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	<title>Recht schaffen &#8211; Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart</title>
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	<title>Recht schaffen &#8211; Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart</title>
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		<title>Gegenrede als Fortschreibung: Kamel Daoud und Albert Camus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Aug 2026 08:23:17 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81FnsrgWbUL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" fetchpriority="high" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81FnsrgWbUL._AC_UF8941000_QL80_-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/08/81FnsrgWbUL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 625w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" />Albert Camus' "L'Étranger" (1942) erzählt vom Büroangestellten Meursault, der kurz nach dem Tod seiner Mutter einen namenlosen Araber am Strand von Algier erschießt und im anschließenden Prozess weniger für die Tat als für seine gefühlskalte Haltung gegenüber der Mutter zum Tode verurteilt wird. Kamel Daouds "Meursault, contre-enquête" (2013/2014) lässt siebzig Jahre später Haroun, den fiktiven jüngeren Bruder des Ermordeten, in einer Bar in Oran die Gegengeschichte erzählen: wie sein Bruder Moussa starb, wie er selbst 1962, angeleitet von der gemeinsamen Mutter M'ma, einen Franzosen erschoss und dafür vom neuen algerischen Staat verhört wurde, und wie eine junge Forscherin namens Meriem ihn kurzzeitig aus seiner Erstarrung löst. Der Aufsatz argumentiert gegen die verbreitete Lesart von Kamel Daouds "Meursault, contre-enquête" als bloße Korrektur von Camus’ "L’Étranger". Zwar gibt der Roman dem namenlosen Opfer einen Namen und eine Stimme, doch reproduziert er zugleich genau jene strukturellen Ausschlüsse, die er kritisiert. Dies zeigt sich sowohl in der unzuverlässigen, monologisch-performativen Erzählweise als auch in zentralen Motivkomplexen: der familiären Gewalt, der ritualisierten Zeitlogik des Mordes und der Kontinuität kolonialer Denkmuster im postkolonialen Staat. Besonders deutlich wird die strukturelle Verstrickung im systematischen Szenenvergleich mit Camus: Während der Anfang noch als Umkehrung erscheint, nähert sich der Text im Verlauf immer stärker seinem Vorbild an, bis er es im Schluss wörtlich zitiert. Die vermeintliche Gegen-Erzählung erweist sich so als Wiederholung mit verschobenen Vorzeichen. – Diese Einsicht führt zu einer grundsätzlichen Revision postkolonialer Erwartungen an "writing back". Der Roman demonstriert, dass die bloße Übernahme der Stimme keine Gerechtigkeit garantiert, solange die formalen Bedingungen des Erzählens unverändert bleiben. Figuren wie M’ma oder Meriem markieren, dass Handlungsmacht und Stimme auseinanderfallen, während der taube Zuhörer die Illusion eines adressierten Publikums unterläuft. Zugleich verschiebt Daoud Camus’ existenzialistische Absurdität von einer kosmischen in eine historisch-genealogische Dimension: Das scheinbar Sinnlose erweist sich als Resultat konkreter kolonialer und familiärer Gewalt. Insgesamt zeigt der Aufsatz, dass Daouds Roman weniger eine gelungene Emanzipation darstellt als eine reflexive Demonstration der Grenzen jeder Gegen-Erzählung, die sich nicht aus den Formen lösen kann, die sie kritisiert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Tugend, Volk, Terreur vor den Präsidentschaftswahlen 2027: Jean-Luc Mélenchon, Robespierre und das Erbe der Revolution</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/26/tugend-volk-terreur-vor-den-praesidentschaftswahlen-2027-jean-luc-melenchon-robespierre-und-das-erbe-der-revolution/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 11:57:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2027]]></category>
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		<category><![CDATA[Jean-Luc Mélenchon]]></category>
		<category><![CDATA[Maximilien Robespierre]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="169" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/1000064337-300x169.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/1000064337-300x169.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/1000064337.jpg 686w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Der Artikel analysiert die politische und ideengeschichtliche Verbindung zwischen dem Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon und Maximilien Robespierre, dem jakobinischen Revolutionär und Architekten der Terreur, und zeigt, wie sich zentrale Motive des jakobinischen Denkens – insbesondere das Konzept der „Vertu“ als republikanische Tugend, die Vorstellung eines homogenen Volkswillens und die scharfe Gegenüberstellung von Volk und Korruption – in Mélenchons politischem Projekt für La France insoumise fortschreiben. Ausgehend von der ambivalenten Figur Robespierres, die zwischen Tugendideal und Terrorherrschaft steht, rekonstruiert der Text die historiographischen Deutungstraditionen und ihre gegenwärtige politische Aktualisierung in Frankreich. Dabei wird deutlich, dass Mélenchons Mobilisierungskraft ebenso wie seine Polarisierung aus einer strukturellen Spannung resultiert: dem Versuch, moralische Reinheit und demokratische Repräsentation zu vereinen. Der Beitrag verbindet politische Theorie, Ideengeschichte und literarische Reflexion und versteht die anhaltende Auseinandersetzung um Robespierre als Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Krise und Selbstdeutung der französischen Linken.]]></description>
		
		
		
