Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:
Inhalt
- Eine Biografie zwischen Vorstadtrat und Präsidentschaftskandidatur
- Dramaturgie eines Aufstiegs
- Die Auflösung als Ausgangstrauma
- Herkunft und private Prägungen
- Der Weg durch die Institutionen
- Identität als politisches Argument
- Geschlecht, Sexualität und Gleichberechtigung als durchgehendes Motiv
- Religion und Jüdischkeit als Familienerbe und politisches Thema
- Der programmatische Schluss: Entwurf einer „Neuen Republik“
- Schreibstil zwischen Bekenntnisliteratur und Politbericht
- Ein Politikverständnis zwischen Pragmatismus und Autorität
- Der doppelte Gegner: Haltung zu radikaler Linker und extremer Rechter
- Was der Buchtitel bedeutet
- Nähe und Bruch: das Verhältnis zu Macron
- Die im Buch entwickelte Zukunftsperspektive
- Deutschland, Europa und die Vereinigten Staaten in der außenpolitischen Erzählung
- Sprache, Geschichte und Kultur als Identitätsreserve
- Vom Signal zur erklärten Kandidatur
Eine Biografie zwischen Vorstadtrat und Präsidentschaftskandidatur
Auf diesem Blog wurden bereits Texte zur französischen Präsidentschaftswahl 2027 publiziert, u.a. über den Politiker Mélenchon der radikal linken Partei „La France Insoumise“ und seine Bezüge zu Robespierre, über Jordan Bardellas zwei Bücher für den rechtsextremen „Rassemblement National“, auch Romane wie Anéantir von Michel Houellebecq und La Matière humaine von John Jefferson Selve. Der folgende Text liest mit Gabriel Attals Buch En homme libre die jüngste Publikation eines der bürgerlichen Kandidaten:
Gabriel Attal, En homme libre, Éditions de l’Observatoire / Terre Neuve Éditeurs, Paris, erschienen am 23. April 2026, rund 400 Seiten.
Als der ehemalige französische Premierminister und heutige Vorsitzende der Präsidentenpartei Renaissance sein Buch vorlegte, blieb offen, ob es sich um ein reines Rechenschaftsbuch nach dem Ende seiner Amtszeit in Matignon handelt oder um die erste Etappe einer Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2027. Die Frage hat sich inzwischen von selbst beantwortet: Am 22. Mai 2026, gut vier Wochen nach Erscheinen des Buches, erklärte Attal in einem Dorf des Aveyron offiziell seine Kandidatur und tritt damit voraussichtlich parteiintern gegen Édouard Philippe an, der seinerseits schon länger seine Kandidatur erklärt hatte. Das Buch lässt sich damit rückblickend als das lesen, wofür es von Beginn an gehalten wurde: als literarisch verkleideter Kandidaturauftakt. Diese Rezension geht der Frage nach, wie sich dieses Doppelgesicht – privates Bekenntnis und politisches Vorprogramm – in Aufbau, Sprache und Inhalt des Buches niederschlägt.
Gabriel Nissim Attal de Couriss wird am 16. März 1989 in Clamart bei Paris geboren. Sein Vater Yves Attal, Rechtsanwalt tunesisch-jüdischer Herkunft, wechselt später in die Filmproduktion; seine Mutter, Marie de Couriss, arbeitet in der Filmbranche und stammt aus einer russisch-orthodoxen Familie, die vor der Oktoberrevolution aus Odessa nach Frankreich floh. Attal besucht die École alsacienne in Paris, studiert an Sciences Po mit Abschluss in Affaires publiques und erwirbt zusätzlich einen Jura-Abschluss an der Universität Panthéon-Assas. Sein politisches Bewusstsein datiert er selbst auf die Demonstration gegen Jean-Marie Le Pen im Frühjahr 2002, an der er mit 13 Jahren teilnimmt. 2017 geht er mit dem Politiker Stéphane Séjourné einen PACS ein; nach einer mehrjährigen Trennung bestätigt er in En homme libre erstmals öffentlich, dass die Beziehung seit 2024 wieder besteht.
Politisch beginnt Attal 2006 in der Sozialistischen Partei, unterstützt 2007 die Präsidentschaftskandidatur Ségolène Royals und arbeitet ab 2012 als Berater und Redenschreiber im Kabinett der Sozial- und Gesundheitsministerin Marisol Touraine. 2014 wird er, begünstigt durch den überraschenden Rückzug des Listenführers, Gemeinderat in Vanves. 2016 verlässt er die Sozialisten und schließt sich Emmanuel Macrons neu gegründeter Bewegung En Marche an; 2017 zieht er für den zehnten Wahlkreis der Hauts-de-Seine in die Nationalversammlung ein.
Im Oktober 2018 wird er mit 29 Jahren Staatssekretär für Jugend – jünger, als es zuvor ein Mitglied einer Regierung der Fünften Republik gewesen war – und verantwortet in dieser Funktion den Aufbau des allgemeinen Jugenddienstes SNU. Von 2020 bis 2022 ist er unter Premierminister Jean Castex Regierungssprecher und erlangt während der Pandemie mediale Bekanntheit, bevor er 2022 Haushaltsminister und 2023 Bildungsminister wird – letzteres Amt geprägt vom Verbot der Abaya an Schulen und der Reform „Choc des savoirs“. Am 9. Januar 2024 ernennt Macron ihn, mit 34 Jahren, zum Premierminister; niemand hatte dieses Amt in der Fünften Republik zuvor in jüngerem Alter angetreten, und er ist der erste offen homosexuelle Amtsinhaber. Nach der von Macron verfügten Auflösung der Nationalversammlung im Juni 2024 und der verlorenen Parlamentswahl übergibt er das Amt am 5. September 2024 an Michel Barnier.
