Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung

Ein Sammelband mit elf Historikerinnen und Historikern bzw. Publizisten unter Herausgeberschaft von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt verfolgt in zwölf Kapiteln, wie sich die politischen Familien Frankreichs – vom Rassemblement National über die Regierungsrechte, Macrons Renaissance, Grüne, Sozialisten und Kommunisten bis zu La France insoumise, der außerparlamentarischen Linken und den Gelbwesten – seit dem Sechstagekrieg 1967 zum Antisemitismus verhalten haben. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus von rechts historisch erwartbar sei, sein wiederholtes Auftauchen im linken Lager dagegen mehr über Verdrängungsmechanismen der französischen Gesellschaft verrate; als Scharnier dient dabei durchgehend das Verhältnis von legitimer Israelkritik und antisemitisch codiertem Antizionismus. Die Rezension würdigt den Band als dicht dokumentierte, quellennahe Bestandsaufnahme, die mit dem Reflex bricht, Judenhass allein der extremen Rechten zuzuschreiben, und die auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht schont. Zugleich benennt sie methodische Grenzen – eine „Sicht von oben“ ohne Archiv- oder Basisforschung, uneinheitliche analytische Zugriffe, das Fehlen einer vergleichenden internationalen Perspektive und eines eigenständigen Kapitels zu islamistisch geprägtem Antisemitismus – sowie eine auffällige Leerstelle gegenüber Literatur und Kunst. Ein Ausblick zeigt schließlich, dass sich die im Buch beschriebenen Muster in der Vorwahlkampfphase zur Präsidentschaftswahl 2027 nahezu unverändert wiederholen.

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Gabriel Attals Bekenntnisbuch als Kandidaturauftakt

Die Rezension liest Gabriel Attals „En homme libre“ (2026) als paradigmatischen Fall der französischen „Buchkandidatur“ und verfolgt, wie sich eine politische Biografie vom kommunalen Einstieg bis in die Sphäre der Präsidentschaftsbewerbung zugleich als Selbstdeutung und Programmentwurf inszeniert. Ausgehend von der dramatisch gesetzten Zäsur der Parlamentsauflösung 2024 entfaltet das Buch in nichtlinearer Dramaturgie Herkunft, Aufstieg und Identitätsnarrative – von familiären Prägungen zwischen jüdisch-atheistischem und orthodoxem Erbe über den institutionellen Parcours durch Ministerien bis hin zur kurzen Amtszeit als Premierminister – und überführt diese in ein politisches Credo, das individuelle Erfahrung als Legitimation eines „neuen republikanischen“ Projekts mobilisiert. Die Analyse arbeitet heraus, wie Attal intime Bekenntnisse (etwa zu seiner homosexuellen Lebensgemeinschaft, zu Religion und biografischen Brüchen) mit strategischer Selbstpositionierung verschränkt, wie sich Distanz und Kontinuität gegenüber dem Macronismus rhetorisch austarieren und wie ein programmatischer Kern sichtbar wird, der wirtschaftsliberale, gesellschaftlich progressive und ordnungspolitisch autoritäre Elemente verbindet. Zugleich wird Attals Selbstentwurf im Horizont eines bereits stark ausdifferenzierten Bewerberfeldes gelesen – von zentristischen Konkurrenten wie Édouard Philippe über Vertreter der radikalen Linken wie Jean-Luc Mélenchon bis hin zu dominanten Figuren der extremen Rechten wie Jordan Bardella –, wodurch das Buch nicht nur als individuelle Selbstbeschreibung, sondern als strategische Positionierung innerhalb eines zunehmend polarisierten Wahlkampfs erscheint. Im Fokus steht damit das Doppelgesicht des Textes: als literarisierte Lebensgeschichte, die Authentizität behauptet, und als implizite Wahlplattform, die den Anspruch auf die Präsidentschaft erzählerisch vorbereitet und politisch begründet.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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