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		<title>Wenn die Kraft das Recht ablöst: Bruno Le Maire</title>
		<link>https://rentree.de/2026/06/12/wenn-die-kraft-das-recht-abloest-bruno-le-maire/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 11:15:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Politische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/06/G09189.jpg 1654w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" />"Le temps d'une décision" (Gallimard, 2026) ist zugleich Memoir und weltpolitische Diagnose: Aus fünfundzwanzig Jahren in höchsten französischen Regierungsämtern destilliert Bruno Le Maire die beunruhigte Frage, wer in der Gegenwart von 2025/2026 überhaupt noch entscheidet – und beantwortet sie pessimistisch. Vom verweigerten Handschlag eines Bürgers in Chamonix bis zu den Verhandlungstischen mit Trump, Putin und Xi zeichnet er den Übergang von einer regelbasierten Ordnung, für die das Frankreich des Jahres 2003 mit seinem Veto gegen den Irakkrieg steht, zu einer Welt danach, in der „la force a remplacé le droit" und die Entscheidung aus Nationen und multilateralen Institutionen in die Hände von Autokraten, Tech-Oligarchen und Finanzgiganten abgewandert ist. Der vorliegende Artikel liest dieses Buch nicht allein als politische Streitschrift, sondern legt seine eigentliche Pointe in der Form frei: Le Maire behauptet seine These nicht, er inszeniert sie – durch novellistisch komponierte Szenen, mit dem Skalpell geschnittene Porträts und Leitsymbole wie die Starlink-Antenne über dem Dach seines Landhauses. Die Argumentation des Artikels verläuft in fünf einander durchdringenden Deutungsachsen, von der Anatomie des Entscheidungsverlusts über die Selbstrechtfertigung in der Schuldenfrage bis zum Weckruf an Europa, und mündet in eine zugespitzte These: Dass die literarische Form bei Le Maire selbst zur Antwort auf das diagnostizierte Problem wird – wo niemand mehr „wirklich" entscheidet, verspricht das Erzählen jene Kohärenz, die der Politik abhandengekommen ist. So erweist sich das viel beschworene „livre de vérité" als ein Werk, dessen Wahrheitsanspruch und fiktionale Mittel in einer produktiven, bewusst kalkulierten Spannung stehen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Tous coupables: der Pelicot-Prozess als Dokumentartheater von Milo Rau und Servane Dècle</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/21/tous-coupables-der-pelicot-prozess-als-dokumentartheater-von-milo-rau-und-servane-decle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Apr 2026 14:53:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782080153494_1_75-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782080153494_1_75-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/04/9782080153494_1_75.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Milo Rau und Servane Dècle haben aus dem Prozessmaterial der Vergewaltigungen von Mazan ein Oratorium in 40 Fragmenten geschaffen, "Le Procès Pelicot", das den historischen Strafprozess gegen Dominique Pelicot und seine 50 Mitangeklagten in ein vielstimmiges Theaterdokument verwandelt: Anklageschriften, Zeugenaussagen, Straßeninterviews, psychiatrische Expertisen, feministische Manifeste, Täterbiographien und SMS-Dialoge werden zu einem Panorama montiert, das nicht die juristische Wahrheit, sondern die gesellschaftliche Tiefenstruktur der Gewalt sichtbar machen will. Die vorliegende Interpretation verfolgt, wie Rau dabei auf mehreren Ebenen zugleich operiert: poetologisch durch die Wahl des Oratoriums als Form der meditativen Vergegenwärtigung ohne szenische Handlung, intertextuell durch die Rahmung mit Petrarcas "Ascension du mont Ventoux" als Kritik des male gaze, und dramaturgisch durch eine Anordnung der 40 Fragmente, die vom äußeren Rechtsrahmen über Täterbiographien und soziologische Analyse bis zu feministischer Gegenrede führt. Dabei zeigt die Interpretation, dass Raus stärkste Entscheidungen oft Entscheidungen der Auslassung sind: kein Pathos, keine politische Klasse, keine Synthese der offenen Gerechtigkeitsfragen. Im Zentrum steht Gisèle Pelicot selbst – nicht als Heilige oder Ikone, sondern als politische Akteurin, deren Weigerung, den Huis-clos zu akzeptieren, zur Grundgeste des gesamten Stücks wird und die im Epilog, jenseits der 40 nummerierten Fragmente, das letzte Wort behält.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Monster und sein Doppel: Pierre Rivière bei Michel Foucault und Ismaël Jude</title>
		<link>https://rentree.de/2026/04/01/das-monster-und-sein-doppel-pierre-riviere-bei-michel-foucault-und-ismael-jude/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Apr 2026 01:07:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2022]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="194" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief-194x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief-194x300.jpg 194w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief-661x1024.jpg 661w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief-768x1190.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/grief.jpg 968w" sizes="auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px" />Die Rezension stellt zwei radikal unterschiedliche, aber untrennbar miteinander verschränkte Bücher ins Zentrum: den von Michel Foucault herausgegebenen Dokumentarband "Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère", der den historischen Dreifachmörder Pierre Rivière als Knotenpunkt konkurrierender Diskurse sichtbar macht, und Ismaël Judes "grief" (éditions verticales, 2022), das genau diese diskursive Einhegung performativ angreift. Während Foucaults Band das im Gefängnis verfasste Memoire Rivières in ein vielstimmiges Archiv einbettet – juristische Akten, medizinische Gutachten, historische Kommentare – und so demonstriert, wie ein Leben durch institutionelle Sprache zum „Fall“ wird, treibt Jude diese Konstellation in die Gegenwart und zerlegt sie von innen: Seine Erzählerin liest Foucault, überschreibt dessen Begriffe (parricide wird zu matricide, sororicide, fratricide) und macht sich selbst zur verdrängten weiblichen Doppelgängerin des Mörders. Die Rezension arbeitet diesen Gegensatz nicht bloß als Differenz zweier Methoden heraus – hier die analytische Distanz der Genealogie, dort die wütende, körperliche, sprachzerstörende Gegenrede –, sondern als eine Art dialektische Bewegung: Foucault zeigt, wie Diskurse sich eines Textes bemächtigen, Jude zeigt, dass auch diese Kritik selbst eine Form der Aneignung bleibt. Dabei verschiebt sich der Fokus entscheidend: Wo Foucault den Text als Kampfplatz zwischen Justiz und Psychiatrie liest und dessen „seltsame Schönheit“ betont, insistiert Jude auf dem, was dabei verschwindet – die geschlechtsspezifische Gewalt, die Körper der Opfer, die Möglichkeit einer anderen, nicht-männlichen Stimme. Die Argumentation der Rezension gewinnt ihre Stärke gerade daraus, dass sie diese beiden Perspektiven nicht gegeneinander ausspielt, sondern als notwendige Spannung begreift: Sie zeigt, wie Foucaults Projekt die Bedingungen schafft, unter denen Jude überhaupt schreiben kann, und zugleich, wie Jude diese Bedingungen sprengt, indem er das Schreiben selbst zur Tat radikalisiert. So entsteht das Bild einer literarisch-theoretischen Konstellation, in der sich eine zentrale Frage immer weiter zuspitzt: Wenn – wie bei Rivière – Text und Tat ineinanderfallen, wer kontrolliert dann ihre Bedeutung? Und wer wird dabei gehört – oder zum Schweigen gebracht?
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		<title>Die reparative Wende: warum Literatur heute mehr tun soll als erzählen</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/30/die-reparative-wende-warum-literatur-heute-mehr-tun-soll-als-erzaehlen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Mar 2026 13:07:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