Noch vor seinem Rückzug aus Matignon wird Attal am 13. Juli 2024 zum Vorsitzenden der Fraktion „Ensemble pour la République“ gewählt, im Dezember desselben Jahres zusätzlich zum Generalsekretär der Partei Renaissance, in deren Führung er den bisherigen Amtsinhaber Stéphane Séjourné beerbt. Im Lauf des Jahres 2025 vollzieht er öffentlich eine zunehmende Distanzierung von Macron, markiert unter anderem durch eine Rede in Arras im September 2025 und die Aussage im Oktober desselben Jahres, die Entscheidungen des Präsidenten nicht mehr nachzuvollziehen. Anfang 2026 organisiert er unter dem Titel „Nuits de la Nouvelle République“ eine Reihe von Veranstaltungen im ganzen Land; im März desselben Jahres tritt Renaissance bei den Kommunalwahlen mit einer auf Bündnisse statt eigene Spitzenkandidaturen setzenden Strategie an. Am 23. April 2026 erscheint En homme libre, am 22. Mai 2026 erklärt Attal in einem Dorf im Aveyron offiziell seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2027 und tritt damit gegen Édouard Philippe um die Führung des zentristischen Lagers an – ein internes Rennen, das zum Sommer 2026 offen ist und in dem einzelne Parteigrößen wie Élisabeth Borne bereits öffentlich auf Distanz zu seinem Kurs gegangen sind.
Dramaturgie eines Aufstiegs
En homme libre gliedert sich in fünf Teile, die chronologisch uneinheitlich verlaufen. Statt mit der Geburt zu beginnen, setzt Attal mit der Auflösung der Nationalversammlung im Juni 2024 ein – dem traumatischsten Moment seiner bisherigen Laufbahn. Erst danach folgen die Kindheit und Familie („Mes ancres“), der berufliche Aufstieg durch die Ministerien bis nach Matignon („Action“), private Themen wie Homosexualität, Cybermobbing und Religion („Mes différences“) und schließlich, unter dem Titel „Le chemin de l’espoir“, ein politisches Bekenntnis zu einer „Neuen Republik“. Diese Anordnung folgt weniger der Chronologie eines Lebens als der Dramaturgie einer Erzählung: Krise, Herkunft, Bewährung, Selbstoffenbarung, Ausblick. Der Effekt ist der eines Reifungsromans, der in einem Programm mündet – eine Form, die in der französischen Tradition der „Buchkandidatur“ (von Charles de Gaulles Memoiren bis zu Emmanuel Macrons Révolution von 2016) seit langem eingeübt ist.
Die Auflösung als Ausgangstrauma
Der erste Teil, „Dissolution“, beschreibt die Wochen nach Emmanuel Macrons überraschender Entscheidung vom 9. Juni 2024, die Nationalversammlung nach der verlorenen Europawahl aufzulösen. Die Kapitel „I will survive“, „La nuit du doute“, „Au combat“ und „En apesanteur“ schildern minutiös, wie Attal in jener Nacht nach Souzy-la-Briche flieht, in der Kapelle des Anwesens über einen Rücktritt nachdenkt und sich am folgenden Morgen doch entscheidet, den Wahlkampf zu übernehmen. Die Szene ist literarisch durchkomponiert: der nächtliche Zweifel in der Grabkapelle, der Hund Volta als einziger Zeuge, das Gebet der verstorbenen Schlossherren an der Wand als stilles Menetekel. Politisch enthält der Teil bereits die zentrale These des Buches – dass die Auflösung ein Fehler des Präsidenten war, den Attal loyal mitgetragen, aber nie geteilt hat. Bemerkenswert ist die begriffliche Unterscheidung, die er hier einführt und die später wiederkehrt: Dankbarkeit gegenüber Macron sei etwas anderes als Gefolgschaft; wer beides vermische, verwechsle Politik mit Vasallentum. Der Satz markiert den Punkt, an dem sich die beiden Karrieren – die des Ziehsohns und die des Präsidenten – in der Darstellung zu trennen beginnen.
Herkunft und private Prägungen
Der zweite Teil, „Mes ancres“, ist der autobiografisch dichteste. Das Kapitel über den Vater zeichnet das Porträt eines linken, areligiösen Anwalts und späteren Filmproduzenten jüdischer Herkunft, dessen Spielsucht und Drogenabhängigkeit die Familie über Jahre belastete, der aber zugleich die politische und historische Neugier des Sohnes weckte. Das folgende Kapitel über die Mutter, eine Regisseurin russisch-orthodoxer Herkunft, die nach der Scheidung als Alleinerziehende Fuß fassen musste, funktioniert als Gegenstück: Wo der Vater für Freiheit als Grenzüberschreitung steht, steht die Mutter für Freiheit als Selbstbehauptung durch Arbeit. Die Kapitel zu Nikolaï, dem als Kleinkind adoptierten Cousin, und zu Stéphane Séjourné, seinem Lebenspartner und heutigem Vizepräsidenten der EU-Kommission, öffnen das Buch für ein Thema, das öffentlich bislang nur indirekt behandelt wurde: Attal bestätigt hier erstmals ausdrücklich, dass die Beziehung zu Séjourné nach einer mehrjährigen Trennung wieder aufgenommen wurde und nun offen gelebt wird. Die Kapitel zur Bretagne („L’île aux Moines“) und zur ersten politischen Sozialisation in der Pariser Vorstadt Vanves schließen den Teil mit der Herkunftsgeschichte eines Lokalpolitikers, der über den Umweg der Sozialistischen Partei zu Emmanuel Macrons Bewegung En Marche fand.
