Eine notwendige Gegenlektüre von Thélyson Orélien

Die Besprechung von Niklas Bender in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. September („Feigheit vor dem Thema?“) bietet eine aufschlussreiche Gegenlektüre zu meiner eigenen Besprechung von Thélyson Oréliens C’était ça ou mourir. Wo ich etwa in der episodischen Anlage des Romans, in der Flüchtigkeit seiner Nebenfiguren und in der wiederkehrenden Bildlichkeit von Körper, Lachen und …

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Von Tocqueville zu De Gaulle: die Furcht der Zweiten Republik vor dem Volk und ihr Weg ins Kaiserreich

Marie-Hélène Baylacs „La peur du peuple“ erzählt den Weg Frankreichs von der Ausrufung der Republik am 24. Februar 1848 bis zur Kaiserkrönung Napoleons III. am 2. Dezember 1852 als Geschichte einer Furcht, die stärker wirkt als jedes politische Programm: Bankette und Barrikaden, das Recht auf Arbeit und seine Zerschlagung in den Junitagen, der stille Machtaufbau Louis Napoleons und schließlich der Staatsstreich fügen sich bei ihr zu einer Kette von Szenen, in denen Besitzende, Klerus und selbst gemäßigte Republikaner immer wieder aus Angst vor der „sozialen“ Republik zur Ordnung zurückfinden, bis diese Ordnung eine Person findet, die sie verkörpert. Der Aufsatz legt die Architektur dieser Erzählung offen: Er zeigt, wie Baylac die Furcht als Strukturprinzip, nicht als Randmotiv behandelt, und macht sichtbar, dass sie diese These doppelt verankert, einmal politisch-theoretisch in Alexis de Tocqueville, der die Revolution von 1848 als Ausbruch „sozialer Leidenschaften“ voraussah und die Junitage später als Klassenkrieg deutete, und literarisch in Flaubert, Hugo, Balzac und Marie d’Agoult, deren Bilder von wogenden Menschenmengen und flüchtenden Kutschen die bürgerliche Angst in Sprache fassen. Zugleich formuliert die Rezension, was diese dichte, quellennahe Erzählung an analytischer Schärfe schuldig bleibt, etwa gegenüber der quantitativen Wahlforschung oder der neueren Emotionsgeschichte, und ordnet das Buch so zwischen erzählerischer Stärke und begrenztem Theorieanspruch ein.

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Foucault und der Shah: Frankreichs Intellektuelle, der Iran und die Komödie der Blindheit bei Gilles Martin-Chauffier

Gilles Martin-Chauffiers Roman „Nazanine“ (Albin Michel, 2026) erzählt von einem jungen Pariser Journalisten, der 1978 zwischen Nachtclub, Redaktionskonferenz und Vincennes die Iranerin Nazanine liebt, während in ihrer Heimat die Herrschaft des Schahs zerfällt. Nazanine kehrt nach Teheran zurück, um ihre schah-nahe Familie zu schützen, wirft in der Redaktion eine Tintenflasche auf den Philosophen Michel Foucault, der die Revolution als Aufbruch deutet, und wird schließlich mit falschem Pass aus dem Land gebracht. Der Epilog steht im Zeichen von Hinrichtungen und einer Hochzeit unter Vorbehalt. Der Aufsatz liest das Buch als Gegenerzählung zu Foucaults Iran-Reportagen, die 2026 bei Gallimard gesammelt erscheinen, und vertritt die These, der Roman wende die Komödie gegen sich selbst: Ein Erzähler, dessen Begabung im Bonmot liegt, gesteht rückblickend, wie sein Milieu den Iran als Spektakel, Idee und Kostümfrage konsumierte. Der Verlag nennt „Nazanine“ einen Liebesroman, weil die gesamte Handlung von der Beziehung des Paares getragen wird, vom Blitzschlag im Palace über den bretonischen Sommer, die Trennung und Versöhnung und die Rettung Nazanines mit falschem Pass bis zur Hochzeit, und weil die politischen Ereignisse (Khomeinis Ankunft, Schahflucht, Hinrichtungen) nur so weit erzählt werden, wie sie diese Liebe bedrohen, was der letzte Satz, „Ich hatte Angst“, ausdrücklich als Angst um die geliebte Frau fasst. Die Argumentation des Aufsatzes folgt vier Schritten. Sie beginnt bei der Erzählweise, die Komik und Selbstanklage verschränkt, und geht über eine Raumordnung, in der Teheran nie unmittelbar erscheint, sondern nur über Telefon, Kassette und Fernsehbild, zur Figur Foucaults, deren Formeln der Roman im Gegensatz von Tinte und Blut zur Handgreiflichkeit und schließlich zur Wirklichkeit von Erschießungen verdichtet. Die Geschlechterordnung dient dabei als Prüfstein, an dem sich zeigt, was von der Revolution zu erwarten war. Untersucht wird ausdrücklich die Romanfigur Foucault, nicht der historische Autor, und der Text bleibt dabei nicht bei der Abrechnung stehen, weil er auch den Erzähler, Xerxès und Nazanine selbst nicht entlastet.