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		<category><![CDATA[Alexandre Gefen]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="188" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x-188x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x-188x300.jpg 188w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x-643x1024.jpg 643w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x-768x1223.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/reparer-le-monde-gefen-800x.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" />Die Rezension stellt Alexandre Gefens Essay "Réparer le monde: la littérature française face au XXIe siècle" (2017, engl. 2024) als ebenso ambitionierte wie symptomatische Diagnose der Gegenwartsliteratur vor: An die Stelle der ästhetischen Autonomie des 20. Jahrhunderts tritt ein „reparatives“ Paradigma, in dem Literatur als therapeutische, soziale und ethische Praxis begriffen wird. Gefen kartografiert anhand eines bewusst offenen Korpus – von Annie Ernaux bis zu klinischen Fallberichten – eine Literatur, die Identität stiftet, Traumata bearbeitet, Empathie schult und kollektives Gedächtnis sichert; gestützt auf Denker wie Paul Ricœur oder die Care-Ethik beschreibt er das Erzählen als Technologie des Selbst und als Instrument symbolischer Wiedergutmachung. Die Rezension arbeitet diese Leitthese pointiert heraus, würdigt die analytische Breite und den theoretischen Eklektizismus, problematisiert jedoch zugleich die normative Engführung: Indem Gefen Literatur primär als „Heilmittel“ liest, droht ihre ästhetische Eigenlogik zugunsten eines ethischen Utilitarismus zu verschwinden. So erscheint das Buch selbst als exemplarischer Ausdruck jener Tendenz, die es beschreibt – eine engagierte, wirkungsorientierte Literaturtheorie, die zwischen Diagnose und Programmatik wechselt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Autofiktionales Zeugnis, therapeutisches Schreiben und Selbstermächtigung: Gisèle Pelicot</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/25/autofiktionales-zeugnis-therapeutisches-schreiben-und-selbstermaechtigung-gisele-pelicot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Mar 2026 21:11:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
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		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Gisèle Pelicot]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61RRf5BM9PL._AC_UF8941000_QL80_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61RRf5BM9PL._AC_UF8941000_QL80_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/61RRf5BM9PL._AC_UF8941000_QL80_.jpg 643w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Der Artikel liest Gisèle Pelicots "Et la joie de vivre" (2026, zit. als EJV) nicht als bloße Aufarbeitung eines spektakulären Strafprozesses, sondern als literarisch reflektierte Selbstkonstitution durch Sprache: Der Text erzählt die Geschichte einer Frau, die nach der schockartigen Enthüllung systematischer Gewalt – vermittelt über die fragmentarische, dissoziative Struktur des Erinnerns, über Rückblenden in eine von Verlust geprägte Kindheit und über die schrittweise Eskalation der Verbrechen ihres Mannes – ihr eigenes Ich erst wieder hervorbringen muss, indem sie es erzählt. Zentral ist dabei die Verschiebung von Scham und Deutungshoheit: Ausgehend von einer internalisierten Beschämung, die sich in der Unfähigkeit artikuliert, das Geschehene als eigenes Erleben anzuerkennen („Non, ce n’est pas moi“), entwickelt das Buch eine Poetik der Wiederaneignung, in der Benennung, Namenswahl und Erzählinstanz zu Akten der Selbstermächtigung werden. Die narrative Organisation folgt dabei nicht der Chronologie des Geschehens, sondern der Logik des Traumas – in Schichten, Brüchen und Wiederholungen –, während wiederkehrende Motive wie das Ritual des gedeckten Frühstückstisches oder die Lichtsymbolik der Landschaften Gegenräume zur Gewalt eröffnen. Im letzten Teil kulminiert diese Bewegung im öffentlichen Gerichtsprozess, der als Bühne eines gesellschaftlichen Diskurses über patriarchale Gewalt inszeniert wird und in Pelicots Entscheidung zur Transparenz seinen politischen Höhepunkt findet: „La honte doit changer de camp“ wirkt als ethische und strukturelle Peripetie. Die Lektüre analysiert diese Entwicklung als konsequent autofiktionales Projekt, das zwischen therapeutischem Schreiben und literarischer Gestaltung vermittelt: Sie zeigt, wie Pelicots Text implizit eine Poetik entwirft, in der Schreiben weder Dokumentation noch Fiktion ist, sondern eine existentielle Praxis, die das Subjekt überhaupt erst hervorbringt. Zugleich liest der Artikel die lebensbejahende Tonlage – die vielfach als „Hymne an die Resilienz“ rezipiert wurde – nicht als affirmative Glättung, sondern als hart erarbeitete Gegenlektüre zur Gewalt, die sich in unspektakulären Gesten der Autonomie (allein leben, den eigenen Namen wählen, lieben können) manifestiert. Die Argumentation zielt damit darauf, das Buch aus der Sphäre des rein Zeugenschaftlichen zu lösen und als literarisch anspruchsvolle, formal reflektierte und politisch wirksame Arbeit zu begreifen, deren eigentliche Radikalität in der Behauptung liegt, dass das Wiederfinden der eigenen Worte identisch ist mit dem Wiederfinden des eigenen Lebens.]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bourdieus Narr: Theorieparodie und Gesellschaftsdiagnose bei Fabrice Pliskin</title>
		<link>https://rentree.de/2026/03/20/bourdieus-narr-theorieparodie-und-gesellschaftsdiagnose-bei-fabrice-pliskin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Mar 2026 13:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
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		<category><![CDATA[Fabrice Pliskin]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Bourdieu]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="200" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch-200x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch-200x300.jpeg 200w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch-683x1024.jpeg 683w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch-768x1152.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/le-fou-de-bourdieu-taschenbuch-fabrice-pliskin-franzoesisch.jpeg 800w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" />Der Juwelier Antonin Firminy erschießt nach einem Überfall einen der fliehenden Täter und wird nach seiner Haftentlassung unter neuer Identität in Paris zum selbsternannten Rächer der „Beherrschten“, der seine Taten aus einer radikalisierten Lektüre der Soziologie legitimiert. Parallel dazu verfolgt der Journalist Mandrillon seinen Fall, verstrickt sich in eigene moralische Widersprüche und verwandelt Suburres Geschichte schließlich in ein erfolgreiches Buch, das mehr Deutung als Aufklärung bietet. Fabrice Pliskins Roman "Le fou de Bourdieu" (2025, Le Cherche Midi) lässt sich als eine ebenso erzählerisch dichte wie intellektuell zugespitzte Fallstudie über die gefährliche Aneignung von Theorie zusammenfassen: Im Zentrum steht mit Firminy einer, der nach einem tödlichen Gewaltakt und einer traumatischen Haftzeit unter dem Namen Suburre eine radikale Selbstneuerfindung vollzieht, indem er die Soziologie Pierre Bourdieus nicht als analytisches Instrument, sondern als existenzielles Deutungssystem übernimmt; aus der Lektüre erwächst ihm eine Weltanschauung, die soziale Determination in moralische Entlastung und schließlich in ein Programm der Gegengewalt übersetzt, das sich in kleinkriminellen Aktionen, symbolischen Zerstörungen und ideologischen Manifesten erschöpft, während parallel der Journalist Mandrillon die Ereignisse beobachtet, verarbeitet und literarisch verwertet, ohne je einen festen Standpunkt zu gewinnen. Der Roman unternimmt weniger eine Widerlegung soziologischer Theorie, vielmehr führt er deren performative Verzerrung vor: Begriffe wie Habitus, Domination oder symbolische Gewalt werden im Modus des Ressentiments verabsolutiert und in Handlung übersetzt, wodurch eine dialektische Struktur entsteht, in der aus Erklärung Rechtfertigung wird; besonders stark ist dabei die Analyse der Figurenkonstellation als Spiegelung zweier Formen der Verantwortungsvermeidung – Suburres ideologische Radikalisierung und Mandrillons rhetorische Selbstrelativierung –, die den Roman als Parabel auf eine diskursiv überhitzte Gesellschaft lesbar macht, in der Sprache Handlung ersetzt und Theorie zur Projektionsfläche wird. Indem der Artikel zudem die formale Anlage des Textes als „Versuchsanordnung“ deutet, erweist der Roman seine Wirkung nicht primär durch Plot, sondern durch die konsequente Eskalation eines Denkens, das sich von der Wirklichkeit ablöst und diese zugleich deformiert.]]></description>
		