Der Weg durch die Institutionen
Der dritte und umfangreichste Teil, „Action“, folgt der Ämterlaufbahn: Staatssekretär für Jugend und der Streit um den Service national universel, Regierungssprecher während der Pandemie, Haushaltsminister in Bercy, Bildungsminister mit der Reform „Choc des savoirs“ und der Debatte um die Abaya, schließlich sechs Monate als Premierminister. Jedes Kapitel folgt demselben Muster: eine konkrete Szene (ein Anruf von Alexis Kohler, ein Fernsehstudio, eine Kabinettssitzung), gefolgt von der politischen Einordnung und einer knappen Bilanz. Auffällig ist, wie systematisch Attal seine eigene Bilanz gegen die seiner Nachfolger absetzt – etwa wenn er beschreibt, wie eine von ihm eingeführte Regel zum Erwerb des Collège-Abschlusses nach seinem Ausscheiden aus dem Bildungsministerium wieder rückgängig gemacht wurde. Das Kapitel „Libre“, das den Übergang von der Regierung zur Parteiführung beschreibt, und das Kapitel „Pas-de-Calais“, das die anhaltende Verbindung zu einer nordfranzösischen Region über Hochwasserkatastrophen, einen Terroranschlag und die Ermordung zweier Justizvollzugsbeamter erzählt, funktionieren als Übergang zum vierten Teil: Sie zeigen einen Politiker, der sich von den Zwängen des Regierungsamtes löst, ohne die Bindung an konkrete Orte und Menschen aufzugeben.
Identität als politisches Argument
Der vierte Teil, „Mes différences“, versammelt drei Themen, die Attal explizit als konstitutiv für seine politische Identität ausweist: das Jugendengagement für die entführte kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt, das offene Bekenntnis zur eigenen Homosexualität samt der Erzählung des eigenen Coming-outs am Sterbebett des Vaters, und die Erfahrung von Cybermobbing in der Schulzeit, die zur politischen Priorität „Kampf gegen Mobbing“ wird. Das Kapitel „Dieu est mort à Auschwitz“ beschreibt die religiöse Zerrissenheit zwischen einem jüdisch-atheistischen Vater und einer christlich-orthodoxen Mutter und mündet in ein Bekenntnis zur Laizität als Ordnung, die Glauben und Unglauben gleichermaßen schützt. Der Teil funktioniert doppelt: als menschliche Selbstoffenbarung und als politisches Argument, das die eigene Biografie zur Legitimation einer bestimmten Position macht – etwa wenn die Erfahrung als Sohn einer alleinerziehenden Mutter zur Begründung familienpolitischer Positionen wird oder das eigene Coming-out zur Begründung einer fortschrittlichen Gesellschaftspolitik bei gleichzeitig autoritärer Ordnungspolitik.
Geschlecht, Sexualität und Gleichberechtigung als durchgehendes Motiv
Das Kapitel „Gay“ benennt die eigene Homosexualität bewusst nüchtern: weder Programm noch Bekenntnis, sondern Tatsache. Attal beschreibt Jahre der Selbstverleugnung, das Coming-out am Sterbebett des Vaters 2015, die Reaktion von Mutter und Schwestern sowie anhaltende Homophobie im Alltag – von Schulmobbing über ein Skyblog bis zu Morddrohungen im Amt. Die Erwähnung seiner Orientierung in der Regierungserklärung 2024 begründet er mit der Symbolwirkung für junge Menschen, nicht mit politischem Kalkül; sein erklärtes Ziel sei, dass sexuelle Orientierung irgendwann „keine Frage mehr“ sei. Männlichkeit wird nirgends eigenständig verhandelt, taucht aber indirekt im Vaterporträt auf – ungebändigte, mit Freiheit gleichgesetzte Lebensform statt Zurückhaltung – sowie als Feindbild, wenn Attal „maskulinistische, der extremen Rechten nahestehende Bewegungen“ als Teil eines weltweiten reaktionären Rückflusses benennt. Die Ehe als Institution bleibt unkommentiert; die eigene PACS-Verbindung mit Stéphane Séjourné wird nicht eigens begründet, und einzig die „Manif pour tous“ gegen die Ehe für alle dient als Beleg für gesellschaftlichen Fortschritt. LGBTQ-Rechte erscheinen durchgehend als erkämpft, aber fragil und gegen einen konservativen Rückschlag zu verteidigen; im Zusammenhang mit Leihmutterschaft plädiert Attal für eine offene, ethische Debatte statt Verdrängung und lässt anklingen, eine Regulierung käme auch schwulen Paaren zugute. „Diversität“ als Begriff kommt kaum vor – das Thema wird stattdessen über die eigene gemischt jüdisch-atheistisch und russisch-orthodoxe Familienbiografie sowie über eine an Laizität gebundene Gleichbehandlung aller Glaubensrichtungen eingeführt, migrationspolitisch dagegen ordnungspolitisch statt kulturell-pluralistisch gerahmt. Am dichtesten ausgearbeitet ist die Gleichberechtigung der Frauen: Mutter und Schwestern liefern mit Erfahrungen von Kündigung während der Mutterschaft, Lohnungleichheit und Angst im öffentlichen Raum die biografische Grundlage für ein explizites feministisches Selbstverständnis, dessen konkreteste politische Frucht die Verfassungsverankerung des Abtreibungsrechts unter Berufung auf Simone Veil und Gisèle Halimi ist. Frauenrechte gelten dem Buch durchweg als historisch erkämpft und zugleich als das, was Extreme zuerst angreifen würden.
