Der Gründer und sein Berater: Tech-Herrschaft und Intellektuellenkrise bei Giuliano da Empoli

Giuliano da Empolis Roman „Le Fondateur“ (2026) erzählt, wie ein entmachteter Regierungsberater, der früher Politikern die Sätze lieferte, nach der verlorenen Wahl von 2018 ein „Nachleben“ im Dienst des Tech-Unternehmers Alexander Zimmer beginnt. In Marbella, zwischen Privatjet, Bunker und einem nachgebauten andalusischen Dorf, erlebt er, wie Zimmers Überwachungsfirma Panoptik Pandemie und Ukrainekrieg in Datenlagen verwandelt, die Entscheidungen vorwegnehmen. 2024 stößt er auf eine Liste, die Journalisten, Forscher und Politiker, die der Branche misstrauen, als „Terroristen“ führt und nach berechenbaren Schwächen ordnet, und geht am Tag von Zimmers Hochzeit, nachdem die Braut Gaia verschwunden ist, mit einer Beretta in dessen Büro zurück. Der Roman zeigt, dass ein Gebildeter, der sich einem Datenherrscher andient, erst aufwacht, als dessen Maschine auch die Kritiker verbucht, und dass Wissen zu langsam und Ironie zu folgenlos ist, wo jede Rede als Material verwertet wird. Poetologisch zieht der Text die Konsequenz: Er lässt Zimmers Gleichnisse die Ironie des Erzählers entwaffnen und endet mit dem Schuss statt mit einem Kommentar, den Zimmer ebenso verbuchen könnte. Der Aufsatz liest den Roman als Darstellung der Intellektuellenkrise und folgt in drei Schritten den Mitteln, mit denen sich der Intellektuelle selbst entbehrlich macht. Der erste gilt der Ironie: An Gattung, Gesprächsform und Erzählperspektive zeigt er, wie Zimmers Gleichnisse sie entwaffnen. Der zweite gilt der Dienstbarkeit, die der Roman als Normalfall vorführt, in der Figurentypologie von Höfling, Verweigerer, Moralistin und Aussteiger, in der Raum- und Zeitstruktur von Kapsel und Intervall und in der Metaphorik von Spiel, Krieg und Insektenkunde, wobei der Grieche im Rom der Kaiserzeit das historische Muster liefert. Der dritte gilt der Bildung als Brennstoff: Zimmer liest Bücher nur zur Verwertung und sagt voraus, dass auch ein Buch über ihn ihm nützen werde, weshalb sich der Roman als Selbstprüfung der Literatur gegen die eigene Verwertung behaupten muss. Die erste Rezeption liest „Le Fondateur“ überwiegend als Schlüsselroman und Thriller über Peter Thiel und Palantir, bestätigt die Intellektuellenfrage vor allem durch den Autor selbst, der Thiel mit Spengler als römischen Intellektuellen und den Erzähler als kleinen Griechen fasst, trägt Zimmers Formeln bereits als Begriffe der Kritik weiter. Der Vergleich von Prolog und Epilog macht den Schuss doppeldeutig, als Kapitulation des Wortes oder als Weigerung, Material zu sein, und die Conclusion bestimmt die Rolle des Intellektuellen als Anomalie, als Menschen, der sich nicht verrechnen lässt.

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Die Tragödie als Form des Bürgerkriegs: Franco Moretti

Morettis Buch befreit die Tragödie aus der Philosophiegeschichte und repositioniert sie als Werkzeug der politischen Analyse, indem es zeigt, dass die Formen, in denen wir Konflikte darstellen, untrennbar mit der Art verbunden sind, wie wir sie verstehen und ertragen können, wobei die morphologische Vielfalt der tragischen Werke selbst das Fundament für eine Geschichte ohne vorgefertigte Richtung wird. Franco Morettis „Bandiera nera: forma tragica e guerra civile“ (Einaudi, 2026) stellt die provokative These auf, dass die Tragödie sich in ihrer zweittausendjährigen Geschichte nicht als psychologische oder moralische Form konstituiert hat, sondern als symbolische Gestalt des Bürgerkriegs. Statt das offene Schlachtfeld zu zeigen, stellt die tragische Form den Konflikt als Familienkrieg dar und erhält dadurch eine Klarheit, die politische Theorie allein nicht erreicht; weder Hegel noch die marxistische Traditionslinie können diesen Befund angemessen erklären, weil sie die Tragödie in eine Philosophie der Geschichte einbauen, während Morettis Argument gerade darin besteht, dass die Tragödie zeigt, wie Konflikte keine innere Logik haben und wohin sie führen „volta per volta, senza una logica particolare“. Die Rezension folgt dieser Argumentation durch mehrere Schichten: Sie rekonstruiert zunächst die methodologische Grundlegung (z.B. Panofskys Konzept der symbolischen Form), dann die historisch-morphologische Analyse der Konflikttypen von Sophokles bis Büchner, und schließlich die Polemik gegen die teleologischen Geschichtsphilosophien, die in Morettis Epilog explizit abgewiesen werden. Dabei zeigt die Rezension, wie Morettis zwischen großflächiger Formenanalyse (die klassische Dämpfung Racines gegen Shakespeares Überschuss) und Mikrostrukturen der Sprache operiert (die Grammatik von Macbeths „If it were done“), wobei die Präzision der Lektüre und die Breite des Vergleichs sich gegenseitig stützen. Was die Rezension kritisch vermerkt, ist die begrenzte Reichweite des Korpus (europäische Tragödie mit Gewichtung auf die Antike und das 16.–19. Jahrhundert), die ungelöste Frage nach der Bühne als materielles Medium und eine gewisse Spannung zwischen Morettis Ablehnung von Kanonisierung und seiner de-facto-Fokussierung auf etablierte Werke, die den innovativen Anspruch teilweise relativiert.