		
		
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		<title>Nikolai Gogol, Nicole Caligaris und die Pariser Anschläge vom 13. November 2015</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 07:11:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Nicole Caligaris]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/03/71q9CvmG5JL._SL1500_.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Im Zentrum der Interpretation steht Nicole Caligaris’ Roman "Le gogol" (2026): In einem Bahnhofscafé im Morgengrauen trifft eine erschöpfte Erzählerin aus dem Kulturministerium auf einen verstörten Mann im übergroßen Militärmantel, der sie für eine Richterin hält und darauf besteht, endlich seine Geschichte „zu Protokoll“ zu geben. Dieser Mantel, im Chaos der Pariser Anschläge vom 13. November 2015 in einem Lokal namens Mar Cantabrico an sich genommen, ist zu schwer, zu weit, nicht „nach Maß“: Er wird zum sichtbaren Zeichen eines Traumas, das sich nicht ablegen lässt. Während der Mann von Schüssen, einer Flucht durch eine Falltür und einem nächtlichen Warten auf ein nie eintreffendes Funksignal erzählt, denkt die Erzählerin an ihre eigene Entwertung im bürokratischen Projektbetrieb. Zwei Existenzen, beide randständig, beide in Systemen gefangen, die Menschen in Akten, CVs und „Passiva“ verwandeln. Von hier aus schlägt die Interpretation den Bogen zurück zu Nikolai Gogols "Der Mantel" (1842): Auch dort hängt das Leben eines unscheinbaren Beamten an einem Kleidungsstück, doch während Akaki Akakijewitsch seinen Mantel als ersehnte Identitätsprothese erkämpft und durch dessen Verlust zugrunde geht, trägt Caligaris’ „Gogol“ ein fremdes, historisch aufgeladenes Erbstück, das ihn definiert, ohne je sein Eigentum gewesen zu sein. Die Argumentation macht anschaulich, wie sich das Motiv vom Aufstiegsversprechen zur Trauma-Metapher verschiebt: Bei Gogol entlarvt der geraubte Mantel die Grausamkeit einer zaristischen Hierarchie; bei Caligaris wird der Militärmantel zum materiellen Archiv kollektiver Gewalt und zum Symbol einer Gegenwart, in der Identität nur noch bruchstückhaft rekonstruierbar ist. Durch diese intertextuelle Fortschreibung zeigt die Analyse, dass der „kleine Mensch“ des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert nicht verschwunden ist – er steht nun im Café, spricht von Funkrauschen und zerrissenen Puzzles und fordert nichts Geringeres als ein modernes „Habeas Corpus“: das Recht, als verletzliche, geschichtliche Existenz anerkannt zu werden.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zwischen Akte und Körper: Literatur als Gegenraum der Justiz bei Laure Heinich</title>
		<link>https://rentree.de/2026/02/04/zwischen-akte-und-koerper-literatur-als-gegenraum-der-justiz-bei-laure-heinich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Feb 2026 08:47:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2021]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Laure Heinich]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782080469144-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782080469144-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/02/9782080469144.jpg 293w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Laure Heinich, Pariser Strafverteidigerin und Essayistin, macht in ihren beiden Romanen die Justiz nicht zum Ort der Entscheidung, sondern zum Raum der Erfahrung. "Corps défendus" begleitete eine Anwältin, die im Fall der vergewaltigten und ermordeten Ève zwischen juristischer Technik, familiärem Schmerz und der Materialität von Spuren und Körpern steht; das Recht erscheint hier als Verfahren, das Gewalt rekonstruieren muss, um sie zu beurteilen, und dadurch selbst neue Verletzungen erzeugt. "Avant la peine" (2026) folgt dagegen einer jungen Richterin in den ersten Monaten am Gericht, wo sie lernt, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur eine „vérité judiciaire“, ein prekäres Abwägen von Aussagen, Wahrscheinlichkeiten und Rollen – exemplarisch verdichtet im Fall einer mutmaßlichen Vergewaltigung, in dem Aussage gegen Aussage steht. Beide Bücher zeigen die Strafjustiz als überlasteten Apparat, der funktionieren muss, obwohl ihm Gewissheit fehlt, und der Menschen in Fälle, Akten und Funktionen verwandelt. – Die Rezension argumentiert, dass gerade die literarische Form sichtbar macht, was juristische Sachbücher nicht erfassen können: Affekte, Zweifel, körperliche Erschütterungen und das strukturelle Schweigen im Gerichtssaal. Indem sie die unterschiedlichen Poetiken – hier der introspektive Richterinnenblick, dort die szenisch-körperliche Anwaltsperspektive – kontrastiert, liest sie die Romane als komplementäre Untersuchungen desselben Systems: einmal von innen als Habitusbildung, einmal von außen als Konfrontation mit Gewalt und Trauma. So entsteht das Bild eines Rechts, das weder objektiv noch heilend ist, sondern ein permanentes moralisches Ringen bleibt. Die Rezension versteht Heinichs Literatur daher als Gegenort der Justiz: als Raum, in dem das Unsagbare erzählbar wird und die Grenzen von Wahrheit, Strafe und Gerechtigkeit erfahrbar werden.]]></description>
		
		
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		<title>Niemand tötet: Constance Debré</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/17/niemand-toetet-constance-debre/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Jan 2026 15:23:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2026]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Albert Camus]]></category>
		<category><![CDATA[Constance Debré]]></category>
		<category><![CDATA[Victor Hugo]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/1000048372-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/1000048372-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/1000048372.jpg 293w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Constance Debrés „Protocoles“ (Flammarion, 2026) ersetzt eine „Literatur der Todesstrafe“ durch die literarische Reproduktion ihrer Verwaltung: Das Buch verfolgt den Countdown der letzten 35 Tage eines Verurteilten und rekonstruiert in kalter, prosaischer Präzision die technischen, bürokratischen und logistischen Abläufe der Hinrichtung in den USA. Der Mensch erscheint nicht mehr als moralisches Subjekt, sondern als „corps du sujet“, als Körper, dessen Gewicht, Haut, Venen, Widerstand und Zersetzung durch Protokolle geregelt werden. Die Arbeitsteilung der Hinrichtungsteams weist auf ein System, das Gewalt anonymisiert, fragmentiert und entpersonalisiert, bis „niemand tötet“. Parallel dazu entwirft Debré eine Topographie der USA als Landschaft der Regelhaftigkeit, Überwachung und moralischen Erosion – von „We buy souls“-Schildern über schulische Kontrollsoftware bis zu einer allgegenwärtigen Katastrophenstimmung. – Die Rezension liest „Protocoles“ als Bruch mit der Tradition von Hugo und Camus: Statt Pathos, moralischem Appell oder existenzieller Reflexion setzt Debré auf formale Mimikry der juristischen Protokolle und entzieht der Literatur ihre hermeneutische Funktion. Debrés Poetik der Entsubjektivierung, der „Reinheit“ und der Selbstreferenzialität der Regel wird untersucht. „Protocoles“ macht die moderne Logik von Recht, Technik und Verwaltung der Todesstrafe als totalisierende Ordnung sichtbar, in der Literatur nur noch als Kopie der Macht existieren kann.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das Recht als Geräusch: Constance Debré</title>
		<link>https://rentree.de/2026/01/06/das-recht-als-geraeusch-constance-debre/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Jan 2026 04:01:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2023]]></category>
		<category><![CDATA[2026]]></category>
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		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Constance Debré]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782080286147-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782080286147-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/9782080286147.jpg 293w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />In seiner Auseinandersetzung mit Constance Debrés Romanen "Offenses" (2023) und "Protocoles" (2026) verdeutlicht der Aufsatz die kontinuierliche Transformation ihres Schreibens von der Autofiktion zur gesellschaftlich-politischen Analyse. "Offenses" erzählt die Geschichte eines namenlosen Jugendlichen aus der Pariser Banlieue, der eine ältere Nachbarin ermordet. Dabei wird die Tat nicht psychologisch ausgeschlachtet, sondern als Ausgangspunkt genutzt, um die strukturelle Gewalt des Justizsystems und die soziale Ungerechtigkeit der Gesellschaft sichtbar zu machen. Debré verlagert das Interesse vom individuellen Verbrechen auf das institutionelle „Rauschen“ des Gerichts und die ritualisierte Ordnung, in der der Einzelne auf Körperlichkeit und Schweigen reduziert wird. Die Rezeption hebt hervor, dass die radikale Reduktion von Handlung und Subjektivität – der Täter wie das Opfer bleiben namenlos, ihre Biographien spielen keine Rolle – bewusst gewählt ist, um die Hierarchie und Willkür der gesellschaftlichen und juristischen Prozeduren zu entlarven. Kritiker vergleichen Debrés Ansatz mit Dostojewski, weisen jedoch auf die fehlende moralische Läuterung und die ästhetische Kälte hin, die Offenses zu einem „muskelbepackten“ literarischen Werk macht, das die Leserinnen und Leser herausfordert und gleichzeitig eine philosophische Reflexion über Schuld, Macht und strukturelle Gewalt eröffnet. - Mit "Protocoles" verschiebt Debré den Fokus auf institutionalisierte Gewalt auf einer anderen Ebene: Die bürokratische Organisation der Todesstrafe in den USA wird präzise und fast dokumentarisch beschrieben, wobei ihr fragmentarischer Stil weiterhin persönliche Beobachtungen und poetische Momente einschließt. Während in "Offenses" das Subjektive dominiert, tritt in "Protocoles" das Du in die bürokratischen Abläufe ein und erzeugt eine paradoxe Nähe und Distanz zugleich. Die Interpretation analysiert, wie Debré durch diese Verschiebung die strukturelle Dimension von Gewalt und Kontrolle betont und die poetische Wirkung weniger aus introspektiver Reflexion als aus der Konfrontation mit ritualisierter Macht gewinnt. Beide Romane demonstrieren, dass Debré konsequent die Bedingungen literarischer Subjektivität und menschlicher Autonomie in Kontexten untersucht, in denen Recht, Macht und gesellschaftliche Normen das Individuum reduzieren, und die Rezeption lobt ihre Fähigkeit, ästhetisch und argumentativ die Mechanismen von Unterwerfung und struktureller Gewalt sichtbar zu machen.]]></description>
		
