Drieu la Rochelle als Antisemit auf dem Papier: Liebe und Kollaboration bei Jean-Noël Orengo

Jean-Noël Orengos Roman „La Rédemption“ (2026) erzählt, wie sich die großbürgerliche, jüdischstämmige Colette Jéramec und der mittellose Schriftsteller Pierre Drieu la Rochelle vor 1914 kennenlernen, heiraten, sich 1921 scheiden lassen und dennoch verbunden bleiben, bis Pierre, inzwischen Kollaborateur und Ideologe eines „faschistischen Sozialismus“, 1943 über sein eigenes Netzwerk aus deutschen Funktionären die Freilassung Colettes und ihrer beiden Söhne aus Gestapo-Haft erwirkt, ihr bis zu seinem Suizid 1945 nahebleibt und am Ende selbst von ihr gepflegt und beerdigt wird. Der Aufsatz liest diesen Stoff nicht als moralisches Rechenexempel, sondern zeigt, wie der Roman auf jeder Ebene der Narration dieselbe Grundfigur durchspielt: die Unmöglichkeit, eine private Liebesgeschichte von der kollektiven Schuld ihrer Zeit zu trennen, ohne die eine der anderen zu opfern. Ausgehend von einer selbstkritischen Reflexion der eigenen, deutschen Leseposition verfolgt die Argumentation, wie sich diese Spannung in Orengos offener, quellenkritischer Erzählweise niederschlägt, in der Konfrontation von Colettes bürokratisch zugeschriebener und durch Pierre nie klar bestimmter Jüdischkeit, im ambivalenten Bild Deutschlands als Projektionsfläche und Vernichtungsapparat sowie im Kontrast zu Drieus eigenem Roman „Gilles“, dessen ästhetisierter Opfertod im Spanischen Bürgerkrieg durch die medizinisch nüchternen, von Colette begleiteten Suizidversuche des realen Pierre bei Orengo gezielt entzaubert wird. Zuletzt zeigt der Aufsatz, gestützt auf Zeugnisse aus dem Cahier de l’Herne, wie sich Orengos Formel vom „Antisemiten auf dem Papier“ in zeitgenössischen Quellen wiederfindet, und liest den Roman als bewusst offenes, politisch nach beiden Seiten lesbares Werk, das seine eigene Ambivalenz zum Erkenntnisverfahren erhebt.

➙ Zum Artikel

Der Schriftsteller zu Pferde und die Krise der Dialektik: Pierre Drieu la Rochelle

Années noires

Pierre Drieu la Rochelle ist eine zutiefst widersprüchliche Figur der Literaturgeschichte, dessen Werk oft ideologisch blockiert rezipiert wurde. Er war ein produktiver Autor von Theaterstücken, Novellen, Gedichten, Romanen, Essays und journalistischen Beiträgen. Biografisch ist festzuhalten, dass Drieu einerseits ab den 1930er Jahren zu einem einflussreichen Fürsprecher des französischen Faschismus sowie einem Protagonisten der intellektuellen Kollaboration wurde. Andererseits heiratete er in erster Ehe eine jüdische Frau, liebäugelte nie aufhörend mit dem Kommunismus und nutzte seine Verbindungen zur Deutschen Botschaft, um nahestehende Freunde wie Jean Paulhan vor Verfolgung zu schützen. Seine ästhetische Qualität ist unumstritten, wobei die Beurteilung seines Schaffens stets eng mit seiner politischen und moralischen Kompromittierung verbunden ist. In Drieus Werk zeigt sich eine tiefe Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit, die von alternierendem Selbst- und Fremdhass sowie Kriegsphantasien geprägt ist.

Andreas Geislers wissenschaftliches Vorhaben, festgehalten in der Monographie L’écrivain à cheval: das Erzählwerk Pierre Drieu la Rochelles zwischen Moderne, Antimoderne und Postmoderne (Brill Fink, 2024), zielt auf eine umfassende Neulektüre von Pierre Drieu la Rochelles Prosa. Das Kernanliegen der Arbeit ist es, das Werk und den Menschen Drieu la Rochelle in ein sorgfältig abgewogenes Verhältnis zu bringen und so diejenigen Schichten sichtbar zu machen, die bisher hinter der Dominanz der biografischen und politischen Verortung des Autors verborgen blieben. Geislers Arbeit wurde an der Universität Bonn angefertigt. Der Anstoß für die Arbeit entstand in einem Seminar an der Universität Heidelberg, wo Catherine Péant Geislers Interesse für die widersprüchliche Literaturproduktion der années noires weckte. Paul Geyer, der Betreuer der Arbeit in Bonn, stellte auch den Kontakt zu Jean-François Louette an der Sorbonne her.

Weiterlesen

Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.