Die unerreichbare Stadt: Heiligkeit, Geschichte und Gewalt im französischen Jerusalemroman

Welchen Ort nimmt Jerusalem in der französischen Gegenwartsliteratur ein – und was verrät dieser Ort über die Literatur selbst? Der vorliegende Aufsatz untersucht elf Romane und Erzähltexte von André Schwarz-Bart bis Nathan Devers, von Valérie Zenatti bis Justine Augier, von Élie Wiesel bis Mathias Énard, und zeigt, dass Jerusalem in diesen Werken nie bloße Kulisse ist, sondern strukturierendes Prinzip: eine Stadt, die den Figuren die Orientierung nimmt, Verdrängtes zurückbringt, Zugehörigkeiten aufzwingt und Formen sprengt. Aus dem Vergleich treten drei Funktionstypen hervor – Jerusalem als eschatologischer Raum, als politischer Brennpunkt und als existentieller Spiegel –, die sich quer durch die Texte verteilen und überlappen, ohne je zur Deckung zu kommen. Dabei erweist sich eine spezifisch französische Optik als konstitutiv: Der republikanische Laizismus, das Erbe der Aufklärung, die Erfahrung der Shoa als Teil der eigenen Geschichte – all das färbt die Wahrnehmung einer Stadt, die für Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig ist und deren dreifache Heiligkeit seit Jahrhunderten Kriege ebenso wie Sehnsüchte produziert hat. Einen eigenen Akzent setzen arabische und muslimische Autoren wie Karim Kattan, Amin Maalouf oder Adania Shibli, die Jerusalem nicht als Ankunftsort einer langen Sehnsucht beschreiben, sondern als Ausgangspunkt erzwungenen Exils – und die das Französische als strategisch gewähltes Medium nutzen, um palästinensische Begriffe und Erfahrungen in einen westlichen Diskurs einzuschreiben, der sie sonst nicht kennt. Was die untersuchten Werke jenseits aller Unterschiede verbindet, ist das Bewusstsein, dass Jerusalem sich dem souveränen Erzählerblick entzieht: Keiner dieser Texte triumphiert über seinen Gegenstand; alle tragen die Spuren des Ortes, an dem sie gescheitert sind.

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Tod der Sonne: Nathan Devers

Nathan Devers’ Roman „Surchauffe“ (2025) entfaltet ein düsteres Panorama der Überlastung: Die Protagonistin Jade Elmire-Fasquin, eine Managerin am Rande des Burnouts, gerät zwischen korrupte Machtspiele, eine toxische Ehe und ihre eigene Sehnsucht nach einem „absoluten Anderswo“. Die Handlung zieht sich spiralförmig von privater Erschöpfung über globale Machtkonflikte bis zur kosmischen Dimension, in der die Überhitzung von Körper, Gesellschaft und Universum zusammenfällt. Metaphern wie Sonne, Feuer, Spirale und Insel verweben persönliche Zerrüttung mit ökologischer, politischer und kultureller Selbstzerstörung. Am Ende kulminiert Jades Versuch, der Spirale zu entkommen, im Völkermord an den Sentinelles – eine bittere Pointe, die zeigt, dass auch das „Andere“ nicht unberührt bleibt. Der Aufsatz betont eingangs, dass Devers den „Tod der Sonne“ als kosmische Gewissheit an den Anfang setzt, um die Fragilität jeder Moral zu entlarven. Die Überhitzungsmetaphorik verschränkt intime, soziale und planetarische Krisen zu einer Poetik der Apokalypse, in der Moral und Engagement als flüchtige, oft narzisstische Gesten entlarvt werden. Besonders hervorgehoben wird das Ende: Jade profitiert von ihrer tragischen Tat, die Gewalt wird ökonomisch verwertet, und die Insel verwandelt sich in ein „neues Babylon“. Die Rezension liest „Surchauffe“ als Diagnose einer Welt, die nicht mehr abkühlt, sondern sich in ihrer eigenen Spirale der Überhitzung verzehrt.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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