Leseheft, Schreibheft

Lektüren und Texte zur französischen Literatur der Gegenwart
von Kai Nonnenmacher
(mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung)

La rentrée littéraire […] désigne une période commerciale concentrant un grand nombre de parutions de nouveaux livres (tous genres confondus) et qui a lieu chaque année entre fin août et début novembre. 1

Wikipédia

La rentrée littéraire, ça embête tout le monde, mais on s’y soumet. 2

François Taillandier
Anmerkungen
  1. Der französische Bücherherbst […] ist eine Geschäftsperiode mit einer großen Anzahl neu erscheinender Bücher (aller unterschiedlichen Genres), die jedes Jahr zwischen Ende August und Anfang November stattfindet.>>
  2. Der Bücherherbst, das nervt uns alle, aber wir alle unterwerfen uns dem.>>

Luftturbulenzen mit Oulipo

Die Werkstatt für potenzielle Literatur, Oulipo, bleibt produktiv und ist mit Hervé Le Tellier bis zu den Shortlists mehrerer Literaturpreise der Rentrée littéraire vorgedrungen: Ein Spiel mit Möglichkeiten: Was wäre, wenn im März 2021 etwas Unvorstellbares passieren würde, das man jetzt noch für Science Fiction hält? Was wäre, wenn wir unseren Doppelgängern begegnen müssten? Was wäre, wenn dieses Flugzeug auf dem Weg in die USA in schreckliche Turbulenzen gerät? Entsprechend der Gruppenpoetik von Oulipo wieder ein Spiel mit Verweisen, Zitaten, Referenzen, Mise en abyme-Effekten, und dies geistreich, witzig und spannend. Der Präsident der Gruppe, Hervé Le Tellier, erfindet ein Alter ego mit einem gleichnamigen Roman, Victør Miesel, und das ø ist nicht zufällig ein mathematisches Symbol, Tellier selbst hatte Mathematik und Linguistik studiert, wie er in seinem Buch Toutes les familles heureuses geschrieben hatte.

Mehr

Drei Körper, drei Epochen

Lorenzo ist ein junger Renaissancemaler, der die Kunst revolutionieren will, während er seiner Suche nach Schönheit nachgeht und seine Leidenschaften auslebt. Was Baptiste betrifft, so gehört er einer geregelten Bourgeoisie an. Im Mai 1968 strebt er nach mehr Freiheit, vor allem aber nach mehr Exzessen. Tahar schließlich ist nach Frankreich geflüchtet und möchte eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. „Jeder versucht um jeden Preis, sein Ziel zu erreichen: Schönheit zu erreichen, die Welt auf den Kopf zu stellen oder dem Exil einen Sinn zu geben. Auch wenn Zeiten und Orte sie trennen, werden diese Wesen von der gleichen Erregung durchzogen: dem Feuer der Leidenschaft.“ (Verlagstext)

Mehr

Schnappschüsse eines jüdischen Exils in Frankreich

Saturn erscheint in fast allen Longlists für die Literaturpreise im Herbst. Die Romanschriftstellerin und Psychoanalytikerin Sarah Chiche erzählt ihre tragische Geschichte und die ihrer Familie, die sie einst in eine schwere Depression stürzte. Wie in einem Film hält sie Schnappschüsse aus der Kindheit ihres Vaters fest: die 1950er Jahre, Algier, ihr Vater Harry, der mit seinem älteren Bruder Armand aufwächst, und seine wohlhabenden Eltern Louise und Joseph. Die Männer der Familie sind Klinikärzte. Die jüdische Familie gehört nicht zu den französischen Kolonisten, sondern lebte in Algerien, seit sie im 15. Jahrhundert aus Spanien vertrieben worden waren. Ein verschwenderisches Leben bis zum Algerienkrieg, dann Exil in Frankreich, Täter und Opfer der Vergangenheit.

