Gehorsam als Revolte: Disziplin, Ritual und Selbstverlust bei Andrea Oriente

Andrea Orientes Roman „La nostra giovinezza“ (Sellerio 2026) erzählt in fünfzehn Monaten und einem Prolog, wie ein Schüler in eine neofaschistische Jugendsektion eintritt, um der Leere seines Alltags zu entkommen, und dort Liegestütze zählen, Symbole auswendig lernen und Verrat bestrafen lernt, bis er sich dem Freund und Mentor als Austrittswilliger offenbart und selbst geschlagen und verstoßen wird. Der Aufsatz liest das Buch als Roman über Gehorsam, nicht über Überzeugung: Die Gruppe nennt sich rebellisch und baut ein System aus Zeitplan, Rangordnung und Strafe, das den Neuling enger bindet als die Schule, aus der er flieht. Die Argumentation stützt sich auf vier Beobachtungen. Erstens kehrt der Roman die Logik des Initiationsromans um, denn die Schwelle des Anfangs wird am Ende in Gegenrichtung ein zweites Mal überschritten, mit fast wortgleichen Sätzen. Zweitens wird Ideologie nicht argumentiert, sondern über Räume, Körperhaltungen und Zählrituale eingeübt. Drittens ahmt die Form, mit Präsens, Ich-Perspektive, Befehlssyntax und eingeschobenen Wir-Passagen, den Mechanismus nach, den sie ausstellt, und lässt die Lesenden beim ersten Mitlachen die eigene Zustimmung bemerken. Viertens bindet das Feindbild die Gruppe und wird nach innen gewendet, bis jeder Zweifel als Gegner gilt. Ob das Schlusswort „solo libero“ eine Befreiung oder bloß eine Leerstelle meint, lässt der Roman offen, und der Aufsatz hält diese Offenheit als Ergebnis fest.

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Zwei Dichter in Umbruchszeiten: Franziska Meier über Boccaccio und Dante

Franziska Meier zeigt in ihrem Boccaccio-Buch einen Dichter, dessen Leben fast nur in Randspuren greifbar ist, und liest diese Spuren mit Quellenkritik: Selbstaussagen gelten als Stilisierung, Handschriften als Argumente, und das alte Bekehrungsmodell vom heiteren Erzähler zum reuigen Humanisten weicht dem Bild eines Autors, der den Umbruch des 14. Jahrhunderts, von der Pest bis zum Wandel der Dichtungssprache, mit Form, selbstgesetzter Ordnung und Archivarbeit beantwortet. Wie genau sie dabei arbeitet, zeigt sich an der Pestbeschreibung: Die zwei Schweine, die an den Lumpen eines Pesttoten verenden, erscheinen bei ihr als Argument für die durchlässige Grenze zwischen Mensch und Tier und für ein Menschenbild, das ins Wanken gerät. Boccaccios Bezüge zu Dante, als Kopist, Biograph, Kommentator und Kritiker, führen zu drei Dante-Büchern von Meier, die den Dichter ebenfalls von außen und dennoch genau befragen. Das Einführungsbändchen von 2018 stellt der kanonischen Biographie historische Rekonstruktionen gegenüber, etwa einen Ehevertrag, den der erst zwölfjährige Dante nach kanonischem Recht gar nicht hätte schließen dürfen, und ein Verbannungsverfahren, das ihn in die Nähe gemeiner Krimineller rückte. „Besuch in der Hölle“ (2021) schreibt die Rezeption der Komödie als Gesamtgeschichte über 700 Jahre, von den Handschriftenwerkstätten des Trecento über den Florentiner Stadtpatron und die Midlife-Crisis-Deutung bis zu den Höllenvergleichen in den Lagern und der Frage, ob Dante ein Gedicht für alle sei. Der von Meier herausgegebene Sammelband zum „Convivio“ (2018) löst Dantes erstes Exilwerk aus der Vorgeschichte der Komödie und liest es als Versuch eines Neuanfangs, den Meier in ihrem eigenen Beitrag an der Verteidigung des Volgare im ersten Traktat zeigt. So entsteht ein Dante ohne Gewissheitsgarantie: historischer, offener und stärker von seinen Lesern geprägt, als die kanonische Erzählung wollte, und ein Boccaccio, dessen Dante-Bild als Konstruktion erkennbar wird.

