Résumé
In dieser unregelmäßigen Rubrik werden französische Amerika-Texte aus zwei Jahrhunderten vorgestellt, Reiseberichte, Romane, Textmontagen und historische Erzählungen, die den nordamerikanischen Kontinent je neu zum Prüfstein für Europa machen. Wiederkehrende Fragen sind dabei, was ein Land ohne europäische Vergangenheit über Europa selbst verrät, wie sich Freiheit erzählen lässt, wenn sie von Herkunft und Tradition gelöst ist, und was aus den Gründungsmythen einer jungen Nation wird, wenn sie zu Denkmälern erstarren oder als Gewaltgeschichte freigelegt werden. Durch die Reihe zieht sich zudem die Spannung zwischen zwei Traditionen der französischen Geistesgeschichte, einer antiamerikanischen Strömung, die Amerika als Zivilisationsverlust oder Bedrohung beschreibt, und einer Faszinationsgeschichte, die denselben Kontinent als Versprechen liest, so dass sich über die Zeit ein Bild davon ergibt, wie sich der französische Blick auf Amerika, von der Leere über das Denkmal bis zur freigelegten Gewalt, zugleich treu bleibt und radikal verschiebt.
Amerika als Prüfstein des französischen Blicks
Kaum ein anderer Kontinent hat die französische Literatur so beharrlich zum Erzählen gezwungen wie Amerika, und kaum einer eignet sich so gut, um zu beobachten, wie sich dieses Erzählen über zwei Jahrhunderte hinweg verändert, ohne die Grundfrage je zu verlassen. Diese Rubrik verfolgt deshalb in loser Folge, eine Reihe von „Voyages en Amérique“: Texte, in denen Frankreich sich an den Vereinigten Staaten oder an Nordamerika insgesamt abarbeitet, sei es als Reisebericht, als Roman, als Montage aus Dokumenten oder als genealogische Erzählung. Gemeinsam ist ihnen weniger ein Gegenstand als eine Bewegung: ein Land, an dem sich immer wieder neu verhandeln lässt, was Europa fehlt oder was ihm bevorsteht, was Freiheit heißt, wenn sie sich von Herkunft löst, und was Geschichte bedeutet, wenn sie sich, wie in Amerika, ständig neu erfinden muss. Die einzelnen Texte, von Chateaubriands Reise 1791 bis zu Vuillards Genealogie der Gegenwart in seinem Récit über Billy the Kid, sind damit weniger Stationen einer Entwicklung als Wiederholungen derselben Frage unter je anderen historischen Bedingungen, transatlantische Geschichten, die Frankreich über Amerika ebenso erzählen wie über sich selbst.
Philadelphia, 1791. Chateaubriand steht vor einer Stadt aus geraden Straßen und rechten Winkeln und notiert eine Beobachtung, die den ganzen Grundton seiner Voyage en Amérique trifft: Amerika habe keine alten Denkmäler, keine Dome, keine Türme. Die Häuser stünden neu, die Gräber seien von gestern. Aus dieser Leere zieht er eine Formel, die er später in Les Natchez wiederholt: Die Europäer hätten in Amerika noch keine Gräber gehabt und schon Kerker. Nur die Wälder seien alt, sagt er, und die Freiheit, das genüge ihm mehr als Ruinen und Ahnen.
Die Passage zeigt, wie Chateaubriand Amerika von Anfang an als Gegenbild zu Europa liest: ein Kontinent ohne Vergangenheit, dessen einzige Größe die Natur und die politische Neuheit sind. Genau dieser Blick, fasziniert und reserviert zugleich, macht sein Buch zum Gründungstext einer französischen Amerika-Literatur, die sich bis zu Baudrillards Amérique fortschreibt: das Land als Ort, an dem sich beobachten lässt, was Europa fehlt oder was ihm noch bevorsteht.
Eine Szene, die den Ton setzt: Washington in Hausschuhen
Chateaubriand reist 1791 mit einem Empfehlungsschreiben zu George Washington und erwartet, nach seinen römischen Lektüren, einen Cincinnatus mit rauer Hand am Pflug. Stattdessen öffnet ihm ein Dienstmädchen ein kleines, unauffälliges Haus, ohne Wachen, ohne Livree. Washington selbst liest den Brief, ruft überrascht den Namen des Absenders aus und hört dem jungen Franzosen mit stillem Erstaunen zu. Chateaubriand sagt ihm, es sei weniger schwierig, die Nordwestpassage zu entdecken, als ein Volk wie das amerikanische zu erschaffen. Washington antwortet knapp, auf Englisch: Well, well, young man.