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Der Rassemblement national als Nutznießer einer neuen Konfiguration

Gewönne der Rassemblement national 2027 das Präsidentschaftsamt, träfe eine Partei mit wenig Regierungserfahrung auf ein machtvolles Amt, das Außen-, Sicherheits- und Europapolitik bestimmt, und sie wäre auf Überläufer aus der Rechten, Geldgeber und wohlgesinnte Medien angewiesen. Für die deutsch-französischen Beziehungen hieße das, dass der Motor der europäischen Politik ins Stocken geraten könnte: Gemeinsame Rüstungsvorhaben wie das Kampfflugzeug FCAS, abgestimmte Positionen zur Ukraine-Hilfe, Kompromisse bei Haushaltsregeln und Migrationspolitik sowie die Absprachen vor jedem EU-Gipfel wären nicht mehr selbstverständlich, weil Berlin einer Präsidentin gegenüberstünde, die nationale Vorrechte über die europäische Integration stellt. Für Europa wöge das schwer, weil Frankreich als Atommacht und ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats in einer unsicheren Weltlage eine gemeinsame europäische Antwort tragen oder blockieren kann. Wie es so weit kommen konnte, erklären Patrick Lehingue und Bernard Pudal in „Du FN au RN“ (2026) mit einer Beobachtung, die zunächst überrascht: Die Partei ist innen dünn besetzt. Ein Funktionär der Jugendorganisation räumt ein, die veröffentlichten Mitgliederzahlen seien um das Zehnfache überhöht, von den 35 Abgeordneten des Jahres 1986 gehörten 2020 nur noch zwei der Partei an, und Vereine oder Gewerkschaften, die sie tragen würden, gibt es kaum. Trotzdem erreicht sie seit 1984 fast immer mehr als zehn Prozent, und 2022 stimmten in der Stichwahl 41 Prozent für Marine Le Pen. Die Autoren erklären das wie bei einem Laden mit wenig Personal, der trotzdem voll wird, weil sich die Umgebung verändert hat und die anderen Geschäfte der Straße schließen. Vier Veränderungen benennen sie: Die Sicherheit im Berufsleben schwindet, die Politik schottet sich in einer Schicht von Berufspolitikern ab, die Schule sortiert aus und kränkt viele, und in der Verunsicherung gewinnt das Gefühl, „wir sind hier zu Hause“, neue Kraft. Die Rezension geht das Buch kapitelweise durch und prüft es an seinen eigenen Zahlen. Überzeugend ist der Blick auf alle Wahlberechtigten statt nur auf die Abstimmenden: Von den Menschen ohne Abschluss blieben 2017 mehr als 37 Prozent der Wahl fern, ihre häufigste „Wahl“ war also die Enthaltung. Angreifbar bleibt der Gedanke des Glücksfalls, der fast jeden Erfolg erklärt und deshalb schwer zu widerlegen ist, ebenso die knappe Antwort auf die Frage, was die Partei selbst richtig macht. Nach Lehingue und Pudal hat der FN/RN das Parteiensystem vor allem über die Themen und über die Rechenspiele der anderen verändert. Sozialisten und klassische Rechte haben ihn zunächst für taktische Vorteile instrumentalisiert (Verhältniswahl 1986, regionale Absprachen), später übernahmen die Etablierten seine Themen und Formeln, und der „Front républicain“ gilt den Autoren seit 2022 als verbraucht. Seit 2024 ist der RN mit 142 Abgeordneten und einem Bündnis mit Teilen der Republikaner zugleich die stärkste Einzelfraktion und ein Schiedsrichter über die Lebensdauer der Regierungen, während der Niedergang von PS und LR (zusammen 6 Prozent 2022) nach dem Buch vor allem auf die Schließung des politischen Feldes zurückgeht und nur teilweise auf den RN selbst.

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Von Tocqueville zu De Gaulle: die Furcht der Zweiten Republik vor dem Volk und ihr Weg ins Kaiserreich

Marie-Hélène Baylacs „La peur du peuple“ erzählt den Weg Frankreichs von der Ausrufung der Republik am 24. Februar 1848 bis zur Kaiserkrönung Napoleons III. am 2. Dezember 1852 als Geschichte einer Furcht, die stärker wirkt als jedes politische Programm: Bankette und Barrikaden, das Recht auf Arbeit und seine Zerschlagung in den Junitagen, der stille Machtaufbau Louis Napoleons und schließlich der Staatsstreich fügen sich bei ihr zu einer Kette von Szenen, in denen Besitzende, Klerus und selbst gemäßigte Republikaner immer wieder aus Angst vor der „sozialen“ Republik zur Ordnung zurückfinden, bis diese Ordnung eine Person findet, die sie verkörpert. Der Aufsatz legt die Architektur dieser Erzählung offen: Er zeigt, wie Baylac die Furcht als Strukturprinzip, nicht als Randmotiv behandelt, und macht sichtbar, dass sie diese These doppelt verankert, einmal politisch-theoretisch in Alexis de Tocqueville, der die Revolution von 1848 als Ausbruch „sozialer Leidenschaften“ voraussah und die Junitage später als Klassenkrieg deutete, und literarisch in Flaubert, Hugo, Balzac und Marie d’Agoult, deren Bilder von wogenden Menschenmengen und flüchtenden Kutschen die bürgerliche Angst in Sprache fassen. Zugleich formuliert die Rezension, was diese dichte, quellennahe Erzählung an analytischer Schärfe schuldig bleibt, etwa gegenüber der quantitativen Wahlforschung oder der neueren Emotionsgeschichte, und ordnet das Buch so zwischen erzählerischer Stärke und begrenztem Theorieanspruch ein.

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Drieu la Rochelle als Antisemit auf dem Papier: Liebe und Kollaboration bei Jean-Noël Orengo

Jean-Noël Orengos Roman „La Rédemption“ (2026) erzählt, wie sich die großbürgerliche, jüdischstämmige Colette Jéramec und der mittellose Schriftsteller Pierre Drieu la Rochelle vor 1914 kennenlernen, heiraten, sich 1921 scheiden lassen und dennoch verbunden bleiben, bis Pierre, inzwischen Kollaborateur und Ideologe eines „faschistischen Sozialismus“, 1943 über sein eigenes Netzwerk aus deutschen Funktionären die Freilassung Colettes und ihrer beiden Söhne aus Gestapo-Haft erwirkt, ihr bis zu seinem Suizid 1945 nahebleibt und am Ende selbst von ihr gepflegt und beerdigt wird. Der Aufsatz liest diesen Stoff nicht als moralisches Rechenexempel, sondern zeigt, wie der Roman auf jeder Ebene der Narration dieselbe Grundfigur durchspielt: die Unmöglichkeit, eine private Liebesgeschichte von der kollektiven Schuld ihrer Zeit zu trennen, ohne die eine der anderen zu opfern. Ausgehend von einer selbstkritischen Reflexion der eigenen, deutschen Leseposition verfolgt die Argumentation, wie sich diese Spannung in Orengos offener, quellenkritischer Erzählweise niederschlägt, in der Konfrontation von Colettes bürokratisch zugeschriebener und durch Pierre nie klar bestimmter Jüdischkeit, im ambivalenten Bild Deutschlands als Projektionsfläche und Vernichtungsapparat sowie im Kontrast zu Drieus eigenem Roman „Gilles“, dessen ästhetisierter Opfertod im Spanischen Bürgerkrieg durch die medizinisch nüchternen, von Colette begleiteten Suizidversuche des realen Pierre bei Orengo gezielt entzaubert wird. Zuletzt zeigt der Aufsatz, gestützt auf Zeugnisse aus dem Cahier de l’Herne, wie sich Orengos Formel vom „Antisemiten auf dem Papier“ in zeitgenössischen Quellen wiederfindet, und liest den Roman als bewusst offenes, politisch nach beiden Seiten lesbares Werk, das seine eigene Ambivalenz zum Erkenntnisverfahren erhebt.