Religion und Jüdischkeit als Familienerbe und politisches Thema
Das Kapitel „Dieu est mort à Auschwitz“ macht Religion zu einem Erbstreit zwischen den Eltern: ein jüdisch-atheistischer Vater, der unter Berufung auf Primo Levi wiederholt festhält, Gott sei in Auschwitz gestorben, und eine russisch-orthodoxe Mutter, deren Familie vor der Oktoberrevolution nach Frankreich floh. Attal wird als Kompromiss heimlich orthodox getauft, übernimmt orthodoxe Feiertagsbräuche als kulturelle, nicht als gläubige Praxis und beschreibt sein eigenes Verhältnis zum Glauben als unentschieden – es brauche, so sein Argument, eine besondere Selbstsicherheit, um sich vollständig als Atheist zu bezeichnen. Die jüdische Familiengeschichte wird konkret an zwei Dokumenten festgemacht: der Deportation einer Großtante und dem Vermerk, mit dem seiner Großmutter 1941 nach Abgabe des gelben Sterns die Erfüllung der „Judenzählung“ bescheinigt wurde. Beim Kommentar zu diesem Dokument findet Attal eine seiner seltenen ausdrücklich selbstkritischen Formulierungen über die eigene Nation, wenn er von der „von unserem Land begangenen Schande“ spricht. Aus dieser Familiengeschichte leitet er zwei politische Konsequenzen ab: die eigene Gesetzesinitiative zur postumen Beförderung Alfred Dreyfus‘ zum General und ein wiederkehrendes Engagement gegen Antisemitismus, das er mit eigenen Erfahrungen unterlegt – tägliche judenfeindliche Nachrichten, eine als Schülerin beschimpfte Schwester, eine Statistik, wonach Jüdinnen und Juden ein Prozent der französischen Bevölkerung, aber sechzig Prozent der Opfer religiös motivierter Straftaten stellen. Bei einer Rede vor dem Crif beruft er sich auf Zeugenberichte vom 7. Oktober 2023; bei einem Auftritt an der Sciences Po nach Antisemitismusvorwürfen mahnt er scharf Konsequenzen an. Zugleich bleibt Attal um religiöse Ausgewogenheit bemüht: Er betont den Austausch mit Priestern, Rabbinern und Imamen, verteidigt die Laizität als Schutz für Glauben und Unglauben gleichermaßen und schließt das Kapitel mit einem Zitat François Mitterrands, das seine eigene, offen gehaltene Haltung zusammenfasst – auf die Frage, was er sich von Gott im Jenseits erhoffe, hatte Mitterrand geantwortet, endlich Gewissheit zu haben.
Der programmatische Schluss: Entwurf einer „Neuen Republik“
Der fünfte Teil, „Le chemin de l’espoir“, verlässt die autobiografische Form fast vollständig und geht in eine politische Programmschrift über. Attal beschreibt hier, wie das politische System seit 2017 an einer „Vertikalität“ gescheitert sei, die dem ursprünglichen Versprechen von 2017 widerspreche, und entwirft demgegenüber eine Machtteilung mit Regionen, Sozialpartnern und Bürgern, häufigere Referenden sowie eine neue Definition des Präsidentenamtes als Schiedsrichter statt Mikromanager. Es folgen Kapitel zu Europa und Verteidigung, zur Wirtschafts- und Sozialpolitik (ein neues, kapitalgedecktes Rentensystem, Steuerentlastung der Arbeit, eine an kanadische Punktesysteme angelehnte Migrationsreform nach dem Prinzip der „Arbeitspräferenz“) und zu einer „Neuen Republik der Ordnung“, die harte Antworten auf Drogenkriminalität und Jugendkriminalität mit dem Ausbau individueller Freiheitsrechte – etwa der Verfassungsverankerung des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch – verbindet. Attal betont ausdrücklich, kein „detailliertes Programm“ vorzulegen, sondern nur „Überzeugungen“. Diese Formulierung ist typisch für das Genre: Sie erlaubt es, ein Regierungsprogramm zu skizzieren, ohne die formale Schwelle einer Kandidaturerklärung zu überschreiten – eine Schwelle, die Attal wenige Wochen später ohnehin überschritt.
