmehr notwendige Antworten auf das ethische und epistemologische Dilemma des Textes. Indem die Besprechung die vier Lektüreachsen – Liebesbericht, Erkenntniskritik, Autopoetik und Zeitreflexion – systematisch freilegt und zugleich die semantischen Felder von Körper, Archiv und Prolepsis bündelt, legt sie im Roman eine Poetik der Vortrauer frei, in der der Tod nicht als Ereignis erscheint, sondern als permanente Einschreibung in die Gegenwart, die zu einer Intensivierung des Alltäglichen führt: Das Schreiben, das den Verlust bannen soll, wird so selbst zum Medium einer gesteigerten Gegenwärtigkeit, ohne den grundlegenden Widerspruch zwischen Leben und Aufzeichnung je aufzulösen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Francesco Petrarca und die Seinen: Étienne Anheim</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/02/francesco-petrarca-und-die-seinen-etienne-anheim/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 May 2026 05:21:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Etienne Anheim]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="184" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/31H-Jb9TqBL-184x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/31H-Jb9TqBL-184x300.jpg 184w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/31H-Jb9TqBL.jpg 306w" sizes="auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px" />Étienne Anheims "Pétrarque: portrait de famille" (Minuit, 2026) rekonstruiert das literarische Projekt Francesco Petrarcas als Ergebnis dichter familiärer Verflechtungen und versteht dessen Werk als ein diskursives „Familienporträt“, in dem genealogische Konstruktion, soziale Einbettung und poetische Selbststilisierung untrennbar ineinandergreifen. Auf der Grundlage einer Verbindung von Textlektüre und Archivforschung zeigt Anheim, wie Petrarca seine Herkunft entlang einer patrilinearen Notarsgenealogie mythisiert, während er zugleich zentrale Figuren – insbesondere Mutter, Tochter und die Mütter seiner Kinder – systematisch marginalisiert oder zum Schweigen bringt. Die Konstellationen von Vater (als zu überwindendes Berufsmodell), Bruder (als spirituelles alter ego), Laura (als reale Leerstelle, imaginäre Geliebte und symbolische Chiffre der Dichtung) sowie Kindern und Freunden entfalten sich als strukturierende Relationen, in denen Petrarca seine Autoridentität formt. Dabei erscheint das Schreiben stets als adressierte, fragmentarische Praxis innerhalb einer erweiterten „familia“, die sich aus Verwandten, Korrespondenten und literarischen Nachfolgern zusammensetzt. Die Spannungen zwischen archivalisch rekonstruierbarer Sozialgeschichte und literarischer Selbstinszenierung werden von Anheim nicht aufgelöst, sondern als produktiver Ort begriffen, an dem Petrarca seine eigene Genealogie erfindet und zugleich das Modell moderner Autorenschaft begründet – ein Modell, das auf selektiver Erinnerung, symbolischer Überformung und der Transformation familiärer Bindungen in literarische Transmission beruht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Austausch und Unverständnis: Jacques Decour, Philisterburg</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/01/austausch-und-unverstaendnis-jacques-decour-philisterburg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 May 2026 11:30:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Reserve]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Jacques Decour]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="253" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/decour-253x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/decour-253x300.jpg 253w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/decour.jpg 497w" sizes="auto, (max-width: 253px) 100vw, 253px" />Jacques Decours "Philisterburg" (1932, Éds. Allia, 2023) ist paradigmatisch als Text einer Poetik des „Dazwischen“: ein hybrides Werk zwischen Tagebuch, Essay, Reisebericht und politischer Diagnose, das aus der Perspektive eines jungen französischen Germanistikstudenten das Deutschland der späten Weimarer Republik erkundet und zugleich die epistemischen Bedingungen dieser Beobachtung reflektiert. Im Zentrum steht dabei nicht eine einseitige Darstellung des Fremden, sondern die produktive Spannung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Teilnahme und kritischer Selbstbefragung, die sich sowohl formal – in der Verschränkung von narrativen und essayistischen Passagen – als auch inhaltlich manifestiert. Decours Text entfaltet ein dichtes Panorama gesellschaftlicher, politischer und kultureller Kräfte, in dem Figuren weniger als Individuen denn als Träger struktureller Positionen im deutsch-französischen Beziehungsgefüge erscheinen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Rolle von Sprache und Übersetzung als Ort des Missverstehens wie der Erkenntnis, der Analyse von Stereotypen und Feindbildern sowie dem Vergleich unterschiedlicher Bildungssysteme als Ausdruck divergierender Weltverhältnisse. Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden politischen Lage um 1930 gewinnt die Darstellung eine prophetische Schärfe, ohne je in deterministische Eindeutigkeit zu verfallen. Die Rezension arbeitet heraus, wie Decour das „Dazwischen“ nicht als harmonische Synthese, sondern als konflikthaften, erkenntnisgenerierenden Raum begreift, in dem kulturelle Differenz sichtbar und denkbar wird – und wie gerade diese literarische Haltung dem Text seine anhaltende Aktualität und intellektuelle Dringlichkeit verleiht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Brücken bauen, Gräben vertiefen: Pauline Dreyfus</title>
		<link>https://rentree.de/2026/05/01/bruecken-bauen-graeben-vertiefen-pauline-dreyfus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 May 2026 09:13:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
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		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71IXVsr24FL._AC_UF8941000_QL80_-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71IXVsr24FL._AC_UF8941000_QL80_-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/05/71IXVsr24FL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 634w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Pauline Dreyfus’ "Un pont sur la Seine" (2025) entfaltet, ausgehend von der Katastrophe eines Fährunglücks im Jahr 1828, die über Generationen gespannte Geschichte zweier durch die Seine getrennter Dorfgemeinschaften, deren Schicksale sich im Bau, der Zerstörung und dem Wiederaufbau einer Brücke verdichten: Anhand der Familie Vernet und ihrer genealogischen Verzweigungen verfolgt der Roman die Transformation vom agrarischen Milieu zur Industriegesellschaft und weiter in die postindustrielle Gedächtniskultur, wobei historische Einschnitte – Kriege, Volksfront, Okkupation, Deindustrialisierung – als strukturierende Kräfte in die Lebensläufe eingeschrieben werden. Zugleich insistiert die Erzählung auf ihrer eigenen Künstlichkeit: Figuren erscheinen weniger als psychologisch singuläre Individuen denn als typisierte Träger sozialer Positionen, deren Konflikte – etwa zwischen Winzer und Fabrikarbeiter, Résistance-Erbin und Erinnerungspolitiker – die Persistenz gesellschaftlicher Spaltungen sichtbar machen. Der Aufsatz arbeitet heraus, wie das zentrale poetische Prinzip des Romans in der mehrdimensionalen Konstruktion der Brücke liegt: als historisches Objekt, topographische Achse, soziales Diagnoseinstrument und philosophische Metapher, die im Sinne einer selbstreflexiven Geschichtspoetik gerade nicht Versöhnung stiftet, sondern Differenz produziert und sichtbar macht. In dieser Dialektik von Dokumentation und Fiktion, von historischer Genauigkeit und ironischer Distanz erweist sich Dreyfus’ Text als bewusste Fortschreibung und zugleich kritische Brechung der Tradition des historischen Gesellschaftsromans: Er demonstriert, dass die großen Narrative von Fortschritt und Verbindung an den mikrosozialen Realitäten scheitern und dass jede Form von Geschichtserzählung – im Roman wie im von ihm entworfenen Museumsprojekt – notwendig ihre eigene Konstruktionslogik mitreflektieren muss.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Israel, Gaza und der französische Intellektuellendiskurs nach dem 7. Oktober: Deutungshoheiten bei Denis Sieffert</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/30/israel-gaza-und-der-franzoesische-intellektuellendiskurs-nach-dem-7-oktober-deutungshoheiten-bei-denis-sieffert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Apr 2026 10:27:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/C1_la-mauvaise-cause_web-663x1024-1-194x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/C1_la-mauvaise-cause_web-663x1024-1-194x300.jpg 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/C1_la-mauvaise-cause_web-663x1024-1.jpg 663w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Die Rezension analysiert die französische Intellektuellendebatte nach dem 7. Oktober 2023 als ein zutiefst polarisiertes Diskursfeld, in dem sich drei zentrale Positionen herausgebildet haben: ein dominantes pro-israelisches Lager, ein marginalisiertes propalästinensisches Spektrum sowie eine fragile, lange kaum hörbare Zwischenposition. Im Zentrum steht Denis Siefferts Buch "La mauvaise cause" (2026), das als engagierte Gegenrede gegen eine aus seiner Sicht hegemoniale, pro-israelische Diskursordnung gelesen wird. Die Rezension rekonstruiert detailliert Siefferts Argumentation – von der historischen Verflechtung Frankreichs mit Israel über die Analyse medialer und rhetorischer Mechanismen bis hin zur Kritik prominenter Intellektueller wie Gilles Kepel und Eva Illouz – und arbeitet heraus, dass sein zentraler Einsatzpunkt in der Re-Politisierung des Konflikts als Kolonialfrage liegt. Im Vergleich mit Kepels geopolitisch-religionswissenschaftlichem Ansatz und Illouz’ soziologischer Kritik an der westlichen Linken zeigt die Rezension die fundamentalen epistemischen Differenzen dieser Positionen auf: Während Kepel und Illouz die Reaktionen auf den 7. Oktober problematisieren, richtet Sieffert den Blick auf die Mechanismen der Diskursmacht und die Unsichtbarmachung palästinensischen Leids. Abschließend bewertet die Rezension das Buch als wichtige, wenn auch nicht unproblematische Intervention, die exemplarisch die politischen, medialen und moralischen Bruchlinien des gegenwärtigen Frankreich offenlegt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Brückenschlag und Selbstkorrektur: Ernst Robert Curtius</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/27/brueckenschlag-und-selbstkorrektur-ernst-robert-curtius/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2026 07:50:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[André Gide]]></category>
		<category><![CDATA[André Suarès]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Péguy]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Robert Curtius]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Claudel]]></category>
		<category><![CDATA[Romain Rolland]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="250" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/William_Orpen_-_The_Signing_of_Peace_in_the_Hall_of_Mirrors-250x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/William_Orpen_-_The_Signing_of_Peace_in_the_Hall_of_Mirrors-250x300.jpg 250w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/William_Orpen_-_The_Signing_of_Peace_in_the_Hall_of_Mirrors-855x1024.jpg 855w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/William_Orpen_-_The_Signing_of_Peace_in_the_Hall_of_Mirrors-768x920.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/William_Orpen_-_The_Signing_of_Peace_in_the_Hall_of_Mirrors-1282x1536.jpg 1282w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/William_Orpen_-_The_Signing_of_Peace_in_the_Hall_of_Mirrors-1710x2048.jpg 1710w" sizes="auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px" />"Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich" von Ernst Robert Curtius eröffnet als Produkt der unmittelbaren Nachkriegszeit aus der Erfahrung politischer Niederlage heraus einen bewusst gegenläufigen, europäisch orientierten Deutungsraum: Indem Curtius 1918/20 zentrale französische Autoren (Gide, Rolland, Claudel, Suarès, Péguy) als Träger einer geistigen Erneuerung präsentiert, betreibt er weniger neutrale Literaturvermittlung als eine kulturpolitische Intervention gegen nationale Ressentiments und stereotype Frankreichbilder. Die Rezension arbeitet heraus, dass Curtius’ Argumentation auf einer doppelten Bewegung beruht: einerseits der Dekonstruktion des deutschen Klischees vom rationalistischen, „lateinischen“ Frankreich durch den Nachweis transnationaler, insbesondere auch „germanischer“ Einflüsse; andererseits der Konstruktion eines „wahren Frankreichs“, das als pädagogische Projektionsfläche für ein erneuertes, europäisch gewendetes Deutschland stehen kann. Dabei wird die Spannung zwischen dokumentierter Feindschaft (etwa bei Suarès) und programmatischer Überblendung durch den Europagedanken nicht nivelliert, sondern als produktiver Widerspruch gelesen. Kritisch markiert die Rezension zugleich die selektive Anlage und die lebensphilosophische Wertungshierarchie des Buches, die bestimmte Strömungen ausblendet und andere normativ überhöht. Insgesamt erscheint Curtius’ Studie so als ein zugleich zeitgebundenes und methodisch wegweisendes Unternehmen: als rhetorisch gesteuerte Selbstkorrektur nationaler Wahrnehmung, die Literaturwissenschaft in den Dienst einer intellektuellen Verständigung stellt.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Die Sitcom-Diktatur: politisches Denken, literarische Form, Machiavelli und Giorgia Meloni bei Hélène Frappat</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/27/die-sitcom-diktatur-politisches-denken-literarische-form-machiavelli-und-giorgia-meloni-bei-helene-frappat/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2026 04:25:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Hélène Frappat]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="158" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/61Tu5uMrgSL._SL1368_-158x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/61Tu5uMrgSL._SL1368_-158x300.jpg 158w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/61Tu5uMrgSL._SL1368_-539x1024.jpg 539w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/61Tu5uMrgSL._SL1368_.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" />Der Roman "Nerona" (2025) von Hélène Frappat entwirft die Herrschaft einer rechtspopulistischen Diktatorin als ein zugleich groteskes und erschreckend präzises Modell politischer Gegenwart: In einer namenlosen europäischen Nation regiert Nerona mittels Dekreten und medialer Dauerinszenierung, während eine polyphone, fragmentierte Erzählstruktur – Reden, Interviews, prophetische Gesänge, Filmszenen – die Gleichzeitigkeit von Macht, Gewalt und Verdrängung sichtbar macht; zentrale Motive sind die Mythisierung der eigenen Herkunft, die systematische Konstruktion von „Feinden im Inneren“, die Pervertierung humanitärer Diskurse etwa im Migrationslager sowie die Eskalation zur apokalyptischen Selbstzerstörung, die in der Figur des Matricidiums und im Nero-Topos kulminiert. Die Rezension argumentiert dabei, dass Frappats literarische Form selbst Erkenntnis produziert: Indem sie Populismus als „Sitcom“ modelliert – als endlose Wiederholung affektiver und rhetorischer Muster ohne Lernfähigkeit –, verbindet sie Gattungspoetik mit politischer Theorie; zugleich liest die Rezension den Roman als machiavellistische Parodie, in der klassische Begriffe wie „virtù“ oder „fortuna“ in zynische Managementlogiken überführt werden. Die Verschränkung von Diskursanalyse und Ästhetik wird herausarbeitet: Die Vielstimmigkeit fungiert als demokratischer Gegenentwurf zum monologischen Populismus, während die Figur Neronas als Verdichtung realer politischer Akteurinnen (insbesondere Giorgia Meloni) lesbar wird, ohne in bloße Satire zu verfallen. Insgesamt zeigt die Interpretation, dass Frappats Roman weniger eine dystopische Übertreibung als vielmehr eine Diagnose ist: Populistische Herrschaft erscheint als ein Regime der Sprache und Wahrnehmung, dem die Literatur durch ihre formale Komplexität eine kritische Gegenwahrnehmung entgegensetzt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Bretagne beginnt im Kopf: Hommage an Jack Kerouac von Pierre Adrian</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/26/die-bretagne-beginnt-im-kopf-hommage-an-jack-kerouac-von-pierre-adrian/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Apr 2026 17:57:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Adrian]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="197" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/512BICRYVkL._SL1094_-197x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/512BICRYVkL._SL1094_-197x300.jpg 197w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/512BICRYVkL._SL1094_-674x1024.jpg 674w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/512BICRYVkL._SL1094_.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px" />Pierre Adrians "Le rêve inachevé de Jack Kerouac" (2026) rekonstruiert und überformt die gescheiterte Bretagne-Reise von Jack Kerouac (1965) zu einem doppelten Bewegungsmodell aus literarischer Pilgerschaft und Selbstsuche: Ausgehend von Kerouacs genealogischer Obsession – der Rückkehr zu einem bretonischen Ursprung, der sich als unerreichbar erweist – konstruiert Adrian eine assoziativ strukturierte, intertextuell dichte Reiseerzählung, die Brest als melancholischen Resonanzraum zwischen amerikanischer Beat-Ästhetik und bretonischer Kultur imaginiert; das „unvollendete“ Satori fungiert dabei als Leitmotiv einer Poetik des Scheiterns, in der gerade die verfehlte Erleuchtung produktiv wird. Der Aufsatz arbeitet heraus, dass Adrians Text weniger dokumentarische Rekonstruktion als Fortschreibung von Kerouacs "Satori à Paris" ist: Während Kerouacs spontane Prosa ein unmittelbares, desorientiertes Erleben protokolliert, erscheint Adrians Schreiben als reflektierter, zentripetaler Zugriff, der das historische Scheitern semantisch auflädt und in ein elegisches Narrativ überführt. So wird die strukturelle Parallelität von genealogischer Suche und existenzieller Entwurzelung herausgearbeitet und Brest als Topos einer „wartenden Möglichkeit“ gelesen; die Interpretation verfolgt die These, dass Identität hier nicht genealogisch, sondern literarisch erzeugt wird („terre sans aïeux“). Eine gewisse Tendenz zur Mythisierung bleibt jedoch erkennbar: Die Deutung affirmiert Adrians Lesart, was freilich die Brüche und Ironien bei Kerouac zugunsten einer kohärenten Sinnfigur des Scheiterns pointiert. Insgesamt zeigt die Interpretation von Adrians Transformation eines biografischen Fehlschlags in einen literarischen Mythos und macht plausibel, dass Adrian weniger Kerouac erklärt als dessen Unabschließbarkeit produktiv weiterschreibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Zweistromland zwischen archaischer Mythologie, imperialer Gegenwart und postkolonialer Schuld: Olivier Guez</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/22/das-zweistromland-zwischen-archaischer-mythologie-imperialer-gegenwart-und-postkolonialer-schuld-olivier-guez/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Apr 2026 10:27:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Olivier Guez]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="186" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/guez-mesopotamia-186x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/guez-mesopotamia-186x300.jpg 186w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/guez-mesopotamia-634x1024.jpg 634w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/guez-mesopotamia-768x1240.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/guez-mesopotamia.jpg 929w" sizes="auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px" />Olivier Guez’ „Mesopotamia“ (Grasset, 2024, dt. „Die Welt in ihren Händen“, Kiepenheuer &#038; Witsch, 2026) rekonstruiert in Form einer historiografischen Fiktion das Leben der britischen Archäologin und Kolonialbeamtin Gertrude Bell als Knotenpunkt zweier ineinandergreifender Narrative: der Emanzipationsgeschichte einer außergewöhnlichen Frau und der gewaltsamen Genese des modernen Irak im Kontext des britischen Imperialismus nach dem Ersten Weltkrieg. Der Roman verfolgt Bells Weg von der wissenschaftlichen Erschließung Mesopotamiens bis zu ihrer maßgeblichen Rolle bei der politischen Neuordnung der Region, wobei historische Akteure wie T. E. Lawrence, Winston Churchill und Faisal I. in ein dichtes Geflecht aus Diplomatie, Mythologie und Machtpolitik eingebunden werden. Zentral ist dabei die poetische Konstruktion Mesopotamiens als Palimpsest, in dem sich archaische Zivilisationen (Sumer, Babylon) und moderne Kolonialinteressen überlagern; diese Tiefenschichtung fungiert zugleich als ideologische Matrix imperialer Legitimation und als ironische Brechung ihrer Hybris. Die Interpretation arbeitet heraus, dass Guez’ eigentliches Argument in der strukturellen Analogie von Archäologie und Kolonialherrschaft liegt: Beide operieren als Formen epistemischer Aneignung, die Wissen in Macht übersetzen und so politische Ordnungen hervorbringen, deren Fragilität im postkolonialen Epilog – vom Sturz der Monarchie bis zu den Kriegen des 20. und 21. Jahrhunderts – evident wird. Die zyklische Zeitstruktur und die mythische Übercodierung werden als narrative Strategien gedeutet, die das britische Projekt als nur eine Episode in einer longue durée imperialer Wiederholungen erscheinen lassen; dabei wird die Tendenz betont, die französisch-britische Rivalität primär als Spiegelstruktur zu lesen. Insgesamt zeigt die Rezension, wie Guez Bell als tragische Figur zwischen Erkenntnis und Komplizenschaft inszeniert und damit eine fundamentale Kritik an der Illusion imperialer Gestaltungsmacht formuliert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Gesang im Chaos: Apokalypse, Nomadentum und Widerstand bei Mathieu Belezi</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/22/gesang-im-chaos-apokalypse-nomadentum-und-widerstand-bei-mathieu-belezi/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Apr 2026 07:00:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Mathieu Belezi]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="209" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/images-21-209x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/images-21-209x300.jpeg 209w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/images-21.jpeg 373w" sizes="auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px" />Mathieu Belezis "Cantique du chaos" entwirft eine nachapokalyptische Welt, die aus einem biblisch überhöhten Sintflutereignis hervorgegangen ist und deren politische wie existenzielle Ordnung von Gewalt, Leere und Entwurzelung geprägt ist: Im Zentrum steht der alternde Desperado Théo Gracques, der nach einem gescheiterten Rückzug als Eremit mit Chloé und deren Kindern quer durch das zerstörte Europa und Amerika flieht, während sich seine Gegenwart unablässig mit den lyrisch verdichteten Erinnerungen an die verlorene Liebe Léonore und den Tod des gemeinsamen Kindes verschränkt; nach weiteren Verlusten und zunehmendem körperlichen Verfall endet seine Bewegung im Stillstand am Orinoco, wo er stirbt und sein letztes Gedicht einer jungen Frau überlässt, die es memorierend bewahrt. Der Aufsatz liest diesen Handlungsbogen als dreifach strukturierte Poetik – zwischen Road Novel, Epos und Lyrikzyklus –, in der das Unterwegssein zugleich räumliche Bewegung, Erinnerungsarbeit und Sterbeprozess ist, und arbeitet präzise heraus, wie Belezi durch die Verschränkung eines mythischen Eingangsgesangs, prosaischer Fluchtkapitel und poetischer Tagebucheinträge eine „Poetik des Endes“ etabliert: Schreiben erscheint hier nicht als Repräsentation von Welt, sondern als letzte autonome Handlung in einer Welt ohne Alternativen. Die gattungshybride Form wird hierbei als Antwort auf die dargestellte Katastrophe gedeutet – die barocke Sprachfülle gegen die Leere der verwüsteten Welt, die lyrische Zeitenthobenheit gegen die Linearität des Verfalls, die weiblichen Figuren als Trägerinnen von Handlung und Überlieferung gegen den erschöpften männlichen Erzähler. Indem sie diese formalen und thematischen Linien engführt, zeigt die Rezension den Roman nicht nur als dystopische Erzählung, sondern als Reflexion über die Bedingungen von Literatur selbst: Das „Cantique“ wird zur letzten, prekär fortbestehenden Form von Sinnstiftung im Angesicht totaler Desintegration.
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		<title>Tous coupables: der Pelicot-Prozess als Dokumentartheater von Milo Rau und Servane Dècle</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/21/tous-coupables-der-pelicot-prozess-als-dokumentartheater-von-milo-rau-und-servane-decle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Apr 2026 14:53:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Milo Rau]]></category>
		<category><![CDATA[Servane Dècle]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782080153494_1_75-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782080153494_1_75-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782080153494_1_75.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Milo Rau und Servane Dècle haben aus dem Prozessmaterial der Vergewaltigungen von Mazan ein Oratorium in 40 Fragmenten geschaffen, "Le Procès Pelicot", das den historischen Strafprozess gegen Dominique Pelicot und seine 50 Mitangeklagten in ein vielstimmiges Theaterdokument verwandelt: Anklageschriften, Zeugenaussagen, Straßeninterviews, psychiatrische Expertisen, feministische Manifeste, Täterbiographien und SMS-Dialoge werden zu einem Panorama montiert, das nicht die juristische Wahrheit, sondern die gesellschaftliche Tiefenstruktur der Gewalt sichtbar machen will. Die vorliegende Interpretation verfolgt, wie Rau dabei auf mehreren Ebenen zugleich operiert: poetologisch durch die Wahl des Oratoriums als Form der meditativen Vergegenwärtigung ohne szenische Handlung, intertextuell durch die Rahmung mit Petrarcas "Ascension du mont Ventoux" als Kritik des male gaze, und dramaturgisch durch eine Anordnung der 40 Fragmente, die vom äußeren Rechtsrahmen über Täterbiographien und soziologische Analyse bis zu feministischer Gegenrede führt. Dabei zeigt die Interpretation, dass Raus stärkste Entscheidungen oft Entscheidungen der Auslassung sind: kein Pathos, keine politische Klasse, keine Synthese der offenen Gerechtigkeitsfragen. Im Zentrum steht Gisèle Pelicot selbst – nicht als Heilige oder Ikone, sondern als politische Akteurin, deren Weigerung, den Huis-clos zu akzeptieren, zur Grundgeste des gesamten Stücks wird und die im Epilog, jenseits der 40 nummerierten Fragmente, das letzte Wort behält.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Mythos und Massenmord: deutsch-französische Romane im Zeichen des Dritten Reiches</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/16/zwischen-mythos-und-massenmord-deutsch-franzoesische-romane-im-zeichen-des-dritten-reiches/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 Apr 2026 00:08:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Reserve]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Jonathan Littell]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Tournier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/71VTTjmXfKL-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/71VTTjmXfKL-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/71VTTjmXfKL-648x1024.jpg 648w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/71VTTjmXfKL-768x1214.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/71VTTjmXfKL-971x1536.jpg 971w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/71VTTjmXfKL-1295x2048.jpg 1295w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/71VTTjmXfKL.jpg 1619w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Michel Tourniers "Le Roi des Aulnes" (1970) und Jonathan Littells "Les Bienveillantes" (2006) sind, trotz des Abstands von 36 Jahren und zweier grundverschiedener literarischer Temperamente, beide deutsch-französische Romane im präzisesten Sinne: Tournier schickt seinen Pariser Garagisten Abel Tiffauges als Kriegsgefangenen nach Ostpreußen, wo er Deutschland als mythologisches Spiegelland erlebt – Hirschherden wie Wappentiere, Görings Jagdschloss als "palais sur rails", die Napola-Burg Kaltenborn als Erfüllung einer Erlkönig-Obsession –, bis das jüdische Kind Ephraïm am Ende alle seine Zeichen invertiert und sich im letzten Satz in den Davidstern verwandelt; Littell stattet seinen Ich-Erzähler Max Aue, SS-Offizier und Massenmörder, mit einer elsässischen Herkunft, einer französischen Mutter, einer Sciences-Po-Ausbildung und Pariser Kollaborationsfreunden aus, so dass die deutsch-französische Hybridität nicht als humanisierende Brücke, sondern als Voraussetzung der Komplizenschaft erscheint – wer Racine und Hölderlin gleich gut kennt, schreibt den Massenmord eben in besserem Französisch. Die vorliegende kontrastive Interpretation argumentiert, dass beide Romane exakt diese Gemeinsamkeit teilen: Sie verweigern die tröstliche Erzählung, wonach der Nationalsozialismus ein kulturell Fremdes war, das dem deutsch-französischen Erbe von außen aufgezwungen wurde, und zwingen stattdessen ihre Protagonisten – den faszinierten Franzosen wie den hybriden Täter – dazu, die eigene Bildung, Faszination und Sprachkenntnis als Einfallstor zu erkennen. Dabei unterscheidet die Rezension scharf zwischen Tourniers mythologischer Verfremdung – das Verbrechen wird in archaische Muster (Erlkönig, Christophoros, Inversion der Zeichen) sublimiert, um erst so sichtbar zu werden – und Littells hyperrealistischer Immanenz, die jeden mythologischen Schutzschirm verweigert und den Leser durch Aues kultivierten Berichtston in eine Komplizenschaft zieht, aus der er sich nicht heraushalten kann; die Rezension legt nahe, dass diese Differenz nicht nur ästhetisch, sondern historisch erklärbar ist: 1970 war Auschwitz noch unbeschreiblich, man sublimierte – 2006 war es akademisiert und musealisiert, und Littell insistierte auf der Unverarbeitbarkeit. Als deutsch-französische Texte werden beide Romane dabei auch auf ihre Sprachpolitik hin befragt: das Deutsche, das Tournier im Roman als ehrfürchtig unübersetztes Fremdkörper-Material stehen lässt (Napola, Reichsjägermeister, Jungmann), und das Französische, das Littell als Schreibsprache für den deutschen Massenmord wählt – ein literarisches Sakrileg, das die "clarté française" gegen sich selbst kehrt und damit die These der Rezension illustriert, dass die deutsch-französische Kulturgemeinschaft das schwarze Loch in ihrer Geschichte nicht schließen, sondern nur umkreisen kann.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Zwischen Vollendung und Verstummen: Antoine Compagnon</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/12/zwischen-vollendung-und-verstummen-antoine-compagnon/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 12 Apr 2026 20:32:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Antoine Compagnon]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/81lAe3Jh0dL._AC_UF10001000_QL80_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/81lAe3Jh0dL._AC_UF10001000_QL80_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/81lAe3Jh0dL._AC_UF10001000_QL80_.jpg 642w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Antoine Compagnons "La Vie derrière soi: Fins de la littérature" (2021) versammelt die ausgearbeiteten Vorlesungen seines letzten Collège-de-France-Zyklus zu einer weitgespannten, essayistisch geführten Reflexion über die „Enden“ der Literatur – verstanden zugleich als Abschluss, Ziel, Grenze und Auflösung. Ausgehend von den Gegenpolen Roland Barthes (Nicht-Schreiben) und Marcel Proust (Schreiben bis zuletzt) entfaltet Compagnon eine Poetik des Spätstils, die literarische, kunsthistorische und philosophische Diskurse miteinander verschränkt. Anhand eines europäischen Kanons – von Nicolas Poussin und Rembrandt über François-René de Chateaubriand bis zu Samuel Beckett – untersucht das Buch Figuren des Alterswerks, des Verstummens, des Schwanengesangs und der letzten Worte, ohne diese Phänomene auf eine einheitliche Theorie zu reduzieren. Seine leitende, eher vorgeführte als explizit formulierte These lautet, dass Literatur wesentlich eine Praxis der Endlichkeit ist: Sie gewinnt ihre Bedeutung gerade im Umgang mit dem eigenen Ende. Mit dem Begriff des „aevum“ beschreibt Compagnon Literatur als eine Zeitform zwischen individueller Vergänglichkeit und kultureller Dauer, in der sich Sterblichkeit und Überlieferung verschränken. So erscheint das Ende der Literatur nicht als ihr Verschwinden, sondern als ihr privilegierter Vollzug – als eine Kunst des Abschiednehmens, die im Schreiben selbst ihre Form findet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zugehörigkeit als Ausschluss: die fremde Sprache und der Vater als Yekkes bei Dory Manor</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/08/zugehoerigkeit-als-ausschluss-die-fremde-sprache-und-der-vater-als-yekkes-bei-dory-manor/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Apr 2026 02:14:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Manor Dory]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782246841760-001-X-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782246841760-001-X-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782246841760-001-X-699x1024.jpeg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782246841760-001-X-768x1124.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782246841760-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Roman zeigt, wie jüdische Identität zugleich als historischer Schutz und als normierende Einschreibung im Körper wirkt und den Einzelnen in ein unauflösbares Spannungsverhältnis zwischen Diaspora und israelischer Zugehörigkeit stellt. Ein Sohn schreibt seinem toten Vater in einer fremden Sprache und zeigt dabei, wie sich Geschichte, Herkunft und Macht unauslöschlich in Körper, Namen und Begehren einschreiben – und wie man ihnen nur entkommt, indem man sie neu erzählt. Manor Dorys "Le Gorille" (Grasset, 2026) untersucht, wie Identität durch historische, körperliche und sprachliche Einschreibungen hervorgebracht wird – und wie sich diese Einschreibungen nicht überwinden, sondern nur transformieren lassen. Ausgangspunkt ist die Konstellation eines autobiographisch grundierten Briefromans, in dem ein Sohn seinem toten Vater, um sich dessen Zugriff zu entziehen und ihn zugleich literarisch neu zu erzeugen. Von hier aus rekonstruiert der Aufsatz die zentralen Bewegungslinien des Textes: die Kindheitserfahrung eines körperlich und symbolisch abweichenden Vaters (Nicht-Beschneidung, Namenswechsel von Reinhard zu Ezer), die eigene Adoleszenz als Phase der gewaltsamen Annäherung an eben diesen Körper und der gleichzeitigen Abwehr (bis hin zur Psychiatrie-Episode und homoerotischen Regungen), sowie das Erwachsenenleben, in dem sich die genealogischen, politischen und erotischen Konflikte in einer transnationalen Existenz zwischen Tel Aviv, Berlin und Paris bündeln. Die Interpretation liest den Roman entlang der These, dass unterschiedliche Machtordnungen – Familie, Religion, Staat, Männlichkeit – homolog funktionieren, insofern sie den Körper markieren, disziplinieren und lesbar machen; die Beschneidung wirkt als paradigmatische Figur, wird jedoch durch Namen, Sprachen und institutionelle Praktiken erweitert. Besondere Aufmerksamkeit gilt den poetologischen Verfahren: der Wahl des Französischen als „privater“ Sprache des Schreibens, der Mosaikstruktur als Abbild eines nicht-linearen Gedächtnisses, der Figur des Deadnamings als Schnittstelle von zionistischer Namenspolitik und queer-theoretischem Denken. Zugleich arbeitet die Rezension die zentrale Paradoxie jüdischer Existenz heraus, die der Roman in eine prägnante Bildform bringt: Was in Europa Überleben sicherte (der unbeschnittene Körper), bedeutet in Israel Ausschluss – eine historische Verkehrung, die sich im Körper des Vaters realisiert und im Schreiben des Sohnes explizit gemacht wird. In dieser Perspektive erscheint das Schreiben selbst als ambivalente Praxis: nicht als Befreiung von Gewalt, sondern als deren Verlagerung in eine selbstbestimmte Form, als „Übersetzung“, die Treue nur durch Verrat ermöglicht. Der Schluss – die Ankündigung eines unbeschnittenen, mehrsprachigen Kindes – wird als bewusste Unterbrechung eines Einschreibungszusammenhangs gedeutet, dessen Fortwirken der Roman zugleich reflektiert und nicht aufhebt.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Francia als neue Marianne: Allegorie eines kaleidoskopischen Frankreich bei Nancy Huston</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/07/francia-als-neue-marianne-allegorie-eines-kaleidoskopischen-frankreich-bei-nancy-huston/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 05:05:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Nancy Huston]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="159" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/huston-159x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/huston-159x300.jpg 159w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/huston.jpg 530w" sizes="auto, (max-width: 159px) 100vw, 159px" />"Francia" (Actes Sud, 2024) von Nancy Huston ist ein zugleich erzählerisch konzentrierter und thematisch weit ausgreifender Roman: Im Zentrum steht die transgeschlechtliche Protagonistin Francia, die aus Kolumbien stammt und die der Roman an einem Maitag im Pariser Bois de Boulogne als Sexarbeiterin begleitet; dieser streng eingegrenzte Zeitrahmen bildet die Bühne für ein vielstimmiges Panorama, in dem siebzehn männliche Kunden – aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen und biographischen Kontexten – nacheinander auftreten und ihre verborgenen Bedürfnisse, Traumata und Selbsttäuschungen offenbaren. Durch Rückblenden entfaltet sich zugleich Francias eigene Geschichte vom als Rubén geborenen Kind über die Transition bis hin zur selbstgewählten Identität, die sich im Namen „Francia“ programmatisch mit dem Land Frankreich verschränkt. Der Roman konstruiert so ein „kaleidoskopisches Porträt“ der französischen Gegenwartsgesellschaft, in dem Fragen von Migration, Geschlecht, Männlichkeit und sozialer Ungleichheit ineinandergreifen. Die Interpretation deutet, dass Francia als eine „neue Marianne“ gelesen werden kann, also als moderne Allegorie der französischen Republik selbst: Ihr Körper, ihre hybride Identität und ihre soziale Position bündeln die Widersprüche eines Landes, das von postkolonialer Vielfalt, sozialen Spannungen und kollektiven Traumata geprägt ist. Entsprechend argumentiert der Aufsatz, dass Francia nicht nur individuelle Figur, sondern symbolische Projektionsfläche nationaler Selbstverständigung ist. Dabei wird besonders die doppelte Perspektivstruktur herausgestellt – die expansive Innensicht der Männer versus Francias nüchterne, professionelle Außenwahrnehmung –, aus der sich eine implizite Kritik männlicher Selbstdeutung ergibt: Die Männer erscheinen weniger als autonome Subjekte denn als von Begehren, Angst und gesellschaftlichen Erwartungen Getriebene. Zentral ist ferner die These der Universalisierung von „Prostitution“ als sozialem Prinzip („tout le monde est pute“), die die moralische Sonderstellung der Sexarbeit aufhebt und stattdessen Austausch, Bedürftigkeit und Inszenierung als allgemeine menschliche Praktiken deutet. Die Interpretation liest Hustons Verfahren des Multiperspektivismus, der Polyphonie und der metafiktionalen Selbstreflexion (Figur der „Griffonne“) als poetologisches Programm: Literatur erscheint selbst als Akt der Einfühlung und Aneignung, der ethisch riskant, aber erkenntnisproduktiv ist. Insgesamt zeichnet sie den Roman als zugleich politischen und zutiefst empathischen Text, der gesellschaftliche Konfliktlinien nicht didaktisch auflöst, sondern in der Figur Francias – als „neuer Marianne“ – verdichtet und sichtbar macht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Genealogie des Hasses: Autobiographie, Antisemitismus und die Poetik der Geschichte bei Édouard Drumont und Christophe Donner</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/06/genealogie-des-hasses-autobiographie-antisemitismus-und-die-poetik-der-geschichte-bei-edouard-drumont-und-christophe-donner/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Apr 2026 09:48:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Christophe Donner]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/150854_couverture_Hres_0-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/150854_couverture_Hres_0-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/150854_couverture_Hres_0-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/150854_couverture_Hres_0-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/150854_couverture_Hres_0-932x1536.jpg 932w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/150854_couverture_Hres_0.jpg 1214w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Christophe Donners Roman "La France goy" breitet, wie der Aufsatz herausarbeitet, ein genealogisches Erzählprojekt aus, in dem individuelle Familiengeschichte und kollektive Ideologiegeschichte ineinandergreifen: Ausgangspunkt ist die archivalische Spurensuche des Ich-Erzählers nach seinem Urgroßvater Henri Gosset, die sich rasch zu einer weit ausgreifenden Rekonstruktion des französischen Antisemitismus seit dem späten 19. Jahrhundert erweitert. Über Gossets soziale Mobilität und seine Verstrickung in das Umfeld von Léon Daudet und Edgar Bérillon wird die Familie direkt in das ideologische Netzwerk der Zeit eingebunden, während parallel die Biographie Édouard Drumonts als „Anatomie des Hasses“ entfaltet wird, die zeigt, wie persönliches Scheitern, soziale Kränkung und mediale Strategien zu einer wirkungsmächtigen antisemitischen Erzählung kondensieren. Ergänzt wird dieses Geflecht durch Gegenfiguren wie die anarchistische Marcelle Bernard sowie durch die genealogische Perspektive auf den Großvater Jean Gosset, dessen Tod im Konzentrationslager die historischen Linien brutal kulminieren lässt. Die Interpretation argumentiert, dass Donners Verfahren weder rein autobiographisch noch klassisch historisch ist, sondern als „genealogische Archäologie“ eine reflexive Poetik des Archivs entwickelt, in der Dokumente, Fiktion und Selbstbeobachtung ineinandergreifen und die Grenzen zwischen Selbst- und Fremdbiographie systematisch unterlaufen werden. Zentral ist dabei die These einer strukturellen Kontinuität des Antisemitismus, die nicht diskursiv behauptet, sondern erzählerisch vorgeführt wird, indem der Roman ideologische, sprachliche und affektive Sedimente über Generationen hinweg sichtbar macht. Donners literarische Leistung wird darin gesehen, den Antisemitismus nicht nur moralisch zu verurteilen, sondern seine ästhetischen und narrativen Attraktionskräfte offenzulegen: Drumonts Erfolg wird als Resultat einer erzählerischen Logik verstanden, die diffuse Ressentiments in eine kohärente Geschichte überführt. Daraus ergibt sich ein anspruchsvoller kritischer Zugriff, der das Schreiben selbst als ambivalente Macht begreift – als Medium sowohl der ideologischen Verführung als auch der aufklärerischen Gegenarbeit – und der den Roman insgesamt als Versuch liest, durch die literarische Durchdringung genealogischer Verstrickungen eine Form von historischer Erkenntnis zu gewinnen, die über bloße Faktizität hinausgeht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Auferstehung: Rausch, Wahn und Offenbarung bei Cécile Delacoudre</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/05/auferstehung-rausch-wahn-und-offenbarung-bei-cecile-delacoudre/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Apr 2026 05:05:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Cécile Delacoudre]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/images-3-205x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/images-3-205x300.png 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/images-3.png 458w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Cécile Delacoudres Roman "La Baptiste" (2026) erzählt die Geschichte einer Pariser Techno-Produzentin, die im Spannungsfeld von künstlerischer Selbstermächtigung, sozialem Absturz und religiöser Ekstase eine radikale Grenzerfahrung durchlebt: Anastasie Hirsch, bipolar und medikamentenverweigernd, deutet ihr Leben zunehmend als messianische Sendung, in der Musik zur Liturgie, die Technoszene zum Sakralraum und die Taufe zum zentralen – zugleich rettenden wie zerstörerischen – Handlungsmuster wird. Der erzählerische Bogen führt von einer exzessiven Geburtstagsnacht im Schatten des Brandes von Notre-Dame de Paris über eine Serie sozialer Verluste (Sorgerecht, Beziehungen, künstlerische Autonomie) bis zur finalen Katastrophe im Schlamm eines Teknivals, wo Vision, Selbstauflösung und ein ambivalentes Moment möglicher „Auferstehung“ ineinanderfallen. Der Aufsatz liest diesen Verlauf nicht als lineare Pathographie, sondern als bewusst offen gehaltene Konstellation dreier gleichrangiger Deutungsrahmen: ethnografische Milieustudie der Technokultur, phänomenologisch präzise Innensicht einer manisch-psychotischen Episode und ernstzunehmende, d.h. nicht ironisierte religiöse Erzählung. Die Argumentationlinie betont, dass der Text die Entscheidung zwischen Wahnsinn und Weisheit (im paulinischen Sinn) systematisch suspendiert: Die unzuverlässige Ich-Erzählinstanz liefert keine korrigierende Außenperspektive, sondern zwingt dazu, klinische Diagnose, mystische Erfahrung und poetische Imagination gleichzeitig mitzudenken. Gerade in dieser epistemischen Unentscheidbarkeit liegt, so die implizite These der Interpretation, eine ästhetische und ethische Radikalität des Romans: Er verweigert sowohl die Reduktion auf Krankheit als auch die Verklärung zur Prophetie und macht stattdessen die Rückkopplung sichtbar, in der jede soziale Niederlage den religiösen Überschuss steigert und jede Ekstase neue Zerstörung erzeugt. So erscheint die Schlussszene – ein Aufstehen aus dem Schlamm an der Hand eines Anderen – weniger als Erlösung denn als minimale, fragile Gegenfigur zu den gescheiterten Großnarrativen von Kunst, Religion und Therapie: ein Möglichkeitsrest, der die Frage nach „Auferstehung“ offenhält, ohne sie zu beantworten.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Blume als Text, Körper und Gefahr: drei Romane von Colette Fellous, Célia Houdart und Constance Guisset</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/04/die-blume-als-text-koerper-und-gefahr-drei-romane-von-colette-fellous-celia-houdart-und-constance-guisset/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Apr 2026 06:50:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Célia Houdart]]></category>
		<category><![CDATA[Colette Fellous]]></category>
		<category><![CDATA[Constance Guisset]]></category>
		<category><![CDATA[Ismaël Jude]]></category>
		<category><![CDATA[Stéphane Mallarmé]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9dd54c752553566cd5aee30b207e50b1-300x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9dd54c752553566cd5aee30b207e50b1-300x300.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9dd54c752553566cd5aee30b207e50b1-1024x1024.jpg 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9dd54c752553566cd5aee30b207e50b1-150x150.jpg 150w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9dd54c752553566cd5aee30b207e50b1-768x768.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9dd54c752553566cd5aee30b207e50b1-50x50.jpg 50w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9dd54c752553566cd5aee30b207e50b1-80x80.jpg 80w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9dd54c752553566cd5aee30b207e50b1.jpg 1200w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Was verbindet drei sehr unterschiedliche französische Romane der Gegenwart – Colette Fellous' "Quelques fleurs" (Gallimard, 2024), Célia Houdarts "Les Fleurs sauvages" (P.O.L, 2024) und Constance Guissets "Fleur de peau" (Flammarion, 2026)? Auf den ersten Blick nur das Botanische ihrer Titel; bei genauerer Lektüre aber ein gemeinsames und vielschichtiges literarisches Projekt: die Befragung, Verschiebung und in manchen Fällen radikale Zerstörung jener symbolistischen Tradition, die die Blume seit Mallarmé als erhabenes, körperloses Zeichen kodiert hat – als „l'absente de tous bouquets", abwesend aus jedem wirklichen Strauß, aufgestiegen in die reine Idee. Die vorliegende vergleichende Rezension zeigt, wie die drei Autorinnen diese Erbschaft auf je eigene Weise beerben und brechen, indem sie das Pflanzliche ins Körperliche, ins Ökologische und ins Pharmakologische zurückholen. Fellous, deren autofiktionaler Essay in der Formlinie des lyrischen récit operiert, kultiviert die Blume als Mnemotop und als poetologisches Selbstportrait: Ihre Blumen sind stille Zeuginnen des gelebten Lebens, Kondensate von Kindheit, Mutter, Tunis und Paris, und das Buch, das sie schreibt, ist buchstäblich „en ces fleurs caché" – in den Blumen verborgen, wartend auf den Akt des Schreibens, der sie befreit. Houdart dagegen entzieht der Blume jeden subjektiven Anspruch: Im lakonischen Polyphonie-Erzählen ihrer provenzalischen Figuren sind die Wildblumen ökologische Zeichen einer Natur, die dem Menschen gleichgültig ist und ihn – im Falle der halluzinogenen Datura, die zwei Figuren vergiftet – auch zu schädigen bereit ist, ohne Absicht und ohne Botschaft; botanisches Wissen wird hier zur ethischen und epistemischen Notwendigkeit. Guisset schließlich stellt die romantische Blumenästhetik mit einer systemkritischen Geste auf den Kopf: Ihre Floristin Ava hat dreizehn Jahre lang die Schönheit der Blumen arrangiert und dabei, durch Pestizide in der Haut, ein unsichtbares Gift akkumuliert – die Blume, die als Gegenwelt zur Finanzwelt gewählt wurde, erweist sich als deren Komplizin, und der Körper der Frau als Barometer einer globalen Warenwirtschaft, die Schönheit auf toxischen Substanzen gründet. Der Aufsatz liest diese drei sehr unterschiedlichen Textprojekte entlang einer gemeinsamen Analysedimension: der Funktion der Blume als Zeitfigur, als Körperfigur und als Sprachfigur, und sie argumentiert, dass die zeitgenössische französische Literatur im Blumenmotiv eine Skala aufspannt, die von der mnemotechnischen Kultivierung über die ökologische Nüchternheit bis zum pharmakologischen Paradox reicht – und in Ismaël Judes gleichzeitig erschienenen Roman "Une vie de jasmin", der als vierter Vergleichstext herangezogen wird, in einer sprachskeptischen Ontologie der reinen Emanation gipfelt, die Mallarmés Idealisierung mit den Mitteln des Körpers und der Biologie konsequent zu Ende denkt.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Die Welt als Oberfläche, die Oberfläche als Welt: Trompe l&#8217;œil und Ekphrasis bei Maylis de Kerangal</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/03/die-welt-als-oberflaeche-die-oberflaeche-als-welt-trompe-loeil-und-ekphrasis-bei-maylis-de-kerangal/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Apr 2026 02:44:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2018]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Maylis de Kerangal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/719zXm5VXKL-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/719zXm5VXKL-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/719zXm5VXKL-716x1024.jpg 716w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/719zXm5VXKL-768x1098.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/719zXm5VXKL-1075x1536.jpg 1075w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/719zXm5VXKL.jpg 1323w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Maylis de Kerangals Roman "Un monde à portée de main" (2018) folgt Paula Karst, einer jungen Pariserin, die an einem Brüsseler Institut die Kunst des Trompe l'œil erlernt und sich später als Dekorationsmalerin durch Filmstudios, Kirchenrestaurierungen und Villen arbeitet, bis sie schließlich an einer monumentalen Reproduktion der Höhlenbilder von Lascaux mitwirkt. Der Aufsatz liest diesen Roman als literarisches Pendant seiner eigenen Thematik: So wie Paulas Malerei darauf abzielt, sich selbst zugunsten einer täuschend echten Oberfläche auszulöschen, verfährt auch Kerangals Prosa ekphrastisch und illusionistisch – sie beschwört Farben, Materialien und visuelle Räume so sinnlich, dass der Leser die Buchstaben hinter der Welt vergisst. Das perfekte Trompe l'œil braucht nicht nur den Moment der Täuschung, sondern auch den der Desillusionierung – erst wenn das Auge die Illusion als Kunst erkennt, entfaltet das Werk seine eigentliche Schönheit. Von da aus weitet die Interpretation die Frage auf das Verhältnis von Original und Kopie aus, das im Roman von der Brüsseler Ausbildung bis zur ägyptischen Grabstatue im Turiner Museum radikal unterlaufen wird: Die Kopie ist nicht Lüge, sondern Schöpfung von Realität – und Paulas Arbeit an Lascaux stellt am Ende die älteste Frage der Kunstgeschichte neu: Was ist ein Original, wenn die Höhlenbilder der Vorzeit selbst nichts anderes wollten, als die Welt so real zu machen, dass man sie berühren könnte?]]></description>
		