		
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		<title>Zerstörung als Möglichkeit: Mannsein und Gewalt bei Bernard Bourrit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Jan 2026 11:35:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
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		<category><![CDATA[Bernard Bourrit]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="220" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/images-1-220x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/images-1-220x300.jpeg 220w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2026/01/images-1.jpeg 383w" sizes="auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px" />Bernard Bourrits Roman “Détruire tout” (2025) rekonstruiert einen realen Feminizid in der Schweiz der 1960er-Jahre, verweigert jedoch konsequent eine lineare Täterpsychologie oder moralische Auflösung: Anhand von Archiven, Beobachtungen und essayistischen Fragmenten erscheint der Täter Alain weniger als individuelles Monster denn als Symptom eines patriarchalen, ländlichen und autoritär organisierten sozialen Gefüges, das Gewalt strukturell ermöglicht. Die Rezension zeigt, wie Bourrit bäuerliche Enge, männliche Normierung, sprachlose Affekte und asymmetrische Geschlechterverhältnisse freilegt und insbesondere Männlichkeit als brüchige, überforderte Konstruktion analysiert, deren Anspruch auf Kontrolle in destruktive Gewalt umschlägt. Der männliche Körper wird dabei zum Austragungsort sozialer Zumutungen, während Carmen als Projektionsfläche gesellschaftlicher Erwartungen sichtbar wird, ohne zur bloßen Figur zu verflachen. Formal wie ethisch verweigert der Text den Mord als erzählerischen Höhepunkt und belässt ihn als Leerstelle, wodurch die Aufmerksamkeit auf Bedingungen statt auf Sensation gelenkt wird. So versteht die Rezension “Détruire tout” als literarische Untersuchung gesellschaftlicher Gewalt, die gerade im Scheitern von Erklärung und Katharsis ihre politische und ästhetische Kraft entfaltet.]]></description>
		
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		<title>Nürnberger Prozesse ohne Schlussstrich: Alfred de Montesquiou</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/27/nuernberger-prozesse-ohne-schlussstrich-alfred-de-montesquiou/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Dec 2025 00:43:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
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		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred de Montesquiou]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61rcfNDLuAL._AC_UF10001000_QL80_-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61rcfNDLuAL._AC_UF10001000_QL80_-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/61rcfNDLuAL._AC_UF10001000_QL80_.jpg 651w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Der Artikel liest Alfred de Montesquious Roman "Le crépuscule des hommes" (2025, Prix Renaudot Essai) als Gegenentwurf zu popularisierenden Darstellungen der Nürnberger Prozesse, wie sie etwa James Vanderbilts Film "Nuremberg" (2025) bietet. Während der Film das Geschehen auf ein psychologisches Duell zwischen Hermann Göring und seinem amerikanischen Psychiater verengt und damit einem personalisierenden „Kino der großen Männer“ folgt, entfaltet Alfred de Montesquiou ein vielstimmiges Panorama. Sein Roman interessiert sich nicht für Urteile oder Täterpsychologie, sondern für die Peripherie des Tribunals: Journalisten, Fotografen, Übersetzer und Beobachter, die Nürnberg als Übergangsraum erfahren. Die Stadt erscheint als semantisch überladener Ort zwischen nationalsozialistischer Selbstinszenierung, juristischer Zäsur und moralischer Ungewissheit. Sprache, Übersetzung und mediale Vermittlung werden dabei als fragile Instrumente sichtbar, die an der Aufgabe, das Ungeheure erzählbar zu machen, notwendig scheitern. Argumentativ verortet die Rezension den Roman im Denkraum von Karl Jaspers und Hannah Arendt. Wie bei Jaspers verschiebt sich der Fokus weg von der rein juristischen Schuld hin zu einer moralischen Selbstprüfung der Beobachter, die sich ihrer eigenen Verstrickung bewusst werden. Arendts Skepsis gegenüber abschließenden Erklärungen spiegelt sich in der konsequenten Verweigerung eines narrativen oder moralischen Abschlusses. Der roman vrai erscheint dabei als epistemische Form, die dort ansetzt, wo Akten und Urteile an ihre Grenzen stoßen. Nürnberg wird nicht als Endpunkt der Geschichte erzählt, sondern als Schwebezustand: als „Menschendämmerung“, in der das Ende der Täter keine moralische Klarheit garantiert. Die Lektüre macht deutlich, dass de Montesquiou Nürnberg nicht abschließt, sondern offenhält – als Raum des Übergangs, in dem Recht, Erinnerung und Erzählen selbst auf dem Prüfstand stehen.]]></description>
		
		
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		<title>Ein Sieg der Lise Meitner gegen Otto Hahn: Cyril Gely</title>
		<link>https://rentree.de/2025/12/09/ein-sieg-der-lise-meitner-gegen-otto-hahn-cyril-gely/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Dec 2025 16:49:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2019]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Judéité]]></category>
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		<category><![CDATA[Cyril Gely]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-768x1125.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/12/gely.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Cyril Gelys Roman "Le Prix" (2019) inszeniert einen intensiven psychologischen Schlagabtausch zwischen Otto Hahn und Lise Meitner am Tag von Hahns Nobelpreisverleihung 1946. Auf engstem Raum, in einer Stockholmer Hotelsuite, entfaltet sich ein moralisches und intellektuelles Duell, das die ungleichen Machtverhältnisse, die Geschlechterdynamik in der Wissenschaft und die ethischen Verfehlungen des Nationalsozialismus verhandelt. Gelys dramatische Prosa verwandelt historische Tatsachen in ein huis clos, in dem Lise Meitner ihre unterdrückte wissenschaftliche Leistung einfordert und Hahn gezwungen wird, sich seiner moralischen Schuld zu stellen. Am Ende bleibt der Nobelpreis Hahns – doch die wahre Anerkennung gilt Meitner, deren stille Gerechtigkeit als unauslöschliches Echo die Geschichte neu schreibt.]]></description>
		
		
		
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		<title>Rehabilitation der Mutter: Émilie Lanez über Hervé Bazins „Vipère au poing“</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/27/rehabilitation-der-mutter-emilie-lanez-ueber-herve-bazins-vipere-au-poing/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Nov 2025 13:36:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Emilie Lanez]]></category>
		<category><![CDATA[Hervé Bazin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="195" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-195x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-195x300.jpg 195w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-664x1024.jpg 664w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-768x1184.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-996x1536.jpg 996w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez-1328x2048.jpg 1328w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/lanez.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px" />Émilie Lanez’ Enthüllungsbuch „Folcoche: le Secret de Vipère au poing“ zeigt, dass Hervé Bazins berühmter Roman „Vipère au poing“ weniger eine autobiografische Anklage gegen eine monströse Mutter als vielmehr eine kalkulierte literarische Rache eines kriminell belasteten Sohnes war, der damit seine Vergangenheit tilgen und sein Erbe erzwingen wollte: Während Bazin in seinem Bestseller die Mutter Paule als sadistische „Folcoche“ inszeniert, die ihre Kinder quält, rekonstruiert Lanez auf Basis von Polizeiakten, psychiatrischen Dossiers und Familienkorrespondenzen, dass Jean Hervé-Bazin ein mythomaner Betrüger war, dessen Roman als Erpressungsinstrument diente und dessen Darstellung der Mutter ein „Mord auf Papier“ war; zugleich zeigen Lanez’ weitere Werke „La Garçonnière de la République“, eine Recherche über die geheimen, kaum rechenschaftspflichtigen Machtpraktiken der politischen Elite rund um die präsidiale Residenz La Lanterne, und „Noël à Chambord“, eine Analyse von Emmanuel Macrons monarchisch anmutender Selbstdarstellung im Schloss Chambord, dass die Autorin systematisch die Lücke zwischen öffentlicher Inszenierung und verborgener Wahrheit offenlegt – so dass die Rezension argumentiert, Lanez zerstöre nicht nur den Mythos des heroischen Sohnes in „Vipère au poing“, sondern entlarve grundsätzlich die moralische Blindheit französischer Institutionen, die Täter schützen und Opfer zum Schweigen bringen.]]></description>
		