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Marion Maréchal, „Si tu te sens Le Pen“ — eine kritische Lektüre

Marion Maréchals „Si tu te sens Le Pen“ (2026) will, das zeigt schon der Erscheinungszeitpunkt kurz nach dem Tod Jean-Marie Le Pens und mitten in der juristischen Unsicherheit um Marine Le Pens Kandidatur 2027, aus einem Familiennamen politische Legitimität machen und die eigene, durch den Bruch mit dem Rassemblement National und die gescheiterte Allianz mit Éric Zemmour beschädigte Loyalität rückwirkend als konsequente Erfüllung eines großväterlichen Auftrags erzählen. Dafür verknüpft das Buch, ausgehend von einem Autounfall im August 2025, die eigene politische Biographie – die Kandidatur 2012, den Rückzug 2017, die Hochschulgründung ISSEP, die Zemmour-Episode, die Parteigründung Identité Libertés – mit Positionen zu Migration, Islam, Geschlecht, Wirtschaft und einer international vernetzten Rechten von Meloni bis Trump. Der vorliegende Aufsatz zeigt, dass dieses doppelte Ziel – persönliche Rehabilitierung und politisches Programm – über eine Reihe wiederkehrender rhetorischer Verfahren erreicht werden soll, die selbst problematisch sind: eine Opfererzählung, die jede Kritik am Front National als bloße „diabolisation“ durch ein feindliches Establishment abtut, ohne deren historische Gründe zu benennen; eine genealogische Legitimation, die aus persönlichem Leid und Herkunft politische Notwendigkeit ableitet, ohne diesen Schluss zu problematisieren; eine Symmetrisierung, die etwa „anti-weißen Rassismus“ gegen tatsächlichen Rassismus oder „Gender-Ideologie“ gegen Frauenrechte in Stellung bringt und dabei strukturelle Machtunterschiede ausblendet; eine selektive religiöse Überhöhung, die den Katechismus zur Begründung restriktiver Migrationspolitik heranzieht, während unbequeme kirchliche Positionen relativiert werden; und eine internationale Vernetzung mit Trump, Vance und Meloni, die der eigenen Position den Anschein einer historischen Notwendigkeit verleihen soll. Der Aufsatz argumentiert, dass diese Verfahren keine Randerscheinung, sondern das eigentliche Strukturprinzip des Buches bilden – und macht deutlich, an welcher Stelle jedes einzelne Kapitel diese Muster im Detail einsetzt.

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Der Riss, der trägt: Charlotte Casiraghi

Charlotte Casiraghis „La Fêlure“ (Julliard, 2026) entfaltet in sechzehn Kapiteln und einem Epilog eine literarisch-philosophische Erkundung des Risses als Grundfigur menschlicher Existenz: Ausgehend von Fitzgeralds „The Crack-Up“, dessen französischen Titel sie sich leiht, versammelt die Autorin Colette, Balzac, Duras, Pavese, Akhmatova, Sand, Bachmann, von Arnim, Woolf, Freud, Dufourmantelle, Pascal, Moitessier, Juarroz und J. J. Cale zu einer Galerie von Figuren, die je auf eigene Weise mit einer Bruchstelle in sich selbst leben, und verwebt deren Lektüre mit eigenen, oft nur angedeuteten Erinnerungen, etwa an ihre klinische Arbeit mit essgestörten Jugendlichen oder an den Tod einer Freundin. Der vorliegende Aufsatz liest diese sechzehn Fallstudien nicht additiv, sondern als Spannungsgefüge: Er zeigt, wie Deleuzes Begriff der Fluchtlinie und Freuds Bild des vorgeprägten Kristallsprungs als zwei Pole fungieren, zwischen denen sich die einzelnen Kapitel bewegen, und wie ein geschlechtliches Muster, Ausdauer und Zeugenschaft bei den Frauen, Bewegung und Flucht bei den Männern, das Buch strukturiert. Aus dieser Analyse erwächst eine Gesamtdeutung, die dem Buch seine Redlichkeit zugesteht, zugleich aber fragt, ob die immer gleiche Abfolge aus Biografie, Zitat und Deutung nicht genau jene Vereinnahmung reproduziert, vor der das Buch selbst warnt; ein angefügtes Kapitel zur Presserezeption bestätigt diesen Befund von außen, indem es zeigt, dass auch die Kritik fast durchweg in denselben Gegensatz von Hochglanzbild und literarischer Tiefe einstimmt, den „La Fêlure“ zu seinem Thema macht.

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Das Alter als Streitfall: Simone de Beauvoir, Dominique Fernandez und Laure Adler

