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Nicht erlebt, aber geerbt: Problemstellung und Erkenntnisinteresse
Julia Weidmann, Kontinuum der Kriege: intergenerationelles Erzählen der Weltkriege in der französischen Gegenwartsliteratur, Studia Romanica 245 (Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2025), 397 S.
Als Anne Berest im Jahr 2021 La carte postale veröffentlicht, steht sie vor einer erzählerischen Ausgangssituation: Sie schreibt als Urenkelin von Menschen, die in Auschwitz ermordet wurden, über fünf Generationen einer Familie, deren Geschichte von zwei Weltkriegen und der Shoah durchzogen ist – und bedient sich dabei einer literarischen Recherche, die Archive, Briefe, Fotografien und mündliche Überlieferungen verknüpft, um das zu rekonstruieren, was Schweigen und Tod verborgen halten. Diese Konstellation ist kein Einzelfall. Jean Rouaud beginnt seinen Romanzyklus Les Champs d’honneur (1990) mit dem Tod des Großvaters, um sich – im Umweg über Alltagsdetails, meteorologische Beobachtungen und eine virtuos changierende Erzählperspektive – dem Erbe zweier Weltkriege zu nähern, das das Familienleben seiner Kindheit in der Loire-Inférieure durchdringt, ohne je explizit benannt worden zu sein. Und Ivan Jablonka betreibt in Histoire des grands-parents que je n’ai pas eus (2013) eine historische Mikrostudie über seine deportierten Großeltern Matès und Idesa, deren einzige materielle Hinterlassenschaften zwei Postkarten aus Drancy und das Schweigen eines Vaters sind, der als Kind die Deportation überlebt hat. Was diese und zahlreiche andere Texte der französischen Gegenwartsliteratur verbindet, ist ein wiederkehrendes Erzählmuster: Nachfahrinnen und Nachfahren der Weltkriegsgenerationen wenden sich retrospektiv der familiären wie kollektiven Geschichte zu, überbrücken kommunikative Abbrüche durch textuelle Recherche, balancieren zwischen Quellenarbeit und Imagination, und konstituieren dabei zugleich die eigene Identität im Horizont einer generationellen Prägung, die sie selbst nicht erlebt, aber geerbt haben.
Julia Weidmann systematisiert in ihrer bei Michael Schwarze und Anne Kraume an der Universität Konstanz entstandenen und 2023 verteidigten Dissertation genau dieses Phänomen. Die vorliegende, leicht überarbeitete Buchversion – erschienen 2025 in der Reihe „Studia Romanica“ des Universitätsverlags Winter – stellt, soweit ich sehe, die bislang umfangreichste komparatistische Untersuchung eines dezidiert intergenerationellen Erzählens der Weltkriege in der französischen Gegenwartsliteratur dar. Weidmann schlägt eine eigene Konzeptualisierung vor, erarbeitet eine vierschrittige Analysemethode, und wendet beides auf ein Korpus von dreizehn Autorinnen und Autoren aus vier Kontinuumsphasen an. Das Ergebnis ist eine methodisch ausgewogene und textnahe Studie, die eine produktive Lücke in der romanistischen Forschung schließt.
Erinnern und Imaginieren: Aufbau, Methodik und Konzepte
Weidmanns Ausgangspunkt ist die These, dass Krieg nicht als abgeschlossenes Ereignis, sondern als Kontinuum zu verstehen sei – eine Erfahrung, die sich von den unmittelbar Betroffenen über mehrere Generationen hinweg fortschreibt und noch heute in Familiengeschichten, kulturellen Prägungen und individuellen Identitäten nachwirkt. Um dieses Kontinuum analytisch handhabbar zu machen, ersetzt die Verfasserin die in der Shoah-Forschung etablierten numerischen Generationenkategorien (1, 1.5, 2, 2.5, 3) durch eine metaphorische Skalierung, die am medizinischen Bedeutungsfeld von Trauma orientiert ist: Verletzung (die direkt erlebende Kriegsgeneration), Wunde (Kinder, die den Krieg in frühen Lebensjahren erfahren), Schmerz (Nachkriegskinder), Narbe (Kinder von Kriegswaisen) und Erbe (Enkel- und Folgegeneration). Dieses Modell wird graphisch als überlappende Kontinua der beiden Weltkriege dargestellt und erlaubt es, die Superpositionierung von Generationspositionen zu erfassen – etwa bei Claude Simon, der sowohl als Kind des Ersten Weltkrieges (Wunde) als auch als Soldat des Zweiten Weltkrieges (Verletzung) eingeordnet werden kann. Die Entscheidung für das metaphorische Modell ist konzeptuell plausibel: Die Körper-Metapher bewahrt die Würde der Betroffenen besser als numerische Abstraktionen, sie vermeidet die implizite Hierarchisierung des Halbwerts (1.5 als „nicht vollwertig“) und erlaubt fließende Übergänge zwischen den Phasen.