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Marion Maréchal, „Si tu te sens Le Pen“ — eine kritische Lektüre

Marion Maréchals „Si tu te sens Le Pen“ (2026) will, das zeigt schon der Erscheinungszeitpunkt kurz nach dem Tod Jean-Marie Le Pens und mitten in der juristischen Unsicherheit um Marine Le Pens Kandidatur 2027, aus einem Familiennamen politische Legitimität machen und die eigene, durch den Bruch mit dem Rassemblement National und die gescheiterte Allianz mit Éric Zemmour beschädigte Loyalität rückwirkend als konsequente Erfüllung eines großväterlichen Auftrags erzählen. Dafür verknüpft das Buch, ausgehend von einem Autounfall im August 2025, die eigene politische Biographie – die Kandidatur 2012, den Rückzug 2017, die Hochschulgründung ISSEP, die Zemmour-Episode, die Parteigründung Identité Libertés – mit Positionen zu Migration, Islam, Geschlecht, Wirtschaft und einer international vernetzten Rechten von Meloni bis Trump. Der vorliegende Aufsatz zeigt, dass dieses doppelte Ziel – persönliche Rehabilitierung und politisches Programm – über eine Reihe wiederkehrender rhetorischer Verfahren erreicht werden soll, die selbst problematisch sind: eine Opfererzählung, die jede Kritik am Front National als bloße „diabolisation“ durch ein feindliches Establishment abtut, ohne deren historische Gründe zu benennen; eine genealogische Legitimation, die aus persönlichem Leid und Herkunft politische Notwendigkeit ableitet, ohne diesen Schluss zu problematisieren; eine Symmetrisierung, die etwa „anti-weißen Rassismus“ gegen tatsächlichen Rassismus oder „Gender-Ideologie“ gegen Frauenrechte in Stellung bringt und dabei strukturelle Machtunterschiede ausblendet; eine selektive religiöse Überhöhung, die den Katechismus zur Begründung restriktiver Migrationspolitik heranzieht, während unbequeme kirchliche Positionen relativiert werden; und eine internationale Vernetzung mit Trump, Vance und Meloni, die der eigenen Position den Anschein einer historischen Notwendigkeit verleihen soll. Der Aufsatz argumentiert, dass diese Verfahren keine Randerscheinung, sondern das eigentliche Strukturprinzip des Buches bilden – und macht deutlich, an welcher Stelle jedes einzelne Kapitel diese Muster im Detail einsetzt.

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Kanada als 51. Staat der USA: eine Dystopie der Annexion bei Hervé Gagnon

Hervé Gagnons Roman „51e – Canada 2038“ (Éditions Alire, 2026) entwirft die düstere Vision einer nahen Zukunft, in der Kanada nach ruinösen US-Schutzzöllen und dem kanadischen Stromboykott von 2029 militärisch annektiert und als 51. Bundesstaat unter US-Militärdiktatur gestellt wird; im besetzten Montréal des Jahres 2038 verwebt der traumatisierte Ermittler Jeff Foley bei der Suche nach der vermeintlich entführten Gouverneurstochter Ellie Belliveau die Fäden von Kollaboration, Widerstand und familiärer Zerreißprobe, bis das Buch in Ellies Selbstmordattentat auf den US-Präsidenten und im Zerfall der Vereinigten Staaten kulminiert. Der vorliegende Aufsatz nähert sich diesem Werk entlang einer mehrschichtigen Analyseachse, die Gattungshybridität (Polar, Dystopie, Polit-Thriller), Raumsemantik (die dichotome Topographie von Verfallszonen und Besatzer-Enklaven), Figurenkonstellation sowie eine dichte Bild- und Intertextualitätsanalyse (Körpermutilation, popkulturelle Songzitate, historische Widerstandsrhetorik) systematisch miteinander verzahnt und so schrittweise von der Textoberfläche zur ideologiekritischen Tiefenstruktur vordringt. Seine Argumentation gewinnt der Aufsatz dabei aus der doppelten Bewegung, mit der er den Roman einerseits werkimmanent als ästhetisch durchkomponierte Einheit erschließt – der tabellarische Vergleich von Romananfang und -schluss macht die Wende von lähmender Ohnmacht zu explosiver Systemkorrosion greifbar – und ihn andererseits an die reale politische Gegenwart rückbindet, indem er Gagnons fiktionale Extrapolation mit den tatsächlichen Spannungen zwischen Trumps Annexionsrhetorik, der Zolleskalation und der europäischen Assoziierungsofferte an Kanada kontrastiert; die abschließende Einbeziehung einer New-York-Times-Analyse vom 16. September 2026, die Trumps Konfrontationskurs als diplomatischen Bumerang deutet, der Kanada gerade in die Arme der EU getrieben hat, schärft dabei die zentrale Pointe der Lektüre – dass der Roman weniger als Prognose denn als kontrafaktisches Menetekel für den Fall funktioniert, dass die real noch vorhandenen diplomatischen Auswege versperrt blieben. So wird der Roman nicht als abgeschlossenes ästhetisches Artefakt, sondern als eingreifende, warnende Zeitkritik lesbar gemacht, ohne dass die literaturwissenschaftliche Präzision der Einzelanalyse der politischen Aktualisierung geopfert würde.