		
		
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		<title>Die 35 Kategorien der französischen Literaturlandschaft: Frédéric Beigbeder</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/02/die-35-kategorien-der-franzoesischen-literaturlandschaft-frederic-beigbeder/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Apr 2026 08:25:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Frédéric Beigbeder]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="197" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/61pIedduEDL._UF10001000_QL80_-197x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/61pIedduEDL._UF10001000_QL80_-197x300.jpg 197w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/61pIedduEDL._UF10001000_QL80_.jpg 657w" sizes="auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px" />Frédéric Beigbeders "Dictionnaire amoureux des écrivains français d'aujourd'hui" (Plon, 2023) ist ein monumentales und bewusst widersprüchliches Werk: ein auf 281 Einträge verdichtetes Inventar der lebenden französischsprachigen Gegenwartsliteratur, das die lexikographische Form der "Dictionnaires amoureux"-Reihe bis an ihre Grenzen dehnt und zugleich ein Selbstporträt seines Autors ist. Beigbeder definiert seine Methode als "résolument subjective": Sein Korpus umfasst ausschließlich im August 2023 lebende Romanciers, die direkt auf Französisch schreiben – Essayisten, Lyriker, Dramatiker und Krimiautoren sind ausgeschlossen, Frankophones aus Martinique, dem Maghreb, dem Senegal oder Quebec dagegen eingeschlossen, da der Band literaturpolitisch beansprucht, eine Literatur zu kartieren, die über Frankreich hinausreicht. Das konzeptuell mutigste und polemischste Element des Bandes ist die dem Alphabet vorgeschaltete Taxonomie von achtundzwanzig "Logos des écoles et mouvements littéraires contemporains" – kleinen Symbolen, mit denen Beigbeder jeden Autor einer oder mehreren Schulen zuordnet und damit tut, was die Literaturwissenschaft für das 21. Jahrhundert bislang unterlassen hat: die Gegenwartsliteratur in verbindliche Strömungen zu gliedern, von der "autoréalité" (dem Ich als primärem Rohstoff, mit Ernaux und Angot als kanonischen Figuren) über die "faction" oder Exofiktion (Carrère, Jaenada, Aubenas) und die "glauquistes apocalyptiques" (Houellebecq, Despentes, Mathieu) bis zu den "néo-hussards" (Tesson, Kauffmann, Parisis), den "décoloniaux voyageurs" (Chamoiseau, Condé, Daoud, Mbougar Sarr) und den "révélateurs d'un passé maudit" (Modiano, Guez, Mukasonga, Littell). Die vorliegende Rezension analysiert Beigbeders Korpusdefinition, seine impliziten Wertkriterien (Stil, Originalität des Blickes, Mut zur Provokation, existenzielles Wagnis), die Kennzeichen der einzelnen Gruppen anhand exemplarischer Personeneinträge und schließlich die Position, die Beigbeder im eigenen Panorama einnimmt – als Romancier, der sich selbst ausgeschlossen hat, aber auf jeder Seite als Instanz präsent bleibt –, um abschließend sowohl die genuine Leistung des Bandes (die Füllung einer realen Lücke, die Qualität der besten Porträts, die heuristische Produktivität der Taxonomie) als auch seine strukturellen Einschränkungen (die Pariser Milieugebundenheit des Blickes, die Kanonisierung des bereits Etablierten, die verdeckte politische Parteilichkeit) zu gewichten.]]></description>
		
		
		
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		<title>Wo das Trauma beginnt: Camille de Toledo</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/02/wo-das-trauma-beginnt-camille-de-toledo/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Apr 2026 03:01:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Camille de Toledo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="191" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/313U6hMwt2L._AC_UF8941000_QL80_-191x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/313U6hMwt2L._AC_UF8941000_QL80_-191x300.jpg 191w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/313U6hMwt2L._AC_UF8941000_QL80_.jpg 636w" sizes="auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px" />Camille de Toledos "Thésée, sa vie nouvelle" (Verdier, 2020) erarbeitet aus einem Schockmoment – dem Fund des erhängten Bruders im Paris des Jahres 2005 – eine vielschichtige literarische Untersuchung, die Trauerarbeit, Familienchronik, Essay und poetische Beschwörung miteinander verschränkt. Der Roman folgt seinem Erzähler Thésée über Jahre hinweg in eine doppelte Bewegung: in die Gegenwart eines traumatisierten Körpers und zugleich rückwärts in die genealogischen Tiefenschichten einer von Verlusten, Schweigen und verdeckter jüdischer Herkunft geprägten Familie. Ausgehend von drei Kartons mit Fotografien, Briefen und dem Manuskript des Ururgroßvaters entwickelt sich eine „poème-enquête“, in der sich zeigt, wie sich historische Gewalt, Suizide und verdrängte Erinnerung nicht nur narrativ, sondern physisch im Körper der Nachkommen einschreiben. Die Rezension liest dieses formal hybride Werk als performative Poetik des Transgenerationalen: Die nicht-lineare Zeitstruktur, die Synchronien der Daten, der Wechsel der Pronomina und die Einlagerung dokumentarischer Stimmen realisieren genau jene Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart, die der Text behauptet. Im Zentrum steht dabei die Umdeutung des Theseus-Mythos: Das Labyrinth ist kein äußerer Ort mehr, sondern das Innere der Familiengeschichte, der „Ariadnefaden“ ein fragiles Geflecht aus Archivmaterial, das erst im Schreiben entsteht. Indem der Roman am Ende – in einer radikalen Inversion der Chronologie – zum Suizid des Ururgroßvaters im Jahr 1939 zurückkehrt, markiert er den Ursprungspunkt der Wunde und macht sichtbar, dass Erkenntnis nur im Rückkehren möglich ist: als Ankommen an dem Ort, von dem alles ausging. Der Aufsatz hebt hervor, dass Toledo damit weder eine psychologische noch eine soziologische Erklärung des Suizids liefert, sondern eine literarische Erkenntnisform etabliert, die das in der Materie sedimentierte Gedächtnis zur Sprache bringt. Literatur erscheint hier als Ort der „revivance“ – nicht als Auflösung des Traumas, sondern als Wiederverbindung mit den Toten, als vorsichtiges Verknüpfen eines zerrissenen Fadens, der eine „vie nouvelle“ überhaupt erst denkbar macht.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wuchernde Körper, schweigende Blumen: Ästhetik der Emanation bei Ismaël Jude</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/01/wuchernde-koerper-schweigende-blumen-aesthetik-der-emanation-bei-ismael-jude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Apr 2026 01:08:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Ismaël Jude]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="204" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/jasmin-204x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/jasmin-204x300.jpg 204w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/jasmin.jpg 348w" sizes="auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px" />Die Rezension zu "Une vie de jasmin" (éditions verticales, 2026) von Ismaël Jude liest den Roman als grundlegende Infragestellung menschlicher Identität, Sprache und Zivilisation: Im Zentrum steht die Figur Jasmine, deren Körper in einem Prozess der „Dermaculture“ Pflanzen hervorbringt und so die Grenze zwischen Mensch und Vegetation auflöst. Vor dem Hintergrund einer repressiven, technokratischen Ordnung – verkörpert durch den allergischen, autoritären Vater und eine von Beton und Pestiziden geprägte Welt – entwirft der Text eine Gegenästhetik des Wucherns, der „Émanation“ und einer „Sexualité sans langage“, in der Blumen nicht als Symbole, sondern als eigenständige, nicht übersetzbare Formen von Leben erscheinen. Die Rezension zeigt, wie sich diese poetologische Programmatik mit einer traumatischen Familien- und Kolonialgeschichte verschränkt: Der Name Jasmine erweist sich als „Acte manqué“, als blutige Spur des Algerienkriegs, die Identität nicht stiftet, sondern unterminiert. In der Verbindung von ökologischer Kritik, queerer Körperlichkeit und sprachskeptischer Poetik deutet die Besprechung den Roman schließlich als Plädoyer für ein nicht fixierbares Leben, das sich – wie eine Pionierpflanze – in den Rissen der Zivilisation ausbreitet und jenseits symbolischer Ordnungen behauptet.
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		<title>Das Monster und sein Doppel: Pierre Rivière bei Michel Foucault und Ismaël Jude</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/01/das-monster-und-sein-doppel-pierre-riviere-bei-michel-foucault-und-ismael-jude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Apr 2026 01:07:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Ismaël Jude]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Foucault]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief-194x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief-194x300.jpg 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief-661x1024.jpg 661w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief-768x1190.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief.jpg 968w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Die Rezension stellt zwei radikal unterschiedliche, aber untrennbar miteinander verschränkte Bücher ins Zentrum: den von Michel Foucault herausgegebenen Dokumentarband "Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère", der den historischen Dreifachmörder Pierre Rivière als Knotenpunkt konkurrierender Diskurse sichtbar macht, und Ismaël Judes "grief" (éditions verticales, 2022), das genau diese diskursive Einhegung performativ angreift. Während Foucaults Band das im Gefängnis verfasste Memoire Rivières in ein vielstimmiges Archiv einbettet – juristische Akten, medizinische Gutachten, historische Kommentare – und so demonstriert, wie ein Leben durch institutionelle Sprache zum „Fall“ wird, treibt Jude diese Konstellation in die Gegenwart und zerlegt sie von innen: Seine Erzählerin liest Foucault, überschreibt dessen Begriffe (parricide wird zu matricide, sororicide, fratricide) und macht sich selbst zur verdrängten weiblichen Doppelgängerin des Mörders. Die Rezension arbeitet diesen Gegensatz nicht bloß als Differenz zweier Methoden heraus – hier die analytische Distanz der Genealogie, dort die wütende, körperliche, sprachzerstörende Gegenrede –, sondern als eine Art dialektische Bewegung: Foucault zeigt, wie Diskurse sich eines Textes bemächtigen, Jude zeigt, dass auch diese Kritik selbst eine Form der Aneignung bleibt. Dabei verschiebt sich der Fokus entscheidend: Wo Foucault den Text als Kampfplatz zwischen Justiz und Psychiatrie liest und dessen „seltsame Schönheit“ betont, insistiert Jude auf dem, was dabei verschwindet – die geschlechtsspezifische Gewalt, die Körper der Opfer, die Möglichkeit einer anderen, nicht-männlichen Stimme. Die Argumentation der Rezension gewinnt ihre Stärke gerade daraus, dass sie diese beiden Perspektiven nicht gegeneinander ausspielt, sondern als notwendige Spannung begreift: Sie zeigt, wie Foucaults Projekt die Bedingungen schafft, unter denen Jude überhaupt schreiben kann, und zugleich, wie Jude diese Bedingungen sprengt, indem er das Schreiben selbst zur Tat radikalisiert. So entsteht das Bild einer literarisch-theoretischen Konstellation, in der sich eine zentrale Frage immer weiter zuspitzt: Wenn – wie bei Rivière – Text und Tat ineinanderfallen, wer kontrolliert dann ihre Bedeutung? Und wer wird dabei gehört – oder zum Schweigen gebracht?
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		<title>Spur statt Monument: ästhetische Revolte und die Geburt eines wahren Buches bei Cécile Guilbert</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/31/spur-statt-monument-aesthetische-revolte-und-die-geburt-eines-wahren-buches-bei-cecile-guilbert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2026 03:32:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2000]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Cécile Guilbert]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71Htx9fhVLL._SL1500_-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71Htx9fhVLL._SL1500_-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71Htx9fhVLL._SL1500_-650x1024.jpg 650w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71Htx9fhVLL._SL1500_-768x1210.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71Htx9fhVLL._SL1500_.jpg 952w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Cécile Guilberts Erstlingsroman "Le Musée national" (Gallimard, 2000, zit. als LMN) erzählt in der Ich-Perspektive von Juliette Cramer, die nach dem Bruch mit einer juristischen Karriere als Museumswärterin in Paris ein scheinbar randständiges, tatsächlich aber radikal selbstbestimmtes Leben führt: Zwischen Tennisplätzen, Liebesbeziehung, Schachpartien und vor allem dem intensiven Betrachten von Gemälden entwickelt sie eine Haltung, die Kunst nicht als Diskurs, sondern als unmittelbare Erfahrung begreift. Der Roman folgt keiner klassischen Handlung, sondern organisiert sich als Folge von Beobachtungen, Reflexionen und ästhetischen Erlebnissen, die sich im Wechsel vom Petit Palais zum Musée d’Orsay zuspitzen und schließlich in Juliettes Entschluss münden, das bloße Notieren hinter sich zu lassen und ein „wahres Buch“ zu schreiben – jenes Buch, das der Leser gerade in Händen hält. Der Aufsatz liest diesen Text als dreifach codiertes Projekt: als Gesellschaftsroman, der die Spektakel- und Medienkultur der späten 1990er Jahre mit satirischer Präzision seziert; als ästhetisches Manifest, das für eine unmittelbare, körperlich-sinnliche Wahrnehmung von Kunst gegen akademische Überformung plädiert; und als autopoetologischen Roman, der seine eigene Entstehung reflektiert und performativ vollzieht. Die Gemäldebeschreibungen werden als Schlüsselstellen einer Poetik des „reinen Sehens“ gelesen, die Gesellschaftssatire als Kritik an einem Kulturbetrieb, der Erfahrung durch Event ersetzt. Indem die Interpretation schließlich den Schluss des Romans als selbstreferenziellen Umschlagpunkt interpretiert – das gelesene Buch als Resultat der erzählten Entscheidung –, macht sie plausibel, dass LMN weniger eine Geschichte erzählt als eine Existenzform erprobt: Literatur erscheint hier als letzte Möglichkeit, dem institutionellen Zugriff auf Wahrnehmung und Sprache zu entkommen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die reparative Wende: warum Literatur heute mehr tun soll als erzählen</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/30/die-reparative-wende-warum-literatur-heute-mehr-tun-soll-als-erzaehlen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Mar 2026 13:07:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Alexandre Gefen]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Die Rezension stellt Alexandre Gefens Essay "Réparer le monde: la littérature française face au XXIe siècle" (2017, engl. 2024) als ebenso ambitionierte wie symptomatische Diagnose der Gegenwartsliteratur vor: An die Stelle der ästhetischen Autonomie des 20. Jahrhunderts tritt ein „reparatives“ Paradigma, in dem Literatur als therapeutische, soziale und ethische Praxis begriffen wird. Gefen kartografiert anhand eines bewusst offenen Korpus – von Annie Ernaux bis zu klinischen Fallberichten – eine Literatur, die Identität stiftet, Traumata bearbeitet, Empathie schult und kollektives Gedächtnis sichert; gestützt auf Denker wie Paul Ricœur oder die Care-Ethik beschreibt er das Erzählen als Technologie des Selbst und als Instrument symbolischer Wiedergutmachung. Die Rezension arbeitet diese Leitthese pointiert heraus, würdigt die analytische Breite und den theoretischen Eklektizismus, problematisiert jedoch zugleich die normative Engführung: Indem Gefen Literatur primär als „Heilmittel“ liest, droht ihre ästhetische Eigenlogik zugunsten eines ethischen Utilitarismus zu verschwinden. So erscheint das Buch selbst als exemplarischer Ausdruck jener Tendenz, die es beschreibt – eine engagierte, wirkungsorientierte Literaturtheorie, die zwischen Diagnose und Programmatik wechselt.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Die Würde des Verharrens: literarische Rehabilitation der France périphérique bei Nicolas Mathieu</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/29/die-wuerde-des-verharrens-literarische-rehabilitation-der-france-peripherique-bei-nicolas-mathieu/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2026 10:32:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2018]]></category>
		<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Jeanne Rivière]]></category>
		<category><![CDATA[Nicolas Mathieu]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="179" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/leurs-enfants-apres-eux-2-300x179.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="Aus dem Film &quot;Leurs enfants après eux&quot;" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/leurs-enfants-apres-eux-2-300x179.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/leurs-enfants-apres-eux-2-1024x609.jpg 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/leurs-enfants-apres-eux-2-768x457.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/leurs-enfants-apres-eux-2-1536x914.jpg 1536w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/leurs-enfants-apres-eux-2.jpg 1600w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />In "Leurs enfants après eux" (Actes Sud, 2018) erzählt Nicolas Mathieu über vier Sommer hinweg das Heranwachsen einer Generation im sterbenden Industrieraum Lothringens: Im fiktiven Heillange treiben Anthony, Hacine und Stéphanie zwischen Baggersee, stillgelegten Hochöfen und familiären Bruchlinien durch eine Jugend, deren Versprechen – Aufstieg, Freiheit, Selbstentwurf – sich als strukturell blockiert erweisen, sodass selbst ihre intensivsten Erfahrungen von Liebe, Gewalt oder Freundschaft stets an die Schwerkraft eines Raums gebunden bleiben, der keine Zukunft mehr produziert; der Roman verdichtet diese Erfahrung zu einem choralen Panorama, in dem individuelle Biographien weniger als autonome Lebensläufe erscheinen denn als Variationen eines kollektiven Schicksals der Unsichtbarkeit. Demgegenüber verschiebt "Connemara" (Actes Sud, 2022) die Perspektive in die Gegenwart und in eine andere Lebensphase: Anhand von Hélène, der scheinbar erfolgreichen Aufsteigerin, und Christophe, dem im Herkunftsmilieu Verbliebenen, erzählt Mathieu von der Illusion sozialer Mobilität selbst – Hélènes Rückkehr aus der Pariser Leistungselite in die Provinz offenbart den Aufstieg als Entfremdungsgeschichte, während Christophe die Kehrseite verkörpert, ein Leben der Kontinuität ohne Aufbruch, sodass ihre flüchtige Wiederbegegnung die Unmöglichkeit einer kohärenten Identität zwischen Herkunft und Selbstentwurf sichtbar macht; der titelgebende Sehnsuchtsort bleibt dabei reine Projektion, ein Name für das nicht gelebte Leben. Der Aufsatz liest beide Romane als Diptychon, das den geographischen Raum der France périphérique von der Kulisse zum epistemischen Zentrum erhebt: Raum erscheint hier als Erkenntnisinstrument, in dem sich die Widersprüche der französischen Meritokratie materialisieren, und die Figuren agieren als Träger sozialer Positionen, deren Handlungsspielräume durch Herkunft, Klassenlage und symbolische Ordnungen vorgezeichnet sind. Dabei wird Mathieus Poetik als Spannung zwischen sozialrealistischer Präzision und literarischer Ökonomie beschrieben – als ein Schreiben der Ellipse, das durch chorale Struktur, freien indirekten Stil und die Aufladung von Landschaft, Körper und Alltagsdetails eine universelle Resonanz erzeugt, ohne je ins Abstrakte zu kippen; zugleich insistiert dieses Schreiben darauf, dass die implizite Sozialkritik gerade nicht in expliziten Thesen liegt, sondern in der narrativen Form selbst, in der Konvergenz ohne Katharsis, im „malgré tout“ eines prekären Glücks oder im „cœur en miettes“ einer unerfüllten Existenz. So entsteht das Bild eines Werks, das weder Aufstieg noch Verharren moralisch privilegiert, sondern beide als Varianten desselben double bind begreift – und hierin die politische Kraft seiner Literatur entfaltet.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Brennende Ränder oder Warum Jeanne Rivière mit Nicolas Mathieu schläft</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/28/brennende-raender-oder-warum-jeanne-riviere-mit-nicolas-mathieu-schlaeft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 28 Mar 2026 22:08:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Jeanne Rivière]]></category>
		<category><![CDATA[Nicolas Mathieu]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/91Vz37nejxL._AC_UF8941000_QL80_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/91Vz37nejxL._AC_UF8941000_QL80_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/91Vz37nejxL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 683w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Jeanne Rivières „Lorraine brûle“ (Gallimard, 2025, zit. als LOB) zeichnet das Bild einer namenlosen Ich-Erzählerin Anfang vierzig, die im nachindustriellen Lothringen zwischen Metz und Nancy ein unsicheres, von Körpererfahrungen, Mutterschaft und subkulturellen Praktiken geprägtes Leben führt: Als alleinerziehende Mutter des zwölfjährigen Tarzan, Büroangestellte und Schlagzeugerin in Punkbands bewegt sie sich durch eine Landschaft aus stillgelegten Hochöfen, Supermärkten, Schwimmbädern und illegalen Konzerten, während Freundinnen wie die radikal selbstbestimmte Lynn, die anarchische Nora und vor allem die todkranke Baya ein weibliches Gegenbild zur bürgerlichen Ordnung bilden; Bayas Sterben an Bauchspeicheldrüsenkrebs bildet den gefühlsmäßigen Mittelpunkt einer locker gefügten Jahreschronik, die von Januar bis Sommer reicht und deren episodische Struktur durch wiederkehrende Schwimm-Passagen rhythmisiert wird, sodass sich Tod (körperlicher Verfall) und Bewegung (Körper im Wasser) als unterschwellige Achse überlagern. Vor diesem Hintergrund liest der Aufsatz den Roman als programmatische „Poetik der Zersplitterung“: Die formale Aufsplitterung – abrupte Kapitel, Wechsel der Tonlagen, Mischung aus Autofiktion, Essay, Reportage und Lyrik – erscheint nicht als künstlerischer Mangel, sondern als passende Antwort auf eine durch Deindustrialisierung, Unsicherheit und Verlust zerrissene Wirklichkeit, in der Zusammenhalt selbst zur Fiktion geworden ist; besonders hervorzuheben ist dabei die These, dass die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Elemente (Alltag und Katastrophe, Komik und Trauer, Körperdetail und Gesellschaftsanalyse) eine unausgesprochene politische Haltung formuliert, die Hierarchien ablehnt und das Randständige ins Zentrum rückt. Indem die Argumentation konsequent Form und Inhalt kurzschließt – die Zersplitterung des Lebens spiegelt sich in der Zersplitterung des Erzählens –, gewinnt sie ihre größte Überzeugungskraft dort, wo sie das ästhetische Aufeinandertreffen der Tonlagen, die Körperlichkeit (Blut, Krankheit, Sexualität) und die raumbildende Funktion Lothringens als miteinander verflochtene Ebenen liest; zugleich zeigt sie, dass das Schreiben selbst im Roman als Mittel zum Überleben und zur Trauerbewältigung wirkt, das die Zersplitterung nicht überwindet, sondern nutzbar macht. So erscheint LOB in der Deutung der Rezension weniger als Darstellung eines sozialen Umfelds denn als radikal gegenwärtige Suche nach Formen, in der die Zersplitterung zu einer widerständigen Lebensweise und zur eigentlichen dichterischen Einheit wird.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zartes Vernichten: Michel Houellebecq</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/27/zartes-vernichten-michel-houellebecq/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Mar 2026 10:49:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Houellebecq]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61VAu8VSZtL._UF10001000_QL80_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61VAu8VSZtL._UF10001000_QL80_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61VAu8VSZtL._UF10001000_QL80_.jpg 643w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Michel Houellebecqs Roman "Anéantir" (2022) breitet das Panorama einer erschöpften Gegenwart aus: Im Zentrum steht Paul Raison, ein hoher Beamter im Umfeld eines französischen Ministers, dessen Alltag von rätselhaften Cyberangriffen, politischer Nervosität und schleichender persönlicher Entfremdung durchzogen ist. Parallel dazu zerfällt sein familiäres Umfeld – der Vater nach einem Schlaganfall, die Geschwister in ihren je eigenen Sackgassen –, bis sich der Fokus zunehmend auf Pauls eigene Erkrankung verlagert. Die Diagnose eines unheilbaren Krebsleidens verschiebt die Perspektive radikal: Was zunächst als politischer Roman beginnt, verdichtet sich zu einer Erzählung des Sterbens, in der überraschend eine fragile Form von Nähe wiederkehrt – insbesondere in der vorsichtigen Wiederannäherung an seine Frau Prudence. Der Roman zeichnet diesen Prozess in langsamer, fast protokollarischer Zeitlichkeit nach und hält die Vernichtung in erzählerischer Schwebe: als etwas, das geschieht, aber durch Beziehungen, Routinen und minimale Hoffnungsschimmer noch aufgehalten scheint. - Der Gedichtband "Combat toujours perdant" (2026) wirkt demgegenüber wie eine radikale Kontraktion desselben Materials. Hier gibt es keine Handlung, keine Figurenentwicklung, keine Vermittlung durch soziale Kontexte: Die Texte bestehen aus kurzen, scharf geschnittenen Beobachtungen, die den körperlichen und existenziellen Verfall unmittelbar ausstellen. Krankheit erscheint nicht als Verlauf, sondern als Zustand; der Körper nicht als erzähltes Schicksal, sondern als defektes System. Auch die Motive des Romans – Einsamkeit, Sexualität, Altern, Todesnähe – kehren wieder, doch in einer Sprache, die jede Illusion von Kontinuität oder Sinn verweigert. Wo der Roman noch Beziehungen rekonstruiert, kennt der Gedichtband nur deren Abwesenheit oder ihr Echo; wo der Roman Zeit entfaltet, reduziert die Lyrik sie auf abrupte Gegenwartspunkte. Die Rezension liest beide Bücher als komplementäre Formen eines einzigen Projekts, um die allmähliche Vernichtung von Individuum und Gesellschaft darstellbar zu machen. Der Roman agiert dabei als eine Art „Schutzraum“: Er verteilt das Unerträgliche auf Handlung, Figuren und Zeit und macht es dadurch überhaupt erst wahrnehmbar. Der Gedichtband hingegen hebt diese Schutzmechanismen systematisch auf und konfrontiert den Leser mit einer Sprache, die das Ende nicht mehr erzählt, sondern voraussetzt. Im Unterschied zu den kalkulierten Provokationen früherer Texte, die auf Skandal, Überzeichnung und polemische Zuspitzung setzten, operiert dieses Spätwerk mit einer demonstrativen Entleerung: Nicht mehr der Tabubruch erzeugt Reibung, sondern die fast schon protokollarische Nüchternheit eines Schreibens, das jede Pointe verweigert. Ob darin ein Rückschritt oder eine Reifung liegt, entscheidet sich daran, wie man diese Geste liest: als Verlust an Angriffslust – oder als Form von Selbstkritik, die erkannt hat, dass Provokation angesichts der dargestellten Erschöpfung ins Leere läuft und daher durch radikale Verknappung ersetzt werden muss. In dieser Bewegung werden sowohl das Individuelle als auch das Gesellschaftliche gleichsam ausradiert: Das Subjekt schrumpft auf einen funktionierenden oder versagenden Körper, während die Gesellschaft nur noch als diffuse Hintergrundstruktur erscheint, sodass beide Ebenen im selben Prozess der Auslöschung ununterscheidbar werden. So bleibt am Ende eine eigentümliche Schönheit: im gedämpften Licht des Krankenzimmers, wenn Paul und Prudence wortlos nebeneinander liegen, in der langsamen Geste, mit der sie ihm das Essen reicht, im leisen Weiterlaufen der alltäglichen Dinge – Kaffeedampf am Morgen, das Rascheln von Bettwäsche –, während der Körper unaufhaltsam zerfällt und gerade diese unscheinbaren Szenen wie letzte, fragile Inseln im Strom der Auslöschung aufleuchten.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Alain Finkielkraut zwischen Kulturkritik und politischer Reflexion</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/26/alain-finkielkraut-zwischen-kulturkritik-und-politischer-reflexion/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Mar 2026 11:01:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Alain Finkielkraut]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71szNbjpqiL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71szNbjpqiL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71szNbjpqiL-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71szNbjpqiL-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71szNbjpqiL-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71szNbjpqiL-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71szNbjpqiL.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Alain Finkielkrauts "Le cœur lourd" (Gallimard, 2026) ist ein persönliches und zugleich diagnostisches Porträt des 1949 geborenen Intellektuellen, der sich als „Verwaister“ in einer Welt im Umbruch erlebt. Die Rezension hebt hervor, dass das Buch, geführt in Gesprächen mit Vincent Trémolet de Villers, nicht nur die Nachkriegsbiografie Finkielkrauts und seine Zugehörigkeit zur „post-Shoah“-Generation reflektiert, sondern auch die Bedrohungen von Sprache, Kultur und Identität in der Gegenwart kritisch analysiert. Zentrale Themen sind die Verantwortung gegenüber der eigenen historischen und jüdischen Identität, die Sorge um Frankreich und Israel, der Verlust der Hochkultur und der Bildung sowie die Nostalgie für eine vergangene, harmonische Welt. Finkielkraut präsentiert sich als melancholischer Chronist, der zugleich konkrete politische, ethische und ökologische Vorschläge macht – von der Rettung der Sprache über die integrale Ökologie bis hin zu einem Modell konservativ-liberal-sozialistischer Werte –, und zeigt damit, wie das persönliche Erleben, die philosophische Reflexion und die Sorge um die Zukunft untrennbar miteinander verbunden sind.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Schreiben gegen die Grenze: Utopie Babel bei Leïla Slimani</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/26/schreiben-gegen-die-grenze-utopie-babel-bei-leila-slimani/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Mar 2026 10:07:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Leïla Slimani]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="192" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/assaut-contre-la-frontiere-taschenbuch-leila-slimani-franzoesisch-192x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/assaut-contre-la-frontiere-taschenbuch-leila-slimani-franzoesisch-192x300.jpeg 192w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/assaut-contre-la-frontiere-taschenbuch-leila-slimani-franzoesisch.jpeg 383w" sizes="auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px" />Leïla Slimanis Essay "Assaut contre la frontière" (Gallimard, 2026) ist eine dichte Selbstverortung zwischen Sprachen, Kulturen und politischen Diskursen: Ausgehend von einem alptraumhaften Gerichtsszenario, in dem die falsche Sprache zur existenziellen Schuld wird, entfaltet der Text eine autobiographisch grundierte Reflexion über Mehrsprachigkeit als Identitätsraum und deren Verlust als genealogische Wunde – von der vielsprachigen Kindheit über die kolonial geprägte Bildung des Vaters bis zur eigenen Entfremdung vom Arabischen, das als „Phantomsprache“ im Schreiben fortlebt. Slimani verbindet diese persönliche Sprachgeschichte mit einer scharfen Analyse globaler Machtverhältnisse: der Hierarchisierung von Sprachen im postkolonialen Raum, der Exotisierung „maghrebinischer“ Literatur, der politischen Instrumentalisierung des Arabischen nach dem 11. September und der Illusion einer „reinen“ Sprache, die sie als ideologisches Konstrukt entlarvt. Dem setzt sie eine Poetologie des Romans entgegen, die Literatur als radikale Praxis der Empathie und der Perspektivenvielfalt versteht – als Bewegung über Grenzen hinweg, die gerade im Akt der Übersetzung ihre Fortsetzung findet. Slimanis Argumentation ist nicht linear, sondern essayistisch verdichtet: Sie verschränkt autobiographische Szenen mit intertextuellen Bezugnahmen (von Canetti über Barthes bis Camus) und kulturpolitischen Diagnosen, um zu zeigen, dass Schreiben selbst ein Akt der Grenzüberschreitung ist. Indem sie Babel vom biblischen Strafort zur utopischen Chiffre einer pluralen Welt umdeutet, erscheint Literatur hier als Gegenmacht zu sprachlichen und politischen Abschottungen – als ein „Angriff auf die Grenze“, der nicht in der Rückkehr zu einer verlorenen Einheit besteht, sondern in der produktiven Anerkennung von Differenz.]]></description>
		
		
		
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		<title>Autofiktionales Zeugnis, therapeutisches Schreiben und Selbstermächtigung: Gisèle Pelicot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/25/autofiktionales-zeugnis-therapeutisches-schreiben-und-selbstermaechtigung-gisele-pelicot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Mar 2026 21:11:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Gisèle Pelicot]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61RRf5BM9PL._AC_UF8941000_QL80_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61RRf5BM9PL._AC_UF8941000_QL80_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61RRf5BM9PL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 643w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Der Artikel liest Gisèle Pelicots "Et la joie de vivre" (2026, zit. als EJV) nicht als bloße Aufarbeitung eines spektakulären Strafprozesses, sondern als literarisch reflektierte Selbstkonstitution durch Sprache: Der Text erzählt die Geschichte einer Frau, die nach der schockartigen Enthüllung systematischer Gewalt – vermittelt über die fragmentarische, dissoziative Struktur des Erinnerns, über Rückblenden in eine von Verlust geprägte Kindheit und über die schrittweise Eskalation der Verbrechen ihres Mannes – ihr eigenes Ich erst wieder hervorbringen muss, indem sie es erzählt. Zentral ist dabei die Verschiebung von Scham und Deutungshoheit: Ausgehend von einer internalisierten Beschämung, die sich in der Unfähigkeit artikuliert, das Geschehene als eigenes Erleben anzuerkennen („Non, ce n’est pas moi“), entwickelt das Buch eine Poetik der Wiederaneignung, in der Benennung, Namenswahl und Erzählinstanz zu Akten der Selbstermächtigung werden. Die narrative Organisation folgt dabei nicht der Chronologie des Geschehens, sondern der Logik des Traumas – in Schichten, Brüchen und Wiederholungen –, während wiederkehrende Motive wie das Ritual des gedeckten Frühstückstisches oder die Lichtsymbolik der Landschaften Gegenräume zur Gewalt eröffnen. Im letzten Teil kulminiert diese Bewegung im öffentlichen Gerichtsprozess, der als Bühne eines gesellschaftlichen Diskurses über patriarchale Gewalt inszeniert wird und in Pelicots Entscheidung zur Transparenz seinen politischen Höhepunkt findet: „La honte doit changer de camp“ wirkt als ethische und strukturelle Peripetie. Die Lektüre analysiert diese Entwicklung als konsequent autofiktionales Projekt, das zwischen therapeutischem Schreiben und literarischer Gestaltung vermittelt: Sie zeigt, wie Pelicots Text implizit eine Poetik entwirft, in der Schreiben weder Dokumentation noch Fiktion ist, sondern eine existentielle Praxis, die das Subjekt überhaupt erst hervorbringt. Zugleich liest der Artikel die lebensbejahende Tonlage – die vielfach als „Hymne an die Resilienz“ rezipiert wurde – nicht als affirmative Glättung, sondern als hart erarbeitete Gegenlektüre zur Gewalt, die sich in unspektakulären Gesten der Autonomie (allein leben, den eigenen Namen wählen, lieben können) manifestiert. Die Argumentation zielt damit darauf, das Buch aus der Sphäre des rein Zeugenschaftlichen zu lösen und als literarisch anspruchsvolle, formal reflektierte und politisch wirksame Arbeit zu begreifen, deren eigentliche Radikalität in der Behauptung liegt, dass das Wiederfinden der eigenen Worte identisch ist mit dem Wiederfinden des eigenen Lebens.]]></description>
		
		
		
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		<title>Sehen am Limit: ästhetische Überwältigung bei Nicolas de Crécy</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/24/sehen-am-limit-aesthetische-ueberwaeltigung-bei-nicolas-de-crecy/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Mar 2026 22:06:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Nicolas de Crécy]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81M-jAErhdL._SL1211_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81M-jAErhdL._SL1211_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81M-jAErhdL._SL1211_-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81M-jAErhdL._SL1211_-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81M-jAErhdL._SL1211_.jpg 827w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Nicolas de Crécys "Le syndrome de Kyoto" (Gallimard, 2026, zit. als SDK) ist ein Künstlerroman, der die Pathologie eines an Bildern übersättigten Bewusstseins zur kulturdiagnostischen Metapher ausweitet: Im Zentrum steht mit Alexandre Vollin-Delbar ein Maler, dessen hypertrophes Kunstgedächtnis jede unmittelbare Wahrnehmung durch kunsthistorische Überlagerungen ersetzt und ihn so zugleich zum idealen Rezipienten und zum unfähigen Produzenten macht. Der Roman entwickelt diese Konstellation in einer doppelten Bewegung aus narrativer Darstellung (Kyoto-Aufenthalt als gescheiterter Heilungsversuch) und reflexiver Selbstspiegelung (die Form des Textes imitiert die enzyklopädische Bilderflut seines Protagonisten), wodurch die individuelle Krankheit als Symptom einer bildgesättigten Gegenwart lesbar wird. Der Aufsatz argumentiert, dass Crécys Text weniger als psychologische Fallstudie denn als Poetik des Scheiterns zu verstehen ist: Die "hypertrophie de la mémoire de l'art" des Malers wirkt als Schnittstelle von Wahrnehmungstheorie, Kunstkritik und Medienanalyse, indem sie das Paradox sichtbar macht, dass totale Verfügbarkeit von Bildern nicht zu gesteigerter Kreativität, sondern zu deren Blockade führt. In der Gegenüberstellung von Alexandre und der Kunsthistorikerin Julie wird zudem ein alternatives Modell des Sehens entwickelt – ein distanziertes, historisch reflektiertes Wahrnehmen, das nicht überwältigt, sondern ordnet. Der Artikel arbeitet heraus, wie der Roman klassische Formen (Bildungsroman, Künstlerroman) systematisch unterläuft, seine eigene Erzählstruktur an die Logik der Halluzination angleicht und zugleich eine subtile Satire auf Kunstmarkt, Konzeptkunst und digitale Bildkultur formuliert. Im Schlussbild – dem stillen, freien Zeichnen nach dem Verstummen der inneren Bilder – erkennt die Rezension schließlich keine einfache Erlösung, sondern eine minimalistische Gegenpoetik: Kunst entsteht nicht aus der Akkumulation von Referenzen, sondern aus der Reduktion auf Wahrnehmung und Geste. So erscheint SDK in dieser Lesart als ebenso skeptischer wie präziser Kommentar zu den Bedingungen künstlerischen Schaffens im Zeitalter der totalen Sichtbarkeit.]]></description>
		
