Leere Räume, volle Bilder: Vincenzo Latronicos Deutschlandromane im Vergleich

Vincenzo Latronico erzählt in „Le perfezioni“ (2022), „La chiave di Berlino“ (2023) und „Una splendida rovina“ (2026) von Menschen, die nach Berlin kommen, um in einer Stadt voller Leerstellen ein Leben nach eigenem Entwurf zu führen. Ein Paar richtet eine Wohnung ein, die auf Fotos vollkommen aussieht und gerade deshalb unbewohnbar wird. Der Essay beschreibt aus eigener Erfahrung das Tempelhofer Feld, den Berliner Lockdown und die Entzauberung eines Mythos. Der jüngste Roman schickt seine Figuren in eine DDR-Ruine, unter deren Boden Schutt und Asbest liegen. Der Aufsatz liest die drei Bücher kontrastiv und folgt einer These: Die Leere, die diese Generation als Freiheit sucht, ist von der Geschichte geleert und vom Markt neu besetzt. Er entwickelt sie in sechs Schritten. Zuerst fragt er nach dem Verhältnis von Raum und Geschichte, dann nach dem Vorrang des Bildes vor dem gelebten Leben. Es folgen die unterschiedlichen Erzählhaltungen, nämlich der Imperfekt-Ton in der Nachfolge Perecs, die Konstellationen des jüngsten Romans in der Tradition Kunderas und die Absage an jede Teleologie in der Coda des Essays. Danach behandelt er Arbeit und Gemeinschaft. Das Deutschland dieser Romane ist ein Land, in dem Italiener eine Wohnung für 118 Euro pro Tag vermieten, weil sie selbst nicht darin leben können, und in einer DDR-Ruine ihre Freiheit suchen, unter deren Boden noch der Asbest liegt. Wer aus Italien kommt, um hier ein Leben nach eigenem Entwurf zu beginnen, findet keinen leeren Raum, sondern einen, den die Geschichte hinterlassen und der Markt längst wieder vermietet hat.

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Republik der Gelehrten: Jena, Thüringen und die deutsche Innerlichkeit bei Alberto Rollo

Alberto Rollos Roman „Le attitudini“ (Neri Pozza, 2026) lässt einen italienischen Professor den Briefwechsel zweier Menschen rekonstruieren, die sich 1793 in Neapel begegnen: Marianna Di Dio, genannt Nenna, eine Waise aus dem Salento, die im Haus des britischen Gesandten Hamilton lesen, singen und Sprachen lernt, und Bruno Röder, ein Student aus Fliederoda, der in Jena zwischen Fichte, Schiller, den Brüdern Schlegel und Novalis seinen Platz sucht. Sie sehen sich nicht wieder. Bruno erkrankt an der Lunge und stirbt 1803, bevor er Ancona erreicht, wo man sich treffen wollte, und was danach geschah, füllt der Professor mit Vermutungen, während sein eigener Sohn vor Gericht steht. Der Aufsatz liest dieses Buch als Erzählung über Deutschland und entwickelt seine Deutung in fünf Schritten: Jena erscheint als Gelehrtenrepublik, die den fehlenden Nationalstaat ersetzt; pietistische Innerlichkeit und kaufmännischer Zweckverstand wachsen in derselben Familie; die deutsche Italiensehnsucht wird von einer Italienerin umgekehrt, die den Norden zurückliest; dem Heiligenkult um Novalis steht das Leben unbekannter Zeitgenossen gegenüber; und die Lücken der Überlieferung, geprägt von Bomben, Zufall und Nachlässigkeit, bilden die Gedächtnisform eines Landes, das sich aus Resten erinnert. Aus diesen Schritten folgt die These, dass Rollo die Epoche als Haltung beschreibt und nicht als Staat, als eine Haltung, die zugleich echt und inszeniert ist und an Napoleon, an der Restauration und am Geschäftssinn der eigenen Verwandtschaft scheitert, sich aber als Geste weitergeben lässt. Die Stärke der Argumentation liegt darin, dass sie die Verklärung, die der Stoff nahelegt, am Text selbst prüft und mit den Vettern, den Quellenlücken und Mariannas Selbstbehauptung gegenliest.

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Was nach dem Brand bleibt: Michele Ruol

Michele Ruols Roman „Inventario di quel che resta dopo che la foresta brucia“ (2024) erzählt vom Tod zweier Brüder bei einem Autounfall und von den achtzehn Jahren danach, in denen ihre Eltern, im Text nur Madre und Padre genannt, einander kaum erreichen. Das Buch ist als Verzeichnis angelegt: Neunundneunzig nummerierte Gegenstände, geordnet nach den Räumen eines Hauses und später eines Autos, rufen je eine kurze Geschichte auf, aus der sich Ehe, Elternschaft, Trauer und ein zäher Zivilprozess um die Schuldfrage zusammensetzen. Der Aufsatz geht von der These aus, dass diese Katalogform das fehlende Gespräch der Figuren ersetzt und dass der Roman damit eine Gegenrechnung zur juristischen Bilanz aufmacht, die die Zukunft der Söhne in Entschädigung umrechnen will. Die Argumentation verläuft in fünf Schritten. Zuerst zeigt sie, wie Raumfolge und Zeitordnung (Präsens der verfallenden Räume, Plusquamperfekt der Erinnerungen) eine Handlung erst im Zusammenlesen entstehen lassen. Dann liest sie den Erzähler, der mehr sieht als beide Eheleute, und die geschlechtlich codierten Kommunikationsformen als Ursachen des Schweigens. Danach folgt sie der Bildlogik von Brand, Flut und Wurzelwerk, in der Padres Modell des Wiederaufbaus gegen Madres Modell des Nachwachsens steht, und liest die Poetik des Romans als Synekdoche und Spurensuche, die intertextuell (Beckett, Szymborska, Dornröschen) und intermedial (Dalí, Fotografie, Chat) abgesichert ist. Schließlich vergleicht sie Romananfang und Romanschluss: Aus der Asche im Flur wird der Reif auf dem Hang, aus dem gerahmten Foto der Toten werden zwei Bäume auf einem Autodach. Das Ergebnis lautet, dass der Roman Wachstum ohne Wiederherstellung erzählt und dabei die eigene Naturmetapher prüft, weil sie sich am Ende als Folge einer Tat der Söhne erweist.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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