Ein Mietshaus im Elsass und Gespenster der Geschichte: Michèle Audin

Der Artikel präsentiert Michèle Audins Roman „La Maison hantée“ (2025) als eindrückliches Beispiel eines „roman croisé“, in dem sich dokumentarische Recherche, erzählerische Imagination und multiple Zeitebenen überlagern: Ausgehend von ihrem Einzug in ein Straßburger Mietshaus im Jahr 1992 folgt eine Ich-Erzählerin den Spuren früherer Bewohner und entfaltet aus Archivmaterialien, Zufallsfunden und vorsichtigen Rekonstruktionen ein Geflecht von Lebensgeschichten, das besonders die Familie Caron-Fischbach in den Jahren 1930 bis 1946 in den Blick nimmt; im Schatten der nationalsozialistischen Annexion des Elsass werden dabei Fragen von Zugehörigkeit, Sprachzwang und administrativer Gewalt virulent, wobei insbesondere die jüdischen Bewohner des Hauses und ihr sukzessives Verschwinden aus den Registern als beklemmende Leerstelle hervortritt, die weder narrativ geschlossen noch historisch vollständig aufgeklärt werden kann. Die erzählerische Bewegung gleicht einem tastenden Durchqueren von Räumen und Zeiten – Treppenhaus, Wohnungen, Archive –, in denen sich Stimmen überlagern und Gegensätze nicht aufgelöst, sondern sichtbar gehalten werden. Vor diesem Hintergrund argumentiert der Aufsatz, dass Audin eine Poetik der Spurensicherung entwickelt, die das Nebeneinander von Fakt und Fiktion nicht nivelliert, sondern ausstellt: Erstens wird der historische Roman durch die konsequente Selbstreflexivität der Erzählinstanz als Konstrukt kenntlich gemacht, indem imaginative Ergänzungen ausdrücklich markiert und damit epistemologisch transparent werden; zweitens erscheint das Elsass als paradigmatischer Raum gekreuzter Identitäten, in dem nationale Zuschreibungen – insbesondere unter den Bedingungen der NS-Sprachpolitik – gewaltsam durchgesetzt und zugleich in ihrer Fragilität erfahrbar werden; drittens erweist sich das Schweigen der Quellen, etwa im Fall der ausgelöschten jüdischen Existenzen, nicht als bloßes Defizit, sondern als zentrales Bedeutungsträger, der die Grenzen historischer Erkenntnis markiert und eine ethisch reflektierte Form des Erinnerns einfordert. So macht der Aufsatz plausibel, dass „La Maison hantée“ Geschichte nicht als lineare Erzählung, sondern als vielstimmiges, von Brüchen durchzogenes Gefüge begreift, in dem sich Vergangenheit nur im Modus der Annäherung und Überkreuzung erschließt.

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Jüdisch-arabische Koexistenz als Familienchronik: Pierre Hazan

Pierre Hazans „Les Juifs, les Arabes, ma famille et moi“ (2026) entfaltet anhand einer weit verzweigten Familiengeschichte ein ebenso literarisches wie historiographisches Projekt: In sieben genealogisch organisierten Kapiteln rekonstruiert das Buch die untergegangene Realität jüdisch-arabischer Koexistenz im östlichen Mittelmeerraum und stellt sie den verhärteten Identitätslogiken des 20. Jahrhunderts entgegen. Ausgehend von Figuren wie einem sephardischen Rabbiner des 19. Jahrhunderts, einem zugleich ägyptischen Nationalisten und Zionisten oder den letzten jüdischen Stimmen Ägyptens verbindet Hazan Archivmaterial, Erinnerungsfragmente und zeitgenössische Begegnungen mit israelischen und palästinensischen Akteuren. Daraus entwickelt er drei zentrale Thesen: dass Koexistenz historisch gelebte Praxis war, dass ihre Zerstörung auf konkurrierende Nationalismen zurückgeht und dass die wechselseitig verdrängten Traumata – die Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern und die Nakba – untrennbar miteinander verschränkt sind. Das Buch versteht sich so als Intervention in die Erinnerungspolitik der Gegenwart und als Plädoyer dafür, Hybridität nicht als Ausnahme, sondern als verlorene historische Normalität neu zu denken.

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Jüdisches Denken gegen sich selbst: Verbergen, Assimilation und doppelte Existenz bei Nathan Devers

Nathan Devers’ „Penser contre soi-même“ (Albin Michel, 2024) verfolgt eine ebenso autobiografische wie philosophische Bewegung, in der das orthodox gelebte Judentum nicht als bloße Herkunft, sondern als dynamischer Denkraum erscheint, der seine eigene Überschreitung ermöglicht. Ausgehend von einem bürgerlich-assimilierten Milieu führt der Text über eine Phase intensiver religiöser Radikalisierung hin zu einem Bruch, der nicht von außen erzwungen wird, sondern aus der inneren Logik des Glaubens selbst hervorgeht – paradigmatisch verdichtet in der Lektüre des Kohelet und im Schwindel der eigenen Kontingenz. Zugleich rückt die Darstellung ein jüdisches Leben ins Zentrum, das sich unter Bedingungen latenter Bedrohung organisiert: Praktiken des Sich-Verbergens, der „marranischen“ Unsichtbarkeit und der situativen Anpassung erscheinen als alltägliche Strategien in einer von Antisemitismus durchzogenen Umwelt. Die Besprechung arbeitet diese Spannung als konstitutiv heraus und liest Jüdischkeit nicht als stabile Identität, sondern als Bewegung, die sich gerade der Verfestigung ins Identitäre entzieht. Sie erscheint vielmehr als eine offene, selbstkritische Praxis, die – in ihrer talmudischen Struktur – die Mittel zu ihrer eigenen Infragestellung bereitstellt. Devers’ Übergang zur Philosophie erweist sich folglich nicht als Abkehr, sondern als Transformation: als Fortsetzung einer existenziellen Suche unter veränderten epistemischen Bedingungen, in der die „zerbrochenen Götzen“ des Glaubens in veränderter Form weiterwirken.