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Neugallien als Denkfigur: Ideologie und Männlichkeit bei Caroline Bouffault

Caroline Bouffaults Roman „Les Désarmantes“ (2026) entwirft die Nouvelle-Gallia, ein aus einem eurasischen Krieg hervorgegangenes Gemeinwesen, in dem eine pazifistische Frauenregierung die Armee abgeschafft und die männliche Bevölkerung in sogenannten Néo-Villages untergebracht hat; vor diesem Hintergrund verfolgt der Roman die kanadische Journalistin Alba Larochette, die für ein geplantes Buch mit Präsidentin Imogène K. und Vizepräsidentin Maisie Pressolles spricht, sowie Charlie, Imogènes Tochter, deren heimliche und regelwidrige Schwangerschaft mit dem resozialisierten Gaël das Regime aus einer intimen Perspektive zeigt. Der vorliegende Aufsatz nähert sich diesem Gedankenexperiment mit sechs ineinandergreifenden Zugängen: Er prüft zunächst einen feministischen Interpretationszugang, ob die Umkehrung der Geschlechterordnung Befreiung oder Fortschreibung von Herrschaft bedeutet, verfolgt ideologiekritisch die Rechtfertigungssprache der Macht, seziert diskursanalytisch Formulare und Euphemismen, untersucht narratologisch den Wechsel der Erzählperspektiven, verortet den Roman intertextuell in einer Reihe verwandter Machtumkehrungsfiktionen und fragt zuletzt kritisch nach der Konstruktion von Männlichkeit selbst. Eingeleitet wird die Analyse durch die zugespitzte These der Verlagsankündigung, wonach die kriegerischen Gefahren der Gegenwart überwiegend männlich verursacht seien; der Aufsatz nimmt diese Provokation ernst, ohne sie unwidersprochen zu übernehmen, und zeigt, dass der Roman selbst, in seiner erzählerischen Zurückhaltung gegenüber männlichen Figuren, eine vergleichbare Ambivalenz auslebt: Er diagnostiziert die Beschädigung von Männlichkeit präzise, verweigert sich aber jedem Bild ihrer Überwindung.

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Die Verführung des Schönen: Alexandre Najjar und Lilian Auzas über Olympia 1936 und über Leni Riefenstahl

Wenn in Alexandre Najjars „Berlin 36“ (2009) zwanzig Scheinwerfer sich über dem Berliner Olympiastadion zu einer immensen Lichtkuppel erheben, unter der hunderttausend Menschen mit erhobenen Armen das Kampflied der SS singen, während Mädchen in Weiß aus dem Dunkel treten und den scheidenden Fahnenträgern Andenken reichen, dann offenbart sich jene Verführungskraft, der sich auch in Lilian Auzas „Riefenstahl“ (2012) ein Kinopublikum nicht zu entziehen vermag: Beim Anblick von „Triumph des Willens“ erstarrt der Saal zunächst, dann will der Beifall nicht enden, denn niemand entzieht sich der Schönheit dieser Bilder. Wie lässt sich Literatur dieser ästhetischen Faszination gegenüber kritisch verhalten, ohne sie zu leugnen oder auf eine ferne Anklage zu reduzieren? Najjars Roman antwortet mit dokumentarischer Breite: Eine Vielzahl von Figuren (die Familie Owens, eine französische Journalistin, ein Jazzmusiker, ein libanesischer Sportfunktionär) widerstehen der nationalsozialistischen Inszenierung durch alltägliche Gesten der Zivilcourage. Auzas hingegen wagt den riskanten Akt, Leni Riefenstahls Innenperspektive nachzuvollziehen und dabei die eigene Anfälligkeit für ästhetische Verführung nicht zu verschweigen. Der Artikel zeigt, wie beide Romane trotz ihrer gegensätzlichen poetischen Verfahren gemeinsam demonstrieren: Widerstand gegen totalitäre Macht wird sowohl als gelebte Praxis alltäglicher Gesten erkennbar als auch dadurch, dass die kritische Reflexion ästhetischer Verführung selbst zur politischen Aufgabe der Literatur gehört.

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Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung

Ein Sammelband mit elf Historikerinnen und Historikern bzw. Publizisten unter Herausgeberschaft von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt verfolgt in zwölf Kapiteln, wie sich die politischen Familien Frankreichs – vom Rassemblement National über die Regierungsrechte, Macrons Renaissance, Grüne, Sozialisten und Kommunisten bis zu La France insoumise, der außerparlamentarischen Linken und den Gelbwesten – seit dem Sechstagekrieg 1967 zum Antisemitismus verhalten haben. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus von rechts historisch erwartbar sei, sein wiederholtes Auftauchen im linken Lager dagegen mehr über Verdrängungsmechanismen der französischen Gesellschaft verrate; als Scharnier dient dabei durchgehend das Verhältnis von legitimer Israelkritik und antisemitisch codiertem Antizionismus. Die Rezension würdigt den Band als dicht dokumentierte, quellennahe Bestandsaufnahme, die mit dem Reflex bricht, Judenhass allein der extremen Rechten zuzuschreiben, und die auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht schont. Zugleich benennt sie methodische Grenzen – eine „Sicht von oben“ ohne Archiv- oder Basisforschung, uneinheitliche analytische Zugriffe, das Fehlen einer vergleichenden internationalen Perspektive und eines eigenständigen Kapitels zu islamistisch geprägtem Antisemitismus – sowie eine auffällige Leerstelle gegenüber Literatur und Kunst. Ein Ausblick zeigt schließlich, dass sich die im Buch beschriebenen Muster in der Vorwahlkampfphase zur Präsidentschaftswahl 2027 nahezu unverändert wiederholen.

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Das Verstummen des Ich: Geschichtszeit als Romanform bei François Roux

