Demontage deutsch-französischer Geschichtsmythen in Eric Vuillards récits

Éric Vuillards „La bataille d’Occident“ (2012) und „L’ordre du jour“ (2017) sind zwei Récits über den Krieg, die den Ersten und den Zweiten Weltkrieg nicht als Nationalgeschichten, sondern als Produkte wechselseitig verschränkter deutsch-französischer Mythologien erzählen: Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 bildet dabei den strukturellen Horizont beider Texte, aus dem die komplementären Selbstbilder beider Nationen – die deutsche Rationalitätsmythologie des unaufhaltsamen Militärapparats und der französische „élan“-Mythos der glorreichen Offensive – als traumatische Spiegelreflexe voneinander hervorgehen. Der Aufsatz argumentiert, dass Vuillards literarisches Verfahren wesentlich in einer doppelten Demontage besteht: Er zeigt zum einen, dass die vermeintliche deutsche Effizienz ein Bluff ist – die Panzer der Wehrmacht stehen auf der Straße nach Linz im Stau, Schlieffen verschiebt Papierfiguren über eine vergilbte Landkarte –, und zum anderen, dass der französische Revanchismus in Joffres kulinarischen Elsass-Phantasien kollabiert, während die Soldaten in roten Uniformhosen ins Maschinengewehrfeuer marschieren. Verbindendes Erklärungsmodell ist dabei weder nationale Wesensart noch politischer Irrationalismus, sondern Kapitalinteresse und Klassenlogik: Die vierundzwanzig Industriellen, die 1933 Hitler finanzieren, erscheinen bei Vuillard als zivile Fortsetzung derselben buchhalterischen Rationalität, die Schlieffen seinen Vernichtungsplan als Gewinnspekulation entwerfen ließ. Als Gattung des Récit – einer Hybridform zwischen Essay, Historiographie und Roman – praktiziert Vuillard dabei eine autopoetologisch reflektierte Poetik des Gegen-Archivs, die die verdrängten Namen der Opfer, die kollabierten Mythen der Täter und die fortwirkende Amnesie der Konzerne gegen die Domestizierung der Geschichte zur folkloristischen „déesse raisonnable“ einer erstarrten Geschichtspolitik stellt.

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Die reparative Wende: warum Literatur heute mehr tun soll als erzählen

Die Rezension stellt Alexandre Gefens Essay „Réparer le monde: la littérature française face au XXIe siècle“ (2017, engl. 2024) als ebenso ambitionierte wie symptomatische Diagnose der Gegenwartsliteratur vor: An die Stelle der ästhetischen Autonomie des 20. Jahrhunderts tritt ein „reparatives“ Paradigma, in dem Literatur als therapeutische, soziale und ethische Praxis begriffen wird. Gefen kartografiert anhand eines bewusst offenen Korpus – von Annie Ernaux bis zu klinischen Fallberichten – eine Literatur, die Identität stiftet, Traumata bearbeitet, Empathie schult und kollektives Gedächtnis sichert; gestützt auf Denker wie Paul Ricœur oder die Care-Ethik beschreibt er das Erzählen als Technologie des Selbst und als Instrument symbolischer Wiedergutmachung. Die Rezension arbeitet diese Leitthese pointiert heraus, würdigt die analytische Breite und den theoretischen Eklektizismus, problematisiert jedoch zugleich die normative Engführung: Indem Gefen Literatur primär als „Heilmittel“ liest, droht ihre ästhetische Eigenlogik zugunsten eines ethischen Utilitarismus zu verschwinden. So erscheint das Buch selbst als exemplarischer Ausdruck jener Tendenz, die es beschreibt – eine engagierte, wirkungsorientierte Literaturtheorie, die zwischen Diagnose und Programmatik wechselt.

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Stille nach dem Sturm: Cécile Guilbert

Cécile Guilbert hat sich in früheren Werken wie dem Roman „Les Républicains“ (2017) und der Chroniksammlung „Roue libre“ (2020) als scharfsinnige Diagnostikerin des politischen, intellektuellen und stilistischen Niedergangs Frankreichs und der Gesellschaft etabliert. Ihr jüngstes Buch „Feux sacrés“ (2025) stellt jedoch eine bemerkenswerte Verschiebung dar, indem es sich einer autobiografischen und spirituellen Selbstreflexion zuwendet, die durch persönliche Verluste und die Suche nach Sinn in indischer Philosophie ausgelöst wird. Dieser Aufsatz untersucht, wie diese Hinwendung zu einer „radikalen Innerlichkeit“ in „Feux sacrés“ nicht als Resignation, sondern als eine fortgesetzte, wenn auch andersartige Form des Widerstands gegen die diagnostizierten Dekadenzerscheinungen der modernen Welt verstanden werden kann.