		
		
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		<title>Negative Identität: Problematisierung französisch-jüdischer Literatur bei Bernard Vorms</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/23/negative-identitaet-problematisierung-franzoesisch-juedischer-literatur-bei-bernard-vorms/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Mar 2026 15:08:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Bernard Vorms]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/vorms-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/vorms-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/vorms.jpg 683w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Roman „Pas gentil“ (zit. als PG) von Bernard Vorms entfaltet in essayistischer Form die Selbstbefragung eines assimilierten französisch-jüdischen Intellektuellen, der angesichts von Alter, Herkunft und gesellschaftlicher Zuschreibung gezwungen ist, sich mit einer Identität auseinanderzusetzen, die er weder positiv bestimmen noch vollständig abstreifen kann. Ausgehend von einer banalen Alltagsszene – einem Schreiben zur Bestattungsvorsorge – entwickelt sich ein vielschichtiger Reflexionstext, der autobiographische Erinnerungen, Familiengeschichte, politische Analyse und literarische Intertexte miteinander verschränkt. Der Erzähler verfolgt die Spuren jüdischer Existenz zwischen Assimilation und Ausgrenzung, analysiert die Persistenz antisemitischer Stereotype und formuliert mit dem „Axiom der absoluten Fremdheit“ eine zentrale Einsicht: Jüdischkeit ist weder für Nichtjuden noch für Juden selbst vollständig begreifbar. Der Aufsatz argumentiert, dass der Text gerade darin seine literarische und theoretische Radikalität entfaltet: PG ist nicht als Beitrag zu einer bestehenden „französisch-jüdischen Literatur“ zu lesen, sondern als deren Problematisierung. Indem Vorms Identität konsequent negativ bestimmt – als etwas, das sich nur in seiner Unbestimmbarkeit zeigt –, entwirft er eine Poetik der „negativen Identität“, die sich durch Ironie (etwa im „shm“-Präfix), essayistische Offenheit und intertextuelle Vielstimmigkeit auszeichnet. Der Roman verzichtet auf klassische Handlung und heroische Narrative zugunsten einer Denkbewegung, die in einem nüchternen, nicht versöhnlichen, aber würdevollen Schluss mündet: einer selbstreflexiven Annahme der eigenen Zugehörigkeit ohne Illusion über deren Inhalt. Die Interpretation liest dieses Verfahren zugleich als Plädoyer für den Essay als adäquate Form moderner Identitätsreflexion – tastend, widersprüchlich und ohne Anspruch auf endgültige Antworten.]]></description>
		
		
		
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		<title>Ein Montaigne für jetzt</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/23/ein-montaigne-fuer-jetzt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Mar 2026 14:01:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Zemmour]]></category>
		<category><![CDATA[Gustave Flaubert]]></category>
		<category><![CDATA[Louis-Ferdinand Céline]]></category>
		<category><![CDATA[Michel de Montaigne]]></category>
		<category><![CDATA[Tiphaine Samoyault]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="219" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/standard_compressed_Portrait_of_Michel_de_Montaigne__circa_unknown-219x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/standard_compressed_Portrait_of_Michel_de_Montaigne__circa_unknown-219x300.jpg 219w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/standard_compressed_Portrait_of_Michel_de_Montaigne__circa_unknown.jpg 459w" sizes="auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px" />Ausgehend von der These einer „textuellen Mobilität“ klassischer Werke skizziert die Rezension zunächst anhand von Deutungen bei Michel Foucault, Antoine Compagnon, Tiphaine Samoyault und aktuellen politischen Aneignungen die außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit von Michel de Montaignes Essais in Moderne und Gegenwart. Vor diesem Hintergrund wird der von Olav Krämer, Andrea Grewe und Susanne Schlünder herausgegebene Sammelband "Die internationale Rezeption von Michel de Montaignes Essais: Formen, Deutungen, Konjunkturen" (De Gruyter, 2026)  vorgestellt, der diese Beweglichkeit erstmals systematisch in internationaler Perspektive dokumentiert. Die Rezension konzentriert sich dabei insbesondere auf jene Beiträge, die die Rezeption Montaignes im 19. und 20. Jahrhundert sowie in gegenwärtigen philosophischen und politischen Diskursen untersuchen – etwa die Studien zu Flaubert, Nietzsche, Derrida und zur politischen Instrumentalisierung des Skeptikers. So erscheint der Band weniger als lückenlose Gesamtschau denn als materialreiche Grundlage für eine Geschichte der modernen Aneignungen Montaignes, die die eingangs entwickelte These bestätigt: Die Autorität der Essais beruht nicht auf einem fixierten Urtext, sondern auf ihrer fortwährenden Variation, Übersetzung und ideologischen Umdeutung.]]></description>
		
		
		
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		<title>Rückkehr aus dem Tal der digitalen Simulation zur Poesie des Staubs: Arnaud Sagnard</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/21/rueckkehr-aus-dem-tal-der-digitalen-simulation-zur-poesie-des-staubs-arnaud-sagnard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Mar 2026 04:36:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Arnaud Sagnard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/41MQJwJtyL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/41MQJwJtyL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/41MQJwJtyL.jpg 341w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Arnaud Sagnards "La Vallée" (2025, zit. als LV) verfolgt mit der Geschichte des Bauernsohns und Programmierers Thomas Hèvre eine Bewegung von der materiellen Welt des Morvan über die entkörperlichte Tech-Sphäre von Paris und dem Silicon Valley, wo sich die zentrale These des Romans erfüllt, dass das „Tal“ weniger ein Ort als ein geistiger Aggregatzustand ist, der die Wirklichkeit absorbiert und als Simulation zurückgibt, bis in die radikale Leere der Wüste von Amargosa; im Zentrum steht dabei ein neuronales Implantat, das Fiktion und Realität verschmilzt und so die letzte Grenze menschlicher Erfahrung aufhebt, während Thomas – zunächst als genialer „Cheat Code“ der Maschine – allmählich erkennt, dass er an der Entstehung einer unsichtbaren Ideologie der Entmaterialisierung beteiligt ist, die den Menschen in ein körperloses Phantom verwandelt, bis er sich dieser Logik entzieht und in der Wüste eine fragile Gegenwelt aus Präsenz, Stille und unvermittelter Erfahrung sucht. Der Aufsatz argumentiert, dass der Roman nicht nur eine kulturkritische Dystopie, sondern zugleich ein Text ist, der die Bedingungen des Erzählens im Zeitalter digitaler Totalintegration reflektiert, indem er die Oppositionen von Code und Mythos, Kommunikation und Schweigen, Innen- und Außenwelt systematisch in Figurenkonstellation, Raumstruktur und Metaphorik durcharbeitet; aufschlussreich ist dabei die Deutung des Silicon Valley als „Depression“ im geologischen, psychologischen und ökonomischen Sinn, wodurch die Kritik an der Tech-Industrie eine existentielle Tiefendimension erhält, während die Analyse zugleich plausibel macht, dass der Roman seine eigene Antwort performativ gibt: als literarischer Raum, der gerade durch Distanz, Unschärfe und Nicht-Totalität eine Erfahrung ermöglicht, die kein Implantat simulieren kann.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Bourdieus Narr: Theorieparodie und Gesellschaftsdiagnose bei Fabrice Pliskin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/20/bourdieus-narr-theorieparodie-und-gesellschaftsdiagnose-bei-fabrice-pliskin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Mar 2026 13:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Fabrice Pliskin]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Bourdieu]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="200" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch-200x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch-200x300.jpeg 200w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch-683x1024.jpeg 683w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch-768x1152.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch.jpeg 800w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" />Der Juwelier Antonin Firminy erschießt nach einem Überfall einen der fliehenden Täter und wird nach seiner Haftentlassung unter neuer Identität in Paris zum selbsternannten Rächer der „Beherrschten“, der seine Taten aus einer radikalisierten Lektüre der Soziologie legitimiert. Parallel dazu verfolgt der Journalist Mandrillon seinen Fall, verstrickt sich in eigene moralische Widersprüche und verwandelt Suburres Geschichte schließlich in ein erfolgreiches Buch, das mehr Deutung als Aufklärung bietet. Fabrice Pliskins Roman "Le fou de Bourdieu" (2025, Le Cherche Midi) lässt sich als eine ebenso erzählerisch dichte wie intellektuell zugespitzte Fallstudie über die gefährliche Aneignung von Theorie zusammenfassen: Im Zentrum steht mit Firminy einer, der nach einem tödlichen Gewaltakt und einer traumatischen Haftzeit unter dem Namen Suburre eine radikale Selbstneuerfindung vollzieht, indem er die Soziologie Pierre Bourdieus nicht als analytisches Instrument, sondern als existenzielles Deutungssystem übernimmt; aus der Lektüre erwächst ihm eine Weltanschauung, die soziale Determination in moralische Entlastung und schließlich in ein Programm der Gegengewalt übersetzt, das sich in kleinkriminellen Aktionen, symbolischen Zerstörungen und ideologischen Manifesten erschöpft, während parallel der Journalist Mandrillon die Ereignisse beobachtet, verarbeitet und literarisch verwertet, ohne je einen festen Standpunkt zu gewinnen. Der Roman unternimmt weniger eine Widerlegung soziologischer Theorie, vielmehr führt er deren performative Verzerrung vor: Begriffe wie Habitus, Domination oder symbolische Gewalt werden im Modus des Ressentiments verabsolutiert und in Handlung übersetzt, wodurch eine dialektische Struktur entsteht, in der aus Erklärung Rechtfertigung wird; besonders stark ist dabei die Analyse der Figurenkonstellation als Spiegelung zweier Formen der Verantwortungsvermeidung – Suburres ideologische Radikalisierung und Mandrillons rhetorische Selbstrelativierung –, die den Roman als Parabel auf eine diskursiv überhitzte Gesellschaft lesbar macht, in der Sprache Handlung ersetzt und Theorie zur Projektionsfläche wird. Indem der Artikel zudem die formale Anlage des Textes als „Versuchsanordnung“ deutet, erweist der Roman seine Wirkung nicht primär durch Plot, sondern durch die konsequente Eskalation eines Denkens, das sich von der Wirklichkeit ablöst und diese zugleich deformiert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die geraubte Sonne: Kunst als kollektive Utopie im Haiti der Duvalier-Ära bei Luce Perez-Tejedor</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/19/die-geraubte-sonne-kunst-als-kollektive-utopie-im-haiti-der-duvalier-aera-bei-luce-perez-tejedor/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Mar 2026 12:49:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[André Malraux]]></category>
		<category><![CDATA[Luce Perez-Tejedor]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/160370_couverture_Hres_0-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/160370_couverture_Hres_0-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/160370_couverture_Hres_0-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/160370_couverture_Hres_0-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/160370_couverture_Hres_0-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/160370_couverture_Hres_0.jpg 1366w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Aufsatz deutet Luce Perez-Tejedors "Saint-Soleil" (Seuil, 2026) als Roman, der die Entstehung, Blüte und Zerstörung einer haitianischen Künstlergemeinschaft in den 1970er Jahren mit der langen Dauer kolonialer Gewalt verschränkt. Im Zentrum steht das Projekt einer kollektiven, rituell fundierten Kunstpraxis, die sich der westlichen Genieästhetik und Marktlogik entzieht: Bauern, Arbeiter und Außenseiter entwickeln – angeleitet, aber nicht dominiert – eine eigenständige Bildsprache aus lokalen Materialien und spirituellen Praktiken, deren leuchtende Farben und expressive Gesten eine ästhetische Pracht entfalten, die unmittelbar sinnlich erfahrbar ist. Zugleich ist diese künstlerische Entwicklung eingebettet in den repressiven politischen Kontext Haitis unter der Duvalier-Diktatur, in dem Gewalt, Korruption und Kontrolle des Lebensraums allgegenwärtig sind und die Utopie der Gemeinschaft permanent bedrohen. Sie gerät in dem Moment in Gefahr, in dem sie sichtbar wird: Die internationale Anerkennung, vermittelt durch André Malraux und andere, schlägt in Vereinnahmung um, und die Bilder werden zu Waren in einem globalen Kunstsystem, das koloniale Blickverhältnisse fortschreibt. Die Interpretation liest den Roman als systematische Gegenüberstellung zweier inkompatibler Logiken – einer ästhetisch-spirituellen Praxis des Gemeinsamen und einer ökonomischen Logik der Extraktion, die sich nicht nur im Kunstmarkt, sondern auch in drastischen Motiven wie dem Blutplasmahandel materialisiert. Die konzentrische Anlage der Handlung, die vertikale Raumordnung (Berg vs. Stadt), die semantischen Felder von Sonne und Blut sowie die Parallelmontagen (Gabe vs. Raub) werden als Ausdruck derselben historischen Dialektik gelesen. So entsteht das Bild eines Romans, der seine eigene Poetik reflektiert und zugleich demonstriert, dass jede Darstellung dieser Kunst bereits in jene Mechanismen verstrickt ist, die sie kritisiert.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Die unzuverlässige Stimme der Kolonialherrschaft: Mathieu Belezi</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/18/die-unzuverlaessige-stimme-der-kolonialherrschaft-mathieu-belezi/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Mar 2026 00:30:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mathieu Belezi]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="200" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/images-19-200x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/images-19-200x300.jpeg 200w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/images-19.jpeg 365w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" />Mathieu Belezis Roman "Moi, le glorieux" (2024) entwickelt einen delirierenden, monologischen Erinnerungsstrom des fiktiven Kolonialherrn Albert Vandel, genannt „Bobby“, der im Jahr 1962 – am Vorabend der algerischen Unabhängigkeit – als 145-jährige, grotesk übersteigerte Allegorie der gesamten Kolonialgeschichte in seiner befestigten Villa in Algier ausharrt. Ausgehend von dieser belagerten Gegenwart entfaltet der Text in assoziativen Rückblenden ein Jahrhundert kolonialer Herrschaft: den gewaltsamen Aufbau des Landguts, die ökonomische Ausbeutung, die sexuelle Verfügung über Frauen, die politische Selbstinszenierung im Rahmen kolonialer Rituale sowie schließlich den apokalyptischen Aufbruch in die Wüste, der im gewaltsamen Tod des Protagonisten durch jene endet, die er als seine „Untertanen“ imaginiert hatte. Zentral ist dabei die Figur Ouhrias, einer jungen Algerierin, die als stumme Begleiterin und widerständige Zuhörverweigerin den Monolog begleitet und zugleich unterläuft. Die im vorliegenden Aufsatz entwickelte Argumentation liest diesen Roman als radikales Experiment narrativer Selbstentlarvung: Belezi überlässt dem ostentativ unzuverlässigen Ich-Erzähler vollständig die Redehoheit und verzichtet auf jede explizite moralische Kommentierung, sodass sich die Kritik nicht aus einer Gegenstimme, sondern aus der Übersteigerung der kolonialen Logik selbst ergibt. Die Analyse arbeitet heraus, wie diese Strategie auf mehreren Ebenen greift: in der monologischen Erzählstruktur, die Kommunikation in Herrschaft verwandelt; in der Zeitstruktur, die Geschichte als ungebrochene Kontinuität kolonialer Gewalt erscheinen lässt; in der Figurenkonstellation, die koloniale Subjekte systematisch zum Schweigen bringt; sowie in den semantischen Feldern von Körper, Tiermetaphorik und Besitz, die die Ideologie des Erzählers tragen. Besonders hervorgehoben wird die Funktion der satirischen Übertreibung und der strukturellen Diskrepanz zwischen erzählter Selbstwahrnehmung und faktischer Gewalt, die als „satirische Maschine“ fungiert. Schließlich zeigt der Aufsatz, dass der Roman auch eine autopoetologische Reflexion darstellt, indem er den Kolonisator als Autor seiner eigenen Geschichte inszeniert und zugleich die Instabilität dieser Autorschaft offenlegt. In der Zusammenschau erscheint "Moi, le glorieux" damit als ein Text, der die koloniale Gewalt nicht von außen kritisiert, sondern sie im Modus ihrer eigenen Rede so radikal ausstellt, dass sie sich im Akt des Sprechens selbst diskreditiert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Habitate schreiben: Zeiten der Bewohnbarkeit bei Joy Sorman</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/17/habitate-schreiben-zeiten-der-bewohnbarkeit-bei-joy-sorman/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Mar 2026 09:01:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2016]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Joy Sorman]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="220" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81yu4yHOxEL-220x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81yu4yHOxEL-220x300.jpg 220w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81yu4yHOxEL-753x1024.jpg 753w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81yu4yHOxEL-768x1045.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81yu4yHOxEL-1129x1536.jpg 1129w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81yu4yHOxEL-1505x2048.jpg 1505w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81yu4yHOxEL.jpg 1627w" sizes="auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px" />Die Interpretation liest "Gros œuvre" (OEU) und "L’inhabitable" (INH) der Inculte-Autorin Joy Sorman als komplementäre Versuchsanordnungen, in denen das Wohnen einmal aus der Perspektive seiner Hervorbringung, einmal aus der seines Entzugs begriffen wird: Während OEU in dreizehn episodischen Miniaturen das Habitat als Ergebnis körperlicher Arbeit, improvisierter Aneignung und sozialer Praxis entfaltet – vom autodidaktischen Hausbau über mobile, modulare oder prekäre Wohnformen bis hin zu kollektiven, ephemeren Utopien –, setzt INH beim Gegenteil an, indem es heruntergekommene Pariser Gebäude und ihre Bewohner dokumentiert und in einer doppelten Zeitstruktur (Besuch und Wiederkehr) zeigt, wie selbst die Verbesserung materieller Bedingungen soziale Gefüge destabilisiert und das Wohnen als erlernte, fragile Praxis sichtbar macht. Die Argumentation des Aufsatzes zeigt, dass erst im Zusammenspiel beider Texte eine adäquate Theorie des Wohnens entsteht: als ein Prozess zwischen Rohbau und Ruine, zwischen Möglichkeit und Verlust, der sich weder als statischer Zustand noch als rein funktionale Kategorie fassen lässt. Methodisch verfolgt die Analyse drei Linien: Erstens wird gezeigt, wie die je spezifischen Raum- und Zeitordnungen – mosaikartige Parataxe und perspektivische Mobilität in OEU, palimpsestartige Schichtung und retrospektive Verdopplung in INH – das Wohnen als dynamischen, nie abgeschlossenen Zustand modellieren; zweitens wird herausgearbeitet, dass die Figurenkonstellationen und Kommunikationsformen (vom dialogischen Austausch mit Handwerkern bis zum administrativ gerahmten Interview) die soziale Ungleichverteilung von Wohn- und Sprechrechten spiegeln; drittens rekonstruiert die Interpretation die zentralen Metaphernfelder – Körper, Konstruktion, Schwelle –, die beide Texte verbinden und zugleich gegeneinander verschieben. So wird die These einer „Poetik des Unvollendeten“ herausgearbeitet, die sich auch autopoetologisch bestätigt: Anfang und Schluss beider Werke inszenieren Wohnen nicht als Ankunft, sondern als Tätigkeit im Modus des Noch-nicht oder Nicht-mehr, sodass Sormans Schreiben selbst als eine Form des Bewohnens erscheint – ein Erkunden von Räumen, deren Bedeutung sich erst im Durchgang, in der Wiederholung und im sprachlichen Zugriff konstituiert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Textuelle Mobilität: Tiphaine Samoyault und ihr Plädoyer für eine agonistische Philologie</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/13/textuelle-mobilitaet-tiphaine-samoyault-und-ihr-plaedoyer-fur-eine-agonistische-philologie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Mar 2026 07:59:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Tiphaine Samoyault]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/1000052957-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/1000052957-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/1000052957.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Die Doppelrezension von Tiphaine Samoyaults Büchern "Toutes sortes de Misérables" (2026, zit. als TSM) und "Traduction et violence" (2020, zit. als TEV) stellt zwei unterschiedliche, jedoch komplementäre Zugänge zur Transformation literarischer Texte vor und nutzt deren Zusammenschau, um einen grundlegenden Wandel im literaturwissenschaftlichen Werkverständnis zu diskutieren: Während TSM anhand der globalen Rezeptions- und Bearbeitungsgeschichte von "Les Misérables" von Victor Hugo eine Theorie des Klassikers als Resultat unaufhörlicher Variation entwickelt – der Klassiker existiert demnach nicht trotz, sondern wegen seiner Umschreibungen, Kürzungen, Übersetzungen und Adaptionen –, analysiert TEV die Übersetzung als konflikthaften Akt kultureller Transformation, der nicht nur Verständigung ermöglicht, sondern auch Aneignung, Reduktion von Alterität und politische Machtverhältnisse sichtbar macht; gemeinsam führen beide Studien zu einer konsequent prozessualen Auffassung des literarischen Textes. Die Doppelbesprechung macht deutlich, dass Samoyault in beiden Büchern die Vorstellung eines stabilen, souveränen Originals unterläuft und stattdessen eine Poetik der „textuellen Mobilität“ formuliert: In der Analyse der unzähligen Versionen von Figuren wie Cosette zeigt sie exemplarisch, dass gerade die Vervielfältigung der Varianten die kulturelle Erinnerbarkeit eines Werkes garantiert, während ihre Übersetzungstheorie den scheinbar harmonischen Diskurs der kulturellen Vermittlung durch das Konzept einer „agonistischen“ Übersetzung ersetzt, die Differenz und Reibung bewusst erhält. In der Zusammenschau erscheint Variation somit als doppelte Bewegung – einerseits als Überlebensstrategie des Klassikers im kulturellen Gedächtnis, andererseits als konflikthafte Praxis der sprachlichen und politischen Aushandlung. Die Doppelrezension liest beide Bücher daher als theoretisch miteinander verschränkte Interventionen gegen einen statischen Werkbegriff: Literatur entsteht nicht aus der Unveränderlichkeit eines Ursprungs, sondern aus der fortgesetzten Transformation durch Lektüre, Bearbeitung und Übersetzung. Damit verschiebt Samoyault den Fokus der Literaturwissenschaft von der Autorität des Originals auf die Dynamik seiner Zirkulation in Raum und Zeit und fordert eine Philologie, die nicht mehr den „einen“ Text zu fixieren versucht, sondern die Prozesse untersucht, durch die Texte sich verändern, vervielfältigen und in neuen historischen und politischen Konstellationen wirksam werden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Hydrologische Metaphern und soziale Aushandlungsprozesse: zur politischen Ökologie des Wassers bei Gaspard Kœnig</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/11/hydrologische-metaphern-und-soziale-aushandlungsprozesse-zur-politischen-oekologie-des-wassers-bei-gaspard-koenig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Mar 2026 20:39:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Gaspard Kœnig]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="210" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/koenig-aqua-210x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/koenig-aqua-210x300.jpg 210w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/koenig-aqua-717x1024.jpg 717w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/koenig-aqua-768x1096.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/koenig-aqua.jpg 1051w" sizes="auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px" />Gaspard Kœnigs „Aqua“ (L’Observatoire, 2026) spielt in Saint-Firmin-sur-Orne und entfaltet die Geschichte eines Dorfs in der Normandie, das zwischen Naturgewalt und menschlicher Planung steht. Der Roman beginnt programmatisch mit einem einzelnen fallenden Regentropfen, der als eigenständiger Akteur das Wassersystem, seine Zyklizität und seine Unberechenbarkeit einführt. Aus dieser Perspektive entwickelt sich die Handlung: Überschwemmungen, Dürre und der Konflikt um die „source des anciens“ setzen die Dorfgesellschaft unter Druck. Die narrative Struktur ist zyklisch und elementar: Naturereignisse, historische Erinnerungen und soziale Interaktionen verschränken sich zu einer Bewegung, in der kein lineares Ende, sondern fortwährende Anpassung und Verschiebung dominiert. Figuren wie Martin Jobard, der technokratische Modernisierung verkörpert, und Maria, Hüterin lokaler Erfahrung und situativer Fürsorge, strukturieren das Geschehen als Kontrastpole, deren Konflikt über polyzentrische Entscheidungen und Allmende-Modelle entfaltet wird. Der Roman verknüpft hydrologische, geologische und soziale Ebenen, sodass Landschaft, Flüsse und Quellen selbst zu politischen und metaphorischen Akteuren werden. – Der Aufsatz betont, dass „Aqua“ nicht nur Ökologie oder Dorfpolitik erzählt, sondern die Erzählstruktur selbst die Spannung zwischen Chaos und Ordnung spiegelt. Die Kapitel sind so arrangiert, dass Naturereignisse die sozialen und politischen Prozesse rhythmisieren: Hochwasser, Pegelschwankungen und die Erinnerung an frühere Überschwemmungen lassen zentrale Konflikte sukzessive eskalieren und transformieren zugleich Machtverhältnisse und Handlungsmöglichkeiten. Die narrative Gestaltung – von der prosopopöischen Darstellung des fallenden Tropfens bis zu zyklischen Fluss- und Landschaftsbildern – macht sichtbar, wie menschliche Kontrolle immer vorläufig bleibt. Figurenhandlungen, Ortsbilder und hydrologische Details verschränken sich zu einem relationalen Gefüge, in dem Wasser als Lebensnerv der Gemeinschaft fungiert. Der Aufsatz argumentiert, dass Kœnig die anti-teleologische Struktur des Romans nutzt, um die Unabschließbarkeit ökologischer und sozialer Konflikte literarisch zu verdeutlichen: Politik, Technik und Natur erscheinen nicht als souveräne Instanzen, sondern als ineinandergreifende Dynamiken, die nur situativ ausgehandelt werden können.]]></description>
		
		
		
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		<title>Land der Kinderkönige: Palästina zwischen Gewalt und Gnade bei Yasmina Khadra</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/10/land-der-kinderkoenige-palaestina-zwischen-gewalt-und-gnade-bei-yasmina-khadra/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Mar 2026 20:01:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Yasmina Khadra]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/Khadra26-194x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/Khadra26-194x300.png 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/Khadra26.png 324w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Yasmina Khadras neuer Roman "Le prieur de Bethléem" (Flammarion, 2026, zit. als PB) knüpft thematisch an seine sogenannte „Trilogie des großen Missverständnisses“ an, die eine literarische Kartografie der Krisenregionen der frühen 2000er Jahre entwarf, Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban (mit "Die Schwalben von Kabul"), Israel und die palästinensischen Gebiete während der Zweiten Intifada (in "Die Attentäterin") und Irak im Kontext des Irakkriegs nach der amerikanischen Invasion 2003 (in "Die Sirenen von Bagdad"). Wie in diesen Romanen verbindet Khadra auch hier eine spannungsreiche Handlung mit einer moralischen Reflexion über Gewalt, Demütigung und Radikalisierung. Im Zentrum steht der französisch-israelische Verleger Alexandre Yakovlevoï, der ein Manuskript eines palästinensischen Mönchs erhält und kurz darauf von dessen Autor entführt wird. Während Alexandre gezwungen wird, die Lebensgeschichte des Priors Wahid anzuhören – eine Chronik von Vertreibung, familiären Verlusten und politischer Gewalt in Palästina –, enthüllt sich allmählich eine persönliche Verstrickung: Alexandre selbst war als junger Soldat in Israel an der Tötung von Wahids schwangeren Cousine beteiligt. Der Roman entwickelt daraus eine Konfrontation, die nicht auf Rache zielt, sondern auf moralische Einsicht. Parallel dazu öffnen visionäre und fast messianische Szenen – etwa geheimnisvolle Heilungen in Jordanien oder die Erscheinung eines Pilgers in den Ruinen von Gaza – eine spirituelle Perspektive, in der Khadra den Konflikt in einen universalen Horizont menschlicher Verantwortung stellt. - Der Aufsatz interpretiert den Roman als späte Weiterführung der Trilogie, die deren Diagnose des „großen Missverständnisses“ zwischen Orient und Okzident vertieft und zugleich transformiert. Während die früheren Werke vor allem die Entstehung von Gewalt aus Demütigung und politischer Ohnmacht analysierten, verschiebt sich hier der Fokus auf eine moralische Konfrontation zwischen Täter und Opfer. Die Argumentation des Aufsatzes arbeitet dabei mehrere Ebenen heraus: erstens die politische Dimension des Romans als Kritik an militärischer Gewalt und asymmetrischer Wahrnehmung des Nahostkonflikts; zweitens die psychologische Struktur der Schuld, die sich in der Figur des französisch-israelischen Verlegers verdichtet; und drittens eine religiös-symbolische Ebene, auf der Khadra eine Vision moralischer Wiedergeburt entwirft. Besonders betont wird, dass der Roman nicht im politischen Realismus stehen bleibt, sondern eine utopische Gegenbewegung formuliert: Wahrheit, Empathie und die „rettende Geste“ erscheinen als Möglichkeiten, den Kreislauf von Trauma und Vergeltung zu durchbrechen. Die Interpretation liest PB daher weniger als politischen Roman im engeren Sinn, sondern als literarischen Versuch des Dégagement, den Nahostkonflikt in eine universelle Ethik der Menschlichkeit zu überführen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Abgrund und Trugbild: die Hölle als Leere der globalen Moderne bei Jérôme Ferrari</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/09/abgrund-und-trugbild-die-hoelle-als-leere-der-globalen-moderne-bei-jerome-ferrari/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Mar 2026 12:06:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Jérôme Ferrari]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="158" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/9782330216382_1_75-158x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/9782330216382_1_75-158x300.jpg 158w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/9782330216382_1_75-539x1024.jpg 539w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/9782330216382_1_75.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" />Der neue Roman von Jérôme Ferrari, "Très brève théorie de l’enfer" (Actes Sud, 2026) entwirft eine düstere Parabel über die metaphysische Verfassung der globalisierten Moderne. Im Zentrum steht ein korsischer Philosophie­lehrer, der vor der moralischen Monotonie seiner Heimat flieht und über eine Zwischenzeit in Algerien nach Abu Dhabi gelangt, wo er als privilegierter Expatriate lebt, während unsichtbare Arbeitsmigranten die glänzende Stadt errichten. Eine Erzählerin spricht im Rahmen zum „König der Zeit“ und entfaltet eine „Theorie der Hölle“, nach der Verdammnis nicht aus spektakulären Verbrechen entsteht, sondern aus der „Trockenheit des Herzens“ und einer schuldhaften Blindheit gegenüber der Wahrheit. Die Rückschau des Protagonisten und Erzählers der Binnengeschichte liefert dazu die konkrete Fallstudie: Seine Versuche, durch Flucht und religiöse Metamorphose ein anderer zu werden, scheitern; Frau und Tochter verschwinden, und die Rückkehr nach Korsika erweist sich als endgültiges Exil eines Mannes, der als „doppelter Apostat“ weder Heimat noch Identität zurückgewinnt. - Der Aufsatz liest den Roman als zweiten Teil einer Trilogie über die Dialektik von „Indigenen“ und „Reisenden“, in der Ferrari die Begegnung von Mobilität, Macht und moralischer Blindheit analysiert. Indem die metaphysische Rahmenerzählung mit der sozialen Topographie Abu Dhabis – der künstlichen Corniche, der Industriezone Mussafah, den Baustellen des Louvre – verschränkt wird, erscheint die Hölle nicht als jenseitiger Ort, sondern als Struktur der Gegenwart: ein Zustand ontologischer Indifferenz, in dem privilegierte Reisende ihre eigene Leere durch Bewegung, Rollenwechsel und kulturelle Masken verdecken. Die Reise wird so zum paradoxen Motor eines spirituellen Abstiegs. Am Ende steht die Einsicht, dass in der globalisierten Welt jede Flucht in ein „Anderswo“ nur eine Variation desselben Betrugs bleibt – ein endloser Kreislauf aus Exil, Schuld und gescheiterter Metamorphose.]]></description>
		
		
		
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		<title>Drei intermediale Orpheus-Variationen: Palermo, Berlin und Trumps USA bei Sébastien Berlendis</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/06/drei-intermediale-orpheus-variationen-palermo-berlin-und-trumps-usa-bei-sebastien-berlendis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 20:05:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2018]]></category>
		<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Sébastien Berlendis]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="158" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61yUd8l-jFL._SL1368_-158x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61yUd8l-jFL._SL1368_-158x300.jpg 158w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61yUd8l-jFL._SL1368_-539x1024.jpg 539w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61yUd8l-jFL._SL1368_.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" />Die Rezension liest Sébastien Berlendis’ neuen Roman "24 fois l’Amérique" (Actes Sud, 2026, zit. FA) im Zusammenhang mit zwei früheren Büchern ("Revenir à Palerme", 2018 und "Seize lacs et une seule mer", 2021) als Teil einer zusammenhängenden poetischen Konstellation. Alle drei Texte variieren ein gemeinsames erzählerisches Grundmotiv: Ein Ich-Erzähler folgt der Spur einer verschwundenen Frau und bewegt sich dabei durch Landschaften, die von Geschichte, Erinnerung und Melancholie geprägt sind. Während der erste Roman in einem verfallenden Palermo eine fast klaustrophobische Suche nach der verlorenen Geliebten Délia entfaltet und die Fotografie als Medium der Erinnerung inszeniert, verlegt der zweite diese Spurensuche in die sommerlichen Seenlandschaften Berlins, wo Super-8-Filme einer geheimnisvollen Frau zum Ausgangspunkt einer flanierenden Rekonstruktion der Vergangenheit werden. FA nun erweitert diese Bewegung zu einem Roadmovie durch den amerikanischen Rust Belt: Der Erzähler reist von New York bis zum Lake Michigan, um Marianne wiederzufinden, die seit Jahren nur noch durch gezeichnete Postkarten präsent ist. Der Roman entfaltet daraus eine visuell strukturierte Reise durch Motels, Industriebrachen und Seenlandschaften, in der fotografische Apparate, überbelichtete Bilder und filmische Einstellungen zu zentralen Metaphern für die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses werden. Marianne erscheint weniger als reale Figur denn als „Präsenz durch Abwesenheit“, deren Spur der Erzähler in einer Landschaft aus Erinnerungsfragmenten verfolgt. - Der Artikel argumentiert, dass diese drei Romane als eine intermediale Variation des Orpheus-Mythos zu lesen sind. Berlendis’ Erzähler bewegt sich stets in einer paradoxen Bewegung zwischen Erinnerung und Gegenwart: Wie Orpheus versucht er, eine verlorene Eurydike zurückzuholen, doch die Suche führt nicht zur Wiedergewinnung der Geliebten, sondern zu einer ästhetischen Transformation des Verlusts. Die Analyse zeigt, dass diese Poetik stark von visuellen Medien geprägt ist. Fotografie, Film und Polaroidbilder strukturieren nicht nur die Wahrnehmung der Figuren, sondern auch die formale Organisation der Texte – besonders im jüngsten Roman, dessen vierundzwanzig Episoden wie filmische Einstellungen eines melancholischen Roadmovies wirken. Gleichzeitig liest der Artikel den jüngsten Roman als indirekten politischen Roman über das gegenwärtige Amerika: Die Reise durch den Rust Belt führt durch deindustrialisierte Städte, religiös aufgeladene Landschaften und migrantisch geprägte urbane Räume, wodurch sich ein vielschichtiges Bild eines gesellschaftlich zerrissenen Landes ergibt. Die Interpretation argumentiert, dass Berlendis diese politische Dimension nicht programmatisch formuliert, sondern aus einer Poetik der Beobachtung entstehen lässt, in der persönliche Erinnerung, mediale Wahrnehmung und historische Landschaften ineinander verschränkt sind.]]></description>
		
		
		
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		<title>Pascal Bruckner: der Philosoph als Sohn</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/05/pascal-bruckner-der-philosoph-als-sohn/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Mar 2026 07:51:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Pascal Bruckner]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81OKkQWqNTL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81OKkQWqNTL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81OKkQWqNTL._SL1500_-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81OKkQWqNTL._SL1500_-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/81OKkQWqNTL._SL1500_.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />In "Un bon fils" (2014, zit. BF) und dem jüngsten Buch "De mère inconnue" (2026, zit. MI) unternimmt der nouveau philosophe Pascal Bruckner eine doppelte familiäre Selbstbefragung, die zugleich als intellektuelle Biografie gelesen werden kann. Während BF die gewaltvolle und ideologisch verhärtete Vaterfigur porträtiert – einen antisemitischen und autoritären Mann, dessen Weltbild den jungen Bruckner zugleich prägte und zur Abgrenzung zwang –, rekonstruiert MI die lange Zeit im Schatten stehende Geschichte der Mutter. Die beiden Bücher bilden damit ein komplementäres Diptychon: Auf der einen Seite steht der Vater als Symbol eines repressiven, ressentimentgeladenen Denkens, auf der anderen die rätselhafte, teilweise abwesende Mutter, deren Biografie Fragen nach Herkunft, Identität und emotionaler Überlieferung aufwirft. Zusammen entwerfen diese autobiografischen Texte eine Genealogie der intellektuellen Selbstpositionierung Bruckners. - Die Rezension zeigt, wie sich aus dieser familiären Konstellation zentrale Motive von Bruckners essayistischen Publikationen erklären lassen. Seine Kritik an westlicher Schuldideologie (in Werken wie "La tyrannie de la pénitence", "Le sanglot de l'homme blanc" oder "Je souffre donc je suis") erscheint vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung von Schuld, Autorität und moralischer Selbstbefragung neu lesbar. Ebenso lässt sich seine Analyse moderner Opferdiskurse mit der Auseinandersetzung mit familiären Macht- und Opferrollen verbinden. Die Rezension argumentiert daher, dass BF und MI nicht nur autobiografische Dokumente sind, sondern Schlüsseltexte zum Verständnis von Bruckners ideologiekritischem Werk: In ihnen verschränken sich Familiengeschichte, moralische Reflexion und politische Essayistik zu einer intellektuellen Selbstdeutung.]]></description>
		
		
		