Der Aufsatz vergleicht drei Bücher, die im Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert und doch in einem erkennbaren Gespräch miteinander über das Altern geschrieben wurden. Simone de Beauvoirs „La Vieillesse“ (1970) entwirft, ausgehend von der These einer gesellschaftlichen „Verschwörung des Schweigens“, eine zweiteilige, sechshundert Seiten starke Untersuchung, die das Alter zunächst als Gegenstand von Biologie, Geschichte und Klassenverhältnissen beschreibt und dann als gelebte, oft entfremdete Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Zeit; Dominique Fernandez‘ „Tout n’est pas si noir“ (2026) tritt dem, mit siebenundneunzig Jahren geschrieben, ausdrücklich als Widerrede entgegen und stellt Beauvoirs Totalanspruch die Vielfalt einzelner Altersschicksale entgegen, belegt an Selbstporträts alternder Maler, an der eigenen, spät gefundenen Liebe und an literarischen Sterbeszenen von Tolstoi bis Hemingway; Laure Adlers „La Voyageuse de nuit“ (2020) schließlich, die sich ausdrücklich als Fortsetzung von Beauvoirs Kampf versteht, mischt beide Register in Form eines Reisetagebuchs, das Statistiken über Pflegeheime mit Alltagsszenen verbindet, etwa der Begegnung mit einem Jogger, der sich als Altersgenosse entpuppt, oder dem eigenen Vater, der ins Heim zieht und dabei alles zurücklässt. Der Aufsatz argumentiert, dass diese drei verschiedenen Formen, das philosophisch-politische Traktat, der assoziative Essay und das journalistisch grundierte Tagebuch, auf denselben blinden Fleck reagieren, ohne sich in ihren Antworten zu decken: Er verfolgt anhand wiederkehrender Themen wie Körper, Liebe, Tod und Geschlecht, wie jedes Buch konkrete Szenen aus Kunstgeschichte, Literatur oder eigenem Erleben gegen oder für Beauvoirs ursprüngliche Diagnose ins Feld führt, und kommt zu dem Schluss, dass erst das Zusammenspiel von gesellschaftlicher Anklage und individueller Erfahrung ein vollständiges Bild des Alterns ergibt.

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Autorschaft als Konstruktionsleistung: Marie Jacquiers Untersuchungen zu Annette Messager, Annie Ernaux und Michel Houellebecq

Marie Jacquiers Dissertation „Autorfiguren zwischen Text und Bild“ (Steiner 2024) nimmt die von Barthes und Foucault Ende der 1960er Jahre formulierte Kritik an der Instanz „Autor“ zum Ausgangspunkt einer interdisziplinären Neuvermessung: Weil die Kunstwissenschaft diese literaturtheoretische Debatte erst spät und über den Umweg der Kritik am Künstlerinterview rezipiert hat, entwickelt Jacquier ein gemeinsames, aus Intertextualitäts-, Paratext- und Fiktionstheorie gespeistes Instrumentarium und erprobt es an drei sehr unterschiedlichen Fällen: an Annette Messager, die ihre Künstlerfigur in eine Spatzen ausstopfende „artiste“ und eine Zeitungsausschnitte sammelnde „collectionneuse“ aufspaltet, an Annie Ernaux, die gemeinsam mit Marc Marie einen Phototext über Krankheit und Begehren verfasst und darin zwei konkurrierende Autorinstanzen gegeneinander schreiben lässt, und an Michel Houellebecq, der seine eigene, gleichnamige Romanfigur von einem Maler porträtieren und anschließend ermorden lässt. In allen drei Fällen zeigt Jacquier, dass Autorschaft nicht als biographisches Faktum, sondern als Konstruktionsleistung zu lesen ist, die sich in Titeln, Interviews und Bildkompositionen ebenso vollzieht wie im Text selbst. Die vorliegende Rezension folgt diesem Aufbau, referiert knapp die vier theoretischen Eingangskapitel und die Korpusbildung, geht dann kapitelweise durch die drei Fallstudien und unterscheidet dabei Jacquiers eigene Befunde von eigenständigen, darüber hinausreichenden Beobachtungen, etwa zu dem wiederkehrenden Muster, dass die Kritik am Autor bei allen drei Positionen in neue Formen von Autorität umschlägt. Gestützt auch auf einen Vergleich mit Jacquiers neuerem, gemeinsam herausgegebenem Sammelband zur Autosoziobiographie, benennt die Rezension abschließend Stärken, Einwände und Desiderate der Arbeit, sodass aus der Einzelbesprechung zugleich ein Argument für die Reichweite von Jacquiers methodischem Ansatz über das konkrete Korpus hinaus wird.

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Kolonisation im Plural: wie Historiker heute von der Eroberung erzählen

Kaum ein Land tut sich mit seiner imperialen Vergangenheit so schwer wie Frankreich, das sich selbst über Jahrhunderte konsequent als Nation und nicht als Empire gedacht hat – noch die Dritte Republik vermied das Wort „empire“ für die eigenen Kolonialbesitzungen, während gleichzeitig ein Sechstel der Weltbevölkerung unter französischer Herrschaft stand. Emmanuelle Saada, Historikerin an der Columbia University und Spezialistin für das französische Kolonialrecht, zieht in ihrem neuen Buch „Histoires et colonisations: des récits de la conquête aux héritages postcoloniaux“ (Gallimard, 2026) die Summe aus drei Jahrzehnten internationaler Forschung zu diesem verdrängten Erbe: Sie fragt nicht primär, was in Algerien, Indochina oder Westafrika geschah, sondern wie Historikerinnen und Historiker seit dem „tournant colonial“ der 1990er Jahre gelernt haben, koloniale Macht überhaupt zu denken – als fragiles, oft improvisiertes Gebilde statt als allmächtige Maschine. Der Bogen reicht von der Eroberung Algeriens 1830, deren Rechtfertigungserzählung schon damals eine algerische Gegenerzählung gegenüberstand, bis zu den tagesaktuellen Reparationsforderungen, die Frankreich seit Emmanuel Macrons Rede von 2017 bis zum algerischen Parlamentsbeschluss vom Dezember 2025 begleiten. Warum dieses Buch trotz seiner analytischen Kühle gerade an seinen Rändern zur brisanten Zeitdiagnose wird – und wo es an seine eigenen methodischen Grenzen stößt –, zeigt die Rezension.