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Zwischen Zeiten und Ländern: Widerstand als Zeitreiseroman bei Martin Winckler

Ausgehend von Martin Wincklers eigener Biographie als in Algerien geborener jüdischer Arzt, der zwischen kolonialer Geschichte, französischer Erinnerungskultur und späterer Emigration steht, liest die Rezension seinen Roman „L’Amour à temps“ (P.O.L., 2026) als literarische Verdichtung eben jener Erfahrung von Entwurzelung und historischer Überlagerung. Der Text verschränkt das populäre Zeitreise-Narrativ mit den historischen Tiefenschichten der deutschen Besatzung, des Widerstands marginalisierter Gruppen und den emanzipatorischen Impulsen von 1968: Bereits der Prolog setzt mit dem eindrücklichen Bild ein, wenn die Bibliothek von Tours in Flammen steht und der junge Arzt Maurice D’Alget inmitten von Rauch und einstürzenden Regalen einen verwundeten Soldaten aus dem Feuer zieht – eine Szene, die Zerstörung von Wissen und zugleich den Impuls zur Rettung paradigmatisch verbindet. Im Zentrum steht sodann die 83-jährige Erzählerin Rachel, die im Jahr 2026 ihre eigene Vergangenheit rekonstruiert und dabei über ein Zeitportal in das Jahr 1942 eingreift; besonders verdichtet erscheint dies in der Szene ihres Besuchs bei den Großeltern im besetzten Paris, wo sie, am ganzen Körper zitternd, vergeblich versucht, sie vor der bevorstehenden Verhaftungswelle zu warnen – ein Moment, in dem historisches Wissen zur existentiellen, aber begrenzten Handlungsmacht wird. Diese doppelte Bewegung – retrospektives Erzählen und körperlich erfahrene Vergangenheit – transformiert Zeitreise von einem spekulativen Motiv zu einem ethischen Verfahren der Vergegenwärtigung von Geschichte, das sich schließlich in der drastischen Tat zuspitzt, als Rachel einen Kollaborateur tötet und damit zwar ein individuelles Schicksal verändert, nicht aber die Logik der Verfolgung aufhebt. Der Aufsatz arbeitet heraus, dass Winckler das Genre hybridisiert – als „roman choral“, der durch eine Vielzahl nicht attribuierter Stimmen kollektive Erinnerung gegen das Verstummen organisiert, und als autopoetologisches Projekt, in dem die Erzählerin selbst als Instanz der Archivierung, Kommentierung und Legitimation auftritt. Die Zeitstruktur wird ethische Aporie: Wissen um historische Katastrophen erzeugt Verantwortung, ohne notwendigerweise Handlungsmacht zu garantieren; die Zeitreise erlaubt lediglich „Eingriffe an der Oberfläche“, die individuelle Schicksale verschieben, nicht aber die Geschichte als Ganze revidieren. In dieser Perspektive erscheint der Roman als dezidiert gegenwartsbezogenes Erinnerungsnarrativ, das – wie die Rezension pointiert herausstellt – die Sprache des Widerstands von 1942 in die politische Gegenwart überträgt und so die Kontinuität von Gewalt, Ideologie und Gegenwehr sichtbar macht. Insgesamt liest die Interpretation den Text als Verbindung von Körpergedächtnis, Mehrsprachigkeit und polyphoner Zeugenschaft, deren gemeinsamer Fluchtpunkt eine Poetik des Erzählens als Widerstand ist: Schreiben wird hier zur Praxis, die Vergangenheit nicht zu bewahren, sondern sie im Akt der Weitergabe immer wieder neu zu aktualisieren.

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Marc Bloch im Pantheon: Historiker, Widerstandskämpfer, Märtyrer der Republik

Am 23. Juni 2026 wird Marc Bloch ins Panthéon überführt – 82 Jahre nachdem die Gestapo ihn bei Lyon erschossen und seinen Leichnam im Graben liegen gelassen hatte. Dieser Text versucht zu verstehen, was diese Geste bedeutet: für Frankreich, das in Bloch einen Bürger ehrt, dem ein französischer Staat einmal die staatsbürgerlichen und akademischen Rechte beschnitten hatte; für Deutschland, das in ihm ein Opfer seiner eigenen Staatsgewalt wiedererkennen muss; und für die Geschichtswissenschaft, die mit ihm zum ersten Mal einen ihrer Eigenen in den Tempel der Nation einziehen sieht. Er war Mediävist und Offizier, Gründer der „Annales“ und Widerstandskämpfer, ein Mann, der das Selbstverständliche als erklärungsbedürftig behandelte und die Wahrheit auch dann nicht losließ, als sie ihn das Leben kostete. Was seine Werke zusammenhält, von den „Rois thaumaturges“ bis zur unvollendeten „Apologie“, ist weniger eine Methode als eine Haltung: die Weigerung, Geschichte von innen einer einzigen Gemeinschaft zu erzählen. Als Grabinschrift hatte er sich „dilexit veritatem“ gewählt – er liebte die Wahrheit. Die Republik gibt ihm jetzt die Antwort, die er 1940 nicht erhalten hat.

