Die reparative Wende: warum Literatur heute mehr tun soll als erzählen

Die Rezension stellt Alexandre Gefens Essay „Réparer le monde: la littérature française face au XXIe siècle“ (2017, engl. 2024) als ebenso ambitionierte wie symptomatische Diagnose der Gegenwartsliteratur vor: An die Stelle der ästhetischen Autonomie des 20. Jahrhunderts tritt ein „reparatives“ Paradigma, in dem Literatur als therapeutische, soziale und ethische Praxis begriffen wird. Gefen kartografiert anhand eines bewusst offenen Korpus – von Annie Ernaux bis zu klinischen Fallberichten – eine Literatur, die Identität stiftet, Traumata bearbeitet, Empathie schult und kollektives Gedächtnis sichert; gestützt auf Denker wie Paul Ricœur oder die Care-Ethik beschreibt er das Erzählen als Technologie des Selbst und als Instrument symbolischer Wiedergutmachung. Die Rezension arbeitet diese Leitthese pointiert heraus, würdigt die analytische Breite und den theoretischen Eklektizismus, problematisiert jedoch zugleich die normative Engführung: Indem Gefen Literatur primär als „Heilmittel“ liest, droht ihre ästhetische Eigenlogik zugunsten eines ethischen Utilitarismus zu verschwinden. So erscheint das Buch selbst als exemplarischer Ausdruck jener Tendenz, die es beschreibt – eine engagierte, wirkungsorientierte Literaturtheorie, die zwischen Diagnose und Programmatik wechselt.

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Alain Finkielkraut zwischen Kulturkritik und politischer Reflexion

Alain Finkielkrauts „Le cœur lourd“ (Gallimard, 2026) ist ein persönliches und zugleich diagnostisches Porträt des 1949 geborenen Intellektuellen, der sich als „Verwaister“ in einer Welt im Umbruch erlebt. Die Rezension hebt hervor, dass das Buch, geführt in Gesprächen mit Vincent Trémolet de Villers, nicht nur die Nachkriegsbiografie Finkielkrauts und seine Zugehörigkeit zur „post-Shoah“-Generation reflektiert, sondern auch die Bedrohungen von Sprache, Kultur und Identität in der Gegenwart kritisch analysiert. Zentrale Themen sind die Verantwortung gegenüber der eigenen historischen und jüdischen Identität, die Sorge um Frankreich und Israel, der Verlust der Hochkultur und der Bildung sowie die Nostalgie für eine vergangene, harmonische Welt. Finkielkraut präsentiert sich als melancholischer Chronist, der zugleich konkrete politische, ethische und ökologische Vorschläge macht – von der Rettung der Sprache über die integrale Ökologie bis hin zu einem Modell konservativ-liberal-sozialistischer Werte –, und zeigt damit, wie das persönliche Erleben, die philosophische Reflexion und die Sorge um die Zukunft untrennbar miteinander verbunden sind.

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Schreiben gegen die Grenze: Utopie Babel bei Leïla Slimani

Leïla Slimanis Essay „Assaut contre la frontière“ (Gallimard, 2026) ist eine dichte Selbstverortung zwischen Sprachen, Kulturen und politischen Diskursen: Ausgehend von einem alptraumhaften Gerichtsszenario, in dem die falsche Sprache zur existenziellen Schuld wird, entfaltet der Text eine autobiographisch grundierte Reflexion über Mehrsprachigkeit als Identitätsraum und deren Verlust als genealogische Wunde – von der vielsprachigen Kindheit über die kolonial geprägte Bildung des Vaters bis zur eigenen Entfremdung vom Arabischen, das als „Phantomsprache“ im Schreiben fortlebt. Slimani verbindet diese persönliche Sprachgeschichte mit einer scharfen Analyse globaler Machtverhältnisse: der Hierarchisierung von Sprachen im postkolonialen Raum, der Exotisierung „maghrebinischer“ Literatur, der politischen Instrumentalisierung des Arabischen nach dem 11. September und der Illusion einer „reinen“ Sprache, die sie als ideologisches Konstrukt entlarvt. Dem setzt sie eine Poetologie des Romans entgegen, die Literatur als radikale Praxis der Empathie und der Perspektivenvielfalt versteht – als Bewegung über Grenzen hinweg, die gerade im Akt der Übersetzung ihre Fortsetzung findet. Slimanis Argumentation ist nicht linear, sondern essayistisch verdichtet: Sie verschränkt autobiographische Szenen mit intertextuellen Bezugnahmen (von Canetti über Barthes bis Camus) und kulturpolitischen Diagnosen, um zu zeigen, dass Schreiben selbst ein Akt der Grenzüberschreitung ist. Indem sie Babel vom biblischen Strafort zur utopischen Chiffre einer pluralen Welt umdeutet, erscheint Literatur hier als Gegenmacht zu sprachlichen und politischen Abschottungen – als ein „Angriff auf die Grenze“, der nicht in der Rückkehr zu einer verlorenen Einheit besteht, sondern in der produktiven Anerkennung von Differenz.