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Der Universalismus als uneingelöstes Versprechen: Souleymane Bachir Diagne

Ob im Umgang mit Pandemien, Klimakrise oder globalen Migrationsbewegungen – überall dort, wo Menschen verschiedener Herkunft gezwungen sind, gemeinsame Regeln, Institutionen und Verantwortlichkeiten auszuhandeln, stellt sich die Frage, wie ein Universelles entstehen kann, das nicht die Sprache der einen über die anderen stülpt, sondern im wechselseitigen Übersetzen und Anerkennen wirklich alle einschließt. Souleymane Bachir Diagnes „Universaliser“ (Albin Michel, 2024) unternimmt eine Rettung des Universellen, indem es dessen Krise historisch erklärt statt sie zu beklagen: Der Autor unterscheidet den europäisch-imperialen Universalismus als partikulare „Legende“ von der Menschheit selbst als dem „ersten Universellen“ und verfolgt in sechs Kapiteln – vom Napoleon-Gemälde über Simone Weil, Senghor und Césaire bis zu Merleau-Pontys „lateraler Universalität“ und schließlich Ubuntu als Antwort auf den Afropessimismus – wie aus der Dekonstruktion dieser Legende die Formel „entwestlichen, um zu universalisieren“ hervorgeht. Die Rezension folgt dieser Bewegung nicht nur nach, sondern macht ihre eigene Argumentationsstruktur zum Gegenstand der Würdigung: Sie zeigt überzeugend, dass der eigentliche Ertrag des Buchs in der Verschiebung vom Substantiv zum Verb liegt, vom Universalismus als Lehrgebäude zum Universalisieren als nie abgeschlossener Praxis der Übersetzung, und dass Diagnes genealogisches, seminaristisches Verfahren – dichtes Zitieren, close reading, das Zu-Wort-kommen-Lassen auch abgelehnter Positionen – diese These performativ einlöst. Zugleich verzichtet die Rezension nicht auf kritische Distanz: Sie benennt die begriffliche Unschärfe, die aus dem assoziativen Aufbau resultiert, den engen französisch-afrikanischen Erfahrungsraum, der lateinamerikanische und feministische Traditionen nur streift, sowie den auffällig ungebrochenen Optimismus des Schlusskapitels angesichts der sozialen Realität im postapartheidischen Südafrika – und verortet diese Einwände präzise dort, wo eine mögliche Fortsetzung des Buchs ansetzen müsste, nämlich bei der institutionellen Übersetzung eines philosophisch gewonnenen Prinzips.

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Hundert Jahre „Esprit und Geist“ (1927) von Eduard Wechßler: eine kritische Lektüre

2027 jährt sich das Erscheinen von Eduard Wechßlers „Esprit und Geist. Versuch einer Wesenskunde des Deutschen und des Franzosen“ zum hundertsten Mal – Anlass genug, das 604 Seiten starke Werk, das 1927 mitten in der französischen Rheinlandbesetzung erschien, noch einmal genau zu lesen. Wechßler, damals Ordinarius für Romanistik in Berlin, stellt darin deutschen „Geist“ und französischen „Esprit“ in rund vierzig antithetischen Paaren gegenüber, gegliedert nach Dantes Jenseitsarchitektur in ein „Erstes Buch“ der zu überwindenden „Erdgeister“ (Inferno) und ein „Zweites Buch“ der „helfenden Geister“ (Purgatorio): Der Franzose fürchtet die Natur und sucht das Vergnügen der Gesellschaft, formt seinen Garten geometrisch und erweist in Voltaires Klage über das Erdbeben von Lissabon die Furcht vor der Natur; der Deutsche verehrt die Natur als Schöpfung und malt mit Caspar David Friedrich Berglandschaften, in denen der Mensch klein wird. Der Franzose hat horreur de l’infini, der Deutsche einen Drang ins Unendliche – wobei ausgerechnet die gotische Kathedrale, eine französische Erfindung, als Beleg deutscher Unendlichkeitssehnsucht herhalten muss, ein Widerspruch, den Wechßler nur auflöst, indem er den „schöpferischen Anteil“ an der Gotik kurzerhand dem Germanenblut zuschreibt. Genau an solchen Stellen wird die Methode selbst zum Problem: Aus Stadtgründung hier und Einzelhof dort liest Wechßler Geselligkeit gegen Sonderwillen heraus, aus der Unübersetzbarkeit von Wörtern weltanschauliche Differenz, aus einem eigenen Kapitel über vier „Rassen“ – mit unbelegten Prozentangaben nach Gobineau und Vacher de Lapouge – einen biologischen Unterbau für alles Übrige; wo ein Gegenbeispiel auftaucht, wird es auf fremdes Blut zurückgeführt oder als Ausnahme abgetan, sodass die These gegen jede Widerlegung immunisiert bleibt. Die Rezension zeichnet diese Verfahren im Einzelnen nach – von der Freiheitsidee Eckharts und Luthers, die gegen die französische Menschenrechtserklärung von 1789 ausgespielt wird, bis zum Frauendienst-Kapitel –, verortet das Buch im völkischen Nationalismus, der zeitgenössischen Rassenanthropologie und dem Revanchismus der Weimarer Republik, zeigt aber auch die Selbstwidersprüche: Wechßler rühmt Frankreichs Widerstand gegen kulturelle Nivellierung als Vorbild, zitiert André Gide zustimmend und mündet im Schlusswort in eine Versöhnungsgeste über das gemeinsame griechische Erbe – ohne den Rahmen ewiger Nationalwesen je zu verlassen. Susanne Dalstein-Paffs Dissertation von 2006 zitiert Victor Klemperer, der dem Buch „faschistische Methode“ bescheinigte, dass Benedetto Croce ihm vorwarf, politische Gegensätze in vermeintlich geistige zu verwandeln, und sie zeigt auf, dass Wechßlers Vokabular 1940 direkt in NS-Propagandaschriften einfloss. Wer das Buch heute liest, sollte es also nicht als Auskunft über „die Franzosen“ und „die Deutschen“ lesen, sondern gegen sich selbst: als Archiv dafür, wie sich Gelehrsamkeit, Sprachgefühl und wissenschaftlicher Anspruch im Weimarer Deutschland in den Dienst einer Erzählung stellen ließen, die nationale Differenz nicht beschreibt, sondern herstellt – und gerade deshalb bleibt „Esprit und Geist“ hundert Jahre später ein Lehrstück, nicht über Nationalcharaktere, sondern über die Mechanik ihrer Erfindung.

