Der Gast im Zimmer: Männlichkeit bei Patrick Autréaux und Gilles Sebhan

Zwei Erzähler in Paris, zwei jüngere Liebhaber aus der arabischen Welt, die kommen, wenn sie wollen, und gehen, ohne zu erklären: Das ist die gemeinsame Ausgangslage von Patrick Autréaux‘ „Pussyboy“ und Gilles Sebhans „Presque gentil“. Autréaux erzählt in essayistisch gebrochener Prosa von Zak, der drei oder vier Jahre lang zum Jasmintee, zum Sex und zur Sieste kommt, ohne je Teil des Lebens des Erzählers zu werden; Sebhan führt in einem datierten Tagebuchroman, der von Juli bis Juni reicht, die Geschichte Gilis und des Ägypters Mehdi vor, in der Geld, Telefonkarten, Pornohefte und ein geplantes Buch die Beziehung regeln. Der Aufsatz liest beide Texte kontrastiv und argumentiert in sechs Schritten. Er zeigt erstens, dass beide Romane Raum, Zeit und Handlung nach der Logik des Wartens bauen, bei Autréaux zyklisch und ritualisiert, bei Sebhan linear und von Rückfällen durchsetzt. Er bestreitet zweitens, dass „Homosexualität“ als Identität das Thema sei: Gegenstand ist ein Begehren zwischen Männern, das für die Geliebten keinen Namen hat und das Herkunft, Geld und Geschlechterrollen mitverhandelt. Er liest drittens Männlichkeit als Rolle, in der Zak dem Erzähler eine weibliche Position zuweist, während Mehdi seine Heterosexualität mit Magazinen inszeniert. Er unterscheidet viertens zwei Körperpoetiken, den durchlässigen, sich verwandelnden Körper bei Autréaux und den gelesenen, gehandelten Körper als Oberfläche bei Sebhan. Er beschreibt fünftens ein Kommunikationsgefälle aus Zaks Schweigen, Mehdis Redefülle und einer Verletzlichkeit, die sich in Rückzug, Scham und Geldnot zeigt und die Erzählperspektive prägt, und deutet sechstens das Schreiben als zweites Begehren, bei Autréaux als Flicken, bei Sebhan als Einschließen und Töten in der Fiktion. Der Vergleich von Anfang und Schluss zeigt, dass der eine Roman offen in den Kreislauf zurückfällt, der andere einen Schlussstrich zieht, und dass beide den Geliebten als Material behandeln, dessen Einverständnis offen bleibt.

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Schreiben als Vatermord und als Gebet: Verschränkung zweier Verluste bei Jean Genet und Gilles Sebhan

Gilles Sebhans „Domodossola“ (2010) erzählt von zwei Männern, die einander nie begegnet sind: von Jean Genet, der im Mai 1967 in einem Hotelzimmer des piemontesischen Grenzorts einen Suizid versuchte, und von einem Ich-Erzähler, der 2007 seinen jungen Geliebten Majed an eine niederländische Haftanstalt für Sans Papiers verliert, ihn zurückgewinnt, in der Wohnung nicht halten kann und schließlich selbst verstößt. Der Aufsatz liest das Buch als Autofiktion, die ihre eigene Gattung durch Wiederholung und Spiegelung herstellt. Seine Hauptthese lautet, dass Sebhan die homoerotische Konstellation Genet–Abdallah und die eigene Beziehung zu Majed nicht vergleicht, sondern ineinander legt, sodass sich Schuld, Verlassen und Vaterschaft als eine fortgesetzte Figur zeigen. Gezeigt wird dies an der refrainhaften Zeitstruktur, an der Aufspaltung der Erzählstimme zwischen Erinnerung, Mutmaßung und Rekonstruktion, an den Räumen von Grenze, Zelle und Hotelzimmer sowie an einem Netz aus Namen, Perlen, Karten und Fotografien, das Lesbarkeit verspricht und verweigert. Ein dritter Strang betrifft die Poetik: Das Schreiben über Genet ist zugleich ein Vatermord, ein Gebet und eine Beichte, und der Erzähler hebt am Ende die eigene Absicht auf, den „alten Knacker“ zu stürzen, indem er dessen Zeichen annimmt.

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Das Wir als Widerstand: Daniel de Roulet zwischen Chronik und Bekenntnis

Daniel de Roulets „Trois garçons“ (Phébus, 2026) erzählt die gemeinsame Lebensgeschichte dreier Männer, die 1943 im selben Davoser Bergdorf geboren werden, aber verschiedenen Klassen angehören: einem Hoteliersohn, einem Concierge-Sohn und dem Sohn eines Gemeindemechanikers. Über achtzig Jahre hinweg verwebt der Roman ihre private Initiation mit den Erschütterungen der Weltgeschichte, Ungarn 1956, Mai 68, Terrorismus und Aids, Tschernobyl und Fukushima, dem Arabischen Frühling und den heutigen Klimabesetzungen, bis sich am Ende zeigt, dass die drei alten Männer selbst an einem Buch über ihr Leben schreiben, dessen Titel noch offen ist und über dessen mögliche KI-Niederschrift sie streiten. Der Aufsatz argumentiert, dass diese politische Substanz sich gerade in der Form entfaltet: Er verfolgt, wie ein additives, an Perec geschultes Erzählverfahren ein kollektives Wir trägt, das sich erst am Ende als Textinstanz zu erkennen gibt, wie die Raumfolge vom bürgerlichen Elternhaus über Kommune und Rückzugsort bis zur besetzten Anhöhe die Wiederholungsstruktur des Widerstands räumlich abbildet, und wie eine parallel geführte Mediengeschichte des Schreibens, von der Feder bis zum Algorithmus, die autopoetologische Selbstreflexion des Romans vorbereitet. Im Verlauf des Textes wird ein unhinterfragtes, biologisch gegebenes Wir dreier Jungen in ein bewusst gewähltes, umstrittenes und schließlich selbst geschriebenes Wir verwandelt, sodass der Aufsatz in der These mündet, dass Weitergabe und Aufruhr in diesem Roman dasselbe Wort meinen.