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		<title>Von den Mods zum Dichter: kalkuliertes Verschwinden bei Charles Baudelaire und Cyrille Martinez</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/03/vom-mod-zum-dichter-kalkuliertes-verschwinden-bei-charles-baudelaire-und-cyrille-martinez/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Mar 2026 00:13:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Baudelaire]]></category>
		<category><![CDATA[Cyrille Martinez]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="196" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/G11340-196x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/G11340-196x300.jpg 196w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/G11340-670x1024.jpg 670w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/G11340-768x1175.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/G11340-1004x1536.jpg 1004w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/G11340-1339x2048.jpg 1339w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/G11340.jpg 1483w" sizes="auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px" />Cyrille Martinez’ Roman "Comment habiller un garçon" (éds. verticales, 2026) erzählt die Geschichte eines namenlosen Erzählers, der nach einer depressiven Phase, in der er apathisch im Bett liegt und seinen anwachsenden Kleiderhaufen als Sinnbild seines inneren Zerfalls betrachtet, langsam in die Gesellschaft zurückkehrt. Eine Stelle als Bibliotheksassistent in Avignon markiert den ersten Schritt aus der Isolation; zunächst versucht er, sich durch schlichte, „anständige“ Kleidung sozial kompatibel zu machen. Doch erst die Begegnung mit der Mod-Subkultur um Joe auf der Place des Corps-Saints eröffnet ihm eine radikalere Perspektive: Kleidung erscheint nun nicht mehr als Anpassung, sondern als Instrument geistiger Disziplin, sozialer Distinktion und ästhetischer Selbsterschaffung. Durch Rituale – die Rasur der „French Line“, den Erwerb eines M51-Parka, die Perfektion maßgeschneiderter Hosen – wird er in einen Kodex eingeführt, der maximale Anstrengung und absolute Formstrenge verlangt. Parallel dazu verankert der Roman diese Stilpraxis intertextuell: Figuren wie George Brummell und Charles Baudelaire liefern Modelle einer asketischen, auf Unsichtbarkeit zielenden Eleganz. Der symbolische Höhepunkt ist der Tausch einer seltenen Soul-Platte gegen einen mythisch aufgeladenen „Habit noir“, der Baudelaire gehört haben soll. Mit diesem schwarzen Frack vollzieht der Erzähler seine Metamorphose vom modischen Adepten zum Dichter: Mode wird zur Vorstufe der Poesie, Identität zur bewusst getragenen Form. – Die Interpretation liest den Roman als Studie der Identitätskonstruktion durch äußere Zeichen und ordnet ihn in Martinez’ Gesamtwerk ein, das wiederholt subkulturelle Räume als Laboratorien der Selbsterschaffung untersucht. Argumentativ verbindet sie Motivanalyse (Kleiderhaufen, Parka, Hosenaufschlag, Frack) mit poetologischer Kontextualisierung: Die dokumentarische „Infralangue“, das popliterarische Arbeiten mit Listen und Katalogen sowie die dichte Intertextualität erscheinen als formale Entsprechungen des thematischen Projekts. Männlichkeit wird hier nicht biologisch, sondern ästhetisch definiert – als Disziplin, als Widerstand gegen militärisch-virile Stereotype und als symbolische Umkehr sozialer Hierarchien („besser gekleidet als der Chef“). Die Mod-Ästhetik wird von Martinez mit Baudelaires Modernebegriff kurzgeschlossen: Künstlichkeit wird zur Rettung vor formloser „Natur“, der schwarze Frack zur paradoxen Signatur einer Identität, die sich im Verschwinden vollendet. So deutet die Interpretation den Roman nicht als nostalgische Jugenderzählung, sondern als poetologisches Manifest, in dem die Reflexion der Kleidung selbst zum Schreibakt führt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Nikolai Gogol, Nicole Caligaris und die Pariser Anschläge vom 13. November 2015</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/02/nikolai-gogol-die-pariser-anschlaege-vom-13-november-2015-und-nicole-caligaris/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 07:11:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Nicole Caligaris]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Im Zentrum der Interpretation steht Nicole Caligaris’ Roman "Le gogol" (2026): In einem Bahnhofscafé im Morgengrauen trifft eine erschöpfte Erzählerin aus dem Kulturministerium auf einen verstörten Mann im übergroßen Militärmantel, der sie für eine Richterin hält und darauf besteht, endlich seine Geschichte „zu Protokoll“ zu geben. Dieser Mantel, im Chaos der Pariser Anschläge vom 13. November 2015 in einem Lokal namens Mar Cantabrico an sich genommen, ist zu schwer, zu weit, nicht „nach Maß“: Er wird zum sichtbaren Zeichen eines Traumas, das sich nicht ablegen lässt. Während der Mann von Schüssen, einer Flucht durch eine Falltür und einem nächtlichen Warten auf ein nie eintreffendes Funksignal erzählt, denkt die Erzählerin an ihre eigene Entwertung im bürokratischen Projektbetrieb. Zwei Existenzen, beide randständig, beide in Systemen gefangen, die Menschen in Akten, CVs und „Passiva“ verwandeln. Von hier aus schlägt die Interpretation den Bogen zurück zu Nikolai Gogols "Der Mantel" (1842): Auch dort hängt das Leben eines unscheinbaren Beamten an einem Kleidungsstück, doch während Akaki Akakijewitsch seinen Mantel als ersehnte Identitätsprothese erkämpft und durch dessen Verlust zugrunde geht, trägt Caligaris’ „Gogol“ ein fremdes, historisch aufgeladenes Erbstück, das ihn definiert, ohne je sein Eigentum gewesen zu sein. Die Argumentation macht anschaulich, wie sich das Motiv vom Aufstiegsversprechen zur Trauma-Metapher verschiebt: Bei Gogol entlarvt der geraubte Mantel die Grausamkeit einer zaristischen Hierarchie; bei Caligaris wird der Militärmantel zum materiellen Archiv kollektiver Gewalt und zum Symbol einer Gegenwart, in der Identität nur noch bruchstückhaft rekonstruierbar ist. Durch diese intertextuelle Fortschreibung zeigt die Analyse, dass der „kleine Mensch“ des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert nicht verschwunden ist – er steht nun im Café, spricht von Funkrauschen und zerrissenen Puzzles und fordert nichts Geringeres als ein modernes „Habeas Corpus“: das Recht, als verletzliche, geschichtliche Existenz anerkannt zu werden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Ödipus in Évreux: Deutsch-französische Nachkriegstragödie bei Denis Dercourt</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/01/oedipus-in-evreux-deutsch-franzoesische-nachkriegstragoedie-bei-denis-dercourt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Mar 2026 13:53:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Denis Dercourt]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="206" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71VmOoK1o5L._AC_UF8941000_QL80_-206x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71VmOoK1o5L._AC_UF8941000_QL80_-206x300.jpg 206w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71VmOoK1o5L._AC_UF8941000_QL80_.jpg 688w" sizes="auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px" />Denis Dercourts Debütroman "Évreux" (Denoël, 2023) erzählt über sieben Jahrzehnte hinweg eine folgenreiche Familiensaga, die im Bombenhagel des Jahres 1944 beginnt. Léon, geboren als Sohn einer missbrauchten Französin und eines deutschen Kollaborateurs, wächst in einem Klima aus Scham, Schweigen und moralischer Kälte auf. Aus dem Kind der Trümmer wird ein skrupelloser Machtmensch, der die Schuldgeschichten seiner Mitbürger systematisch zur Erpressung nutzt und so ein Imperium aufbaut. Parallel dazu verfolgt der Roman die Schicksale seiner verleugneten Kinder sowie des Historikers Antoine, der versucht, die verborgenen Verbrechen der Vergangenheit aufzudecken – und dabei selbst in eine tödliche Spirale aus Rache und Selbstjustiz gerät. Die Stadt Évreux erscheint als moralisch kontaminierter Raum, in dem die deutsch-französische Besatzungsgeschichte nicht überwunden, sondern biografisch fortgeschrieben wird. Die Rezension liest den Roman konsequent als moderne Tragödie im Horizont von Ödipus Rex und argumentiert, dass Dercourt weniger eine historische Chronik als vielmehr ein deterministisches Schuldmodell entwirft. Zentral ist dabei die These einer „Ökonomie der Schuld“: Vergehen werden nicht gesühnt, sondern funktionalisiert und in neue Machtverhältnisse überführt. Stilistisch stützt die Rezension diese Deutung durch den Hinweis auf die parataktische, protokollarische Erzählweise, die Gewalt entemotionalisiert und als logische Folge historischer Verstrickungen erscheinen lässt. Zudem arbeitet sie heraus, dass die Figur des Historikers die Ambivalenz von Aufklärung verkörpert: Erkenntnis führt nicht zur Katharsis, sondern zur erneuten Tat. Die Argumentation der Rezension ist dabei klar strukturiert – von der Urszene 1944 über die intergenerationale Wiederholung bis zum finalen Akt der Selbstjustiz – und zielt auf die Diagnose einer Nachkriegsgesellschaft, deren offizielle Versöhnungsnarrative durch private Gewaltgeschichten radikal unterlaufen werden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Im Zustand permanenter Jagd: Éric Vuillards Erstlingsroman</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/25/im-zustand-permanenter-jagd-eric-vuillards-erstlingsroman/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Feb 2026 08:34:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1999]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Vuillard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/332008-gf-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/332008-gf-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/332008-gf.jpg 301w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Mit "Le Chasseur" (Éditions Michalon, 1999) legt Éric Vuillard seinen Erstlingsroman vor – einen schmalen, formal streng komponierten Text, der in 48 kurzen Kapiteln die Erfahrung des Gejagtseins als existenziellen Totalzustand entfaltet. In der Form eines radikal subjektiven Ich-Monologs variiert der Roman die Grundsituation einer „ein für alle Mal“ eröffneten Jagd, in der es keine Schonzeiten, keine Schutzräume und keine rechtlich gesicherten Grenzen mehr gibt. Der Erzähler, zwischen Tier und Mensch changierend, imaginiert sich als letztes Exemplar einer Art, als Objekt obsessiver Verfolgung und zugleich als einziges Ziel eines Jägers, dessen Drohung ebenso vernichtend wie sinnstiftend wirkt. Handlung im klassischen Sinn existiert kaum; stattdessen entfaltet sich eine Folge von Gedankenschüben, Hypothesen und Selbstdeutungen, die Jagd als Metapher für Angst, Anerkennungssehnsucht, Macht und Sterblichkeit lesbar machen. – Die Rezension arbeitet heraus, dass dieser Erstling bereits jene Obsessionen vorformuliert, die Vuillards spätere historische Récits – etwa "Conquistadors", "Congo" oder "L’ordre du jour" – politisch konkretisieren: das Interesse an asymmetrischen Machtverhältnissen, an der Inszenierung von Gewalt und an der Komplizenschaft der Bedrohten. Während die späteren Texte reale historische Akteure und archivalisches Material in den Mittelpunkt stellen, erscheint "Le Chasseur" als poetologisches Labor, in dem Verfolgung noch allegorisch verdichtet wird. Die Argumentation der Rezension folgt dabei einer klaren Bewegung: von der formalen Analyse (Fragmentierung, Monologstruktur, Ambivalenz zwischen Realität und Wahn) über die psychologische Deutung der Jäger-Beute-Bindung bis hin zur politischen und metaphysischen Lesart der Jagd als Ausnahmezustand. So wird der Roman nicht nur als existentialistische Parabel, sondern als Keimzelle eines Gesamtwerks verständlich, das später die „coulisses“ der Geschichte freilegt, hier jedoch die Bedrohung als Struktur des Bewusstseins selbst untersucht.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Zwischen Kunstinstallation und Nicht-Dystopie: Théo Cascianis radikale Gegenwartsdiagnose</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/24/zwischen-kunstinstallation-und-nicht-dystopie-theo-cascianis-radikale-gegenwartsdiagnose/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Feb 2026 23:26:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Théo Casciani]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/1000051732-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/1000051732-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/1000051732.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Théo Casciani entwirft in seinen Romanen "Rétine" (2019) und "Insula" (2026, beide bei P.O.L.) zwei aufeinander bezogene Versuchsanordnungen zur digitalen Gegenwart. Während "Rétine" den Zerfall einer Fernbeziehung in einer Welt aus Kunstinstallationen, Skype-Fenstern und global zirkulierenden Bildern seziert, verschärft "Insula" diese Ästhetik der Distanz zu einer existenziellen Dystopie: Eine illegale VR-Pille, politische Radikalisierung und der tumorbedingte Tod des Vaters verschränken sich zu einer Erzählung über Unberührbarkeit, Trauer und algorithmische Kälte. Beide Romane kreisen um die Frage, wie Wahrnehmung, Körper und Intimität unter den Bedingungen permanenter Medialität transformiert werden. - Die Doppelinterpretation liest diese Texte als Entwicklung von einer ästhetischen „Poetik der Oberfläche“ hin zu einer moralisch aufgeladenen Nicht-Dystopie. Sie argumentiert entlang zentraler Kategorien – Blick, Raum, Zeit, Intertextualität, Männlichkeit – und zeigt, wie Casciani das Motiv des Auges zur poetologischen Matrix erhebt: von der Netzhaut als Speicher visueller Reize bis zur Insula als neuronaler Metapher für Isolation. Beide Romane kulminieren im „Schrei“ – einem Moment, in dem der Körper die Herrschaft der Bilder unterbricht und sich gegen die glatte Simulation der Welt behauptet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Historische Wahrheit im Zeitalter von KI und Identitätspolitik: Jean-Frédéric Schaub</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/23/historische-wahrheit-im-zeitalter-von-ki-und-identitaetspolitik-jean-frederic-schaub/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 04:54:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782226507440-j-194x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782226507440-j-194x300.jpg 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782226507440-j-663x1024.jpg 663w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782226507440-j-768x1185.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782226507440-j-995x1536.jpg 995w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782226507440-j-1327x2048.jpg 1327w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782226507440-j.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Jean-Frédéric Schaubs Streitschrift "Le passé ne s’invente pas" bringt die Geschichtswissenschaft als letzte Bastion gegen Desinformation, digitale Manipulation und identitäre Geschichtspolitik in Stellung. Vor dem Hintergrund generativer KI, politischer Propaganda und eines wissenschaftsfeindlichen Relativismus entwirft Schaub eine ebenso methodische wie politische Verteidigung der historischen Wahrhaftigkeit: Geschichte, so seine These, ist keine literarische Spielart, sondern eine auf materielle Spuren gegründete Wissenschaft, deren Kern die Anerkennung der „Unverfügbarkeit“ der Vergangenheit bildet. Die Rezension zeichnet nach, wie Schaub sich gegen uchronische Entwürfe wie Binets "Civilizations", gegen narrative Theorien im Gefolge von Hayden White und gegen „reparative“ Imaginationen – etwa bei Saidiya Hartman – abgrenzt, während er Autoren wie Patrick Modiano und dessen "Dora Bruder" als Beispiel einer literarischen Ethik des Verzichts würdigt. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob das Aushalten der Lücken – statt ihrer poetischen Auffüllung – tatsächlich die einzig legitime Form epistemischer Gerechtigkeit darstellt. Die Besprechung arbeitet die innere Logik von Schaubs Argumentation heraus, beleuchtet seine Kritik an Relativismus und „Ventriloquismus“ und diskutiert, inwiefern seine strikte Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Literatur im Zeitalter hybrider Formen überzeugt – oder neue Spannungen zwischen Faktentreue und moralischer Imagination erzeugt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Tragödie und Klassenblindheit: bürgerliche Hybris und prekäre Unsichtbarkeit bei Leïla Slimani</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/22/tragoedie-und-klassenblindheit-buergerliche-hybris-und-prekaere-unsichtbarkeit-bei-leila-slimani/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Feb 2026 11:46:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2016]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Leïla Slimani]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="201" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/6678-201x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/6678-201x300.jpg 201w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/6678.jpg 429w" sizes="auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px" />Die Interpretation zu „Chanson douce“ (2016) von Leïla Slimani liest den Goncourt-prämierten Roman als konsequent durchkomponierte moderne Tragödie, die ihre Wirkung nicht aus dem Überraschungsmoment, sondern aus der strukturellen Vorhersehbarkeit des bereits im ersten Satz enthüllten Kindermordes bezieht. Der Roman schildert die schleichende Eskalation im Haushalt der Pariser Familie Massé, in dem die scheinbar perfekte Nanny Louise durch soziale Isolation, prekäre Lebensumstände und die Klassenblindheit ihrer Arbeitgeber zunehmend in eine existentielle Verzweiflung gerät. Ausgehend vom invertierten Prolog („Das Baby ist tot“) arbeitet die Besprechung heraus, wie Slimani die klassische Dramaturgie – Exposition, steigende Handlung, Peripetie, Anagnorisis und Katastrophe – in ein zeitgenössisches, bürgerliches Milieu überträgt, in dem nicht göttliches Fatum, sondern soziale Blindheit, Klassenasymmetrie und die Delegation von Fürsorgearbeit das tragische Räderwerk antreiben. Im Zentrum steht dabei die These, dass Kommunikation im Hause Massé nicht Verständigung, sondern Machtausübung ist: Louises „gläsernes Schweigen“, die taktische Distanz Myriams und Pauls sowie symbolische Akte wie die Hühnerkarkasse fungieren als Vorboten der Katastrophe. Der Gesang – vom titelgebenden Wiegenlied bis zu den Kinderliedern im Alltag – wird als akustische Maske einer brüchigen Ordnung interpretiert, die im finalen „Schrei aus der Tiefe“ zerfällt. Argumentativ verfährt die Rezension streng strukturanalytisch: Sie liest Motive (Gesang, Bad, Messer), Räume (Wohnung als Bühne), Figurenkonstellationen und Erzähltechnik (Rückblende, metatheatrale Rahmung durch die polizeiliche Rekonstruktion) als Elemente einer Tragödienpoetik, die zugleich eine gesellschaftskritische Diagnose formuliert. Louise erscheint dabei weniger als monströse Täterin denn als tragische Figur des Prekariats, deren Unsichtbarkeit und Isolation das Produkt einer bürgerlichen Hybris sind – des Glaubens, man könne sich ein „rückstandsloses Glück“ kaufen, ohne die Subjektivität der Dienstleistenden anzuerkennen.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Vom Wilden Denken zum Ackerbauern: Das Rad im Sumpf bei Mathias Énard</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/20/vom-wilden-denken-zum-ackerbauern-das-rad-im-sumpf-bei-mathias-enard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Feb 2026 01:45:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Mathias Enard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="181" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/enard-3-article-181x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/enard-3-article-181x300.jpg 181w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/enard-3-article-619x1024.jpg 619w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/enard-3-article.jpg 650w" sizes="auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px" />"Le Banquet annuel de la Confrérie des fossoyeurs" (Actes Sud, 2020, ins Deutsche von Holger Fock und Sabine Müller, Hanser, 2021) von Mathias Énard folgt dem Pariser Ethnologiestudenten David Mazon in das abgelegene La Pierre-Saint-Christophe im Poitou. Was als Feldforschung beginnt, entfaltet sich zu einer Initiationsgeschichte: David versucht, das Dorf mit den Instrumenten von Claude Lévi-Strauss und Bronisław Malinowski zu vermessen, führt Kategorien, Transkriptionen und Tabellen, während um ihn herum eine Wirklichkeit pulsiert, die sich nicht in Begriffe bannen lässt. Parallel dazu öffnet sich eine zweite, metaphysische Ebene: Die Seelen der Toten kehren in immer neuen Gestalten zurück, durchwandern Schlachten, Religionskriege, Revolutionen und Weltkriege, bis sie im heutigen Ackerboden als Würmer, Wildschweine oder Bauern wiedererscheinen. Im Zentrum steht das grotesk-opulente Bankett der Totengräberbruderschaft in der Abtei von Maillezais – eine Rabelais'sche Orgie aus Speisen, Schnaps und Debatten, in der der Tod nicht verdrängt, sondern gefeiert wird. Am Ende gibt der Feldforscher David seine Dissertation auf und gründet mit Lucie einen Biohof: Die Theorie weicht der Arbeit, die Beobachtung der Teilhabe. - Der Aufsatz arbeitet heraus, dass dieser Handlungsbogen keine idyllische Rückkehr zur Natur inszeniert, sondern eine systematische Entmachtung des akademischen Blicks. Zunächst erscheint das Dorf als „Neuer Kontinent“, die Bewohner als Untersuchungsobjekte – ein ironisch gebrochener Nachvollzug kolonialer Ethnographie. Doch Methode und Wirklichkeit geraten auseinander: Dialekt, Körperlichkeit, Tod und Arbeit unterlaufen jede begriffliche Ordnung. Die Intertextualität – von François Rabelais bis François Villon – wirkt hier als poetologisches Instrument: Sie relativiert die Autorität der Theorie, indem sie sie in Überfülle, Groteske und (buchstäblich!) in Stoffwechsel auflöst. Die Interpretation deutet den ländlichen Raum im Roman als Palimpsest aus Weltgeschichte, bäuerlicher Praxis und ökologischer Gegenwart, in dem Tod und Fruchtbarkeit, Verrotten und Zukunft untrennbar verschränkt sind. Erkenntnis entsteht hier nicht aus Distanz, sondern aus Erdverbundenheit – als radikale, politische Umwertung dessen, was Wissen heißen kann.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die kalte Sprache der Akten. Wie Frankreich seine Homosexuellen verwaltete: David Alliot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/18/die-kalte-sprache-der-akten-wie-frankreich-seine-homosexuellen-verwaltete-david-alliot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Feb 2026 20:51:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="187" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/61i9FIfdd4L._SL1285_-187x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/61i9FIfdd4L._SL1285_-187x300.jpg 187w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/61i9FIfdd4L._SL1285_-638x1024.jpg 638w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/61i9FIfdd4L._SL1285_-768x1234.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/61i9FIfdd4L._SL1285_.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px" />In "Les secrets de Sodome: un siècle et demi d’homosexualité clandestine" (Plon, 2025) rekonstruiert David Alliot auf der Grundlage der Archive der Pariser Polizeipräfektur den klandestinen Alltag homosexueller Männer zwischen 1830 und 1981. Sein Zugriff ist explizit nicht apologetisch, sondern analytisch: Aus der „administrativen Kälte“ von Registern, Observationsberichten und Razzia-Protokollen arbeitet er heraus, wie Staat und Gesellschaft eine formal seit 1791 nicht mehr strafbare, kulturell jedoch geächtete Minderheit überwachten, klassifizierten und moralisch pathologisierten. Treffpunkte wie hôtels garnis, Bälle im Magic City oder die Vespasiennes erscheinen dabei als soziale Mikroräume, in denen sich Begehren, Angst und Kontrolle kreuzten; zugleich werden individuelle Biografien – vom Aristokraten bis zum Stricher, vom Chansonnier bis zum Aktivisten – aus der Anonymität der Akten befreit. Das Ergebnis ist eine weitgespannte Sittengeschichte, die den Wandel der Repression von monarchischer Ächtung über die biopolitische Moral der Dritten Republik und die diskriminierende Gesetzgebung von 1942 und der Fortführung unter De Gaulle bis zur Zäsur von 1981 nachzeichnet. Alliot zeigt, dass die Abschaffung der Kriminalisierung für „Sodomie“ keineswegs gesellschaftliche Akzeptanz bedeutete, sondern einer Epoche subtiler Überwachung wich, in der Identitäten katalogisiert statt Taten verfolgt wurden. Erst mit dem politischen Umbruch unter François Mitterrand endete die systematische polizeiliche Erfassung; 1982 folgte die rechtliche Gleichstellung. Doch das Buch schließt mit einer ernüchternden Einsicht: Rechte sind historisch kontingent – jede Krise kann die alten Reflexe moralischer Ausgrenzung reaktivieren.]]></description>
		
		
		
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		<title>Diaspora und Nationalismus: europäische Schwellenzeit 1913 bei François Sureau</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/18/diaspora-und-nationalismus-europaeische-schwellenzeit-1913-bei-francois-sureau/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Feb 2026 09:34:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[François Sureau]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/G10102-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/G10102-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/G10102-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/G10102-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/G10102.jpg 827w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Roman "Loin de Salonique" (Gallimard, 2026) von François Sureau verlegt seine Handlung in das Jahr 1913 nach Monastir (Bitola) und Thessaloniki und entfaltet an einem rätselhaften Mordfall ein Panorama des politisch überhitzten Balkanraums unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg: Die inoffiziellen Ermittlungen des französischen Thomas More und des jüdischen Unternehmers Paul Seligmann führen durch ein Geflecht aus Diplomatie, Handel und Geheimdienstaktivitäten und machen die tektonischen Spannungen sichtbar, die den osmanischen Vielvölkerraum erschüttern; dabei erscheint Thessaloniki als sephardisch geprägte, mehrsprachige Diasporastadt, deren fragile Pluralität im Kontrast zu den sich verhärtenden Nationalismen steht, während Frankreich zugleich als universalistische Referenzmacht und als machtpolitischer Akteur inszeniert wird. Die Rezension argumentiert, dass der Kriminalfall eine narrative Oberfläche bilde, um eine historische Diagnose zu leisten: Durch die doppelte Codierung der Figur Thomas More – als Anspielung auf den Humanisten und Autor von "Utopia" und als moderner, illusionsloser Beobachter – arbeite der Roman die Diskrepanz zwischen normativer Idee und politischer Wirklichkeit heraus; methodisch entfaltet die Besprechung ihre Deutung, indem sie zunächst den geopolitischen Schwellenraum konturiert, sodann die Symbolik der Namensgebung analysiert, die Darstellung jüdischer Diaspora als relationale Identitätsform herausarbeitet und schließlich die gattungspoetische Mischung zwischen Detektivroman, historischem Roman und politischem Essay bestimmt, wodurch sie zu dem Urteil gelangt, dass das Werk weniger eine kriminalistische Auflösung als eine melancholische Meditation über den Zerfall eines europäischen Ordnungsmodells bietet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Hermaphroditisches Schreiben: eine Nacht im Museum mit Éric Reinhardt</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/16/hermaphroditisches-schreiben-eine-nacht-im-museum-mit-eric-reinhardt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Feb 2026 15:26:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Reinhardt]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/713v72EzgpL._AC_CR0000_SY315_-194x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/713v72EzgpL._AC_CR0000_SY315_-194x300.jpg 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/713v72EzgpL._AC_CR0000_SY315_.jpg 204w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Éric Reinhardts "L’imparfait" (Stock, 2026) der Buchreihe „Ma nuit au musée“ beginnt mit einer scheinbar einfachen Prämisse: eine Nacht allein in der Galleria Borghese. Doch aus diesem institutionell gerahmten Experiment entwickelt sich ein vielschichtiger Text, der Selbstbefragung, Kunstbetrachtung, Mythos und Liebesfantasie ineinander verschiebt. Im Zentrum steht der Schlafende Hermaphrodit, dessen doppelte Körperlichkeit zur Leitfigur des ganzen Buches wird: Identität erscheint nicht als festgelegte Form, sondern als perspektivabhängige Erscheinung. Die Nacht im Museum löst die gewohnte Zeitordnung auf; Erinnerungen, frühere Rom-Aufenthalte, imaginierte Szenen und gegenwärtige Wahrnehmung überblenden sich. Kunstwerke werden nicht kunsthistorisch erklärt, sondern als Gegenüber erfahren – als stille, widerständige Körper, die Nähe erlauben und zugleich Distanz wahren. Parallel dazu entfaltet sich die Geschichte von Gloria und Bruno, die den antiken Mythos von Salmacis und Hermaphroditos bei Ovid in eine moderne Transformations- und Liebeserzählung überführt. Am Ende bleibt weniger eine abgeschlossene Handlung als ein atmosphärischer Zustand: das Bewusstsein, dass Schönheit, Identität und Erinnerung nur im Modus des Unvollendeten existieren – im Imperfekt. Die Rezension macht deutlich, dass dieses Buch nicht als Museumsreportage zu lesen ist, sondern als poetologisches Experiment. Sie zeigt, wie Reinhardt den Hermaphroditen, Berninis plastische Hybridität und die mythische Metamorphose als Modelle seines eigenen Schreibens nutzt: Der Text selbst wird „hermaphroditisch“, indem er Essay, Roman und Autobiographie verschmilzt. Besonders eindrücklich arbeitet die Besprechung die Spannung zwischen Nähe und Unverfügbarkeit heraus: Der Erzähler kann neben der Statue liegen, sie imaginär zudecken – doch besitzen kann er sie nicht. Auch der Schluss wird als bewusst ernüchternd gedeutet: Mit dem Morgen kehrt die Welt zurück, laut und prosaisch, während die Kunst wieder in ihre marmorne Innerlichkeit versinkt. Die Erfahrung der Nacht bleibt als Nachhall, nicht als Verwandlung.]]></description>
		
		
		
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		<title>Jean-Luc Lagarce, der Abwesende: biographische Fiktion als Metatheater bei Charles Salles</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/14/jean-luc-lagarce-der-abwesende-biographische-fiktion-als-metatheater-bei-charles-salles/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Feb 2026 04:36:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Salles]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Luc Lagarce]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/811aj4zf2ZL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/811aj4zf2ZL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/811aj4zf2ZL._SL1500_-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/811aj4zf2ZL._SL1500_-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/811aj4zf2ZL._SL1500_.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Die zeitgenössische französische Literatur und das Theater haben in Jean-Luc Lagarce eine Figur gefunden, deren Bedeutung weit über ihren frühen Tod im Jahr 1995 hinausgewachsen ist. Lagarce, der zu Lebzeiten oft am Rande des etablierten Kulturbetriebs agierte und sich zeitlebens mit finanziellen sowie institutionellen Hürden konfrontiert sah, hat sich postum zu einem der meistgespielten Dramatiker Frankreichs entwickelt. Dreißig Jahre nach seinem Ableben unternimmt der Autor Charles Salles mit seinem Roman "Lagarce, fiction", erschienen im August 2025 bei der Table Ronde in der Kollektion Vermillon, den Versuch, diese vielschichtige Persönlichkeit fiktional zu rekonstruieren. Salles, der zuvor mit seinem vielbeachteten Erstling "Alain Pacadis, Face B" (2023) einen anderen "Meteoriten" der Pariser Kulturlandschaft porträtierte, wechselt in seinem zweiten Werk die Perspektive vom Sozialen zum Intimen, ohne dabei den scharfen Blick für die soziopolitischen Koordinaten der Epoche zu verlieren. Der vorliegende Bericht analysiert das Leben und Werk von Jean-Luc Lagarce, bettet es in den narrativen Rahmen von Charles Salles ein und stellt die wesentlichen Bezüge zwischen dem Dramatiker und dem Werk seines Biografen her.]]></description>
		
		
		
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		<title>Isis in Montmartre: Gérard de Nerval als Patient und Prophet bei Diane Morel</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/13/isis-in-montmartre-gerard-de-nerval-als-patient-und-prophet-bei-diane-morel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Feb 2026 04:27:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Diane de Morel]]></category>
		<category><![CDATA[Gérard de Nerval]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Screenshot_20260212_175913_Amazon-Shopping-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Screenshot_20260212_175913_Amazon-Shopping-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Screenshot_20260212_175913_Amazon-Shopping-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Screenshot_20260212_175913_Amazon-Shopping.jpg 686w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Diane Morels "Le Mystère Nerval" (Fayard, 2024) setzt 1841 an: Gérard de Nerval wird blutverschmiert in die Klinik von Dr. Blanche eingeliefert, besessen von der Vorstellung, eine „Isis“ sei tot. Aus dieser Szene entwickelt sich eine doppelbödige Erzählung, die Kriminalintrige und Dichterporträt verschränkt. Der junge Mediziner Émile Blanche ermittelt im literarischen Paris zwischen Gautier, Houssaye und dem radikalen Petrus Borel, stößt auf die ermordete Journalistin Flore – und auf eine politische Verschwörung gegen die Juli-Monarchie. Doch die eigentliche Dynamik liegt tiefer: Morel montiert Nervals Motive – die „schwarze Sonne der Melancholie“ aus dem Sonett "El Desdichado", das Doppelgänger-Motiv aus "Aurélia", die Landschaften des Valois aus "Sylvie", die ägyptische Isis als Chiffre des "ewigen Weiblichen" – in die Struktur der Handlung ein. Der chaotische Schreibprozess, visualisiert als Teppich aus hunderten Zetteln, wird zum poetologischen Programm: Fragment, Traum und Vision sind keine Symptome, sondern Erkenntnisformen. Selbst die therapeutische Szene, in der Nervals eigene "Faust"-Übersetzung ihn aus der Katatonie löst, inszeniert Literatur als Gegenmacht zur klinischen Rationalität. - Die Rezension liest diesen Roman nicht nur als historischen Krimi, sondern zugleich als poetische Versuchsanordnung: Morel verteidigt Nervals „Wahnsinn“ gegen den Zugriff des Positivismus, indem sie dessen innere Logik ernst nimmt. Die Kriminalhandlung der Bio-Fiktion spiegelt Nervals Obsession mit der „Morte amoureuse“, Flore wird zur irdischen Erscheinung jener Isis, die in Nervals Werk Muttergöttin, Geliebte und verlorene Einheit zugleich ist. Traum und Realität durchdringen einander, bis am Ende in den Ruinen von Chaalis – einem Topos aus "Sylvie" – die reale Tote und die mythische Loreley ineinander überblenden. So entsteht das Bild eines Dichters, dessen Zerrissenheit nicht pathologisiert, sondern als ästhetische Radikalität begriffen wird. Morels Roman erscheint in dieser Lesart als Plädoyer für eine Poetik des Unsteten: gegen die „Ordnung“ der Klinik setzt er die produktive Unordnung der Imagination – und macht Nervals Satz vom Traum als „zweitem Leben“ zum erzählerischen Prinzip.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Herkunft und Aufstieg: Romane des Klassenwechsels bei Moraton, Robin und Sizun</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/12/zwischen-herkunft-und-aufstieg-romane-des-klassenwechsels-bei-moraton-robin-und-sizun/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Feb 2026 00:08:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gilles Moraton]]></category>
		<category><![CDATA[Marie Sizun]]></category>
		<category><![CDATA[Patrice Robin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Gemini_Generated_Image_izo0zbizo0zbizo0-300x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Gemini_Generated_Image_izo0zbizo0zbizo0-300x300.png 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Gemini_Generated_Image_izo0zbizo0zbizo0-150x150.png 150w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Gemini_Generated_Image_izo0zbizo0zbizo0-768x768.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Gemini_Generated_Image_izo0zbizo0zbizo0-50x50.png 50w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Gemini_Generated_Image_izo0zbizo0zbizo0-80x80.png 80w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/Gemini_Generated_Image_izo0zbizo0zbizo0.png 1024w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Artikel stellt drei französische Romane ins Zentrum, die soziale Mobilität aus unterschiedlichen Perspektiven literarisch gestalten: Gilles Moratons „Transfuge“ (Nadeau, 2025), Patrice Robins „Le Visage tout bleu“ (P.O.L., 2022) und Marie Sizuns „10, villa Gagliardini“ (Arléa, 2024). Robin erzählt aus autobiographischer Nähe den Bildungsaufstieg eines Jungen aus einem ländlich-handwerklichen Milieu, dessen beinahe tödliche Geburt und die harte Arbeitswelt der Eltern die soziale Ausgangslage prägen; der Weg in die intellektuelle Sphäre bleibt dabei von Schuldgefühl und körperlich eingeschriebener Herkunft begleitet. Moraton schildert den Werdegang eines Protagonisten aus kleinbürgerlichen oder proletarischen Verhältnissen, der sich über schulische Institutionen Zugang zur kulturellen Elite verschafft, jedoch als „Überläufer“ zwischen den Klassen verharrt und die eigene Metamorphose schonungslos analysiert. Sizun wiederum rekonstruiert die Kindheit eines Mädchens im Nachkriegsparis, das aus der Enge der „villa Gagliardini“ durch Bildung und Selbstdisziplin allmählich in eine andere soziale Sphäre hineinwächst; der Klassenwechsel erscheint hier als leise, innerfamiliäre Verschiebung, die eng mit weiblicher Selbstermächtigung verbunden ist. - Der Aufsatz argumentiert, dass diese drei Romane den Klassenwechsel nicht nur thematisch behandeln, sondern ihn als strukturelles Problem der Narration ausstellen. Im Zentrum steht die Figur des „transfuge“ als doppelt positioniertes Subjekt, das retrospektiv von einer Herkunft erzählt, die es verlassen hat, ohne sie je vollständig abstreifen zu können. Analysiert werden insbesondere die Spannung zwischen erzählendem und erzähltem Ich, das Sprachproblem des sozialen Registerwechsels, die Inszenierung von Bruch oder Kontinuität in der Zeitstruktur sowie die ethische Dimension der Figurenzeichnung. In der vergleichenden Lektüre der Romanschlüsse arbeitet die Rezension heraus, dass Robin auf eine versöhnliche Integration der Herkunft zielt, Moraton die dauerhafte Zwischenstellung betont und Sizun eine stille Form der inneren Kontinuität entwirft. So zeigt die Besprechung, dass Klassenwechsel als literarisches Motiv eine ästhetische und ethische Herausforderung darstellt, weil er Identität, Sprache und Erzählperspektive gleichermaßen in Bewegung versetzt.]]></description>
		
		
		
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		<item>
		<title>Der perfekte Mord als Chimäre: Julie Wolkensteins Spiel mit Wahrheit und Macht</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/11/der-perfekte-mord-als-chimaere-julie-wolkensteins-spiel-mit-wahrheit-und-macht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Feb 2026 14:23:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Julie Wolkenstein]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/chimere-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/chimere-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/chimere-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/chimere-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/chimere.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Julie Wolkensteins 2026 bei P.O.L. erschienener Roman „Chimère“ entfaltet sich während des ersten Lockdowns 2020 als raffinierte, polyphone Wiederaufnahme eines angeblich längst abgeschlossenen Falls: 1994 stürzte der manipulative Kunstsammler Osmond nach einer Vernissage in Rom in den Tod. In einem „falschen“ Kriminalroman, der weniger nach dem Täter als nach der Wahrheit fragt, rekonstruieren fünf Frauen – Tante, Schwester, Freundin, Komplizin und Witwe – aus unterschiedlichen medialen und sprachlichen Perspektiven das Leben eines Mannes, dessen psychische Unterwerfung („emprise“) ihre Biografien deformiert hat. Intertextuell eng an Henry James’ „The Portrait of a Lady“ angelehnt und zugleich durch das naturwissenschaftliche Paradox des Mikrochimärismus strukturiert, verbindet der Roman Familienuntersuchung, Genderreflexion im Licht von #MeToo und kriminalistische Spannung zu einer „chimärischen“ Poetik der Identität. Die Rezension liest „Chimère“ als Wendepunkt in Wolkensteins Werk: als Rückkehr zur Fiktion nach autobiografischen Büchern, als Hommage an James und als virtuos konstruiertes Spiel mit Wahrheit, Erinnerung und Befreiung – ein Roman, der zeigt, dass jede Enthüllung zugleich Projektion bleibt und dass selbst der perfekte Mord nur im Medium des Erzählens seine Form gewinnt.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der schleichende Einzug des Faschismus in Frankreich: Nathalie Quintane</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/10/der-schleichende-einzug-des-faschismus-in-frankreich-nathalie-quintane/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Feb 2026 21:40:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Nathalie Quintane]]></category>
		<category><![CDATA[Victor Hugo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="196" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/FAB_24_11x16_8_QUINTANE_fantomes_2-1006x1536-1-196x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/FAB_24_11x16_8_QUINTANE_fantomes_2-1006x1536-1-196x300.jpg 196w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/FAB_24_11x16_8_QUINTANE_fantomes_2-1006x1536-1-671x1024.jpg 671w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/FAB_24_11x16_8_QUINTANE_fantomes_2-1006x1536-1-768x1173.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/FAB_24_11x16_8_QUINTANE_fantomes_2-1006x1536-1.jpg 1006w" sizes="auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px" />Nathalie Quintanes "Soixante-dix fantômes (choses vues)" (La fabrique éditions, 2025) ist eine literarische Momentaufnahme des heutigen Frankreich, das sich – kaum merklich und doch unaufhaltsam – von demokratischer Normalität zu autoritären Routinen verschiebt. In 61 pointierten Miniaturen zeigt Quintane, wie sich rechtsextreme Einstellungen im Alltag einnisten: in beiläufigen Gesten, im Sprachgebrauch, in der Entmenschlichung der Schwächsten und in ästhetischen Rückgriffen, die reaktionäre Vergangenheit in die Gegenwart zurückholen. Der Untertitel verweist auf Victor Hugos "Choses vues", dessen republikanisches Aufstiegsnarrativ hier in sein Gegenteil verkehrt wird: Während Hugo politische Emanzipation protokollierte, registriert Quintane den demokratischen Verfall. Die Rezension betont diese bewusste Gegenlektüre zu Hugo und hebt hervor, wie Quintane Alltagsdetails als politische Frühwarnsignale liest, deren „Geister“ – historische und gegenwärtige – ein Klima der Angst, Lähmung und sozialen Kälte erzeugen. Damit erscheint das Buch als ein ebenso poetisches wie alarmierendes Protokoll einer Gesellschaft im Kippen, das den Leser auffordert, die unscheinbaren Zeichen einer autoritären Normalisierung nicht zu übersehen.]]></description>
		
		
		
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		<title>1966 oder die Geburt unserer Gegenwart: Antoine Compagnon</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/09/1966-oder-die-geburt-unserer-gegenwart-antoine-compagnon/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Feb 2026 18:15:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Antoine Compagnon]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="177" height="285" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/images-2.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" />Antoine Compagnons "1966, année mirifique" (Gallimard, 2026) rekonstruiert das Jahr 1966 nicht als bloßen historischen Zeitpunkt, sondern als epistemologischen Wendepunkt der französischen Moderne. Ausgehend von Presse, Literatur, Theorie, Film, Alltagsobjekten und politischen Debatten zeigt Compagnon, wie sich in diesem Jahr langfristige Trends kreuzten: die Vermassung der Hochschulen, der Aufstieg der Jugend zur ökonomischen Klasse, der Durchbruch der Konsumgesellschaft, die Kanonisierung von Theorie und Strukturalismus sowie der Eintritt der Shoah in das französische kollektive Gedächtnis. Figuren wie Foucault, Barthes, Aragon, Malraux oder Sartre stehen dabei weniger als isolierte Genies im Zentrum, sondern als Symptomträger eines tiefgreifenden Wandels, in dem der Humanismus des 19. Jahrhunderts und der existenzialistische Sinnbegriff durch Systemdenken, Zeichenlogik und technokratische Rationalität ersetzt werden. 1966 erscheint so als eigentlicher Scheitelpunkt zwischen alter Ordnung und neuer Welt: Die Jugend wird über Konsum integriert, Kultur zur Ware, Theorie zur neuen Leitwährung der Intellektuellen, während die politischen Explosionen von 1968 bereits strukturell vorbereitet sind. Die Rezension liest Compagnons Buch als Genealogie unserer Gegenwart. Sie arbeitet seinen skeptischen Ton heraus, indem sie die von Compagnon beschriebene Massenexpansion der Bildung als Ursprung heutiger „Potemkin-Universitäten“ deutet, den Strukturalismus als ideologische Vorform einer algorithmisch verwalteten Welt interpretiert und die Jugendkultur von 1966 als Geburtsstunde des perfekten Konsumenten entlarvt. 1966 wird nicht nur erklärt, sondern moralisch befragt. Dabei arbeitet sie die innere Logik des Buches heraus – die Ersetzung von Sinn durch System, von Erfahrung durch Zeichen, mit einem Akzent auf Verlust, Entfremdung und Langzeitschäden. Kritisch reflektiert die Rezension zudem blinde Flecken des Buches, etwa die männlich dominierte Perspektive, die randständige Behandlung von Feminismus, Kolonialismus und Homosexuellenbewegung. Die Rezension macht deutlich, dass die „epistemologische Revolution“ von 1966 zwar brillant analysiert, aber sozial und politisch enger geführt wird, als es die Komplexität der Epoche erlauben sollte. Insgesamt liest die Rezension Compagnon weniger als Chronisten eines Wunderjahres denn als unbeabsichtigten Zeugen einer verhängnisvollen Weichenstellung.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Rüstung und Riss: Virilität als Mythos, Männlichkeit als Erfahrung</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/07/zwischen-ruestung-und-riss-virilitaet-als-mythos-maennlichkeit-als-erfahrung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Feb 2026 17:13:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Dantzig]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="181" height="279" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/images-14.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" />Der Band "Masculinité" (Grasset, 2025) versammelt literarische Texte, Essays und Reflexionen, die Männlichkeit nicht als feste Identität, sondern als historisch belastetes und gegenwärtig brüchiges Feld sichtbar machen. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen virilité und masculinité: Während Virilität das enge, normierende Ideal des harten, dominanten, unverwundbaren Mannes bezeichnet, zeigen die Beiträge die widersprüchlichen Erfahrungen realer Männer, die an diesen Erwartungen leiden oder an ihnen scheitern. Die Texte erzählen von Jungen, die früh in Rituale der Härte gezwungen werden, von Vätern, die Stärke weitergeben wollen und dabei Gewalt reproduzieren, von Körpern, die durch Arbeit, Sport, Beschneidung oder Migration geformt und gezeichnet sind, und von Männern, die zwischen kulturellen Modellen der Männlichkeit zerrieben werden. In der Einleitung diagnostiziert Dantzig Männlichkeit als historisch überladenes Machtkonstrukt, das zugleich privilegiert und deformiert und dessen dunkle Seiten – Dominanz, Gewalt, Zerstörung – nicht ausgeblendet werden dürfen. Die Präsentation von Habib-Rubinstein verschiebt diesen Befund in die literarische Praxis und liest den Band als Labor pluraler Stimmen, in dem keine neue Norm gesetzt, sondern Fragilität, Zweifel und Suchbewegungen sichtbar gemacht werden. So entsteht ein vielstimmiges Panorama einer Männlichkeit im Übergang: erschöpft vom Mythos der Virilität, offen für neue, unsichere und erzählbare Formen des Mannseins.]]></description>
		
		
		
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		<title>Eric Vuillard, die Wurzeln des Trumpismus und Versionen von Billy the Kid</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/06/eric-vuillard-die-wurzeln-des-trumpismus-und-versionen-von-billy-the-kid/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Feb 2026 03:25:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Vuillard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="158" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/61V76m0SzWL._SL1368_-158x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/61V76m0SzWL._SL1368_-158x300.jpg 158w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/61V76m0SzWL._SL1368_-539x1024.jpg 539w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/61V76m0SzWL._SL1368_.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" />Éric Vuillards "Les orphelins: une histoire de Billy the Kid. Récit" (Actes Sud, 2026) demontiert den Mythos Billy the Kid, indem der Roman die berühmte Figur nicht als romantischen Outlaw, sondern als beschädigtes, früh verlorenes Kind liest – als Waise im biografischen wie im historiografischen Sinne. Ausgehend von einem Gerichtsprotokoll über Billys ersten Mord zeigt Vuillard, wie offizielle Dokumente Gewalt verschleiern und Täter-Opfer-Verhältnisse verkehren. Die Forderung, „die Szene neu zu schreiben“, bedeutet keine Korrektur im Namen einer besseren Wahrheit, sondern eine ethische Umschrift: Billy erscheint als körperlich unterlegener Jugendlicher, der in Panik handelt. So wird Geschichte als ein Feld von Verzerrungen sichtbar, das Literatur nicht heilen, aber offenlegen kann. Der Récit verweigert lineares Erzählen, reduziert Schlachten und Heldentaten auf Randnotizen und konzentriert sich auf Lücken, Staub, Körper und Angst. Übrig bleibt kein Held, sondern ein Waise (orphelin): eine Figur ohne Herkunft, Besitz, Stimme oder Zukunft, die exemplarisch für all jene steht, die Geschichte erleiden, ohne sie schreiben zu dürfen. - Der Artikel liest Vuillards Text als wütende, bewusst parteiische Gegenpoetik zur offiziellen Geschichtsschreibung. Sie betont, dass Vuillard nicht rekonstruiert, sondern interveniert: durch die Konfrontation von Archivmaterial mit einer lyrisch zugespitzten Erzählerstimme, die Archive als Machtinstrumente entlarvt. Wahrheit entsteht hier nicht aus Faktentreue, sondern aus der Wucht des Zeugnisses und der Sichtbarmachung struktureller Gewalt. In dieser Perspektive wird Billy zum Vektor einer größeren Kritik: an der ästhetisierten Brutalität des amerikanischen Mythos, an der genealogischen Verbindung von Kapital, Staat und Gesetzlosigkeit, an der Illusion, Freiheit sei je unschuldig gewesen. Die Rezension versteht "Les orphelins" deshalb als Teil von Vuillards langfristigem Schreibprojekt in verschiedenen historischen Varianten – und Literatur als prekäre, aber notwendige Störung, die mit den Trümmern der Sprache gegen die falschen Erzählungen der Macht anschreibt.]]></description>
		
