Erzähltes Kindheitstrauma, eine vergleichende Interpretation: Romain Lemire und Frédéric Pommier

Résumé
Romain Lemires Roman „Clément“ (Le Cherche-Midi, 2026) und Frédéric Pommiers Zeugnisbuch „Derrière les arbres“ (Flammarion, 2026) erzählen beide von sexueller Gewalt gegen Kinder aus der Innenperspektive der Betroffenen und reihen sich damit in eine Traditionslinie ein, zu der auch Vanessa Springoras „Le Consentement“ und Camille Kouchners „La Familia grande“ gehören. Der Aufsatz liest die beiden 2026 erschienenen Bücher als komplementäre Antworten auf dieselbe Grundschwierigkeit: Wie lässt sich eine Erfahrung in Sprache übersetzen, für die dem Kind im Moment des Geschehens die Begriffe fehlen? Lemire wählt dafür die Fiktion und eine durchgehaltene Ich-Stimme, die den Protagonisten Clément Drelin von der Geburt 1976 bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr begleitet: Der Vater missbraucht den Sohn über Jahre bis in die Adoleszenz, stirbt mit siebenundvierzig an einem Herzinfarkt, und die Mutter, die um die Vorgänge weiß, integriert sie nie in die Familienerzählung, sodass eine gemeinsame Aufarbeitung unter den Geschwistern ausbleibt. Pommier wählt das dokumentarische Zeugnis und gliedert seinen Text als Tragödie in fünf Akten: Das Kind begegnet mehreren, familienfremden Tätern, verdrängt das Geschehen über Jahrzehnte, bis ein banaler Überfall mit einem Cutter-Messer die Erinnerung freisetzt und eine Anzeige, eine polizeiliche Vernehmung und eine Gegenüberstellung mit dem inzwischen als Bürgermeister amtierenden Beschuldigten auslöst, der die Tat bis zuletzt bestreitet und sich lediglich von einer erneuten Kandidatur zurückzieht. Der Aufsatz vergleicht diese Verfahren systematisch und widmet einen eigenen Abschnitt den Männlichkeitskonzepten beider Bücher sowie den Besonderheiten, die die einschlägige Forschung für Missbrauchserfahrungen männlicher Kinder beschreibt: verzögerte Offenlegung, die Verwechslung von Gewalt und sexueller Orientierung, körperliche Reaktion als Schuldquelle und institutionelles Nichterkennen.

 

Das Verstummen des Kindes als Gattungsproblem

Lemire, Romain. Clément. Paris: Le Cherche-Midi, 2026.

Pommier, Frédéric. Derrière les arbres. Paris: Flammarion, 2026.

Romain Lemires Clément und Frédéric Pommiers Derrière les arbres gehören zu einer Reihe französischer Texte, die etwa mit Vanessa Springoras Le Consentement (Paris: Grasset, 2020) und Camille Kouchners La Familia grande (Paris: Seuil, 2021, hier ist der Zwillingsbruder der Erzählerin das Opfer) sexuelle Gewalt gegen Kinder aus der Innenperspektive der Betroffenen erzählen. Beide 2026 erschienenen Bücher stellen sich derselben Grundschwierigkeit: Das Kind, dem die Gewalt widerfährt, verfügt im Moment des Geschehens nicht über die Begriffe, um zu benennen, was geschieht. Pommier macht diese Sprachlosigkeit selbst zum Thema, wenn er festhält, dem Kind fehlten „ni les noms ni les verbes“, und daraus die Konsequenz zieht: „Sans les mots, rien à dire. Sans les mots, rien n’existe.“ Die Literatur, die ein solches Erlebnis nachträglich in Sprache übersetzt, steht damit vor einer doppelten Aufgabe: Sie muss eine Erfahrung darstellen, die sich der Darstellung im Moment ihres Eintretens gerade entzieht, und sie muss eine erzählende Instanz finden, die weder die kindliche Ahnungslosigkeit nachträglich mit erwachsenem Wissen überschreibt noch das Geschehen zu einer bloßen Abfolge schockierender Einzelheiten verkürzt.