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Zwei Kindheiten unter Verschluss: Franck Courtès und Louis-Ferdinand Céline

Der Aufsatz vergleicht Louis-Ferdinand Célines „Mort à crédit“ (Denoël, 1936) mit Franck Courtès’ „Le petit cosmonaute“ (Julliard, 2026) als zwei Romane, die im Abstand eines Jahrhunderts dieselbe Grunderfahrung verhandeln, das Kind als Gefäß erwachsener Angst und Gewalt, dabei aber die familiären Rollen vertauschen und auf radikal unterschiedliche stilistische Mittel zurückgreifen. Seinen Ausgangspunkt nimmt die Argumentation nicht von außen, sondern aus dem Text selbst: aus jener Szene, in der Courtès seinen jungen Erzähler ausgerechnet Célines Roman lesen lässt, eine Selbstbezeichnung, die den folgenden Vergleich weniger als äußere kritische Zutat denn als vom Werk selbst gestellte Aufgabe ausweist. Von dort aus verfährt der Aufsatz streng induktiv, er bewegt sich von konkreten, oft nahezu deckungsgleichen Bildern, dem Besteck, das in Tisch oder Hand fährt, dem Wandkalender mit den roten Kreuzen, dem Kind, das die Nervosität der Erwachsenen im eigenen Körper trägt, zu größeren narrativen und poetologischen Fragen: der Enthüllungsdramaturgie zweier verschwiegener Suizide, der Namensmaskierung zwischen halb verhülltem Ferdinand und erfundenem Aurélien, dem Gegensatz von schreiender, elliptischer Kunstsprache und aphoristisch geschlossener Prosa. Am Ende mündet dieser szenische Vergleich in eine Gesamtdeutung, die über die beiden Kindheitsromane hinausgreift und zwei weitere Bücher von Courtès, „À pied d’œuvre“ und „La dernière photo“, als Fortsetzung derselben biografischen Untersuchung in anderen Berufen liest, sodass sich am Ende nicht nur zwei Bücher, sondern zwei Jahrhunderte literarischer Selbstbefragung gegenüberstehen.

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Zwei Ordnungen der Verletzlichkeit: Männlichkeit bei Abdellah Taïa

Abdellah Taïas Roman „Debout dans tes rêves“ (Julliard, 2026) erzählt von Majid, einem Einwanderer aus Salé, der in Paris sieben Jahre lang, zwischen 2003 und 2010, den kleinen Gabriel betreut, während sein eigener Aufenthaltsstatus alle drei Monate neu verhandelt werden muss; in Rückblenden erschließt sich seine Herkunft in Marokko, die Gewalt des kranken Vaters El Mekki, der Versuch des Schwagers Mourad, ihn an einem See zur Heterosexualität zu zwingen, während in Paris eine Reihe ungleicher Liebesbeziehungen zu älteren, wirtschaftlich abgesicherten europäischen Männern und eine an einem orientalisierenden Doktorvater gescheiterte Arbeit über den Maler Fragonard von der Kollision zwischen Begehren, Geld und institutioneller Macht erzählen; der Roman endet im Winter 2010/2011 in einem Krankenzimmer, in dem Majid, mit inzwischen gesichertem Aufenthaltstitel, Gabriel erstmals offen von seiner Homosexualität berichtet, während im Hintergrund der Arabische Frühling beginnt, und sein Titel geht auf ein Bild zurück, in dem Gabriels beim Tsunami 2004 umgekommene Cousins in seinen Träumen aufrecht stehen. Der Aufsatz liest diesen Roman als Verhandlung zweier ineinander verschränkter Fragen, was Männlichkeit in einem patriarchal geprägten Milieu bedeuten kann und wie Homosexualität sich unter den Bedingungen migrantischer Prekarität überhaupt artikulieren lässt, und verzichtet dabei auf getrennte Kapitel zu Gattung, Erzählperspektive, Raum, Zeit oder Poetik zugunsten einer Argumentation, die diese Kategorien fortlaufend einbindet und die konkurrierenden Männlichkeitsentwürfe des Textes, den gewalttätigen Vater, den zur Aufführung zwingenden Schwager, den orientalisierenden Doktorvater und Majids eigene fürsorgliche Praxis, als Antworten auf dieselbe patriarchale Logik ausweist. Argumentativ tragend ist der Vergleich mit dem übrigen Werk Taïas, von „Mon Maroc“ (2000) bis „Le Bastion des larmes“ (2024): Anhand wiederkehrender Motive, des demontierten Vaters, der Flüsse und Schwellenräume als Schauplätze non-normativer Männlichkeit, der ökonomisierten Beziehungen zu Europäern und einer über mehrere Bücher hinweg gleichnamigen Mutterfigur, zeigt der Aufsatz, dass „Debout dans tes rêves“ bekannte Bausteine des Gesamtwerks aufruft und zugleich verschiebt, indem er das zentrale Beziehungsmodell von der erotischen zur nicht-sexuellen, fürsorglichen Bindung verlagert und, anders als die meisten vorangegangenen, in Verlust oder Katastrophe endenden Romane, mit einer vorsichtigen, ausdrücklich als vorläufig markierten Hoffnung schließt. So ergibt sich, von „Mon Maroc“ bis „Debout dans tes rêves“, das Bild eines Werks, in dem Männlichkeit immer wieder von Vätern, Königen und Doktorvätern eingefordert und von den Protagonisten auf Flüssen, in Bussen, Krankenzimmern und Briefen ebenso beharrlich unterlaufen wird, ohne dass sich daraus je ein endgültiges Bild dessen stabilisieren würde, was ein Mann zu sein habe.