		
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		<title>Licht von toten Sternen: Georges Perecs Mutter bei Olivia Elkaim</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/05/licht-von-toten-sternen-georges-perecs-mutter-bei-olivia-elkaim/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Feb 2026 16:02:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Georges Perec]]></category>
		<category><![CDATA[Olivia Elkaim]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/images-1-188x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/images-1-188x300.png 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/images-1.png 354w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Für ihre Annäherung an Georges Perecs Mutter Cécile wählt Olivia Elkaim in "La disparition des choses" (2026) das von André Schwarz-Bart entlehnte Motto „Nos yeux reçoivent la lumière d’étoiles mortes“ als poetisches Programm: Das, was uns heute erhellt, stammt von längst erloschenen Leben. Elkaims Buch rekonstruiert Céciles Weg vom Alltag einer jüdisch-polnischen Immigrantin und Friseurin in Belleville über die Trennung von ihrem fünfjährigen Sohn am Gare de Lyon bis zu Verhaftung, Drancy und Deportation nach Auschwitz. Parallel dazu verfolgt die Erzählerin ihre eigene Recherche in Archiven, Gesprächen mit Perecs Freunden und in den Texten des Schriftstellers selbst, dessen gesamtes Werk von der Leerstelle der Mutter durchzogen ist. Wo historische Dokumente fehlen, greift Elkaim zur Imagination: Sie erfindet Szenen, Gesten, Stimmen, um der „ewig Abwesenden“ Körper und Alltag zurückzugeben. So entsteht weniger eine Biografie als ein literarisches Mausoleum – ein Buch, das Cécile nicht faktisch wiederherstellt, aber ihr Nachleuchten sichtbar macht. - Der Artikel liest Elkaims Roman als Ergänzung und zugleich Korrektur von Perecs „obliquer“ Erinnerungspoetik, wie Philippe Lejeune dies nennt. Während Perec den Verlust formal verschlüsselte – durch Anagramme, Listen, Lipogramme und das Schreiben um eine Abwesenheit herum –, rückt Elkaim das menschliche Schicksal der Mutter ins Zentrum und ersetzt die Ästhetik des Mangels durch eine Poetik der zärtlichen Rekonstruktion. Die Rezension zeigt, wie das Buch zwischen Dokument und Fiktion vermittelt und gerade im Eingeständnis der Ungewissheit – kein Grab, kein Datum, nur ein „acte de disparition“ – seine ethische Stärke gewinnt. Erinnerung erscheint nicht als Besitz von Wahrheit, sondern als fortgesetzte Arbeit am schmerzlich Fehlenden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Akte und Körper: Literatur als Gegenraum der Justiz bei Laure Heinich</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/04/zwischen-akte-und-koerper-literatur-als-gegenraum-der-justiz-bei-laure-heinich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Feb 2026 08:47:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Laure Heinich]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782080469144-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782080469144-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782080469144.jpg 293w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Laure Heinich, Pariser Strafverteidigerin und Essayistin, macht in ihren beiden Romanen die Justiz nicht zum Ort der Entscheidung, sondern zum Raum der Erfahrung. "Corps défendus" begleitete eine Anwältin, die im Fall der vergewaltigten und ermordeten Ève zwischen juristischer Technik, familiärem Schmerz und der Materialität von Spuren und Körpern steht; das Recht erscheint hier als Verfahren, das Gewalt rekonstruieren muss, um sie zu beurteilen, und dadurch selbst neue Verletzungen erzeugt. "Avant la peine" (2026) folgt dagegen einer jungen Richterin in den ersten Monaten am Gericht, wo sie lernt, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur eine „vérité judiciaire“, ein prekäres Abwägen von Aussagen, Wahrscheinlichkeiten und Rollen – exemplarisch verdichtet im Fall einer mutmaßlichen Vergewaltigung, in dem Aussage gegen Aussage steht. Beide Bücher zeigen die Strafjustiz als überlasteten Apparat, der funktionieren muss, obwohl ihm Gewissheit fehlt, und der Menschen in Fälle, Akten und Funktionen verwandelt. – Die Rezension argumentiert, dass gerade die literarische Form sichtbar macht, was juristische Sachbücher nicht erfassen können: Affekte, Zweifel, körperliche Erschütterungen und das strukturelle Schweigen im Gerichtssaal. Indem sie die unterschiedlichen Poetiken – hier der introspektive Richterinnenblick, dort die szenisch-körperliche Anwaltsperspektive – kontrastiert, liest sie die Romane als komplementäre Untersuchungen desselben Systems: einmal von innen als Habitusbildung, einmal von außen als Konfrontation mit Gewalt und Trauma. So entsteht das Bild eines Rechts, das weder objektiv noch heilend ist, sondern ein permanentes moralisches Ringen bleibt. Die Rezension versteht Heinichs Literatur daher als Gegenort der Justiz: als Raum, in dem das Unsagbare erzählbar wird und die Grenzen von Wahrheit, Strafe und Gerechtigkeit erfahrbar werden.]]></description>
		
		
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		<title>Einsamkeit des Freien Mitarbeiters: Tahar Ben Jelloun</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/02/einsamkeit-des-freien-mitarbeiters-tahar-ben-jelloun/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Feb 2026 10:07:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Tahar Ben Jelloun]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="203" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/132465_2552d2b97e727fabba6d0a55133ddbb5-203x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/132465_2552d2b97e727fabba6d0a55133ddbb5-203x300.png 203w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/132465_2552d2b97e727fabba6d0a55133ddbb5.png 490w" sizes="auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px" />Tahar Ben Jellouns "Pigiste au Monde" (Gallimard, 2026) liest sich wie ein Gang durch die Korridore einer mächtigen Zeitung – und zugleich wie das Protokoll einer langen, nie ganz gesicherten Zugehörigkeit. Aus fast vier Jahrzehnten freier Mitarbeit bei Le Monde formt Ben Jelloun kein Heldennarrativ, sondern das Bild eines Lebens „à la pige“, geprägt von Anerkennung und Austauschbarkeit zugleich. Der Pigist wird zur emblematischen Figur struktureller Prekarität: präsent im Zentrum kultureller Macht, aber ohne festen Ort darin. Le Monde erscheint dabei als ambivalentes Gebilde – demokratische Institution und soziales Mikrosystem zugleich –, durchzogen von Ritualen, Rivalitäten und stillen Hierarchien. Anschaulich schildert Ben Jelloun Redaktionsszenen, literarische Mittagessen, Machtspiele und Loyalitäten, während er seinen eigenen Weg vom Alphabetisierungslehrer zum publizierenden Intellektuellen nachzeichnet, stets begleitet von körperlicher Anspannung und existenzieller Unsicherheit. Seine Reportagen führen in Grenzräume: zu nordafrikanischen Arbeitern in den Banlieues, nach Mekka, in den Nahen Osten kurz vor politischen Verhärtungen. Dort schreibt er nicht als distanzierter Beobachter, sondern als Beteiligter und Zeuge – mit einer Haltung, die Objektivität als Genauigkeit und Ehrlichkeit versteht, nicht als Neutralisierung. Im letzten Drittel verdichtet sich das Buch zur Reflexion über Zugehörigkeit und Verrat: Ben Jellouns arabisch-muslimische Herkunft öffnet ihm Türen, macht ihn aber zugleich angreifbar. Diffamierungen nach der Mekka-Reportage, politische Interventionen, innerredaktionelle Abwehr und Konkurrenz unter maghrebinischen Autoren zeigen, wie brüchig seine Position bleibt. Immer wieder wird er gebraucht, selten vollständig anerkannt. Aus dieser Spannung entwickelt Ben Jelloun sein zentrales Argument: Schreiben ist für ihn der einzige verlässliche Ort der Zugehörigkeit – ein Raum zwischen Journalismus und Literatur, in dem Erfahrung, Empathie und Kritik zusammenkommen. "Pigiste au Monde" ist so ein eindringliches Porträt intellektueller Einsamkeit und ein Plädoyer für einen Journalismus, der sich seiner Macht bewusst ist und sie nicht verleugnet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Drei letzte Menschen: Bildung nach der Zivilisation bei Sacha Bertrand</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/29/drei-letzte-menschen-bildung-nach-der-zivilisation-bei-sacha-bertrand/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Jan 2026 22:53:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Sacha Bertrand]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="201" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/bertrand-201x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/bertrand-201x300.png 201w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/bertrand-687x1024.png 687w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/bertrand-768x1145.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/bertrand.png 770w" sizes="auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px" />Sacha Bertrands Roman „11:02h, le vent se lève“ entwirft das Bild einer Welt, in der die Zivilisation als „erstickter Kadaver“ unter dem giftigen Nebel des „Amer“ begraben liegt. Inmitten eines unerbittlichen Bergmassivs, das als „gigantische Insel“ aus scharfen Felsen isoliert ist, führt die ehemalige Bibliothekarin Myriam ein Leben in absoluter Erstarrung, symbolisiert durch eine Uhr, die dauerhaft 11:02 Uhr anzeigt. Diese Einsamkeit endet, als sie Jonas einfängt, ein „erdiges“ Wesen purer Instinkte, das sie mit Gewalt und Sprache nach ihrem Ebenbild zu formen versucht, um das Tier in ihm einzuschläfern. Die mühsam konstruierte Sicherheit ihres „geordneten Gartens“ kollidiert jedoch mit dem Auftauchen eines Unbekannten, dessen gewaltsamer Tod Jonas die Augen für Myriams paranoiden Kontrollzwang öffnet und ihn schließlich zur Flucht in ein unkartiertes „Anderswo“ bewegt. Die Rezension argumentiert, dass Bertrands Erstlingswerk die Grenzen der klassischen Dystopie sprengt, indem es das Grauen nicht in einem totalitären System, sondern im „Verschwinden gemeinsamer Bedeutungshorizonte“ ansiedelt. Der Text wird als kritische Variation der Robinsonade gedeutet, in der technisches Geschick und Disziplin nicht zur Freiheit, sondern in ein beklemmendes Machtgefüge aus Abhängigkeit und psychischer Enge führen. Ein wesentliches Argument der Analyse betrifft die Landschaft, die nicht als romantische Kulisse, sondern als „widerständige Instanz“ fungiert, die dem Menschen jegliche metaphysische Deutung verweigert und ihn auf seine nackte Körperlichkeit zurückwirft. Letztlich zeigt die Kritik auf, dass Menschlichkeit in dieser Welt nur durch eine „Ethik ohne Hoffnung“ bewahrt werden kann.]]></description>
		
		
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		<title>Roman noir als Staatskritik: Benjamin Dierstein</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/28/roman-noir-als-staatskritik-benjamin-dierstein/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Jan 2026 05:52:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Benjamin Dierstein]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782080470775-190x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782080470775-190x300.jpg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782080470775.jpg 289w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Mit der abgeschlossenen Trilogie "Bleus, Blancs, Rouges" (2025-2026) legt Benjamin Dierstein ein monumentales Noir-Epos vor, das Frankreich zwischen 1978 und 1984 als politischen, moralischen und institutionellen Krisenraum kartiert. In der Verflechtung fiktiver Schicksale mit realhistorischen Figuren und Skandalen entwickelt sich eine schonungslose Saga über Terrorismus, Geheimdienste, Françafrique und den Übergang von der Ära Giscard zur „Mitterrandie“. Dierstein verbindet minutiöse Archivarbeit mit erzählerischer Wucht und satirischer Schärfe und zeichnet eine Republik, deren Machtapparate von Rivalitäten, Korruption und systematischer Vertuschung durchzogen sind. Die Trilogie liest sich zugleich als spannungsgeladener Thriller und als sezierende Diagnose eines Staates, in dem politische Vernunft und moralische Integrität endgültig auseinanderfallen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Kontaminationen nach dem 7. Oktober: Amanda Sthers</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/27/kontaminationen-nach-dem-7-oktober-amanda-sthers/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Jan 2026 00:10:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Amanda Sthers]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782246841692-001-X-190x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782246841692-001-X-190x300.jpeg 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782246841692-001-X-649x1024.jpeg 649w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782246841692-001-X-768x1211.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782246841692-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Der Roman "C" (Grasset, 2025) von Amanda Sthers entwirft ein düsteres Panorama der französischen Gegenwart nach dem 7. Oktober 2023, in dem privates Leben, politische Diskurse und historisch sedimentierte Traumata ineinandergreifen. Es beginnt mit einem Pilzbefall in der Pariser Wohnung der jüdischen Lektorin Rebecca Vermusein und ihres Mannes Gilles, der sich rasch als zentrale Denkfigur erweist: Der Pilz wird nicht als bloßes Horrorelement erzählt, sondern als Materialisierung eines Antisemitismus, der unsichtbar zirkuliert, sich normalisiert und schließlich tödlich fruchtet. Parallel zur Zersetzung der Ehe zeichnet der Roman den Zerfall des französischen "vivre-ensemble": politische Radikalisierung, selektive Empathie nach dem 7. Oktober, die moralische Selbstentlastung westlicher Eliten und die Vereinsamung jüdischer Individuen bilden ein eng verschaltetes Szenario. In der Rückbindung an Sthers Roman "Les gestes" zeigt sich "C" zugleich als Kulminationspunkt eines länger angelegten Projekts, das jüdische Identität nicht als stabile Zugehörigkeit, sondern als historisch belasteten Erinnerungskörper entwirft. Die Rezension analysiert diese Konstellation, indem sie "C" als Fortschreibung und Radikalisierung der in "Les gestes" angelegten Motive liest: von der „Archäologie der Intimität“ zur „Biologie des Hasses“. Im Zentrum steht die Argumentation, dass Sthers den Antisemitismus nicht als Randphänomen, sondern als strukturelles Produkt eines moralischen Klimas darstellt, in dem Diskurse, Ästhetik und Affekt ineinandergreifen. Die Rezension zeigt, wie der Roman über die Pilzmetaphorik Normalisierung, Verführung und Gewalt zusammendenkt und wie er damit insbesondere den zeitgenössischen Feminismus, die Identitätspolitik und den Antizionismus einer scharfen Prüfung unterzieht. Dabei wird "C" nicht als Thesenroman verstanden, sondern als literarische Diagnose eines Zustands: ohne Katharsis, ohne versöhnenden Ausblick, aber mit der insistierenden Forderung, die Sporen zu erkennen, bevor sie erneut fruchten.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Ozean: Ökofiktion, Erzählinstanz und ethische Spannung bei Vincent Message</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/26/der-ozean-oekofiktion-erzaehlinstanz-und-ethische-spannung-bei-vincent-message/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 Jan 2026 04:35:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Vincent Message]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/157210_couverture_Hres_0-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/157210_couverture_Hres_0-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/157210_couverture_Hres_0.jpg 395w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Der Roman "La Folie Océan" (Seuil, 2025) von Vincent Message verknüpft Ökofiktion, Liebesroman und politischen Thriller. Im Zentrum steht Maya, Meeresbiologin und Planktonforscherin, die zwischen der abstrakten Welt internationaler Biodiversitätsgremien und dem konkret bedrohten Küstenraum der bretonischen Atlantikküste lebt. Ihre Beziehung zu Quentin, einem Taucher und Umweltaktivisten aus einer Fischerfamilie, verbindet wissenschaftliche Erkenntnis mit leiblicher Erfahrung des Meeres. Ausgehend von einem Akt symbolischer Gewalt – einem ermordeten Basstölpel – eskaliert der Konflikt um industrielle Fischerei, Naturschutz und lokale Machtverhältnisse bis hin zu Radikalisierung, Verschwinden und Mord. Der Ozean erscheint dabei nicht nur als Schauplatz, sondern als strukturierendes Prinzip des Romans: als sinnlich erfahrener Lebensraum, als wissenschaftlich vermitteltes Datensystem und als ethischer Resonanzraum, in dem ökologische Zerstörung, politische Gewalt und intime Lebensentscheidungen unauflöslich ineinandergreifen. Die Rezension analysiert den Roman als literarisches Experiment der Vermittlung zwischen Wissen, Wahrnehmung und Verantwortung. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie ökologische Komplexität erzählbar wird, ohne in reine Didaktik oder bloße Katastrophenästhetik zu kippen. Herausgearbeitet wird Messages Poetik des Unsichtbaren: Plankton, Mikroorganismen, statistische Modelle und latente Bedrohungen strukturieren den Text ebenso wie Liebe, Angst und Begehren. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Verschränkung von Maßstäben – vom Mikroskopischen bis zum Planetarischen – sowie der narrativen Parallelführung von globaler Wissenschaft und lokalem Aktivismus. Am Ende werden die Lebenswege von Maya und Quentin über das Meer zusammengeführt: nicht durch Versöhnung oder Rückkehr, sondern durch eine geteilte Erfahrung von Verlust, Persistenz und Bewegung. Der Ozean wirkt dabei als vermittelnde Instanz, die ihre Geschichten räumlich trennt und zugleich symbolisch verbindet, indem er individuelle Biografien in eine größere, offene Zeitlichkeit des Lebendigen einschreibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Versunkene Welten, offene Wunden: Geologie und Trauma bei Elisabeth Filhol</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/25/versunkene-welten-offene-wunden-geologie-und-trauma-bei-elisabeth-filhol/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Jan 2026 03:57:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Elisabeth Filhol]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="185" height="272" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/images.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" />Élisabeth Filhols Roman "Doggerland" (2019, dt. 2020) verbindet die Gegenwart eines Sturms über der Nordsee mit der tiefen Vergangenheit einer versunkenen Landschaft, die einst Großbritannien mit dem europäischen Kontinent verband. Im Zentrum stehen die Geologin Margaret und der Ingenieur Marc, die sich zwanzig Jahre nach ihrer Trennung wiederbegegnen – eingebettet in eine Erzählung, die persönliche Biografien mit geologischen, klimatischen und mythologischen Zeitskalen verschränkt. Während Margaret das prähistorische Doggerland wissenschaftlich rekonstruiert, arbeitet Marc an der industriellen Nutzung eben jener Erdschichten, die sie erforscht. Der Roman entfaltet sich zwischen Sturmwarnungen, fossilen Wäldern, tektonischen Visionen und dem Epilog einer steinzeitlichen Katastrophe und macht die Nordsee zu einem Raum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unauflöslich ineinandergreifen. Die Rezension analysiert "Doggerland" als poetisch-wissenschaftliche Reflexion über die Handlungsmacht der Natur und die Verletzlichkeit menschlicher Lebensentwürfe. Sie zeigt, wie Filhol geologische Prozesse – Isostasie, Gletscherdynamiken, tektonische Risse – nicht nur als Hintergrund, sondern als strukturierende Metaphern für psychische Traumata, Erinnerung und Wiederkehr einsetzt. Dabei arbeitet der Essay heraus, wie mythologische Semantisierungen (der Sturm als Göttin, das Eis als atmender Organismus) mit präziser naturwissenschaftlicher Sprache verschmelzen. Die Argumentation der Rezension folgt der These, dass "Doggerland" die Illusion menschlicher Kontrolle im Anthropozän unterläuft: Natur erscheint nicht als Ressource oder Kulisse, sondern als eigenständige, zyklisch wirkende Macht, die individuelle wie kollektive Geschichte formt – und jederzeit aus der Tiefe zurückkehren kann.]]></description>
		
		
		
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		<title>Hitlers Visite im leeren Paris: Michel Guénaire</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/24/hitlers-visite-im-leeren-paris-michel-guenaire/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Jan 2026 11:31:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Guénaire]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81mVws2cijL-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81mVws2cijL-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81mVws2cijL-664x1024.jpg 664w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81mVws2cijL-768x1184.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81mVws2cijL-996x1536.jpg 996w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81mVws2cijL-1328x2048.jpg 1328w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81mVws2cijL.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Michel Guénaires "La visite" (Grasset, 2025) rekonstruiert Hitlers zweistündigen Paris-Besuch am 23. Juni 1940 nicht als historische Episode, sondern als hochkonzentrierten ästhetischen Akt. Der Text zeigt eine entvölkerte Stadt, die Hitler im Morgengrauen durchschreitet wie ein Museum ohne Publikum: Paris erscheint als „toter Stern“, als reine Architektur, losgelöst von sozialem Leben. Guénaire ersetzt Handlung durch Wahrnehmung und macht den Gang, den Blick und das Schweigen zum eigentlichen Stoff der Erzählung. Die Stadt wird zum Maßstab und zum Rivalen, an dem sich Hitlers ästhetische Ambitionen entzünden: Paris wird bewundert, taxiert und zugleich als Herausforderung für das nie realisierte Projekt „Germania“ gelesen. In der Begegnung mit Monumenten wie der Opéra, dem Trocadéro oder dem Invalidendom entfaltet sich der Récit als politisch-ästhetische Studie über Macht, Form und Aneignung, in der Architektur zur Sprache totalitärer Imagination wird. Die Rezension liest "La visite" als Modellfall autoritärer Herrschaft und analysiert Guénaires Argumentation über den historischen Rahmen hinaus. Sie zeigt, wie der Text Macht nicht psychologisch erklärt, sondern als Wahrnehmungs- und Inszenierungsform freilegt: Hitler erscheint nicht als denkendes Subjekt, sondern als sehende Instanz, umgeben von einem archetypischen Gefolge aus Technikern, Künstlern und Funktionären, die Macht ästhetisch absichern. Die menschenleere Stadt verweigert jedoch die erwartete Resonanz und entlarvt so die Leere totalitärer Gesten. Die Rezension betont besonders die Metapher des „Stummfilms“, mit der Guénaire die Visite als irrealen, nahezu unwirklichen Moment beschreibt – eine friedliche Inszenierung im Zentrum eines Vernichtungskrieges. Aus dieser Perspektive wird "La visite" zu einer universellen Reflexion über autoritäre Systeme: Nicht der einzelne Diktator steht im Mittelpunkt, sondern die wiederkehrenden Strukturen, Rollen und Bilder, durch die Macht sich selbst hervorbringt – und an einer Welt scheitert, die sich nicht vollständig aneignen lässt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Nach dem Ende: Frankreich ohne Zukunft bei Jean Rolin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/23/nach-dem-ende-frankreich-ohne-zukunft-bei-jean-rolin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Jan 2026 12:44:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Jean Rolin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/813zjJrgx4L-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/813zjJrgx4L-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/813zjJrgx4L-621x1024.jpg 621w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/813zjJrgx4L-768x1266.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/813zjJrgx4L-932x1536.jpg 932w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/813zjJrgx4L-1242x2048.jpg 1242w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/813zjJrgx4L.jpg 1275w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />Jean Rolins Roman „Les événements“ (2015) entwirft das Bild eines Frankreichs, in dem die staatliche Ordnung zusammengebrochen ist, ohne durch eine neue Ordnung ersetzt zu werden. In einer Folge von Fahrten, Beobachtungen und episodischen Begegnungen durchquert der Erzähler ein Land, das von bewaffneten Gruppen, provisorischen Kontrollpunkten und zerstörter Infrastruktur geprägt ist. Der Bürgerkrieg bleibt dabei seltsam unspektakulär: Gewalt ist allgegenwärtig, aber selten eruptiv; sie äußert sich in blockierten Straßen, verwaisten Gebäuden und einer permanenten Unsicherheit, die den Alltag strukturiert. Rolin verzichtet auf eine klare zeitliche Verortung oder eine erklärende politische Hintergrundgeschichte. Stattdessen entsteht ein Panorama der Gegenwart als Dauerzustand des Ausnahmezustands, in dem frühere staatliche Strukturen nur noch als Ruinen oder leere Gesten fortexistieren. Die Rezension argumentiert, dass „Les événements“ weniger als klassische Dystopie denn als „dokumentarischer Dystopismus“ zu lesen ist. Sie zeigt, wie Rolin mit einer nüchternen, präzise beobachtenden Sprache das Katastrophische in die Alltäglichkeit einsickern lässt und damit eine neue Form politischer Literatur entwirft, die ohne totalitäre Zukunftsvisionen auskommt. Analysiert werden insbesondere die Topographie des Zerfalls, die Mikropolitik der Gewalt, die gestörten Kommunikationsformen und der offene Schluss des Romans, der jede Erlösungs- oder Wiederaufbauphantasie verweigert. Die Rezension versteht Rolins Text als literarische Diagnose einer Gegenwart, in der das Ende nicht bevorsteht, sondern bereits stattgefunden hat.]]></description>
		
		
		
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		<title>Japan und die eigene Entwestlichung: Emmanuel Ruben</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/22/japan-und-die-eigene-entwestlichung-emmanuel-ruben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Jan 2026 14:10:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Emmanuel Ruben]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="222" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81zKiX-nVWL._AC_UF8941000_QL80_-222x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81zKiX-nVWL._AC_UF8941000_QL80_-222x300.jpg 222w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/81zKiX-nVWL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 741w" sizes="auto, (max-width: 222px) 100vw, 222px" />Emmanuel Rubens "L’usage du Japon" (2025) entwirft das Land als einen „topographischen Blitzschlag“: kein exotisches Gegenbild zum Westen, sondern einen fraktalen, zitternden Archipel, der sich jeder endgültigen Fixierung entzieht. Ruben liest das Land als Geograph und Zeichner, geprägt von einer „tatamisierten“ Popkindheit aus Judo, Nintendo und Manga, und konfrontiert dieses imaginäre Japan mit einer oft amerikanisierten, urban ungeordneten Realität. Zwischen Ukiyo-e, Comics, Karten und Zen-Gärten entdeckt er Japan als Reich der klaren Linie, der Miniatur und des Infra-Ordinären, in dem Natur total stilisiert und Alltag ritualisiert ist. Figuren wie Ino Tadataka werden ihm zu Spiegeln des eigenen Schreibens: Vermessen heißt hier nicht besitzen, sondern sich körperlich dem Fragment aussetzen. Kyoto erscheint als bemooster Friedhof der Götter, schwer vom Heiligen, während Shinkansen, Hightech-Toiletten und Glasstädte eine lautlose Ultramoderne markieren. Die Rezension pointiert dieses Spannungsfeld als permanente „Entwestlichung“: Japan zwingt zur Verdünnung des Ichs, zur Akzeptanz des Unabgeschlossenen und zur Einsicht, dass Karte, Text und Bild das Territorium nie einholen – weshalb Japan am Ende weniger Ziel als Prozess bleibt, eine vibrierende Schule des Sehens und Verschwindens.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das innere Mexiko: Jean-Marie Gustave Le Clézio</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/22/das-innere-mexiko-jean-marie-gustave-le-clezio/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Jan 2026 11:53:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Marie Gustave Le Clézio]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/clezio-205x300.webp" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/clezio-205x300.webp 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/clezio-700x1024.webp 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/clezio-768x1124.webp 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/clezio-1049x1536.webp 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/clezio.webp 1294w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />In "Trois Mexique" (Gallimard, 2026) entwirft Le Clézio ein Bild Mexikos, das sich jeder linearen Geschichtsschreibung entzieht. Ausgangspunkt sind drei zentrale Figuren – Sœur Juana Inés de la Cruz, Juan Rulfo und Luis González y González –, die jeweils eine „Etage“ der mexikanischen Geschichte und Sensibilität verkörpern. An ihnen zeigt sich Mexiko als ein Land permanenter Metamorphosen und gewaltsamer Einschnitte: vom kolonialen Barock und dem Kampf um geistige Freiheit über das traumatische Schweigen nach der Cristiada bis hin zur mikrohistorischen Aufmerksamkeit für das ländliche Leben. Diese Ebenen überlagern sich wie die vorspanischen „Sonnen“ und kulminieren im gegenwärtigen Zeitalter des „Ollin“, des Erdbebens. "Trois Mexique" ist damit eine poetische Reflexion über Erinnerung, kulturelle Vermischung und die Beharrlichkeit menschlicher Würde im Angesicht historischer Zerstörung. - Die Rezension deutet "Trois Mexique" nicht als objektive historische Darstellung, sondern als existenzielle Bewegung des Schreibens selbst. Mexiko erscheint nicht als Gegenstand empirischer Erkenntnis, vielmehr als innerer Erfahrungsraum, in dem Geschichte, Mythos und Gegenwart ineinanderfließen. Die Auseinandersetzung mit der Conquista, mit vorspanischen Denkformen und mit modernen Gewalterfahrungen wird als eine Form der Selbstverortung gelesen: Schreiben bedeutet hier, zu einem Punkt zurückzukehren, an dem Zeit nicht linear verläuft, sondern traumartig, zyklisch und körperlich erfahren wird. Die Argumentation macht deutlich, dass Le Clézios Text weder Reisebericht noch Geschichtsbuch ist, sondern eine poetische Kartographie eines inneren Zustands. Zugleich verortet die Rezension dieses Schreiben in einem grundlegenden Spannungsfeld, das mit der Nobelpreisrede des Autors als „Wald der Paradoxe“ beschrieben werden kann. Literatur entsteht aus Mangel, Distanz und Ohnmacht; sie will Zeugnis ablegen für die Sprachlosen, bleibt aber selbst an Sprache und kulturelles Privileg gebunden. Gerade diese Unauflösbarkeit wird nicht als Schwäche, sondern als produktiver Ort verstanden. "Trois Mexique" erscheint so als ein Werk, das nicht erklärt oder richtet, sondern bezeugt: Mexiko dient als Spiegel, in dem sich Fragen nach Zeit, Identität und Erinnerung bündeln und in dem Schreiben zu einer Form des Daseins wird.]]></description>
		
		
		
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		<title>Lärm und Stille: Anne Savelli</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/21/laerm-und-stille-anne-savelli/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Jan 2026 09:54:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Savelli]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="221" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782330215484-221x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782330215484-221x300.jpg 221w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782330215484.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 221px) 100vw, 221px" />Anne Savellis Roman "Bruits" (Inculte, 2026) verfolgt über den minutiös getakteten Zeitraum eines einzigen Tages die akustische Erschütterung einer anonymen Großstadt, ausgelöst durch eine frühmorgendliche Polizeirazzia, deren Lärm sich durch Wohnungen, Körper und Bewusstseine fortpflanzt und die Stadt weniger als visuellen denn als klanglichen Raum erfahrbar macht: Im Zentrum steht das kleine Mädchen F., für das Geräusche existenziell werden, während sich um sie herum eine polyphone Partitur aus Polizeigewalt, Alltagslärm, institutionellen Protokollen und privaten Schreien entfaltet, die individuelle Biografien nur bruchstückhaft sichtbar werden lässt. Die Rezension liest den Roman als akustische Ontologie, in der Lärm nicht bloße Kulisse, sondern soziales, politisches und poetologisches Material ist: Geräusche markieren Machtverhältnisse, unterlaufen Grenzen von Privatheit und ersetzen narrative Kausalität durch Überlagerung und Resonanz. Besonders prägnant ist die Analyse der Durchlässigkeit – von Körpern, Wänden, Syntax –, durch die Savelli die Stadt als Resonanzkörper sozialer Gewalt entwirft, sowie die Deutung der Stille als fragilen, utopischen Fluchtpunkt, der nur imaginativ und temporär erreichbar bleibt. Die Besprechung zeigt, wie der Text selbst zum Lärm wird und Lesen zum Hören zwingt; zugleich betont sie, dass "Bruits" weniger von Ereignissen als von Zuständen erzählt und in der Verweigerung klassischer Narration eine leise, aber radikale politische Geste formuliert: den Entzug des Subjekts aus einer Welt permanenter Beschallung.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Spätwerk als Laboratorium: Jean-Jacques Schuhl und Simon Liberati</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/20/das-spaetwerk-als-laboratorium-jean-jacques-schuhl-und-simon-liberati/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Jan 2026 15:10:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Jacques Schuhl]]></category>
		<category><![CDATA[Simon Liberati]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="228" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/schuhl-liberati-300x228.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/schuhl-liberati-300x228.png 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/schuhl-liberati-768x582.png 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/schuhl-liberati.png 956w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Jean-Jacques Schuhls „Les apparitions“ und Simon Liberatis „Performance“ (beide 2022) kreisen um alternde Schriftstellerfiguren, deren körperlicher Verfall zum Ausgangspunkt einer radikal erneuerten literarischen Erfahrung wird. In „Les apparitions“ schildert Schuhl einen Erzähler, der nach einer schweren inneren Blutung und zerebralen Hypoxie von sogenannten „Erscheinungen“ heimgesucht wird: autonome, hochpräsente Bildereignisse, die weder Traum noch Halluzination sein wollen. Der Text entfaltet eine Poetik der Montage, der Zitation und der Entsubjektivierung, in der das Ich zunehmend hinter fremden Bildern, Stimmen und Fragmenten zurücktritt. „Performance“ hingegen erzählt von einem 71-jährigen Autor, der nach einem Schlaganfall durch einen Auftrag über die Rolling Stones zu neuer schöpferischer Energie findet. Diese wird jedoch maßgeblich durch eine skandalöse Beziehung zu seiner jungen Stieftochter gespeist, die als Projektionsfläche eines exzessiven Begehrens wirkt. Liberatis Roman verbindet Krankheit, Dekadenz, Popkultur und Transgression zu einer provokanten Inszenierung des Alterns als ästhetische Grenzerfahrung. – Die Rezension liest beide Romane als paradigmatische Alterswerke, die das Altern nicht als Phase der Bilanz oder Mäßigung, sondern als ästhetisches Extrem begreifen. Sie argumentiert, dass Schuhl und Liberati zwei gegensätzliche, aber komplementäre Modelle des „vieillir créateur“ entwerfen: eine rezeptive, entmächtigende Imagination bei Schuhl, die das Ich im Schreiben nahezu auflöst, und eine aggressive, transgressive Imagination bei Liberati, die gerade im moralischen und körperlichen Niedergang eine letzte Form künstlerischer Souveränität behauptet. Im Zentrum der Analyse steht die These, dass Pathologie, Krankheit und Nähe zum Tod in beiden Texten zur „Denkmaterie“ werden, aus der neue Formen literarischer Intensität hervorgehen. Die Rezension zeigt damit, wie das Spätwerk hier nicht als Abgesang, sondern als Laboratorium fungiert, in dem Literatur ihre eigenen Grenzen im Angesicht der Endlichkeit radikal neu vermisst.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Gulag und Taiga: Andreï Makines ambivalenter Humanismus</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/19/zwischen-gulag-und-taiga-andrei-makines-ambivalenter-humanismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 06:38:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Andreï Makine]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/61ORptJywHL._AC_UF8941000_QL80_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/61ORptJywHL._AC_UF8941000_QL80_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/61ORptJywHL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 683w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Andreï Makines "Prisonnier du rêve écarlate" entfaltet das Schicksal Lucien Baerts als emblematische Lebensgeschichte des europäischen 20. Jahrhunderts: vom kommunistischen Heilsversprechen über Gulag, Krieg und Identitätsverlust bis zur desillusionierenden Rückkehr in den Westen. Der Roman verbindet historische Katastrophen mit einer Poetik der Verlangsamung und der Natur, in der die sibirische Taiga als Gegenraum zur ideologischen und ökonomischen Gewalt erscheint. Luciens Metamorphose vom französischen Arbeiter zum „russischeren als die Russen“ Überlebenden macht Identität zu etwas Erlittenem, nicht Zugehörigem. Zwischen Zeugenschaft, Mythos und metaphysischer Reflexion entwickelt Makine eine humanistische Vision, die alle großen Ideologien – Stalinismus wie westlichen Konsumismus – als zerstörerisch entlarvt, ohne jedoch in einfache Gegensätze zu verfallen. Übrig bleibt eine fragile Würde des Individuums, bewahrt in Erinnerung, Natur und Stille. Die Rezension liest den Roman als ambivalentes Werk zwischen politischer Anklage und poetischer Verklärung. Sie hebt Makines Zwischenposition zwischen Frankreich und Russland als produktiven Spannungsraum hervor und zeigt, wie seine Kritik am „Homo festivus“ des Westens mit einer problematischen Ästhetisierung russischer Leidensfähigkeit einhergeht. Sie analysiert die unterschiedlichen epistemischen Modi von Zeugenschaft und Wissen (Körper versus Archiv) sowie die Einordnung Makines in die Tradition der europäischen Lager- und Erinnerungsliteratur. Zugleich insistiert die Besprechung auf den politischen Risiken dieser Poetik in der Gegenwart: Die Taiga als moralischer Gegenraum und der finale Gewaltakt bleiben literarisch wirksam, sind aber ethisch und politisch prekär, da sie für nationalistische oder autoritäre Deutungen anfällig sind. Gerade in dieser Spannung verortet die Rezension den zentralen Wert des Romans: als notwendiges, irritierendes Dokument eines ambivalenten Humanismus, der nicht tröstet, sondern beunruhigt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Republik funktioniert: François Bégaudeau</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/18/die-republik-funktioniert-francois-begaudeau/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Jan 2026 14:05:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[François Bégaudeau]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-8-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-8-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-8-699x1024.jpeg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-8-768x1125.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-8.jpeg 827w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />François Bégaudeaus "Désertion" (2026) erzählt die leise, aber unumkehrbare Erosion des Lebens von Steve, einem Jugendlichen aus der Provinz der Normandie. Aufgewachsen in einer intakten Familie, geprägt von Schule, Medienkonsum und popkulturellen Obsessionen, driftet er nach und nach aus allen sozialen Bindungen heraus. Kleine Kränkungen, sprachliche Unsichtbarkeit und institutionelle Gleichgültigkeit summieren sich über Jahre, bis er schließlich nach Syrien geht und sich den kurdischen YPG anschließt. Der Roman verzichtet bewusst auf dramatische Wendepunkte oder psychologische Erklärung und zeigt Steves Weg nicht als logische Folge von Radikalisierung, sondern als strukturelle Konsequenz eines Lebens, das nirgends mehr gesehen oder adressiert wird. Desertion wird hier weniger als Bruch, sondern als fortschreitender Prozess gesellschaftlicher Blindstellen dargestellt. Die Rezension argumentiert, dass Bégaudeau die Erwartungen an eine lineare, politisch-kausale Erzählung unterläuft. Der Roman entfaltet eine Poetik der Verschiebung, der Parallelität und der affektiven Subjektivität, in der kleine Alltagsereignisse, Schule, Familie und Medien den Rahmen für das Leben Steves bilden. Der Syrien-Abschnitt sabotiert dabei die erwartete Radikalisierung: Statt ideologischer Verführung stehen Gespräche, Alltag und widersprüchliche Diskurse. Diese Struktur erlaubt es, "Désertion" als literarische Darstellung einer „anarchischen“ Sinnverweigerung zu lesen, in der die formale Funktionsfähigkeit gesellschaftlicher Institutionen die existenziellen Leerstellen offenlegt, die Steves Verschwindung überhaupt erst ermöglichen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Niemand tötet: Constance Debré</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/17/niemand-toetet-constance-debre/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Jan 2026 15:23:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
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		<category><![CDATA[Albert Camus]]></category>
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		<category><![CDATA[Victor Hugo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/1000048372-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/1000048372-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/1000048372.jpg 293w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Constance Debrés „Protocoles“ (Flammarion, 2026) ersetzt eine „Literatur der Todesstrafe“ durch die literarische Reproduktion ihrer Verwaltung: Das Buch verfolgt den Countdown der letzten 35 Tage eines Verurteilten und rekonstruiert in kalter, prosaischer Präzision die technischen, bürokratischen und logistischen Abläufe der Hinrichtung in den USA. Der Mensch erscheint nicht mehr als moralisches Subjekt, sondern als „corps du sujet“, als Körper, dessen Gewicht, Haut, Venen, Widerstand und Zersetzung durch Protokolle geregelt werden. Die Arbeitsteilung der Hinrichtungsteams weist auf ein System, das Gewalt anonymisiert, fragmentiert und entpersonalisiert, bis „niemand tötet“. Parallel dazu entwirft Debré eine Topographie der USA als Landschaft der Regelhaftigkeit, Überwachung und moralischen Erosion – von „We buy souls“-Schildern über schulische Kontrollsoftware bis zu einer allgegenwärtigen Katastrophenstimmung. – Die Rezension liest „Protocoles“ als Bruch mit der Tradition von Hugo und Camus: Statt Pathos, moralischem Appell oder existenzieller Reflexion setzt Debré auf formale Mimikry der juristischen Protokolle und entzieht der Literatur ihre hermeneutische Funktion. Debrés Poetik der Entsubjektivierung, der „Reinheit“ und der Selbstreferenzialität der Regel wird untersucht. „Protocoles“ macht die moderne Logik von Recht, Technik und Verwaltung der Todesstrafe als totalisierende Ordnung sichtbar, in der Literatur nur noch als Kopie der Macht existieren kann.]]></description>
		
		
		
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		<title>Années glorieuses: zum Abschluss der Saga von Pierre Lemaitre</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/08/annees-glorieuses-zum-abschluss-der-saga-von-pierre-lemaitre/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Jan 2026 23:19:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Lemaitre]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782702191477-001-X-198x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782702191477-001-X-198x300.jpeg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782702191477-001-X-675x1024.jpeg 675w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782702191477-001-X-768x1165.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782702191477-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Die vierbändige Saga "Les Années glorieuses" verfolgt am Beispiel der Familie Pelletier den französischen Nachkriegsaufstieg von 1948 bis an die Schwelle von 1968. Beginnend im kolonialen Saigon ("Le Grand Monde"), wo der Piaster-Skandal den moralischen Bankrott des Empire offenlegt, verlagert sich das Panorama über den Wiederaufbau und die technokratische Moderne der frühen 1950er Jahre ("Le Silence et la Colère") hin zum Atomzeitalter und Kalten Krieg ("Un avenir radieux"). Infrastrukturprojekte, Konsumgesellschaft, Medienöffentlichkeit und politische Mythen erscheinen dabei stets doppelt: als Versprechen von Fortschritt und als Mechanismen der Verdrängung sozialer Gewalt. Der abschließende Band ("Les belles promesses") bündelt diese Linien im Paris der frühen 1960er Jahre, wo der Bau des Boulevard Périphérique zum steinernen Symbol einer Moderne wird, die auf Enteignung, Korruption und Schweigen basiert. Mit dem Tod zentraler Figuren und der Auflösung familiärer Machtverhältnisse wird der Wohlstand der „glorreichen Jahre“ als Produkt aufgestauter Schuld sichtbar. - Der Aufsatz liest diese Tetralogie konsequent als rückblickende Autopsie einer Epoche. Das zentrale Argument lautet, dass die Années glorieuses nicht den Beginn der Moderne markieren, sondern deren verspäteten Nachhall – die „letzte Seite des 19. Jahrhunderts“. Entscheidend ist dabei das Schlussdatum: Der Roman endet am 21. März 1968, einen Tag vor Beginn der Unruhen, im Moment eines Noch-Nicht. Lemaitre erklärt nicht den Aufbruch von 1968, sondern dessen Notwendigkeit. Zugleich vollzieht sich eine poetologische Wende: Mit der Enthüllung von François Pelletier als fiktivem Autor der Saga verabschiedet sich das Werk vom journalistischen Wahrheitsanspruch und behauptet den Roman als einzig angemessene Form, um diese Epoche zu begreifen. Erzählen wird zur Analyse, Fiktion zur historischen Erkenntnis. Die Tetralogie endet daher nicht mit Hoffnung, sondern mit Klarheit: Sie zeigt, warum das Alte erschöpft war – und warum das Neue kommen musste.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Recht als Geräusch: Constance Debré</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/06/das-recht-als-geraeusch-constance-debre/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Jan 2026 04:01:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Constance Debré]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782080286147-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782080286147-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782080286147.jpg 293w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />In seiner Auseinandersetzung mit Constance Debrés Romanen "Offenses" (2023) und "Protocoles" (2026) verdeutlicht der Aufsatz die kontinuierliche Transformation ihres Schreibens von der Autofiktion zur gesellschaftlich-politischen Analyse. "Offenses" erzählt die Geschichte eines namenlosen Jugendlichen aus der Pariser Banlieue, der eine ältere Nachbarin ermordet. Dabei wird die Tat nicht psychologisch ausgeschlachtet, sondern als Ausgangspunkt genutzt, um die strukturelle Gewalt des Justizsystems und die soziale Ungerechtigkeit der Gesellschaft sichtbar zu machen. Debré verlagert das Interesse vom individuellen Verbrechen auf das institutionelle „Rauschen“ des Gerichts und die ritualisierte Ordnung, in der der Einzelne auf Körperlichkeit und Schweigen reduziert wird. Die Rezeption hebt hervor, dass die radikale Reduktion von Handlung und Subjektivität – der Täter wie das Opfer bleiben namenlos, ihre Biographien spielen keine Rolle – bewusst gewählt ist, um die Hierarchie und Willkür der gesellschaftlichen und juristischen Prozeduren zu entlarven. Kritiker vergleichen Debrés Ansatz mit Dostojewski, weisen jedoch auf die fehlende moralische Läuterung und die ästhetische Kälte hin, die Offenses zu einem „muskelbepackten“ literarischen Werk macht, das die Leserinnen und Leser herausfordert und gleichzeitig eine philosophische Reflexion über Schuld, Macht und strukturelle Gewalt eröffnet. - Mit "Protocoles" verschiebt Debré den Fokus auf institutionalisierte Gewalt auf einer anderen Ebene: Die bürokratische Organisation der Todesstrafe in den USA wird präzise und fast dokumentarisch beschrieben, wobei ihr fragmentarischer Stil weiterhin persönliche Beobachtungen und poetische Momente einschließt. Während in "Offenses" das Subjektive dominiert, tritt in "Protocoles" das Du in die bürokratischen Abläufe ein und erzeugt eine paradoxe Nähe und Distanz zugleich. Die Interpretation analysiert, wie Debré durch diese Verschiebung die strukturelle Dimension von Gewalt und Kontrolle betont und die poetische Wirkung weniger aus introspektiver Reflexion als aus der Konfrontation mit ritualisierter Macht gewinnt. Beide Romane demonstrieren, dass Debré konsequent die Bedingungen literarischer Subjektivität und menschlicher Autonomie in Kontexten untersucht, in denen Recht, Macht und gesellschaftliche Normen das Individuum reduzieren, und die Rezeption lobt ihre Fähigkeit, ästhetisch und argumentativ die Mechanismen von Unterwerfung und struktureller Gewalt sichtbar zu machen.]]></description>
		