Beide Autoren beantworten diese Aufgabe mit verwandten, aber nicht identischen Verfahren. Auffällig ist zunächst ein gemeinsames Bildfeld: Bäume, Wald und Garten durchziehen beide Texte als Vokabular für das, was hinter einer gepflegten Oberfläche verborgen bleibt. Pommiers Titel benennt den Schauplatz des ersten Übergriffs wörtlich, Lemire unterlegt seine Kapitel mit einer fortlaufenden vegetabilen Bildsprache. Diese Konvergenz ist kein Zufall, sondern verweist auf ein geteiltes Repertoire der zeitgenössischen französischen Missbrauchsliteratur, in der die kultivierte bürgerliche Idylle – der Familiengarten, das Landhaus, der Sommerurlaub – zugleich Kulisse und Versteck der Gewalt ist. Von diesem gemeinsamen Ausgangspunkt aus entwickeln die beiden Bücher jedoch entgegengesetzte poetologische Lösungen, die im Folgenden nach einer Inhaltsübersicht systematisch verglichen werden.

Clément: Die durchgehaltene Erzählstimme eines wachsenden Ich

Lemires als Roman ausgewiesenes, jedoch deutlich autofiktional grundiertes Buch erzählt das Leben des Protagonisten Clément Drelin von der Geburt 1976 bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr, gegliedert in zwei Teile mit sieben nach exaktem Alter benannten Kapiteln. Jedes Kapitel besteht aus datierten, ortsgebundenen Miniaturen, die den Duktus eines Tagebuchs imitieren, tatsächlich aber rückblickend komponiert sind. Die Familie – der Vater André Drelin ein Gymnasiallehrer für Französisch mit literarischen Ambitionen, die Mutter Verlagslektorin – bewegt sich in einem katholisch geprägten, kulturell selbstbewussten Pariser Bürgertum, dessen Rituale (Landhausferien, Messbesuche, Theaterabende, literarische Wetten bei Tisch) mit großer Genauigkeit protokolliert werden. In dieses Milieu ist der sexuelle Missbrauch eingelassen, den der Vater über Jahre hinweg an seinem Sohn begeht, beginnend im Kindesalter und andauernd bis in die Adoleszenz; die entsprechenden Passagen werden in derselben beobachtenden, unaufgeregten Diktion erzählt wie die übrigen Kindheitserinnerungen, was eine beunruhigende stilistische Kontinuität zwischen Alltäglichem und Gewaltsamem erzeugt.

Der Vater stirbt mit siebenundvierzig Jahren an einem Herzinfarkt; die Mutter weiß um die Vorgänge, ist aber, wie der erwachsene Erzähler feststellt, unfähig, „notre histoire“ in die Familienerzählung zu integrieren – sie bleibt „la pièce maîtresse du puzzle“, die im entscheidenden Moment fehlt. Die erweiterte Familie erfährt nie etwas; unter den Geschwistern gibt es punktuelle, informelle Gespräche, aber keine gemeinsame Aufarbeitung. Die zweite Buchhälfte, die das Erwachsenenleben zwischen einundzwanzig und zweiundvierzig Jahren umfasst, ist im Verhältnis zur Kindheit auffällig knapp gehalten: Auf gut zweitausend Zeilen kindlicher und jugendlicher Erinnerung folgen kaum achthundert Zeilen erwachsenen Lebens – eine quantitative Asymmetrie, die dem psychischen Übergewicht der traumatischen Vergangenheit gegenüber der chronologisch fortschreitenden Gegenwart Ausdruck verleiht. Das Buch endet mit einer direkten Anrede an den toten Vater, die Anklage, Verstehenwollen und eine Geste der Versöhnung verbindet und explizit reflektiert, dass die Veröffentlichung des Romans selbst als Akt der „Sublimierung“ zu verstehen sei. Anders als bei Pommier bleibt der Täter hier ein Einzelner aus dem unmittelbaren Familienkreis, gegen den kein juristisches Verfahren mehr möglich ist – die einzige „Verhandlung“, die das Buch kennt, ist die rhetorische der Schlussapostrophe.