Am 10. Mai 1981 flackert ein Wahlergebnis über die Fernsehschirme der Bretagne, und vier Siebzehnjährige – Paul, Rodolphe, Tanguy, Benoît – treten, ohne es zu ahnen, in ein Vierteljahrhundert französischer Geschichte ein, das sie nicht mehr verlassen werden. François Roux‘ 2014 erschienener Roman „Le Bonheur national brut“ folgt zunächst, aus der Ich-Perspektive Pauls erzählt, den tastenden Jahren eines jungen Mannes zwischen Provinzenge und Pariser Dachkammer, zwischen erwachender Homosexualität und dem stillen, kaum aussprechbaren Sterben seines ersten Geliebten an einer Krankheit, für die 1984 noch kein Name existiert. Ein Vierteljahrhundert später – der Roman springt ohne Übergang – hat sich das Quartett in die Institutionen der Republik verteilt: Rodolphe im Halbrund der Nationalversammlung, Tanguy in den Glasfluren eines amerikanischen Parfümkonzerns, Benoît hinter der Kamera, mit der er Hollywood und Obdachlosenheime gleichermaßen belichtet. Ihre Wege kreuzen sich in Sälen, Redaktionsbüros, an Sterbebetten, bis Rodolphe, wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl 2012, von einer bretonischen Klippe stürzt, ein Tod, den niemand ganz aufklärt. Der Roman schließt, wie er begann, an einem Wahlabend; doch der Jubel von 1981 kehrt nicht wieder, nur sein Echo, gedämpft durch ein Grab. – Der Aufsatz liest diese Anlage nicht als Kulisse, sondern als Argument: Die Ernüchterung, von der der Roman erzählt, schreibt sich seiner These zufolge in die Form selbst ein, bevor sie je ausgesprochen wird. Das zeigt sich zunächst am Zerfall der erzählenden Stimme: Die geschlossene, geständige Ich-Perspektive des ersten Teils löst sich im zweiten in drei distanzierte Männerporträts auf, als ob das Subjekt, das 1981 noch redselig von sich selbst sprach, unter dem Gewicht der Institutionen verstummte, um erst am offenen Grab eines Freundes seine Stimme zurückzugewinnen. Der Aufsatz verfolgt diese Verstummensbewegung weiter in die Anordnung von Raum und Zeit – der zirkulären Rahmung durch zwei, 31 Jahre auseinanderliegende Wahlnächte, die keine Wiederkehr, sondern nur den Abstand zwischen einst und jetzt vermessen –, in eine Geschlechterordnung, die weiblichen Figuren vor allem die stille, ungezählte Arbeit des Haltens zuweist, und in eine Sprache des Glücks, die von politischer Beschwörung zu Parfümwerbung absinkt, während sich Krankheit und beruflicher Zusammenbruch als die eigentlichen Vokabeln der Geschichte erweisen. Am Ende steht, so die Pointe des Aufsatzes, kein Fazit, sondern die Grabinschrift Nietzsches, die, von einem PR-Berater ausgewählt, über die ganze erzählte Generation zu sprechen scheint, ohne dass irgendeine ihrer Figuren dies je beabsichtigt hätte.

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Die Republik als Pappmaché: Sprache, Politik und Elite bei Cécile Guilbert

Cécile Guilberts Roman „Les Républicains“ (Grasset, 2017) folgt einer namenlos bleibenden Ich-Erzählerin, „la fille en noir“, die nach dreißig Jahren zufällig ihren ehemaligen Sciences-Po-Kommilitonen Guillaume Fronsac wiedertrifft, einen Berater und Strippenzieher im Umfeld von Balladur und Sarkozy, und mit ihm durch eine einzige Pariser Nacht zieht – von Ardissons Talkshow-Wohnung über Luxusbars bis zur Place de la Concorde –, während zeitgleich, in ihrer eigenen Wohnung, ihr Mann Nathan mit alten Freunden über Islamismus und den „Großen Austausch“ streitet und ein falscher Terroralarm beide Schauplätze in Angst versetzt. Der Titel selbst spielt dabei doppelbödig: Er meint zugleich die 2015 gegründete Partei um Sarkozy und Fillon und die ursprünglichen Republikaner von 1789 bis 1794, deren Ideale sich buchstäblich an denselben Straßenecken – Tuilerien, Vendôme-Säule, Concorde, Faubourg Saint-Antoine – abspielten, durch die Fronsac und die Erzählerin nun schlendern; diese Überblendung macht den Titel selbst zur Ironie, die eine hohle Kontinuität republikanischer Rhetorik benennt, ohne dass ihr im Roman noch irgendein Inhalt entspräche. Der Aufsatz liest diesen Gesellschaftsroman als politischen Roman im emphatischen Sinn, argumentiert aber gegen ein naives Verständnis von „politisch“ als Positionsbezug: Er zeigt anhand von Raumstruktur, Zeitstruktur und einer unmarkiert wechselnden Erzählperspektive zwischen Ich-Erzählung, Selbstanrede und auktorialer dritter Person, dass der Roman Macht nicht als Programm, sondern als Sprache, Habitus und Kulisse vorführt – am deutlichsten in der wiederkehrenden Einsicht, die eigentliche politische Rede sei „carton-pâte“, Pappmaché ohne Substanz dahinter. Elitensoziologisch entwirft der Aufsatz daraus das Bild einer sich selbst reproduzierenden „noblesse d’État“: Die Reproduktionsmaschine Sciences-Po/ENA, der mühelose Wechsel zwischen Kabinettsposten und Finanzberatung (das „pantouflage“ Fronsacs), sowie ein enges „entre-soi“, in dem man einander in denselben Bars und auf denselben Sommerfesten immer wieder begegnet, zeichnen eine Klasse, die ihre eigenen Privilegien präzise benennen kann, ohne dass diese Selbstanalyse je in Konsequenzen mündete – ein Bruch zwischen Zynismus und Trägheit, den der Aufsatz als eigentlichen soziologischen Befund des Buchs herausstellt. Konsequent daraus ergibt sich die dritte Beobachtung: Der Roman verweigert sich jeder Utopie. Weder eine proletarische noch eine provinzielle Gegenfigur betritt die Szene, und auch die schwächeren Fluchtpunkte, die der Text anbietet – der spielerische Verweis der Erzählerin auf den „Parti surréaliste belge“, die einzelne dissonante Stimme Mourads, die als Rückzugsort gedachte „cabane“ im Faubourg Saint-Antoine, zuletzt der Gedanke ans Schreiben selbst –, erweisen sich als brüchig, ironisiert oder strukturell längst wieder ins Milieu eingebunden. Gerade dieses Fehlen einer glaubwürdigen Alternative liest der Aufsatz als Pointe: ein System, das sich selbst durchschaut, aber keinen Ort kennt, von dem aus es sich verlassen ließe – eine Diagnose, die in der autopoetologischen Schlusswendung des Romans gipfelt, der offenlässt, ob die ganze Nacht nicht bloß der Stoff für genau das Buch war, das man gerade gelesen hat.