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Ein Fluch aus der Metropole: Kreolisierung und Männlichkeit im guadeloupischen Familienroman bei Jean-Philippe Louis

Jean-Philippe Louis‘ Debütroman „Les fils du kapokier“ (Gallimard, 2026) erzählt vom Aufwachsen zweier Jungen, Anicet und Calixte, unter einem angeblich verfluchten Baum in einem guadeloupischen Tal, dessen Frauen als „taties“ über Klatsch und Radio-Totenanzeigen jede Abweichung von einer strengen Männlichkeitsnorm überwachen. Eine brutale Prügelattacke und der Suizid von Calixtes Vater Erneste legen schließlich offen, dass die eigentliche Geschichte des Baumes eine verschwiegene Liebe ist: Hippolyte und Erneste, die beiden Väter, liebten sich als Jugendliche und erneuerten ihre Beziehung Jahrzehnte später heimlich, kurz bevor ihre Söhne sie entdecken. Der vorliegende Aufsatz liest den Roman als Erzählung über die Bedingungen des Erzählens selbst und verfolgt die These, dass sein Ich-Erzähler Anicet, ein „Mako“ genannter Klatschsammler, jene mündliche Kultur, die Homosexualität nur als Fluch und Schimpfwort kennt, im Lauf des Romans schrittweise in geschriebene, öffentlich lesbare Literatur übersetzt. Der Aufsatz zeigt zudem, wie die mündliche Kultur der Vallée, ihr Kreol, ihre Mythen und ihr ambivalentes Verhältnis zu Frankreich als Ort des Versprechens und der neuen Armut zugleich, selbst als fortlaufende Kreolisierung und Übersetzung zwischen Insel und Metropole gelesen werden können, aus der am Ende der vorliegende, in Paris verlegte Roman selbst hervorgeht.

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Leitstern nach Norden: die Nacht als Schwelle zwischen Mythos und Gegenwart bei Karim Kattan

Karim Kattans Roman „Septentrionale“ (Elyzad, 2026) erzählt eine einzige Nacht, in der Joseph und Maryam, zwei einander fremde Menschen, während ihr Land im Krieg untergeht, gemeinsam mit dem jungen Nouh und einem alten Mann von der Südgrenze bis zur Nordgrenze fahren, durch tote Städte und brennende Ruinen, bis sie bei Morgengrauen auf eine wartende, heimatlose Menge blicken, ohne dass ihre Geschichte je eine Auflösung fände. Der vorliegende Aufsatz liest diesen schmalen äußeren Handlungsbogen als Ausdruck einer durchgehenden Poetik der Unterbrechung und verfolgt seine These über sechs ineinandergreifende Argumentationsschritte, von einer doppelten Raum- und Gattungsstruktur, die eine sehr gegenwärtige, an Checkpoints und Besatzung erkennbare Geografie mit einer altorientalisch-biblischen Namenskarte überlagert, über eine Zeitstruktur, die formal genau jene Auflösung nachvollzieht, von der sie erzählt, bis zu einer Erzählperspektive, die ihre Figuren lange namenlos lässt, ehe sie ihnen mit Joseph und Maryam das Gewicht einer viel älteren Fluchterzählung verleiht. Anhand ausgewählter Schlüsselszenen, der menschenleeren Stadt Yapu, der Auflösung Nouhs im Meer und eines Gewaltausbruchs, der private und kollektive Traumata ineinanderblenden lässt, zeigt der Aufsatz, wie eng Kattans Bildsprache aus Stern, Wasser und Blut mit seiner autopoetologischen Reflexion über das Sprechen angesichts der Katastrophe verbunden ist, und ordnet den Roman zugleich, im Rückgriff auf zwei hier bereits interpretierte Bücher Kattans, auf den Gedichtband „Hortus Conclusus“ und den Vorgängerroman „L’Éden à l’aube“, in eine Werkbewegung ein, die dem Refugium, das Kattans Schreiben selbst immer wieder beschwört, von Buch zu Buch ein Stück mehr Boden entzieht.

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Der Sohn als Minotaurus: Herkunft, Mythos und Schreiben bei Boris Bergmann

Boris Bergmanns Roman „Minotaure“ (Albin Michel, 2026) erzählt, unter dem eigenen Namen des Autors, die jahrzehntelange Suche eines unehelichen Sohnes nach dem Psychiater Jean Creux, der ihn gezeugt und nie anerkannt hat. Statt eine einfache Vatersuche zu berichten, verwebt Bergmann diese autobiographische Handlung mit dem griechischen Mythos vom Minotaurus: Das unerwünschte Kind wird zum Ungeheuer im Labyrinth des Mangels, während die Mutter als die eigentlich begehrende, souveräne Kraft hervortritt und der Vater sich in juristische Begriffe flüchtet (»Gametenspender«). Als der biologische Vater sich endgültig entzieht, öffnet sich ein zweiter Erzählstrang um die lebensbedrohliche Erkrankung und die Nierenspende für die Geliebte Clé, wodurch sich das väterliche Muster von Gabe und Verlassen unverhofft wiederholt. Der vorliegende Aufsatz rekonstruiert diese komplexe Argumentationsbewegung nicht als gelungene Vatererinnerung, sondern als poetologisches Programm: Die Herkunftssuche wird zur Reflexion über die Bedingungen erzählerischer Sprache selbst, wobei die Vervielfachung konkurrierender Diskurse (Mythos, Zivilrecht, medizinisches Formular, Dialog) exakt das abbildet, was der Roman behauptet – dass ein Vater, der jede Sprache verweigert, nur in der Summe widersprüchlicher Stimmen überhaupt umkreist werden kann. Eine zentrale These lautet: Ursprung wird in „Minotaure“ nicht gefunden, sondern übersetzt, wobei das Schreiben selbst zur einzigen Vaterschaft wird, die der Erzähler sich selbst zu geben vermag, bis er sie am Schluss dialogisch mit einer anderen Stimme teilt.

