Michel Butor zum 100. Geburtstag: Würdigung, die vier frühen Romane und der Übergang zu Mobile

Der Text verbindet drei eigenständige, aber aufeinander bezogene Annäherungen an Michel Butor: eine biografische Würdigung zu seinem hundertsten Geburtstag, eine vergleichende Interpretation der vier frühen Romane und ihrer Verfahren, sowie eine Lektüre von „Mobile“, jenem Buch, das 1962 den Übergang von der erzählenden Prosa zu Butors späterem, grenzüberschreitendem Werk markiert. Die drei Teile lassen sich einzeln lesen, ergeben zusammengelesen aber eine Bewegung vom Leben über die vier Romane bis zu jenem Werk, in dem Butor den Roman als Form endgültig hinter sich ließ. Wenn Butor 1962 Jeffersons Satz von der Gleichheit aller Menschen unmittelbar neben dessen eigene Zeilen über die notwendige Trennung der Rassen stellt, trifft er genau jenen Widerspruch, über den die USA bis heute in Streitigkeiten um Denkmäler, Südstaaten-Geschichte und rassische Gerechtigkeit verhandeln. Und die Technik, mit der das Buch Werbeslogans, Regierungszitate und private Wahrnehmungssplitter kommentarlos aneinanderreiht, liest sich, lange vor Internet und Feed, wie eine Vorwegnahme jenes ungefilterten Nebeneinanders von Nachricht, Reklame und Geschichtsdeutung, in dem sich auch heute ein Bild von Amerika zusammensetzt.

➙ Zum Artikel

Sternenhimmel über Rom: Renaud Rodier

Vor dem Hintergrund eines politisch verfallenden Roms am Wahlabend Giorgia Melonis begibt sich in Renaud Rodiers drittem Buch „Si Rome meurt“ (Anne Carrière, 2025) der angehende Filmemacher Pietro auf eine obsessive Suche nach seinem verschollenen Vater, den er in der Gestalt eines prophetischen Obdachlosen an den Rändern der Gesellschaft wiederzuentdecken glaubt. Geleitet von der astrophysikalischen Theorie des holografischen Universums gestaltet Pietro sein zentrales Filmvorhaben als einen Prozess filmischen Schreibens, der in grobkörnigen Super-8-Aufnahmen versucht, die urbane Entropie Roms in ein kohärentes ästhetisches Konstrukt zu transformieren. Renaud Rodiers Roman entwickelt sich als ein intermediales Palimpsest, das die existentielle Frage nach dem, was gerettet werden kann, wenn Rom stirbt, in einer dichten Verwebung von traumatischer Erinnerung und filmischer Vision verhandelt. Indem der Roman die astrophysikalische Metaphorik zur Weltraumdichtung erhebt, transformiert er die soziale Entropie Roms in eine transzendente, astronomische Topografie, die den Diskurs um die „Ewige Stadt“ als unzerstörbaren Informationscode jenseits des zeitlichen Verfalls neu verortet.

➙ Zum Artikel
Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.