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Der Autor des „grand remplacement“: Zu einer neuen Renaud Camus-Biographie

Wie wird aus der Tagebuchnotiz eines literarisch gescheiterten Schriftstellers ein Vokabular, das identitäre Attentäter, rechte Regierungschefs und Wahlkampfberater rund um den Globus teilen? Die Biografie „L’homme par qui la peste arriva“ (Flammarion, 2026) von Gaspard Dhellemmes und Olivier Faye rekonstruiert anhand von Verlagskorrespondenz, unveröffentlichten Manuskripten und jahrelangem persönlichem Zugang, wie sich bei Renaud Camus ein über Jahrzehnte kultiviertes Distinktionsbedürfnis, wiederholte literarische Kränkung und ein verlässliches Netz aus Förderern zu jener Formel verdichten, die heute als „Grand Remplacement“ von Christchurch bis Charlottesville, von Marine Le Pen bis zur AfD zirkuliert. Die Stärke des Buchs liegt im Nachweis, dass die rassistischen und antisemitischen Denkfiguren lange vor ihrer öffentlichen Kodifizierung in Camus‘ eigenen Notizen vorlagen und von seinem Umfeld gekannt, toleriert und institutionell gefördert wurden – eine Kontinuitätsgeschichte statt einer Bekehrungserzählung. Zugleich zeigt die Rezension, wo die Form an Grenzen stößt: Die Nähe zum Protagonisten und die Konzentration auf sein persönliches Netzwerk erklären, warum ausgerechnet er diesen Begriff geprägt hat, kaum aber, warum ihn Millionen für plausibel halten – und die deutsche Rezeption, längst Gegenstand geheimdienstlicher Beobachtung, bleibt im Buch nahezu unerwähnt. Was bleibt, ist ein Instrument zur Entzauberung: der Nachweis, dass eine Theorie, deren Gründungsanekdote bei jeder Erzählung wechselt, keinen Anspruch auf naturwüchsige Evidenz erheben kann.

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Das zweite Dossier: Literatur als Gewaltarchiv in Mathias Énards Zone

Mathias Énards „Zone“ gilt gemeinhin als Ilias des Mittelmeerraums im 20. Jahrhundert – ein einziger, atemloser Satz über vierundzwanzig Gesänge, in dem ein ehemaliger Geheimdienstmann auf der Nachtfahrt von Mailand nach Rom sein Dossier über anderthalb Jahrzehnte Kriegsverbrechen ordnet, um es zu verkaufen und unter neuem Namen zu verschwinden; die Rezension liest den Roman gegen diesen naheliegenden Zugriff als eine über weite Strecken verdeckte Abhandlung über Literatur selbst und stützt diese These auf ein mehr als zwanzig Autoren umfassendes Personal – von Pound über Malaparte, Céline und Genet bis Kavafis und Burroughs –, das ein zweites, literarisches Dossier neben Mirkovics eigentlichem Aktenkoffer bildet, in dem jeder Name dieselbe Frage beantwortet: was ein Schriftsteller getan, gesehen oder verschwiegen haben muss, um über Gewalt zu schreiben; textnah entfaltet sie das an Malapartes zweifelhafter Kaputt-Anekdote über Ante Pavelić ebenso wie an Genets doppelter, kaum vereinbarer Erscheinung als Bohème-Berühmtheit im Vorkriegs-Barcelona und als „himmlischer Totengräber“ von Chatila, und gewinnt daraus drei Thesen – Literatur steht nie außerhalb der Gewalt, von der sie handelt; literarische Bildung erscheint als nachträgliches Konstrukt des erinnernden, nicht des erlebenden Ich; und die Nähe von Schreiben und Gewalt lässt sich nicht auf Komplizenschaft verkürzen, wie gerade Genet und das am Romanende offenbleibende Buch zeigen –, wobei das eigentliche argumentative Verdienst der Rezension in ihrem Vorgehen liegt: Sie nimmt jede Nennung einzeln beim Wort, bevor sie zu den drei übergreifenden Thesen verallgemeinert, ein induktives Verfahren, das ihren eigenen Anspruch auf textnahe Lektüre selbst einlöst, auch wenn die Auswahl der Belegstellen naturgemäß selektiv bleibt und sich gegenläufige Passagen finden ließen, in denen Literatur eher Trost oder bloßes Bildungskapital ist; gerade darin, diese Spannung nicht aufzulösen, sondern als Ergebnis stehen zu lassen, liegt die Pointe des Schlusses, dass der Roman die Frage nach Literatur und Gewalt nicht ein für alle Mal entscheidet, sondern von Autor zu Autor neu stellt.

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Zerstörung des Volks: Philippe de Villiers erzählt den Untergang Frankreichs

Philippe de Villiers, der französische Publizist, Historienpark-Betreiber und Gründer der souveränistischen Partei Mouvement pour la France, hat mit „Populicide“ (Oktober 2025) sein jüngstes politisches Sachbuch vorgelegt – die Fortsetzung seines Vorgängerbandes „Mémoricide“ (2024), der bereits rund 230.000 Exemplare erreichte. „Populicide“ überträgt einen Begriff der Französischen Revolution – ursprünglich von Gracchus Babeuf zur Bezeichnung der staatlich angeordneten Massentötungen in der Vendée geprägt – auf einen gegenwärtigen demografischen und kulturellen Wandel und argumentiert, dass Frankreich durch eine Kombination aus Migration, Gender-Ideologie, Eliten-Verrat und transhumanistischer Technokratie sein Volk und seine Zivilisation verliert. Das Buch verbindet historiografische Fallstudien (Persien, Byzanz, Karthago, Rom, Peru, Toledo) mit autobiografischen Kampferzählungen, kulturpessimistischen Diagnosen und drei abschließenden Oden – eine Gattungshybridität, die das Werk zwischen politischem Manifest, historischem Essay und literarischer Beschwörung oszillieren lässt. Mit über 161.500 verkauften Exemplaren bis Ende Dezember 2025 ist „Populicide“ ein „literarisches Phänomen“ der französischen Rechten geworden, befördert durch Villiers‘ wöchentliche CNews-Sendung und den Bolloré-Verlag. Die vorliegende Rezension analysiert das Buch nicht als Polemik, sondern als methodisches und rhetorisches Projekt: Sie zeigt, wie Villiers historische Fallstudien durch Vereinfachung und Quellen-Manipulation zu Beweisen einer bereits feststehenden Verfallsthese fügt; wie er Gegenwarts-Probleme (Integration, Geschlechterdebatten, digitale Überwachung), die auch von anderen politischen Lagern geteilt werden, in eine geschlossene Verschwörungserzählung einwebt; und wie er affektive und ästhetische Techniken (Pathos, Zitatmontage, elegische Erzählweise) nutzt, um analytische Distanz durch emotionale Partizipation zu ersetzen. In einem vergleichenden Blick auf „Mémoricide“ werden dabei die Kontinuitäten deutlich: „Populicide“ ist weniger ein neuer Gedanke als die Verselbstständigung eines Begriffs, der im Vorgänger bereits angelegt war – eine Form der Wiederholung, die zwar stilistisch beeindruckend ist, aber wenig neue Einsicht bietet. Die Rezension fragt abschließend, was dieser Erfolg über die Empfänglichkeit von Teilen des französischen Publikums für Verfallserzählungen aussagt und wie sich eine sachliche, nicht-apokalyptische Auseinandersetzung mit echten Herausforderungen (Migration, schulische Vermittlung von Geschichte, technologische Transformation) von Villiers‘ Ansatz unterscheidet.

