Fluch und Auftrag: Jüdischkeit als Spannungsfeld bei Stéphane Giusti
Stéphane Giustis Debütroman „Le Juif rouge“ erzählt das Leben des Aaron Tamerlan Munteanu, eines rumänischen Juden von zwei Metern zwanzig mit feuerrotem Haar, der 1917 durch den Fluch eines Dybbuk zur Unsterblichkeit verurteilt wird und fortan als sogenannter roter Jude, eine Legendengestalt aus mittelalterlicher Überlieferung, durch das gewaltvolle 20. Jahrhundert Mitteleuropas wandert: von den Schützengräben der Karpaten über Odessa, Wien, Berlin und Prag bis nach Treblinka und schließlich Jerusalem, stets als Zeuge, der das Unheil vorausahnt, ohne es aufhalten zu können. Der Aufsatz liest diesen Roman als Verhandlung von Jüdischkeit selbst: nicht als feste Identität, sondern als Spannungsfeld aus Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Fremdbild und Selbstbild, Legende und Geschichte, das sich im überlebensgroßen, unverwundbaren Körper des Helden leiblich verdichtet. Die Argumentation zeigt, wie der Text die Gattungen des Schelmenromans, der jüdischen Legende, der Schauergeschichte und der historischen Chronik ineinanderschiebt, um ein Geschehen zu umkreisen, das sich realistischer Darstellung entzieht, und wie er zugleich seine eigene Poetik als Zeugenschaft reflektiert, als Pflicht, Buße und Gebet, die im Erzählen selbst ihre Form findet. Ein eigenes Gewicht erhält dabei die Beobachtung, dass der Roman sein Heldenmodell zuletzt unterläuft: Die Legende verspricht einen Retter, der Text liefert einen Zeugen ohne Wirkmacht, dessen Unsterblichkeit Strafe und Auftrag zugleich ist, und dessen Schluss, die Pflege des einstigen Gegners auf einem Jerusalemer Dach, die anfängliche Sehnsucht nach dem einfachen Hass in eine Ethik der Zuwendung verwandelt, ohne sie von aller Schuld zu befreien.
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