Beirut-Fiktion zwischen Elegie und Wiederaufbau: Pour l’amour de Beyrouth

Wenige Wochen nach der Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020 versammelt der Sammelband „Pour l’amour de Beyrouth“ fünfunddreißig Stimmen, von denen jede der Stadt ein eigenes formales Verfahren abringt: Sarah Briand reiht im Vorwort das Wort „Besoin de…“ über dreißig Mal aneinander, bis die Sehnsucht selbst zur Litanei wird; Vénus Khoury-Ghata lässt in freien, interpunktionslosen Versen Mauern und Rauch nach den Verschütteten rufen; Amin Maalouf formt ein überkonfessionelles Gebet, das die Stadt an einen namenlosen Himmel adressiert; Christophe Ono-dit-Biot entfaltet ein ganzes Alphabet aus dem Buchstaben B – Beyrouth, Bitume, Bordel, Blast –, während Maria Ousseimi die Stadt in einer Kette einander widersprechender Adjektive auflöst, ohne sie je zur Deckung zu bringen. Alexandre Najjar personifiziert Beirut als verwundete, aber unbezwingbare Frau, Kamal Mouzawak widerspricht genau dieser Figur und besteht darauf, dass nur die Beiruterinnen und Beiruter selbst, mit ihren Katzen, Straßenhändlern und Hochzeitskleidern, die Stadt hervorbringen. Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Dany Laferrière oder Charif Majdalani stehen neben Schauspielerinnen, Musikern, einer Tänzerin und einem Modeschöpfer; ein Brief an ein Kleinkind, ein Kriegsreportage-Protokoll und ein Chanson-Text teilen sich denselben Einband, ohne dass eine Gattung den Ton vorgibt. Der vorliegende Artikel liest diese Textsammlung als literarisches Gegenstück zum materiellen Wiederaufbau, den ihr Erlös finanziert, und fragt, mit welchen je eigenen sprachlichen Mitteln eine Stadt beschrieben wird, die viele ihrer eigenen Autorinnen und Autoren für unbeschreibbar erklären. Zwischen Zedernsetzling und phönizischem Sarkophag, zwischen der ehemaligen Grünen Linie des Bürgerkriegs und dem Gewürzsack auf dem Souk entsteht so das Bild einer Stadt, die sich der eigenen Zerstörung immer wieder entzieht, während der Band selbst offenlässt, ob diese Widerstandskraft ein Trost oder ein Verhängnis ist.

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Das innere Mexiko: Jean-Marie Gustave Le Clézio

In „Trois Mexique“ (Gallimard, 2026) entwirft Le Clézio ein Bild Mexikos, das sich jeder linearen Geschichtsschreibung entzieht. Ausgangspunkt sind drei zentrale Figuren – Sœur Juana Inés de la Cruz, Juan Rulfo und Luis González y González –, die jeweils eine „Etage“ der mexikanischen Geschichte und Sensibilität verkörpern. An ihnen zeigt sich Mexiko als ein Land permanenter Metamorphosen und gewaltsamer Einschnitte: vom kolonialen Barock und dem Kampf um geistige Freiheit über das traumatische Schweigen nach der Cristiada bis hin zur mikrohistorischen Aufmerksamkeit für das ländliche Leben. Diese Ebenen überlagern sich wie die vorspanischen „Sonnen“ und kulminieren im gegenwärtigen Zeitalter des „Ollin“, des Erdbebens. „Trois Mexique“ ist damit eine poetische Reflexion über Erinnerung, kulturelle Vermischung und die Beharrlichkeit menschlicher Würde im Angesicht historischer Zerstörung. – Die Rezension deutet „Trois Mexique“ nicht als objektive historische Darstellung, sondern als existenzielle Bewegung des Schreibens selbst. Mexiko erscheint nicht als Gegenstand empirischer Erkenntnis, vielmehr als innerer Erfahrungsraum, in dem Geschichte, Mythos und Gegenwart ineinanderfließen. Die Auseinandersetzung mit der Conquista, mit vorspanischen Denkformen und mit modernen Gewalterfahrungen wird als eine Form der Selbstverortung gelesen: Schreiben bedeutet hier, zu einem Punkt zurückzukehren, an dem Zeit nicht linear verläuft, sondern traumartig, zyklisch und körperlich erfahren wird. Die Argumentation macht deutlich, dass Le Clézios Text weder Reisebericht noch Geschichtsbuch ist, sondern eine poetische Kartographie eines inneren Zustands. Zugleich verortet die Rezension dieses Schreiben in einem grundlegenden Spannungsfeld, das mit der Nobelpreisrede des Autors als „Wald der Paradoxe“ beschrieben werden kann. Literatur entsteht aus Mangel, Distanz und Ohnmacht; sie will Zeugnis ablegen für die Sprachlosen, bleibt aber selbst an Sprache und kulturelles Privileg gebunden. Gerade diese Unauflösbarkeit wird nicht als Schwäche, sondern als produktiver Ort verstanden. „Trois Mexique“ erscheint so als ein Werk, das nicht erklärt oder richtet, sondern bezeugt: Mexiko dient als Spiegel, in dem sich Fragen nach Zeit, Identität und Erinnerung bündeln und in dem Schreiben zu einer Form des Daseins wird.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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