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Fleisch als Programm: Männlichkeiten zwischen Zucht und Jagd bei Guillaume Nail

In Guillaume Nails Roman „Les Carnivores“ (Denoël, 2026) zerfällt eine von Pandemien erschütterte nahe Zukunft in eine sterile, gegen jede Berührung mit dem Lebendigen abgeriegelte Stadt und in verwilderte Sperrzonen, durch die zwei Männer auf entgegengesetzten Wegen ziehen: Augustin, der als Kind seine Eltern und seine Tiere verliert und als Erwachsener aus dem hygienischen Staatsapparat flieht, um einen geliebten Mann wiederzufinden, und Vadim, der aus digitalem Frauenhass und Verschwörungsglauben heraus eine Farm-Sekte gründet, in der Fleisch, Zucht und Männlichkeit zu einem einzigen, tödlichen Programm verschmelzen. Als beide Wege sich kreuzen, wird aus der vermeintlichen Zuflucht ein Schlachthaus, dessen Opfer der Text erst am Ende, im wörtlichen Rückgriff auf seine eigenen Anfangsseiten, offenlegt. Der hier angekündigte Aufsatz liest diesen Roman als Studie konkurrierender Männlichkeiten und verfolgt die These, dass die Sekte, die sich als Gegenentwurf zum biopolitischen Staat inszeniert, dessen Logik von Reinheit, Nummerierung und Verwertung der Körper nicht überwindet, sondern nur in ein anderes Vokabular übersetzt. Dafür verbindet die Analyse erzähltechnische Beobachtungen zur wechselnden, personalen Fokalisierung mit einer Untersuchung der Raum- und Zeitstruktur, der Kommunikationsformen sowie der autopoetologischen und intertextuellen Bezüge des Romans, um an konkreten Textstellen zu zeigen, wie sich ökologische Rhetorik in Herrschaftssprache verwandeln lässt, sobald ein Mann sie zum Programm seiner eigenen Identität macht.

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Neugallien als Denkfigur: Ideologie und Männlichkeit bei Caroline Bouffault

Caroline Bouffaults Roman „Les Désarmantes“ (2026) entwirft die Nouvelle-Gallia, ein aus einem eurasischen Krieg hervorgegangenes Gemeinwesen, in dem eine pazifistische Frauenregierung die Armee abgeschafft und die männliche Bevölkerung in sogenannten Néo-Villages untergebracht hat; vor diesem Hintergrund verfolgt der Roman die kanadische Journalistin Alba Larochette, die für ein geplantes Buch mit Präsidentin Imogène K. und Vizepräsidentin Maisie Pressolles spricht, sowie Charlie, Imogènes Tochter, deren heimliche und regelwidrige Schwangerschaft mit dem resozialisierten Gaël das Regime aus einer intimen Perspektive zeigt. Der vorliegende Aufsatz nähert sich diesem Gedankenexperiment mit sechs ineinandergreifenden Zugängen: Er prüft zunächst einen feministischen Interpretationszugang, ob die Umkehrung der Geschlechterordnung Befreiung oder Fortschreibung von Herrschaft bedeutet, verfolgt ideologiekritisch die Rechtfertigungssprache der Macht, seziert diskursanalytisch Formulare und Euphemismen, untersucht narratologisch den Wechsel der Erzählperspektiven, verortet den Roman intertextuell in einer Reihe verwandter Machtumkehrungsfiktionen und fragt zuletzt kritisch nach der Konstruktion von Männlichkeit selbst. Eingeleitet wird die Analyse durch die zugespitzte These der Verlagsankündigung, wonach die kriegerischen Gefahren der Gegenwart überwiegend männlich verursacht seien; der Aufsatz nimmt diese Provokation ernst, ohne sie unwidersprochen zu übernehmen, und zeigt, dass der Roman selbst, in seiner erzählerischen Zurückhaltung gegenüber männlichen Figuren, eine vergleichbare Ambivalenz auslebt: Er diagnostiziert die Beschädigung von Männlichkeit präzise, verweigert sich aber jedem Bild ihrer Überwindung.

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Die Punition des Vaters: Männlichkeit(en) bei Arthur Dreyfus

Arthur Dreyfus‘ „La Punition“ (P.O.L, 2026) erzählt, wie ein Schriftsteller die Rede seines Vaters, die dieser ihm 2003 im Kinderzimmer über dessen Homosexualität hielt und die er heimlich mitschnitt, mehr als zwanzig Jahre später abtippt, zu einem Buch verarbeitet und dem Vater bei einem eigens arrangierten Abendessen zurückgibt – gerahmt von einer New Yorker Chemsex-Nacht, in der der erwachsene Erzähler sich selbst die Strafe zufügt, die der Vater ihm einst androhte. Der vorliegende Aufsatz liest dieses Buch als eine Untersuchung von Männlichkeit(en): Er verfolgt, wie sich väterliche Autorität aus medizinischem Vokabular, republikanischer Willensrhetorik und familiärer Fürsorgepflicht zusammensetzt und über die Generation des Großvaters hinweg vererbt wird; wie der männliche Körper zwischen fragmentierter väterlicher Autorität, kindlich-zärtlicher erster Liebe und zerstückelter Chemsex-Ökonomie changiert; und wie die radikale formale Zersplitterung des Buches – Theaterdialog, Essay, Aphorismus, Faksimile – selbst zum Argument einer Männlichkeitskritik wird, die das lineare, „gut gebaute“ Erzählen als heteronormatives Verfahren entlarvt. Dabei verfolgt der Aufsatz eine doppelte Bewegung: Er zeigt einerseits, wie der Text sein eigenes Risiko der Selbstpathologisierung – die Gleichung von Homosexualität und Leid – immer wieder selbst reflektiert und relativiert, etwa durch die Gegenfigur des unbeschwert lebenden Jugendfreundes Luca; andererseits macht er sichtbar, wie eine zweite, jüdische Erzählachse (der deportierte Großvater, das Motiv des Zeugnisablegens) der väterlichen Diskursfigur eine alternative, dokumentierende Männlichkeit entgegensetzt. Den Schluss bildet ein struktureller Vergleich zwischen Romananfang und -ende, der zeigt, wie derselbe väterliche Satz – „ich weiß, dass du lügst“ – von einem Akt der Überwältigung zu einem vom Sohn kontrollierten, zuletzt buchstäblich verblassenden Artefakt wird: ein Bild dafür, dass „La Punition“ keine Versöhnung, sondern die Ersetzung väterlicher Urteilssprache durch eine eigene, fragmentierte Sprache der Zerbrechlichkeit inszeniert.