Derrière les arbres: Die Wiederkehr des Verdrängten als Verfahren

Pommiers Buch tritt demgegenüber ausdrücklich als Zeugnis auf. Ein „Avertissement de l’éditeur“ stellt dem Text voran, dass die geschilderten Taten verjährt sind, dass jedoch Strafanzeige erstattet, der Beschuldigte polizeilich befragt und mit dem Autor konfrontiert wurde und die Vorwürfe durchgehend bestritten hat; eine Statistik zu sexueller Gewalt gegen Kinder in Frankreich rahmt den Einzelfall sozialpolitisch. Formal gliedert sich der Text als „tragédie en cinq actes“, deren Akte wiederum aus kurzen, nach konkreten Gegenständen benannten Kapiteln bestehen – „Le cutter“, „Le Babybel“, „Le pommier“. Erzählt wird eine Kindheit, in der das Kind mehreren, familienfremden Tätern begegnet: dem Partner der Kinderfrau in einem Waldstück, das dem Buch seinen Titel gibt, und später, im Rahmen eines Familienbesuchs, einem befreundeten Mann, der im Text nur als „le maire“ (der Bürgermeister) bezeichnet wird; eine dritte, im Text nur gestreifte Figur ist der Hausmeister eines späteren Wohnorts.

Zentral ist das Motiv der traumatischen Amnesie: Das erwachsene Ich hat die Ereignisse über Jahrzehnte vergessen, bis ein banaler, mit dem eigentlichen Trauma unverbundener Überfall – ein Raubversuch mit einem Cutter-Messer im eigenen Treppenhaus – verdrängte Bilder freisetzt und eine schrittweise Erinnerungsarbeit auslöst, die den vierten Akt („Après l’oubli“) bestimmt. Der inzwischen als Journalist bei France Inter arbeitende Erzähler erstattet Anzeige; das Buch protokolliert in großer Ausführlichkeit die polizeiliche Vernehmung, eine als retraumatisierend erlebte psychologische Begutachtung und die förmliche Gegenüberstellung mit dem Beschuldigten, der – inzwischen Bürgermeister und einst erfolgreicher Gegenkandidat des eigenen Vaters bei einer Parlamentswahl – bis zuletzt jede Tat bestreitet. Das Epilog vermerkt seinen Rückzug von einer erneuten Kandidatur, aber kein juristisches Urteil: Die Verjährung schließt einen Strafprozess aus, sodass das Buch selbst an die Stelle des ausbleibenden Verfahrens tritt. Anders als bei Lemire sind die Täter hier äußere, gesellschaftlich eingebundene Figuren, und der institutionelle, quasi-forensische Apparat – Polizei, Gutachten, Statistik – ist selbst Gegenstand der Erzählung, nicht nur ihr Anlass.

Roman und Zeugnis: zwei Wahrheitsverträge

Der Gattungsentscheid beider Autoren ist keine äußerliche Formfrage, sondern bestimmt die ethische Statur des jeweiligen Textes. Lemire wählt die Fiktion, obwohl die autofiktionale Nähe zur eigenen Biografie unübersehbar bleibt; der erfundene Familienname Drelin markiert eine Distanz, die es erlaubt, einen inzwischen verstorbenen Vater ambivalent, das heißt sowohl liebevoll als auch anklagend zu zeichnen, ohne dass der Text sich einer beweisrechtlichen Prüfung stellen müsste. Der Wahrheitsanspruch ist ein existenzieller, kein forensischer. Pommier hingegen verzichtet demonstrativ auf jede fiktionale Distanz: Das „Avertissement de l’éditeur“ verankert den Text in einem laufenden, wenn auch verjährten Strafverfahren, nennt Daten, zitiert aus dem Vernehmungsprotokoll und lässt den Beschuldigten selbst, wenn auch anonymisiert, in indirekter Rede zu Wort kommen. Damit beansprucht das Buch eine dokumentarische Geltung, die es zugleich verwundbar macht: Es muss dem Bestreiten des noch lebenden Beschuldigten standhalten, während Lemires Text sich gegenüber einem Toten, der nicht mehr widersprechen kann, in relativer Sicherheit befindet. Die Wahl zwischen Roman und Zeugnis korrespondiert somit mit zwei unterschiedlichen Strategien im Umgang mit einem bestreitenden oder nicht mehr erreichbaren Täter.

Lemires Täter ist eine einzelne, familiäre und gesellschaftlich geachtete Figur: ein Lehrer und Hobbymaler, von Schülern wie Kollegen geschätzt, dessen Charisma der Text nicht bestreitet, sondern ausdrücklich mit seinen Verbrechen zusammendenkt. Der Roman verweigert sich der Reduktion auf das Monster; die Schlusspassage benennt den Vater als „paradoxe aveuglant“, als jemanden, der zugleich Zärtlichkeit und Zerstörung in sich vereinte. Diese Haltung erzeugt eine anhaltende Ambivalenz, die der Text nicht auflöst, sondern in eine Geste der „Sublimierung“ überführt, ohne den Vorwurf zurückzunehmen.