		
		
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		<title>Zum Mut wie zur Feigheit: Jérôme Garcin über Literatur in der Zeit der Occupation</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/15/zum-mut-wie-zur-feigheit-jerome-garcin-ueber-literatur-in-der-zeit-der-occupation/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Nov 2025 19:42:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Romans croisés]]></category>
		<category><![CDATA[Jérôme Garcin]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="184" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-184x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-184x300.jpeg 184w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-626x1024.jpeg 626w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-768x1255.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-940x1536.jpeg 940w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5-1253x2048.jpeg 1253w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/files-5.jpeg 1481w" sizes="auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px" />Jérôme Garcin legt in "Des mots et des actes: les belles-lettres sous l’Occupation" (Gallimard, 2024) eine moralisch zugespitzte Analyse der französischen Literaturszene während der deutschen Besatzung vor und zeigt, wie Worte zu Werkzeugen der Unterwerfung oder des Widerstands werden konnten. In pointierten Porträts von Kollaborateuren wie Brasillach, Céline, Morand oder Chardonne sowie Widerstandsfiguren wie Prévost, Decour und Lusseyran demonstriert er, dass literarisches Genie moralische Schuld nicht relativiert, sondern verschärft. Leitend ist die von ihm entwickelte „échelle de Prévost“, ein Maßstab, der die Verbindung von ethischer Haltung und schriftstellerischer Praxis bewertet. Garcin zeigt, wie eine kulturelle Elite trotz Massenmord und Repression ein schillerndes Pariser Kulturleben pflegte und wie bis heute ein ästhetischer Kult um kollaborationistische Autoren besteht, während Widerstandsschriftsteller marginalisiert werden. Das Buch ist zugleich historische Abrechnung, moralischer Appell und intellektuelles Selbstporträt eines Lesers, der das „unschuldige Lesen“ aufgibt. Die Rezension hebt die doppelte Bewegung des Werks hervor: die historische Rekonstruktion des literarischen Feldes unter der Besatzung und Garcins selbstkritische Revision seiner eigenen Lektürehaltung. Sie betont, dass Garcin gegen die tradierte Trennung von Werk und Autor anschreibt und die Persistenz einer französischen „ästhetischen Amnesie“ sichtbar macht, die Kollaborateuren Bewunderung und Résistants nur pflichtschuldigen Respekt entgegenbringt. Die Besprechung arbeitet heraus, wie Garcin literarische Porträts mit strukturellen Argumenten (CNE, Generationenkonflikte, soziale Milieus) verbindet und damit eine moralische Re-Kanonisierung anstößt, die Verantwortung als unverzichtbare literaturkritische Kategorie rehabilitiert. Insgesamt liest die Rezension das Buch als dringlichen Beitrag gegen die Verharmlosung des kulturellen Verrats – und als Manifest gegen den fortwirkenden mythischen Glanz, der sich um die „Genies“ des Hasses spannt.]]></description>
		
		
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		<title>Terrorismusfiktionen</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/10/terrorismusfiktionen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Nov 2025 22:21:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="300" height="158" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-300x158.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-300x158.jpg 300w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-1024x539.jpg 1024w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-768x404.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-1536x808.jpg 1536w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/Bataclan_plaque-2048x1078.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" />Themenheft „Récits et fictions du terrorisme“, Revue des sciences humaines 359 (2025). Narrative Verarbeitung der Terroranschläge von 2015 Das vorliegende Themenheft der Revue des sciences humaines versammelt Beiträge, die aus einem Kolloquium vom 15. bis 17. November 2023 in Paris hervorgegangen sind. Die zentrale Fragestellung ist, wie die französische Gesellschaft die Terroranschläge von 2015 durch ... <p class="read-more-container"><a title="Terrorismusfiktionen" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/11/10/terrorismusfiktionen/#more-10555" aria-label="Mehr Informationen über Terrorismusfiktionen">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Jenseits der Zivilisation: Fabrice Humbert</title>
		<link>https://rentree.de/2025/11/03/jenseits-der-zivilisation-fabrice-humbert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 11:30:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dialoge]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Albert Camus]]></category>
		<category><![CDATA[Fabrice Humbert]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="192" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X-192x300.jpeg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X-192x300.jpeg 192w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X-657x1024.jpeg 657w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X-768x1197.jpeg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/11/9782702194379-001-X.jpeg 780w" sizes="auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px" />Fabrice Humberts Roman "De l’autre côté de la vie" (2025) entfaltet eine apokalyptische Fluchtgeschichte, in der der Ich-Erzähler – ein Pariser Anwalt – mit seinen Kindern einer in Bürgerkrieg versinkenden Hauptstadt entkommt. Die Reise in Richtung einer halbmythischen „République du Jura“ wird zur moralischen Abwärtsbewegung: Was als Schutzversuch beginnt, verwandelt sich in eine phänomenologische Studie der Verrohung. Sprache selbst wird als Trägerin des Giftes sichtbar – „die Worte bereiteten den Boden“ –, während Gewalt aus Angst und Anpassung erwächst. Der Roman verbindet dystopische Gesellschaftsanalyse mit einer existenziell aufgeladenen Poetik: Kindheit erscheint als letzter Rest des Humanen, Natur als trügerischer Trost, Utopie als fragiles Wunschbild, das im Feuer vergeht. Die Parabel zeigt nicht primär äußere Katastrophen, sondern die Erosion des Menschlichen durch den Zerfall gemeinsamer Werte und des sozialen „Flüssigen“ früherer Höflichkeit. - Die Besprechung interpretiert diesen Roman als Fortschreibung von Humberts Gesamtwerk und stellt ihn in einen systematischen, thematisch wie poetologisch kohärenten Kontext. Sie argumentiert doppelt: einerseits wird der Roman als literarische Verdichtung aller bisher entwickelten Motive gelesen – Zerfall sozialer Bindungen, mediale Vergiftung der Realität, die Illusion von Utopien –, andererseits als radikalisierte Selbstkorrektur des Autors, die frühere moralische Hoffnungen skeptisch bricht. Die Kritik macht sichtbar, wie der Erzähler als Jurist seine eigene Sprache einer „Reinigung“ unterzieht und das Werk als Gegenrede zur Gewalt formuliert, obwohl es zugleich die Grenzen solcher Rede demonstriert. Die Rezension macht deutlich, dass Humbert sein zentrales Thema – die Selbstgefährdung des zivilisierten Menschen – in diesem Roman zu einer kompromisslosen literarischen Konsequenz führt.]]></description>
		