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Zwischen Umkehrung und Exotisierung: Die Konstruktion schwarzer Männlichkeit bei Marie Darrieussecq

Marie Darrieussecqs mit dem Prix Médicis ausgezeichneter Roman „Il faut beaucoup aimer les hommes“ (2013) erzählt die Passion der französischen Schauspielerin Solange für den kamerunisch-kanadischen Schauspieler und Regisseur Kouhouesso, der mitten in Hollywood eine Verfilmung von Joseph Conrads „Heart of Darkness“ im Kongo plant und schließlich dreht – eine Liebesgeschichte, die von Los Angeles über Paris bis in den äquatorialen Regenwald führt und in einer Kinopremiere endet, bei der Solange entdeckt, dass sämtliche ihrer Szenen aus dem fertigen Film herausgeschnitten wurden. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Roman als literarische Verhandlung einer offenen Frage: Kehrt der Text, indem er eine weiße Frau einen schwarzen Mann in der Rolle des exotisierten, begehrten Anderen zeigen lässt, lediglich das klassische koloniale Begehrensmuster um und stellt damit Symmetrie her – oder wiederholt er, unter dem Deckmantel weiblicher Emanzipation, eine Sexualisierung schwarzer Männlichkeit, die selbst an rassistische Denkfiguren rührt? Der Aufsatz argumentiert, dass Darrieussecq keine der beiden Antworten gibt: Der Text legt den Mechanismus der Exotisierung durch Solanges eigene Wahrnehmung offen, verweigert zugleich aber jede bequeme Gleichsetzung von Geschlechter- und Rassenhierarchie – und bleibt gerade in dieser Unabgeschlossenheit literarisch und politisch aufschlussreich.

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Männlichkeit zwischen Vater und Sohn: Patrice Robin

Patrice Robins Roman „Les Muscles“ (P.O.L., 2001) erzählt eine genealogische Geschichte der Männlichkeit, die nirgends explizit ausspricht, worüber sie handelt: Ein Junge namens Victor wird als „Sardine“ gedemütigt, weil er eine Gasflasche nicht heben kann – eine Zurückweisung, die ihn zu jahrzehntelangem, nächtlichem Training in der väterlichen Garage treibt, wo er mit improvisierten Hanteln und einer bestellten Fernkurs-Methode versucht, den Körper zum Medium einer nie ausgesprochenen Liebe zu machen. Der Roman führt diese Geschichte bis zur Erwachsenenzeit, wo Victor Taï-chi-chuan praktiziert (eine Philosophie der Weichheit, die alles lehrt, was sein bisheriges Krafttraining verweigert), eine rätselhaft nie diagnostizierte Leistenschmerz entwickelt und parallel den Krebstod seines Vaters miterlebt – von der obsessiven medizinischen Vermessung des eigenen scheiternden Körpers bis zur stillen Pflege des abgemagerten sterbenden Vaters. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass dieser Roman durch eine fünfschichtige Analytik zu lesen ist: Der Körper fungiert als Sprache zwischen sprachlosen Männern; der muskulöse Panzer verkörpert die Abwehr von Sterblichkeit; die Dreiteilung (Les Efforts – Les Blessures – Les Soins) zeichnet eine emotionale Trauerbewegung nach; die medizinische Odyssee ironisiert das Vermessungssystem, das nie das eigentliche Leid trifft; und das Taï-chi-chuan stellt ein daoistisches Gegenmodell zur westlichen Kraftkultur dar, ohne dabei einfach zu siegen. Die formale Poetik des Romans – anatomische statt chronologische Gliederung, plusquamperfektlastige Syntax, verschränkte Erzählstränge – verkörpert dabei selbst die Struktur des Loslassens, die das Buch thematisiert. Besonders evident wird dies in der Gegenüberstellung von Anfang (Zurückweisung: „Verschwinde, Sardine!“) und Ende (Einladung: „Komm, mein kleiner Mann“), die die gesamte Transformation von Kraft zu Zärtlichkeit, von Kontrolle zu Verletzlichkeit fasst – eine Transformation, die nicht als Erlösung, sondern als Form der Resilienz lesbar ist, jener „äußersten Weichheit“, die es erlaubt, weiterzuleben, wenn Kraft versagt.