		
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		<title>Reparieren der Bruchlinien im Text: Hélène Frédérick</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/05/reparieren-der-bruchlinien-im-text-helene-frederick/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Jan 2026 10:01:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
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		<category><![CDATA[Hélène Frédérick]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-7-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-7-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-7-698x1024.jpeg 698w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-7-768x1126.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-7-1047x1536.jpeg 1047w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-7-1397x2048.jpeg 1397w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/files-7.jpeg 1651w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Hélène Frédéricks "Lézardes" (2025) ist ein hybrider Roman, der Tagebuchminiaturen, autobiografische Erinnerungen, essayistische Passagen zur Kulturgeschichte des Korrekturwesens und poetologische Reflexionen miteinander verschränkt und dabei den „Riss“ (la lézarde) zur zentralen ästhetischen und epistemologischen Metapher erhebt: Erzählt wird aus der Perspektive einer in Paris arbeitenden Korrektorin, deren Alltag in der Kabine der Redaktion mit Rückblenden in eine Kindheit im handwerklichen Milieu Québecs verbunden ist, insbesondere in die Werkstatt des Vaters, dessen reparierende Präzisionsarbeit parallel zur philologischen Aufmerksamkeit gelesen wird. Die Rezension argumentiert, dass der Roman seine Thematik performativ vollzieht: Die fragmentierte, anti-lineare Struktur, die Perspektivwechsel zwischen „Je“ und adressierendem „Tu“, die bewusste Kultivierung von Ellipsen, „wackeligen Sätzen“ und scheinbaren Inkohärenzen spiegeln jene Risse wider, die der Text als Bedingung von Wahrnehmung, Erinnerung und Poesie verteidigt. Inhaltlich entfaltet Frédérick eine Poetik des Unsichtbaren, indem sie den bedrohten, historisch mit libertären Milieus verbundenen Beruf der Korrektorin als ethische Praxis des Zweifelns, des genauen Hinsehens und des Widerstands gegen sprachliche und gesellschaftliche Glättung ins Zentrum rückt; argumentativ liest die Rezension den Roman als dezidiertes Gegenmodell zu Effizienz, Normierung und algorithmischer Vereinheitlichung. Autobiografie, Sprachreflexion und Sozialgeschichte verdichten sich so zu der These, dass Literatur – und das Schreiben überhaupt – nicht aus Kohärenz und Perfektion hervorgeht, sondern aus Brüchen und Zwischenräumen, weshalb die lézardes weniger als Mangel denn als produktive Beobachtungsposten erscheinen, an denen Subjektivität, Geschichte und Sprache überhaupt erst sichtbar werden.]]></description>
		
		
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		<title>Roman der franko-rumänischen Freundschaft: Cătălin Mihuleac</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/04/roman-der-franko-rumaenischen-freundschaft-catalin-mihuleac/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 04 Jan 2026 12:57:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Cătălin Mihuleac]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="196" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782889831579-196x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782889831579-196x300.jpg 196w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782889831579-668x1024.jpg 668w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782889831579-768x1178.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782889831579-1002x1536.jpg 1002w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782889831579-1336x2048.jpg 1336w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782889831579-scaled.jpg 1670w" sizes="auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px" />Cătălin Mihuleacs "Les Demoiselles de Fontaine" entfaltet vor dem Panorama der französisch-rumänischen Beziehungen vom Ersten Weltkrieg bis zur frühen kommunistischen Nachkriegszeit die Geschichte einer kulturellen Verbrüderung, die sich über Bildung, Sprache und persönliche Loyalitäten konstituiert und schließlich politisch zerschlagen wird: Im Zentrum stehen der französische Offizier und spätere Hochschullehrer Marcel Fontaine, seine rumänischen Weggefährten und insbesondere jene jungen Frauen, deren Frankophilie unter dem kommunistischen Regime zur Schuld erklärt wird. Die Rezension liest den Roman weniger als historischen Stoffroman denn als europäische Reflexion über die Fragilität kultureller Bindungen: Frankreich erscheint nicht primär als Staat, sondern als Projektionsfläche von Humanismus, Bildung und universalistischen Werten, Rumänien als Raum der Aneignung, Hoffnung und späteren Ernüchterung. Mihuleac zeigt, so das Argument der Besprechung, dass kultureller Transfer zwar Identitäten prägt und Generationen verbindet, jedoch ohne institutionellen Schutz extrem verwundbar bleibt; was in der Zwischenkriegszeit als moralisches Kapital galt, wird nach 1947 kriminalisiert. Ergänzend hebt die Rezension die Figur Petru Negru hervor, dessen lustvolle Hinwendung zur Volkskunde und Folklore nicht als regressiver Aberglaube, sondern als alternative Erkenntnisform erscheint, in der sich historische Erfahrung, kollektives Gedächtnis und ein widerständiges Wissen jenseits offizieller Ideologien bündeln. Indem der Roman Märchen, Folklore und historische Chronik verschränkt, entwirft er das Bild eines europäischen Versprechens, das nicht durch individuelles Versagen, sondern durch Systemwechsel zerbricht. Die Rezension betont daher den Text als literarisches Denkmal eines gescheiterten, aber schuldlosen Projekts: Nicht die Menschen scheitern, sondern die politischen Ordnungen, die kulturelle Loyalitäten nicht tragen können.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zerstörung als Möglichkeit: Mannsein und Gewalt bei Bernard Bourrit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Jan 2026 11:35:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Bernard Bourrit]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="220" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/images-1-220x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/images-1-220x300.jpeg 220w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/images-1.jpeg 383w" sizes="auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px" />Bernard Bourrits Roman “Détruire tout” (2025) rekonstruiert einen realen Feminizid in der Schweiz der 1960er-Jahre, verweigert jedoch konsequent eine lineare Täterpsychologie oder moralische Auflösung: Anhand von Archiven, Beobachtungen und essayistischen Fragmenten erscheint der Täter Alain weniger als individuelles Monster denn als Symptom eines patriarchalen, ländlichen und autoritär organisierten sozialen Gefüges, das Gewalt strukturell ermöglicht. Die Rezension zeigt, wie Bourrit bäuerliche Enge, männliche Normierung, sprachlose Affekte und asymmetrische Geschlechterverhältnisse freilegt und insbesondere Männlichkeit als brüchige, überforderte Konstruktion analysiert, deren Anspruch auf Kontrolle in destruktive Gewalt umschlägt. Der männliche Körper wird dabei zum Austragungsort sozialer Zumutungen, während Carmen als Projektionsfläche gesellschaftlicher Erwartungen sichtbar wird, ohne zur bloßen Figur zu verflachen. Formal wie ethisch verweigert der Text den Mord als erzählerischen Höhepunkt und belässt ihn als Leerstelle, wodurch die Aufmerksamkeit auf Bedingungen statt auf Sensation gelenkt wird. So versteht die Rezension “Détruire tout” als literarische Untersuchung gesellschaftlicher Gewalt, die gerade im Scheitern von Erklärung und Katharsis ihre politische und ästhetische Kraft entfaltet.]]></description>
		
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		<title>Kunst als Arbeit: Dominique Auzel über Gustave Caillebotte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 Dec 2025 04:31:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Dominique Auzel]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="199" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/auzel-199x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/auzel-199x300.jpg 199w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/auzel.jpg 664w" sizes="auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px" />Im Buch Ouvriers, artisans du beau selon Caillebotte (2024) der Buchreihe „Le roman d&#8217;un chef d&#8217;oeuvre“ unternimmt Dominique Auzel den ebenso ambitionierten wie heiklen Versuch, kunsthistorische Analyse, historische Recherche und literarische Imagination ineinander zu verschränken. Ausgangspunkt ist ein einzelnes Gemälde, Gustave Caillebottes Raboteurs de parquet von 1875, doch rasch wird deutlich, dass dieses Bild weniger ... <p class="read-more-container"><a title="Kunst als Arbeit: Dominique Auzel über Gustave Caillebotte" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/12/31/kunst-als-arbeit-dominique-auzel-ueber-gustave-caillebotte/#more-11523" aria-label="Mehr Informationen über Kunst als Arbeit: Dominique Auzel über Gustave Caillebotte">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Hohelied ohne Zeugen: Patrick Autréaux</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/30/hohelied-ohne-zeugen-patrick-autreaux/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Dec 2025 10:21:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Edmond Jabès]]></category>
		<category><![CDATA[Patrick Autréaux]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Couverture-699x1024-1-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Couverture-699x1024-1-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Couverture-699x1024-1.jpg 699w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Patrick Autréaux’ "L’Époux" (2025) ist ein leiser, existenziell verdichteter Roman, der von der standesamtlichen Trauung zweier Männer ausgeht. Ein Ritual, das als gesellschaftliche Anerkennung gedacht ist, wird zur Erfahrung radikaler Vereinzelung: durch die demonstrative Abwesenheit der Familien, die eine geografisch fern, die andere ideologisch und religiös sich verweigernd. Der Erzähler beobachtet die Tränen seines Partners; in diesem Moment brechen Jahre des Schweigens, der Anpassung und der erlittenen Zurückweisung auf. Ausgehend von diesem Moment entfaltet der Text eine vielschichtige Rückschau, in der sich eine homosexuelle Liebesgeschichte mit biografischen Verletzungen, Krankheit und einer tiefgreifenden spirituellen Suche verschränkt. Zentral ist dabei der jüdische Hintergrund der Familie des Partners, deren Geschichte von Shoah, Vertreibung und Exil geprägt ist und deren traumatische Erfahrung in eine religiöse Verhärtung und die Ablehnung der Beziehung mündet. Autréaux zeigt, wie diese kollektiven Wunden familiäre Bindungen vergiften und Schweigen, Tilgung und Ausschluss erzeugen. In der Auseinandersetzung mit dem Hohelied Salomos und dem Werk Edmond Jabès entwickelt der Roman eine Poetik der Abwesenheit, des Schweigens und des Exils, in der der Körper des Geliebten zum Ort des Heiligen wird. "L’Époux" liest sich so als modernes Hohelied, das die intime Geschichte einer homosexuellen Liebe mit der Last jüdischer Erinnerung verbindet und eine fragile, aber beharrliche Transzendenz entwirft – „aus der Wüste gekommen, wie man aus dem Jenseits der Erinnerung kommt“.]]></description>
		
		
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		<title>Exponierter Körper und Melancholie der Spur: Joy Majdalani und Robert Mapplethorpe</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/30/exponierter-koerper-und-melancholie-der-spur-joy-majdalani-und-robert-mapplethorpe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Dec 2025 04:19:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Joy Majdalani]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="201" height="251" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/mapplethorpe.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" />Die Rezension liest Joy Majdalanis Roman „Le goût des garçons“ (2021) und Essay „Jimmy Freeman“ (2025) als zwei komplementäre Stationen eines konsequenten literarischen Projekts. Der Roman „Le goût des garçons“ ist eine subjektive Erkundung weiblichen Begehrens, das sich im Spannungsfeld von religiöser Erziehung, Schuld und Selbstermächtigung formt. Männliche Figuren erscheinen darin weniger als psychologisch ausgearbeitete Charaktere denn als Projektionsflächen, an denen sich Macht, Fantasie und Transgression erproben lassen. „Jimmy Freeman“ führt diese Motive weiter, verschiebt sie jedoch vom narrativen Risiko des Romans in eine poetisch-essayistische Reflexion: Ausgehend von Robert Mapplethorpes Fotografie von Jimmy Freeman denkt Majdalani Begehren, Objektivierung und Gewalt der Form kunsttheoretisch und existenziell weiter. Der Essay wirkt wie eine Verdichtung und Kommentierung des Romans, in dem sich autobiographische Erfahrung, ästhetische Analyse und ethische Selbstbefragung überlagern. Zentral für den Artikel ist die homoerotische Kunst Robert Mapplethorpes, dessen Werk als Scharnier zwischen klassischer Schönheit und radikaler Körperpolitik gelesen wird, als perfekt geformtes, diszipliniertes Objekt des Begehrens. Zugleich zeigt die Lektüre, dass diese ästhetische Objektifizierung des Körpers immer von einer Melancholie der Spur begleitet ist, denn die Fotografie bewahrt nur den Abdruck eines lebendigen, sterblichen Körpers. In der Spannung zwischen formaler Ewigkeit und körperlicher Vergänglichkeit entfaltet sich bei Mapplethorpe ein Begehren, das ebenso monumental wie tief verletzlich ist. Seine Fotografien stehen für eine Kunst, die den männlichen – insbesondere den schwarzen – Körper zugleich kanonisiert und exponiert und dabei Fragen von Macht, Blick und Unterwerfung unausweichlich macht. Überschattet wird diese Spannung vom Wissen um AIDS und den frühen Tod Mapplethorpes und vieler seiner Modelle, wodurch die Bilder im Rückblick den Charakter eines letzten Aufleuchtens annehmen – verewigt schön, sterblich und unwiederbringlich.]]></description>
		
		
		
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		<title>Eine leuchtende Postapokalypse: Céline Minard</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/28/eine-leuchtende-postapokalypse-celine-minard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 28 Dec 2025 23:21:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Céline Minard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/tovaangar-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/tovaangar-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/tovaangar-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/tovaangar.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Céline Minards Roman „Tovaangar“ (Rivages, 2025) entwirft eine radikal andere Postapokalypse: Nicht Mangel, Gewalt und Überleben bestimmen die Welt nach dem Ende der menschlichen Zivilisation, sondern Emergenz, Kooperation und eine leuchtende Vielfalt von Beziehungen zwischen allen Spezies. Auf den Ruinen des heutigen Los Angeles – nun wieder unter seinem vorkolonialen Namen Tovaangar – hat sich lange nach dem Zusammenbruch eine stabile, vielstimmige Weltordnung herausgebildet, in der Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und bewusste technische Wesen als „Verwandte“ koexistieren. Die Expedition der Protagonistin Amaryllis führt nicht durch eine Landschaft der Verwüstung, sondern durch ein funktionierendes Ökosystem, in dem Konflikte nicht eskalieren, sondern rituell verhandelt werden. Im Vergleich zu Minards früheren Romanen – „Le Dernier Monde“ (Isolation nach dem Verschwinden der Menschheit), „Le Grand Jeu“ (stoische Autarkie im technischen Gehäuse) und „Plasmas“ (kosmische Fragmentierung des Seins) – markiert „Tovaangar“ den Endpunkt einer poetischen Bewegung: von der Vereinzelung des Menschen hin zu einer radikalen Dezentrierung zugunsten eines hybriden, posthumanen Kollektivs. – Der Aufsatz entwickelt seine Argumentation ausgehend vom Genrevergleich zur Poetologie: Zunächst grenzt er „Tovaangar“ von der klassischen, affektgetriebenen Postapokalypse ab und zeigt, wie Minard Angst, Schuld und Nostalgie systematisch durch Neugier und Aufmerksamkeit ersetzt. Darauf aufbauend wird der Roman als Denkraum gelesen, der aktuelle Diskurse zu Anthropozän, Posthumanismus und New Materialism nicht illustriert, sondern transformiert. Im Werkvergleich wird diese Verschiebung als langfristige Entwicklung in Minards Schreiben ausgewiesen: von der melancholischen Leere („Le Dernier Monde“) über technische Schutzräume („Le Grand Jeu“) und kosmische Auflösung („Plasmas“) hin zu einer „Werkstatt des Realen“, die Welt aktiv neu zusammensetzt. Das Fazit pointiert diese Lesart: Tovaangar ist weniger Warnung als Herausforderung – ein Roman, der zeigt, dass Zukunft nicht zwangsläufig aus Katastrophenangst entsteht, sondern aus der Imagination anderer, nicht-anthropozentrischer Formen des Zusammenlebens. Damit verschiebt Minard nicht nur ein Genre, sondern stellt die Frage nach der politischen und ontologischen Möglichkeit von Literatur selbst neu.]]></description>
		
		
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		<title>Nürnberger Prozesse ohne Schlussstrich: Alfred de Montesquiou</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/27/nuernberger-prozesse-ohne-schlussstrich-alfred-de-montesquiou/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Dec 2025 00:43:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred de Montesquiou]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61rcfNDLuAL._AC_UF10001000_QL80_-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61rcfNDLuAL._AC_UF10001000_QL80_-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61rcfNDLuAL._AC_UF10001000_QL80_.jpg 651w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Der Artikel liest Alfred de Montesquious Roman "Le crépuscule des hommes" (2025, Prix Renaudot Essai) als Gegenentwurf zu popularisierenden Darstellungen der Nürnberger Prozesse, wie sie etwa James Vanderbilts Film "Nuremberg" (2025) bietet. Während der Film das Geschehen auf ein psychologisches Duell zwischen Hermann Göring und seinem amerikanischen Psychiater verengt und damit einem personalisierenden „Kino der großen Männer“ folgt, entfaltet Alfred de Montesquiou ein vielstimmiges Panorama. Sein Roman interessiert sich nicht für Urteile oder Täterpsychologie, sondern für die Peripherie des Tribunals: Journalisten, Fotografen, Übersetzer und Beobachter, die Nürnberg als Übergangsraum erfahren. Die Stadt erscheint als semantisch überladener Ort zwischen nationalsozialistischer Selbstinszenierung, juristischer Zäsur und moralischer Ungewissheit. Sprache, Übersetzung und mediale Vermittlung werden dabei als fragile Instrumente sichtbar, die an der Aufgabe, das Ungeheure erzählbar zu machen, notwendig scheitern. Argumentativ verortet die Rezension den Roman im Denkraum von Karl Jaspers und Hannah Arendt. Wie bei Jaspers verschiebt sich der Fokus weg von der rein juristischen Schuld hin zu einer moralischen Selbstprüfung der Beobachter, die sich ihrer eigenen Verstrickung bewusst werden. Arendts Skepsis gegenüber abschließenden Erklärungen spiegelt sich in der konsequenten Verweigerung eines narrativen oder moralischen Abschlusses. Der roman vrai erscheint dabei als epistemische Form, die dort ansetzt, wo Akten und Urteile an ihre Grenzen stoßen. Nürnberg wird nicht als Endpunkt der Geschichte erzählt, sondern als Schwebezustand: als „Menschendämmerung“, in der das Ende der Täter keine moralische Klarheit garantiert. Die Lektüre macht deutlich, dass de Montesquiou Nürnberg nicht abschließt, sondern offenhält – als Raum des Übergangs, in dem Recht, Erinnerung und Erzählen selbst auf dem Prüfstand stehen.]]></description>
		
		
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		<title>Mutterverlust als Metamorphose bei Constance Joly und als Dokument bei Annie Ernaux</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/26/mutterverlust-als-metamorphose-bei-constance-joly-und-als-dokument-bei-annie-ernaux/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Dec 2025 04:37:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Annie Ernaux]]></category>
		<category><![CDATA[Constance Joly]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/51269URgPTL._UF10001000_QL80_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/51269URgPTL._UF10001000_QL80_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/51269URgPTL._UF10001000_QL80_.jpg 643w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Der Romanvergleich stellt Constance Jolys Roman "Reverdir" (Flammarion, 2025) und Annie Ernaux’ "Je ne suis pas sortie de ma nuit" (Gallimard, 1997) als zwei radikal unterschiedliche literarische Bearbeitungen der Alzheimer-Erkrankung der Mutter gegenüber und entfaltet ihre Argumentation konsequent entlang der Pole Metamorphose versus Dokumentation. Während Jolys Roman den geistigen Verfall der Mutter in eine dichte Metaphorik aus Botanik, Carrolls Alice im Wunderland und zyklischer Zeitstruktur einbettet und die Krankheit als Katalysator einer existentiellen Neuerfindung der Tochter deutet, beschreibt Ernaux in ihrem fragmentarischen Tagebuch den körperlichen und sprachlichen Zerfall der Mutter ohne jede tröstende Sinnstiftung als ausweglose Bewegung in eine zeitlose „Nacht“. Die Rezension arbeitet diese Differenz systematisch aus, indem sie Erzählhaltung, Zeitstruktur, Kommunikationsformen und Metaphorik kontrastiert: Jolys poetische Einhegung des Schmerzes zielt auf Resilienz, „Spätblühen“ und Selbstwerdung, während Ernaux’ Schreiben sich der „Gewalt der Empfindungen“ aussetzt und den Text bewusst als bloßen „Überrest eines Schmerzes“ versteht. Argumentativ folgt die Rezension dabei einer komparatistischen Logik, die nicht wertend, sondern typologisch verfährt: Sie zeigt, wie beide Texte unterschiedliche ethische und ästhetische Antworten auf denselben Erfahrungskern geben. Der Schluss pointiert diese Gegenüberstellung, indem er die divergierenden Romanenden als Ausdruck zweier unvereinbarer Zeit- und Sinnmodelle liest – hier das symbolische Wiederergrünen nach der Katastrophe, dort das endgültige Versinken in der Nacht –, und macht so deutlich, dass literarische Alzheimer-Narrative weniger über die Krankheit selbst als über die Möglichkeiten und Grenzen narrativer Bewältigung Auskunft geben.]]></description>
		
		
		
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		<title>Von der Fußnote zur Gegengeschichte: Olivier Rolin zu Victor Hugo</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/25/von-der-fussnote-zur-gegengeschichte-olivier-rolin-zu-victor-hugo/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Dec 2025 06:15:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Olivier Rolin]]></category>
		<category><![CDATA[Victor Hugo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/orolin-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/orolin-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/orolin-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/orolin-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/orolin.jpg 827w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Olivier Rolin entwickelt in "Jusqu’à ce que mort s’ensuive" (Gallimard, 2024) aus einer randständigen Passage der "Misérables" eine konsequente Gegengeschichte. Bei Hugo erscheinen Emmanuel Barthélemy und Frédéric Cournet nur als exemplarische Figuren innerhalb der Barrikadenmythologie von 1848, deren Schicksal in wenigen Sätzen moralisch geschlossen wird. Rolin löst sie aus dieser symbolischen Funktion und rekonstruiert ihre Lebenswege von den Junikämpfen über das Londoner Exil bis zu Duell und Galgen. Aus Hugos Miniatur entsteht eine materialreiche Chronik, in der Barthélemy als Produkt des Bagno und Cournet als widersprüchlicher Republikaner erscheinen – nicht als Typen, sondern als historische Existenzen ohne Erlösungslogik. Die Rezension liest Rolins Buch als Entmythologisierung durch Präzision. Rolin widerspricht Hugo nicht offen, sondern setzt dort an, wo dessen epische Ordnung brüchig wird. Gegen Hugos Verdichtung stellt er Chronologie, Archivmaterial und erzählerische Nüchternheit. So verschiebt sich der Maßstab von Sinnstiftung zu Beschreibung: Jean Valjeans Erlösung steht Barthélemys Verhärtung gegenüber, der emphatische Titel "Les Misérables" der administrativen Kälte von "Jusqu’à ce que mort s’ensuive". Der nüchterne Schluss am Galgen wird als methodische Setzung gelesen: Geschichte erzeugt keinen Sinn von selbst. Literatur kann sie sichtbar machen – aber nicht erlösen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Shakespeare als Leerstelle: Philippe Forest</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/24/shakespeare-als-leerstelle-philippe-forest/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Dec 2025 11:26:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Forest]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/forest-shakespeare-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/forest-shakespeare-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/forest-shakespeare-658x1024.jpg 658w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/forest-shakespeare-768x1195.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/forest-shakespeare.jpg 964w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Philippe Forests „Shakespeare: quelqu’un, tout le monde et puis personne“ (Flammarion, 2025) ist ein ebenso radikales wie poetisches Buch, das sich bewusst gegen jede traditionelle Biografie richtet und stattdessen das Konzept der „Antibiografie“ formuliert. Ausgehend von der fast vollständigen biografischen Leere Shakespeares begreift Forest diese Leerstelle nicht als Mangel, sondern als produktiven Raum literarischer Erkenntnis. Shakespeare erscheint darin weniger als historisches Individuum denn als Figur des „Jemand, Jeder und Niemand“ – ein Resonanzraum menschlicher Existenz, in dem sich Fragen nach Identität, Macht, Liebe, Zeit, Tod und dem Nichts bündeln. Forest schreibt dabei nicht nur über Shakespeare, sondern durch ihn hindurch und zugleich über sich selbst; jede Biografie wird zur verdeckten Autobiografie, jede Analyse zur Fabel, in der sich Leben und Werk, Theorie und persönliche Erinnerung unauflöslich verschränken. Die Analyse hebt hervor, wie Forest Shakespeare als Denker der Existenz, als radikal skeptischen Dichter eines leeren Himmels und eines theatralen Weltverständnisses liest, in dem Identität Maske, Geschichte Illusion und Literatur ein sanftes, tröstendes Sprechen im Angesicht des Nichts ist. Es ist ein Buch, das keine bloße Wissensvermittlung anstrebt, sondern vielmehr eine existenzielle Erfahrung des Lesens darstellt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Sternenhimmel über Rom: Renaud Rodier</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/22/sternenhimmel-ueber-rom-renaud-rodier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Dec 2025 22:15:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Céline Minard]]></category>
		<category><![CDATA[Elisabeth Filhol]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Butor]]></category>
		<category><![CDATA[Renaud Rodier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/RODIER_SIROMEMEURT_CV1-large-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/RODIER_SIROMEMEURT_CV1-large-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/RODIER_SIROMEMEURT_CV1-large-664x1024.jpg 664w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/RODIER_SIROMEMEURT_CV1-large-768x1184.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/RODIER_SIROMEMEURT_CV1-large.jpg 830w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Vor dem Hintergrund eines politisch verfallenden Roms am Wahlabend Giorgia Melonis begibt sich in Renaud Rodiers drittem Buch "Si Rome meurt" (Anne Carrière, 2025) der angehende Filmemacher Pietro auf eine obsessive Suche nach seinem verschollenen Vater, den er in der Gestalt eines prophetischen Obdachlosen an den Rändern der Gesellschaft wiederzuentdecken glaubt. Geleitet von der astrophysikalischen Theorie des holografischen Universums gestaltet Pietro sein zentrales Filmvorhaben als einen Prozess filmischen Schreibens, der in grobkörnigen Super-8-Aufnahmen versucht, die urbane Entropie Roms in ein kohärentes ästhetisches Konstrukt zu transformieren. Renaud Rodiers Roman entwickelt sich als ein intermediales Palimpsest, das die existentielle Frage nach dem, was gerettet werden kann, wenn Rom stirbt, in einer dichten Verwebung von traumatischer Erinnerung und filmischer Vision verhandelt. Indem der Roman die astrophysikalische Metaphorik zur Weltraumdichtung erhebt, transformiert er die soziale Entropie Roms in eine transzendente, astronomische Topografie, die den Diskurs um die „Ewige Stadt“ als unzerstörbaren Informationscode jenseits des zeitlichen Verfalls neu verortet.]]></description>
		
		
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		<title>Globale Orte, geteilte Bedeutungen: Olivier Wieviorka und Michel Winock</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/21/globale-orte-geteilte-bedeutungen-olivier-wieviorka-und-michel-winock/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 21 Dec 2025 12:01:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Michel Winock]]></category>
		<category><![CDATA[Olivier Wieviorka]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="223" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61l27le483L._AC_UF8941000_QL80_-223x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61l27le483L._AC_UF8941000_QL80_-223x300.jpg 223w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61l27le483L._AC_UF8941000_QL80_.jpg 743w" sizes="auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px" />Die Rezension widmet sich dem Sammelband "Les lieux mondiaux de l'Histoire de France" (Perrin, 2025), der sich mit der Frage auseinandersetzt, wie bestimmte Orte zu globalen Bezugspunkten werden und welche kulturellen, literarischen, historischen und politischen Bedeutungen sich an ihnen verdichten. Der Band versammelt interdisziplinäre Beiträge, die „Orte in der Welt“ nicht nur als geografische Fixpunkte, sondern als dynamische Räume der Erinnerung, der Macht, der Migration und der Imagination analysieren. Die Rezension arbeitet die zentralen theoretischen Prämissen des Bandes heraus, insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen lokaler Verankerung und globaler Zirkulation von Bedeutungen. Zugleich diskutiert sie die methodische Vielfalt der Beiträge sowie deren Ertrag für aktuelle raumtheoretische und kulturwissenschaftliche Debatten. Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage, inwiefern "Les lieux mondiaux" neue Perspektiven auf die symbolische Konstruktion von Weltläufigkeit eröffnet und welche Impulse der Band für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Raum, Globalisierung und kultureller Übersetzung liefert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die profane Geburt: Kindheit, Hoffnung und uneingelöste Erlösung</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/20/die-profane-geburt-kindheit-hoffnung-und-uneingeloeste-erloesung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Dec 2025 11:10:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Forest]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/files-6-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/files-6-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/files-6-700x1024.jpeg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/files-6-768x1124.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/files-6-1049x1536.jpeg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/files-6-1399x2048.jpeg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/files-6.jpeg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Philippe Forests Roman Et personne ne sait (Gallimard, 2025) erzählt von einem jungen, gescheiterten Maler im winterlichen New York, der an einem Weihnachtsabend einem rätselhaften, alleinstehenden Mädchen begegnet, dessen Herkunft, Status und Wirklichkeit ungewiss bleiben. Diese Begegnung wird zum Ausgangspunkt eines poetischen Nachdenkens über Kunst, Erinnerung und Verlust, das sich zwischen Roman, Filmvorlage und persönlicher ... <p class="read-more-container"><a title="Die profane Geburt: Kindheit, Hoffnung und uneingelöste Erlösung" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/12/20/die-profane-geburt-kindheit-hoffnung-und-uneingeloeste-erloesung/#more-11307" aria-label="Mehr Informationen über Die profane Geburt: Kindheit, Hoffnung und uneingelöste Erlösung">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Doukipudonktan: Die Geschichte des Französisch-Schreibens bei Gabriella Parussa</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/19/doukipudonktan-die-geschichte-des-franzoesisch-schreibens-bei-gabriella-parussa/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Dec 2025 17:31:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Jacques Peletier du Mans]]></category>
		<category><![CDATA[Raymond Queneau]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="158" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/9782330197711-158x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/9782330197711-158x300.jpg 158w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/9782330197711-539x1024.jpg 539w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/9782330197711.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" />In ihrer Studie "Écrire le français" (2025) zeichnet die historische Linguistin Gabriella Parussa die Geschichte des Französisch-Schreibens als komplexen, sozialen und kulturellen Prozess nach. Das Buch zeigt, wie das gesprochene Französisch über Jahrhunderte hinweg seinen Weg in die Schrift fand, welche politischen, institutionellen und technischen Entscheidungen die Orthographie prägten und warum das lateinische Alphabet trotz seiner Unzulänglichkeiten übernommen wurde. Parussa verbindet historische Detailkenntnis mit einer kritischen Gegenwartsdiagnose und macht deutlich, dass das französische Schriftsystem historisch kontingent, sozial umkämpft und funktional vielschichtig ist – von der ersten Fixierung im 9. Jahrhundert bis zu den digitalen Schreibpraktiken der Gegenwart. Die Rezension zeigt, wie Parussa nicht nur die Entstehung der Norm, sondern auch literarische und spielerische Nutzungsmöglichkeiten historisch einordnet. Anhand von Fallbeispielen wie Jacques Peletier du Mans und Raymond Queneau zeigt die Besprechung, dass Reform und ästhetische Reflexion zwei komplementäre Perspektiven auf dasselbe Phänomen bieten: Die französische Orthographie als kulturelles Reservoir und soziales Instrument. Die Rezension beleuchtet zudem die Anschlussfähigkeit des Buches an Literaturgeschichte, Poetik und Literatursoziologie und macht deutlich, wie Parussas Arbeit das Schreiben selbst als historisch gewachsene, reflexive Praxis sichtbar macht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Québecs großer Moment im Spiegel der Desillusionierung: Carl Leblanc</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/18/quebecs-grosser-moment-im-spiegel-der-desillusionierung-carl-leblanc/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Dec 2025 12:25:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Carl Leblanc]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/large-L97828977258911-194x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/large-L97828977258911-194x300.jpg 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/large-L97828977258911-662x1024.jpg 662w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/large-L97828977258911.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Carl Leblancs Roman "Le printemps en novembre" (2025) entwickelt seine Handlung zwischen dem euphorischen Wahlsieg des Parti québécois am 15. November 1976 und der desillusionierten Gegenwart des Jahres 2006. Im Zentrum steht Étienne Vallières, der an der Premiere eines Dokumentarfilms über den historischen Wahlsieg teilnimmt. Diese äußere Rahmenhandlung führt Étienne in seine Jugend in der Gaspésie zurück, wo sich politische Erweckung und private Initiation überlagern: Der kollektive Triumph der Unabhängigkeitsbewegung fällt mit seiner Liebe zu Julianne zusammen, deren plötzliche Abreise den politischen Aufbruch bereits im Moment seines Entstehens unterminiert. Der Roman verschränkt kollektive Geschichte und individuelles Begehren, indem er den „einzigen großen Sieg“ Québecs zugleich als Höhepunkt und Verlust markiert. Die zeitliche Struktur – der ständige Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart – macht sichtbar, dass das nationale Projekt nur noch in der Erinnerung fortlebt, während es politisch gescheitert ist. Die Rezension liest den Roman als eine poetische Neubewertung des québécoischen Autonomiekampfs darstellt. Der Dokumentarfilm wird als ästhetisches Widerstandsmedium gelesen, das der „Barbarei des Vergessens“ entgegentreten soll, indem es dem historischen Moment eine emotionale Evidenz verleiht, die der nüchternen Gegenwart fehlt. Zugleich dekonstruiert der Text jede triumphale nationale Narration: Die Autonomie erscheint als unerfülltes Versprechen, das sich in Nostalgie, Ironie und Zynismus verflüchtigt. Étiennes persönliches Scheitern – seine emotionale Immobilität, sein Verharren im Diskursiven – wird dabei zur Allegorie eines postnationalen Québecs, das zwischen individuellem Liberalismus und dem Verlust eines kollektiven „nous“ schwankt. Die Rezension liest den Roman somit als melancholische, aber notwendige Selbstvergewisserung: nicht als Verteidigung eines souveränistischen Programms, sondern als literarischen Akt der Erinnerung, der die emotionale Wahrheit des Aufbruchs bewahrt, selbst wenn das politische Projekt gescheitert ist.]]></description>
		
		
		
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		<title>Literatur als eigenständige Denkform: François Jullien</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/15/literatur-als-eigenstaendige-denkform-francois-jullien/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Dec 2025 16:22:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[François Jullien]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="158" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/71i3vqamEWL._SL1368_-158x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/71i3vqamEWL._SL1368_-158x300.jpg 158w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/71i3vqamEWL._SL1368_-539x1024.jpg 539w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/71i3vqamEWL._SL1368_.jpg 720w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" />In "Puissance du pensif ou comment pense la littérature" (2025) entwickelt der Sinologe François Jullien eine Meditation über die Literatur als eigenständigen Denkmodus, der sich grundlegend vom begrifflichen Denken der westlichen Philosophie unterscheidet. Literatur „denkt“, so Jullien, nicht durch Definition, Argumentation oder Abschluss, sondern durch Indirektheit, Dauer, Offenheit und Affektivität: Sie evoziert, erzählt, verzögert und lässt Sinn in Schwebe, wodurch sie einen Zustand der Nachdenklichkeit (pensivité) erzeugt, der das Leben in seiner prozessualen, unbestimmten Existenz erfahrbar macht. Die Rezension arbeitet heraus, wie Jullien diese literarische Denkform historisch an der Schwelle zur Moderne verortet, systematisch von der westlichen Ontologie des Seins abgrenzt und in ein produktives Spannungsverhältnis zum chinesischen Denken von Prozess, Wirksamkeit und Umweg stellt. Sie diskutiert Julliens zentrale Begriffe für eine Literatur der Nachdenklichkeit (Indirektheit, Ambiguität, Indexikalität, Affektivität) und die Verbindung von theoretischer Argumentation und exemplarischer Lektüre (Balzac, Poesie). Zugleich wird deutlich, dass Julliens Buch nicht nur eine Theorie der Literatur, sondern auch eine implizite Kritik der Philosophie formuliert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Ende des Gulag, ohne Erlösung: Antoine Sénanque</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/14/ende-des-gulag-ohne-erloesung-antoine-senanque/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Dec 2025 01:15:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Antoine Sénanque]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/9782246838425-001-X-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/9782246838425-001-X-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/9782246838425-001-X-699x1024.jpeg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/9782246838425-001-X-768x1124.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/9782246838425-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Die Rezension liest Antoine Sénanques "Adieu Kolyma" (2025) als radikal desillusionierenden Roman der Nachgeschichte, der das Ende des Stalinismus nicht als historischen Bruch, sondern als Kontinuität einer Gewaltordnung begreift. Ausgangspunkt ist die These, dass die Logik des Gulag – paradigmatisch verkörpert durch die Landschaft des Flusses Kolyma als extremsten Ort – zeitlich, räumlich und sozial über sich hinauswirkt: in das postrevolutionäre Budapest von 1957, in kriminelle Clanstrukturen und in die affektiven Dispositionen der Überlebenden. Die ungarische Revolution erscheint dabei nicht als Freiheitsereignis, sondern als blutige Episode ohne Folgen; Geschichte fungiert lediglich als „Dekor“ für private Rache, Loyalität und Verrat. Zentral ist die Analyse einer „Poetik der Kälte“, in der Gefühle als gefährlich und dysfunktional erscheinen und in der der Permafrost der Kolyma Schuld, Gewalt und Erinnerung konserviert, statt sie aufzulösen. Figuren wie Pal und Lazar Vadas oder Sylla Bach verkörpern unterschiedliche Modi dieser posttotalitären Existenz: funktionalisierte Gewalt, entleerte Affekte und ein Körpergedächtnis, das jede moralische Sinnstiftung unterläuft. Die Rezension verortet den Roman programmatisch auf der Seite Warlam Schalamows gegen jede Erlösungsnarration à la Solschenizyn und betont die konsequente Entmythologisierung von Leiden, Überleben und Freiheit. "Adieu Kolyma" erscheint so als Text radikaler Immanenz, der zeigt, dass Totalitarismus nicht endet, sondern lediglich seine Träger wechselt – und dass die Zeit danach eine Zeit ohne Zukunftshorizont bleibt.]]></description>
		
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		<title>Der Schriftsteller zu Pferde und die Krise der Dialektik: Pierre Drieu la Rochelle</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/11/der-schriftsteller-zu-pferde-und-die-krise-der-dialektik-pierre-drieu-la-rochelle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Dec 2025 15:01:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Drieu la Rochelle]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="198" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/geisler-198x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/geisler-198x300.jpg 198w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/geisler.jpg 659w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" />Années noires Pierre Drieu la Rochelle ist eine zutiefst widersprüchliche Figur der Literaturgeschichte, dessen Werk oft ideologisch blockiert rezipiert wurde. Er war ein produktiver Autor von Theaterstücken, Novellen, Gedichten, Romanen, Essays und journalistischen Beiträgen. Biografisch ist festzuhalten, dass Drieu einerseits ab den 1930er Jahren zu einem einflussreichen Fürsprecher des französischen Faschismus sowie einem Protagonisten der ... <p class="read-more-container"><a title="Der Schriftsteller zu Pferde und die Krise der Dialektik: Pierre Drieu la Rochelle" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/12/11/der-schriftsteller-zu-pferde-und-die-krise-der-dialektik-pierre-drieu-la-rochelle/#more-11207" aria-label="Mehr Informationen über Der Schriftsteller zu Pferde und die Krise der Dialektik: Pierre Drieu la Rochelle">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Ein Sieg der Lise Meitner gegen Otto Hahn: Cyril Gely</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/09/ein-sieg-der-lise-meitner-gegen-otto-hahn-cyril-gely/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Dec 2025 16:49:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Cyril Gely]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Cyril Gelys Roman "Le Prix" (2019) inszeniert einen intensiven psychologischen Schlagabtausch zwischen Otto Hahn und Lise Meitner am Tag von Hahns Nobelpreisverleihung 1946. Auf engstem Raum, in einer Stockholmer Hotelsuite, entfaltet sich ein moralisches und intellektuelles Duell, das die ungleichen Machtverhältnisse, die Geschlechterdynamik in der Wissenschaft und die ethischen Verfehlungen des Nationalsozialismus verhandelt. Gelys dramatische Prosa verwandelt historische Tatsachen in ein huis clos, in dem Lise Meitner ihre unterdrückte wissenschaftliche Leistung einfordert und Hahn gezwungen wird, sich seiner moralischen Schuld zu stellen. Am Ende bleibt der Nobelpreis Hahns – doch die wahre Anerkennung gilt Meitner, deren stille Gerechtigkeit als unauslöschliches Echo die Geschichte neu schreibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Verloren im digitalen Labyrinth: Lucie Rico</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/08/verloren-im-digitalen-labyrinth-lucie-rico/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Dec 2025 08:03:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Lucie Rico]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gps-weplerms-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gps-weplerms-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gps-weplerms.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Standortfreigabe: Technik, Trauer und Obsession Lucie Ricos GPS (2022) folgt der sozial zurückgezogenen Ariane, die nur widerwillig ihre Wohnung verlässt, um an den Verlobungsfeierlichkeiten ihrer Jugendfreundin Sandrine teilzunehmen. Als Sandrine ihr die Standortfreigabe schickt, wird der digitale Punkt auf dem Smartphone für Ariane zu einer Art Leitfaden, der eine fast magische Nähe suggeriert. Doch am ... <p class="read-more-container"><a title="Verloren im digitalen Labyrinth: Lucie Rico" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/12/08/verloren-im-digitalen-labyrinth-lucie-rico/#more-11145" aria-label="Mehr Informationen über Verloren im digitalen Labyrinth: Lucie Rico">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Gegenarchiv der Kinderkolonie: Simon Johannin</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/07/gegenarchiv-der-kinderkolonie-simon-johannin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Dec 2025 15:48:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Simon Johannin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="209" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Johannin-209x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Johannin-209x300.jpg 209w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Johannin-713x1024.jpg 713w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Johannin-768x1102.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Johannin-1070x1536.jpg 1070w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Johannin-1427x2048.jpg 1427w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/Johannin.jpg 1481w" sizes="auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px" />Simon Johannins "Le Fin Chemin des anges" (2025) rekonstruiert das Schicksal der Jungen, die in der Kinderkolonie auf der Île du Levant – einer von Isolation, Gewalt und Zwangsarbeit geprägten Einrichtung – lebten und starben. Im Mittelpunkt steht Louis, ein sensibler, homoerotisch empfindender Junge, dessen „Abweichung“ im 19. Jahrhundert zur moralischen und juristischen Verurteilung führt und ihn in das System der Kolonie schleudert. Dort werden die Kinder entkräftet, gedemütigt und zu Arbeit gezwungen; viele sterben an Hunger, Krankheit oder Misshandlung. Louis’ Leben wird aus Fragmenten, Erinnerungsflashs und Archivresten rekonstruiert, während die Ruinen des Ortes als Resonanzraum der ausgelöschten Stimmen erscheinen. Der Roman zeigt die Kolonie nicht als pädagogische Einrichtung, sondern als Maschine der systematischen Zerstörung junger Körper und Biografien – und macht die gewaltvolle Geschichte eines Ortes hörbar, den das Archiv weitgehend zum Schweigen gebracht hat. – Johannins Roman ist exemplarisch für die neue Buchreihe "Locus", indem er einen verlassenen Ort als palimpsestartigen Speicher traumatischer Geschichte lesbar macht. Der Artikel zeigt, wie Johannin räumliche, archivische und poetische Ebenen miteinander verschränkt, um jenen Kindern eine Stimme zurückzugeben, die in den offiziellen Dokumenten entindividualisiert und ausgelöscht wurden. Besonders hervorgehoben wird die doppelte Bewegung des Texts: Einerseits die präzise Analyse der Architektur der Kolonie als Disziplinarapparat, andererseits die imaginative Rekonstruktion einer einzelnen Biographie, die stellvertretend für eine Vielzahl verloren gegangener Leben steht. Die Rezension arbeitet heraus, wie Johannin Sexualität, Körperlichkeit und Erinnerung politisch auflädt, indem er die Pathologisierung von Louis’ Homosexualität als gesellschaftlichen Gewaltmechanismus offenlegt und die Poetik der Berührung – die „flashs“, die aus den Ruinen hervorgehen – als Form literarischer Zeugenschaft interpretiert. Insgesamt weist der Aufsatz den Roman als ein Gegenarchiv aus, das die Stille eines gewaltsam vergessenen Ortes in erzählerische Präsenz verwandelt und damit die ethische Dimension von Literatur sichtbar macht.]]></description>
		