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Autofiktionales Zeugnis, therapeutisches Schreiben und Selbstermächtigung: Gisèle Pelicot

Der Artikel liest Gisèle Pelicots „Et la joie de vivre“ (2026, zit. als EJV) nicht als bloße Aufarbeitung eines spektakulären Strafprozesses, sondern als literarisch reflektierte Selbstkonstitution durch Sprache: Der Text erzählt die Geschichte einer Frau, die nach der schockartigen Enthüllung systematischer Gewalt – vermittelt über die fragmentarische, dissoziative Struktur des Erinnerns, über Rückblenden in eine von Verlust geprägte Kindheit und über die schrittweise Eskalation der Verbrechen ihres Mannes – ihr eigenes Ich erst wieder hervorbringen muss, indem sie es erzählt. Zentral ist dabei die Verschiebung von Scham und Deutungshoheit: Ausgehend von einer internalisierten Beschämung, die sich in der Unfähigkeit artikuliert, das Geschehene als eigenes Erleben anzuerkennen („Non, ce n’est pas moi“), entwickelt das Buch eine Poetik der Wiederaneignung, in der Benennung, Namenswahl und Erzählinstanz zu Akten der Selbstermächtigung werden. Die narrative Organisation folgt dabei nicht der Chronologie des Geschehens, sondern der Logik des Traumas – in Schichten, Brüchen und Wiederholungen –, während wiederkehrende Motive wie das Ritual des gedeckten Frühstückstisches oder die Lichtsymbolik der Landschaften Gegenräume zur Gewalt eröffnen. Im letzten Teil kulminiert diese Bewegung im öffentlichen Gerichtsprozess, der als Bühne eines gesellschaftlichen Diskurses über patriarchale Gewalt inszeniert wird und in Pelicots Entscheidung zur Transparenz seinen politischen Höhepunkt findet: „La honte doit changer de camp“ wirkt als ethische und strukturelle Peripetie. Die Lektüre analysiert diese Entwicklung als konsequent autofiktionales Projekt, das zwischen therapeutischem Schreiben und literarischer Gestaltung vermittelt: Sie zeigt, wie Pelicots Text implizit eine Poetik entwirft, in der Schreiben weder Dokumentation noch Fiktion ist, sondern eine existentielle Praxis, die das Subjekt überhaupt erst hervorbringt. Zugleich liest der Artikel die lebensbejahende Tonlage – die vielfach als „Hymne an die Resilienz“ rezipiert wurde – nicht als affirmative Glättung, sondern als hart erarbeitete Gegenlektüre zur Gewalt, die sich in unspektakulären Gesten der Autonomie (allein leben, den eigenen Namen wählen, lieben können) manifestiert. Die Argumentation zielt damit darauf, das Buch aus der Sphäre des rein Zeugenschaftlichen zu lösen und als literarisch anspruchsvolle, formal reflektierte und politisch wirksame Arbeit zu begreifen, deren eigentliche Radikalität in der Behauptung liegt, dass das Wiederfinden der eigenen Worte identisch ist mit dem Wiederfinden des eigenen Lebens.

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Ein Montaigne für jetzt

Ausgehend von der These einer „textuellen Mobilität“ klassischer Werke skizziert die Rezension zunächst anhand von Deutungen bei Michel Foucault, Antoine Compagnon, Tiphaine Samoyault und aktuellen politischen Aneignungen die außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit von Michel de Montaignes Essais in Moderne und Gegenwart. Vor diesem Hintergrund wird der von Olav Krämer, Andrea Grewe und Susanne Schlünder herausgegebene Sammelband „Die internationale Rezeption von Michel de Montaignes Essais: Formen, Deutungen, Konjunkturen“ (De Gruyter, 2026) vorgestellt, der diese Beweglichkeit erstmals systematisch in internationaler Perspektive dokumentiert. Die Rezension konzentriert sich dabei insbesondere auf jene Beiträge, die die Rezeption Montaignes im 19. und 20. Jahrhundert sowie in gegenwärtigen philosophischen und politischen Diskursen untersuchen – etwa die Studien zu Flaubert, Nietzsche, Derrida und zur politischen Instrumentalisierung des Skeptikers. So erscheint der Band weniger als lückenlose Gesamtschau denn als materialreiche Grundlage für eine Geschichte der modernen Aneignungen Montaignes, die die eingangs entwickelte These bestätigt: Die Autorität der Essais beruht nicht auf einem fixierten Urtext, sondern auf ihrer fortwährenden Variation, Übersetzung und ideologischen Umdeutung.