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Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung

Ein Sammelband mit elf Historikerinnen und Historikern bzw. Publizisten unter Herausgeberschaft von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt verfolgt in zwölf Kapiteln, wie sich die politischen Familien Frankreichs – vom Rassemblement National über die Regierungsrechte, Macrons Renaissance, Grüne, Sozialisten und Kommunisten bis zu La France insoumise, der außerparlamentarischen Linken und den Gelbwesten – seit dem Sechstagekrieg 1967 zum Antisemitismus verhalten haben. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus von rechts historisch erwartbar sei, sein wiederholtes Auftauchen im linken Lager dagegen mehr über Verdrängungsmechanismen der französischen Gesellschaft verrate; als Scharnier dient dabei durchgehend das Verhältnis von legitimer Israelkritik und antisemitisch codiertem Antizionismus. Die Rezension würdigt den Band als dicht dokumentierte, quellennahe Bestandsaufnahme, die mit dem Reflex bricht, Judenhass allein der extremen Rechten zuzuschreiben, und die auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht schont. Zugleich benennt sie methodische Grenzen – eine „Sicht von oben“ ohne Archiv- oder Basisforschung, uneinheitliche analytische Zugriffe, das Fehlen einer vergleichenden internationalen Perspektive und eines eigenständigen Kapitels zu islamistisch geprägtem Antisemitismus – sowie eine auffällige Leerstelle gegenüber Literatur und Kunst. Ein Ausblick zeigt schließlich, dass sich die im Buch beschriebenen Muster in der Vorwahlkampfphase zur Präsidentschaftswahl 2027 nahezu unverändert wiederholen.

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Persönliches Pantheon – eine Geschichte der Republik in 20 Bestattungen: Michel Winock

Michel Winocks „Pompes funèbres“ (2024) erzählt die Geschichte der Dritten Republik anhand von zwanzig Sterbefällen zwischen der Semaine sanglante von 1871 und dem Kriegsbeginn 1914: vom auf dem Exerzierplatz von Satory erschossenen Commune-Offizier Louis Rossel über den Historiker Jules Michelet, dessen Leichnam zum Streitobjekt zwischen Witwe und Schwiegersohn wird, bis zum „Henker der Commune“ Adolphe Thiers, der als Republikaner zu Grabe getragen wird, und zu Léon Gambetta, dessen Körper nach der Autopsie buchstäblich aufgeteilt wird. Victor Hugos Staatsbegräbnis mit geschätzt zwei Millionen Teilnehmern steht neben der stillen, gegen ihren Willen kirchlichen Bestattung der Dichterin Louise Colet; der gehasste Schulgründer Jules Ferry und der ermordete Präsident Sadi Carnot stehen neben Louis Pasteur, dessen Witwe die Überführung ins Panthéon zugunsten einer Bestattung im eigenen Institut verweigert. Die Panthéonisierung Émile Zolas wird 1908 selbst zum Schauplatz eines Attentats auf Alfred Dreyfus, während die Feministin Hubertine Auclert, Erfinderin des Wortes „féministe“, weitgehend unbeachtet stirbt und die „Rote Jungfrau“ Louise Michel trotz ihrer anarchistischen Überzeugungen selbst von Gegnern wie Maurice Barrès Bewunderung erfährt. Den Schluss bilden Jean Jaurès, dessen Ermordung am Vorabend der Generalmobilmachung 1914 mit dem Ende der Vorkriegszeit zusammenfällt, und Charles Péguy, dessen Kriegstod noch Jahrzehnte später vom Vichy-Regime politisch vereinnahmt wird. Die Rezension rekonstruiert Winocks Verfahren – eine autobiographisch grundierte Reihe von Einzelporträts ohne zusammenfassenden Schlussteil –, würdigt die Materialfülle aus zeitgenössischer Presse und biographischer Forschung und schlägt zugleich vor, wie sich die über das Buch verstreuten Beobachtungen zu Körperfragmentierung, politischer Lagerbildung, geschlechtsspezifischer Erinnerungskultur und der andauernden Nachwirkung von Trauerfeiern zu eigenständigen Synthesen verdichten ließen, die der Band selbst nicht zieht.