		
		
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		<title>Christlich-jüdisches Frankreich und identitäre Zwangsassimilation: Eric Zemmour</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/06/christlich-juedisches-frankreich-und-identitaere-zwangsassimilation-eric-zemmour/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Dec 2025 18:36:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Eric Zemmour]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/zemmour-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/zemmour-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/zemmour-664x1024.jpg 664w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/zemmour-768x1184.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/zemmour.jpg 973w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Die Präsidenten der Französischen Republik suchten jeweils eigene Wege, um das Spannungsverhältnis zwischen dem Selbstverständnis Frankreichs als historisch christlich geprägte Nation und den Prinzipien der strikt laizistischen Republik politisch auszugleichen. „La messe n’est pas dite“ (2025) präsentiert Éric Zemmours rechtsextreme Vision einer zivilisatorischen Wiedergeburt Europas durch eine Rückkehr zu seinen christlichen Fundamenten. In seiner Darstellung bildet das Christentum das historische, kulturelle und politische Fundament Europas. Daraus leitet er allerdings die Forderung nach einer intensiven autoritären Rechristianisierung ab, die sowohl juristische Maßnahmen (z. B. Einschränkungen der Vornamenswahl, Remigration, Einschränkung richterlicher Befugnisse) als auch eine kulturelle und moralische Umformung der Gesellschaft umfasst. Diese Neuordnung verbindet er mit der Idee einer „großen Allianz“ zwischen traditionalistischen Katholiken und assimilierten Juden, die gemeinsam den kulturellen Bestand Europas sichern sollen. – Die Rezension zeichnet nach, wie Zemmours Argumentation auf einer selektiven Geschichts- und Religionsdeutung beruht, die komplexe kulturelle und politische Dynamiken auf ein dualistisches Bedrohungsszenario reduziert. Sie zeigt, dass Zemmour Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Universalismus – Werte, die er selbst als christliches Erbe beschreibt – im Namen einer identitären Selbstbehauptung zurückdrängen will. Die Rezension zeigt auf, wie Zemmour sowohl den Islam als auch den modernen Liberalismus als monolithische Feindbilder konstruiert und dabei mit Doppelstandards operiert, etwa durch selektive Lektüre religiöser Texte oder die Vereinfachung historischer Beispiele. Darüber hinaus zeigt sie, wie Zemmour den Laizismus funktionalisiert, um ihn von einem Prinzip staatlicher Neutralität in ein Instrument kultureller Dominanz zu verwandeln. Zemmours Programm stellt weniger eine Verteidigung des christlich geprägten Erbes dar als vielmehr eine autoritär-identitäre Revision der republikanischen Tradition, die die Grundlagen der Fünften Republik grundlegend infrage stellt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Poetiken der Kindheit: David Ducreux Sincey</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/05/poetiken-der-kindheit-david-ducreux-sincey/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 05 Dec 2025 12:20:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[David Ducreux Sincey]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/ducreuxsincey-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/ducreuxsincey-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/ducreuxsincey-700x1024.jpeg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/ducreuxsincey-768x1124.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/ducreuxsincey-1049x1536.jpeg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/ducreuxsincey-1399x2048.jpeg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/ducreuxsincey.jpeg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />David Ducreux Sinceys „La loi du moins fort“ (Gallimard, 2025) entwirft ein düsteres Bild der Kindheit und des Erwachsenwerdens, in dem Trauma, Gewalt und Machtspiele zentrale Rollen spielen. Der Ich-Erzähler wächst in einer feindseligen Umgebung auf, geprägt durch die Misshandlung durch seine Mutter und die frühe Konfrontation mit Tod und Morbidität. Seine Begegnung mit dem jungen Politiker Romain Poisson eröffnet ihm eine Möglichkeit zur Befreiung, die jedoch nur über die radikale Übernahme einer eigenen, gnadenlosen Überlebenslogik gelingt. Vom kindlichen Spiel bis hin zu politischen Manipulationen entfaltet der Roman die schrittweise Transformation eines Opfers zum Täter, in der das titelgebende Gesetz der Schwächeren, das Töten vor dem Getötetwerden legitimiert – zur zentralen Lebensphilosophie wird. – Die Rezension zeigt, wie der Roman politische Dimensionen mit der Kindheitsgeschichte verknüpft und die Mechanismen von Macht, Manipulation und Gewalt offenlegt. Die Analyse verdeutlicht, dass „La loi du moins fort“ nicht nur ein Initiationsroman ist, sondern auch eine Reflexion über die dunklen Seiten menschlicher Existenz und die fatalistische Logik des Überlebens bietet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Nouvelle Vague als Roman: Patrick Roegiers</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/04/nouvelle-vague-als-roman-patrick-roegiers/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Dec 2025 16:18:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Ekphrasis]]></category>
		<category><![CDATA[Patrick Roegiers]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/M02246829909-source-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/M02246829909-source-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/M02246829909-source.jpg 342w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Patrick Roegiers’ "Nouvelle Vague, roman" (2023) übersetzt das Denken des Kinos in Prosa, diese erzählt die Nouvelle Vague nicht nach, sondern inszeniert sie neu als ästhetische Bewegung. Statt chronologischer Filmgeschichtsschreibung oder biografischer Porträts entsteht ein cineastisches Gewebe, das Szenen, Räume und Figuren wie Einstellungen einer unsichtbaren Kamera montiert. Roegiers lässt den Leser durch die Redaktionsräume der "Cahiers du cinéma" treiben, durch die Wohnungen, Drehorte und symbolischen Landschaften, in denen Truffaut, Godard, Chabrol, Rohmer und Varda ihre filmische Sprache erfanden. Historische Fakten, anekdotisches Material und ikonische Filmszenen werden wie found footage in einen größeren literarischen Rhythmus eingespeist, der die Erzählung nicht motivisch festschreibt, sondern als fragile, vibrierende Komposition aus Bildern, Bewegungen und Blicken gestaltet. Die Rezension argumentiert, dass der Roman seine Kraft gerade daraus bezieht, dass er die ästhetischen Prinzipien der Nouvelle Vague selbst performativ in seine Prosa einschreibt. Er wird nicht als Beitrag zur Filmhistoriografie verstanden, sondern als literarische Choreografie, die das Denken der Filmemacher – ihr Misstrauen gegenüber Konventionen, ihre Vorliebe für Fragment, Gegenwart, Improvisation und direkte Beobachtung – in Textform reproduziert. Dabei zeigt die Interpretation, wie Roegiers’ Montageverfahren, seine anachronistischen Begegnungen und die Verschmelzung von dokumentarischem Material und Fiktion jene Offenheit und Beweglichkeit reaktivieren, die die Nouvelle Vague zur ästhetischen Revolution gemacht haben. Die literarische Form wird selbst zum Labor einer frei beweglichen Wahrnehmung, die historische Figuren entmythologisiert, sie zugleich aber in ihrer ästhetischen Radikalität neu sichtbar macht – als Fortsetzung einer Revolte, die nie abgeschlossen war.]]></description>
		
		
		
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		<title>Fantasia kolonial und postkolonial: Ritualpraxis bei Assia Djebar und Fouad Laroui</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/03/fantasia-kolonial-und-postkolonial/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 03 Dec 2025 17:03:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Assia Djebar]]></category>
		<category><![CDATA[Fouad Laroui]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="190" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/livre-3-190x300.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/livre-3-190x300.png 190w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/livre-3-649x1024.png 649w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/livre-3.png 768w" sizes="auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px" />Fouad Larouis Roman "La vie, l’honneur, la fantasia" (2025) rekonstruiert aus der Perspektive eines erwachsenen Ich-Erzählers ein Kindheitserlebnis: den ritualisierten Mord an Arsalom während der marokkanischen Reiterzeremonie der Fantasia. Diese Hinrichtung erscheint als kollektiver Akt der Ehrwiederherstellung gegenüber einer als korrupt imaginierten Moderne, in der Arsalom mit seiner „mobilité arrogante“ und ökonomischen Gier zum Feindbild wird. Die Fantasia wird dabei zur sozialen Matrix, in der Macht, Verschleierung und rituelle Gewalt ineinander greifen; die Präzision des Schießrituals zu Pferde – „eine einzige Detonation aus fünfzehn anderen“ – markiert die symbolische Einheit des „corps collectif“ und entlarvt zugleich die Dysfunktion staatlicher Institutionen, die Korruption und informelle Ehrencodizes nicht aufzubrechen vermögen. - Im Vergleich dazu öffnet Assia Djebars "L’amour, la fantasia" (1985) das koloniale Archiv Algeriens poetisch und polyphon: Die Fantasia wird zum ambivalenten Symbol zugleich männlicher Machtdemonstration, weiblicher Verletzbarkeit und literarischer Erinnerung gegen koloniale Geschichtspolitik. Wo Djebar fragmentierende Vielstimmigkeit einsetzt, um verdrängte Vergangenheit zu reaktivieren, arbeitet Laroui mit analytischer Linearität, um zeitgenössische Verstrickungen von Ehre, Ökonomie und Institution sichtbar zu machen. Die Rezension betont diese komplementäre Spannung: Djebar erzeugt ein Gegenarchiv der Stimmen; Laroui seziert die Gegenwart und zeigt, wie ritualisierte Gewalt in moderne Rechtslogiken hineinragt. Beide Narrative zusammen lassen die Fantasia als Schnittstelle zwischen Geschichte und Gegenwart erscheinen, an der sich Kontinuitäten kolonialer Gewalt und ihre postkolonialen Transformationen exemplarisch ablesen lassen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Was aus Texten wird, wenn der Mensch verschwunden ist: François Gagey</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/01/was-aus-texten-wird-wenn-der-mensch-verschwunden-ist-francois-gagey/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Dec 2025 12:05:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[François Gagey]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61LXNAzPPwL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61LXNAzPPwL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61LXNAzPPwL-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61LXNAzPPwL-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61LXNAzPPwL-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61LXNAzPPwL.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />François Gageys Erstlingsroman "Combustions" (2025) erzählt von drei Freunden, die nach der Explosion des Atomkraftwerks Flamanville in einer verstrahlten Zone ums Überleben kämpfen und dabei mit den Trümmern ihres eigenen Lebens konfrontiert werden. Zwischen Rückblenden in die Pariser Haute Finance, gescheiterten Beziehungen und existenziellen Verlusten entfaltet der Roman ein vielschichtiges Panorama gesellschaftlicher und individueller Erschöpfung: Paul, der dekadente Investmentbanker, Darko, der desillusionierte Suchende, und Baptiste, dessen private Katastrophe die äußere überlagert. Während die Katastrophe das Land physisch verwüstet, legt der Roman zugleich die geistige und moralische Auszehrung einer ganzen Zivilisation offen. Am Ende schreibt Baptiste, isoliert auf dem Mont Saint-Michel, die Geschichte seiner Gefährten nieder – im Bewusstsein, dass vielleicht niemand sie je lesen wird –, und findet in der Geste des Erzählens den letzten möglichen Widerstand gegen Sinnverlust und Vergessen. - Der Artikel deutet Combustions als Gesellschaftsroman, der die nukleare Katastrophe als radikale Offenlegung eines bereits im Inneren kollabierten Systems einsetzt. Seine Argumentation folgt der These, dass physische Zerstörung und moralische Dekadenz miteinander verschränkt sind: Die Explosion erscheint als sichtbare Manifestation eines lange schwelenden inneren Abbrennens von Elite, Staat und sozialen Bindungen. Die Rezension arbeitet heraus, wie der Roman über existenzielle Motive – Isolation, ungelebte Authentizität, die Erosion des Sinns von Literatur und Kommunikation – eine Diagnose der Gegenwart formuliert, die zugleich poetologisch ist: Schreiben wird zur letzten menschlichen Geste, die sich dem Nichts entgegensetzt. So erzählt der Roman weniger von der Katastrophe, als davon, was von Menschen, Beziehungen und Geschichten bleibt, wenn die Welt um sie herum verbrennt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Schönheit archaischer Gewalt: Pierre Michon und Aischylos</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/29/die-schoenheit-archaischer-gewalt-pierre-michon-und-aischylos/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 29 Nov 2025 21:58:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Aischylos]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Michon]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Thebes-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Thebes-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Thebes-658x1024.jpg 658w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Thebes-768x1195.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Thebes.jpg 797w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Pierre Michons „Agéladas d’Argos (Contre Thèbes)“ (Flammarion, 2025) interpretiert den thebanischen Mythos von Aischylos durch die Linse der Kunst neu. Die Handlung wechselt zwischen dem modernen Museum von Reggio Calabria, dem Aufbewahrungsort der gefundenen Riace-Bronzen, und den antiken Schauplätzen, wobei die Stimmen des Autors Michon, des Dramatikers Aischylos und des Bildhauers Agéladas II miteinander verschmelzen. Michon konzentriert seine Reflexion obsessiv auf die Materialität der Bronze, die er als die einzig dauerhafte Form begreift, in der die "rohe, blutige Historie" gebannt wird. Im Zentrum steht der Krieger Tydeus (Bronzefigur A), den Michon zum "schönsten Mörder der Kunstgeschichte" überhöht und dessen archaische Wildheit zur unentrinnbaren Definition von Schönheit selbst wird - eine poetische Prämisse, die bereits sein Homer-Buch „J’écris l’Iliade“ bestimmte. Wie in der "Ilias", wo archaische Gewalt und Begehren zur ekstatischen Erfahrung des Erzählens werden, transformiert Michon in „Agéladas d’Argos“ die rohe, blutige Historie in die materielle, unvergängliche Form der Bronze. - Die Rezension konzentriert sich auf Michons radikale politiktheoretische Thesen, die eine schockierende, ununterbrochene Linie der Gewalt in der Zivilisation ziehen. Michon etabliert eine direkte Analogie zwischen den "Sept Chefs" des thebanischen Feldzugs und den "Onze" (in Michons gleichnamigem Roman) der Französischen Revolution – den "tueurs du roi". Er interpretiert diesen historischen Fluss als Konsequenz des "entscheidenden Putsches des Logos" im 6. Jahrhundert v. Chr., wodurch die Demokratie als zynisches „Massaker mit gutem Gewissen“ entlarvt wird. In dieser Lesart verkörpert Tydeus die Ambivalenz politischer Macht: Er ist zugleich "die legitime Gewalt des Logos" und die "nicht weniger legitime Gewalt, die die Welt im Gegenzug ausübt". Das Werk endet mit der Behauptung der ewigen Wirkmächtigkeit der archaischen Gewalt, die den kommerziellen und intellektuellen Konventionen der Moderne trotzt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Mystik und Résistance: Jean de Saint-Cheron mit Georges Bernanos</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/28/mystik-und-resistance-jean-de-saint-cheron-mit-georges-bernanos/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Nov 2025 04:43:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Georges Bernanos]]></category>
		<category><![CDATA[Jean de Saint-Cheron]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246836506-001-X-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246836506-001-X-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246836506-001-X-699x1024.jpeg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246836506-001-X-768x1124.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246836506-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Jean de Saint-Cherons "Malestroit: vie et mort d’une résistante mystique" (2025) rekonstruiert das außergewöhnliche Leben der bretonischen Ordensfrau Yvonne Beauvais, die zwischen karitativem Einsatz, mystischer Erfahrung und politischer Résistance agierte. Der Roman verbindet akribische Archivarbeit mit literarischer Imagination, indem er dokumentarische Recherche, biographische Erzählung und mystische Innenperspektive miteinander verschränkt. Yvonnes Weg führt von frühkindlicher Religiosität über den Aufbau einer Klinik bis zu ihrer aktiven Rolle im Widerstand: Sie versteckt Verfolgte, organisiert Fluchten, erleidet Verhöre und Folter durch die Gestapo. Zugleich zeigt der Roman ihre mystischen Phänomene – Bluttränen, Visionen, stigmatische Wunden – und die kirchliche Skepsis, die schließlich 1960 im Abbruch ihres Seligsprechungsverfahrens kulminiert („trop de miracles“). Saint-Cheron markiert, wo historische Dokumente sprechen und wo erzählerische Rekonstruktion beginnt; so entsteht das Porträt einer Frau, deren Leben an der Schnittstelle von Geschichte, Glaube und politischer Gefahr verläuft und deren Bedeutung sich bis heute nicht eindeutig fassen lässt. - Die Besprechung hebt hervor, wie Saint-Cheron die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion reflektiert, ohne sie zu verwischen: Der Roman ist weder Hagiographie noch skeptische Demystifikation, sondern ein hybrider Text, der dem Leser zumutet, die Spannungen zwischen persönlicher Heiligkeitserfahrung, institutioneller Kontrolle und politischer Realität mitzudenken. Es wird gezeigt, wie der Roman religiös-mystische Aspekte (Leiden, Stigma, Wunder) mit der Brutalität der Besatzungszeit (Folter, Deportationsdrohung, Untergrundarbeit) verschränkt und dadurch eine doppelte Form des Martyriums sichtbar macht. Die Rezension betont zudem die Relevant erzählerischer Mehrstimmigkeit – dokumentierende Ich-Perspektive, Tagebuchfragmente, Zeugenaussagen – und die intertextuellen Bezüge, u.a. zu Bernanos’ "Sous le soleil de Satan", für das Verständnis der Figur sind. Insgesamt erscheint Malestroit als literarisches Experiment über die Möglichkeit, ein mystisches Leben historisch zu erzählen, und die Besprechung macht deutlich, dass seine größte Stärke in dieser reflektierten Ambivalenz liegt: Heiligkeit, Trauma, Widerstand und Erinnerung treten in ein komplexes Verhältnis, das weit über den biographischen Stoff hinausführt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Rehabilitation der Mutter: Émilie Lanez über Hervé Bazins „Vipère au poing“</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/27/rehabilitation-der-mutter-emilie-lanez-ueber-herve-bazins-vipere-au-poing/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Nov 2025 13:36:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Emilie Lanez]]></category>
		<category><![CDATA[Hervé Bazin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-664x1024.jpg 664w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-768x1184.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-996x1536.jpg 996w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-1328x2048.jpg 1328w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Émilie Lanez’ Enthüllungsbuch „Folcoche: le Secret de Vipère au poing“ zeigt, dass Hervé Bazins berühmter Roman „Vipère au poing“ weniger eine autobiografische Anklage gegen eine monströse Mutter als vielmehr eine kalkulierte literarische Rache eines kriminell belasteten Sohnes war, der damit seine Vergangenheit tilgen und sein Erbe erzwingen wollte: Während Bazin in seinem Bestseller die Mutter Paule als sadistische „Folcoche“ inszeniert, die ihre Kinder quält, rekonstruiert Lanez auf Basis von Polizeiakten, psychiatrischen Dossiers und Familienkorrespondenzen, dass Jean Hervé-Bazin ein mythomaner Betrüger war, dessen Roman als Erpressungsinstrument diente und dessen Darstellung der Mutter ein „Mord auf Papier“ war; zugleich zeigen Lanez’ weitere Werke „La Garçonnière de la République“, eine Recherche über die geheimen, kaum rechenschaftspflichtigen Machtpraktiken der politischen Elite rund um die präsidiale Residenz La Lanterne, und „Noël à Chambord“, eine Analyse von Emmanuel Macrons monarchisch anmutender Selbstdarstellung im Schloss Chambord, dass die Autorin systematisch die Lücke zwischen öffentlicher Inszenierung und verborgener Wahrheit offenlegt – so dass die Rezension argumentiert, Lanez zerstöre nicht nur den Mythos des heroischen Sohnes in „Vipère au poing“, sondern entlarve grundsätzlich die moralische Blindheit französischer Institutionen, die Täter schützen und Opfer zum Schweigen bringen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Ruhe in einer Welt der Gespenster: Cyrille Falisse</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/27/ruhe-in-einer-welt-der-gespenster-cyrille-falisse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Nov 2025 11:12:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Cyrille Falisse]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/falisse-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/falisse-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/falisse.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Cyrille Falisses Debütroman „Seuls les fantômes“ (Belfond, 2025) beginnt mit einem abrupten Zusammenbruch: Melvile, von seiner Partnerin verlassen, verliert jede innere Stabilität. Die Trennung wird nicht als Liebesleid, sondern als körperlich-psychischer Kollaps dargestellt, in dem das Verstummen des Begehrens durch die wiederkehrende Formel „Je ne jouis plus“ sichtbar wird. Melviles Rückzug, seine fragmentierten Alltagsfunktionen und die Stimmen, die seinen inneren Monolog verdichten, markieren eine Überreizung der Psyche. Zentral ist die Figur des „Gespenstischen“ – die „fantômes“ – als Metapher für intrusive Erinnerungen und unerledigte emotionale Prägungen, die Melvile zu einer systematischen Aufarbeitung seiner Vergangenheit treiben. Verfall, körperliche Impotenz, obsessive Gedanken und die bedrückende Wohnung spiegeln seine Krise. Zugleich strukturiert er seine innere Welt über Schreiben und digitale Identität, wobei Natur- und Wasserbilder die Verarbeitung traumatischer Erinnerungen illustrieren. Das narrative Zentrum bleibt die Suche nach verlorenen Bezugspersonen, die Konfrontation mit Schuld und die allmähliche Integration von Verlust, während die Geschichte zu einem Reise- und Suchnarrativ hinführt, das weniger geografisch als psychologisch motiviert ist. – Falisses Argumentation liegt in der engen Verknüpfung von innerer Krise, psychischer Verarbeitung und narrativer Form. Die präzise, unpathetische Sprache macht emotionale Erschütterungen unmittelbar erfahrbar und verbindet metaphorische Dichte mit konkreter Körperlichkeit. Digitale Kommunikationsformen, mentale Schleifen und fragmentierte Zeitstruktur bilden ein erzählerisches System, das Melviles Isolation, Reflexion und langsame Stabilisierung sichtbar macht. Das Buch zeigt, dass Erinnerung, Verlust und Begehren nicht aufgehoben, sondern bearbeitet und integriert werden müssen. Falisse gelingt es, existenzielle Erfahrungen in einer Balance zwischen Verletzlichkeit und formaler Strenge darzustellen: Die Geister der Vergangenheit bleiben, verlieren aber ihre zerstörerische Macht, und Melvile erkennt seine Zerbrechlichkeit als Stärke – ein Schluss, der psychologisches Verständnis und literarische Präzision miteinander verbindet.]]></description>
		
		
		
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		<title>Die Form in ihrer Fülle: zum Werk von Laurent Mauvignier</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/24/die-form-in-ihrer-fuelle-zum-werk-von-laurent-mauvignier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2025 09:57:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Laurent Mauvignier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="183" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/livre_galerie_9782707356703-183x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/livre_galerie_9782707356703-183x300.jpg 183w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/livre_galerie_9782707356703.jpg 396w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" />Die Besprechung widmet sich einem Buch, das seinen Autor beim Denken, Erinnern und Formulieren begleitet. "Quelque chose d’absent qui me tourmente: entretiens avec Pascaline David" (Minuit, 2025) fasst Gespräche zwischen Laurent Mauvignier und Pascaline David zu einem vielschichtigen Selbstporträt zusammen. David strukturiert den Band als chronologisch-thematische Durchquerung eines literarischen Lebenswegs: von den traumatisch geprägten Anfängen über den mühsam errungenen Zugriff auf die Form bis hin zu einer Poetik, die das Schreiben als tätige, materialbewusste Suche nach Wahrhaftigkeit begreift. Immer wieder schärfen die Dialoge Mauvigniers Einsicht, dass Literatur nur dort entsteht, wo der Autor die kompromittierende Trägheit der gebräuchlichen Sprache hinter sich lässt – ein Gedanke, den er unter anderem mit einem kunsttheoretischen Lehrsatz verbindet, den er aus seiner Jugend erinnert: „Wenn die Farbe ihren Wert hat, ist die Form in ihrer Fülle.“ - Die Gespräche zeigen den Schriftsteller als jemanden, der sich seiner Herkunft ebenso verpflichtet fühlt wie er sich von deren Festlegungen zu lösen sucht, und der das Reale nicht dokumentarisch, sondern durch die organische Logik des Satzes zu erfassen versucht. Mauvigniers Reflexionen über den ersten Sprung ins Leere beim Schreiben von "Loin d’eux", seine bildhauerisch verstandene Überarbeitungstechnik, sein Umgang mit Räumen, Körpern und Stimmen, aber auch seine Selbstkritik im Dialog mit David lassen das Werk als intime Werkstatt und als Labor literarischer Form sichtbar werden. Die Rezension macht Mauvigniers ästhetisches Denken – das Kreisen um die Fülle der Form, um die Unruhe der fehlenden Sache – in der Spannung zwischen biographischer Erfahrung, ethischer Haltung und poetischer Disziplin sichtbar.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Naive und die Spießer bei Voltaire und Dominique Fernandez</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/23/der-naive-und-die-spiesser-bei-voltaire-und-dominique-fernandez/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Nov 2025 18:26:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Dominique Fernandez]]></category>
		<category><![CDATA[Voltaire]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246831792-001-X-205x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246831792-001-X-205x300.jpeg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246831792-001-X-699x1024.jpeg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246831792-001-X-768x1124.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782246831792-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />In "Un jeune homme simple" (2024) zeichnet Dominique Fernandez den Weg des jungen Auvergnaten Arthur nach, der als unverbildeter Provinzler in das hyperideologisierte Paris gerät. Seine Begegnungen u.a. mit radikal-feministischen, ökologischen und literarischen Milieus machen die Gegenwartsgesellschaft als von Moralismus, Woke-Dogmen und kulturellem Konformismus durchdrungen sichtbar. Die Naivität des Helden fungiert dabei als Prüfstein moderner Eliten: Gerade weil Arthur die „Codes“ der Hauptstadt nicht versteht, legt er deren Heuchelei frei und entscheidet sich am Ende für die Rückkehr in die Auvergne, wo „valeurs sûres, éprouvées“ und eine einfache Liebe auf ihn warten. - Die Rezension ordnet den Roman explizit in eine intertextuelle Linie zu Voltaires "L’Ingénu" ein und deutet Arthur als gegenwärtige Reinkarnation des aufgeklärten Außenseiters. Wie Voltaires Hurone entlarvt auch Arthur durch sein unverstelltes Urteil die Absurditäten der jeweiligen Epoche – einst der religiösen Riten, heute der ideologischen Orthodoxien. Dabei kehrt sich Voltaires Impuls jedoch um: Wo der Ingénu zum Widerstand in der Welt gezwungen wird, erscheint bei Fernandez der Rückzug als einzige verbleibende Form von Integrität. Die Argumentation der Rezension arbeitet folglich mit einem doppelten Vergleich: Sie liest Fernandez’ Satire als moderne Fortsetzung voltairischer Kritik – und zugleich als ironische Antithese, in der der naive Held nicht mehr kämpft, sondern die korrumpierte Zivilisation hinter sich lässt. - Zentral für die Rezension ist zudem die Beobachtung, dass Fernandez die sexuelle Befreiung der Gegenwart nicht als Fortschritt, sondern als neue Form des Konformismus zeichnet: Was einst transgressiv war, erscheint im Pariser Milieu als kommerzialisiertes Ritual, das seine rebellische Energie verloren hat. Die Werkgeschichte der Homosexualität bei Fernandez zeigt diesen Verlust der „gloire du paria“ als wiederkehrendes Motiv: Seit "L’Étoile rose" (1978) und "La Gloire du Paria" (1987) über den Doppelroman "L'homme de trop" (2021/2022) beschreibt er die Assimilation der einst widerständigen Minderheit als kulturelle Nivellierung, die Wünsche nach einer neuen radikalen Differenz - zuletzt im Transgender - hervorbringt.]]></description>
		
		
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		<title>Okzitanische Transgression: Alain Guiraudie</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/21/okzitanische-transgression-alain-guiraudie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Nov 2025 11:14:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Alain Guiraudie]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-12-195x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-12-195x300.jpeg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-12.jpeg 360w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Die vier Romane des Filmemachers und Schriftstellers Alain Guiraudie bilden eine zusammenhängende Saga, in der sich die Logik des Roman-Flux entfaltet: "Ici commence la nuit" (2014) eröffnet das Universum mit einem düsteren Dreieck aus Gewalt, Begehren und okzitanisch grundierter Außenseiterexistenz; "Rabalaïre" (2021) radikalisiert dies zu einer tausendseitigen, delirierenden Odyssee, die den ländlichen Süden Frankreichs in ein zugleich realistisches und mythisches Terrain verwandelt, in dem sexuelle, kriminelle und fantastische Energien ineinanderströmen; "Pour les siècles des siècles" (2024) verschiebt das Projekt ins Metaphysische, indem die Fusion von Jacques und dem Priester Jean-Marie zu einer theologischen, erotischen und philosophischen Reflexion über Identität, Körper und Koexistenz wird; "Persona non grata" (2025) schließlich zeigt die Konsequenzen dieser Fusion auf institutioneller Ebene und vertieft das Motiv der Ausgrenzung, während es den paranoid-politischen Resonanzraum der Reihe erweitert. Als Werkganzes bilden die Bände einen immer weiter mäandrierenden Fluss, in dem Genregrenzen, moralische Kategorien und ontologische Fixpunkte systematisch aufgelöst werden. - Die Rezension argumentiert, dass Guiraudies Werk aus dem Prinzip der radikalen Entgrenzung heraus zu deuten ist: Die poétique du flux wirkt als ästhetischer, politischer und anthropologischer Schlüssel, der die Verschmelzung von Oralität, okzitanischer Sprachsubversion, sexueller Transgression und philosophischer Spekulation glaubwürdig macht. Ihre Argumentation setzt auf die konsequente Rückbindung der erzählerischen Exzesse an ein strukturelles Programm – die Aufhebung von Identität als stabiler Kategorie, die erzählerische Durchlässigkeit zwischen Realem und Fantastischem sowie die Verbindung von ländlichem Terroir und utopischer Sehnsucht. Durch diese Perspektive erscheinen selbst die extremsten Motive nicht als Provokationen um ihrer selbst willen, sondern als Bausteine einer literarischen Utopie, die das Begehren als verbindende, politisch wirksame Kraft begreift. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der Zusammenhang von Trobadors und Sade fassen: Guiraudie aktualisiert die mittelalterliche Dichtung des Begehrens, die bei den Trobadors als kultivierte, oft unerfüllte und zugleich transzendierende Kraft erscheint, und verschränkt sie mit de Sades Erforschung der Körpergrenzen, der Ambivalenz von Lust und Grausamkeit und der radikalen Freiheit jenseits moralischer Kodifikationen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Schönheit durch Bedrohung: Camille Goudeau</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/20/schoenheit-durch-bedrohung-camille-goudeau/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Nov 2025 21:51:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Camille Goudeau]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="187" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/61M-xYnFZnL._SL1286_-187x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/61M-xYnFZnL._SL1286_-187x300.jpg 187w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/61M-xYnFZnL._SL1286_-637x1024.jpg 637w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/61M-xYnFZnL._SL1286_-768x1235.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/61M-xYnFZnL._SL1286_.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px" />Camille Goudeaus "Crache le soleil" entwirft ein Paris am Rand des Zusammenbruchs: eine Stadt aus Kälte, Wut und erstarrter Infrastruktur, in der Menschenmassen zu drängenden Körpern werden und das Individuum in Angst, Atemlosigkeit und Fluchtimpulsen zerrieben wird. Éléonore, aus einer gewaltsamen Beziehung geflohen, versucht in diesem urbanen Chaos ein neues Gleichgewicht zu finden. Félix bewegt sich zugleich durch dieselbe Stadt wie durch ein deformiertes Farblabyrinth, tastend, verletzlich, aber empfänglich für jedes Leuchten. Das Street-Art-Porträt von Éléonore, geschaffen von der jungen Künstlerin Vérité, wird zum zentralen Signum dieser Welt: ein flüchtiges Bild, das im brüchigen Stadtraum aufscheint, überschrieben wird, wiederkehrt – und die Möglichkeit eröffnet, inmitten der Erschöpfung ein anderes Selbst sichtbar zu machen. So formt der Roman eine Anti-Dystopie, die nicht mit totalitären Schreckensbildern arbeitet, sondern mit den Mikroverletzungen des Alltags, den psychischen Erschütterungen und der ästhetischen Durchlässigkeit einer Stadt im Zustand schleichender Desintegration. - Die Rezension betont diese doppelte Bewegung: einerseits die zeichnerische Härte, mit der der Roman den urbanen Druck sichtbar macht, andererseits das poetische Aufleuchten, das den Figuren einen Raum der Reorientierung schenkt. Sie hebt die körpernahe Sprache hervor, die Kälte, Erschöpfung und innere Zersetzung unmittelbar erfahrbar macht, und unterstreicht die Bedeutung der Licht- und Farbsymbolik, die Éléonore, Félix und Vérité miteinander verbindet. Die soziale Dimension der Street-Art-Motivik erweist Sichtbarkeit als Machtressource, die im übermalten, verwischten, wiedererscheinenden Porträt verhandelt wird. Schließlich zeigt die Besprechung, wie der Roman ästhetische Intensität in eine fragile Hoffnung verwandelt: Die Begegnung der beiden beschädigten Existenzen am Ende wirkt nicht wie ein Happy End, sondern wie ein Aufglimmen von Möglichkeit – ein kurzer Moment, in dem eine erfrorene Welt Wärme freisetzt.]]></description>
		
		
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		<title>Tiefenstrukturen des Antiliberalismus: die alternative Moderne der französischen Rechten</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/18/tiefenstrukturen-des-antiliberalismus-die-alternative-moderne-der-franzoesischen-rechten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Nov 2025 23:56:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Baptiste Roger-Lacan]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="191" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/droite-191x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/droite-191x300.jpg 191w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/droite.jpg 284w" sizes="auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px" />Baptiste Roger-Lacans Sammelband "Nouvelle histoire de l’extrême droite (France, 1780–2025)" erzählt die Geschichte der französischen extremen Rechten als langlebige kulturelle Formation, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert immer wieder an Modernisierungsschüben, republikanischen Selbstbildern und gesellschaftlichen Konflikten reibt. Anstatt einzelne Organisationen oder Epochen isoliert zu betrachten, entwirft das Buch ein Panorama ideologischer Tiefenstrukturen – Antiliberalismus, ethnokulturelle Nationsvorstellungen, ästhetisierte Politik –, die sich über zweieinhalb Jahrhunderte hinweg erneuern, ohne zu verschwinden. Die extreme Rechte erscheint so nicht als Randphänomen, sondern als produktive Gegenbewegung zur französischen Moderne, die deren Versprechen und Brüche widerspiegelt. Die Rezension würdigt diesen Ansatz als präzise genealogische Arbeit, die zeigt, wie rechte Ideologeme sich an veränderte Medien, Akteure und politische Situationen anpassen und daraus ihre historische Beständigkeit beziehen. Zugleich deutet der Band die Gegenwart nicht als Ausnahmezustand, sondern als Kulminationspunkt eines langen Transformationsprozesses: Durch metapolitische Strategien, kulturelle Verschiebungen und digitale Beschleunigung ist die extreme Rechte zu einem dauerhaft anschlussfähigen Akteur geworden. Ihre Normalisierung erklärt sich aus langfristigen Kontinuitäten, in denen alte Diskurse – Bedrohungsnarrative, Identitätspolitik, Krisensensibilitäten – in neuen Formen wiederkehren. Damit zeigt das Buch, dass die politische Stärke der extremen Rechten im Frankreich des 21. Jahrhunderts nur vor dem Hintergrund einer longue durée verständlich wird, in der kulturelle Unruhe, Modernitätskritik und nationale Imaginationen fortwährend neu konfiguriert werden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Moralistik und Misstrauensgemeinschaft: Lise Charles, François de La Rochefoucauld und Aladin El-Mafaalani</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/16/moralistik-und-misstrauensgemeinschaft-lise-charles-francois-de-la-rochefoucauld-und-aladin-el-mafaalani/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Nov 2025 12:15:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[François de La Rochefoucauld]]></category>
		<category><![CDATA[Lise Charles]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/paranoia-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/paranoia-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/paranoia.jpg 700w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Artikel liest Lise Charles’ Roman "Paranoïa" (P.O.L., 2025) einerseits durch die moralistische Optik La Rochefoucaulds (der im Roman als Prince Marsillac erscheint), andererseits mit El-Mafaalanis soziologischer Diagnose moderner "Misstrauensgemeinschaften" (Kiepenheuer &#038; Witsch, 2025). Auf dieser Achse erscheint Charles’ Werk als literarisches Labor der Post-Wahrheit, in dem die siebzehnjährige Louise Milton exemplarisch jene „zu schwere Selbstwahrnehmung“ verkörpert, die sowohl moralistisch-demaskierend als auch soziologisch-systemisch beschrieben werden kann. Hier wird Louises Paranoia nicht als pathologische Einzelstörung gelesen, sondern als strukturelle Erfahrung einer von medialen Rückkopplungen deformierten Moderne begriffen: Ihre permanente Überwachungsangst, die Enteignung ihres Ichs durch Mutter, Medien und sogar Autorin sowie die Zersetzung ihrer Identität im zweiteiligen System des Romans werden als literarische Verdichtung eines gesellschaftlichen Grundmodus gelesen. Die romanimmanente Metafiktionalität – Louise als „Romanheldin, verfolgt von einem Autor, der ihr Böses will“ – wird dabei zum stärksten Bild für eine Gegenwart, in der sich Kontrollverlust, Selbstverlust und Wirklichkeitsverlust überschneiden. Gleichzeitig zeigt der Artikel, wie Charles die Moralistik des 17. Jahrhunderts in das Herz ihrer Paranoia-Poetik transponiert. Der Prince de Marsillac fungiert als literarischer Wiedergänger La Rochefoucaulds und strukturiert die zweite Romanhälfte als hermeneutisches Regime des Argwohns. Seine Lehre vom amour-propre liefert Louise ein System, das Misstrauen nicht pathologisiert, sondern rationalisiert – und damit an El-Mafaalanis Beschreibung moderner Misstrauensgemeinschaften anschließt: Misstrauen wird zur Funktionsbedingung von Handlungsfähigkeit in einer unübersichtlichen, überkomplexen Welt. Die Besprechung argumentiert, dass Charles in dieser Verbindung von barocker Demaskierung und spätmoderner Vertrauenskrise den Kern einer neuen paranoiden Ästhetik freilegt. "Paranoïa" steht so nicht nur im Dialog mit der klassischen französischen Moralistik, sondern kann als zeitdiagnostisches Schlüsselwerk gedeutet werden, das die Identitätskrise der Gegenwart – zwischen Überwachung, Performanz und moralischem Dogmatismus – in eine literarische Versuchsanordnung überführt, in der die Grenze zwischen Wahrheit und Täuschung endgültig porös geworden ist.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zum Mut wie zur Feigheit: Jérôme Garcin über Literatur in der Zeit der Occupation</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/15/zum-mut-wie-zur-feigheit-jerome-garcin-ueber-literatur-in-der-zeit-der-occupation/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Nov 2025 19:42:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Jérôme Garcin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="184" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-184x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-184x300.jpeg 184w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-626x1024.jpeg 626w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-768x1255.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-940x1536.jpeg 940w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-1253x2048.jpeg 1253w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5.jpeg 1481w" sizes="auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px" />Jérôme Garcin legt in "Des mots et des actes: les belles-lettres sous l’Occupation" (Gallimard, 2024) eine moralisch zugespitzte Analyse der französischen Literaturszene während der deutschen Besatzung vor und zeigt, wie Worte zu Werkzeugen der Unterwerfung oder des Widerstands werden konnten. In pointierten Porträts von Kollaborateuren wie Brasillach, Céline, Morand oder Chardonne sowie Widerstandsfiguren wie Prévost, Decour und Lusseyran demonstriert er, dass literarisches Genie moralische Schuld nicht relativiert, sondern verschärft. Leitend ist die von ihm entwickelte „échelle de Prévost“, ein Maßstab, der die Verbindung von ethischer Haltung und schriftstellerischer Praxis bewertet. Garcin zeigt, wie eine kulturelle Elite trotz Massenmord und Repression ein schillerndes Pariser Kulturleben pflegte und wie bis heute ein ästhetischer Kult um kollaborationistische Autoren besteht, während Widerstandsschriftsteller marginalisiert werden. Das Buch ist zugleich historische Abrechnung, moralischer Appell und intellektuelles Selbstporträt eines Lesers, der das „unschuldige Lesen“ aufgibt. Die Rezension hebt die doppelte Bewegung des Werks hervor: die historische Rekonstruktion des literarischen Feldes unter der Besatzung und Garcins selbstkritische Revision seiner eigenen Lektürehaltung. Sie betont, dass Garcin gegen die tradierte Trennung von Werk und Autor anschreibt und die Persistenz einer französischen „ästhetischen Amnesie“ sichtbar macht, die Kollaborateuren Bewunderung und Résistants nur pflichtschuldigen Respekt entgegenbringt. Die Besprechung arbeitet heraus, wie Garcin literarische Porträts mit strukturellen Argumenten (CNE, Generationenkonflikte, soziale Milieus) verbindet und damit eine moralische Re-Kanonisierung anstößt, die Verantwortung als unverzichtbare literaturkritische Kategorie rehabilitiert. Insgesamt liest die Rezension das Buch als dringlichen Beitrag gegen die Verharmlosung des kulturellen Verrats – und als Manifest gegen den fortwirkenden mythischen Glanz, der sich um die „Genies“ des Hasses spannt.]]></description>
		