Die Szene funktioniert als Miniatur der ganzen amerikanischen Erfahrung, wie Chateaubriand sie erzählt: Größe ohne Pomp, Macht ohne Bühne. Später stellt er Washington und Napoleon einander gegenüber, den einen als stillen Verwalter einer Freiheit, die er nicht für sich behält, den anderen als Feldherrn, der die Welt an sich reißt und am Ende an sich selbst verliert. Amerika liefert Chateaubriand damit ein politisches Gegenmodell zu Europa, lange bevor Tocqueville daraus eine Theorie der Demokratie macht.
Der Wald als Entgrenzung
Kurz danach, hinter Albany, betritt Chateaubriand zum ersten Mal einen Wald, den noch keine Axt berührt hat, und beschreibt einen Rausch, der sich von jeder amerikanischen Alltagsszene abhebt: Er geht von Baum zu Baum, ohne Weg, und sagt sich, hier gebe es keine Straßen mehr, keine Städte, keine engen Häuser, keine Präsidenten und keine Könige. Sein holländischer Führer hält ihn für verrückt. Diese Stelle liefert das Gegenstück zur Washington-Szene: nicht die zivile Republik, sondern die vorzivilisatorische Natur wird zum eigentlichen amerikanischen Versprechen.
Mit dieser Doppelung, Republik und Wildnis, legt Chateaubriand das Muster an, das die Amerika-Literatur des 19. Jahrhunderts weiterträgt: einerseits das Amerika der Institutionen und der Städte, andererseits das Amerika der unberührten Weite. Die Forschung zur französischen Amerika-Rezeption beschreibt genau diese Spaltung für die Zeit vor 1890, mit Chateaubriand und George Sand auf der einen, dem industriellen und politischen Amerika auf der anderen Seite.
Die Witwe am See
Eine dritte Szene bindet beide Register zusammen. Bei den Onondaga trifft Chateaubriand eine indianische Witwe, deren einzige magere Kuh von weißen Siedlern von der Weide gejagt wird. Er nähert sich, streichelt das Tier, spricht die Frau auf Englisch an. Sie erzählt, die Wiese habe ihrem toten Mann gehört, sie habe keine Kinder, und die Weißen trieben ihre Kühe einfach über ihr Land. Chateaubriand hat nichts anzubieten außer seinem Mitgefühl, kein Gericht, an das er sich wenden könnte, in einem Land, in dem Recht und Gewalt zwischen Siedlern und Indianern längst durcheinandergeraten sind.
Diese Szene bricht die Größe der vorherigen Bilder: Weder die Republik noch der Wald sind hier ein Versprechen, sondern der Ort einer stillen Enteignung. Chateaubriand schreibt sie ohne Anklage, aber auch ohne Trost, und genau diese Nüchternheit macht sie zu einem der Kerne des Buchs.
Literaturhistorische Einordnung
Die Voyage en Amérique entsteht aus einer Reise von 1791, wird aber erst 1827 in der vorliegenden Form veröffentlicht, nach Atala, René und Les Natchez, denen er als Materiallager diente. Das Buch steht damit am Beginn einer langen Kette: Es liefert die Bilder, aus denen die französische Romantik ihr Amerika baut, Wald, Fluss, Indianerlager, und es begründet zugleich die politische Beobachtungslinie, die über Tocquevilles De la démocratie en Amérique bis zu Baudrillards Amérique reicht. Wo Baudrillard 1986 Amerika als verwirklichte Utopie beschreibt, hat Chateaubriand bereits 1827 das Grundmuster geliefert: ein Land, das Europa fehlende Vergangenheit und überschüssige Zukunft zugleich vorführt.