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Textuelle Mobilität: Tiphaine Samoyault und ihr Plädoyer für eine agonistische Philologie

Die Doppelrezension von Tiphaine Samoyaults Büchern „Toutes sortes de Misérables“ (2026, zit. als TSM) und „Traduction et violence“ (2020, zit. als TEV) stellt zwei unterschiedliche, jedoch komplementäre Zugänge zur Transformation literarischer Texte vor und nutzt deren Zusammenschau, um einen grundlegenden Wandel im literaturwissenschaftlichen Werkverständnis zu diskutieren: Während TSM anhand der globalen Rezeptions- und Bearbeitungsgeschichte von „Les Misérables“ von Victor Hugo eine Theorie des Klassikers als Resultat unaufhörlicher Variation entwickelt – der Klassiker existiert demnach nicht trotz, sondern wegen seiner Umschreibungen, Kürzungen, Übersetzungen und Adaptionen –, analysiert TEV die Übersetzung als konflikthaften Akt kultureller Transformation, der nicht nur Verständigung ermöglicht, sondern auch Aneignung, Reduktion von Alterität und politische Machtverhältnisse sichtbar macht; gemeinsam führen beide Studien zu einer konsequent prozessualen Auffassung des literarischen Textes. Die Doppelbesprechung macht deutlich, dass Samoyault in beiden Büchern die Vorstellung eines stabilen, souveränen Originals unterläuft und stattdessen eine Poetik der „textuellen Mobilität“ formuliert: In der Analyse der unzähligen Versionen von Figuren wie Cosette zeigt sie exemplarisch, dass gerade die Vervielfältigung der Varianten die kulturelle Erinnerbarkeit eines Werkes garantiert, während ihre Übersetzungstheorie den scheinbar harmonischen Diskurs der kulturellen Vermittlung durch das Konzept einer „agonistischen“ Übersetzung ersetzt, die Differenz und Reibung bewusst erhält. In der Zusammenschau erscheint Variation somit als doppelte Bewegung – einerseits als Überlebensstrategie des Klassikers im kulturellen Gedächtnis, andererseits als konflikthafte Praxis der sprachlichen und politischen Aushandlung. Die Doppelrezension liest beide Bücher daher als theoretisch miteinander verschränkte Interventionen gegen einen statischen Werkbegriff: Literatur entsteht nicht aus der Unveränderlichkeit eines Ursprungs, sondern aus der fortgesetzten Transformation durch Lektüre, Bearbeitung und Übersetzung. Damit verschiebt Samoyault den Fokus der Literaturwissenschaft von der Autorität des Originals auf die Dynamik seiner Zirkulation in Raum und Zeit und fordert eine Philologie, die nicht mehr den „einen“ Text zu fixieren versucht, sondern die Prozesse untersucht, durch die Texte sich verändern, vervielfältigen und in neuen historischen und politischen Konstellationen wirksam werden.

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Pascal Bruckner: der Philosoph als Sohn

In „Un bon fils“ (2014, zit. BF) und dem jüngsten Buch „De mère inconnue“ (2026, zit. MI) unternimmt der nouveau philosophe Pascal Bruckner eine doppelte familiäre Selbstbefragung, die zugleich als intellektuelle Biografie gelesen werden kann. Während BF die gewaltvolle und ideologisch verhärtete Vaterfigur porträtiert – einen antisemitischen und autoritären Mann, dessen Weltbild den jungen Bruckner zugleich prägte und zur Abgrenzung zwang –, rekonstruiert MI die lange Zeit im Schatten stehende Geschichte der Mutter. Die beiden Bücher bilden damit ein komplementäres Diptychon: Auf der einen Seite steht der Vater als Symbol eines repressiven, ressentimentgeladenen Denkens, auf der anderen die rätselhafte, teilweise abwesende Mutter, deren Biografie Fragen nach Herkunft, Identität und emotionaler Überlieferung aufwirft. Zusammen entwerfen diese autobiografischen Texte eine Genealogie der intellektuellen Selbstpositionierung Bruckners. – Die Rezension zeigt, wie sich aus dieser familiären Konstellation zentrale Motive von Bruckners essayistischen Publikationen erklären lassen. Seine Kritik an westlicher Schuldideologie (in Werken wie „La tyrannie de la pénitence“, „Le sanglot de l’homme blanc“ oder „Je souffre donc je suis“) erscheint vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung von Schuld, Autorität und moralischer Selbstbefragung neu lesbar. Ebenso lässt sich seine Analyse moderner Opferdiskurse mit der Auseinandersetzung mit familiären Macht- und Opferrollen verbinden. Die Rezension argumentiert daher, dass BF und MI nicht nur autobiografische Dokumente sind, sondern Schlüsseltexte zum Verständnis von Bruckners ideologiekritischem Werk: In ihnen verschränken sich Familiengeschichte, moralische Reflexion und politische Essayistik zu einer intellektuellen Selbstdeutung.