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Lesbische Literatur als Verfahren: zu Lou Lootgieters subjektiver Kartographie des Verborgenen

Lou Lootgieters Sammlung „Les Dessous lesbiens de la littérature“ (2026) zeigt anhand von 29 frankophonen Texten seit dem 19. Jahrhundert eine bewusst subjektive, nicht-chronologische Kartographie lesbischer Schreibweisen, die journalistische Recherche, Interviews und close readings verbindet. Im Zentrum stehen wiederkehrende Strategien, mit denen Autorinnen lesbisches Begehren unter Bedingungen von Zensur und Unsichtbarkeit artikulieren: So liest Lootgieter Rachildes „Monsieur Vénus“ (1884) als frühe Figuration von „Monstrosität“ als Chiffre eines noch sprachlosen Begehrens, während sie in Monique Wittigs „L’Opoponax“ (1964) die grammatische Neutralisierung von Geschlecht als literarisches „Trojanisches Pferd“ interpretiert. An Beispielen wie Amélie Nothombs „Stupeur et tremblements“ (1999), dessen homoerotische Spannung von der zeitgenössischen Kritik ignoriert wurde, oder Violette Leducs zensierter Internatserzählung „Thérèse et Isabelle“ zeigt der Band, wie stark Rezeption und Publikationsgeschichte zur Unsichtbarmachung beitragen. Zugleich verschiebt sich die Perspektive im Verlauf der vier Kapitel von Verschleierungstechniken hin zu offenen politischen Positionen, etwa in Constance Debrés „Love Me Tender“ (2020), das Heterosexualität als soziales Regime explizit zurückweist. Theoretische Bezugspunkte – von Judith Butler über Monique Wittig bis zu Paul B. Preciado – bleiben dabei bewusst fragmentarisch und werden eher als Resonanzraum denn als systematischer Rahmen eingesetzt. Zudem werden quer dazu auch das Verhältnis zu männlicher Homosexualität, innerfeministische Konfliktlinien sowie Fragen von Transinklusion und -exklusion punktuell mitverhandelt. Die Rezension arbeitet diese Spannungen zwischen Materialfülle und fehlender methodischer Synthese ebenso heraus wie den Erkenntniswert des Bandes als Fundus bislang marginalisierter Texte, Rezeptionsdokumente und Gesprächsperspektiven für die literaturwissenschaftliche Weiterarbeit.

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Marine Le Pen als Bücherfigur: Enthüllen, Deuten, Imaginieren