Methodisch orientiert sich Weidmann an einem vierschrittigen close reading, das für jede Autorin und jeden Autor entlang von vier Leitperspektiven durchgeführt wird: „Erzählen & Fragen“ (kommunikative Ausgangssituation, Mehrgenerationalität, autobiographische Prägung), „Bezeugen & Deuten“ (historische Quellen, Archive, Fotografien, Briefe), „Erinnern & Imaginieren“ (Erinnerungsmomente, ihre sprachliche Konstruktion und Spannung zur Fiktion), und „Verstehen & Vergewissern“ (das Verhältnis von Fremdverstehen und Selbstkonstitution). Dieser Analyserahmen wird im Kapitel zur Generation der Wunde (Kap. 2) an den Texten von Claude Simon, Georges Perec und Pierre Pachet erarbeitet und dient fortan als Leitperspektive für die Folgekapitel. Die Einführung der Leitperspektive ermöglicht einerseits Vergleichbarkeit über das Korpus hinweg und beugt andererseits einer pauschalen Uniformisierung vor, da die close readings das jeweils Spezifische der Texte herausarbeiten, bevor generalisierend verglichen wird.
Das Korpus umfasst dreizehn französischsprachige Autorinnen und Autoren aus dem Zeitraum 1975 bis 2021:
- Claude Simon (L’Acacia, 1989), Pierre Pachet (Autobiographie de mon père, 1987) und Georges Perec (W ou le souvenir d’enfance, 1975) für die Generation der Wunde;
- Alain Robbe-Grillet (Le Miroir qui revient, 1984), Patrick Modiano (Livret de famille, 1977; Dora Bruder, 1997; Un pedigree, 2005) und Jean Rouaud (Les Champs d’honneur, 1990 u.a.) für die Generation des Schmerzes;
- Pierre Bergounioux (L’orphelin, 1992 u.a.), Marianne Rubinstein (Tout le monde n’a pas la chance d’être orphelin, 2002; C’est maintenant du passé, 2009) und Ivan Jablonka (Histoire des grands-parents que je n’ai pas eus, 2013; En camping-car, 2018) für die Generation der Narbe;
- sowie Stéphane Audoin-Rouzeau (Quelle histoire, 2013; Du côté des femmes, 2015), Colombe Schneck (La réparation, 2012; Les guerres de mon père, 2018) und Anne Berest (La carte postale, 2021) für die Generation des Erbes.
- Ein abschließendes Kapitel (Kap. 6) wendet die entwickelten Kategorien auf drei italienischsprachige Texte an – Helena Janeczeks Lezioni di tenebra, Massimo Zambonis L’eco di uno sparo und Michela Marzanos Stirpe e vergogna – um die Übertragbarkeit des Modells auf eine weitere romanische Literatur zu prüfen.
Die Einleitung situiert die Arbeit sorgfältig in der relevanten Forschungslandschaft. Weidmann diskutiert die zentralen Konzepte aus der Gedächtnistheorie (Marianne Hirschs „postmemory“, Annette Wieviorkas „ère du témoin“, Paul Ricœurs Gedächtnisbrücke), die literaturwissenschaftliche Theoriebildung zu Generationenerzählen (Dominique Viarts „récit de filiation“; Griet Theetens „roman de la trace“, Laurent Demanzes „enquête“) sowie die germanistische und italianistische Forschung zu memorialen Familiennarrativen. Sie markiert präzise die bestehende Forschungslücke: Während einzelne Generationen oder einzelne Kriegskonflikte gesondert untersucht worden sind, fehlt bislang eine kontrastierende Gesamtschau, die das Kontinuum der Kriegserfahrung über mehrere Generationsphasen hinweg und für beide Weltkriege vergleichend in den Blick nimmt.
