Das Sumpfland als Gedächtnis: Wiederholung und Begehren bei Serge Joncour
Serge Joncours Roman „Une histoire d’amour“ (2026) erzählt zwei Liebesgeschichten im Wechsel, getrennt durch genau zweihundert Jahre und doch an denselben verwunschenen Landstrich gebunden: 1824 verliebt sich die Baronstochter Joséphine in den Landarzt Rodolphe, während ihr Vater die Verbindung mit einem inszenierten eigenen Verschwinden zu sabotieren sucht, 2024 betrügt der aus Paris zugezogene Zeichner Franck seine Frau Léa mit der Nachbarin Kelly, deren Mann Joss am selben Weiher spurlos verschwindet, just als Franck aus einem gefundenen Tagebuch eine Graphic Novel über das historische Paar entwickelt. Der Aufsatz argumentiert, dass diese Doppelstruktur keine bloße Formspielerei, sondern das eigentliche Thema des Romans ist: Statt eine Ursache für die Wiederholung zu behaupten, arbeitet der Text mit Analogie statt Kausalität und macht damit Literatur selbst, ihr Verfahren des Zitierens, Spiegelns und Fortschreibens, zum Gegenstand, eine These, die sich von der Gattungsmischung über Raum- und Zeitstruktur bis zur autopoetologischen Dimension des zeichnenden Liebhabers Franck zieht. Ein eigenes Kapitel liest den Roman als Erkundung der France profonde und zeigt, wie soziale Distinktion, Bargeldökonomie und eine zersplitterte Erbengemeinschaft historisch sedimentieren, während das mythisch aufgeladene Sumpfland und die banale Gewerbezone am Ortsrand zwei gleichermaßen zutreffende, doch unversöhnte Bilder des ländlichen Raums liefern. Der Aufsatz schließt, indem er zeigt, wie der offene, ungeklärte Schluss der Gegenwartshandlung bewusst gegen den geschlossenen, institutionell verewigten Ausgang der historischen Handlung gesetzt wird, sodass die Gegenwart sich selbst erst im Spiegel der Vergangenheit zu verstehen beginnt.
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