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Odysseus in Paris: Epos ohne Zentrum mit James Joyce

Der Band „Ulysse à Paris“ (Seuil, 2024) unternimmt eine Fortschreibung der homerisch-joyce’schen Traditionslinie, indem er die epische Struktur der Irrfahrt radikal pluralisiert und in das sozial, politisch und historisch aufgeladene Terrain des Pariser Nordens verlegt. Der kollektive Roman, gemeinsam mit der Zeitschrift Cockpit herausgegeben, ist nicht nur eine lose Anthologie, sondern ein ästhetisch wie theoretisch kohärentes Projekt, das literarische Vielstimmigkeit programmatisch als Gegenmodell zur epischen Einheit inszeniert. Statt eines souveränen Helden entfaltet sich ein Geflecht heterogener Stimmen, deren Figuren – von migrantischen Subjekten über feministische Neuformulierungen mythischer Rollen bis hin zu erinnerungspolitisch sensibilisierten Flaneuren – die Odyssee als Erfahrung von Entortung, Prekarität und fragmentierter Identität durchlaufen. Die Rezension arbeitet heraus, wie die einzelnen Beiträge jeweils spezifische homerische Episoden und Joycesche Verfahren transformieren: sei es durch die Entleerung des Heroischen (de Quatrebarbes), die Ironisierung genealogischer Autorität (Fiat), die Politisierung mythischer Gewalt im Kontext des Holocaustgedächtnis (Comment) oder die radikale Subjektivierung marginalisierter Perspektiven (Schavelzon, Noël). Tiphaine Samoyault akzentuiert Erinnerung als Modus einer nie abgeschlossenen Heimkehr. Gabriela Vazquez verdichtet Migration zur epistemischen Perspektive, die das Zentrum konsequent aus der Peripherie heraus denkt. Die Analyse verfolgt die dichte intertextuelle Verschränkung und liest formale Verfahren (Polyphonie, Bewusstseinsstrom, Katalogtechnik) als Träger historischer und ideologischer Bedeutungen. Hierbei wird sichtbar, dass das zentrale Movens des Bandes die Dekonstruktion der Heimkehr ist: Ithaka erscheint nicht mehr als erreichbarer Ort, sondern als leere Signatur, ersetzt durch provisorische, oft prekäre Formen des Ankommens, die weder Identität stabilisieren noch Geschichte versöhnen. Die Rezension selbst folgt damit einer doppelten Bewegung – sie rekonstruiert die genealogische Tiefe des Projekts und insistiert zugleich auf dessen zeitdiagnostischer Schärfe –, wodurch „Ulysse à Paris“ als ein Epos sichtbar wird, das seine eigene Möglichkeit permanent infrage stellt.

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Diaspora als Bewegung: Manuel Carcassonne

Manuel Carcassonnes „Le Retournement“ (Grasset, 2022) setzt mit einem unscheinbaren Satz ein – „Souvent, Nour et moi, nous nous disputions“ – und entfaltet daraus die Geschichte eines Mannes, der erst spät, zwischen Pariser Verlagsbüros und einem Krankenhausbett im Hôpital Cochin, zwischen der Lektüre von Flavius Josephus und den Straßen des zerstörten Beirut, zu der Einsicht gelangt, dass „jüdische Herkunft“ kein neutraler Befund ist, sondern eine existenzielle Zuschreibung. Ausgelöst durch die Begegnung mit Nour, der libanesisch-christlichen Schriftstellerin aus Achrafieh, deren hartnäckige Verwechslung von „israélite“ und „israélien“ das Identitätsproblem exemplarisch zuspitzt, und durch eine persönliche Krise, unternimmt der Erzähler eine assoziative Reise durch die Geschichte der „Juden des Papstes“, durch Familienarchive, philosophische Lektüren und politische Gegenwarten. Die Rezension liest dieses bewusst hybride, zwischen Liebesgeschichte, Essay und historischer Archäologie changierende Buch als literarische Form eines „retournement“: nicht als Rückkehr zu einem Ursprung, sondern als Bewegung der Verschiebung und Überlagerung, in der Identität gerade dort entsteht, wo sie sich eindeutiger Festlegung entzieht. Vom wiederkehrenden Streit am Anfang bis zur erschöpften Schlafgeste am Ende – Nour, die nach der Explosion vom 4. August 2020 durch die Trümmer von Mar Mikhael geht, und der Erzähler, der sie küsst, ohne Antworten gefunden zu haben – zeigt der Text, so die These der Rezension, dass Jüdischsein in der späten Moderne weder Glauben noch Land noch Sprache meint, sondern eine bestimmte Erfahrung von Zeit, Erinnerung und Alterität: eine fortgesetzte Bewegung, die sich im Schreiben selbst vollzieht.

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Demontage deutsch-französischer Geschichtsmythen in Eric Vuillards récits

Éric Vuillards „La bataille d’Occident“ (2012) und „L’ordre du jour“ (2017) sind zwei Récits über den Krieg, die den Ersten und den Zweiten Weltkrieg nicht als Nationalgeschichten, sondern als Produkte wechselseitig verschränkter deutsch-französischer Mythologien erzählen: Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 bildet dabei den strukturellen Horizont beider Texte, aus dem die komplementären Selbstbilder beider Nationen – die deutsche Rationalitätsmythologie des unaufhaltsamen Militärapparats und der französische „élan“-Mythos der glorreichen Offensive – als traumatische Spiegelreflexe voneinander hervorgehen. Der Aufsatz argumentiert, dass Vuillards literarisches Verfahren wesentlich in einer doppelten Demontage besteht: Er zeigt zum einen, dass die vermeintliche deutsche Effizienz ein Bluff ist – die Panzer der Wehrmacht stehen auf der Straße nach Linz im Stau, Schlieffen verschiebt Papierfiguren über eine vergilbte Landkarte –, und zum anderen, dass der französische Revanchismus in Joffres kulinarischen Elsass-Phantasien kollabiert, während die Soldaten in roten Uniformhosen ins Maschinengewehrfeuer marschieren. Verbindendes Erklärungsmodell ist dabei weder nationale Wesensart noch politischer Irrationalismus, sondern Kapitalinteresse und Klassenlogik: Die vierundzwanzig Industriellen, die 1933 Hitler finanzieren, erscheinen bei Vuillard als zivile Fortsetzung derselben buchhalterischen Rationalität, die Schlieffen seinen Vernichtungsplan als Gewinnspekulation entwerfen ließ. Als Gattung des Récit – einer Hybridform zwischen Essay, Historiographie und Roman – praktiziert Vuillard dabei eine autopoetologisch reflektierte Poetik des Gegen-Archivs, die die verdrängten Namen der Opfer, die kollabierten Mythen der Täter und die fortwirkende Amnesie der Konzerne gegen die Domestizierung der Geschichte zur folkloristischen „déesse raisonnable“ einer erstarrten Geschichtspolitik stellt.

