Aufrechtstehen im Untergang: New Orleans bei Laurent Gaudé

Laurent Gaudés Roman "Ouragan" (Actes Sud, 2010) schildert die Verwüstung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina und folgt dabei mehreren Figuren, deren Lebenswege sich im Ausnahmezustand der Katastrophe kreuzen. Im Mittelpunkt stehen die fast hundertjährige Josephine, die sich weigert, ihr Viertel zu verlassen, der von seiner Arbeit auf einer Ölplattform traumatisierte Keanu, seine frühere Geliebte Rose sowie ein Geistlicher, dessen Glaube unter dem Druck der Ereignisse zerbricht. Während der Sturm die Deiche sprengt und die Stadt in den Fluten versinkt, werden soziale Unterschiede, persönliche Traumata und verdrängte Konflikte schonungslos sichtbar. Der Roman erzählt die Naturkatastrophe dabei nicht als realistische Chronik, sondern als vielstimmiges Drama über Verlust, Schuld, Liebe und Überleben. Der Aufsatz untersucht, wie Gaudé den historischen Hurrikan in einen mythisch aufgeladenen Erfahrungsraum verwandelt. Ausgangspunkt ist die These, dass der Sturm als „Offenbarungsinstanz“ fungiert: Er zerstört nicht nur Häuser und soziale Ordnungen, sondern legt zugleich den innersten Kern der Figuren frei. Analysiert werden die polyphone Erzählstruktur, die deutliche Nähe zur Form der antiken Tragödie sowie der lyrisch-epische Stil, der das Geschehen über das Dokumentarische hinaushebt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Zusammenspiel von Stimme und Schweigen, der symbolischen Bedeutung von Raum, Wasser und Körperlichkeit sowie den wiederkehrenden Motiven von Scham, Widerstand und Aufrechtsein. Der Aufsatz argumentiert, dass "Ouragan" soziale Anklage und poetische Verdichtung miteinander verbindet und die Katastrophe als Moment der Wahrheit inszeniert, in dem Untergang und Neubeginn, Verlust und Würde miteinander verbunden werden.

To the article

From History to Legend: Alexander the Great with Laurent Gaudé

Laurent Gaudés "Pour seul cortège" (2012) verlagert den historischen Alexanderstoff radikal von der Ebene der Ereignisgeschichte auf die Schwelle zwischen Tod und Nachleben. Statt die bekannten Stationen des Eroberers nachzuerzählen, konzentriert sich Gaudé auf das ausgedehnte Sterben Alexanders in Babylon und auf den Kampf um seinen Leichnam, der zum symbolischen Zentrum des Romans wird. Der Aufsatz argumentiert, dass nicht Alexander als historische Figur, sondern sein sterblicher Körper der eigentliche Protagonist des Werkes ist: An ihm bündeln sich Machtansprüche, Erinnerungsarbeit und die Frage nach der Zugehörigkeit des Toten. Ausgehend von einer Analyse der polyphonen Erzählstruktur, der dramatischen Bauform und der mythisch aufgeladenen Bildfelder von Körper, Hunger, Safran und Wind zeigt der Text, wie Gaudé den historischen Roman in eine Tragödie der Stimmen verwandelt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Figur der Dryptéis, die als Gegenpol zu den machtgierigen Generälen den Übergang vom Besitz des Körpers zur Bewahrung des Geistes verkörpert. Durch den Vergleich mit Gaudés "La mort du roi Tsongor" (2002) und "Le Tigre bleu de l'Euphrate" (2002) wird zudem herausgearbeitet, dass Gaudé ein zentrales Motiv seines Werks fortschreibt: die Frage, wie Tote weiterleben. Die Interpretation deutet "Pour seul cortège" letztlich als Roman über die Macht des Erzählens, das den Menschen der Vergänglichkeit entreißt und ihn in die Sphäre der Legende überführt.