Schreibstil zwischen Bekenntnisliteratur und Politbericht
Sprachlich bewegt sich das Buch zwischen drei Registern. In den autobiografischen Kapiteln dominiert eine kurze, oft asyndetische Satzform mit hoher emotionaler Dichte – etwa wenn Attal seine Homosexualität in einem einzigen knappen Satz benennt und diesem sofort die Feststellung folgen lässt, dies sei weder Bekenntnis noch Programm, sondern schlicht eine Tatsache. In den Kapiteln zur Amtszeit dominiert die rekonstruierte Dialogszene: Telefonate mit dem Generalsekretär des Élysée, Wortwechsel mit Journalistinnen, kurze, pointierte Repliken, die dem Text eine fast dramaturgische, an politische Sachbücher amerikanischer Prägung erinnernde Struktur geben. In den Schlusskapiteln schließlich wechselt der Ton in einen anaphorischen, rhetorisch verdichteten Programmstil, der wiederholt mit Formeln wie „Ich bin und bleibe überzeugt“ arbeitet. Auffällig ist außerdem eine rhetorische Figur, die sich durch das gesamte Buch zieht: das eingestandene eigene Fehlverhalten, das im selben Atemzug relativiert wird – Attal räumt etwa ein, seine Abschiedsrede in Matignon sei zu lang geraten, oder er habe seinen Widerstand gegen Steuererhöhungen unter Michel Barnier zu offen artikuliert. Solche Selbstkorrekturen erzeugen einen Eindruck von Aufrichtigkeit, funktionieren aber zugleich als kontrollierte Zugeständnisse, die größere Konfliktlinien – etwa das Zerwürfnis mit Macron – unangetastet lassen. Durchgängig ist zudem ein kämpferisches Vokabular: Politik erscheint als „combat“, als etwas, das man „mène“ oder in dem man sich „engoncé“ nicht verlieren darf. Dieses martialische Register korrespondiert mit dem inhaltlichen Schwerpunkt auf Ordnung, Autorität und Entschlossenheit.
Ein Politikverständnis zwischen Pragmatismus und Autorität
Das Politikverständnis, das aus dem Buch hervorgeht, lässt sich als Fortschreibung der ursprünglichen macronistischen Diagnose von 2017 lesen, verbunden mit einer Korrektur ihrer Praxis. Attal übernimmt die Grundthese, wonach die Links-rechts-Spaltung überholt sei und Politik sich stattdessen an konkretem Handeln statt an Lagerzugehörigkeit orientieren müsse – eine Haltung, die er als „faire“ statt „être“ beschreibt, als Tun statt Positionieren. Gleichzeitig wird Autorität durchgängig als Voraussetzung von Freiheit begriffen, nicht als deren Gegenteil: In der Bildungspolitik, der Migrationspolitik und der Sicherheitspolitik erscheint staatliche Festigkeit als Bedingung dafür, dass der Einzelne über sein Leben bestimmen kann. Diese Verbindung von wirtschaftsliberalen und gesellschaftlich progressiven Positionen (Feminismus, Rechte für Homosexuelle, Verfassungsschutz des Abtreibungsrechts) mit einer autoritär-ordnungspolitischen Grundhaltung in Fragen von Schule, Sicherheit und Einwanderung entspricht der Ausrichtung, die der Makronismus in seiner zweiten Amtszeit genommen hat, wird hier aber als kohärentes, aus persönlicher Erfahrung abgeleitetes Weltbild präsentiert statt als politische Anpassung. Politik wird zudem konsequent moralisiert: Der wiederkehrende Gegensatz zwischen „Aufrichtigkeit“ und „Schauspiel“, zwischen echten Überzeugungen und bloßen „Posturen“, macht die eigene Person – ihre angebliche Offenheit, ihr angebliches Fehlen von Berechnung – selbst zum politischen Argument. Ob diese Selbstdarstellung der Praxis entspricht, wird von Kritikern durchaus infrage gestellt; das kritische Onlinemagazin Projet Arcadie etwa hat nach Erscheinen mehrere im Buch geschilderte Episoden auf ihre Stichhaltigkeit hin geprüft und dabei Zweifel an einzelnen Anekdoten geäußert, ohne dass diese Vorwürfe bislang unabhängig bestätigt wurden.
Der doppelte Gegner: Haltung zu radikaler Linker und extremer Rechter
Gegenüber La France Insoumise fällt der Ton im Buch durchgehend scharf aus: Attal wirft der Partei vor, Islam und Islamismus gleichzusetzen, Gewalt zur parlamentarischen Praxis gemacht und die Ereignisse des 7. Oktober 2023 relativiert zu haben, und erwähnt mehrfach, von ihren Vertretern als „Komplize eines Völkermords“ bezeichnet worden zu sein, weil er nach Israel gereist war. LFI wird ausdrücklich auf eine Stufe mit dem Rassemblement National gestellt – beide seien „zwei Seiten derselben Münze“ und stünden in einer „objektiven Allianz“, weil jede Partei von der Stärke der anderen profitiere. Zugleich grenzt Attal diese Ablehnung auf den insoumis-Flügel ein: Seine eigene Herkunft verortet er in einem reformerischen, wirtschaftsfreundlichen Sozialismus – Vorbilder sind Dominique Strauss-Kahn, Manuel Valls, Ségolène Royal und seine Mentorin Marisol Touraine –, während die gemäßigte Linke (Sozialisten, Raphaël Glucksmann) nicht als Feind, sondern als Partei erscheint, die sich unglücklich in eine Abhängigkeit von LFI hat hineinziehen lassen.