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Die unerreichbare Stadt: Heiligkeit, Geschichte und Gewalt im französischen Jerusalemroman

Welchen Ort nimmt Jerusalem in der französischen Gegenwartsliteratur ein – und was verrät dieser Ort über die Literatur selbst? Der vorliegende Aufsatz untersucht elf Romane und Erzähltexte von André Schwarz-Bart bis Nathan Devers, von Valérie Zenatti bis Justine Augier, von Élie Wiesel bis Mathias Énard, und zeigt, dass Jerusalem in diesen Werken nie bloße Kulisse ist, sondern strukturierendes Prinzip: eine Stadt, die den Figuren die Orientierung nimmt, Verdrängtes zurückbringt, Zugehörigkeiten aufzwingt und Formen sprengt. Aus dem Vergleich treten drei Funktionstypen hervor – Jerusalem als eschatologischer Raum, als politischer Brennpunkt und als existentieller Spiegel –, die sich quer durch die Texte verteilen und überlappen, ohne je zur Deckung zu kommen. Dabei erweist sich eine spezifisch französische Optik als konstitutiv: Der republikanische Laizismus, das Erbe der Aufklärung, die Erfahrung der Shoa als Teil der eigenen Geschichte – all das färbt die Wahrnehmung einer Stadt, die für Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig ist und deren dreifache Heiligkeit seit Jahrhunderten Kriege ebenso wie Sehnsüchte produziert hat. Einen eigenen Akzent setzen arabische und muslimische Autoren wie Karim Kattan, Amin Maalouf oder Adania Shibli, die Jerusalem nicht als Ankunftsort einer langen Sehnsucht beschreiben, sondern als Ausgangspunkt erzwungenen Exils – und die das Französische als strategisch gewähltes Medium nutzen, um palästinensische Begriffe und Erfahrungen in einen westlichen Diskurs einzuschreiben, der sie sonst nicht kennt. Was die untersuchten Werke jenseits aller Unterschiede verbindet, ist das Bewusstsein, dass Jerusalem sich dem souveränen Erzählerblick entzieht: Keiner dieser Texte triumphiert über seinen Gegenstand; alle tragen die Spuren des Ortes, an dem sie gescheitert sind.

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Israel, Gaza und der französische Intellektuellendiskurs nach dem 7. Oktober: Deutungshoheiten bei Denis Sieffert

Die Rezension analysiert die französische Intellektuellendebatte nach dem 7. Oktober 2023 als ein zutiefst polarisiertes Diskursfeld, in dem sich drei zentrale Positionen herausgebildet haben: ein dominantes pro-israelisches Lager, ein marginalisiertes propalästinensisches Spektrum sowie eine fragile, lange kaum hörbare Zwischenposition. Im Zentrum steht Denis Siefferts Buch „La mauvaise cause“ (2026), das als engagierte Gegenrede gegen eine aus seiner Sicht hegemoniale, pro-israelische Diskursordnung gelesen wird. Die Rezension rekonstruiert detailliert Siefferts Argumentation – von der historischen Verflechtung Frankreichs mit Israel über die Analyse medialer und rhetorischer Mechanismen bis hin zur Kritik prominenter Intellektueller wie Gilles Kepel und Eva Illouz – und arbeitet heraus, dass sein zentraler Einsatzpunkt in der Re-Politisierung des Konflikts als Kolonialfrage liegt. Im Vergleich mit Kepels geopolitisch-religionswissenschaftlichem Ansatz und Illouz’ soziologischer Kritik an der westlichen Linken zeigt die Rezension die fundamentalen epistemischen Differenzen dieser Positionen auf: Während Kepel und Illouz die Reaktionen auf den 7. Oktober problematisieren, richtet Sieffert den Blick auf die Mechanismen der Diskursmacht und die Unsichtbarmachung palästinensischen Leids. Abschließend bewertet die Rezension das Buch als wichtige, wenn auch nicht unproblematische Intervention, die exemplarisch die politischen, medialen und moralischen Bruchlinien des gegenwärtigen Frankreich offenlegt.

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Zwischen Mythos und Massenmord: deutsch-französische Romane im Zeichen des Dritten Reiches

Michel Tourniers „Le Roi des Aulnes“ (1970) und Jonathan Littells „Les Bienveillantes“ (2006) sind, trotz des Abstands von 36 Jahren und zweier grundverschiedener literarischer Temperamente, beide deutsch-französische Romane im präzisesten Sinne: Tournier schickt seinen Pariser Garagisten Abel Tiffauges als Kriegsgefangenen nach Ostpreußen, wo er Deutschland als mythologisches Spiegelland erlebt – Hirschherden wie Wappentiere, Görings Jagdschloss als „palais sur rails“, die Napola-Burg Kaltenborn als Erfüllung einer Erlkönig-Obsession –, bis das jüdische Kind Ephraïm am Ende alle seine Zeichen invertiert und sich im letzten Satz in den Davidstern verwandelt; Littell stattet seinen Ich-Erzähler Max Aue, SS-Offizier und Massenmörder, mit einer elsässischen Herkunft, einer französischen Mutter, einer Sciences-Po-Ausbildung und Pariser Kollaborationsfreunden aus, so dass die deutsch-französische Hybridität nicht als humanisierende Brücke, sondern als Voraussetzung der Komplizenschaft erscheint – wer Racine und Hölderlin gleich gut kennt, schreibt den Massenmord eben in besserem Französisch. Die vorliegende kontrastive Interpretation argumentiert, dass beide Romane exakt diese Gemeinsamkeit teilen: Sie verweigern die tröstliche Erzählung, wonach der Nationalsozialismus ein kulturell Fremdes war, das dem deutsch-französischen Erbe von außen aufgezwungen wurde, und zwingen stattdessen ihre Protagonisten – den faszinierten Franzosen wie den hybriden Täter – dazu, die eigene Bildung, Faszination und Sprachkenntnis als Einfallstor zu erkennen. Dabei unterscheidet die Rezension scharf zwischen Tourniers mythologischer Verfremdung – das Verbrechen wird in archaische Muster (Erlkönig, Christophoros, Inversion der Zeichen) sublimiert, um erst so sichtbar zu werden – und Littells hyperrealistischer Immanenz, die jeden mythologischen Schutzschirm verweigert und den Leser durch Aues kultivierten Berichtston in eine Komplizenschaft zieht, aus der er sich nicht heraushalten kann; die Rezension legt nahe, dass diese Differenz nicht nur ästhetisch, sondern historisch erklärbar ist: 1970 war Auschwitz noch unbeschreiblich, man sublimierte – 2006 war es akademisiert und musealisiert, und Littell insistierte auf der Unverarbeitbarkeit. Als deutsch-französische Texte werden beide Romane dabei auch auf ihre Sprachpolitik hin befragt: das Deutsche, das Tournier im Roman als ehrfürchtig unübersetztes Fremdkörper-Material stehen lässt (Napola, Reichsjägermeister, Jungmann), und das Französische, das Littell als Schreibsprache für den deutschen Massenmord wählt – ein literarisches Sakrileg, das die „clarté française“ gegen sich selbst kehrt und damit die These der Rezension illustriert, dass die deutsch-französische Kulturgemeinschaft das schwarze Loch in ihrer Geschichte nicht schließen, sondern nur umkreisen kann.