Mehr

Ein Roman beobachtet die Geburt des Internets

„Wir begleiten den Journalisten Dimitri auf seiner minutiösen Suche nach dem französischen Ingenieur Louis Pouzin, dem eigentlichen Entwickler des Internets. Alles war bereit: Datagramme in Rocquencourt, das franz. Netzwerk Cyclades, der Start des Web in Genf. Lobby und französische Politik haben 1974 verhindert, dass die Wiege dieser revolutionären technischen Erfindung in Europa steht.“ (Parinfo)

Mehr

Utopie der politischen Moderne

Aus Anlass der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2020: Der Schriftsteller Stéphane Denis stellt sich ein Fürstentum irgendwo in Europa zwischen der Schweiz und Liechtenstein vor, das „Merkmale von Monaco und Kaiserin Sissi entlehnt“ (Etienne de Montety). Ein Land, das lange von der Moderne und der Europäischen Union vergessen wurde, in dem die Menschen von einem Souverän regiert werden, der mehr damit beschäftigt ist, seine persönlichen Vergnügungen zu organisieren, als über alles Gesetze zu erlassen:

Mehr

Schreißwunder

La langue de Frédéric Arnoux plonge ses racines dans l’argot d’une marginalité qui fourmille de néologismes surprenants, dès le titre : « Merdeille », mot-valise, union antinomique très parlante, qui dit clairement que « dans ce monde de merde il y a encore quelques merveilles ! » ; ou encore « écolomie » imageant par condensation l’alliance improbable de la nature et des affaires. Ces mots sont des cailloux semés entre les lignes par le narrateur pour indiquer la route à suivre : « Là où on habite c’est quand même tout près de rien » […]. 1

Philippe Brenot, Le Monde
Anmerkungen
  1. Die Sprache von Frédéric Arnoux wurzelt im Slang einer Marginalität, die von überraschenden Neologismen wimmelt, schon im Titel: „Merdeille“, einem Kofferwort, einer sehr aussagekräftigen antinomischen Vereinigung, die deutlich sagt: „In dieser beschissenen Welt gibt es noch einige Wunder!“ oder „Ökolomie“, was die unwahrscheinliche Allianz zwischen Natur und Wirtschaft verdichtet. Diese Worte sind Kieselsteine, die der Erzähler zwischen die Zeilen verstreut hat, um den einzuschlagenden Weg aufzuzeigen: „Wo wir leben, ist immer noch sehr nahe am Nichts“ […].>>

Rurale Rückkehr des Authentischen

Der Autor folgt den Spuren Alexandres, eines sehr anziehenden Helden, der seine Äcker liebt. Über seine Schwester Caroline, die in Toulouse studiert, lernt er eine Gruppe von Atomkraftgegnern kennen, darunter Constanze, eine schöne blonde und lächelnde Ostdeutsche. Um sie wiederzusehen, erklärt er sich bereit, diesen gefährlichen Aktivisten Dünger zu liefern. Die Jahre vergehen, mit den Schwierigkeiten der landwirtschaftlichen Existenz. Alexandre bleibt allein und ist immer wieder von weitem den Auftritten der Frau ausgesetzt, von der er glaubt, dass sie die Frau seines Lebens ist.

Mehr

Tippübungen

Ausgerechnet schreiben gegen seine Depression!

Un écrivain qui passe six heures par jour enfermé dans sa chambre quand tout le monde se baigne ou se balade, que voudrait-on qu’il fasse d’autre ? Des réussites ? Des jeux vidéo ? Pourtant je m’en défends. Je proteste : « Non, les amis, vous n’y êtes pas ! Pas du tout ! Si je m’enferme six heures par jour devant mon ordinateur, ce n’est pas pour écrire un livre, je n’y suis pas prêt croyez-moi, c’est seulement pour taper à la machine. Pas de méprise, mes amis : je n’écris pas : je fais des exercices de dactylographie. »

Emmanuel Carrère, Yoga