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Der Präsident als Erzähler: Édouard Philippe und Gilles Boyer zwischen Zeugnis und Kandidatur

Die Rezension analysiert den bürgerlichen Präsidentschaftskandidat für 2027, Édouard Philippe, der mit Gilles Boyer einen Regierungsrückblick „Impressions et lignes claires“ (2021) geschrieben hat, im Zusammenspiel mit ihrem früheren Politthriller „Dans l’ombre“ (2011) sowie dem späteren, unter Pseudonym über Philippe erschienenen Roman „Ils ont tué Édouard Philippe“ (2025) und entwickelt daraus ein vielschichtiges Bild politischer Selbstdeutung und literarischer Machtreflexion. Während „Impressions et lignes claires“ in vierzehn lose verbundenen, intertextuell betitelten Kapiteln die 1145 Tage in Matignon als Folge impressionistischer Beobachtungen rekonstruiert, die sich erst im Zusammenspiel zu einer Kontur politischen Handelns verdichten, entwirft das Buch zugleich ein dezidiert nicht-charismatisches Verständnis von Politik als erlernbares Handwerk, geprägt durch Lektüre, institutionelle Loyalität und persönliche Bindungen. Dem steht ihr Thriller „Dans l’ombre“ als frühere, fiktionale Rollenprobe gegenüber, die Macht in zynischer Zuspitzung als manipulierbares System zeigt und die Differenz zwischen sichtbarer politischer Figur und im Hintergrund agierendem Strategen theoretisch vorwegnimmt. Der dystopische Roman „Ils ont tué Édouard Philippe“ von einem „Max B.“ radikalisiert diese Perspektive, indem er reale politische Akteure in eine verschwörungstheoretisch aufgeladene Attentatserzählung einbindet und so die Grenze zwischen Fiktion und dokumentarischem Anspruch systematisch verwischt. Die Rezension arbeitet heraus, dass sich über diese drei Texte hinweg ein Spannungsfeld zwischen literarischer Imagination und politischer Selbstinszenierung eröffnet: vom verschlüsselnden Schlüsselroman über das kollektiv verfasste Regierungszeugnis bis hin zur paranoiden Dystopie, die reale politische Figuren ohne Distanz fiktionalisiert. In dieser Konstellation erscheint Philippe zugleich als Autor, Figur und Projektionsfläche eines literarisch-politischen Diskurses, in dem sich individuelle Karriere, institutionelle Reflexion und gesellschaftliche Imagination überlagern und gegenseitig strukturieren.

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Marine Le Pen als Bücherfigur: Enthüllen, Deuten, Imaginieren

Dieser Überblick über Marine-Le-Pen-Literatur steht im unmittelbaren Schatten eines laufenden Gerichtsverfahrens: Am 7. Juli 2026 verkündet die Pariser Cour d’appel ihr Urteil im Prozess um die Assistenten der FN-Europaabgeordneten, in dem Marine Le Pen erstinstanzlich zu fünf Jahren Verlust des passiven Wahlrechts mit sofortiger Vollstreckung verurteilt worden war – eine Entscheidung, deren Bestätigung sie von der Präsidentschaftswahl 2027 ausschließen und den Weg für Jordan Bardella als Ersatzkandidaten des Rassemblement National ebnen würde, während eine Abschwächung oder Aufhebung der sofortigen Vollstreckung ihre Kandidatur offen hielte; da das Urteil zum Zeitpunkt der Abfassung noch aussteht, erhält die folgende Übersicht eine besondere Gegenwartsdringlichkeit. – Die Rezension folgt einer doppelten Ordnung: einerseits einer Gattungslogik, andererseits einer argumentativen Progression vom Sichtbaren zum Strukturellen. Ein erster Abschnitt widmet sich mehreren journalistischen Enthüllungsbüchern, die in dichter Recherchearbeit Netzwerke, Finanzen und parteiinterne Strategien freilegen. Hier zeigt die Rezension im Detail, wie diese Texte mit wiederkehrenden dramaturgischen Mitteln arbeiten: Sie eröffnen mit prägnanten Szenen – etwa Wahlkampfauftritten oder internen Krisenmomenten –, um anschließend Schritt für Schritt ein Gegenbild zur öffentlichen Inszenierung zu entfalten. Die Politikerfigur erscheint dabei als strategisch kontrolliertes Konstrukt, dessen „Normalisierung“ als bewusste Operation beschrieben wird. Die Rezension arbeitet heraus, dass diese Bücher weniger durch neue Fakten als durch ihre narrative Rahmung Wirkung entfalten: Sie organisieren das Material entlang einer Enthüllungslogik, die stets auf die Entlarvung einer Diskrepanz zwischen Oberfläche und Tiefe zielt. – Ein zweiter Block gilt diskursanalytischen und ideologiekritischen Studien. Hier verschiebt sich der Zugriff: Statt biografischer Details stehen Sprachmuster, Begriffsverschiebungen und rhetorische Strategien im Zentrum. Die Rezension rekonstruiert die Argumentationsgänge dieser Arbeiten: Sie zeigen etwa, wie Begriffe wie „Volk“, „Souveränität“ oder „Sicherheit“ semantisch umcodiert werden, wie ambivalente Formulierungen unterschiedliche Adressaten zugleich bedienen und wie sich ältere rechtsextreme Diskurse in moderaterer Form fortschreiben. Besonders hervorgehoben wird die methodische Strenge dieser Studien, die mit Korpusanalysen, Redevergleichen und historischen Kontextualisierungen arbeiten. Die Figur Le Pen erscheint hier nicht mehr als handelndes Subjekt, sondern als Effekt eines Diskurses, der über sie hinausweist. – Darauf folgt ein Abschnitt zu biografischen Darstellungen, die stärker narrativ und psychologisierend verfahren. Die Rezension zeigt, wie diese Bücher zentrale Motive – familiäre Konflikte, die Beziehung zum Vater, der Generationswechsel innerhalb der Partei – zu einer kohärenten Lebensgeschichte verdichten. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Biografien häufig mit literarischen Mitteln operieren: Sie setzen auf dramatische Zuspitzung, charakterliche Entwicklung und symbolische Schlüsselszenen. Die Politikerfigur gewinnt hier an Tiefe und Kontur, wird aber zugleich in bekannte Erzählmuster eingebettet, die ihre politische Rolle verständlich und erzählbar machen. – Ein weiterer Teil der Rezension ist programmatischen Schriften und politischen Essays gewidmet, die entweder von Le Pen selbst oder aus ihrem Umfeld stammen. Hier analysiert die Rezension die innere Struktur dieser Texte: die Konstruktion eines kollektiven Subjekts („das Volk“), die Gegenüberstellung von Bedrohung und Schutz, sowie die Inszenierung politischer Klarheit durch scheinbar einfache Lösungen. Argumentativ wird gezeigt, dass diese Schriften weniger konkrete Politikvorschläge entwickeln als vielmehr ein kohärentes Weltbild anbieten, in dem die Autorin als notwendige Repräsentantin erscheint. – Abschließend behandelt die Rezension Prognosen, Wahlstudien und fiktionale Texte, die eine mögliche Präsidentschaft vorwegnehmen. Besonders instruktiv ist hier die Beobachtung, dass statistische Modelle und literarische Imaginationen sich einander annähern: Beide transformieren die politische Figur in eine Zukunftsfigur, deren Möglichkeit bereits als Realität gedacht wird. Die Rezension zeigt, wie diese Texte Szenarien durchspielen, Regierungskonstellationen entwerfen und politische Entscheidungen antizipieren – und damit das Vorstellbare verschieben. – Die argumentative Linie der Rezension läuft darauf hinaus, diese unterschiedlichen Texttypen nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines gemeinsamen kulturellen Produktionsprozesses. In ihrer Zusammenschau entsteht „Marine Le Pen“ als vielschichtige Figur, die je nach Perspektive enthüllt, analysiert, erzählt, programmiert oder imaginiert wird. Gerade diese Überlagerung macht ihre politische Wirksamkeit aus. – Vor diesem Hintergrund gewinnt das ausstehende Urteil ein Gewicht, das weit über die juristische Einzelfrage hinausgeht: Seine Folgen betreffen nicht nur die französische Innenpolitik und die Konstellation der Präsidentschaftswahl 2027, sondern reichen in die deutsch-französischen Beziehungen hinein – etwa in Fragen der wirtschafts- und europapolitischen Koordination – und berühren die politische Architektur Europas insgesamt, insofern sie das Kräfteverhältnis zwischen nationalpopulistischen und integrationsorientierten Projekten neu justieren könnten.