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Zugehörigkeit als Ausschluss: die fremde Sprache und der Vater als Yekkes bei Dory Manor

Der Roman zeigt, wie jüdische Identität zugleich als historischer Schutz und als normierende Einschreibung im Körper wirkt und den Einzelnen in ein unauflösbares Spannungsverhältnis zwischen Diaspora und israelischer Zugehörigkeit stellt. Ein Sohn schreibt seinem toten Vater in einer fremden Sprache und zeigt dabei, wie sich Geschichte, Herkunft und Macht unauslöschlich in Körper, Namen und Begehren einschreiben – und wie man ihnen nur entkommt, indem man sie neu erzählt. Manor Dorys „Le Gorille“ (Grasset, 2026) untersucht, wie Identität durch historische, körperliche und sprachliche Einschreibungen hervorgebracht wird – und wie sich diese Einschreibungen nicht überwinden, sondern nur transformieren lassen. Ausgangspunkt ist die Konstellation eines autobiographisch grundierten Briefromans, in dem ein Sohn seinem toten Vater, um sich dessen Zugriff zu entziehen und ihn zugleich literarisch neu zu erzeugen. Von hier aus rekonstruiert der Aufsatz die zentralen Bewegungslinien des Textes: die Kindheitserfahrung eines körperlich und symbolisch abweichenden Vaters (Nicht-Beschneidung, Namenswechsel von Reinhard zu Ezer), die eigene Adoleszenz als Phase der gewaltsamen Annäherung an eben diesen Körper und der gleichzeitigen Abwehr (bis hin zur Psychiatrie-Episode und homoerotischen Regungen), sowie das Erwachsenenleben, in dem sich die genealogischen, politischen und erotischen Konflikte in einer transnationalen Existenz zwischen Tel Aviv, Berlin und Paris bündeln. Die Interpretation liest den Roman entlang der These, dass unterschiedliche Machtordnungen – Familie, Religion, Staat, Männlichkeit – homolog funktionieren, insofern sie den Körper markieren, disziplinieren und lesbar machen; die Beschneidung wirkt als paradigmatische Figur, wird jedoch durch Namen, Sprachen und institutionelle Praktiken erweitert. Besondere Aufmerksamkeit gilt den poetologischen Verfahren: der Wahl des Französischen als „privater“ Sprache des Schreibens, der Mosaikstruktur als Abbild eines nicht-linearen Gedächtnisses, der Figur des Deadnamings als Schnittstelle von zionistischer Namenspolitik und queer-theoretischem Denken. Zugleich arbeitet die Rezension die zentrale Paradoxie jüdischer Existenz heraus, die der Roman in eine prägnante Bildform bringt: Was in Europa Überleben sicherte (der unbeschnittene Körper), bedeutet in Israel Ausschluss – eine historische Verkehrung, die sich im Körper des Vaters realisiert und im Schreiben des Sohnes explizit gemacht wird. In dieser Perspektive erscheint das Schreiben selbst als ambivalente Praxis: nicht als Befreiung von Gewalt, sondern als deren Verlagerung in eine selbstbestimmte Form, als „Übersetzung“, die Treue nur durch Verrat ermöglicht. Der Schluss – die Ankündigung eines unbeschnittenen, mehrsprachigen Kindes – wird als bewusste Unterbrechung eines Einschreibungszusammenhangs gedeutet, dessen Fortwirken der Roman zugleich reflektiert und nicht aufhebt.

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Genealogie des Hasses: Autobiographie, Antisemitismus und die Poetik der Geschichte bei Édouard Drumont und Christophe Donner