Pommiers Täter sind demgegenüber mehrere, dem engeren Familienkreis äußerliche Personen, die über Vertrauensnetzwerke – eine Kinderfrau, ein Familienfreund, ein Hausmeister – Zugang zum Kind erhalten. Diese Vervielfachung rückt sexuelle Gewalt gegen Kinder als ein strukturelles, gesellschaftlich verbreitetes Risiko in den Blick, ein Eindruck, den die im Vorwort zitierten Zahlen zusätzlich stützen. Die Haltung gegenüber dem im Buch identifizierten, wenn auch anonymisierten Haupttäter bleibt konsequent anklagend; es gibt keine ästhetische Versöhnungsgeste, sondern die beharrliche Forderung nach Anerkennung der Tat, die in der protokollierten Gegenüberstellung kulminiert, ohne erfüllt zu werden.

Romain Lemire, Frédéric Pommier, France24, 2026.

Erzählstimme und die Frage der Bewusstseinsspaltung

Lemires Text hält eine durchgehende Ich-Erzählung von der Geburt bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr durch; die erzählende Instanz spaltet sich grammatisch nicht auf, auch nicht an den Stellen, an denen das Erzählte kaum zu ertragen ist. Die kindliche Wahrnehmung registriert den Missbrauch im selben beiläufig-beobachtenden Register, in dem sie auch das Vokabular des Reitunterrichts oder die Rezeptur einer Mayonnaise festhält; ein Satz über die väterlichen Übergriffe steht syntaktisch gleichrangig neben einem Satz über den Duft von Heu und Leder. Diese stilistische Nivellierung – nicht die grammatische Form, sondern der Tonfall selbst – inszeniert eine kindliche Dissoziation, ohne sie beim Namen zu nennen, und verlangt der Leserin und dem Leser eine eigene interpretatorische Arbeit ab, die der kindliche Erzähler selbst nicht leisten kann oder will. Bezeichnend ist eine einzelne, bewusst gesetzte Ausnahme im sechsten Kapitel, in der der Erzähler kurzzeitig in die dritte Person und das Passé simple wechselt und diesen Bruch selbst kommentiert: Ein solcher Blick auf sich selbst „vaut bien une troisième personne du singulier“. Die Distanzierung bleibt punktuell, ein Ausnahmezustand innerhalb einer sonst kontinuierlichen Stimme, und bestätigt gerade in ihrer Seltenheit die Regel der durchgehaltenen ersten Person.

Pommier geht den entgegengesetzten Weg und macht die Spaltung der Erzählinstanz zum tragenden formalen Prinzip. Solange die Erinnerung verschüttet ist, wird das Kind konsequent in der dritten Person als „l’enfant“ geführt; erst mit der schrittweisen Rückkehr des Gedächtnisses im vierten und fünften Akt setzt sich die erste Person durch. Die grammatische Person wird so zum Indikator psychischer Aneignung: Das „Ich“ übernimmt die Erfahrung des Kindes exakt in dem Maße, in dem die Erinnerungsarbeit sie ihm zugänglich macht. Diese Lösung übersetzt die im Text selbst thematisierte dissoziative Amnesie unmittelbar in eine grammatische Verfahrensweise, während Lemires Verfahren die Dissoziation eher stilistisch als grammatisch löst.

Lemires Prosa ist dicht, anspielungsreich und kulturell gesättigt; sie zitiert Nietzsche, Simone Weil, Barbara, Molière, Koltès und spiegelt damit das gebildete Pariser Milieu, das sie beschreibt. Da der Vater selbst ein Liebhaber von Literatur und Malerei ist, wird sprachliche und ästhetische Verfeinerung im Text selbst zu einer zweideutigen Erbschaft: Sie ist zugleich Mittel der späteren Befreiung des Erzählers – der als Schauspieler und Liedermacher arbeitet – und mit dem ästhetisierenden Selbstbild des Täters verbunden.