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Das Monster an der Tür: häusliche Gewalt und unausgesprochenes Begehren bei Jean-Baptiste Del Amo

Ein Junge verbarrikadiert sich im eigenen Elternhaus vor einem Wesen, das die Stimme seiner Mutter trägt und an die Tür seines Zimmers hämmert, bis das Krachen von Knorpel und Knochen zu hören ist – so beginnt Jean-Baptiste Del Amos sechster Roman „La nuit ravagée“ (2025), der in Saint-Auch bei Toulouse in den frühen 1990er Jahren fünf Jugendliche – Max, Tom, Mehdi, Alex und Léna – um ein verlassenes Haus am Ende einer Sackgasse versammelt, das seit dem rätselhaften Tod ihres Freundes Simon Laval eine unheimliche Anziehungskraft ausübt und sich, wie sich zeigt, aus der Trauer, den Ängsten und dem Begehren der Jugendlichen selbst speist, um daraus immer überzeugendere Repliken ihrer Angehörigen zu erschaffen, bis die Gruppe in einer nächtlichen Konfrontation mit Feuer gegen die Kreaturen kämpft und aus dem brennenden Haus flieht: ein Sieg, dessen letzter, unheimlich in der Schwebe gelassener Satz jede einfache Erlösung verweigert. Der Aufsatz argumentiert, dass Del Amo mit dem scheinbaren Genrewechsel vom historischen Libertinage-Roman und der postkolonialen Pornographie zum amerikanisch grundierten Teen-Horror keineswegs bricht, sondern seine bisherige Poetik konsequent zuspitzt: Wo „Une éducation libertine“ und „Pornographia“ den erwachsenen, sexuell ausgebeuteten oder ausbeutenden Körper zeigen, zeigt dieser Roman den Körper des Kindes, das die eigene Familie als Ursprungsort des Schreckens erkennt, und entfaltet diese These entlang der Gattungswahl und ihrer poetologischen Funktion, der konkreten Spannungs- und Horrorstrategien des Textes, der Erzählweise und den Formen der Rede – insbesondere der Latenz von Max‘ unausgesprochenem Begehren –, der Raum- und Zeitstruktur zwischen Sackgasse und Treibhaus sowie eines abschließenden Vergleichs mit den beiden früheren Romanen, der zeigt, wie alle drei Bücher, trotz denkbar verschiedener Kulissen, dieselbe Frage verhandeln: welche literarische Form es braucht, um männliche Gewalt und männliches Begehren erzählbar zu machen, ohne sie zu verharmlosen.

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Esprit und Fleisch: Libertinage und Pornographie bei Jean-Baptiste Del Amo

Zwischen Libertinage als kultivierter, gesellschaftlich codierter Transgression und Pornographie als deren entkleideter, ökonomisch nackter Form entfaltet Jean-Baptiste Del Amo zwei Bewegungen, die sich in der Mitte kreuzen: In „Une éducation libertine“ (2008) verlässt der siebzehnjährige Gaspard das bretonische Quimper, um im Paris des Jahres 1760 unter der Anleitung des Grafen Étienne de V. eine gesellschaftliche Karriere als Libertin zu durchlaufen, die ihn vom Perückenmacherlehrling zum Ehemann einer Grafentochter macht – während sein Körper parallel zu diesem Aufstieg zunehmend von Krankheit, Schweiß und Verwesung gezeichnet wird, bis der Roman in der Selbstuntersuchung seiner eigenen Eingeweide und einem offenen, von der manipulativen Stimme seines einstigen Mentors dominierten Epilog endet. In „Pornographia“ (2013) irrt ein namenloser homosexueller Rückkehrer am Abend eines Begräbnisses durch die Elendsviertel einer karibischen Hafenstadt, besessen von der Erinnerung an einen giton, dessen Bild sich über jedes andere junge männliche Gesicht der Stadt legt, bis der Roman mit dessen verwesendem Leichnam am Straßenrand und der wortgleichen Wiederholung seines Anfangssatzes in sich selbst zurückkehrt. Der Aufsatz liest beide Bücher als zwei Bewegungen, die sich in der Mitte kreuzen: „Une éducation libertine“ beginnt als Hommage an den geistreichen, gesellschaftlich codierten Libertinage-Roman des achtzehnten Jahrhunderts und verliert dessen esprit zunehmend an eine Ästhetik der körperlichen Abjektion, während „Pornographia“ von der im Titel angekündigten nackten Direktheit der Pornographie fortstrebt und sich, über Zitat, Mythos und Bildsprache, zu einer hochliterarischen, fast liturgischen Dichtung des Körpers erhebt – ein Gattungschiasmus, den der Aufsatz anhand von sieben aufeinander verweisenden Zugängen entfaltet: der physiologischen Wahrheit des Körpers gegen gesellschaftlichen Schein, der Pädagogik als Zurichtung zur Ware, der Poetik und Intertextualität der Gattung selbst, der Stadt als politisch-historischer Diagnose, der zirkulären Zeitstruktur zwischen Anfang und Schluss, der Blickökonomie der Geschlechter sowie der Komplizenschaft, in die beide Texte ihre Leserschaft ziehen – und zeigt an ihrem Ende, dass Begehren, Macht und Ökonomie bei Del Amo nie in gesellschaftlichen Formeln aufgehen, sondern zuletzt immer am Körper selbst ablesbar werden.

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Männlichkeit in Patrick Modianos Romanen

Männlichkeit erscheint im Werk Patrick Modianos nicht als stabile Identität oder normatives Modell, sondern als Effekt von Verlust, Abwesenheit und nachträglicher Rekonstruktion: Seine männlichen Figuren – Väter, Söhne, Mentoren, Ermittler – sind durch genealogische Unsicherheit, brüchige Autorität und eine grundlegende Passivität geprägt, die sie vom klassischen Ideal männlicher Selbstbehauptung absetzt. Statt zu handeln, suchen, archivieren und beobachten sie; ihre Identität entsteht aus Akten, Erinnerungsfragmenten und topographischen Spuren, nicht aus innerer Entwicklung. Die Vaterfigur ist dabei meist entzogen, gedemütigt oder fragmentarisch, wodurch der Sohn in eine Position des tastenden Fragens gedrängt wird, in der Herkunft nicht gegeben, sondern erst erzählerisch hergestellt werden muss. Männlichkeit fungiert somit als Maskerade aus Zuschreibungen und selbstgewählten Rollen – Titel, Namen, Berufe –, die jederzeit instabil bleiben. Wiederkehrende Figurenkonstellationen und Verfahren (Detektivarbeit, doppelte Namen, archivische Formen) machen deutlich, dass Modiano Männlichkeit seriell variiert, ohne sie je zu fixieren: Sie ist kein Ursprung, sondern ein fortwährender Suchprozess, der eng mit den historischen Brüchen des 20. Jahrhunderts und insbesondere der Erfahrung von Besatzung, Kollaboration und Nachkriegs-Schweigen verknüpft ist.