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Historische Wahrheit im Zeitalter von KI und Identitätspolitik: Jean-Frédéric Schaub

Jean-Frédéric Schaubs Streitschrift „Le passé ne s’invente pas“ bringt die Geschichtswissenschaft als letzte Bastion gegen Desinformation, digitale Manipulation und identitäre Geschichtspolitik in Stellung. Vor dem Hintergrund generativer KI, politischer Propaganda und eines wissenschaftsfeindlichen Relativismus entwirft Schaub eine ebenso methodische wie politische Verteidigung der historischen Wahrhaftigkeit: Geschichte, so seine These, ist keine literarische Spielart, sondern eine auf materielle Spuren gegründete Wissenschaft, deren Kern die Anerkennung der „Unverfügbarkeit“ der Vergangenheit bildet. Die Rezension zeichnet nach, wie Schaub sich gegen uchronische Entwürfe wie Binets „Civilizations“, gegen narrative Theorien im Gefolge von Hayden White und gegen „reparative“ Imaginationen – etwa bei Saidiya Hartman – abgrenzt, während er Autoren wie Patrick Modiano und dessen „Dora Bruder“ als Beispiel einer literarischen Ethik des Verzichts würdigt. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob das Aushalten der Lücken – statt ihrer poetischen Auffüllung – tatsächlich die einzig legitime Form epistemischer Gerechtigkeit darstellt. Die Besprechung arbeitet die innere Logik von Schaubs Argumentation heraus, beleuchtet seine Kritik an Relativismus und „Ventriloquismus“ und diskutiert, inwiefern seine strikte Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Literatur im Zeitalter hybrider Formen überzeugt – oder neue Spannungen zwischen Faktentreue und moralischer Imagination erzeugt.

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Die kalte Sprache der Akten. Wie Frankreich seine Homosexuellen verwaltete: David Alliot

In „Les secrets de Sodome: un siècle et demi d’homosexualité clandestine“ (Plon, 2025) rekonstruiert David Alliot auf der Grundlage der Archive der Pariser Polizeipräfektur den klandestinen Alltag homosexueller Männer zwischen 1830 und 1981. Sein Zugriff ist explizit nicht apologetisch, sondern analytisch: Aus der „administrativen Kälte“ von Registern, Observationsberichten und Razzia-Protokollen arbeitet er heraus, wie Staat und Gesellschaft eine formal seit 1791 nicht mehr strafbare, kulturell jedoch geächtete Minderheit überwachten, klassifizierten und moralisch pathologisierten. Treffpunkte wie hôtels garnis, Bälle im Magic City oder die Vespasiennes erscheinen dabei als soziale Mikroräume, in denen sich Begehren, Angst und Kontrolle kreuzten; zugleich werden individuelle Biografien – vom Aristokraten bis zum Stricher, vom Chansonnier bis zum Aktivisten – aus der Anonymität der Akten befreit. Das Ergebnis ist eine weitgespannte Sittengeschichte, die den Wandel der Repression von monarchischer Ächtung über die biopolitische Moral der Dritten Republik und die diskriminierende Gesetzgebung von 1942 und der Fortführung unter De Gaulle bis zur Zäsur von 1981 nachzeichnet. Alliot zeigt, dass die Abschaffung der Kriminalisierung für „Sodomie“ keineswegs gesellschaftliche Akzeptanz bedeutete, sondern einer Epoche subtiler Überwachung wich, in der Identitäten katalogisiert statt Taten verfolgt wurden. Erst mit dem politischen Umbruch unter François Mitterrand endete die systematische polizeiliche Erfassung; 1982 folgte die rechtliche Gleichstellung. Doch das Buch schließt mit einer ernüchternden Einsicht: Rechte sind historisch kontingent – jede Krise kann die alten Reflexe moralischer Ausgrenzung reaktivieren.

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1966 oder die Geburt unserer Gegenwart: Antoine Compagnon

Antoine Compagnons „1966, année mirifique“ (Gallimard, 2026) rekonstruiert das Jahr 1966 nicht als bloßen historischen Zeitpunkt, sondern als epistemologischen Wendepunkt der französischen Moderne. Ausgehend von Presse, Literatur, Theorie, Film, Alltagsobjekten und politischen Debatten zeigt Compagnon, wie sich in diesem Jahr langfristige Trends kreuzten: die Vermassung der Hochschulen, der Aufstieg der Jugend zur ökonomischen Klasse, der Durchbruch der Konsumgesellschaft, die Kanonisierung von Theorie und Strukturalismus sowie der Eintritt der Shoah in das französische kollektive Gedächtnis. Figuren wie Foucault, Barthes, Aragon, Malraux oder Sartre stehen dabei weniger als isolierte Genies im Zentrum, sondern als Symptomträger eines tiefgreifenden Wandels, in dem der Humanismus des 19. Jahrhunderts und der existenzialistische Sinnbegriff durch Systemdenken, Zeichenlogik und technokratische Rationalität ersetzt werden. 1966 erscheint so als eigentlicher Scheitelpunkt zwischen alter Ordnung und neuer Welt: Die Jugend wird über Konsum integriert, Kultur zur Ware, Theorie zur neuen Leitwährung der Intellektuellen, während die politischen Explosionen von 1968 bereits strukturell vorbereitet sind. Die Rezension liest Compagnons Buch als Genealogie unserer Gegenwart. Sie arbeitet seinen skeptischen Ton heraus, indem sie die von Compagnon beschriebene Massenexpansion der Bildung als Ursprung heutiger „Potemkin-Universitäten“ deutet, den Strukturalismus als ideologische Vorform einer algorithmisch verwalteten Welt interpretiert und die Jugendkultur von 1966 als Geburtsstunde des perfekten Konsumenten entlarvt. 1966 wird nicht nur erklärt, sondern moralisch befragt. Dabei arbeitet sie die innere Logik des Buches heraus – die Ersetzung von Sinn durch System, von Erfahrung durch Zeichen, mit einem Akzent auf Verlust, Entfremdung und Langzeitschäden. Kritisch reflektiert die Rezension zudem blinde Flecken des Buches, etwa die männlich dominierte Perspektive, die randständige Behandlung von Feminismus, Kolonialismus und Homosexuellenbewegung. Die Rezension macht deutlich, dass die „epistemologische Revolution“ von 1966 zwar brillant analysiert, aber sozial und politisch enger geführt wird, als es die Komplexität der Epoche erlauben sollte. Insgesamt liest die Rezension Compagnon weniger als Chronisten eines Wunderjahres denn als unbeabsichtigten Zeugen einer verhängnisvollen Weichenstellung.

