Die unerreichbare Stadt: Heiligkeit, Geschichte und Gewalt im französischen Jerusalemroman

Welchen Ort nimmt Jerusalem in der französischen Gegenwartsliteratur ein – und was verrät dieser Ort über die Literatur selbst? Der vorliegende Aufsatz untersucht elf Romane und Erzähltexte von André Schwarz-Bart bis Nathan Devers, von Valérie Zenatti bis Justine Augier, von Élie Wiesel bis Mathias Énard, und zeigt, dass Jerusalem in diesen Werken nie bloße Kulisse ist, sondern strukturierendes Prinzip: eine Stadt, die den Figuren die Orientierung nimmt, Verdrängtes zurückbringt, Zugehörigkeiten aufzwingt und Formen sprengt. Aus dem Vergleich treten drei Funktionstypen hervor – Jerusalem als eschatologischer Raum, als politischer Brennpunkt und als existentieller Spiegel –, die sich quer durch die Texte verteilen und überlappen, ohne je zur Deckung zu kommen. Dabei erweist sich eine spezifisch französische Optik als konstitutiv: Der republikanische Laizismus, das Erbe der Aufklärung, die Erfahrung der Shoa als Teil der eigenen Geschichte – all das färbt die Wahrnehmung einer Stadt, die für Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig ist und deren dreifache Heiligkeit seit Jahrhunderten Kriege ebenso wie Sehnsüchte produziert hat. Einen eigenen Akzent setzen arabische und muslimische Autoren wie Karim Kattan, Amin Maalouf oder Adania Shibli, die Jerusalem nicht als Ankunftsort einer langen Sehnsucht beschreiben, sondern als Ausgangspunkt erzwungenen Exils – und die das Französische als strategisch gewähltes Medium nutzen, um palästinensische Begriffe und Erfahrungen in einen westlichen Diskurs einzuschreiben, der sie sonst nicht kennt. Was die untersuchten Werke jenseits aller Unterschiede verbindet, ist das Bewusstsein, dass Jerusalem sich dem souveränen Erzählerblick entzieht: Keiner dieser Texte triumphiert über seinen Gegenstand; alle tragen die Spuren des Ortes, an dem sie gescheitert sind.

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Japan und die eigene Entwestlichung: Emmanuel Ruben

Emmanuel Rubens „L’usage du Japon“ (2025) entwirft das Land als einen „topographischen Blitzschlag“: kein exotisches Gegenbild zum Westen, sondern einen fraktalen, zitternden Archipel, der sich jeder endgültigen Fixierung entzieht. Ruben liest das Land als Geograph und Zeichner, geprägt von einer „tatamisierten“ Popkindheit aus Judo, Nintendo und Manga, und konfrontiert dieses imaginäre Japan mit einer oft amerikanisierten, urban ungeordneten Realität. Zwischen Ukiyo-e, Comics, Karten und Zen-Gärten entdeckt er Japan als Reich der klaren Linie, der Miniatur und des Infra-Ordinären, in dem Natur total stilisiert und Alltag ritualisiert ist. Figuren wie Ino Tadataka werden ihm zu Spiegeln des eigenen Schreibens: Vermessen heißt hier nicht besitzen, sondern sich körperlich dem Fragment aussetzen. Kyoto erscheint als bemooster Friedhof der Götter, schwer vom Heiligen, während Shinkansen, Hightech-Toiletten und Glasstädte eine lautlose Ultramoderne markieren. Die Rezension pointiert dieses Spannungsfeld als permanente „Entwestlichung“: Japan zwingt zur Verdünnung des Ichs, zur Akzeptanz des Unabgeschlossenen und zur Einsicht, dass Karte, Text und Bild das Territorium nie einholen – weshalb Japan am Ende weniger Ziel als Prozess bleibt, eine vibrierende Schule des Sehens und Verschwindens.

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Frankreichs Kontamination 2036: Robert Merle und Emmanuel Ruben

Emmanuel Rubens Roman „Malville“ (Stock, 2024) fügt sich in eine lange Reihe apokalyptischer Literatur ein, die von biblischen Prophetien bis zu Robert Merles „Malevil“ bzw. „Malevil oder die Bombe ist gefallen“ (1972, dt. 1975) reicht, dessen Titel hier bewusst als intertextuelle Folie aufgerufen wird: Auf der Ebene der Gesellschaftskritik ist „Malville“ eine Abrechnung mit der französischen Nuklearpolitik seit den 1970er Jahren. Heute zeichnet Ruben minutiös nach, wie politische Entscheidungen – von Macrons Renaissance des Atomprogramms über den Aufstieg der extremen Rechten bis zur Auflösung der Europäischen Union – in die Katastrophe führten. Robert Merles „Malevil“ erzählt aus der Ich-Perspektive des Landwirts Emmanuel Comte, der nach einem plötzlichen Atomschlag gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Freunden und Nachbarn in der abgeschiedenen Burg Malevil überlebt. Schon vor Beginn der eigentlichen Handlung wird klar, dass Rubens „Malville“ als intertextueller Dialog mit Merle gelesen werden will – Fortführung, Variation und zugleich kritische Umkehrung seines Endzeitromans.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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