Pommiers Sprache bleibt demgegenüber vergleichsweise nüchtern, szenisch und dialoglastig; an mehreren Stellen übernimmt der Text nahezu wörtlich Formulierungen aus dem polizeilichen Protokoll und erzeugt damit ein dokumentarisches Register, das Genauigkeit über sprachliche Verzierung stellt – konsequent für einen Erzähler, der von Beruf Journalist ist und dessen Zeugnis unter Beweisdruck steht. Metaphern wie das Bild des Giftes im Blut oder der aus der Tiefe aufsteigenden Stimme eines Pottwals tauchen als kontrollierte Ausnahmen auf, nicht als durchgehaltenes Idiom.

Vegetation, Akte und die Ordnung der Zeit

Auch die übergeordneten Strukturprinzipien unterscheiden sich grundlegend. Lemire organisiert die erzählte Zeit streng biografisch entlang exakter Altersangaben und unterlegt jedes Kapitel mit einem knappen, aus einem Landschaftsvokabular gebildeten Untertitel: „Prairie aux aurores“ zur Geburt, „Lisière sous l’averse“ mit sieben, „Roncier dans la tempête“ mit vierzehn, „Taillis dans le brouillard“ mit einundzwanzig, bis hin zu „Clairière sous un ciel de traîne“ mit zweiundvierzig. Die Bewegung von der offenen Wiese über den Waldrand, das Dornengestrüpp und das dichte Unterholz bis zur Lichtung zeichnet, ohne dass der Text sie als Allegorie ausweist, eine psychische Kartografie nach: ein Gelände, das mit der Zeit zuwächst, um sich am Ende teilweise wieder zu öffnen.

Pommier hingegen legt der gelebten, notorisch unordentlichen Zeit eine künstliche, dem klassischen Theater entlehnte Form auf: fünf Akte einer Tragödie. Diese Form erzeugt eine bewusste Spannung, denn die tragische Struktur verlangt traditionell eine Peripetie und eine Anagnorisis, ein Wiedererkennen – und genau dies liefert der vierte Akt mit der Rückkehr der verdrängten Erinnerung, die rückwirkend die gesamte vorangehende Erzählung umdeutet. Die einzelnen Kapiteltitel bleiben dabei konsequent auf konkrete, oft banale Gegenstände bezogen – ein Käsestück, ein Cutter, ein Apfelbaum – und arbeiten metonymisch, während Lemires Titel durchgehend figurativ verfahren. Bezeichnend ist, dass sich der Baummotivkomplex bei Pommier auch außerhalb des Titels fortsetzt: Der eigene Nachname des Autors, Pommier, wiederholt sich im Namen des Apfelbaums, unter dem im vorletzten Kapitel ein totes Tier liegt, nachdem ein Sturm einen der Bäume gefällt hat – eine stille, nicht kommentierte Verdopplung des zentralen Bildes. Beide Texte machen damit Wald und Garten zu einem Palimpsest, auf dem sich Idylle und Übergriff überlagern, wählen für die zeitliche Ordnung dieses Bildfelds jedoch entgegengesetzte Prinzipien: kontinuierliches biografisches Wachstum bei Lemire, dramaturgische Zuspitzung bei Pommier.

Männlichkeitskonzepte zwischen Autorität, Geheimnis und Offenheit

Beide Texte entfalten Männlichkeit nicht nur an den Täterfiguren, sondern auch an Kontrastfiguren, an der kindlichen Wahrnehmung der eigenen Geschlechtsidentität und an den erwachsenen Bewältigungsstrategien der Erzähler. In beiden Fällen erschleichen sich die Täter Vertrauen über gesellschaftlich anerkannte männliche Rollen: André Drelin legitimiert sich als Lehrer, Autor und Maler, über eine Männlichkeit, die sich aus Bildung und Kultur speist und dadurch unangreifbar wirkt; Pommiers Täter treten als umsichtiger Bankberater („la sécurité avant tout“) und als Bürgermeister auf, deren berufliche und politische Kompetenz nachträglich als Argument gegen die Glaubwürdigkeit der Anschuldigung dient. In beiden Büchern wird zudem das Geheimnis selbst zum männlichen Kontrollmittel; Pommiers Kapitel „Les mots“ macht das Fehlen der Sprache geradezu programmatisch zur Bedingung des Verschweigens. Nur Clément stellt dem Vater ausdrücklich andere männliche Verwandte gegenüber – den kriegsversehrten, wortkargen Großvater mütterlicherseits und den stillen, handwerklich tätigen Großvater väterlicherseits –, die eine weniger redegewandte, bodenständigere Männlichkeit verkörpern, ohne dass der Text sie moralisch aufwertet: Sie bleiben ahnungslos oder weichen dem Thema erkennbar aus, sobald vom Tod des Sohnes die Rede ist.

