Der fehlende Teil: Kolonialgewalt und Namenswechsel bei Rachida Brakni
Rachida Braknis Roman „La part absente“ (Stock, 2026) verschränkt zwei Zeitebenen: die Geschichte der jungen Zohra, die während des Algerienkriegs vergewaltigt und zur Freigabe des daraus geborenen Kindes gezwungen wird, und die Geschichte ihrer Tochter Karima, die sich Jahrzehnte später in Paris den Namen Karina Leroy gegeben hat und erst durch eine Fotoinstallation im Centre Pompidou mit der verdrängten Herkunft ihrer Mutter, und der eigenen, konfrontiert wird. Der Aufsatz argumentiert, dass dieser Doppelplot nicht nur ein Thema behandelt, sondern formal einlöst, was er behauptet: Erzählperspektive (der unmarkierte Wechsel des erzählenden Ich zwischen den Schwestern im Krankenhauskapitel), Zeitgestaltung (das durchgehende Präsens in beiden Handlungssträngen, das den zeitlichen Abstand zwischen Krieg und Gegenwart formal aufhebt) und Raumsymbolik (von den algerischen Bergen über die sterile Pariser Kunstwelt bis zum vermittelnden Marseille) werden als Verfahren gelesen, mit denen der Roman seine zentrale These, dass koloniale und familiäre Gewalt sich körperlich, namentlich und über Generationen hinweg fortschreiben, selbst vorführt statt sie nur zu behaupten. Ausgehend von einzelnen, genau gelesenen Szenen, der Vergewaltigung, dem Ritual der Jungfräulichkeitsversiegelung, dem Geständnis des Schwiegervaters François, entwickelt der Aufsatz die These, dass der Titel wörtlich zu nehmen ist: Die zur Adoption freigegebene Schwester Yasmina, die verleugnete Identität der Erzählerin und die aus der offiziellen französischen Erinnerung getilgte sexuelle Kriegsgewalt bilden je einen „fehlenden Teil“, den der Text nicht auflöst, sondern als bleibende, gemeinsam auszuhaltende Leerstelle sichtbar macht.
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