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Das Leben aus zweiter Hand: Übersetzen bei Dario Ferrari

Dario Ferraris Roman „L’idiota di famiglia“ (Sellerio, 2026) erzählt, wie der Übersetzer Igor Nieri im Frühjahr 2023 aus Rom in seine Heimatstadt Viareggio zurückkehrt, um gemeinsam mit seiner Schwester Ester den an Demenz erkrankten Vater, einen pensionierten Philosophielehrer und überzeugten Kommunisten, zu pflegen. Während die Beziehung zu seiner Partnerin Marta, einer erfolgreichen feministischen Autorin, zerbricht und ein öffentlicher Boykottaufruf gegen den von ihm übersetzten Schriftsteller Badwalds seine Berufsehre berührt, entziffert Igor die handschriftlichen Notizen des Vaters zu einer Novelle über die Räterepublik von Viareggio im Mai 1920, deren anarchistischer Held Idargo ihm als verschlüsselte Botschaft erscheint. Der Aufsatz liest diese Konstruktion als Roman der Stellvertretung und entwickelt seine Deutung in vier Schritten: Zunächst zeigt er, dass die Demenz als Poetik wirkt, weil sie dem Vater die Selbstzensur nimmt, die Literatur in seinem Gedächtnis aber unversehrt lässt; sodann erkennt er im Übersetzerberuf das Erzählprinzip des Ich-Erzählers, dessen Ideal der Selbstauslöschung am eigenen Erzählen scheitert und dadurch autopoetologisch fruchtbar wird; drittens bezieht er Geschlechterrollen, Pflegearbeit und Verlagssatire auf die Rahmenhandlung und die Binnenerzählung auf die Rahmenhandlung zurück, sodass Komik und historische Satire als zwei Spiegelungen derselben Familienkonstellation erscheinen; schließlich liest er den Vergleich von Romananfang und Romanschluss als Verschiebung vom Wort zum Ding, die Igors Hoffnung auf die Rolle des Protagonisten widerlegt und ihn auf die des Abschreibers verweist. Die These des Aufsatzes lautet, dass der Titel einen doppelten Sinn trägt, bei Dostojewski den schutzlos guten Menschen, bei Sartre das Kind, das in der Sprache Zuflucht sucht, und dass Ferrari beides auf ein Verfahren bezieht, in dem Treue gegenüber dem Anderen nur als Übertragung möglich ist, nie als Besitz.

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Leere Räume, volle Bilder: Vincenzo Latronicos Deutschlandromane im Vergleich

Vincenzo Latronico erzählt in „Le perfezioni“ (2022), „La chiave di Berlino“ (2023) und „Una splendida rovina“ (2026) von Menschen, die nach Berlin kommen, um in einer Stadt voller Leerstellen ein Leben nach eigenem Entwurf zu führen. Ein Paar richtet eine Wohnung ein, die auf Fotos vollkommen aussieht und gerade deshalb unbewohnbar wird. Der Essay beschreibt aus eigener Erfahrung das Tempelhofer Feld, den Berliner Lockdown und die Entzauberung eines Mythos. Der jüngste Roman schickt seine Figuren in eine DDR-Ruine, unter deren Boden Schutt und Asbest liegen. Der Aufsatz liest die drei Bücher kontrastiv und folgt einer These: Die Leere, die diese Generation als Freiheit sucht, ist von der Geschichte geleert und vom Markt neu besetzt. Er entwickelt sie in sechs Schritten. Zuerst fragt er nach dem Verhältnis von Raum und Geschichte, dann nach dem Vorrang des Bildes vor dem gelebten Leben. Es folgen die unterschiedlichen Erzählhaltungen, nämlich der Imperfekt-Ton in der Nachfolge Perecs, die Konstellationen des jüngsten Romans in der Tradition Kunderas und die Absage an jede Teleologie in der Coda des Essays. Danach behandelt er Arbeit und Gemeinschaft. Das Deutschland dieser Romane ist ein Land, in dem Italiener eine Wohnung für 118 Euro pro Tag vermieten, weil sie selbst nicht darin leben können, und in einer DDR-Ruine ihre Freiheit suchen, unter deren Boden noch der Asbest liegt. Wer aus Italien kommt, um hier ein Leben nach eigenem Entwurf zu beginnen, findet keinen leeren Raum, sondern einen, den die Geschichte hinterlassen und der Markt längst wieder vermietet hat.