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Gabriel Attals Bekenntnisbuch als Kandidaturauftakt

Die Rezension liest Gabriel Attals „En homme libre“ (2026) als paradigmatischen Fall der französischen „Buchkandidatur“ und verfolgt, wie sich eine politische Biografie vom kommunalen Einstieg bis in die Sphäre der Präsidentschaftsbewerbung zugleich als Selbstdeutung und Programmentwurf inszeniert. Ausgehend von der dramatisch gesetzten Zäsur der Parlamentsauflösung 2024 entfaltet das Buch in nichtlinearer Dramaturgie Herkunft, Aufstieg und Identitätsnarrative – von familiären Prägungen zwischen jüdisch-atheistischem und orthodoxem Erbe über den institutionellen Parcours durch Ministerien bis hin zur kurzen Amtszeit als Premierminister – und überführt diese in ein politisches Credo, das individuelle Erfahrung als Legitimation eines „neuen republikanischen“ Projekts mobilisiert. Die Analyse arbeitet heraus, wie Attal intime Bekenntnisse (etwa zu seiner homosexuellen Lebensgemeinschaft, zu Religion und biografischen Brüchen) mit strategischer Selbstpositionierung verschränkt, wie sich Distanz und Kontinuität gegenüber dem Macronismus rhetorisch austarieren und wie ein programmatischer Kern sichtbar wird, der wirtschaftsliberale, gesellschaftlich progressive und ordnungspolitisch autoritäre Elemente verbindet. Zugleich wird Attals Selbstentwurf im Horizont eines bereits stark ausdifferenzierten Bewerberfeldes gelesen – von zentristischen Konkurrenten wie Édouard Philippe über Vertreter der radikalen Linken wie Jean-Luc Mélenchon bis hin zu dominanten Figuren der extremen Rechten wie Jordan Bardella –, wodurch das Buch nicht nur als individuelle Selbstbeschreibung, sondern als strategische Positionierung innerhalb eines zunehmend polarisierten Wahlkampfs erscheint. Im Fokus steht damit das Doppelgesicht des Textes: als literarisierte Lebensgeschichte, die Authentizität behauptet, und als implizite Wahlplattform, die den Anspruch auf die Präsidentschaft erzählerisch vorbereitet und politisch begründet.

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Tugend, Volk, Terreur vor den Präsidentschaftswahlen 2027: Jean-Luc Mélenchon, Robespierre und das Erbe der Revolution

Der Artikel analysiert die politische und ideengeschichtliche Verbindung zwischen dem Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon und Maximilien Robespierre, dem jakobinischen Revolutionär und Architekten der Terreur, und zeigt, wie sich zentrale Motive des jakobinischen Denkens – insbesondere das Konzept der „Vertu“ als republikanische Tugend, die Vorstellung eines homogenen Volkswillens und die scharfe Gegenüberstellung von Volk und Korruption – in Mélenchons politischem Projekt für La France insoumise fortschreiben. Ausgehend von der ambivalenten Figur Robespierres, die zwischen Tugendideal und Terrorherrschaft steht, rekonstruiert der Text die historiographischen Deutungstraditionen und ihre gegenwärtige politische Aktualisierung in Frankreich. Dabei wird deutlich, dass Mélenchons Mobilisierungskraft ebenso wie seine Polarisierung aus einer strukturellen Spannung resultiert: dem Versuch, moralische Reinheit und demokratische Repräsentation zu vereinen. Der Beitrag verbindet politische Theorie, Ideengeschichte und literarische Reflexion und versteht die anhaltende Auseinandersetzung um Robespierre als Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Krise und Selbstdeutung der französischen Linken.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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