Mutterverlust als Metamorphose bei Constance Joly und als Dokument bei Annie Ernaux

Der Romanvergleich stellt Constance Jolys Roman „Reverdir“ (Flammarion, 2025) und Annie Ernaux’ „Je ne suis pas sortie de ma nuit“ (Gallimard, 1997) als zwei radikal unterschiedliche literarische Bearbeitungen der Alzheimer-Erkrankung der Mutter gegenüber und entfaltet ihre Argumentation konsequent entlang der Pole Metamorphose versus Dokumentation. Während Jolys Roman den geistigen Verfall der Mutter in eine dichte Metaphorik aus Botanik, Carrolls Alice im Wunderland und zyklischer Zeitstruktur einbettet und die Krankheit als Katalysator einer existentiellen Neuerfindung der Tochter deutet, beschreibt Ernaux in ihrem fragmentarischen Tagebuch den körperlichen und sprachlichen Zerfall der Mutter ohne jede tröstende Sinnstiftung als ausweglose Bewegung in eine zeitlose „Nacht“. Die Rezension arbeitet diese Differenz systematisch aus, indem sie Erzählhaltung, Zeitstruktur, Kommunikationsformen und Metaphorik kontrastiert: Jolys poetische Einhegung des Schmerzes zielt auf Resilienz, „Spätblühen“ und Selbstwerdung, während Ernaux’ Schreiben sich der „Gewalt der Empfindungen“ aussetzt und den Text bewusst als bloßen „Überrest eines Schmerzes“ versteht. Argumentativ folgt die Rezension dabei einer komparatistischen Logik, die nicht wertend, sondern typologisch verfährt: Sie zeigt, wie beide Texte unterschiedliche ethische und ästhetische Antworten auf denselben Erfahrungskern geben. Der Schluss pointiert diese Gegenüberstellung, indem er die divergierenden Romanenden als Ausdruck zweier unvereinbarer Zeit- und Sinnmodelle liest – hier das symbolische Wiederergrünen nach der Katastrophe, dort das endgültige Versinken in der Nacht –, und macht so deutlich, dass literarische Alzheimer-Narrative weniger über die Krankheit selbst als über die Möglichkeiten und Grenzen narrativer Bewältigung Auskunft geben.

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Autosoziobiographie als französische Gattung

Autosoziobiographie: Poetik und Politik, hrsg. von Eva Blome, Philipp Lammers und Sarah Seidel, Abhandlungen zur Literaturwissenschaft, Metzler, 2022.

Der Sammelband „Autosoziobiographie: Poetik und Politik“, herausgegeben von Eva Blome, Philipp Lammers und Sarah Seidel, widmet sich der Untersuchung einer literarischen Textform, die seit Didier Eribons Rückkehr nach Reims (Retour à Reims, 2009/2016) eine unübersehbare Konjunktur erlebt. Die Herausgeber verfolgen die Intention, dieses „noch junge Genre“ zu sichten, zu systematisieren und zu reflektieren, um es als relevantes literaturwissenschaftliches Forschungsobjekt zu etablieren und die literarische Form (Poetik) im Kontext ihrer politischen und gesellschaftsanalytischen Ansprüche zu untersuchen. Die Beiträge diskutieren aktuelle autosoziobiographische Texte und ihre literarhistorischen Kontexte unter den drei Schwerpunkten ‚Literarische Epistemologie des Sozialen‘, ‚Zum Politischen der Form‘ und ‚Transition und Narration‘.

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Poetiken der Kindheit: Annie Ernaux

Annie Ernaux‘ Poetik der Kindheit ist eine sich entwickelnde, zentrale Dimension ihres Werks, die persönliche Erinnerung untrennbar mit kollektiven, sozialen und historischen Dimensionen verknüpft. Ihre Kindheit im elterlichen Café-Lebensmittelgeschäft in Yvetot prägte ein tiefes Gefühl des „Dazwischenseins“ und der „Zerrissenheit“ – entstanden durch fehlende Privatsphäre, frühe Konfrontation mit Armut und sozialen Unterschieden, die sich in ihrer Privatschulzeit verstärkten und einen Bruch mit dem Herkunftsmilieu bewirkten. Anstatt eine lineare, traditionelle Erzählung der Kindheit zu präsentieren, zerlegt Ernaux ihre Erinnerungen, analysiert die prägenden Einflüsse von Sprache, sozialer Herkunft, Geschlechterrollen und kulturellen Normen und beleuchtet, wie diese Faktoren ihre Identität als Kind und junge Frau formten. Sie ist bemüht, die „unsagbare Szene“ ihrer Kindheit aufzulösen und sie in die Allgemeinheit von Gesetzen und Sprache einzubetten, oft indem sie sich selbst als „Ethnologin ihrer selbst“ präsentiert. Ihre Kindheitsdarstellungen sind daher keine idealisierten oder nostalgischen Rückblicke, sondern scharfe, oft schmerzhafte Untersuchungen, die die Ambivalenz und die sozialen Spannungen ihrer Herkunft offenlegen.

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rentrée littéraire
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