		
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		<title>Frauenmord als Denkstruktur: Ivan Jablonka</title>
		<link>https://rentree.de/2025/10/17/frauenmord-als-denkstruktur-ivan-jablonka/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Oct 2025 08:14:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Ivan Jablonka]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Jablonka-Feminicide-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Jablonka-Feminicide-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Jablonka-Feminicide-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Jablonka-Feminicide-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Jablonka-Feminicide-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/10/Jablonka-Feminicide.jpg 1366w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Ivan Jablonka, La culture du féminicide: histoire d’une structure de pensée (Traverse, 2025). Systemisches Phänomen: sexuelle Gewalt, Verstümmelung und Tötung Ivan Jablonkas La culture du féminicide: histoire d’une structure de pensée (2025) präsentiert eine literaturwissenschaftliche und soziohistorische Analyse, die die kulturelle Zentralität des sexualisierten Frauenmordes in der westlichen Zivilisation freilegt. Jablonka, bekannt für seine Werke ... <p class="read-more-container"><a title="Frauenmord als Denkstruktur: Ivan Jablonka" class="read-more button" href="https://rentree.de/2025/10/17/frauenmord-als-denkstruktur-ivan-jablonka/#more-10089" aria-label="Mehr Informationen über Frauenmord als Denkstruktur: Ivan Jablonka">Weiterlesen</a></p>]]></description>
		
		
		
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		<title>Die andere Seite, ohne Ressentiment: Paul Gasnier</title>
		<link>https://rentree.de/2025/09/22/die-andere-seite-ohne-ressentiment-paul-gasnier/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 20:46:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Gasnier]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/09/81z9OCa2Y9L._UF8941000_QL80_-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/09/81z9OCa2Y9L._UF8941000_QL80_-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/09/81z9OCa2Y9L._UF8941000_QL80_.jpg 683w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Paul Gasniers "La collision" (2025, Auswahllisten für den Prix Goncourt und den Prix Roman Fnac) verwandelt eine private Tragödie – den Tod der eigenen Mutter bei einem Straßenrennen in Lyon – in eine literarische Untersuchung, die Autofiktion, Reportage und Essay verbindet. Der Unfall erscheint nicht als isoliertes Unglück, sondern als emblematische Kollision zweier Frankreich: hier die weltoffene, intellektuelle, privilegierte Mutter, dort der jugendliche Täter Saïd, geprägt von Armut, Gruppendruck und der Gewaltkultur der „Pentes“. Gasnier spürt akribisch Gerichtsakten, Zeugenaussagen und Biografien nach und zeigt, wie tief sich gesellschaftliche Bruchlinien in den Stadtraum eingeschrieben haben. Das Buch rückt so die Kollision zweier Lebensentwürfe ins Zentrum – und damit die Frage, wie eine Gesellschaft ihre eigenen Spaltungen hervorbringt. Der Aufsatz hebt hervor, dass Gasnier sich weigert, seine Wut in Ressentiment zu übersetzen oder den Fall populistisch vereinnahmen zu lassen. Statt Schuldzuweisung setzt er auf Verstehen der Hintergründe, lässt Stimmen aus Saïds Umfeld zu Wort kommen und reflektiert zugleich über Medien, Justiz und die Versuchungen politischer Instrumentalisierung. Intertextuelle Bezüge – von Valéry über Despentes bis zu den Yoga-Schriften der Mutter – rahmen eine Haltung, die Trauer nicht in Rache, sondern in Erkenntnis verwandeln will. "La collision" wird so zur literarischen Geste gegen Vereinfachung und Ressentiment – und zum Versuch, die Gewalt unserer Gegenwart in ihrer Komplexität zu sehen.]]></description>
		
		
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		<title>Partnerschaft und Gewalt im Roman: Nathacha Appanah</title>
		<link>https://rentree.de/2025/08/29/partnerschaft-und-gewalt-im-roman-nathacha-appanah/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Aug 2025 08:02:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
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		<category><![CDATA[Nathacha Appanah]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/08/9782073080028_1_75-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/08/9782073080028_1_75-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/08/9782073080028_1_75.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Der Titel "La nuit au cœur" (2025) des neuen Romans von Nathacha Appanah spiegelt die zentralen Themen: Gewalt, Angst, Isolation, Trauma, aber auch Widerstand und die Suche nach Sinn und Erinnerung. Die Struktur des Romans gliedert sich in fünf Teile, die zwischen der persönlichen, autofiktionalen Erzählung der Autorin und den rekonstruierten Schicksalen von Emma und Chahinez wechseln, wobei eine "imaginäre Kammer" als Ort der Begegnung und Reflexion dient. Der Roman dekonstruiert Feminizide nicht als isolierte Vorfälle, sondern als Ausdruck eines tief verwurzelten patriarchalen Systems, das sich über Kulturen und Zeiten erstreckt. Der Roman kritisiert scharf die patriarchalen Gesellschaften, insbesondere in Algerien und auf Mauritius, wo Frauen mit Scheidung stigmatisiert werden und ihre Autonomie eingeschränkt ist. Die parallele Erzählung der drei Frauen – einer Überlebenden und zwei Opfern – unterstreicht die universelle Gefahr, der Frauen ausgesetzt sind, und die erschreckende Ähnlichkeit der Täterprofile und Gewaltmuster (Kontrolle, Eifersucht, Isolation, physische und psychische Misshandlung).]]></description>
		
		
		
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		<title>Schuld, Scham, Freiheit: Marie-Ève Lacasse</title>
		<link>https://rentree.de/2025/07/31/schuld-scham-freiheit-marie-eve-lacasse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Jul 2025 05:52:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Marie-Ève Lacasse]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/158318_couverture_Hres_0-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/158318_couverture_Hres_0-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/158318_couverture_Hres_0-699x1024.jpg 699w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/158318_couverture_Hres_0-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/158318_couverture_Hres_0-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/158318_couverture_Hres_0.jpg 1366w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Marie-Ève Lacasses Roman "La vie des gens libres" (Seuil, 2025) ist ein so stilles wie hochkomplexes Erzählwerk über das Nachleben der Schuld, die Erfahrung von Stigmatisierung und das Ringen um ein neues Selbstbild. Im Zentrum stehen zwei Frauen, Clémence Thévenin – vormals Clémence Robert, Ärztin, Straftäterin, Häftling – und Laura Rolin, alleinerziehende Mutter, Medizinerin im prekären Übergang. Beide verbindet weder biografisch noch sozial ein direkter Kontakt, und doch legt Lacasse durch subtile narrative Parallelführung und symbolische Spiegelungen eine Art doppelter Frauenbiografie vor, die sich zu einer kollektiven Reflexion über die Möglichkeit weiblicher Freiheit verdichtet. Der Roman ist vieles zugleich: ein gesellschaftskritischer Text über Klassenverhältnisse, ein psychologisches Kammerspiel über Schuld und Einsamkeit, ein poetisches Mosaik aus inneren Monologen und konkreten Beobachtungen. In seiner politischen Tiefenstruktur lässt sich "La vie des gens libres" auch als kritische Untersuchung des französischen Justiz- und Gesundheitssystems lesen. Dabei treten Fragen nach sozialer Teilhabe, nach Solidarität unter Frauen und nach der symbolischen Ordnung von Reinheit und Makel ins Zentrum. Was bedeutet es, „frei“ zu sein – und wer gehört zur „vie des gens libres“?]]></description>
		
		
		
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		<title>Geschichten hinter der Wahrheit: Yasmina Reza</title>
		<link>https://rentree.de/2025/07/22/geschichten-hinter-der-wahrheit-yasmina-reza/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Jul 2025 04:51:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Yasmina Reza]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="193" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/51pnjLOpOvL._UF10001000_QL80_-193x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/51pnjLOpOvL._UF10001000_QL80_-193x300.jpg 193w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/51pnjLOpOvL._UF10001000_QL80_.jpg 643w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" />Yasmina Rezas Sammlung von Kurzgeschichten, "Récits de certains faits" (Flammarion, 2024, deutsch bei Hanser, 2025), ist eine Erkundung der menschlichen Natur, der Vielschichtigkeit von Wahrheit und der oft flüchtigen Erscheinungen der Realität, die sich jenseits oberflächlicher Wahrnehmungen verbirgt. Die Autorin wirkt dabei als Beobachterin von Gerichtsdramen und Alltagsbegegnungen, die sie mit einem einzigartigen Mix aus distanzierter Ironie, psychologischer Präzision und tiefem menschlichem Mitgefühl festhält. Der Titel der Sammlung ist selbst ein zentraler Schlüssel zu Rezas literarischem Ansatz: Er verweist auf die selektive, subjektive und oft unvollständige Natur der Realität und ihrer Darstellung.]]></description>
		