Verletzung, Wunde, Schmerz: die Kapitel im Einzelnen
Das erste Kapitel („Verletzung“) rekapituliert die literarische Zeugenschaft der erlebenden Generation und klärt dabei die für die Folgekapitel grundlegenden Begriffe: Willi Huntemanns Differenzierung von Zeugenschaft, Erinnerung und Eingedenken; Aleida Assmanns Grundtypologie von Zeugenschaft; Avishai Margalits Konzept des moralischen Zeugen sowie die verschiedenen Theorien des sekundären und intellektuellen Zeugens. Besonders instruktiv ist Weidmanns Darstellung der fünf Phasen der Shoah-Zeugenschaft in Frankreich (1942–2018) und ihrer Konsequenzen für das Schreiben der Nachfolgegenerationen. Der Abschnitt zu Aurélie Barjonets Kategorie einer „ère des non-témoins“ arbeitet die Spannung heraus, in der die Nachfahren stehen: Weder témoins im engeren Sinne noch reine Nicht-Zeugen, vereinen sie sekundäres, stellvertretendes und filiäres Zeugen in einer epistemisch und ethisch komplexen Schreibposition.
Das zweite Kapitel („Wunde“) ist das methodisch zentrale der Arbeit. Am Korpus von Simon, Perec und Pachet – drei Autoren, die ihre Kindheit unter dem Einfluss des Ersten bzw. Zweiten Weltkrieges verbringen – entwickelt Weidmann die vierschrittige Leitperspektive und destilliert die verbindenden Merkmale eines intergenerationellen Erzählens: die retrospektive Überbrückung abgebrochener Kommunikation durch textuellen Recherchemodus, die Integration historischer Dokumente als mittelbaren Dialog, die explizite Reflexion über Erinnerungsmomente und ihre konstruktive Dimension sowie das parallele Pendeln zwischen Fremdverstehen und Selbstvergewisserung. Anhand von Simon (L’Acacia) zeigt Weidmann, wie die nichtlineare Verschränkung von Kriegserinnerungen des Vaters (Erster Weltkrieg) und eigenen Kriegserfahrungen des Erzählers (Zweiter Weltkrieg) zu einer architektonisch verdichteten Kontinuumserfahrung führt. Perec (W ou le souvenir d’enfance) wird als Musterbeispiel der literarischen Konstruktion von Erinnerung analysiert: Die zwei Erzählstränge – eine fiktive Sportutopie und autobiografische Erinnerungsfragmente – nähern sich über das Buch hinweg strukturell an und enthüllen erst in den späten Kapiteln die Allegorie des Konzentrationslagers durch die Parallelisierung von Fragmenten und deutschen Ausrufen. Pachet (Autobiographie de mon père) wiederum illustriert, wie das Verstehen der Vaterfigur – eines jüdischen Migranten, dessen Melancholie und Pessimismus aus den Kriegserfahrungen erklärt werden – zum Medium der Selbstvergewisserung des Sohnes wird.