Für eine Rubrik über französische Amerika-Fiktionen liegt in diesem Text also kein Nebentext, sondern eine Art Gründungsdokument: Bevor Céline seine Abscheu formuliert, bevor Cendrars sich in den Kontinent verliebt, bevor Baudrillard die Utopie diagnostiziert, hat Chateaubriand die Fragen gestellt, auf die sie alle antworten: Was bedeutet ein Land ohne Vergangenheit? Und was verliert man, wenn man in der Wildnis die eigene Freiheit sucht? Zwei spätere französische Blicke auf denselben Kontinent zeigen, wie beharrlich diese Fragen bleiben, auch wenn sich die Antworten radikal verschieben.
Butors Mobile: aus der Leere wird ein Pantheon
Wo Chateaubriand 1791 ein Land ohne Denkmäler beschreibt, findet Michel Butor 1962 das Gegenteil vor: eine Nation, die ihre Gründerväter in Stein gegossen hat. In Mobile: étude pour une représentation des États-Unis montiert Butor Ortsnamen, Werbeslogans und historische Dokumente alphabetisch nach den Bundesstaaten, ohne Erzähler und ohne durchgehende Handlung. Über den Denkmälern in Washington notiert der Text, Washington, Jefferson und Lincoln bildeten die zentralen Figuren eines amerikanischen Pantheons, eine Formulierung, die den Obelisken und die Rotunde in die Nähe antiker Götterkulte rückt.
Den Kern des Buchs bildet ein Verfahren, das Chateaubriands Beobachtergestus fremd gewesen wäre: Butor stellt Jeffersons Satz von der Gleichheit aller Menschen kommentarlos neben dessen eigene Zeilen zur notwendigen Trennung der Rassen und überlässt dem Nebeneinander die Anklage, die er selbst nicht ausspricht. Dieselbe Montagetechnik, mit der Butor Reklame, Gründungsdokumente und indigene Zeugnisse aneinanderreiht, liest sich, lange vor Internet und Feed, wie eine Vorwegnahme jenes Nebeneinanders von Nachricht und Geschichtsdeutung, aus dem sich auch heute ein Bild von Amerika zusammensetzt. Wo Chateaubriand aus der Leere noch ein Versprechen macht, zeigt Butor, wie sich dieselbe Nation hundertfünfzig Jahre später ihre eigene Mythologie gebaut hat, aus Stein, Reklame und Wiederholung.
Vuillard und die amerikanische Gewaltökonomie: eine Genealogie bis Trump
Éric Vuillards Les orphelins: une histoire de Billy the Kid (2026) setzt an einem dritten Punkt derselben Linie an: nicht bei der Republik, die Chateaubriand bewundert, auch nicht bei den Denkmälern, die Butor montiert, sondern bei jenem Wilden Westen, in dem Vuillard die eigentliche Gründungsszene der amerikanischen Marktwirtschaft findet. Sein Buch beschreibt, wie junge Gesetzlose im Auftrag von Großgrundbesitzern, Militär und Kongress das Land freischossen, bevor der Staat seine Ordnung darüberlegte, eine Gewalt, die Vuillard als Ursprung dessen liest, was man bis heute Marktwirtschaft nennt.
Von hier aus zieht der Text eine Linie bis in die Gegenwart: Trump erscheint bei Vuillard nicht als Ausnahme, sondern als Symptom, als groteske Spätform eines politischen Stils, der schon im Wilden Westen angelegt war, Verachtung für Institutionen, Gewalt als Kommunikationsform, Reichtum als moralische Legitimation. Anders als Chateaubriand, der in Washington die stille Größe einer neuen Republik erkennt, findet Vuillard am Ursprung derselben Nation eine Ökonomie der Gesetzlosigkeit, die sich, seiner Lesart nach, nie ganz von ihrer Gewaltgeschichte gelöst hat.
Zusammengelesen ergeben die drei Texte eine Art Relais über zwei Jahrhunderte: Chateaubriand entdeckt 1791 ein Land ohne Vergangenheit, Butor findet 1962 dasselbe Land bereits zur Mythologie erstarrt, und Vuillard legt 2026 die Gewalt frei, die unter dieser Mythologie liegt. Jede Station löst das Versprechen der vorherigen ein Stück weiter auf, ohne dass eine von ihnen den amerikanischen Kontinent je verlässt, an dem sich Frankreichs literarischer Blick seit über zwei Jahrhunderten abarbeitet.