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Erzähltes Kindheitstrauma, eine vergleichende Interpretation: Romain Lemire und Frédéric Pommier

Romain Lemires Roman „Clément“ (Le Cherche-Midi, 2026) und Frédéric Pommiers Zeugnisbuch „Derrière les arbres“ (Flammarion, 2026) erzählen beide von sexueller Gewalt gegen Kinder aus der Innenperspektive der Betroffenen und reihen sich damit in eine Traditionslinie ein, zu der auch Vanessa Springoras „Le Consentement“ und Camille Kouchners „La Familia grande“ gehören. Der Aufsatz liest die beiden 2026 erschienenen Bücher als komplementäre Antworten auf dieselbe Grundschwierigkeit: Wie lässt sich eine Erfahrung in Sprache übersetzen, für die dem Kind im Moment des Geschehens die Begriffe fehlen? Lemire wählt dafür die Fiktion und eine durchgehaltene Ich-Stimme, die den Protagonisten Clément Drelin von der Geburt 1976 bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr begleitet: Der Vater missbraucht den Sohn über Jahre bis in die Adoleszenz, stirbt mit siebenundvierzig an einem Herzinfarkt, und die Mutter, die um die Vorgänge weiß, integriert sie nie in die Familienerzählung, sodass eine gemeinsame Aufarbeitung unter den Geschwistern ausbleibt. Pommier wählt das dokumentarische Zeugnis und gliedert seinen Text als Tragödie in fünf Akten: Das Kind begegnet mehreren, familienfremden Tätern, verdrängt das Geschehen über Jahrzehnte, bis ein banaler Überfall mit einem Cutter-Messer die Erinnerung freisetzt und eine Anzeige, eine polizeiliche Vernehmung und eine Gegenüberstellung mit dem inzwischen als Bürgermeister amtierenden Beschuldigten auslöst, der die Tat bis zuletzt bestreitet und sich lediglich von einer erneuten Kandidatur zurückzieht. Der Aufsatz vergleicht diese Verfahren systematisch und widmet einen eigenen Abschnitt den Männlichkeitskonzepten beider Bücher sowie den Besonderheiten, die die einschlägige Forschung für Missbrauchserfahrungen männlicher Kinder beschreibt: verzögerte Offenlegung, die Verwechslung von Gewalt und sexueller Orientierung, körperliche Reaktion als Schuldquelle und institutionelles Nichterkennen.

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Giacomo Leopardi zwischen Projektion und Zitat: Fragment, Intimität und intertextuelles Verfahren bei René de Ceccatty

René de Cecattys „Noir souci“ (Flammarion, 2011) erzählt, in einem knappen, oft unterbrochenen Récit, die zweiunddreißig Jahre währende Geschichte einer Bindung, für die das neunzehnte Jahrhundert keinen Namen hatte: Der 1798 im ländlichen Recanati geborene, von einer Wirbelsäulenverkrümmung und fortschreitender Erblindung gezeichnete Giacomo Leopardi trifft 1828 in Pisa den acht Jahre jüngeren, schönen Antonio Ranieri; aus loser Bekanntschaft wird eine Lebensgemeinschaft, die über Florenz nach Neapel führt, wo Leopardi 1837 während einer Choleraepidemie stirbt – gepflegt, betrauert und, in den Jahrzehnten danach, zum Mythos gemacht von Ranieri selbst, dessen späte, skandalumwitterte Erinnerungsschrift die Nachwelt mit der Frage konfrontiert, wem eine Intimität nach dem Tod gehört. Der Aufsatz liest diesen schmalen Roman nicht als Biographie, sondern als ein Zibaldone in eigener Sache: Er zeigt, wie der Erzähler seine eigene, nie ganz bewältigte Liebe zu einem Hervé – der, anders als der treue Ranieri, zunächst alle Nähe suchte und dann gerade den Körper verweigerte – in die Lücken der historischen Überlieferung einschreibt, wie er aus der Abwesenheit von Sexualität zwischen Leopardi und Ranieri keine verdrängte, sondern eine bewusst gewählte, durch Zibaldone-Zitate zu Freundschaft, Eigenliebe und Lachen philologisch untermauerte Form der Zuneigung macht, und wie die fragmentarische, aufzählende Erzählweise selbst zum Abbild von Leopardis zerbrochenem Körper und unvollendetem Werk wird. Hierbei wird die Zitatauswahl aus den „Canti“ geprüft: Nicht „L’infinito“ oder „A Silvia“, die jeder kennt, sondern „Le Ricordanze“, der Aspasia-Zyklus und die Vesuv-Gedichte liefern den eigentlichen Text des Buches – ein Befund, der beiläufig verdeutlicht, dass Intertextualität hier selbst schon Interpretation ist, eine Auswahl, die eine Geschichte der Nähe zwischen zwei Männern (und zwischen einem Erzähler und einem Toten) erst montiert. Wer sich für die Grenze zwischen Biographie und Selbstbekenntnis interessiert, findet in diesem Aufsatz eine Einladung, „Noir souci“ nicht als historischen Roman, sondern als ein Buch über das Schreiben selbst zu lesen – fragmentarisch, zitathaft, und, wie sein Gegenstand, nie ganz abgeschlossen.