Das dritte Kapitel („Schmerz“) analysiert die Nachkriegsgeneration an Robbe-Grillet, Modiano und Rouaud. Für Robbe-Grillet zeigt Weidmann, dass Le Miroir qui revient entgegen der verbreiteten Interpretation nicht als Kehre zum Autobiographischen, sondern als konsequente Anwendung der Nouveau-Roman-Prinzipien auf die Autobiographie zu lesen ist. Die Dreiteilung des Ichs in ein autobiografisches, ein fiktionales und ein kritisch-reflektierendes Ich entspricht der Fragmentierung, Lückenhaftigkeit und Widersprüchlichkeit, die Robbe-Grillet als Eigenschaften des Realen theoretisch formuliert hat. Besonders überzeugend ist Weidmanns Lektüre der „états de service“ fünf militärischer Generationen, die der Erzähler aus dem Dachboden zitiert und die das Kriegskontinuum wörtlich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Für Modiano werden Livret de famille, Dora Bruder und Un pedigree als literarische Stammbücher gelesen, in denen das Fehlen einer Person – die jüdische Jugendliche Dora Bruder – zum strukturellen Zentrum wird. Weidmann analysiert überzeugend, wie die Ellipse und die scheinbar beiläufige Evokation die Abwesenheit sprachlich realisieren. Die Ausführungen zu Rouauds Romanzyklus sind die umfangreichsten des Kapitels und liefern eine literaturwissenschaftlich differenzierte Lektüre des „cycle des deuils“: die Analyse der drei nous-Formen (familiär, unbestimmt, kollektiv), die Funktion des Regens als Kriegsallegorie, die Umkehrung der Lesererwartung durch die latente Präsenz des Krieges in scheinbar zivilen Alltagsszenen sowie die metafiktionale Kommentierung des Schreibens in Sur la scène comme au ciel.
Das vierte Kapitel („Narbe“) widmet sich den Kindern von Kriegswaisen. Für Bergounioux‘ Texte arbeitet Weidmann heraus, wie die ländliche Topografie der Corrèze zu einem Erinnerungsträger wird, der die transgenerationellen Prägungen buchstäblich im Boden verankert. Der Bezug auf L’abîme du temps und die Vorstellung einer determinierten, von der Geschichte des Landes fortgeschriebenen Lebensrealität führt zu einer Lektüre, die Bergounioux als ungewöhnlichen Fall einer Kontinuums-Erfahrung ohne Shoah-Kontext, sondern im Horizont des verarmten ländlichen Frankreichs verankert. Rubinsteins patchwork-Schreibweise – kurze, assoziativ verbundene Kapitel, die zwischen Gegenwart und Vergangenheit oszillieren – wird als formale Entsprechung einer postmemorialen Erinnerungsstruktur gelesen, in der Lücken und Umwege konstitutiv sind. Der ausführlichste Abschnitt gilt Jablonka (Histoire des grands-parents que je n’ai pas eus), an dem Weidmann zeigt, wie das Modell des „texte-recherche“ – Jablonkas eigene Kategorisierung – die Spannung zwischen subjektivem Enkel-Ich und methodisch transparierten Historikergestus nicht aufhebt, sondern produktiv auslotet. Die Unterscheidung zwischen dem Grundsatz des „radicalement honnête“ und dem der Objektivität ist eine der konzeptuell schärfsten Beobachtungen der Arbeit: Transparenz über die eigenen Deutungen und Hypothesen – nicht ihre Tilgung – konstituiert den epistemischen Anspruch des Textes. Dass Jablonka am Ende eine Szene erfindet, die Großmutter 1981 aus der Schule holend, ohne diese als Imagination zu markieren, wird von Weidmann als singulären Ausbruch aus dem selbstgesetzten Transparenzanspruch identifiziert – eine nuancierte Beobachtung.
Das fünfte Kapitel („Erbe“) behandelt die Generation der Enkel und Urenkel. Audoin-Rouzeau, selbst Historiker der Grande Guerre, bietet das interessante Paradox eines Wissenschaftlers, der für die Erkundung seines familiären Erbes vom akademischen Diskurs in den récit de filiation wechselt. Weidmann liest Quelle histoire als Beispiel einer „filiation“ im doppelten Sinne: Die methodischen Werkzeuge des Historikers werden zur privaten Genealogie eingesetzt, ohne jedoch aufgegeben zu werden. Schneck (La réparation und Les guerres de mon père) wir mit ihren Texten analysiert, in denen das Schweigen des Vaters über seinen Deportationsüberlebenden-Vater eine eigentümliche Kommunikationslücke erzeugt: Das Gespräch scheitert nicht an der zeitlichen Distanz, sondern an der emotionalen Unfähigkeit des Vermittlers. Berest (La carte postale) schließlich wird mit ihrem Roman als formales Vexierbild gelesen, das die Hybridität explizit thematisiert und strukturell realisiert: Gespräche zwischen Mutter und Tochter rahmen und durchbrechen eine autonome Erzählung in der dritten Person, die auf mündlichen Überlieferungen basiert, zugleich aber interne Fokalisierungen realisiert und erlebte Rede verwendet, die sich eindeutiger Zuordnung entzieht. Weidmanns tabellarische Aufschlüsselung der Alternation von „récit“ und „entretien“ im ersten Buch von La carte postale ist ein methodisch nützliches Instrument für die Analyse struktureller Hybridität.