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Zwischen Rüstung und Riss: Virilität als Mythos, Männlichkeit als Erfahrung

Der Band „Masculinité“ (Grasset, 2025) versammelt literarische Texte, Essays und Reflexionen, die Männlichkeit nicht als feste Identität, sondern als historisch belastetes und gegenwärtig brüchiges Feld sichtbar machen. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen virilité und masculinité: Während Virilität das enge, normierende Ideal des harten, dominanten, unverwundbaren Mannes bezeichnet, zeigen die Beiträge die widersprüchlichen Erfahrungen realer Männer, die an diesen Erwartungen leiden oder an ihnen scheitern. Die Texte erzählen von Jungen, die früh in Rituale der Härte gezwungen werden, von Vätern, die Stärke weitergeben wollen und dabei Gewalt reproduzieren, von Körpern, die durch Arbeit, Sport, Beschneidung oder Migration geformt und gezeichnet sind, und von Männern, die zwischen kulturellen Modellen der Männlichkeit zerrieben werden. In der Einleitung diagnostiziert Dantzig Männlichkeit als historisch überladenes Machtkonstrukt, das zugleich privilegiert und deformiert und dessen dunkle Seiten – Dominanz, Gewalt, Zerstörung – nicht ausgeblendet werden dürfen. Die Präsentation von Habib-Rubinstein verschiebt diesen Befund in die literarische Praxis und liest den Band als Labor pluraler Stimmen, in dem keine neue Norm gesetzt, sondern Fragilität, Zweifel und Suchbewegungen sichtbar gemacht werden. So entsteht ein vielstimmiges Panorama einer Männlichkeit im Übergang: erschöpft vom Mythos der Virilität, offen für neue, unsichere und erzählbare Formen des Mannseins.

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Einsamkeit des Freien Mitarbeiters: Tahar Ben Jelloun

Tahar Ben Jellouns „Pigiste au Monde“ (Gallimard, 2026) liest sich wie ein Gang durch die Korridore einer mächtigen Zeitung – und zugleich wie das Protokoll einer langen, nie ganz gesicherten Zugehörigkeit. Aus fast vier Jahrzehnten freier Mitarbeit bei Le Monde formt Ben Jelloun kein Heldennarrativ, sondern das Bild eines Lebens „à la pige“, geprägt von Anerkennung und Austauschbarkeit zugleich. Der Pigist wird zur emblematischen Figur struktureller Prekarität: präsent im Zentrum kultureller Macht, aber ohne festen Ort darin. Le Monde erscheint dabei als ambivalentes Gebilde – demokratische Institution und soziales Mikrosystem zugleich –, durchzogen von Ritualen, Rivalitäten und stillen Hierarchien. Anschaulich schildert Ben Jelloun Redaktionsszenen, literarische Mittagessen, Machtspiele und Loyalitäten, während er seinen eigenen Weg vom Alphabetisierungslehrer zum publizierenden Intellektuellen nachzeichnet, stets begleitet von körperlicher Anspannung und existenzieller Unsicherheit. Seine Reportagen führen in Grenzräume: zu nordafrikanischen Arbeitern in den Banlieues, nach Mekka, in den Nahen Osten kurz vor politischen Verhärtungen. Dort schreibt er nicht als distanzierter Beobachter, sondern als Beteiligter und Zeuge – mit einer Haltung, die Objektivität als Genauigkeit und Ehrlichkeit versteht, nicht als Neutralisierung. Im letzten Drittel verdichtet sich das Buch zur Reflexion über Zugehörigkeit und Verrat: Ben Jellouns arabisch-muslimische Herkunft öffnet ihm Türen, macht ihn aber zugleich angreifbar. Diffamierungen nach der Mekka-Reportage, politische Interventionen, innerredaktionelle Abwehr und Konkurrenz unter maghrebinischen Autoren zeigen, wie brüchig seine Position bleibt. Immer wieder wird er gebraucht, selten vollständig anerkannt. Aus dieser Spannung entwickelt Ben Jelloun sein zentrales Argument: Schreiben ist für ihn der einzige verlässliche Ort der Zugehörigkeit – ein Raum zwischen Journalismus und Literatur, in dem Erfahrung, Empathie und Kritik zusammenkommen. „Pigiste au Monde“ ist so ein eindringliches Porträt intellektueller Einsamkeit und ein Plädoyer für einen Journalismus, der sich seiner Macht bewusst ist und sie nicht verleugnet.