		
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		<title>Neue Phase französischer Erinnerungsliteratur: Matthieu Niango und Benny Malapa</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/14/neue-phase-franzoesischer-erinnerungsliteratur-matthieu-niango-und-benny-malapa/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Nov 2025 15:08:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Benny Malapa]]></category>
		<category><![CDATA[Matthieu Niango]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="244" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Screenshot_20251114_160436_Docs-300x244.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Screenshot_20251114_160436_Docs-300x244.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Screenshot_20251114_160436_Docs-1024x832.jpg 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Screenshot_20251114_160436_Docs-768x624.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Screenshot_20251114_160436_Docs.jpg 1144w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />"Le Fardeau" von Matthieu Niango und "Un nègre qui parle yiddish" von Benny Malapa (beide 2025) zeichnen zwei Familiengeschichten, in denen das 20. Jahrhundert als genealogische Erschütterung sichtbar wird. Niangos Roman verfolgt die archivgestützte Spurensuche eines Sohnes, der die Lebensborn-Herkunft seiner Mutter und das paradoxe Erbe aus jüdischer Opferlinie und NS-Täterlinie freilegt. Malapas epochenumspannendes Familienepos erzählt die Liebes- und Überlebensgeschichte eines kamerunisch-deutschen Mannes und einer polnisch-jüdischen Frau als Widerlegung jedes ethnischen Reinheitsmythos. Beide Bücher zeigen, wie Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus ineinandergreifen und wie Hybridität zur Gegenfigur totalitärer Ideologien wird. In unterschiedlicher Ästhetik – dokumentarisch-analytisch bei Niango, mündlich-episch bei Malapa – demonstrieren sie, dass Identität ein offener Prozess der Erinnerung ist: ein Geflecht aus Brüchen, Weitergabe und Verantwortung. - Die Rezension argumentiert, dass beide Romane eine neue Phase der französischen Erinnerungsliteratur markieren, in der nationale Geschichte nicht mehr über große kollektive Narrative, sondern über intime Familienarchive, Minderheitenbiografien und transgenerationale Traumata erschlossen wird. Sie liest die beiden Werke als Gegenentwürfe zu identitären, ethnonationalen Deutungen von „französischer“ Herkunft. Niango und Malapa legen genealogische Assemblagen frei, die die Gewaltgeschichte Europas relational denken. Die Romanformen modellieren zwei Ethiken des Erinnerns: Verantwortung durch Analyse (Niango) und Verantwortung durch Weitergabe (Malapa).]]></description>
		
		
		
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		<title>Licht, Klang, Schweigen – Philippe Jaccottet zum 100. Geburtstag</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/13/licht-klang-schweigen-philippe-jaccottet-zum-100-geburtstag/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Nov 2025 07:11:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Jaccottet]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="182" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/127777_548a530fbb5434897cf2a9c67cc6220f-182x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/127777_548a530fbb5434897cf2a9c67cc6220f-182x300.jpg 182w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/127777_548a530fbb5434897cf2a9c67cc6220f-622x1024.jpg 622w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/127777_548a530fbb5434897cf2a9c67cc6220f-768x1265.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/127777_548a530fbb5434897cf2a9c67cc6220f-932x1536.jpg 932w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/127777_548a530fbb5434897cf2a9c67cc6220f-1243x2048.jpg 1243w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/127777_548a530fbb5434897cf2a9c67cc6220f.jpg 1276w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" />De sorte que chaque mot tracé ici sur la page serait comme une de ces brindilles dont Char lui-même avait rêvé de se bâtir un rempart.Tracer encore des lignes comme on jetterait des filins à la surface d’une étendue d’eau, mare infime ou mer à perte de vue,afin qu’ils supportent une espèce de filet qui ... <p class="read-more-container"><a title="Licht, Klang, Schweigen – Philippe Jaccottet zum 100. Geburtstag" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/11/13/licht-klang-schweigen-philippe-jaccottet-zum-100-geburtstag/#more-10638" aria-label="Mehr Informationen über Licht, Klang, Schweigen – Philippe Jaccottet zum 100. Geburtstag">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Boualem Sansal begnadigt und freigelassen</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/13/boualem-sansal-begnadigt-und-freigelassen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Nov 2025 05:32:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Boualem Sansal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="232" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Boualem_Sansal_cropped-232x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Boualem_Sansal_cropped-232x300.jpg 232w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Boualem_Sansal_cropped-791x1024.jpg 791w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Boualem_Sansal_cropped-768x994.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Boualem_Sansal_cropped-1187x1536.jpg 1187w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Boualem_Sansal_cropped-1583x2048.jpg 1583w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Boualem_Sansal_cropped.jpg 1797w" sizes="auto, (max-width: 232px) 100vw, 232px" />Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune hat Boualem Sansal begnadigt (vgl. die vorangegangenen Artikel zu Sansal auf diesem Blog). Die Begnadigung erfolgte auf eine ausdrückliche Bitte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hin, der sich persönlich für den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels (2011) eingesetzt hatte. Sansal ist 81 Jahre alt und leidet an Prostatakrebs. Steinmeier hatte in seiner ... <p class="read-more-container"><a title="Boualem Sansal begnadigt und freigelassen" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/11/13/boualem-sansal-begnadigt-und-freigelassen/#more-10633" aria-label="Mehr Informationen über Boualem Sansal begnadigt und freigelassen">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Poetik des Erzitterns: Maria Pourchet</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/12/poetik-des-erzitterns-maria-pourchet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Nov 2025 09:20:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Maria Pourchet]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/71yA9z71akL-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/71yA9z71akL-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/71yA9z71akL-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/71yA9z71akL-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/71yA9z71akL-964x1536.jpg 964w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/71yA9z71akL-1286x2048.jpg 1286w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/71yA9z71akL.jpg 1607w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Maria Pourchets "Tressaillir" (2025) entfaltet das „Erzittern“ als poetischen Erkenntnismodus – ein vibrierendes Zusammenspiel von Körper, Sprache und Umwelt. Im Zentrum steht Michelle Darras, Kinderbuchautorin und Mutter, die nach dem Ende ihrer Beziehung zu Sirius in die Schwebe gerät. Der Roman beginnt im Mikrokosmos des Banalen – mit dem Gießen von Pflanzen auf einem Pariser Balkon – und dehnt sich zu einer kartographischen Bewegung der Angst aus: über den Körper, die Sprache und das Wetter. Michelles Haut, die sich entzündet und schält, wird zur sprechenden Membran zwischen Innen und Außen, zur Oberfläche der Erinnerung. Wasser, Erde, Wind und Haut bilden das Vokabular einer organischen Poetik, in der die Angst selbst Erkenntnis wird. Das Trauma eines Sturms in der Kindheit und das nationale Trauma um den Fall „Grégory“ durchziehen den Text als mythologische Tiefenschicht. In der Konfrontation mit diesen Urängsten, mit der Mutterrolle, der Krankheit und der unauflöslichen Spannung zwischen Fürsorge und Zerstörung findet Michelle schließlich zu einer Form des Wissens, die nicht rational, sondern sensibel ist. Die Rezension liest "Tressaillir" als ein vibrierendes Organ aus Sprache – ein Text, der selbst bebt. Sie betont Pourchets Poetik der Porosität, in der Körper und Text, Krankheit und Erkenntnis, Wetter und Gefühl ineinander übergehen. Besonders hervorgehoben wird die Fähigkeit der Autorin, analytische Präzision und eruptive Emotionalität zu verschränken: Das Messbare (Wasser, Temperatur, Haut) trifft auf das Unkontrollierbare (Angst, Begehren, Erinnerung). Die Kritik erkennt im Namen des männlichen Partners, „Sirius“, das Gegenprinzip zum Erzittern – Licht ohne Wärme, Kontrolle statt Resonanz – und deutet die Trennung Michelles als kosmologische Befreiung aus einer starren Umlaufbahn. Stilistisch würdigt sie Pourchets parataktische, atmende Syntax als Spiegel des physischen Zitterns und die Körpermetaphorik als ethische Aussage: Verletzlichkeit ist Erkenntnisform. So versteht die Rezension den Roman nicht als psychologische Fallstudie, sondern als literarisches Experiment über das Lebendige selbst.]]></description>
		
		
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		<title>Terrorismusfiktionen</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/10/terrorismusfiktionen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Nov 2025 22:21:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="158" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-300x158.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-300x158.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-1024x539.jpg 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-768x404.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-1536x808.jpg 1536w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-2048x1078.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Themenheft „Récits et fictions du terrorisme“, Revue des sciences humaines 359 (2025). Narrative Verarbeitung der Terroranschläge von 2015 Das vorliegende Themenheft der Revue des sciences humaines versammelt Beiträge, die aus einem Kolloquium vom 15. bis 17. November 2023 in Paris hervorgegangen sind. Die zentrale Fragestellung ist, wie die französische Gesellschaft die Terroranschläge von 2015 durch ... <p class="read-more-container"><a title="Terrorismusfiktionen" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/11/10/terrorismusfiktionen/#more-10555" aria-label="Mehr Informationen über Terrorismusfiktionen">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Guillaume Dustans Abdriften und Christophe Beaux’ literarische Befreiung</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/10/guillaume-dustans-abdriften-und-christophe-beaux-literarische-befreiung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Nov 2025 08:56:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Christophe Beaux]]></category>
		<category><![CDATA[Frédéric Huet]]></category>
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		<category><![CDATA[Thomas Clerc]]></category>
		<category><![CDATA[Tristan Garcia]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-8-188x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-8-188x300.jpeg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-8.jpeg 354w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Christophe Beaux’ "Un tombeau pour Dustan" ist eine autobiografische Liebeserinnerung und zugleich ein literarischer Nachruf auf Guillaume Dustan, der einst William Baranès hieß. Beaux schildert ihre Beziehung im Paris der späten 1980er Jahre, gezeichnet von Faszination, Dominanz und Schuld, vor dem Hintergrund der AIDS-Krise. Aus dem intellektuellen und sexuellen Einfluss Williams auf den jüngeren Christophe entsteht eine ungleiche Beziehung, die zugleich prägte und zerstörte. Nach der Trennung und Williams HIV-Diagnose verwandelt sich dieser in den provokativen Schriftsteller Guillaume Dustan, der mit radikaler Offenheit über Sexualität, Krankheit und gesellschaftliche Doppelmoral schreibt. Das Buch dient Beaux als „Grabmal“ und Exorzismus zugleich: Er versucht, die jahrzehntelange Schuld und Faszination zu bannen, indem er die gemeinsame Vergangenheit mit literarischer Klarheit neu erzählt und sich so symbolisch von dem Geliebten befreit, der sein Leben beherrschte. - Die Rezension deutet Beaux’ Text als doppelte Befreiung – biografisch wie literarisch. Sie liest "Un tombeau pour Dustan" nicht bloß als private Beichte, sondern als dialogischen Gegenentwurf zu Dustans radikalem Werk: Beaux übernimmt dessen Poetik der Wahrhaftigkeit („véracité“), aber verwandelt sie von einer destruktiven zu einer heilenden Kraft. Der Rezensent betont die Spannung zwischen Bewunderung und Abrechnung, zwischen Liebe und Rache, die das Buch strukturiert. Beaux’ Schreiben wird als Akt der Parrhesia – einer mutigen, schonungslosen Rede – gedeutet, der zugleich psychoanalytische und ästhetische Funktion erfüllt. Die Rezension verknüpft das Werk mit den historischen Diskursen über AIDS, Sexualität und gesellschaftliche Rebellion, um es als literarische Antwort auf Dustans Skandalästhetik zu positionieren: Wo Dustan provozierte, reflektiert Beaux; wo jener den Tabubruch suchte, sucht dieser Versöhnung. Das „Tombeau“ erscheint so als Requiem für eine Epoche und als Selbsttherapie eines Überlebenden, der seine Stimme durch das Schreiben wiederfindet.]]></description>
		
		
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		<title>Künstlerroman und tiefes Selbst: Patrice Jean</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/08/kuenstlerroman-und-tiefes-selbst-patrice-jean/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Nov 2025 09:09:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Honoré de Balzac]]></category>
		<category><![CDATA[Patrice Jean]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="203" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-7-300x203.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-7-300x203.jpeg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-7.jpeg 340w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Artikel porträtiert Patrice Jean in seinen Romanen als kompromisslosen Verteidiger der literarischen Autonomie in einer Zeit, in der der Roman von Aktivismus und Ideologie geprägt ist. Im Anschluss an Balzacs "Illusions perdues", die die „Kapitalisierung des Geistes“ entlarvten, wird gezeigt, wie Jean diese Diagnose auf die Gegenwart überträgt: Heute gefährden Militantismus, moralischer Aktivismus und die Logik der Sichtbarkeit die Freiheit der Literatur. Jeans Romane – von "La France de Bernard" bis "La vie des spectres" – stellen Schriftstellerfiguren ins Zentrum, die in Einsamkeit und Skepsis das „tiefe Selbst“ gegen das „soziale Ich“ behaupten. Literatur entsteht dort, wo Konversation und Konformismus enden – als Suche nach der unsichtbaren, inneren Wahrheit des Individuums. Die Argumentation entfaltet sich als kritische Bestandsaufnahme der geistigen Lage der Gegenwart: Patrice Jeans Künstlerromane sind nicht nostalgisch, sondern rebellisch; sie reagieren auf den Verlust des Tragischen und Ambivalenten in der Kunst. Gegen die glättende Moral des „engagierten“ oder „feel-good“-Romans setzt Jean den Roman als Erkenntnisform, die Widersprüche und Dunkelzonen sichtbar macht. Damit führt die Rezension Jean in die Linie Balzacs zurück, verschiebt den Konflikt aber von der ökonomischen zur existenziellen Ebene: Die wahre Krise der Literatur liegt nicht mehr im Markt, sondern in der Verflachung des Selbst. Der Künstlerroman wird so zur Bühne einer inneren Revolte gegen Ideologie und Sentimentalität.]]></description>
		
		
		
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		<title>Entstellung, Scham und Spektakel: Pierre Jourde und Victor Hugo</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/07/entstellung-scham-und-spektakel-pierre-jourde-und-victor-hugo/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Nov 2025 22:47:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Jourde]]></category>
		<category><![CDATA[Victor Hugo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="204" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-4-204x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-4-204x300.jpeg 204w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-4.jpeg 369w" sizes="auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px" />Pierre Jourdes "La marchande d’oublies" (Gallimard, 2025) ist ein düster funkelnder Roman über Erinnerung, Wahnsinn und die Groteske, der die Welt der Schausteller und Clowns des 19. Jahrhunderts mit der beginnenden Psychiatrie verschränkt. In verschachtelten Stimmen erzählt er die Geschichte eines Arztes, der auf einer Zugfahrt dem monströsen Clown Alastair begegnet – einem lebenden Relikt aus der Albtraumwelt der Jahrmärkte, der von seiner Amnesie, seiner verstörenden Kindheit und der Vision einer „marchande d’oublies“ berichtet, die süßes Vergessen wie Erlösung verkauft. Jourde entwirft eine finster-ästhetische Parabel über die Zersetzung des Subjekts im Zeitalter der modernen Wissenschaft und des Spektakels – eine Welt, in der Bühne und Irrenhaus, Kunst und Krankheit ununterscheidbar werden. In auffälliger Nähe zu Victor Hugos "L’homme qui rit" radikalisiert Jourde das romantische Motiv des entstellten Gesichts: Das Lachen, einst Symbol der Anklage, wird zum Symptom eines universellen Verfalls.]]></description>
		
		
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		<title>Literatur als Ressource? Der kommende Frankoromanistikkongress und Patrice Jean</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/06/literatur-als-ressource/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Nov 2025 08:48:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Patrice Jean]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="197" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/51ov2sXQN8L-197x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/51ov2sXQN8L-197x300.jpg 197w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/51ov2sXQN8L-672x1024.jpg 672w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/51ov2sXQN8L-768x1171.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/51ov2sXQN8L.jpg 787w" sizes="auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px" />Patrice Jean, Kafka au candy-shop: la littérature face au militantisme, Editions Léo Scheer, 2024. Literatur am Scheideweg: eine nötige Debatte Tout livre, tout texte vivant doit être une déclaration de guerre. (Patrice Jean) Patrice Jeans Kafka au Candy-shop zeichnet wie seine eigenen Künstlerromane das Bild einer Literatur, die sich unter dem süßlichen Druck politischer Moral ... <p class="read-more-container"><a title="Literatur als Ressource? Der kommende Frankoromanistikkongress und Patrice Jean" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/11/06/literatur-als-ressource/#more-10392" aria-label="Mehr Informationen über Literatur als Ressource? Der kommende Frankoromanistikkongress und Patrice Jean">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Von der Femme fatale zum Subjekt: Milady de Winter zwischen Dumas und Clermont-Tonnerre</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/04/milady-de-winter-zwischen-dumas-und-clermont-tonnerre/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 20:41:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Adélaïde de Clermont-Tonnerre]]></category>
		<category><![CDATA[Alexandre Dumas]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="204" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-3-204x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-3-204x300.jpeg 204w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/images-3.jpeg 369w" sizes="auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px" />Adélaïde de Clermont-Tonnerres "Je voulais vivre" (2025) ist der stupende Versuch, einer ikonisch verfemten Figur der Weltliteratur ihre Geschichte zurückzugeben: Milady de Winter, dem vermeintlich „bösen Engel“ aus Dumas’ "Les Trois Mousquetaires" (1844). Der Roman macht aus der Dämonin eine historisch und psychologisch nachvollziehbare Frau, deren Leben von männlicher Gewalt geprägt ist. Kindheitstraumata, soziale Entrechtung und die Logik eines Geschlechterverhältnisses, das Frauen nur als Besitz oder Gefahr kennt, bilden den verleugneten Hintergrund jener Taten, die der Kanon als metaphysische Verderbtheit etikettierte. "Je voulais vivre" ist damit weit mehr als ein intertextuelles Spiel: Es erprobt einen Korrekturmodus des Erzählens, in dem literarische Mythen befragt und Figuren aus ihrer jahrhundertelangen Verurteilung befreit werden dürfen – nicht um sie reinzuwaschen, sondern um sie endlich zu verstehen. - Der Artikel verfolgt dieses Unternehmen in einer präzisen Gegenlektüre zu Dumas. Er arbeitet heraus, wie Clermont-Tonnerre die bekanntesten Milady-Episoden – Verführung, Giftmord, Rache, Brandmal und Hinrichtung – nicht negiert, sondern narrativ neu perspektiviert, sodass aus „Bosheit“ Kausalität wird und aus „Verführung“ ein Akt der Selbstbehauptung. Der Aufsatz zeigt, wie konsequent die Autorin kommunikative Machtverhältnisse, Zeitstrukturen und Figurenkonstellationen umbaut, um die Deutungshoheit vom männlichen Urteil zurück in die Innenwelt der Figur zu verlagern. Dadurch wird "Je voulais vivre" zum literarischen Plädoyer dafür, solche fiktionale Frauenfiguren im Erzählen Gerechtigkeit erfahren zu lassen. Die Rezension begründet abschließend, weshalb Clermont-Tonnerres Roman den Prix Renaudot 2025 verdient erhalten hat.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der Geist von Locarno. Europa hundert Jahre nach der Friedenskonferenz: Christine de Mazières</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/04/der-geist-von-locarno/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 08:14:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Christine de Mazières]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Valéry]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/157599_couverture_Hres_0-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/157599_couverture_Hres_0-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/157599_couverture_Hres_0-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/157599_couverture_Hres_0-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/157599_couverture_Hres_0-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/157599_couverture_Hres_0.jpg 1366w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Christine de Mazières hat mit "Locarno" (2025) einen ebenso historischen wie gegenwärtigen Roman geschrieben – ein europäisches Zeitstück über Diplomatie, Erinnerung und die Macht der Sprache. Ausgangspunkt ist die Friedenskonferenz von 1925 im Schweizer Locarno, wo Aristide Briand, Gustav Stresemann und Austen Chamberlain nach den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs den Versuch einer moralischen Erneuerung Europas unternahmen. De Mazières erzählt die Ereignisse als vielstimmiges Tableau: Politiker, Journalisten und Künstler agieren auf einer Bühne, auf der politische Geste, rhetorische Form und symbolische Handlung unauflöslich ineinanderfließen. Eine Journalistin, Louise Lenfant, wird zur Zeugin dieser „Comédie humaine de la paix“, deren fragile Hoffnung sie zugleich privat wie politisch trägt. Das emblematische Bild des Romans – ein Adler, der auf die Friedenstauben herabstößt – fasst das Paradox dieser Epoche in einer einzigen Metapher zusammen. - Der Aufsatz "Der Geist von Locarno" liest de Mazières’ Roman nicht als bloße historische Rekonstruktion, sondern als literarische Reflexion über das Verhältnis von Geist und Politik. Im Zentrum steht die Frage, ob Frieden denkbar ist, solange Europa geistig zerspalten bleibt. Der Text zeigt, wie der Roman Valérys Diagnose aus "La Crise de l’esprit" (1919) fortschreibt: den Versuch, nach der Katastrophe eine „fédération de l’esprit“ – eine Föderation des Geistes – zu entwerfen. Die Besprechung deutet Locarno als narrative Antwort auf Valérys Frage „Et qu’est-ce que la paix?“ und als Echo auf Heinrich Manns Forderung nach einem „geistigen Locarno“. De Mazières verbindet die moralische Vision Briands mit der skeptischen Intelligenz Valérys und verwandelt die politische Bühne von 1925 in ein literarisches Labor für die Gegenwart: ein Jahrhundert später, im Jahr 2025, bleibt Locarno eine offene Frage an Europa selbst – ob es fähig ist, seine geistigen Kräfte zu erneuern, bevor der Adler wieder auf die Tauben herabstößt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Prix Goncourt 2025, die vier Finalisten: Emmanuel Carrère, Laurent Mauvignier, Nathacha Appanah, Caroline Lamarche</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/03/artikel-ueber-die-vier-finalisten-fuer-den-prix-goncourt-2025-emmanuel-carrere-laurent-mauvignier-nathacha-appanah-caroline-lamarche/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 14:14:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Caroline Lamarche]]></category>
		<category><![CDATA[Emmanuel Carrère]]></category>
		<category><![CDATA[Laurent Mauvignier]]></category>
		<category><![CDATA[Nathacha Appanah]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="161" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/05/rentree-stencil-UNTERTITEL-1-300x161.png" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/05/rentree-stencil-UNTERTITEL-1-300x161.png 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/05/rentree-stencil-UNTERTITEL-1.png 749w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Laurent Mauvignier gewinnt den Prix Goncourt 2025 für seinen Roman La maison vide (Das leere Haus). Der 58-jährige Schriftsteller wurde am Dienstag, dem 4. November, von der Jury der Académie Goncourt ausgezeichnet. Den Prix Renaudot 2025 erhielt Adélaïde de Clermont-Tonnerre für Je voulais vivre. Das Buch setzte sich gegen Feurat Alani (Le ciel est immense), ... <p class="read-more-container"><a title="Prix Goncourt 2025, die vier Finalisten: Emmanuel Carrère, Laurent Mauvignier, Nathacha Appanah, Caroline Lamarche" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/11/03/artikel-ueber-die-vier-finalisten-fuer-den-prix-goncourt-2025-emmanuel-carrere-laurent-mauvignier-nathacha-appanah-caroline-lamarche/#more-10339" aria-label="Mehr Informationen über Prix Goncourt 2025, die vier Finalisten: Emmanuel Carrère, Laurent Mauvignier, Nathacha Appanah, Caroline Lamarche">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Jenseits der Zivilisation: Fabrice Humbert</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/03/jenseits-der-zivilisation-fabrice-humbert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 11:30:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Albert Camus]]></category>
		<category><![CDATA[Fabrice Humbert]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="192" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X-192x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X-192x300.jpeg 192w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X-657x1024.jpeg 657w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X-768x1197.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px" />Fabrice Humberts Roman "De l’autre côté de la vie" (2025) entfaltet eine apokalyptische Fluchtgeschichte, in der der Ich-Erzähler – ein Pariser Anwalt – mit seinen Kindern einer in Bürgerkrieg versinkenden Hauptstadt entkommt. Die Reise in Richtung einer halbmythischen „République du Jura“ wird zur moralischen Abwärtsbewegung: Was als Schutzversuch beginnt, verwandelt sich in eine phänomenologische Studie der Verrohung. Sprache selbst wird als Trägerin des Giftes sichtbar – „die Worte bereiteten den Boden“ –, während Gewalt aus Angst und Anpassung erwächst. Der Roman verbindet dystopische Gesellschaftsanalyse mit einer existenziell aufgeladenen Poetik: Kindheit erscheint als letzter Rest des Humanen, Natur als trügerischer Trost, Utopie als fragiles Wunschbild, das im Feuer vergeht. Die Parabel zeigt nicht primär äußere Katastrophen, sondern die Erosion des Menschlichen durch den Zerfall gemeinsamer Werte und des sozialen „Flüssigen“ früherer Höflichkeit. - Die Besprechung interpretiert diesen Roman als Fortschreibung von Humberts Gesamtwerk und stellt ihn in einen systematischen, thematisch wie poetologisch kohärenten Kontext. Sie argumentiert doppelt: einerseits wird der Roman als literarische Verdichtung aller bisher entwickelten Motive gelesen – Zerfall sozialer Bindungen, mediale Vergiftung der Realität, die Illusion von Utopien –, andererseits als radikalisierte Selbstkorrektur des Autors, die frühere moralische Hoffnungen skeptisch bricht. Die Kritik macht sichtbar, wie der Erzähler als Jurist seine eigene Sprache einer „Reinigung“ unterzieht und das Werk als Gegenrede zur Gewalt formuliert, obwohl es zugleich die Grenzen solcher Rede demonstriert. Die Rezension macht deutlich, dass Humbert sein zentrales Thema – die Selbstgefährdung des zivilisierten Menschen – in diesem Roman zu einer kompromisslosen literarischen Konsequenz führt.]]></description>
		
		
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		<title>Jordan Bardellas Wunschfrankreich: Schönheit und Größe des Ersatzkandidaten</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/01/jordan-bardellas-wunschfrankreich-schoenheit-und-groesse-des-ersatzkandidaten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Nov 2025 10:23:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Jordan Bardella]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="226" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Bardella-300x226.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Bardella-300x226.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Bardella-1024x773.jpg 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Bardella-768x580.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Bardella.jpg 1370w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Jordan Bardellas beide Bücher – "Ce que je cherche" (2024) und "Ce que veulent les Français" (2025) – bilden eine strategische Doppelfigur aus Selbstmythos und Selbstlegitimierung. Das erste Werk stilisiert Bardellas Aufstieg vom Banlieue-Kind zum „republikanischen Erfolgsmodell“ im Rassemblement National und verbindet dies mit einer Pathetik nationaler Größe, die an Bonaparte und De Gaulle anknüpft. Die Suche nach „Grandeur“ wird zum Selbstrechtfertigungsnarrativ eines Erlösers der „vergessenen Franzosen“. Das zweite Buch transformiert diesen Erlösungsanspruch in eine Galerie scheinbar authentischer Bürgerporträts, die freilich nur die Stimmen eines homogenen, arbeitsethisch moralisierten „Volkes“ repräsentieren, das er selbst verkörpert. Bardella verschmilzt so Erzähljournalismus, politische Mythologie und Wahlkampfrhetorik zu einer ästhetischen Form des populistischen Pathos, in der „Empathie“ zur Bühne ideologischer Vereinfachung wird. Die Nation erscheint als Sakralgemeinschaft gegen Eliten, Migration und Europa; Differenz wird moralisch entwertet. - Der Artikel liest diese Werke als Zwillingsakte politischer Selbstvermarktung: Literatur als Kandidatur. Er zeigt, wie beide Bände den Bolloré-Medienkomplex und dessen rechtspopulistische Agenda stützen: das erste als Biographie eines „designierten Ersatzkandidaten“ für Marine Le Pen, das zweite als emotionalisierter Wahlkampf unter dem Deckmantel volksnaher Authentizität. Die Analyse deutet Bardellas Pathos vom „wahren Frankreich“ als projektive Selbstvergöttlichung und macht sichtbar, dass sein Wunschfrankreich nicht auf Pluralität, sondern auf Symbolmacht zielt: Schönheit und Größe eines Kandidaten – ästhetisch präzise, politisch gefährlich.]]></description>
		
		
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		<title>Endlichkeit und Neubeginn: Hélène Cixous</title>
		<link>https://rentree.de/2025/10/28/endlichkeit-und-neubeginn-helene-cixous/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Oct 2025 10:53:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Hélène Cixous]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/9782073111739_1_75-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/9782073111739_1_75-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/9782073111739_1_75.jpg 499w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Hélène Cixous’ neues Buch "Ce qui n’était jamais arrivé" (Gallimard, 2025) ist eine späte, erschütternde Meditation über Leben, Sprache und Tod – und zugleich ein poetisches Testament. "Ce qui n’était jamais arrivé" ist ein Journal de la fin, aber zugleich ein Buch der Auferstehung. Während der Körper zerfällt, lebt die Sprache fort – unermüdlich, widerspenstig und zärtlich. Cixous lässt ihre Figuren – die Mutter Ève, den Vater Georges, den Bruder Pierre, die Katzen Haya und Isha – in einem lebendigen Totengespräch wiederkehren. Sie alle bewohnen den Zwischenraum von Traum und Erinnerung, sind „revenants“ in einem Theater aus Stimmen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Im Kreis der Schuldigen: ein Frankreich in Spiegeln bei Philippe Brunel</title>
		<link>https://rentree.de/2025/10/28/im-kreis-der-schuldigen-ein-frankreich-in-spiegeln-bei-philippe-brunel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Oct 2025 09:13:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Philippe Brunel]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/61eRt6Ti4tL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/61eRt6Ti4tL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/61eRt6Ti4tL-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/61eRt6Ti4tL-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/61eRt6Ti4tL-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/61eRt6Ti4tL.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Philippe Brunels "Le cercle des obligés" (Grasset, 2025) ist eine hybride Form aus roman vrai, journalistischer Recherche und autobiographischer Rückschau. Ausgangspunkt ist die berüchtigte affaire Markovic: 1968 wird Stefan Markovic, Serbe, Schattenmann und „doublure lumière“ Alain Delons, ermordet aufgefunden – eine Episode, in der sich Kino, Politik und Unterwelt auf beklemmende Weise überkreuzen. Fünfundzwanzig Jahre später nimmt ein namenloser Ich-Erzähler, ehemals Reporter, die Spuren seines Mentors Pierre Salberg wieder auf. Er kehrt an die Schauplätze der Vergangenheit zurück, um ein unvollendetes Manuskript fortzuschreiben und zugleich sich selbst zu rekonstruieren. Das Frankreich des Romans ist das Land nach 1968 – ein Land zwischen politischer Dekadenz und kulturellem Glanz. Brunel schildert die Zeit als spectacle permanent, als Schau- und Trugbild. Die Wirtschaftswunderjahre sind vorbei, und hinter der Fassade des Gaullismus breiten sich Müdigkeit, Korruption und moralische Entleerung aus. Brunel zeigt die Entstehung einer neuen Popkultur, in der sich Politik, Showbusiness und Kriminalität mischen. Alain Delon verkörpert „le héros absolu“, aber zugleich das Symbol einer Generation, die Schönheit mit Verdacht belegt. Der Roman zitiert ganze Passagen aus Interviews, Zeitungsartikeln, Polizeiberichten – eine Collage der medialen Oberfläche. Populäre Figuren (Melville, Bardot, Fallaci, Visconti, Aznavour) erscheinen nicht als bloße Namen, sondern als Zeichen einer Ästhetik, die das Reale in das Kinematographische überführt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Der verwaiste Künstlereingang: Patrick Modiano und Christian Mazzalai</title>
		<link>https://rentree.de/2025/10/26/der-verwaiste-kuenstlereingang-patrick-modiano-und-christian-mazzalai/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Oct 2025 14:39:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Patrick Modiano]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="236" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/9782073123664_1_75-236x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/9782073123664_1_75-236x300.jpg 236w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/9782073123664_1_75.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px" />"70 bis, entrée des artistes" (Gallimard, 2025), entstanden in einer unerwarteten Zusammenarbeit zwischen dem Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano und dem Musiker Christian Mazzalai, präsentiert sich als akribische Untersuchung, die die verborgene Geschichte einer einzelnen Pariser Adresse im Herzen des Montparnasse enthüllt: der 70 bis rue Notre-Dame-des-Champs. Basierend auf einem Schatz an Archiven, Fotografien und Kleinanzeigen, rekonstituiert das Werk die Periode vom Zweiten Kaiserreich (ab 1850) bis in die 1960er Jahre. Dieser Ort fungierte jahrzehntelang als ein vibrierendes und äußerst kosmopolitisches Zentrum für über zweihundert Künstlerinnen und Künstler, Musiker, Schriftsteller und Poeten. Die Erzählung beginnt mit der Künstlerkneipe „La Boîte à Thé“ (gegründet um 1850), deren ausschweifendes Treiben – komplettiert durch das Maskottchen, den Affen Jacques – die spätere, nächtliche und internationale Animation Montparnasses vorwegnahm. Illustre und ungleiche Namen, wie der offiziöse Maler Jean-Léon Gérôme, Robert Louis Stevenson (der die dortigen Feste beschrieb), der Dichter Ezra Pound (der von 1921 bis 1924 dort lebte) sowie Pablo Picasso, kreuzten sich in den Ateliers des Gebäudes. Ebenso beleuchtet das Buch das Leben weniger bekannter Künstler und die Kolonien amerikanischer, skandinavischer und japanischer Immigranten, die in den für Frauen geöffneten Akademien der Umgebung malen lernten. In seiner melancholischen Gedächtnisarbeit knüpft "70 bis" unmittelbar an Patrick Modianos literarisches Oeuvre an, indem es präzise Adressen und die flüchtigen Spuren der Vergangenheit nutzt, um die Geschichte der verschwundenen Existenzen freizulegen. Die detektivische Suche (die Modiano und Mazzalai als "chasse au trésor" bezeichnen) erweckt Figuren zum Leben, die in den Schatten der offiziellen Geschichte verblieben. Dazu gehören die rebellische und surrealistisch orientierte Künstlerin Claude Cahun oder der mysteriöse Georges Ivanovitch Gurdjieff, ein Guru, dessen Auftritte in Modianos Werk ("Souvenirs dormants") nachhallen. Besonders pointiert ist die Erzählung über den ukrainischen Maler Samuel Granowsky, den "Cow-boy de Montparnasse", der 1942 bei der Razzia des Vél’d’Hiv verhaftet und in Auschwitz ermordet wurde. Die Gedächtnisarbeit reicht bis in die dunklen Jahre der Besatzung (Années noires), in denen im 70 bis eine amerikanische Bildhauerin Masken für entstellte Soldaten fertigte, und die das Viertel seiner einstigen Brillanz beraubten. Der Text schließt mit der Feststellung, dass das Viertel Montparnasse seine künstlerische Seele weitgehend verloren hat, was sich in der existentiellen Frage am Ende des Buches kristallisiert: „Où sont les artistes?“]]></description>
		
		
		
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		<title>Frankreichs Glasvitrine und Algeriens Schädel: Clara Breteau</title>
		<link>https://rentree.de/2025/10/25/frankreichs-glasvitrine-und-algeriens-schaedel-clara-breteau/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Oct 2025 14:55:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Clara Breteau]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/412WKPclnoL-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/412WKPclnoL-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/412WKPclnoL.jpg 341w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Clara Breteaus Roman "L’Avenue de verre" (2025) unternimmt durch die Figur der Dozentin Anna eine dichte Untersuchung kolonialer Nachwirkungen und familiärer Schweigeverhältnisse. Ausgangspunkt ist das rätselhafte Doppelleben des Vaters, eines algerischen Einwanderers aus den Aurès-Bergen, der als Fensterputzer in Frankreich arbeitete und seine Herkunft hinter einer „Glashaut“ der Assimilation verbarg. Die titelgebende Avenue de verre wird zur Chiffre einer Nation, die sich selbst in spiegelnden Oberflächen betrachtet und ihre koloniale Schuld überblendet. Annas Nachforschungen führen sie von den eigenen familiären Leerstellen – dem verweigerten Namen, der Verstoßung durch den Vater, dem administrativen „NÉANT“ auf der Heiratsurkunde der Großeltern – bis in die Archive der kolonialen Gewalt, wo sie auf die enthaupteten algerischen Widerstandskämpfer stößt, deren Schädel im Musée de l’Homme lagern. Breteau verbindet hier intime Erinnerung mit politischer Archäologie: Die gläserne Transparenz des Vaters steht für das Schweigen der Geschichte, das Anna durchbrechen will. Doch die Erkenntnis, dass Sichtbarkeit selbst ein Akt der Verschleierung ist, prägt ihre Suche – jede Klärung erzeugt neuen Nebel, jedes Wort gebiert Schweigen. In diesem Zusammenhang greift der Roman auch Kamel Daouds Motiv des „verschwundenen Körpers“ auf, um die Erfahrung einer postkolonialen Entkörperlichung zu beschreiben, in der die Nachgeborenen nur noch Schatten und Spiegelbilder ihrer Geschichte sehen. - Die Rezension liest Breteaus Roman als eine Poetik der Auslöschung, in der Glas, Spiegel und Transparenz zu zentralen semantischen Feldern des postkolonialen Bewusstseins werden. Sie hebt hervor, dass Breteau das familiäre Schweigen nicht psychologisch, sondern politisch deutet: als koloniale Disziplinierung der Erinnerung, die in den Körpern und Biographien weiterwirkt. Der Vater, der sich in „Johnny“ umbenennt und Spuren löscht, problematisiert ein System, das koloniale Gewalt in Sauberkeit und Ordnung verwandelt. Die Besprechung betont die Doppeldeutigkeit von Reinigung und Verschmutzung, Sichtbarkeit und Verschwinden – eine Dialektik, die Annas Forschung ebenso strukturiert wie ihre eigene Identität. Durch den Rückgriff auf Abdelmalek Sayads Konzept der „double absence“ und Kateb Yacines Idee des „néant“ zeigt der Roman, dass das Schweigen kein Fehlen, sondern ein sedimentierter Widerstand ist. Der abschließende Akt – die Weitergabe des Namens Hadj und das Singen eines kabylischen Liedes – wird in der Rezension als Geste der Heilung gelesen, die das Trauma nicht tilgt, sondern es in eine poetische Kraft der Rückverwandlung überführt: aus der gläsernen Leere entsteht ein durchlässiges, atmendes Gedächtnis.]]></description>
		
		
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		<title>Chronik der Macht von Versailles nach Silicon Valley: Marc Dugain</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Oct 2025 13:40:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Dugain]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81-qbXU-wiL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81-qbXU-wiL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81-qbXU-wiL._SL1500_-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81-qbXU-wiL._SL1500_-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81-qbXU-wiL._SL1500_.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Marc Dugains "Légitime violence" (2025) erscheint als fulminante Rückkehr des Autors zur historischen Erzählung, die zugleich das gesamte politische Denken seines Werks bündelt. Im Frankreich Ludwigs XIV. verknüpft Dugain die „Affaire des poisons“ mit einer Anatomie der Macht, deren Strukturen vom höfischen Zeremoniell bis in die intimsten Beziehungen reichen. Der Roman zeichnet den Hof als mikropolitisches System permanenter Kontrolle: Rituale, Sprache und Architektur verwandeln Unterwerfung in Bewunderung, Gewalt in Ordnung. In der Figur der Marquise de Brinvilliers, die sich aus der patriarchalen Enge befreien will, verdichtet Dugain das Spannungsverhältnis von Geschlecht, Körper und Herrschaft – ihre „Verbrechen“ sind Akte der Revolte gegen eine göttlich legitimierte Gesellschaftsordnung. Die höfische Welt erscheint dabei als Laboratorium der modernen Macht, in dem Schönheit und Disziplin ununterscheidbar werden. Dugain dekonstruiert die Ästhetik des Barock als politische Technik: Versailles selbst wird zum Symbol einer „alchimie du pouvoir“, die Unterdrückung in Glanz verwandelt. - Der Aufsatz liest den Roman als den historischen Endpunkt einer dreißigjährigen „Chronik der Macht“, die von den gueules cassées des Ersten Weltkriegs (in "La Chambre des officiers") über die geheimdienstliche Manipulation in "L’Emprise" bis zur digitalen Überwachung in "Transparence" reicht. "Légitime violence" führt diese Linie genealogisch zurück zum Ursprung: zur Erfindung der „legitimen“ Gewalt im Absolutismus. Dugain zeigt, dass sich der Zwang zur Ordnung und die Legitimation von Herrschaft – ob durch Krone, Staat oder Algorithmus – nur in ihren Formen verändern. Der König, der seine Macht durch Glanz stabilisiert, ist der Vorläufer des modernen Technokraten, der Transparenz zur Tugend erklärt. Damit wird das 17. Jahrhundert bei Dugain zum Spiegel des 21.: Die sichtbare Gewalt des Schwerts ist durch die unsichtbare Gewalt des Systems ersetzt. "Légitime violence" ist weniger historische Fiktion als politische Archäologie – der Roman legt die Tiefenschicht frei, in der sich Macht, Ästhetik und Legitimation bis heute gegenseitig hervorbringen.]]></description>
		
		
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		<title>Ersticken des Naturalismus: Émile Zola und Jean-Louis Milesi</title>
		<link>https://rentree.de/2025/10/23/ersticken-des-naturalismus-emile-zola-und-jean-louis-milesi/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Oct 2025 13:14:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Emile Zola]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Louis Milesi]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81B0fHXGZrL._SL1500_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81B0fHXGZrL._SL1500_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81B0fHXGZrL._SL1500_-658x1024.jpg 658w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81B0fHXGZrL._SL1500_-768x1195.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/81B0fHXGZrL._SL1500_.jpg 964w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Jean-Louis Milesis "Flamboyante Zola" (2025) erzählt die Geschichte von Alexandrine Zola, der Ehefrau des berühmten Schriftstellers, als intime Tragödie und als Revision eines nationalen Mythos. Ausgangspunkt ist eine anonyme Denunziation: Alexandrine erfährt, dass ihr Mann seit Jahren eine Geliebte hat und mit ihr zwei Kinder. Was folgt, ist ein Kammerspiel aus Schmerz, Wut und Erinnerung, das den großen Naturalisten Émile Zola nicht als moralischen Helden, sondern als widersprüchlichen, verletzlichen, feigen Mann zeigt. In dichten, filmisch montierten Szenen verfolgt Milesi, wie Alexandrine zwischen hysterischer Raserei und stillem Stolz schwankt, wie das Private in die Öffentlichkeit dringt, und wie die Lüge einer Ehe zur Metapher einer Gesellschaft wird, die sich selbst betrügt. Der Roman greift naturalistische Verfahren – genaue Beobachtung, materielle Sprache, soziale Diagnose – auf, aber wendet sie nach innen: in das Innere einer Frau, deren Atemnot, deren Küche, deren Kleider und deren Schrei zum Ort der Wahrheit werden. Der Artikel zeigt, dass Milesi den Naturalismus poetologisch weiterführt, indem er seine empirische Kälte psychologisch auflädt. "Flamboyante Zola" erzählt nicht nur eine Ehe, sondern die Krise einer Epoche: Die Dritte Republik erscheint als von Skandalen und moralischer Heuchelei durchzogene Bühne, auf der der „Schriftsteller der Wahrheit“ selbst zum Opfer seiner eigenen Ideale wird. Das semantische Netz aus Luft, Licht, Nahrung und Stoff spiegelt Atem, Körper, Wahrheit und Verstellung, während narrative Techniken wie innere Monologe, mise en abyme und theatralische Szenenführung das Geflecht von Öffentlichkeit und Intimität verdichten. Am Ende steht kein Triumph, sondern ein Ersticken – Zolas Tod im Gas ist die Allegorie einer erstickten Republik, Alexandrines Überleben ihre bittere Läuterung.]]></description>
		
		
		
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