Das sechste Kapitel („Seitenblick“) ist das kürzeste der Arbeit und verfolgt das erklärte Ziel, die entwickelten Kategorien auf drei italophone Texte anzuwenden. Die Auswahl – Janeczeks Lezioni di tenebra (Shoah-Kontext), Zambonis L’eco di uno sparo (Erbe des Faschismus über eine Generation) und Marzanos Stirpe e vergogna (faschistische Familiengeschichte, Schuld und Genealogie) – ist heterogen, aber illustrativ. Weidmann stellt überzeugend Parallelen zu den in der französischen Literatur entwickelten Analysekriterien fest, benennt zugleich sprachspezifische Differenzen und verweist auf die Besonderheiten des italienischen Kontexts (u.a. die Täterschaft als Dimension, die im Französischen kaum thematisiert wird). Das Kapitel erfüllt seinen Sondierungscharakter, kann aber die Tiefe der Einzelanalysen der Hauptkapitel nicht erreichen.
Sukzession und Relikt: Gesamtbewertung
Weidmanns Studie leistet mehreres zugleich. Auf konzeptueller Ebene schlägt sie ein kohärentes und flexibles Modell zur Beschreibung transgenerationeller Prägungen vor, das die Schwächen der numerischen Kategorisierung überwindet und zugleich handhabbar genug ist, um auf ein breites Korpus angewendet zu werden. Auf methodischer Ebene entwickelt sie eine vierschrittige Analyseperspektive, die nicht mechanisch angewendet wird, sondern textspezifisch variiert und vertieft. Auf textanalytischer Ebene liefert sie close readings, die in manchen Fällen – insbesondere bei Rouaud, Jablonka und Berest – das Forschungsfeld wesentlich bereichern. Die Einbeziehung von Autorenaussagen, Forschungsgesprächen (Weidmann hat mit Jablonka und Rubinstein korrespondiert) und paratextuellen Elementen verleiht den Analysen zusätzliche Tiefe.
Besonders produktiv ist Weidmanns Beobachtung der Sukzession, einer ihrer vier Arbeitshypothesen: Mit zunehmender temporaler Distanz zum Kernereignis Krieg nimmt die Abhängigkeit von physisch überdauernden Quellen (Archiven, Fotografien, Dokumenten) gegenüber lebendiger Kommunikation zu. Diese Verschiebung verändert das intergenerationelle Erzählen strukturell: Wo die Generation der Wunde noch auf eigene Erinnerungen zurückgreifen kann, operiert die Generation des Erbes ausschließlich mit Relikten. Die daraus resultierende Professionalisierung der Recherche – sichtbar in Jablonkas Reisen nach Polen, Israel und Argentinien oder in Berests Beauftragung eines Privatdetektivs zur Ermittlung der Postkartenautorin – ist eine der markantesten Veränderungen, die Weidmanns Vergleich sichtbar macht.
Ebenso überzeugend ist der Nachweis der Repetition: Das intergenerationelle Erzählen ist tatsächlich ein Erzählmuster, das nicht an eine bestimmte Autorin, einen Autor oder eine literarische Schule gebunden ist, sondern sich in unterschiedlichen ästhetischen Kontexten (Nouveau Roman bei Robbe-Grillet, autofiction bei Modiano, historische Mikrogeschichte bei Jablonka, genre hybride bei Berest) als strukturelles Phänomen wiederfindet. Weidmanns Entscheidung, die drei Autorinnen und Autoren pro Generation so zu wählen, dass jeweils ein Text aus dem Kontext des Ersten und zwei aus dem des Zweiten Weltkriegs stammen, ermöglicht einen systematischen Vergleich innerhalb der Generationsphasen und hebt die Superposition der Kontinua für Texte wie den Rouauds hervor, der sowohl als Schmerz-Generation des Zweiten Weltkriegs als auch als Narbe-Generation des Ersten Weltkriegs positioniert werden kann.