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Globale Orte, geteilte Bedeutungen: Olivier Wieviorka und Michel Winock

Die Rezension widmet sich dem Sammelband „Les lieux mondiaux de l’Histoire de France“ (Perrin, 2025), der sich mit der Frage auseinandersetzt, wie bestimmte Orte zu globalen Bezugspunkten werden und welche kulturellen, literarischen, historischen und politischen Bedeutungen sich an ihnen verdichten. Der Band versammelt interdisziplinäre Beiträge, die „Orte in der Welt“ nicht nur als geografische Fixpunkte, sondern als dynamische Räume der Erinnerung, der Macht, der Migration und der Imagination analysieren. Die Rezension arbeitet die zentralen theoretischen Prämissen des Bandes heraus, insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen lokaler Verankerung und globaler Zirkulation von Bedeutungen. Zugleich diskutiert sie die methodische Vielfalt der Beiträge sowie deren Ertrag für aktuelle raumtheoretische und kulturwissenschaftliche Debatten. Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage, inwiefern „Les lieux mondiaux“ neue Perspektiven auf die symbolische Konstruktion von Weltläufigkeit eröffnet und welche Impulse der Band für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Raum, Globalisierung und kultureller Übersetzung liefert.

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Doukipudonktan: Die Geschichte des Französisch-Schreibens bei Gabriella Parussa

In ihrer Studie „Écrire le français“ (2025) zeichnet die historische Linguistin Gabriella Parussa die Geschichte des Französisch-Schreibens als komplexen, sozialen und kulturellen Prozess nach. Das Buch zeigt, wie das gesprochene Französisch über Jahrhunderte hinweg seinen Weg in die Schrift fand, welche politischen, institutionellen und technischen Entscheidungen die Orthographie prägten und warum das lateinische Alphabet trotz seiner Unzulänglichkeiten übernommen wurde. Parussa verbindet historische Detailkenntnis mit einer kritischen Gegenwartsdiagnose und macht deutlich, dass das französische Schriftsystem historisch kontingent, sozial umkämpft und funktional vielschichtig ist – von der ersten Fixierung im 9. Jahrhundert bis zu den digitalen Schreibpraktiken der Gegenwart. Die Rezension zeigt, wie Parussa nicht nur die Entstehung der Norm, sondern auch literarische und spielerische Nutzungsmöglichkeiten historisch einordnet. Anhand von Fallbeispielen wie Jacques Peletier du Mans und Raymond Queneau zeigt die Besprechung, dass Reform und ästhetische Reflexion zwei komplementäre Perspektiven auf dasselbe Phänomen bieten: Die französische Orthographie als kulturelles Reservoir und soziales Instrument. Die Rezension beleuchtet zudem die Anschlussfähigkeit des Buches an Literaturgeschichte, Poetik und Literatursoziologie und macht deutlich, wie Parussas Arbeit das Schreiben selbst als historisch gewachsene, reflexive Praxis sichtbar macht.

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Literatur als eigenständige Denkform: François Jullien

In „Puissance du pensif ou comment pense la littérature“ (2025) entwickelt der Sinologe François Jullien eine Meditation über die Literatur als eigenständigen Denkmodus, der sich grundlegend vom begrifflichen Denken der westlichen Philosophie unterscheidet. Literatur „denkt“, so Jullien, nicht durch Definition, Argumentation oder Abschluss, sondern durch Indirektheit, Dauer, Offenheit und Affektivität: Sie evoziert, erzählt, verzögert und lässt Sinn in Schwebe, wodurch sie einen Zustand der Nachdenklichkeit (pensivité) erzeugt, der das Leben in seiner prozessualen, unbestimmten Existenz erfahrbar macht. Die Rezension arbeitet heraus, wie Jullien diese literarische Denkform historisch an der Schwelle zur Moderne verortet, systematisch von der westlichen Ontologie des Seins abgrenzt und in ein produktives Spannungsverhältnis zum chinesischen Denken von Prozess, Wirksamkeit und Umweg stellt. Sie diskutiert Julliens zentrale Begriffe für eine Literatur der Nachdenklichkeit (Indirektheit, Ambiguität, Indexikalität, Affektivität) und die Verbindung von theoretischer Argumentation und exemplarischer Lektüre (Balzac, Poesie). Zugleich wird deutlich, dass Julliens Buch nicht nur eine Theorie der Literatur, sondern auch eine implizite Kritik der Philosophie formuliert.