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Republik der Gelehrten: Jena, Thüringen und die deutsche Innerlichkeit bei Alberto Rollo

Alberto Rollos Roman „Le attitudini“ (Neri Pozza, 2026) lässt einen italienischen Professor den Briefwechsel zweier Menschen rekonstruieren, die sich 1793 in Neapel begegnen: Marianna Di Dio, genannt Nenna, eine Waise aus dem Salento, die im Haus des britischen Gesandten Hamilton lesen, singen und Sprachen lernt, und Bruno Röder, ein Student aus Fliederoda, der in Jena zwischen Fichte, Schiller, den Brüdern Schlegel und Novalis seinen Platz sucht. Sie sehen sich nicht wieder. Bruno erkrankt an der Lunge und stirbt 1803, bevor er Ancona erreicht, wo man sich treffen wollte, und was danach geschah, füllt der Professor mit Vermutungen, während sein eigener Sohn vor Gericht steht. Der Aufsatz liest dieses Buch als Erzählung über Deutschland und entwickelt seine Deutung in fünf Schritten: Jena erscheint als Gelehrtenrepublik, die den fehlenden Nationalstaat ersetzt; pietistische Innerlichkeit und kaufmännischer Zweckverstand wachsen in derselben Familie; die deutsche Italiensehnsucht wird von einer Italienerin umgekehrt, die den Norden zurückliest; dem Heiligenkult um Novalis steht das Leben unbekannter Zeitgenossen gegenüber; und die Lücken der Überlieferung, geprägt von Bomben, Zufall und Nachlässigkeit, bilden die Gedächtnisform eines Landes, das sich aus Resten erinnert. Aus diesen Schritten folgt die These, dass Rollo die Epoche als Haltung beschreibt und nicht als Staat, als eine Haltung, die zugleich echt und inszeniert ist und an Napoleon, an der Restauration und am Geschäftssinn der eigenen Verwandtschaft scheitert, sich aber als Geste weitergeben lässt. Die Stärke der Argumentation liegt darin, dass sie die Verklärung, die der Stoff nahelegt, am Text selbst prüft und mit den Vettern, den Quellenlücken und Mariannas Selbstbehauptung gegenliest.

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Was nach dem Brand bleibt: Michele Ruol

Michele Ruols Roman „Inventario di quel che resta dopo che la foresta brucia“ (2024) erzählt vom Tod zweier Brüder bei einem Autounfall und von den achtzehn Jahren danach, in denen ihre Eltern, im Text nur Madre und Padre genannt, einander kaum erreichen. Das Buch ist als Verzeichnis angelegt: Neunundneunzig nummerierte Gegenstände, geordnet nach den Räumen eines Hauses und später eines Autos, rufen je eine kurze Geschichte auf, aus der sich Ehe, Elternschaft, Trauer und ein zäher Zivilprozess um die Schuldfrage zusammensetzen. Der Aufsatz geht von der These aus, dass diese Katalogform das fehlende Gespräch der Figuren ersetzt und dass der Roman damit eine Gegenrechnung zur juristischen Bilanz aufmacht, die die Zukunft der Söhne in Entschädigung umrechnen will. Die Argumentation verläuft in fünf Schritten. Zuerst zeigt sie, wie Raumfolge und Zeitordnung (Präsens der verfallenden Räume, Plusquamperfekt der Erinnerungen) eine Handlung erst im Zusammenlesen entstehen lassen. Dann liest sie den Erzähler, der mehr sieht als beide Eheleute, und die geschlechtlich codierten Kommunikationsformen als Ursachen des Schweigens. Danach folgt sie der Bildlogik von Brand, Flut und Wurzelwerk, in der Padres Modell des Wiederaufbaus gegen Madres Modell des Nachwachsens steht, und liest die Poetik des Romans als Synekdoche und Spurensuche, die intertextuell (Beckett, Szymborska, Dornröschen) und intermedial (Dalí, Fotografie, Chat) abgesichert ist. Schließlich vergleicht sie Romananfang und Romanschluss: Aus der Asche im Flur wird der Reif auf dem Hang, aus dem gerahmten Foto der Toten werden zwei Bäume auf einem Autodach. Das Ergebnis lautet, dass der Roman Wachstum ohne Wiederherstellung erzählt und dabei die eigene Naturmetapher prüft, weil sie sich am Ende als Folge einer Tat der Söhne erweist.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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