Der Rassemblement National wiederum wird als Gefahr behandelt, die bis zur eigenen politischen Sozialisation zurückreicht – sein erstes politisches Erlebnis war die Demonstration gegen Jean-Marie Le Pen 2002. Attal wirft der Partei wiederholte Positionswechsel vor (Kehrtwenden bei Putin und bei Trump), rassistische und antisemitische Kandidaturen sowie fehlende inhaltliche Substanz hinter Jordan Bardellas glatter Auftrittsform. Bemerkenswert ist eine Differenzierung: Die Führung wird scharf kritisiert, den Wählerinnen und Wählern der Partei dagegen wird ausdrücklich keine moralische Schuld zugewiesen, da die Aufgabe der Politik sei, zu überzeugen statt zu belehren. Aus beiden Frontstellungen leitet Attal die Wahlstrategie von 2024 ab: ein „dritter Block“ zwischen extremer Rechter und einem von LFI geführten Linksblock, mit Rückzug eigener Kandidaten im zweiten Wahlgang gegen den Rassemblement National, aber ohne eine vergleichbare Bündnisfähigkeit mit LFI – eine asymmetrische Haltung, die beide Ränder als Gefahr für die Republik einstuft, den „Cordon sanitaire“ aber nur gegenüber der extremen Rechten für anwendbar hält.
Was der Buchtitel bedeutet
Der Titel En homme libre – „als freier Mann“ – trägt im Buch mehrere Bedeutungsebenen, die sich erst im Zusammenspiel erschließen. Wörtlich stammt die Formulierung aus der Schlussszene des dritten Teils: Attal beschreibt, wie er am 5. September 2024 das Tor von Matignon „als freier Mann, vollkommen frei“ durchschreitet, nachdem seine Regierung durch die Ernennung Michel Barniers abgelöst wurde. In diesem engen Sinn bezeichnet der Titel die Befreiung von den Zwängen eines Regierungsamtes und, implizit, von der Kontrolle des Präsidenten. Zweitens ist Freiheit im Buch der zentrale politische Wert überhaupt: Das dem Hauptteil vorangestellte Kapitel „Liberté“ erklärt sie zum Leitmotiv seines gesamten Engagements und ordnet sie – unter Berufung auf die Reihenfolge des republikanischen Wahlspruchs – der Gleichheit ausdrücklich vor. Drittens ist der Titel ein Familienerbe: Freiheit erscheint als das, was der areligiöse, unangepasste Vater und die sich gegen ihre konservative Familie emanzipierende Mutter dem Sohn je auf ihre Weise vermittelt haben. Viertens schließlich trägt der Titel eine intime Bedeutung, die das Buch selbst als Akt der Befreiung inszeniert: das öffentliche, unumwundene Bekenntnis zur eigenen Homosexualität und zur wiederaufgenommenen Beziehung mit Stéphane Séjourné, nachdem beides zuvor nur indirekt bekannt war. Der Titel funktioniert damit als Klammer zwischen privater Selbstoffenbarung, familiärer Prägung und politischem Programm – und stellt zugleich die Weichen für die Selbstinszenierung des Autors als jemand, der sich, anders als seine Konkurrenten, von keiner Partei- oder Präsidentenloyalität mehr einengen lässt.
Nähe und Bruch: das Verhältnis zu Macron
Attals Darstellung Emmanuel Macrons ist durchgehend zweischichtig. Auf der einen Seite steht eine Sprache der Dankbarkeit und des Respekts: Attal betont, er habe nie zum engsten Kreis des Präsidenten gehört, ihn erst nach seinem Regierungseintritt 2018 persönlich kennengelernt und sich stets als „Militant“ verstanden, nicht als Vertrauter. Er übernimmt ausdrücklich die von Macron formulierte Diagnose von 2017, wonach die überkommenen politischen Lager überwunden werden müssten, und zählt die Erfolge der ersten Amtszeit – Rückgang der Massenarbeitslosigkeit, Ausbau der Polizei, Wiederwahl 2022 – zu einer gemeinsamen Bilanz, zu der er sich bekennt. Auf der anderen Seite zieht sich durch das Buch eine zunehmend explizite Distanzierung von der Ausübung der Macht durch den Präsidenten. Bereits 2018 habe ihn der Élysée-Palast gezwungen, eine aussichtsreiche Kandidatur für den Fraktionsvorsitz zurückzuziehen; 2024, nach der Auflösung, habe Macron seine erneute Kandidatur für denselben Posten offen zu verhindern versucht. Die Auflösung selbst wird als „Bruch“ bezeichnet, der die Beziehung zwischen beiden dauerhaft verändert habe – eine Formulierung, die Attal selbst als Wasserscheide markiert („es gab für mich ein Davor und ein Danach“). Am deutlichsten wird die Distanzierung im Kapitel zur Machtausübung im fünften Teil, wo die unter Macron zum Markenzeichen gewordene „jupiterianische“, von oben herab regierende Praxis explizit als Verrat am Versprechen von 2017 kritisiert wird – während Attal sich selbst als denjenigen positioniert, der diese Praxis korrigieren will, ohne die zugrunde liegende Diagnose zu verwerfen. Diese Konstruktion – Dankbarkeit gegenüber der Person und dem Amt, Kritik an dessen Ausübung – ist eine klassische Strategie designierter Nachfolger, die sich zugleich als Erben und als Korrektiv präsentieren wollen. Dass Attal in der öffentlichen Wahrnehmung mitunter als „Klon“ Macrons bezeichnet wird, macht diese Distanzierungsarbeit für seine Kandidatur besonders bedeutsam.