Gegen die Arbeit lassen sich auch Einwände formulieren. Das Kapitel 6 zur italienischen Literatur bleibt in der Behandlung der Texte notgedrungen schematisch; eine intensivere Einzeltextanalyse – selbst wenn das Kapitel auf zwei Texte reduziert worden wäre – hätte die komparatistische These von der Übertragbarkeit der Kategorie überzeugender belegt. Das Analysemodell legt überdies ein starkes Gewicht auf die Erzählstimme und ihre deklarativen Reflexionen über Gedächtnis, Imagination und Quellenarbeit; Aspekte wie Rhythmus, Prosodie, figurale Sprache oder Paratextualität kommen in der Analyse häufig als Ergänzung, selten als eigenständige Analysedimension in den Blick. Dies mag der Anlage der Studie als systematisch-vergleichendem Überblick geschuldet sein; sie hätte in einzelnen Kapitelabschnitten gewonnen, wenn das ästhetische Eigenrecht der Texte noch stärker herausgearbeitet worden wäre.
Eine gewisse Redundanz ergibt sich aus der wiederholten Anwendung des vierschrittigen Analyserahmens: Nicht selten werden ähnliche Beobachtungen – etwa zur Funktion von Fotografien als Erinnerungsstütze und -konstruktion – für mehrere Autorinnen und Autoren nacheinander entfaltet, ohne dass die Parallele bereits im Gang der Analyse explizit gemacht wird. Den Resümee-Abschnitten am Ende jedes Kapitels kommt deswegen eine wichtige komparatistische Funktion zu, die sie auch einlösen – sie kämen jedoch früher zur Wirkung, wenn die Verbindungslinien zwischen den Einzelfallstudien stärker prospektiv angelegt würden.
Die Entscheidung, die Diskussion um die Legitimität des Sprechens über fremdes Leid aus dem Zentrum der Analyse auszuklammern – sie sei, so Weidmann, nicht Gegenstand dieser Arbeit –, ist eine methodisch nachvollziehbare Selbstbeschränkung; gleichwohl wäre es lohnenswert gewesen, in der Schlussbetrachtung stärker auf die Konsequenzen einzugehen, die das entwickelte Modell für diese normative Debatte haben könnte.
Auch mit solchen kleineren Einschränkungen ist Kontinuum der Kriege ein substantieller Beitrag zur Romanistik und zur Literaturwissenschaft der Erinnerung. Die Studie schließt eine echte Forschungslücke: Eine systematische, generationenübergreifende und an beiden Weltkriegen orientierte Untersuchung des intergenerationellen Erzählens in der französischen Gegenwartsliteratur lag bislang nicht vor. Weidmanns Konzeptualisierung des Kriegskontinuums und die daran angeschlossene Erzähltypologie bieten der Forschung ein belastbares Instrumentarium, das über den unmittelbaren Gegenstand hinaus auf weitere nationale Literaturen und Konflikte anwendbar ist – ein Potential, das das Kapitel zur italienischen Literatur zumindest andeutet.
Der Ausblick der Schlussbetrachtung eröffnet zu Recht Fragen, die die Forschung weiter beschäftigen werden: Welche Formen wird das intergenerationelle Erzählen annehmen, wenn keine persönlichen Erinnerungen mehr an lebende Zeitzeuginnen und Zeitzeugen anschließen können? Stéphane Audoin-Rouzeau hat 2013 ein Buch geschrieben, in dem er beschreibt, wie er als Historiker des Ersten Weltkrieges seine eigene Generationsposition im Kontinuum entdeckt. Anne Berests Tochter Clara, die in La carte postale als Kind mit Antisemitismus in der Schule konfrontiert wird, ist fünfte Generation. Das Kontinuum der Kriege schreibt sich fort – und mit ihm die Frage, welche Erzählformen ihm angemessen sind. Julia Weidmanns Studie gibt dieser Frage ein präzises begriffliches Fundament.
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