Die Zone als Wahrheitsraum zwischen Fiktion und Verschwörung: Bénédicte Dupré la Tour
Bénédicte Dupré la Tours Roman „Zones à défendre“ (Flammarion, 2026) erzählt von Clémence, die nach fünf Jahren im Ausland nach Frankreich zurückkehrt, um im Auftrag des Umweltkonzerns BigMama ausgerechnet in ihrem Heimatdorf eine Mülldeponie durchzusetzen, gegen den Widerstand ihrer ins Verschwörungsdenken abgedrifteten Mutter Sylvie, begleitet von den Gedichten ihres anarchistischen Bruders Tristan und verstrickt in eine Undercover-Liebe zu einem Aktivisten der Waldbesetzung ZAD des Hulottes, bis ein Sturz und eine Lähmung am Ende enthüllen, dass die ganze Geschichte möglicherweise der tröstende Roman ist, den der Bruder für seine sprachlos gewordene Schwester geschrieben hat. Der Aufsatz argumentiert, dass sich diese Frage nach der Wahrheit konkurrierender Erzählungen, wie sie der Klappentext als Wagnis benennt, nicht nur im Plot, sondern in der Form selbst niederschlägt: durch drei gegeneinander montierte Register, das satirische, das lyrisch-epische und das monologisch-paranoide, durch eine doppelte Fokalisierung derselben Szene aus Sicht der Täuschenden und der Getäuschten und durch eine Mise en abyme, die Anfang und Schluss des Buches wörtlich ineinander spiegelt. Ein ergänzender Ausblick stellt den Roman neben Elsa Jonquet-Kornbergs „L’enfouissement“ (2026), das mit einem atomaren Tiefenlager einen strukturell verwandten, aber in Zeitmaß, Erzählhaltung und moralischem Ausgang gegensätzlichen Stoff verhandelt, und schärft dadurch den Blick dafür, wie unterschiedlich zeitgenössische französische Literatur das Vergraben von Abfall als Bild für das Vergraben von Schuld und Erinnerung nutzen kann.
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