Die im Buch entwickelte Zukunftsperspektive
Die im fünften Teil entfaltete Zukunftsperspektive trägt den Namen „Nouvelle République“ und wird explizit mit der Nachkriegsgründung der Fünften Republik verglichen: So wie 1945 ein neues Gesellschaftsmodell auf den Trümmern des Krieges habe entstehen müssen, müsse angesichts von Alterung, Klimawandel, künstlicher Intelligenz und geopolitischer Instabilität ein neues Modell entworfen werden, anstatt das bestehende nur in Parametern anzupassen. Konkret umfasst der Entwurf: eine Dezentralisierung mit mehr fiskalischer und rechtlicher Autonomie für Regionen und Kommunen; eine Stärkung der Sozialpartner und häufigere Referenden auf nationaler wie lokaler Ebene; eine Neudefinition des Präsidentenamtes als Schiedsinstanz statt Akteur der Innenpolitik; eine Arbeitsmarktreform, die Arbeit gegenüber Nichterwerbstätigkeit steuerlich begünstigt; ein neues, von starren Altersgrenzen gelöstes Rentensystem mit einer Kapitaldeckungssäule; eine Vereinfachung des Verwaltungs- und Baurechts nach dem Vorbild der Olympia-Infrastruktur; eine Migrationspolitik nach dem Prinzip der Arbeitsmarktorientierung mit einem an das kanadische Punktesystem angelehnten Verfahren; eine als „populär“ bezeichnete Ökologie, die technologische Lösungen (Elektromobilität, kohlenstoffarme Luftfahrt, Kernenergie, künstliche Intelligenz) gegenüber Verzicht und Wachstumskritik bevorzugt; sowie eine sicherheitspolitische Kehrtwende mit einem konsequenten Vorgehen gegen Drogenhandel und einer Reform des Jugendstrafrechts. Europapolitisch plädiert Attal für ein „Europa als Macht“ mit eigener Verteidigungsfähigkeit. Bezeichnend ist, dass all dies ausdrücklich nicht als „Programm“ bezeichnet wird, sondern als Summe von „Überzeugungen“ – eine Formulierung, die dem Text erlaubt, wie ein Regierungsprogramm zu funktionieren, ohne formal eine Kandidatur zu verkünden. Genau diese Schwelle hat Attal, wie eingangs erwähnt, wenige Wochen nach Erscheinen des Buches überschritten.
Deutschland, Europa und die Vereinigten Staaten in der außenpolitischen Erzählung
Der zweite Abschnitt des fünften Teils, „Notre monde“, widmet sich dem Verhältnis zu Deutschland, zu Europa und zu den Vereinigten Staaten und liefert damit die außenpolitische Ergänzung zum innenpolitischen Programm. Den ersten Auslandsbesuch als Premierminister habe er bewusst nach Berlin gelegt, um das Ausmaß der deutsch-französischen Entfremdung selbst zu prüfen; das Gespräch mit Olaf Scholz beschreibt er als Aneinanderreihung von Absagen bei Kernenergie, dem Mercosur-Abkommen, einer europäischen Verteidigungsindustrie und gemeinsamen Eurobonds. Daraus leitet Attal zwei Überzeugungen ab: Europa dürfe nicht auf die Einstimmigkeit aller 27 Mitgliedstaaten warten, sondern solle in wechselnden Koalitionen der Willigen vorangehen, und Frankreich müsse sich, gestützt auf seine Atomwaffe, als eigenständige „mittlere Macht“ verstehen statt sich allein auf die deutsch-französische Achse zu verlassen. Programmatisch mündet das in die Formel einer „Europe puissance“: Kapitalmarktunion, europäische Präferenz bei öffentlichen Aufträgen, Technologietransferpflichten für ausländische Unternehmen und eine gestärkte demokratische Legitimation der EU-Kommission durch Direktwahl ihres Präsidenten oder ihrer Präsidentin.
Gegenüber den Vereinigten Staaten schlägt der Ton merklich um. Attal bezeichnet sich als „radikalen Realisten“: Werte ließen sich nur mit Macht durchsetzen, und Europa habe sich bislang als einziger Akteur an Regeln gehalten, während die USA und China sie nach Belieben brechen – belegt am amerikanisch aufgezwungenen Handelsabkommen, der fehlenden Vorabinformation der Europäer über einen amerikanischen Militärschlag im Iran sowie an Trumps Vorgehen in Venezuela und seinen Ambitionen auf Grönland. Als Konsequenz fordert er eine „Spiegel-Diplomatie“, die Regeln nur noch gegenüber denen respektiert, die sie selbst respektieren, sowie eine neue, wertegebundene Allianz aus EU, Kanada, Großbritannien, Norwegen, Japan, Südkorea und Australien anstelle einer als überholt beschriebenen UNO. Die NATO selbst stellt er nicht infrage – Frankreich tritt im Buch als Rahmennation für den Einsatz in Rumänien auf –, wohl aber die Verlässlichkeit des amerikanischen Schutzversprechens; daraus entsteht die Idee, den amerikanischen durch einen französischen nuklearen Schutzschirm für Europa zu ergänzen, gestützt auf die Rolle Frankreichs als einzige Atommacht der Union. Abgerundet wird das außenpolitische Selbstbild durch die fortgesetzte Unterstützung der Ukraine nach dem Ende der Regierungszeit, mehrere Reisen nach Kiew und Treffen mit Selenskyj, sowie durch die Aufwertung der Frankophonie, etwa in der im Buch wiedergegebenen Rede vor dem Parlament von Québec, als kulturelle Ergänzung der machtpolitischen Ambition.