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Gen Westen paddeln – Sterben, Surfen und Weltgeschichte bei Raphaël Krafft

Raphaël Kraffts illustriertes „La Baie“ (Seuil, 2026) ist zunächst ein Buch der Sinne: Wind, der Wellenlippen glättet, Gischt, die sich zu Regenbogen verdichtet, Körper, die sich lautlos wie eine Katze oder ungestüm wie ein Kind durch das Wasser bewegen – der Text widmet der körperlichen Erfahrung des Gleitens breiten Raum und macht sie in konkreten Bildern erfahrbar, von Boris‘ zurückhaltendem Stil bis zu Mamadis erster, jubelnder Welle. Zugleich entfaltet das Buch eine politisch-historische Dimension, die diese Ästhetik nie unschuldig lässt: Es rekonstruiert die koloniale Aneignung Hawaiis, die Verstrickung des Sports in die südafrikanische Apartheid, seine Nähe zur kalifornischen Rüstungsindustrie und, in der Gaza-Passage über Peter Thiel, seine Verbindung zu Überwachungstechnologie und Krieg – eine durchgehend genaue Ökonomie von Tauschhandel und Kapital liegt unter der scheinbaren Aussteiger-Kultur der Surfszene. Diese politische Ebene erhält ihre schärfste Zuspitzung durch Mamadis Geschichte: Derselbe junge Mann, der in der Baie jubelnd seine erste Welle nimmt, hat Monate zuvor eine ganz andere Überquerung des Meeres überlebt, nachts, in einem überfüllten Schlauchboot vor der tunesischen Küste – eine Konfrontation zweier Bilder des Meeres, des Freizeit- und des Fluchtraums, die das Buch bewusst nebeneinanderstellt, ohne sie zu vermischen. Erst als dritte, leisere Schicht liegt darunter die Trauer um den sterbenden Freund Tonton und die verstorbene Mutter des Erzählers, die dem Buch seinen elegischen Grundton gibt, ohne die anderen beiden Register zu dominieren. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass gerade das Zusammenspiel dieser Ebenen – sinnliche Feier, politische und migrationsgeschichtliche Kritik, persönliche Trauer – den eigentümlichen Ton des Buchs ausmacht: Es zelebriert das Gleiten auf der Welle in aller Anschaulichkeit, ohne je zu vergessen, wessen Boden, wessen Geschichte, wessen Fluchten und wessen Verluste unter ihr liegen.

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Kindheit, Jugend, Rückkehr: Hugo Lindenbergs Trilogie des verschwiegenen Verlusts

Hugo Lindenbergs Trilogie erzählt in drei eigenständigen, aber eng aufeinander bezogenen Romanen von einem früh verschwiegenen Elternverlust und seinen Nachwirkungen über drei Lebensalter hinweg: In „Un jour ce sera vide“ (2020, dt. 2023) verbringt ein namenloser Junge von zehn Jahren einen Sommer an der normannischen Küste bei seiner Großmutter, einer aus Polen stammenden Holocaust-Überlebenden, und einer von ihm gefürchteten Tante, und findet zwischen Quallen, die er mit einem Stock seziert, und der Scham über die eigene, auffällige Familie in der Freundschaft mit dem gleichaltrigen Baptiste, dessen unversehrte, „normale“ Familie ihm wie ein Gegenbild der eigenen Herkunft erscheint, einen leisen, eindringlichen Ausweg aus früh verinnerlichter Andersheit, geschildert mit einer für ein Kind untypischen, an Nathalie Sarraute geschulten Beobachtungsgenauigkeit; in „La Nuit imaginaire“ (2023, dt. 2025) erfährt ein junger Student bei einem herbstlichen Spaziergang mit seiner Tante, dass seine Mutter nicht durch einen Unfall starb, sondern sich durch Suizid das Leben nahm – fünfzehn Jahre lang als Unfall ausgegeben –, und reagiert auf diese Enthüllung mit einer Umkehrung seines Zeitgefühls, indem er aufhört, eine Uhr zu tragen, den Schlaf meidet und stattdessen die nächtlichen Straßen von Paris durchstreift, einen schwulen Nachtclub aufsucht und frühere Freundinnen der Mutter trifft, über die er nach und nach erfährt, wie diese als Feministin in der revolutionären Linken der siebziger und achtziger Jahre gelebt hat, bis der an Blaise Cendrars‘ modernistischem Poem Prose du Transsibérien orientierte Roman nach einem ganzen Winter der Nächte zu einer geordneten Zeitlichkeit zurückfindet; und in „Les Années souterraines“ (2026) kehrt schließlich ein Architekt Anfang vierzig zehn Jahre nach dem Tod seines Vaters aus den Vereinigten Staaten nach Paris zurück, um dessen Wohnung im 15. Arrondissement zu verkaufen, jenen Ort, an dem er nach dem frühen Tod der Mutter mit einem gefühlskalten, zur Zuneigung unfähigen Vater aufwuchs, umkreist die Wohnung tagelang, erkundet Treppenhaus, Kellerräume und Dach, trifft Nachbarn und verbindet die eigentliche Konfrontation mit der Frage, ob er selbst Vater werden kann, ohne die erlittene Kälte weiterzugeben – eine erwachsene, bewusst gesuchte Rückkehr an den Ort des Traumas, die die kindliche Erfahrung des Debüts mit der Wahrheitsarbeit des zweiten Bandes zusammenführt. Der vorliegende Aufsatz liest diese drei Bücher nicht als lose Werkfolge, sondern als bewusst komponierte Trilogie, deren Kohärenz sich weniger aus wiederkehrenden Figuren als aus einem gemeinsamen thematischen Kern und aus einer durchgehenden Elementarmetaphorik ergibt – Wasser im Debütroman, Nacht im zweiten und ein titelgebendes Untergeschoss im dritten Roman fungieren als drei Spielarten desselben Verfahrens, das nicht direkt Erzählbare in einen Raum auszulagern. Die drei Romane bilden ein gemeinsames literarisches Projekt, das Sprachlosigkeit nicht auflöst, sondern in immer neuen räumlichen und zeitlichen Anordnungen genauer kartiert.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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