Ein Motiv, das ausschließlich bei Pommier auftritt, ist die Genderkrise des missbrauchten Kindes: Mit fünf Jahren wünscht es sich, ein Mädchen zu sein, weint über sein Junge-Sein und erbittet eine Puppe statt der von den Cousins erwarteten Jungenspielzeuge. Die hinzugezogene Psychologin deutet diese Krise psychologisch verkürzt und beruhigt die Mutter mit dem Hinweis, das Kind spiele inzwischen „de mieux en mieux avec les voitures“ – eine Szene, die die normative Kopplung von Spielzeug und Geschlecht ebenso vorführt wie die institutionelle Blindheit gegenüber einem möglichen Traumasignal. Clément kennt keine vergleichbare Infragestellung der eigenen Jungenidentität in der Kindheit; die Verunsicherung setzt dort erst im Erwachsenenalter an, bei der Frage nach der eigenen sexuellen Orientierung. Beide erwachsenen Erzähler beschreiben dafür Phasen intensiver, auch gleichgeschlechtlicher sexueller Aktivität, die sie selbst als Versuch deuten, einen durch den frühen Missbrauch entfremdeten Körper zurückzuerobern. Bei Pommier ist dieser Prozess explizit an körperliche Selbstoptimierung gekoppelt – Fitnessstudio, Gewichtsverlust, neue Kleidergröße –, an eine fast quantifizierte Männlichkeitsherstellung nach der als feminisierend erlebten Kindheitskrise. Bei Lemire bleibt die Reflexion essayistischer: eine Auseinandersetzung mit bürgerlich-katholischer Prüderie, mit der eigenen Zurückhaltung, sich trotz männlicher Partner als bisexuell zu bezeichnen („romantiquement hétéro“), und mit einer selbstkritischen Bemerkung über die „banalité d’un patriarcat qui se voit plus vert qu’il ne l’est“ angesichts des Altersunterschieds zu seiner Partnerin.

An den Enden beider Bücher wird Vaterschaft zum Ort, an dem eine andere Männlichkeit erprobt wird, wenn auch mit gegenläufigem Ergebnis. Clément trauert um eine Vaterschaft, die er sich aus Furcht vor der eigenen Herkunft versagt; seine Männlichkeit bleibt an dieser Stelle von Verlust geprägt. Pommier dagegen entwirft eine offene, kommunikative Vaterschaft: Er klärt seine Kinder über seine Beziehung zu einem Mann auf und betont ausdrücklich, dies dürfe „kein Geheimnis“ sein – eine bewusste Umkehrung der Verschwiegenheitslogik der Täter –, während sein Sohn am Ende sogar eine stützende Rolle gegenüber dem eigenen Vater übernimmt. Auch die politisch-institutionelle Männlichkeit wird bei Pommier kritisch beleuchtet: Das Netzwerk aus Bürgermeisteramt, Justiz und Polizei, das die Aufklärung verzögert, macht männliche Macht selbst zum strukturellen Schutzmechanismus des Täters, ein politisches Argument, das bei Lemire, dessen Täter tot und ohne institutionelle Rückendeckung ist, keine Entsprechung hat. Übereinstimmend kritisieren beide Texte damit eine Männlichkeit, die sich über Kompetenz, Autorität und Verschwiegenheit legitimiert und gerade dadurch Missbrauch ermöglicht; sie unterscheiden sich darin, wie die erwachsenen Erzähler diesem Modell etwas entgegensetzen – Lemire vorwiegend reflexiv-literarisch, Pommier über eine gelebte Neuausrichtung von Sexualität, Vaterschaft und öffentlicher Rede.

Missbrauchserfahrungen männlicher Kinder

Mehrere Dimensionen lassen sich benennen, die sich sowohl in der einschlägigen sozialwissenschaftlichen Forschung als auch in den besprochenen Texten selbst zeigen. Dabei lohnt sich eine Unterscheidung zwischen dem, was tatsächlich an das männliche Geschlecht des Kindes gebunden ist, und dem, was beide Geschlechter gleichermaßen betrifft.