Christophe Donners Roman „La France goy“ breitet, wie der Aufsatz herausarbeitet, ein genealogisches Erzählprojekt aus, in dem individuelle Familiengeschichte und kollektive Ideologiegeschichte ineinandergreifen: Ausgangspunkt ist die archivalische Spurensuche des Ich-Erzählers nach seinem Urgroßvater Henri Gosset, die sich rasch zu einer weit ausgreifenden Rekonstruktion des französischen Antisemitismus seit dem späten 19. Jahrhundert erweitert. Über Gossets soziale Mobilität und seine Verstrickung in das Umfeld von Léon Daudet und Edgar Bérillon wird die Familie direkt in das ideologische Netzwerk der Zeit eingebunden, während parallel die Biographie Édouard Drumonts als „Anatomie des Hasses“ entfaltet wird, die zeigt, wie persönliches Scheitern, soziale Kränkung und mediale Strategien zu einer wirkungsmächtigen antisemitischen Erzählung kondensieren. Ergänzt wird dieses Geflecht durch Gegenfiguren wie die anarchistische Marcelle Bernard sowie durch die genealogische Perspektive auf den Großvater Jean Gosset, dessen Tod im Konzentrationslager die historischen Linien brutal kulminieren lässt. Die Interpretation argumentiert, dass Donners Verfahren weder rein autobiographisch noch klassisch historisch ist, sondern als „genealogische Archäologie“ eine reflexive Poetik des Archivs entwickelt, in der Dokumente, Fiktion und Selbstbeobachtung ineinandergreifen und die Grenzen zwischen Selbst- und Fremdbiographie systematisch unterlaufen werden. Zentral ist dabei die These einer strukturellen Kontinuität des Antisemitismus, die nicht diskursiv behauptet, sondern erzählerisch vorgeführt wird, indem der Roman ideologische, sprachliche und affektive Sedimente über Generationen hinweg sichtbar macht. Donners literarische Leistung wird darin gesehen, den Antisemitismus nicht nur moralisch zu verurteilen, sondern seine ästhetischen und narrativen Attraktionskräfte offenzulegen: Drumonts Erfolg wird als Resultat einer erzählerischen Logik verstanden, die diffuse Ressentiments in eine kohärente Geschichte überführt. Daraus ergibt sich ein anspruchsvoller kritischer Zugriff, der das Schreiben selbst als ambivalente Macht begreift – als Medium sowohl der ideologischen Verführung als auch der aufklärerischen Gegenarbeit – und der den Roman insgesamt als Versuch liest, durch die literarische Durchdringung genealogischer Verstrickungen eine Form von historischer Erkenntnis zu gewinnen, die über bloße Faktizität hinausgeht.

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Wo das Trauma beginnt: Camille de Toledo

Camille de Toledos „Thésée, sa vie nouvelle“ (Verdier, 2020) erarbeitet aus einem Schockmoment – dem Fund des erhängten Bruders im Paris des Jahres 2005 – eine vielschichtige literarische Untersuchung, die Trauerarbeit, Familienchronik, Essay und poetische Beschwörung miteinander verschränkt. Der Roman folgt seinem Erzähler Thésée über Jahre hinweg in eine doppelte Bewegung: in die Gegenwart eines traumatisierten Körpers und zugleich rückwärts in die genealogischen Tiefenschichten einer von Verlusten, Schweigen und verdeckter jüdischer Herkunft geprägten Familie. Ausgehend von drei Kartons mit Fotografien, Briefen und dem Manuskript des Ururgroßvaters entwickelt sich eine „poème-enquête“, in der sich zeigt, wie sich historische Gewalt, Suizide und verdrängte Erinnerung nicht nur narrativ, sondern physisch im Körper der Nachkommen einschreiben. Die Rezension liest dieses formal hybride Werk als performative Poetik des Transgenerationalen: Die nicht-lineare Zeitstruktur, die Synchronien der Daten, der Wechsel der Pronomina und die Einlagerung dokumentarischer Stimmen realisieren genau jene Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart, die der Text behauptet. Im Zentrum steht dabei die Umdeutung des Theseus-Mythos: Das Labyrinth ist kein äußerer Ort mehr, sondern das Innere der Familiengeschichte, der „Ariadnefaden“ ein fragiles Geflecht aus Archivmaterial, das erst im Schreiben entsteht. Indem der Roman am Ende – in einer radikalen Inversion der Chronologie – zum Suizid des Ururgroßvaters im Jahr 1939 zurückkehrt, markiert er den Ursprungspunkt der Wunde und macht sichtbar, dass Erkenntnis nur im Rückkehren möglich ist: als Ankommen an dem Ort, von dem alles ausging. Der Aufsatz hebt hervor, dass Toledo damit weder eine psychologische noch eine soziologische Erklärung des Suizids liefert, sondern eine literarische Erkenntnisform etabliert, die das in der Materie sedimentierte Gedächtnis zur Sprache bringt. Literatur erscheint hier als Ort der „revivance“ – nicht als Auflösung des Traumas, sondern als Wiederverbindung mit den Toten, als vorsichtiges Verknüpfen eines zerrissenen Fadens, der eine „vie nouvelle“ überhaupt erst denkbar macht.

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Alain Finkielkraut zwischen Kulturkritik und politischer Reflexion

Alain Finkielkrauts „Le cœur lourd“ (Gallimard, 2026) ist ein persönliches und zugleich diagnostisches Porträt des 1949 geborenen Intellektuellen, der sich als „Verwaister“ in einer Welt im Umbruch erlebt. Die Rezension hebt hervor, dass das Buch, geführt in Gesprächen mit Vincent Trémolet de Villers, nicht nur die Nachkriegsbiografie Finkielkrauts und seine Zugehörigkeit zur „post-Shoah“-Generation reflektiert, sondern auch die Bedrohungen von Sprache, Kultur und Identität in der Gegenwart kritisch analysiert. Zentrale Themen sind die Verantwortung gegenüber der eigenen historischen und jüdischen Identität, die Sorge um Frankreich und Israel, der Verlust der Hochkultur und der Bildung sowie die Nostalgie für eine vergangene, harmonische Welt. Finkielkraut präsentiert sich als melancholischer Chronist, der zugleich konkrete politische, ethische und ökologische Vorschläge macht – von der Rettung der Sprache über die integrale Ökologie bis hin zu einem Modell konservativ-liberal-sozialistischer Werte –, und zeigt damit, wie das persönliche Erleben, die philosophische Reflexion und die Sorge um die Zukunft untrennbar miteinander verbunden sind.