Sprache, Geschichte und Kultur als Identitätsreserve
Zur französischen Sprache selbst äußert sich Attal kaum grundsätzlich – am ausführlichsten in seiner Rede vor dem Parlament von Québec, wo er die Frankophonie als Wertegemeinschaft beschreibt, nicht nur als geteilte Sprache: Ein Rückgang des Französischen in der Welt schwäche eine bestimmte Sicht auf den Menschen. Sonst taucht Sprache nur instrumentell auf, als eines von drei Kriterien seines vorgeschlagenen Punktesystems für Aufenthaltstitel. Geschichte erscheint durchgehend biografisch vermittelt statt eigenständig reflektiert: Napoleon als Kindheitslektüre des Vaters, bewundert wegen seiner Willenskraft, nicht diskutiert als Herrscher eines Kaiserreichs; die Dreyfus-Affäre über eine Familienanekdote eingebunden und in eine eigene Gesetzesinitiative zur postumen Beförderung Dreyfus‘ übersetzt. Eine seltene explizite Selbstkritik an der eigenen Nation findet sich beim Judenstern-Dokument der Großmutter, das Attal als Erinnerung an „die von unserem Land begangene Schande“ kommentiert. Programmatisch dient die Nachkriegsgründung von 1945 – das Sozialmodell des Conseil National de la Résistance – als Referenz für die eigene „Nouvelle République“: Frankreich als Land, das sich nach Krisen wiederholt neu erfindet. Kultur wird vor allem über kirchliches Erbe gefasst – Kathedralenbesuche, „jüdisch-christliche Wurzeln“ bei gleichzeitigem Bekenntnis zur Laizität – und über die „grands projets“ (Kernkraft, TGV, Olympia-Infrastruktur, Wiederaufbau von Notre-Dame) als Ausdruck kollektiven Ehrgeizes; Landschaft und Tourismus gelten als Wert, aber ausdrücklich als unzureichende wirtschaftliche Grundlage.
Auffällig ist, was in diesem Zusammenhang fehlt: Kolonialismus, Sklaverei oder Dekolonisierung kommen im gesamten Text nicht vor. Die einzige substanzielle Berührung mit einem ehemals kolonialen Gebiet ist Neukaledonien, behandelt ausschließlich als Sicherheits- und Ordnungsfrage – Unabhängigkeitsbefürworter gegen Loyalisten, die Geiselnahme von Ouvéa 1988, drei Unabhängigkeitsreferenden, die Unruhen 2024, das Autonomieabkommen von Bougival –, nicht als historische Auseinandersetzung mit der Legitimität französischer Herrschaft; die Übersee-Gebiete insgesamt erscheinen vor allem als strategischer und wirtschaftlicher Vorteil. Diese verwaltungspragmatische Rahmung steht im Kontrast zur expliziten moralischen Sprache, die Attal für die Judenverfolgung unter Vichy findet. Migration wiederum wird durchgehend als Frage der Steuerung behandelt, nicht der Integration: „Nullzuwanderung“ wird als weder möglich noch wünschenswert verworfen, stattdessen soll ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild – gestützt auf Beschäftigung, Sprachkenntnisse und Einhaltung republikanischer Prinzipien – über Aufenthaltstitel entscheiden, während Sozialpartner den Arbeitsmarktbedarf ermitteln und das Parlament daraus Quoten beschließt. Als Haushaltsminister habe er bereits in diese Richtung gehandelt, etwa mit koordinierten Zollkontrollen gegen Schmuggel und schärferer Prüfung, dass Sozialleistungen nur an tatsächlich in Frankreich ansässige Personen gehen; schon vor der Auflösung 2024 hatte er Macron zudem ein eigenes Referendum zur Migrationsfrage vorgeschlagen.
Vom Signal zur erklärten Kandidatur
En homme libre lässt sich damit auf mehreren Ebenen gleichzeitig lesen: als aufrichtig wirkendes, stellenweise bewegendes Bekenntnisbuch über Herkunft, Verlust, sexuelle Identität und die Belastungen politischer Ämter; als Rechtfertigungsschrift, die eigene Fehler zwar benennt, aber stets so, dass die grundsätzliche Legitimität der eigenen Laufbahn unangetastet bleibt; und als politisches Vorprogramm, das die Erzählung der eigenen Biografie – lokale Verankerung, Ministerämter, Regierungschef mit 34 Jahren – als Qualifikationsnachweis für das höchste Amt der Republik inszeniert, ohne dies offen auszusprechen. Die Vermarktung des Buches war dabei nicht frei von Reibungen: Eine von der Partei Renaissance verbreitete, mit KI-generierten Bildern angeblich prominenter Fürsprecher versehene Werbekampagne musste nach öffentlicher Kritik zurückgezogen werden, was zusätzliche Fragen zur Kommunikationsstrategie um das Buch aufwarf. Mit der offiziellen Kandidaturerklärung vom 22. Mai 2026 und der seither offen ausgetragenen parteiinternen Konkurrenz zu Édouard Philippe ist die anfängliche Vieldeutigkeit des Buches aufgelöst: Was als Signal gelesen werden konnte, ist inzwischen ausgesprochene Absicht. Für die Lektüre bedeutet das, dass En homme libre rückblickend weniger als Bilanz eines abgeschlossenen Kapitels erscheint denn als das erste, literarisch aufwendig gestaltete Kapitel eines neuen.
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