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Der Schriftsteller zu Pferde und die Krise der Dialektik: Pierre Drieu la Rochelle

Années noires

Pierre Drieu la Rochelle ist eine zutiefst widersprüchliche Figur der Literaturgeschichte, dessen Werk oft ideologisch blockiert rezipiert wurde. Er war ein produktiver Autor von Theaterstücken, Novellen, Gedichten, Romanen, Essays und journalistischen Beiträgen. Biografisch ist festzuhalten, dass Drieu einerseits ab den 1930er Jahren zu einem einflussreichen Fürsprecher des französischen Faschismus sowie einem Protagonisten der intellektuellen Kollaboration wurde. Andererseits heiratete er in erster Ehe eine jüdische Frau, liebäugelte nie aufhörend mit dem Kommunismus und nutzte seine Verbindungen zur Deutschen Botschaft, um nahestehende Freunde wie Jean Paulhan vor Verfolgung zu schützen. Seine ästhetische Qualität ist unumstritten, wobei die Beurteilung seines Schaffens stets eng mit seiner politischen und moralischen Kompromittierung verbunden ist. In Drieus Werk zeigt sich eine tiefe Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit, die von alternierendem Selbst- und Fremdhass sowie Kriegsphantasien geprägt ist.

Andreas Geislers wissenschaftliches Vorhaben, festgehalten in der Monographie L’écrivain à cheval: das Erzählwerk Pierre Drieu la Rochelles zwischen Moderne, Antimoderne und Postmoderne (Brill Fink, 2024), zielt auf eine umfassende Neulektüre von Pierre Drieu la Rochelles Prosa. Das Kernanliegen der Arbeit ist es, das Werk und den Menschen Drieu la Rochelle in ein sorgfältig abgewogenes Verhältnis zu bringen und so diejenigen Schichten sichtbar zu machen, die bisher hinter der Dominanz der biografischen und politischen Verortung des Autors verborgen blieben. Geislers Arbeit wurde an der Universität Bonn angefertigt. Der Anstoß für die Arbeit entstand in einem Seminar an der Universität Heidelberg, wo Catherine Péant Geislers Interesse für die widersprüchliche Literaturproduktion der années noires weckte. Paul Geyer, der Betreuer der Arbeit in Bonn, stellte auch den Kontakt zu Jean-François Louette an der Sorbonne her.

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Christlich-jüdisches Frankreich und identitäre Zwangsassimilation: Eric Zemmour

Die Präsidenten der Französischen Republik suchten jeweils eigene Wege, um das Spannungsverhältnis zwischen dem Selbstverständnis Frankreichs als historisch christlich geprägte Nation und den Prinzipien der strikt laizistischen Republik politisch auszugleichen. „La messe n’est pas dite“ (2025) präsentiert Éric Zemmours rechtsextreme Vision einer zivilisatorischen Wiedergeburt Europas durch eine Rückkehr zu seinen christlichen Fundamenten. In seiner Darstellung bildet das Christentum das historische, kulturelle und politische Fundament Europas. Daraus leitet er allerdings die Forderung nach einer intensiven autoritären Rechristianisierung ab, die sowohl juristische Maßnahmen (z. B. Einschränkungen der Vornamenswahl, Remigration, Einschränkung richterlicher Befugnisse) als auch eine kulturelle und moralische Umformung der Gesellschaft umfasst. Diese Neuordnung verbindet er mit der Idee einer „großen Allianz“ zwischen traditionalistischen Katholiken und assimilierten Juden, die gemeinsam den kulturellen Bestand Europas sichern sollen. – Die Rezension zeichnet nach, wie Zemmours Argumentation auf einer selektiven Geschichts- und Religionsdeutung beruht, die komplexe kulturelle und politische Dynamiken auf ein dualistisches Bedrohungsszenario reduziert. Sie zeigt, dass Zemmour Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Universalismus – Werte, die er selbst als christliches Erbe beschreibt – im Namen einer identitären Selbstbehauptung zurückdrängen will. Die Rezension zeigt auf, wie Zemmour sowohl den Islam als auch den modernen Liberalismus als monolithische Feindbilder konstruiert und dabei mit Doppelstandards operiert, etwa durch selektive Lektüre religiöser Texte oder die Vereinfachung historischer Beispiele. Darüber hinaus zeigt sie, wie Zemmour den Laizismus funktionalisiert, um ihn von einem Prinzip staatlicher Neutralität in ein Instrument kultureller Dominanz zu verwandeln. Zemmours Programm stellt weniger eine Verteidigung des christlich geprägten Erbes dar als vielmehr eine autoritär-identitäre Revision der republikanischen Tradition, die die Grundlagen der Fünften Republik grundlegend infrage stellt.