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Negative Identität: Problematisierung französisch-jüdischer Literatur bei Bernard Vorms

Der Roman „Pas gentil“ (zit. als PG) von Bernard Vorms entfaltet in essayistischer Form die Selbstbefragung eines assimilierten französisch-jüdischen Intellektuellen, der angesichts von Alter, Herkunft und gesellschaftlicher Zuschreibung gezwungen ist, sich mit einer Identität auseinanderzusetzen, die er weder positiv bestimmen noch vollständig abstreifen kann. Ausgehend von einer banalen Alltagsszene – einem Schreiben zur Bestattungsvorsorge – entwickelt sich ein vielschichtiger Reflexionstext, der autobiographische Erinnerungen, Familiengeschichte, politische Analyse und literarische Intertexte miteinander verschränkt. Der Erzähler verfolgt die Spuren jüdischer Existenz zwischen Assimilation und Ausgrenzung, analysiert die Persistenz antisemitischer Stereotype und formuliert mit dem „Axiom der absoluten Fremdheit“ eine zentrale Einsicht: Jüdischkeit ist weder für Nichtjuden noch für Juden selbst vollständig begreifbar. Der Aufsatz argumentiert, dass der Text gerade darin seine literarische und theoretische Radikalität entfaltet: PG ist nicht als Beitrag zu einer bestehenden „französisch-jüdischen Literatur“ zu lesen, sondern als deren Problematisierung. Indem Vorms Identität konsequent negativ bestimmt – als etwas, das sich nur in seiner Unbestimmbarkeit zeigt –, entwirft er eine Poetik der „negativen Identität“, die sich durch Ironie (etwa im „shm“-Präfix), essayistische Offenheit und intertextuelle Vielstimmigkeit auszeichnet. Der Roman verzichtet auf klassische Handlung und heroische Narrative zugunsten einer Denkbewegung, die in einem nüchternen, nicht versöhnlichen, aber würdevollen Schluss mündet: einer selbstreflexiven Annahme der eigenen Zugehörigkeit ohne Illusion über deren Inhalt. Die Interpretation liest dieses Verfahren zugleich als Plädoyer für den Essay als adäquate Form moderner Identitätsreflexion – tastend, widersprüchlich und ohne Anspruch auf endgültige Antworten.

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Land der Kinderkönige: Palästina zwischen Gewalt und Gnade bei Yasmina Khadra

Yasmina Khadras neuer Roman „Le prieur de Bethléem“ (Flammarion, 2026, zit. als PB) knüpft thematisch an seine sogenannte „Trilogie des großen Missverständnisses“ an, die eine literarische Kartografie der Krisenregionen der frühen 2000er Jahre entwarf, Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban (mit „Die Schwalben von Kabul“), Israel und die palästinensischen Gebiete während der Zweiten Intifada (in „Die Attentäterin“) und Irak im Kontext des Irakkriegs nach der amerikanischen Invasion 2003 (in „Die Sirenen von Bagdad“). Wie in diesen Romanen verbindet Khadra auch hier eine spannungsreiche Handlung mit einer moralischen Reflexion über Gewalt, Demütigung und Radikalisierung. Im Zentrum steht der französisch-israelische Verleger Alexandre Yakovlevoï, der ein Manuskript eines palästinensischen Mönchs erhält und kurz darauf von dessen Autor entführt wird. Während Alexandre gezwungen wird, die Lebensgeschichte des Priors Wahid anzuhören – eine Chronik von Vertreibung, familiären Verlusten und politischer Gewalt in Palästina –, enthüllt sich allmählich eine persönliche Verstrickung: Alexandre selbst war als junger Soldat in Israel an der Tötung von Wahids schwangeren Cousine beteiligt. Der Roman entwickelt daraus eine Konfrontation, die nicht auf Rache zielt, sondern auf moralische Einsicht. Parallel dazu öffnen visionäre und fast messianische Szenen – etwa geheimnisvolle Heilungen in Jordanien oder die Erscheinung eines Pilgers in den Ruinen von Gaza – eine spirituelle Perspektive, in der Khadra den Konflikt in einen universalen Horizont menschlicher Verantwortung stellt. – Der Aufsatz interpretiert den Roman als späte Weiterführung der Trilogie, die deren Diagnose des „großen Missverständnisses“ zwischen Orient und Okzident vertieft und zugleich transformiert. Während die früheren Werke vor allem die Entstehung von Gewalt aus Demütigung und politischer Ohnmacht analysierten, verschiebt sich hier der Fokus auf eine moralische Konfrontation zwischen Täter und Opfer. Die Argumentation des Aufsatzes arbeitet dabei mehrere Ebenen heraus: erstens die politische Dimension des Romans als Kritik an militärischer Gewalt und asymmetrischer Wahrnehmung des Nahostkonflikts; zweitens die psychologische Struktur der Schuld, die sich in der Figur des französisch-israelischen Verlegers verdichtet; und drittens eine religiös-symbolische Ebene, auf der Khadra eine Vision moralischer Wiedergeburt entwirft. Besonders betont wird, dass der Roman nicht im politischen Realismus stehen bleibt, sondern eine utopische Gegenbewegung formuliert: Wahrheit, Empathie und die „rettende Geste“ erscheinen als Möglichkeiten, den Kreislauf von Trauma und Vergeltung zu durchbrechen. Die Interpretation liest PB daher weniger als politischen Roman im engeren Sinn, sondern als literarischen Versuch des Dégagement, den Nahostkonflikt in eine universelle Ethik der Menschlichkeit zu überführen.