Verzögerte und erschwerte Offenlegung

Männer, die als Kinder sexuelle Gewalt erfahren haben, brauchen im Durchschnitt deutlich länger, bis sie sich jemandem anvertrauen – eine kanadische Studie mit Betroffenen, die sich an eine spezialisierte Beratungsstelle wandten, nennt einen Zeitraum von fünfundzwanzig bis zweiundvierzig Jahren, mehr als die Hälfte hatte zuvor nie darüber gesprochen. Diese Zahl korrespondiert auffällig mit der erzählten Zeit in Derrière les arbres, wo die Erinnerung erst nach vier Jahrzehnten zurückkehrt, und mit Christophe Tisons Il m’aimait, dessen Erzähler ebenfalls jahrzehntelang schweigt. Als Grund gilt in der Forschung durchgehend die Verinnerlichung eines Männlichkeitsideals, das Stärke, Kontrolle und Selbstgenügsamkeit verlangt und Opfersein damit strukturell ausschließt.

Die Verwechslung von Missbrauch und sexueller Orientierung

Wird ein Junge von einem Mann missbraucht, entsteht ein Zusammenhang, der sich für Mädchen so nicht stellt: Die Umgebung – und oft der Täter selbst – deutet die Tat als Aufschluss über die sexuelle Orientierung des Kindes, nicht nur als Gewalt gegen es. In Derrière les arbres nutzt der Täter genau diese Verwechslung als Rechtfertigung („je savais que t’en avais envie“), in Clément zieht sich die Frage nach der eigenen Orientierung als offene Wunde durch das gesamte Erwachsenenleben, ohne dass der Text sie auflöst. Die Forschung betont ausdrücklich, dass sexuelle Orientierung durch Missbrauch nicht bestimmt wird, hält aber ebenso fest, dass die Angst, als homosexuell wahrgenommen zu werden, für viele betroffene Männer ein eigenständiges Schweigemotiv ist – ein Motiv, das sich bei weiblichen Opfern männlicher Täter in dieser Form nicht stellt.

Körperliche Reaktion als zusätzliche Schuldquelle

Eine physiologische Erregung während des Missbrauchs – Erektion, gelegentlich Ejakulation – ist eine rein körperliche Reaktion ohne jeden Bezug zu Einwilligung, wird von Betroffenen jedoch häufig als Beweis eigener Mitschuld erlebt. Beide besprochenen Bücher benennen dies unverblümt: Clément notiert an mehreren Stellen die eigene Erregung parallel zur Handlung und fragt sich, „et si c’était moi, la mauvaise rencontre?“; bei Pommier wird die körperliche Reaktion in den Ermittlungsprotokollen sogar ausdrücklich abgefragt. Für Mädchen, die von Männern missbraucht werden, entfällt dieses sichtbare, dem Kind selbst zurechenbare körperliche Indiz weitgehend.

Institutionelles Nichterkennen

Statistiken, Präventionsprogramme und diagnostische Routinen sind historisch am weiblichen Opfer kalibriert; ein Junge, der Symptome zeigt, wird seltener in diesem Raster gelesen. Die Szene bei Pommier, in der eine Psychologin die Geschlechtsnot des Kindes mit dem Hinweis abtut, es spiele inzwischen „de mieux en mieux avec les voitures“, ist ein literarisches Beispiel für ein breiter dokumentiertes Phänomen: Fachkräfte erkennen entsprechende Signale bei Jungen seltener als Missbrauchsfolge.

Männlichkeit als etwas, das zurückerobert werden muss

Hier liegt vermutlich der auffälligste Unterschied zu vielen Texten weiblicher Betroffener: Weil die Tat nicht nur den Körper, sondern den sozial zugeschriebenen Status des „starken, kontrollierten“ Jungen verletzt, richten sich die im Erwachsenenalter beschriebenen Bewältigungsstrategien in beiden Büchern explizit auf die Wiederherstellung von Männlichkeit selbst – bei Pommier über Fitnessstudio, Gewichtsverlust und eine quantifizierte sexuelle Eroberungspraxis, bei Lemire über eine essayistische, aber ebenso beharrliche Verteidigung der eigenen sexuellen Souveränität. Die kindliche Genderkrise bei Pommier – der Wunsch, ein Mädchen zu sein – lässt sich in diesem Licht als kindliche Umkehrung derselben Logik lesen: Wenn das Junge-Sein selbst mit der Gewalt verknüpft scheint, erscheint dessen Zurückweisung dem Kind als möglicher Ausweg.

