Kai Nonnenmacher: Rezension von: Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar, Berlin: Metropol 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/09/41463.html
Der Gründer und sein Berater: Tech-Herrschaft und Intellektuellenkrise bei Giuliano da Empoli
Giuliano da Empolis Roman „Le Fondateur“ (2026) erzählt, wie ein entmachteter Regierungsberater, der früher Politikern die Sätze lieferte, nach der verlorenen Wahl von 2018 ein „Nachleben“ im Dienst des Tech-Unternehmers Alexander Zimmer beginnt. In Marbella, zwischen Privatjet, Bunker und einem nachgebauten andalusischen Dorf, erlebt er, wie Zimmers Überwachungsfirma Panoptik Pandemie und Ukrainekrieg in Datenlagen verwandelt, die Entscheidungen vorwegnehmen. 2024 stößt er auf eine Liste, die Journalisten, Forscher und Politiker, die der Branche misstrauen, als „Terroristen“ führt und nach berechenbaren Schwächen ordnet, und geht am Tag von Zimmers Hochzeit, nachdem die Braut Gaia verschwunden ist, mit einer Beretta in dessen Büro zurück. Der Roman zeigt, dass ein Gebildeter, der sich einem Datenherrscher andient, erst aufwacht, als dessen Maschine auch die Kritiker verbucht, und dass Wissen zu langsam und Ironie zu folgenlos ist, wo jede Rede als Material verwertet wird. Poetologisch zieht der Text die Konsequenz: Er lässt Zimmers Gleichnisse die Ironie des Erzählers entwaffnen und endet mit dem Schuss statt mit einem Kommentar, den Zimmer ebenso verbuchen könnte. Der Aufsatz liest den Roman als Darstellung der Intellektuellenkrise und folgt in drei Schritten den Mitteln, mit denen sich der Intellektuelle selbst entbehrlich macht. Der erste gilt der Ironie: An Gattung, Gesprächsform und Erzählperspektive zeigt er, wie Zimmers Gleichnisse sie entwaffnen. Der zweite gilt der Dienstbarkeit, die der Roman als Normalfall vorführt, in der Figurentypologie von Höfling, Verweigerer, Moralistin und Aussteiger, in der Raum- und Zeitstruktur von Kapsel und Intervall und in der Metaphorik von Spiel, Krieg und Insektenkunde, wobei der Grieche im Rom der Kaiserzeit das historische Muster liefert. Der dritte gilt der Bildung als Brennstoff: Zimmer liest Bücher nur zur Verwertung und sagt voraus, dass auch ein Buch über ihn ihm nützen werde, weshalb sich der Roman als Selbstprüfung der Literatur gegen die eigene Verwertung behaupten muss. Die erste Rezeption liest „Le Fondateur“ überwiegend als Schlüsselroman und Thriller über Peter Thiel und Palantir, bestätigt die Intellektuellenfrage vor allem durch den Autor selbst, der Thiel mit Spengler als römischen Intellektuellen und den Erzähler als kleinen Griechen fasst, trägt Zimmers Formeln bereits als Begriffe der Kritik weiter. Der Vergleich von Prolog und Epilog macht den Schuss doppeldeutig, als Kapitulation des Wortes oder als Weigerung, Material zu sein, und die Conclusion bestimmt die Rolle des Intellektuellen als Anomalie, als Menschen, der sich nicht verrechnen lässt.
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