Dieser Überblick über Marine-Le-Pen-Literatur steht im unmittelbaren Schatten eines laufenden Gerichtsverfahrens: Am 7. Juli 2026 verkündet die Pariser Cour d’appel ihr Urteil im Prozess um die Assistenten der FN-Europaabgeordneten, in dem Marine Le Pen erstinstanzlich zu fünf Jahren Verlust des passiven Wahlrechts mit sofortiger Vollstreckung verurteilt worden war – eine Entscheidung, deren Bestätigung sie von der Präsidentschaftswahl 2027 ausschließen und den Weg für Jordan Bardella als Ersatzkandidaten des Rassemblement National ebnen würde, während eine Abschwächung oder Aufhebung der sofortigen Vollstreckung ihre Kandidatur offen hielte; da das Urteil zum Zeitpunkt der Abfassung noch aussteht, erhält die folgende Übersicht eine besondere Gegenwartsdringlichkeit. – Die Rezension folgt einer doppelten Ordnung: einerseits einer Gattungslogik, andererseits einer argumentativen Progression vom Sichtbaren zum Strukturellen. Ein erster Abschnitt widmet sich mehreren journalistischen Enthüllungsbüchern, die in dichter Recherchearbeit Netzwerke, Finanzen und parteiinterne Strategien freilegen. Hier zeigt die Rezension im Detail, wie diese Texte mit wiederkehrenden dramaturgischen Mitteln arbeiten: Sie eröffnen mit prägnanten Szenen – etwa Wahlkampfauftritten oder internen Krisenmomenten –, um anschließend Schritt für Schritt ein Gegenbild zur öffentlichen Inszenierung zu entfalten. Die Politikerfigur erscheint dabei als strategisch kontrolliertes Konstrukt, dessen „Normalisierung“ als bewusste Operation beschrieben wird. Die Rezension arbeitet heraus, dass diese Bücher weniger durch neue Fakten als durch ihre narrative Rahmung Wirkung entfalten: Sie organisieren das Material entlang einer Enthüllungslogik, die stets auf die Entlarvung einer Diskrepanz zwischen Oberfläche und Tiefe zielt. – Ein zweiter Block gilt diskursanalytischen und ideologiekritischen Studien. Hier verschiebt sich der Zugriff: Statt biografischer Details stehen Sprachmuster, Begriffsverschiebungen und rhetorische Strategien im Zentrum. Die Rezension rekonstruiert die Argumentationsgänge dieser Arbeiten: Sie zeigen etwa, wie Begriffe wie „Volk“, „Souveränität“ oder „Sicherheit“ semantisch umcodiert werden, wie ambivalente Formulierungen unterschiedliche Adressaten zugleich bedienen und wie sich ältere rechtsextreme Diskurse in moderaterer Form fortschreiben. Besonders hervorgehoben wird die methodische Strenge dieser Studien, die mit Korpusanalysen, Redevergleichen und historischen Kontextualisierungen arbeiten. Die Figur Le Pen erscheint hier nicht mehr als handelndes Subjekt, sondern als Effekt eines Diskurses, der über sie hinausweist. – Darauf folgt ein Abschnitt zu biografischen Darstellungen, die stärker narrativ und psychologisierend verfahren. Die Rezension zeigt, wie diese Bücher zentrale Motive – familiäre Konflikte, die Beziehung zum Vater, der Generationswechsel innerhalb der Partei – zu einer kohärenten Lebensgeschichte verdichten. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Biografien häufig mit literarischen Mitteln operieren: Sie setzen auf dramatische Zuspitzung, charakterliche Entwicklung und symbolische Schlüsselszenen. Die Politikerfigur gewinnt hier an Tiefe und Kontur, wird aber zugleich in bekannte Erzählmuster eingebettet, die ihre politische Rolle verständlich und erzählbar machen. – Ein weiterer Teil der Rezension ist programmatischen Schriften und politischen Essays gewidmet, die entweder von Le Pen selbst oder aus ihrem Umfeld stammen. Hier analysiert die Rezension die innere Struktur dieser Texte: die Konstruktion eines kollektiven Subjekts („das Volk“), die Gegenüberstellung von Bedrohung und Schutz, sowie die Inszenierung politischer Klarheit durch scheinbar einfache Lösungen. Argumentativ wird gezeigt, dass diese Schriften weniger konkrete Politikvorschläge entwickeln als vielmehr ein kohärentes Weltbild anbieten, in dem die Autorin als notwendige Repräsentantin erscheint. – Abschließend behandelt die Rezension Prognosen, Wahlstudien und fiktionale Texte, die eine mögliche Präsidentschaft vorwegnehmen. Besonders instruktiv ist hier die Beobachtung, dass statistische Modelle und literarische Imaginationen sich einander annähern: Beide transformieren die politische Figur in eine Zukunftsfigur, deren Möglichkeit bereits als Realität gedacht wird. Die Rezension zeigt, wie diese Texte Szenarien durchspielen, Regierungskonstellationen entwerfen und politische Entscheidungen antizipieren – und damit das Vorstellbare verschieben. – Die argumentative Linie der Rezension läuft darauf hinaus, diese unterschiedlichen Texttypen nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines gemeinsamen kulturellen Produktionsprozesses. In ihrer Zusammenschau entsteht „Marine Le Pen“ als vielschichtige Figur, die je nach Perspektive enthüllt, analysiert, erzählt, programmiert oder imaginiert wird. Gerade diese Überlagerung macht ihre politische Wirksamkeit aus. – Vor diesem Hintergrund gewinnt das ausstehende Urteil ein Gewicht, das weit über die juristische Einzelfrage hinausgeht: Seine Folgen betreffen nicht nur die französische Innenpolitik und die Konstellation der Präsidentschaftswahl 2027, sondern reichen in die deutsch-französischen Beziehungen hinein – etwa in Fragen der wirtschafts- und europapolitischen Koordination – und berühren die politische Architektur Europas insgesamt, insofern sie das Kräfteverhältnis zwischen nationalpopulistischen und integrationsorientierten Projekten neu justieren könnten.

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Karsamstag ohne Auferstehung: Michel Houellebecq und das entzauberte Christentum

„Noël raté. Le christianisme désenchanté de Michel Houellebecq“, hrsg. von Stephan Leopold und Noëlle Miller versammelt zwölf Beiträge und eine Postface, die Houellebecqs Werk aus unterschiedlichen Perspektiven als Auseinandersetzung mit einem fortwirkenden, seiner Heilsgewissheit beraubten Christentum lesen. Ausgehend vom Weihnachtsmotiv als Chiffre des Scheiterns entfalten die Beiträge ein interpretatorisches Feld, das von Fragen der Autorschaft und Performativität über die religiöse Struktur des Konsumkapitalismus und die Problematik sozialer Kohäsion bis hin zu den Motiven von Liebe, Mitleid und Transzendenz reicht. Der Band verbindet literaturwissenschaftliche, religionsphilosophische und kultursoziologische Ansätze zu einer kohärenten Deutung des Œuvres als eines „Karsamstags ohne Auferstehung“, in dem christliche Formen und Symbole fortbestehen, ohne noch durch einen positiven Glaubensgehalt eingelöst zu werden. Trotz einzelner Redundanzen und einer mitunter weitgehenden christologischen Typologisierung eröffnet der Sammelband eine interpretatorisch ambitionierte und methodisch vielfältige Perspektive auf den religiösen Gehalt von Houellebecqs Werk und formuliert zugleich Fragestellungen, die über die Houellebecq-Forschung hinaus für die Analyse zeitgenössischer Formen literarischer Entzauberung von Bedeutung sind.