		
		
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		<title>Das verletzte Recht: Nelly Alard</title>
		<link>https://rentree.de/2025/07/11/das-verletzte-recht-nelly-alard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Jul 2025 13:25:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Besprechung]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Nelly Alard]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/alard-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/alard-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/alard-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/alard-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/07/alard.jpg 1025w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Nelly Alards Roman "La manif" (Gallimard, 2025), inspiriert von realen Ereignissen, beleuchtet die verheerenden Auswirkungen staatlicher Gewalt und institutioneller Ungerechtigkeit auf eine Familie. Alards Erzählweise ist dezentral, vielstimmig, von intimer Nähe zu den Figuren geprägt. Es ist eine Poetik der Verlangsamung und des psychologischen Tiefenblicks, die der juristischen wie politischen Verhärtung die Weichheit der Subjektivität entgegensetzt. Die Kapitel springen zwischen Angehörigen, erzeugen eine zersplitterte, aber kohärente Erzählung familiären Schmerzes. Der Roman zeigt, wie politisches Unrecht sich in privaten Biografien einnistet, wie der Körper des Opfers (Romain) zum stummen Archiv einer gesellschaftlichen Verwerfung wird. In dieser Vielstimmigkeit liegt das ethisch-ästhetische Engagement des Textes: Er schreibt sich nicht auf die Seite einer simplen Anklage, sondern erzeugt – durch genaue Recherchen, detailreiche medizinische und juristische Szenen sowie psychologisch glaubwürdige Innenwelten – ein literarisches Verfahren der Wahrheitsproduktion. "La Manif" ist kein Traktat, sondern ein Verfahren: Literatur als Anhörung, als Untersuchung, als Prozessform, die Gerechtigkeit als offene, noch zu erreichende Größe behandelt. [Ein Beitrag in der Rubrik "Recht schaffen".]]]></description>
		
		
		
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		<title>Schnitt ins Fleisch: Claire Berest über den Prozess Gisèle Pelicot</title>
		<link>https://rentree.de/2025/05/28/schnitt-ins-fleisch-claire-berest-ueber-den-prozess-gisele-pelicot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 May 2025 14:17:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2025]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[France profonde]]></category>
		<category><![CDATA[Mannsein]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Claire Berest]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/05/9782226503572-j-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/05/9782226503572-j-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/05/9782226503572-j.jpg 547w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Claire Berests „La Chair des autres“ (2025) geht aus ihrer Beobachtung des Prozesses gegen Dominique Pelicot im Herbst 2024 hervor, den sie zunächst als Reporterin begleitete. Der Ehemann hat über Jahre hinweg Männer in sein Haus eingeladen, um seine mit Medikamenten sedierte Ehefrau, Gisèle Pelicot, ohne deren Wissen sexuell zu missbrauchen. Die Autorin verbindet juristische Protokollierung mit literarischer und philosophischer Reflexion und stellt grundlegende Fragen nach dem Wesen des Bösen, nach der Möglichkeit von Zeugenschaft und nach den kulturellen Voraussetzungen sexueller Gewalt. Dabei bezieht sie sich auf Theoretikerinnen wie Camille Froidevaux-Metterie und Simone Weil, ebenso wie auf Hannah Arendts Konzept der „Banalität des Bösen“ und Roland Barthes' Analyse des fait divers. Ein zentraler Vergleich gilt der Leerstelle des Bildes bei KZ-Überlebenden, denen Berest das „wiederhergestellte Bild“ der Vergewaltigungsvideos gegenüberstellt – als Medium der Anerkennung und Sichtbarmachung. Der Text ist keine lineare Reportage, sondern eine vielschichtige Untersuchung darüber, wie Recht, Körper und Sprache in einem kulturellen Kontext verhandelt werden, in dem das Bewusstsein für den Anderen erschreckend lückenhaft erscheint.]]></description>
		
		
		
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		<title>Fällt die großen Bäume: Gaël Faye, „Jacaranda“ nach dem Genozid in Ruanda</title>
		<link>https://rentree.de/2025/02/10/faellt-die-grossen-baeume-gael-faye/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2025 10:49:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Gaël Faye]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/02/faye-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/02/faye-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/02/faye-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/02/faye-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/02/faye-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2025/02/faye.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Nach der Lektüre von „Jacaranda“ (2024) erscheint der Erfolgsroman „Petit Pays“ (2016) nicht mehr nur als autobiografisch inspirierter Erinnerungsroman, sondern als Auftakt einer längeren Auseinandersetzung mit der postkolonialen Tragödie Ostafrikas. „Petit Pays“ folgte einer linearen, stark autobiografisch gefärbten Erzählstruktur, die von der kindlichen Perspektive des Protagonisten Gabriel geprägt ist. Die Handlung beginnt mit einer unbeschwerten Kindheit in Burundi und führt über politische Spannungen hin zu den schrecklichen Ereignissen des Genozids in Ruanda. Diese Zäsur verändert Gabriels Welt unwiderruflich und treibt ihn in die Entfremdung von seiner Herkunft. „Jacaranda“ hingegen ist fragmentierter, reflektierender und multiperspektivisch. Der Roman arbeitet mit Rückblenden und Erinnerungsfragmenten. In „Jacaranda“ gibt es weniger eine naive Hoffnung auf Heimkehr als eine tiefe, poetische Reflexion über Heimat als psychischen Raum.]]></description>
		
		
		
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		<title>Boualem Sansals Festnahme und ein Raumschiff</title>
		<link>https://rentree.de/2024/11/23/boualem-sansals-festnahme-und-ein-raumschiff/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kai Nonnenmacher]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Nov 2024 09:58:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2024]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<category><![CDATA[Recht schaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Boualem Sansal]]></category>
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					<description><![CDATA[<img width="205" height="300" src="https://rentree.de/wp-content/uploads/2024/11/vivre-205x300.jpg" class="attachment-medium size-medium wp-post-image" alt="" decoding="async" loading="lazy" srcset="https://rentree.de/wp-content/uploads/2024/11/vivre-205x300.jpg 205w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2024/11/vivre-700x1024.jpg 700w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2024/11/vivre-768x1124.jpg 768w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2024/11/vivre-1049x1536.jpg 1049w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2024/11/vivre-1399x2048.jpg 1399w, https://rentree.de/wp-content/uploads/2024/11/vivre.jpg 1654w" sizes="auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px" />Boualem Sansals jüngster Roman „Vivre: le compte à rebours“ („Leben: der Countdown“, Gallimard, 2024) erzählt eine dystopische Geschichte in einer apokalyptischen Welt. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass der Text voller Anspielungen auf die politischen, sozialen und kulturellen Realitäten Algeriens ist. Durch seine metaphorische Erzählweise übt Sansal nicht nur Kritik an globalen Phänomenen wie Totalitarismus und Umweltzerstörung, sondern auch an spezifischen Missständen in seinem Heimatland. Angesichts der Verhaftung des Schriftstellers Boualem Sansal lesen wir den Roman „Vivre“ anders: Hier werden indirekt Themen wie Festnahmen und staatliche Repression angesprochen, jedoch oft in einem metaphorischen oder dystopischen Kontext.]]></description>
		
		
		
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