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Tiefenstrukturen des Antiliberalismus: die alternative Moderne der französischen Rechten

Baptiste Roger-Lacans Sammelband „Nouvelle histoire de l’extrême droite (France, 1780–2025)“ erzählt die Geschichte der französischen extremen Rechten als langlebige kulturelle Formation, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert immer wieder an Modernisierungsschüben, republikanischen Selbstbildern und gesellschaftlichen Konflikten reibt. Anstatt einzelne Organisationen oder Epochen isoliert zu betrachten, entwirft das Buch ein Panorama ideologischer Tiefenstrukturen – Antiliberalismus, ethnokulturelle Nationsvorstellungen, ästhetisierte Politik –, die sich über zweieinhalb Jahrhunderte hinweg erneuern, ohne zu verschwinden. Die extreme Rechte erscheint so nicht als Randphänomen, sondern als produktive Gegenbewegung zur französischen Moderne, die deren Versprechen und Brüche widerspiegelt. Die Rezension würdigt diesen Ansatz als präzise genealogische Arbeit, die zeigt, wie rechte Ideologeme sich an veränderte Medien, Akteure und politische Situationen anpassen und daraus ihre historische Beständigkeit beziehen. Zugleich deutet der Band die Gegenwart nicht als Ausnahmezustand, sondern als Kulminationspunkt eines langen Transformationsprozesses: Durch metapolitische Strategien, kulturelle Verschiebungen und digitale Beschleunigung ist die extreme Rechte zu einem dauerhaft anschlussfähigen Akteur geworden. Ihre Normalisierung erklärt sich aus langfristigen Kontinuitäten, in denen alte Diskurse – Bedrohungsnarrative, Identitätspolitik, Krisensensibilitäten – in neuen Formen wiederkehren. Damit zeigt das Buch, dass die politische Stärke der extremen Rechten im Frankreich des 21. Jahrhunderts nur vor dem Hintergrund einer longue durée verständlich wird, in der kulturelle Unruhe, Modernitätskritik und nationale Imaginationen fortwährend neu konfiguriert werden.

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Zum Mut wie zur Feigheit: Jérôme Garcin über Literatur in der Zeit der Occupation

Jérôme Garcin legt in „Des mots et des actes: les belles-lettres sous l’Occupation“ (Gallimard, 2024) eine moralisch zugespitzte Analyse der französischen Literaturszene während der deutschen Besatzung vor und zeigt, wie Worte zu Werkzeugen der Unterwerfung oder des Widerstands werden konnten. In pointierten Porträts von Kollaborateuren wie Brasillach, Céline, Morand oder Chardonne sowie Widerstandsfiguren wie Prévost, Decour und Lusseyran demonstriert er, dass literarisches Genie moralische Schuld nicht relativiert, sondern verschärft. Leitend ist die von ihm entwickelte „échelle de Prévost“, ein Maßstab, der die Verbindung von ethischer Haltung und schriftstellerischer Praxis bewertet. Garcin zeigt, wie eine kulturelle Elite trotz Massenmord und Repression ein schillerndes Pariser Kulturleben pflegte und wie bis heute ein ästhetischer Kult um kollaborationistische Autoren besteht, während Widerstandsschriftsteller marginalisiert werden. Das Buch ist zugleich historische Abrechnung, moralischer Appell und intellektuelles Selbstporträt eines Lesers, der das „unschuldige Lesen“ aufgibt. Die Rezension hebt die doppelte Bewegung des Werks hervor: die historische Rekonstruktion des literarischen Feldes unter der Besatzung und Garcins selbstkritische Revision seiner eigenen Lektürehaltung. Sie betont, dass Garcin gegen die tradierte Trennung von Werk und Autor anschreibt und die Persistenz einer französischen „ästhetischen Amnesie“ sichtbar macht, die Kollaborateuren Bewunderung und Résistants nur pflichtschuldigen Respekt entgegenbringt. Die Besprechung arbeitet heraus, wie Garcin literarische Porträts mit strukturellen Argumenten (CNE, Generationenkonflikte, soziale Milieus) verbindet und damit eine moralische Re-Kanonisierung anstößt, die Verantwortung als unverzichtbare literaturkritische Kategorie rehabilitiert. Insgesamt liest die Rezension das Buch als dringlichen Beitrag gegen die Verharmlosung des kulturellen Verrats – und als Manifest gegen den fortwirkenden mythischen Glanz, der sich um die „Genies“ des Hasses spannt.

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Boualem Sansal begnadigt und freigelassen

Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune hat Boualem Sansal begnadigt (vgl. die vorangegangenen Artikel zu Sansal auf diesem Blog). Die Begnadigung erfolgte auf eine ausdrückliche Bitte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hin, der sich persönlich für den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels (2011) eingesetzt hatte.

Sansal ist 81 Jahre alt und leidet an Prostatakrebs. Steinmeier hatte in seiner Bitte den „fragilen Gesundheitszustand“ Sansals betont. Nach seiner Begnadigung traf Boualem Sansal am Abend des 12. November 2025 in Deutschland ein und befindet sich auf dem Weg zur medizinischen Versorgung in einem Krankenhaus. Die Freilassung wird international, insbesondere in Deutschland und Frankreich, als wichtige humanitäre Geste und Erfolg diplomatischer Bemühungen gewertet, nachdem frühere Bitten aus Frankreich abgelehnt worden waren.

Eine Analyse der medialen Narrative zeigt jedoch eine deutliche Spaltung zwischen einer primär humanitären Perspektive und einer geopolitischen Interpretation des Ereignisses.  

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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