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Technische Notiz des Schreibautomaten: Sigolène Vinson

„Les Jouisseurs“ (2017) erzählt die Geschichte von Olivier, einem unter Schreibblockade leidenden Autor, der einen Automaten namens „L’Écrivain“ stiehlt, um seinen Roman zu verfassen, während seine Partnerin Éléonore Psychopharmaka konsumiert und in ihren Halluzinationen ebenfalls den Automaten nutzt, um die Geschichte von Ole und Léonie zu imaginieren. Parallel dazu entfaltet sich die Erzählung von Ole und Léonie, einem Paar von Schmugglern im Marokko des frühen 20. Jahrhunderts, die ebenfalls versuchen, ihrer Melancholie durch ihre „Caravane de débauche“ zu entfliehen. Der Roman erforscht dabei über Epochen und Orte hinweg die zentrale Frage, ob intensive Sinnesfreude („jouissance“) eine Flucht vor der Brutalität des irdischen Daseins ermöglichen und zu wahrer Lebensfreude führen kann.

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Geplante Obsolenz: Guillaume Poix

Im Roman „Les fils conducteurs“ (2017), ausgezeichnet mit dem Prix Wepler-Fondation La Poste, konfrontiert uns Guillaume Poix mit den Widersprüchen des westlichen Idealismus, den verheerenden Folgen der globalen Konsumgesellschaft und der moralischen Korruption, die sich einstellt, wenn wohlmeinende Absichten auf komplexe Realitäten der Ausbeutung treffen. Der Roman, der uns in die gefährliche Welt der Elektroschrottdeponie Agbogbloshie in Ghana entführt, erzählt die parallelen Geschichten des französisch-schweizerischen Fotojournalisten Thomas und des jungen ghanaischen Jungen Jacob. Die zentrale Problemstellung des Romans ist die Demontage westlicher Überheblichkeit und Naivität, die sich in der Figur Thomas‘ manifestiert. Der Fotograf Thomas, getrieben von seinem Idealismus und dem Wunsch nach Relevanz, will die ökologische Katastrophe und illegale Recyclingpraktiken in Agbogbloshie aufdecken. Doch seine Reise wird zu einem moralischen Abstieg, der ihn zur Mitschuld an einer Tragödie werden lässt. Die Erzählung problematisiert, wie der westliche Blick, der zwischen Dokumentation und Voyeurismus schwankt, letztlich zur Komplizenschaft beiträgt.

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Briefroman im Datennetz: Sandra Lucbert

Sandra Lucberts Roman „La Toile“ (zu Deutsch: „Das Netz“) ist eine Reflexion über Literatur im Zeitalter der digitalen Kommunikation und künstlichen Intelligenz. Durch seine spezifische Form und die komplexe Verflechtung von Technologie, Macht, Beziehungen und Identität beleuchtet der Text fundamentale Fragen von Autorschaft und Authentizität in einer zunehmend vernetzten Welt. Der Buchumschlag von Sandra Lucberts Roman „La Toile“ spielt auf „Les Liaisons dangereuses“, den kanonisierten Briefroman von Choderlos de Laclos aus dem 18. Jahrhundert, an. Dieser Vergleich erweist sich als fruchtbar für die Interpretation, da er La Toile als eine Transformation des Briefromans ins digitale Zeitalter kennzeichnet und die klassischen Themen Macht, Manipulation und Verletzlichkeit in den Kontext vernetzter Kommunikation überträgt.

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Gerade den Ausnahmezustand und die Ausgangssperre ausgerufen

[Aus Anlass der Pariser Sommerunruhen 2023]

Ne parvenant pas à dormir et définitivement lassé par les reportages de la télévision nationale algérienne, je me suis mis à chercher des nouvelles de la France à travers les canaux lointains et neigeux d’un mauvais téléviseur. J’ai fini par identifier la silhouette floue mais familière d’un présentateur du journal de la nuit. J’étais curieux de savoir comment la mort de Machelin allait être traitée.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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