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Pascal Bruckner: der Philosoph als Sohn

In „Un bon fils“ (2014, zit. BF) und dem jüngsten Buch „De mère inconnue“ (2026, zit. MI) unternimmt der nouveau philosophe Pascal Bruckner eine doppelte familiäre Selbstbefragung, die zugleich als intellektuelle Biografie gelesen werden kann. Während BF die gewaltvolle und ideologisch verhärtete Vaterfigur porträtiert – einen antisemitischen und autoritären Mann, dessen Weltbild den jungen Bruckner zugleich prägte und zur Abgrenzung zwang –, rekonstruiert MI die lange Zeit im Schatten stehende Geschichte der Mutter. Die beiden Bücher bilden damit ein komplementäres Diptychon: Auf der einen Seite steht der Vater als Symbol eines repressiven, ressentimentgeladenen Denkens, auf der anderen die rätselhafte, teilweise abwesende Mutter, deren Biografie Fragen nach Herkunft, Identität und emotionaler Überlieferung aufwirft. Zusammen entwerfen diese autobiografischen Texte eine Genealogie der intellektuellen Selbstpositionierung Bruckners. – Die Rezension zeigt, wie sich aus dieser familiären Konstellation zentrale Motive von Bruckners essayistischen Publikationen erklären lassen. Seine Kritik an westlicher Schuldideologie (in Werken wie „La tyrannie de la pénitence“, „Le sanglot de l’homme blanc“ oder „Je souffre donc je suis“) erscheint vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung von Schuld, Autorität und moralischer Selbstbefragung neu lesbar. Ebenso lässt sich seine Analyse moderner Opferdiskurse mit der Auseinandersetzung mit familiären Macht- und Opferrollen verbinden. Die Rezension argumentiert daher, dass BF und MI nicht nur autobiografische Dokumente sind, sondern Schlüsseltexte zum Verständnis von Bruckners ideologiekritischem Werk: In ihnen verschränken sich Familiengeschichte, moralische Reflexion und politische Essayistik zu einer intellektuellen Selbstdeutung.

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Diaspora und Nationalismus: europäische Schwellenzeit 1913 bei François Sureau

Der Roman „Loin de Salonique“ (Gallimard, 2026) von François Sureau verlegt seine Handlung in das Jahr 1913 nach Monastir (Bitola) und Thessaloniki und entfaltet an einem rätselhaften Mordfall ein Panorama des politisch überhitzten Balkanraums unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg: Die inoffiziellen Ermittlungen des französischen Thomas More und des jüdischen Unternehmers Paul Seligmann führen durch ein Geflecht aus Diplomatie, Handel und Geheimdienstaktivitäten und machen die tektonischen Spannungen sichtbar, die den osmanischen Vielvölkerraum erschüttern; dabei erscheint Thessaloniki als sephardisch geprägte, mehrsprachige Diasporastadt, deren fragile Pluralität im Kontrast zu den sich verhärtenden Nationalismen steht, während Frankreich zugleich als universalistische Referenzmacht und als machtpolitischer Akteur inszeniert wird. Die Rezension argumentiert, dass der Kriminalfall eine narrative Oberfläche bilde, um eine historische Diagnose zu leisten: Durch die doppelte Codierung der Figur Thomas More – als Anspielung auf den Humanisten und Autor von „Utopia“ und als moderner, illusionsloser Beobachter – arbeite der Roman die Diskrepanz zwischen normativer Idee und politischer Wirklichkeit heraus; methodisch entfaltet die Besprechung ihre Deutung, indem sie zunächst den geopolitischen Schwellenraum konturiert, sodann die Symbolik der Namensgebung analysiert, die Darstellung jüdischer Diaspora als relationale Identitätsform herausarbeitet und schließlich die gattungspoetische Mischung zwischen Detektivroman, historischem Roman und politischem Essay bestimmt, wodurch sie zu dem Urteil gelangt, dass das Werk weniger eine kriminalistische Auflösung als eine melancholische Meditation über den Zerfall eines europäischen Ordnungsmodells bietet.

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1966 oder die Geburt unserer Gegenwart: Antoine Compagnon

Antoine Compagnons „1966, année mirifique“ (Gallimard, 2026) rekonstruiert das Jahr 1966 nicht als bloßen historischen Zeitpunkt, sondern als epistemologischen Wendepunkt der französischen Moderne. Ausgehend von Presse, Literatur, Theorie, Film, Alltagsobjekten und politischen Debatten zeigt Compagnon, wie sich in diesem Jahr langfristige Trends kreuzten: die Vermassung der Hochschulen, der Aufstieg der Jugend zur ökonomischen Klasse, der Durchbruch der Konsumgesellschaft, die Kanonisierung von Theorie und Strukturalismus sowie der Eintritt der Shoah in das französische kollektive Gedächtnis. Figuren wie Foucault, Barthes, Aragon, Malraux oder Sartre stehen dabei weniger als isolierte Genies im Zentrum, sondern als Symptomträger eines tiefgreifenden Wandels, in dem der Humanismus des 19. Jahrhunderts und der existenzialistische Sinnbegriff durch Systemdenken, Zeichenlogik und technokratische Rationalität ersetzt werden. 1966 erscheint so als eigentlicher Scheitelpunkt zwischen alter Ordnung und neuer Welt: Die Jugend wird über Konsum integriert, Kultur zur Ware, Theorie zur neuen Leitwährung der Intellektuellen, während die politischen Explosionen von 1968 bereits strukturell vorbereitet sind. Die Rezension liest Compagnons Buch als Genealogie unserer Gegenwart. Sie arbeitet seinen skeptischen Ton heraus, indem sie die von Compagnon beschriebene Massenexpansion der Bildung als Ursprung heutiger „Potemkin-Universitäten“ deutet, den Strukturalismus als ideologische Vorform einer algorithmisch verwalteten Welt interpretiert und die Jugendkultur von 1966 als Geburtsstunde des perfekten Konsumenten entlarvt. 1966 wird nicht nur erklärt, sondern moralisch befragt. Dabei arbeitet sie die innere Logik des Buches heraus – die Ersetzung von Sinn durch System, von Erfahrung durch Zeichen, mit einem Akzent auf Verlust, Entfremdung und Langzeitschäden. Kritisch reflektiert die Rezension zudem blinde Flecken des Buches, etwa die männlich dominierte Perspektive, die randständige Behandlung von Feminismus, Kolonialismus und Homosexuellenbewegung. Die Rezension macht deutlich, dass die „epistemologische Revolution“ von 1966 zwar brillant analysiert, aber sozial und politisch enger geführt wird, als es die Komplexität der Epoche erlauben sollte. Insgesamt liest die Rezension Compagnon weniger als Chronisten eines Wunderjahres denn als unbeabsichtigten Zeugen einer verhängnisvollen Weichenstellung.

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