Nicht spezifisch für männliche Opfer sind dagegen einige Punkte, die in diesem Aufsatz bereits eine Rolle spielten: Der Rückgriff der Täter auf sozial legitimierte Autorität (Lehrer, Bankberater, Bürgermeister) und der Schutz durch homosoziale Machtnetzwerke betreffen, wie Springoras oder Kouchners Bücher zeigen, auch weibliche Opfer männlicher Täter – dort ist es die Reputation des Täters, nicht das Geschlecht des Kindes, die den Zugang und das Schweigen ermöglicht.

Schlussgesten: Sublimierung und Anklage

Über die Männlichkeitsfrage hinaus berühren sich beide Bücher in einem letzten biografischen Punkt: Beide Erzähler berichten von Momenten suizidaler Gedanken, die jeweils durch die Bindung an Kinder eine Wendung erfahren – bei Lemire in der Reflexion über die eigene Kinderlosigkeit als Folge des väterlichen Verbrechens, bei Pommier in der ausdrücklichen Aussage, seine Kinder hätten ihn vom Sprung abgehalten. In beiden Fällen wird die nächste Generation, ob als Verlust oder als gelebte Bindung, zum Gegengewicht einer Vergangenheit, die sich nicht auflösen lässt.

Lemires Buch schließt nach innen: mit einer direkten Anrede an den toten Vater, die Anklage, philosophische Reflexion und eine Geste des Verstehens verbindet und in der expliziten Feststellung mündet, die Veröffentlichung des Romans vollende einen eigentümlichen Kreislauf der „Sublimierung“. Das Verbrechen erhält damit eine private, wenn auch öffentlich publizierte ästhetische Antwort.

Pommiers Buch schließt nach außen und bleibt unabgeschlossen: Der Epilog protokolliert das fortgesetzte Bestreiten des Beschuldigten in der polizeilichen Gegenüberstellung und situiert das Buch selbst als Ersatz für den durch die Verjährung ausgeschlossenen Strafprozess. Der letzte Satz verweist nicht auf Versöhnung, sondern auf die bloße Entschlossenheit weiterzuleben.

Beide Bücher gehen von derselben Schwierigkeit aus – der Widerständigkeit kindlicher Missbrauchserfahrung gegen Sprache – und greifen auf ein gemeinsames Bildfeld aus Baum, Wald und Garten zurück, um die Diskrepanz zwischen gepflegter Oberfläche und verborgener Gewalt zu fassen. Von diesem geteilten Ausgangspunkt aus entwickeln sie jedoch entgegengesetzte Lösungen. Lemire unterstellt das Trauma einer ununterbrochenen, sprachlich ausladenden Ich-Stimme, die einen einzelnen, familiären Täter am Ende mit einer privaten, literarischen Geste der Sublimierung beantwortet; die vegetabile Bildsprache der Kapitelüberschriften zeichnet dabei eine kontinuierliche biografische Bewegung von der offenen Wiese zur Lichtung nach. Pommier unterstellt das Trauma einer gespaltenen, dramaturgisch in fünf Akte gegliederten und sprachlich kargen Erzählweise, die mehrere, gesellschaftlich eingebundene Täter mit einem öffentlichen, auf institutionelle Wirkung zielenden Zeugnis beantwortet; die Wiederkehr der Erinnerung wird dabei formal durch den Wechsel von der dritten in die erste Person nachvollzogen. Wo Lemires Roman danach fragt, was es heißt, jemanden weiterhin zu lieben, den man verurteilen muss, fragt Pommiers Zeugnis danach, was Wahrheit bedeutet, wenn das Recht die Akte bereits geschlossen hat. Gemeinsam gelesen, skizzieren die beiden Texte komplementäre Antworten auf dieselbe gegenwärtige Frage: wie und wozu die französische Literatur von einer Gewalt erzählt, die sie strafrechtlich nicht mehr verfolgen kann.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Erzähltes Kindheitstrauma, eine vergleichende Interpretation: Romain Lemire und Frédéric Pommier." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on August 13, 2026 at 05:21. https://rentree.de/2026/08/13/erzaehltes-kindheitstrauma-eine-vergleichende-interpretation-romain-lemire-und-frederic-pommier/.

Neue Artikel und Besprechungen


Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.