To the article

The Defeat of the Victors: Laurent Gaudé

Laurent Gaudé’s novel *Écoutez nos défaites* (2016), which has not yet been translated, is a polyphonic text that weaves together five narrative strands—ranging from the contemporary world of intelligence agencies to historical theaters of war (including Hannibal, Grant, Haile Selassie)—into a dense tapestry of existential experiences, at the center of which stands not victory but defeat as a universal category: military, moral, and psychological. Vivid, haunting scenes—such as Grant’s calculating coldness after the massacre, Hannibal’s confrontation with his brother’s death, or the traumatic perception of the soldier Sicoh—illustrate a poetics of silence at the heart of violence, in which characters do not act to overcome but are besieged by their experiences. This review interprets the novel as a radical rejection of the idea of a "clean victory" and as a critique of contemporary remilitarization by systematically interweaving historical and contemporary levels. Methodologically, it works with paradigmatic scenes that exemplify an ethics of defeat and elevates this to a normative thesis: dignity arises not in triumph, but in dealing with loss. The interweaving of time periods and perspectives does not produce a linear development, but rather a movement of perpetual transition in which the inner and outer worlds are inextricably intertwined. The modern characters function as existential resonant spaces for the historical warrior figures: Assem and Sullivan embody the „vacillation“ of modern agents of violence, whose actions prove, in retrospect, to be devoid of meaning and who are shattered by the question of the meaning of their missions. Mariam, on the other hand, provides the crucial counterbalance: as an archaeologist and guardian of cultural memory, she embodies a practice of preservation and transmission that eludes the logic of destruction and defeat. While the agents are in the process of disappearing, Mariam insists on the possibility of continuity—not through victory, but through memory. The novel refuses to offer a definitive meaning—there is neither a cathartic resolution nor heroic glorification—and achieves a rare combination of narrative intensity and ethical-political reflection.

To the article

Rückkehr nach Athen: Laurent Gaudé

Laurent Gaudés „Zem“ (Actes Sud, 2025), die direkte Fortsetzung zu „Chien 51“ (2022), führt in die dystopische Megalopolis Magnapole zurück, wo das globale GoldTex-Konsortium die radikale soziale Spaltung zwischen den Zonen 1, 2 und 3 verschärft, und erzählt die Wandlung des desillusionierten Ex-Polizisten Zem Sparak. Dieser Band enthüllt die Existenz einer „Zone 4“ in Kreta, die auf Ausbeutung und Sucht beruht, und verdeutlicht, wie globale Konzerne angesichts globaler Klimaprobleme ganze Nationen zur Rohstoffgewinnung und menschlichen Ressource degradieren. Diese Besprechung analysiert, wie Gaudé mit seiner analytisch kühlen und liturgisch verdichteten Sprache universelle Fragen nach Erinnerung, moralischer Integrität und individueller Handlungsmacht in einer konzern-dominierten Welt verhandelt, während Zems Rückkehr nach Athen seine persönliche Suche nach Identität und Widerstand gegen das Vergessen symbolisiert.

To the article

Das neue Athen: Laurent Gaudé

Gaudé inszeniert in "Chien 51" (2022) eine düstere Parabel über die Degradierung des Menschen zur Ressource, über das Vergessen kollektiver Geschichte, über die Verlagerung staatlicher Gewalt in privatwirtschaftliche Hände – und über das letzte Aufflackern von Menschlichkeit in einem entseelten System. Der Roman thematisiert nicht nur soziale Ungleichheit, sondern geht weit darüber hinaus: Er stellt Fragen nach moralischer Integrität, individueller Handlungsmacht, Erinnerung, Rache und Erlösung – mit einer eindrucksvollen Sprache, die zugleich analytisch kühl und liturgisch verdichtet wirkt.

To the article

Du, ja. Du, nicht. Laurent Gaudé über den 13. November 2015

Laurent Gaudé wählt für sein Buch über die Attentate des 13. November 2015 eine literarische Form, die sich zwischen Drama, Lyrik und dem Erzählerischen des Romans bewegt. "Terrasses" ist kein Dokumentarstück, das die Fakten der Attentate auflistet. Stattdessen greift Gaudé auf die Mittel der literarischen Verfremdung und die Kraft der Sprache zurück, um einen tiefen menschlichen Zugang zu einem kollektiven Trauma zu finden.

To the article

Paris erwacht – der Tag wird deinen Namen tragen

Paris s’apaise. Mon père est tout près, je le sens. Je retrouve son odeur, le grain de sa voix, tous ces détails que la mort nous vole. Je vais devoir le laisser partir à nouveau mais je l’ai ramené au présent. Il a marché sur mes épaules, déambulé dans les rues de cette ville qu’il nous a offerte, à mon frère et moi. C’est le rêve qu’ils ont eu, avec ma mère : offrir Paris à leurs enfants. Que tout commence ici. Alors cette ville est mienne, oui, parce qu’elle m’a été donnée. Et tout ce qui bruisse en elle, la clameur du passé, le fracas, les révoltes, les foules pressées, le pas hésitant des poètes, les solitudes côte à côte et les grands espoirs de foules, sont miens. Je prends tout. Je retrouve Paris. Et je sens mon père sourire avec douceur, heureux de voir que tout continue au-delà de lui.

Continue reading

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de. Es existieren automatische Übersetzungen in englischer and französischer Sprache.