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Tugend, Volk, Terreur vor den Präsidentschaftswahlen 2027: Jean-Luc Mélenchon, Robespierre und das Erbe der Revolution

Der Artikel analysiert die politische und ideengeschichtliche Verbindung zwischen dem Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon und Maximilien Robespierre, dem jakobinischen Revolutionär und Architekten der Terreur, und zeigt, wie sich zentrale Motive des jakobinischen Denkens – insbesondere das Konzept der „Vertu“ als republikanische Tugend, die Vorstellung eines homogenen Volkswillens und die scharfe Gegenüberstellung von Volk und Korruption – in Mélenchons politischem Projekt für La France insoumise fortschreiben. Ausgehend von der ambivalenten Figur Robespierres, die zwischen Tugendideal und Terrorherrschaft steht, rekonstruiert der Text die historiographischen Deutungstraditionen und ihre gegenwärtige politische Aktualisierung in Frankreich. Dabei wird deutlich, dass Mélenchons Mobilisierungskraft ebenso wie seine Polarisierung aus einer strukturellen Spannung resultiert: dem Versuch, moralische Reinheit und demokratische Repräsentation zu vereinen. Der Beitrag verbindet politische Theorie, Ideengeschichte und literarische Reflexion und versteht die anhaltende Auseinandersetzung um Robespierre als Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Krise und Selbstdeutung der französischen Linken.

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Jüdisch-arabische Koexistenz als Familienchronik: Pierre Hazan

Pierre Hazans „Les Juifs, les Arabes, ma famille et moi“ (2026) entfaltet anhand einer weit verzweigten Familiengeschichte ein ebenso literarisches wie historiographisches Projekt: In sieben genealogisch organisierten Kapiteln rekonstruiert das Buch die untergegangene Realität jüdisch-arabischer Koexistenz im östlichen Mittelmeerraum und stellt sie den verhärteten Identitätslogiken des 20. Jahrhunderts entgegen. Ausgehend von Figuren wie einem sephardischen Rabbiner des 19. Jahrhunderts, einem zugleich ägyptischen Nationalisten und Zionisten oder den letzten jüdischen Stimmen Ägyptens verbindet Hazan Archivmaterial, Erinnerungsfragmente und zeitgenössische Begegnungen mit israelischen und palästinensischen Akteuren. Daraus entwickelt er drei zentrale Thesen: dass Koexistenz historisch gelebte Praxis war, dass ihre Zerstörung auf konkurrierende Nationalismen zurückgeht und dass die wechselseitig verdrängten Traumata – die Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern und die Nakba – untrennbar miteinander verschränkt sind. Das Buch versteht sich so als Intervention in die Erinnerungspolitik der Gegenwart und als Plädoyer dafür, Hybridität nicht als Ausnahme, sondern als verlorene historische Normalität neu zu denken.

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Wenn die Kraft das Recht ablöst: Bruno Le Maire

„Le temps d’une décision“ (Gallimard, 2026) ist zugleich Memoir und weltpolitische Diagnose: Aus fünfundzwanzig Jahren in höchsten französischen Regierungsämtern destilliert Bruno Le Maire die beunruhigte Frage, wer in der Gegenwart von 2025/2026 überhaupt noch entscheidet – und beantwortet sie pessimistisch. Vom verweigerten Handschlag eines Bürgers in Chamonix bis zu den Verhandlungstischen mit Trump, Putin und Xi zeichnet er den Übergang von einer regelbasierten Ordnung, für die das Frankreich des Jahres 2003 mit seinem Veto gegen den Irakkrieg steht, zu einer Welt danach, in der „la force a remplacé le droit“ und die Entscheidung aus Nationen und multilateralen Institutionen in die Hände von Autokraten, Tech-Oligarchen und Finanzgiganten abgewandert ist. Der vorliegende Artikel liest dieses Buch nicht allein als politische Streitschrift, sondern legt seine eigentliche Pointe in der Form frei: Le Maire behauptet seine These nicht, er inszeniert sie – durch novellistisch komponierte Szenen, mit dem Skalpell geschnittene Porträts und Leitsymbole wie die Starlink-Antenne über dem Dach seines Landhauses. Die Argumentation des Artikels verläuft in fünf einander durchdringenden Deutungsachsen, von der Anatomie des Entscheidungsverlusts über die Selbstrechtfertigung in der Schuldenfrage bis zum Weckruf an Europa, und mündet in eine zugespitzte These: Dass die literarische Form bei Le Maire selbst zur Antwort auf das diagnostizierte Problem wird – wo niemand mehr „wirklich“ entscheidet, verspricht das Erzählen jene Kohärenz, die der Politik abhandengekommen ist. So erweist sich das viel beschworene „livre de vérité“ als ein Werk, dessen Wahrheitsanspruch und fiktionale Mittel in einer produktiven, bewusst kalkulierten Spannung stehen.

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Das Intime als politische Technik: Thesen zu Édouard Louis

Dieser Artikel liest Édouard Louis‘ Werk als ein geschlossenes poetologisches Projekt und fragt danach, wie seine Texte die Grenzen zwischen autobiografischem Erzählen, soziologischer Analyse und politischer Intervention überschreiten. Ausgehend von den Begriffen der „Konfrontationsliteratur“ und des „Intimismus“, die Louis in seinem jüngsten Gesprächsband „Que faire de la littérature ?“ (2025) entwickelt, werden zehn Deutungsansätze vorgestellt, die die formalen Verfahren, thematischen Konstanten und strategischen Verschiebungen seines Schreibens sichtbar machen. Im Zentrum steht die Frage, ob sich im Verlauf des Werks eine Reifung des Autors oder vielmehr eine Verfeinerung seiner literarischen Mittel beobachten lässt – und wie Louis mit seinen Texten nicht nur erzählen, sondern seine Leserinnen und Leser dazu zwingen will, das zu sehen, was sie allzu leicht verdrängen.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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