Georges Perec im Dialog mit der Malerei

Als Fallschirmjäger schrieb Georges Perec 1959 aus einem Militärlager an seinen Freund, den Maler Pierre Getzler, er könnte Maler sein, hätte er die Malerei so betrieben wie die Literatur. Der Band „Dialogue avec les peintres“, den Cécile De Bary im September 2026 bei Seuil herausgibt, versammelt, was aus dieser Möglichkeit geworden ist: Briefe, Notizen, Essays, Katalogtexte, Gedichte und Romanauszüge. Sie sind in drei Teilen geordnet, vom Weg zum Schriftsteller über die Begegnungen mit Malern bis zu einer Schreibweise im Trompe-l’œil. Die Besprechung folgt dieser Anlage Text für Text. Sie zeigt, wie Perec Paul Klee als Maler der Beunruhigung verteidigt, wie ihn Antonellos „Condottiere“ und „Heiliger Hieronymus“ beschäftigen und wie in der Arbeit mit Getzler, Boni, Poli, Clerici und anderen ein Verfahren entsteht, das Bilder weniger als Metapher des Schreibens denn als Auftrag, Gegenüber und Regelstoff behandelt. Dabei treten Spannungen hervor: zwischen Bildlust und Bildzerstörung, zwischen dem Maler, der die Welt beherrscht, und dem, der nur beunruhigt, und zwischen der gemalten Illusion und der Zeit, die sie einholt. Die Rezension würdigt die Quellenarbeit der Herausgeberin, die bisher unveröffentlichte und verstreute Dokumente zusammenführt, und macht an einem Beispiel anschaulich, wie eng Bild und Werk bei Perec verschränkt sind: Als Junge wird er beim Einräumen der Skier von einem Skistock an der Oberlippe getroffen, die Narbe wird zum persönlichen Kennzeichen, und sie führt ihn im Louvre zu Antonellos „Condottiere“, dem Gesicht mit der gleichen Narbe, dessen Nachahmung in seinem ersten Roman den Fälscher scheitern lässt und dessen Spur sich bis in „Un cabinet d’amateur“ verfolgen lässt. Sie schließt mit der These, dass der Band die Perec-Forschung von der Bildmetapher zur dokumentierbaren Praxis der Zusammenarbeit führt.

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Der Krieg als Handwerk, die Sprache als Wunde: Alexis Jenni

„L’art français de la guerre“ (Gallimard, 2011) erzählt im Kern eine einzige Geschichte in zwei Zeitebenen: die eines Landes, das seine Kriege nicht beendet, sondern nur verlagert hat. Victorien Salagnon durchläuft als junger Mann drei Kriege – den Widerstand gegen die deutsche Besatzung, den Indochinakrieg, den Algerienkrieg – und lernt in jedem dieselbe Lektion neu: dass Gewalt eine erlernbare, verfeinerbare Technik ist, ein „Handwerk“, das ebenso systematisch weitergegeben wird wie die Kalligrafie, die er parallel dazu übt. Der Aufsatz verfolgt diese These nicht an der großen Schlachtenerzählung, sondern gerade an ihrer Leerstelle: Die berühmteste Episode des Indochinakriegs, Điện Biên Phủ, kommt im Text kein einziges Mal vor; stattdessen zeigt der Roman das Kleinteilige – Hinterhalte, Verhöre, Verwaltungsakte, Erschießungen von Gefangenen am Straßenrand. In dieser Auslassung liegt die Pointe des Titels: Nicht der Sieg, sondern die stille, bürokratisch durchdachte Ausübung von Zwang wird zur eigentlichen „französischen Kunst des Krieges“. Um diese Kriegsgeschichte legt Jenni die Gegenwartsgeschichte eines namenlosen Erzählers, der sich selbst als gescheitert erlebt und bei Salagnon nicht nur Malen, sondern auch Erzählen lernt – eine Rahmenhandlung, die der Aufsatz nicht als bloßes Vehikel, sondern als eigenständige Argumentationsebene liest: In banalen Alltagsszenen, einer an Konsum statt an Nähe zerbrechenden Ehe, einer Polizeikontrolle auf einer Brücke, einem betrunkenen Alten vor dem Fernseher, tauchen dieselben sprachlichen und gedanklichen Muster wieder auf, die in den Kriegskapiteln entwickelt wurden: die Rede vom „ils“, die Sehnsucht nach der klärenden Ohrfeige, das Gefühl der Belagerung. Die Interpretation stützt sich dabei weniger auf die Ähnlichkeit der Ereignisse als auf die Wiederkehr dieser sprachlichen Muster und liest sie als Beleg dafür, dass Frankreich die Sprache seiner kolonialen Kriege nie abgelegt, sondern ins Private und in die Vorstadtrhetorik verschoben hat. Dass der Erzähler am Ende dennoch eine Liebesgeschichte findet – parallel zu Salagnon und Eurydice, die sich nach achtzehn Kriegsjahren endlich wiederfinden –, wird weniger als versöhnliches Ende denn als knapp behauptete, bewusst fragile Gegenwelt gewertet: Tusche statt Blut, ein Zimmer statt eines Krisengebiets, während draußen die nächste Unruhe aufflammt.

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Die Bühne, die zum Schlachtfeld wird: Antigone bei Sorj Chalandon und Jean Anouilh

1944 stellt Jean Anouilh in seiner unter deutscher Zensur uraufgeführten „Antigone“ eine junge Frau vor, die sich der Staatsräson ihres Onkels Kreon widersetzt und für das Bestattungsrecht ihres geächteten Bruders in den Tod geht, ein Stück, das die Bühne durch die „vierte Wand“ streng von der Zuschauerrealität trennt und der Tragödie gerade in dieser Geschlossenheit ihre trostspendende Reinheit zuschreibt. Sorj Chalandon greift diese Konstellation in seinem Roman „Le Quatrième Mur“ (2013) auf, indem er einen französischen Regisseur erzählen lässt, wie er dem Vermächtnis eines sterbenden Freundes folgend genau dieses Stück mitten im libanesischen Bürgerkrieg mit Laienschauspielern aus allen verfeindeten Milizen aufführen soll – ein Vorhaben, das an der Wirklichkeit der Jahre 1982/83, am Massaker von Sabra und Chatila und am eigenen Verlust der Beobachterdistanz zerbricht. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass der Roman Anouilhs Vokabular, die vierte Wand, den Unterschied von Drama und Tragödie, die „Küche“ der Macht, nicht zitiert, sondern empirisch einlöst: Jede Kriegspartei liest das Stück als Bestätigung der eigenen Sache, die dem Chor zugedachte Beobachterrolle des Erzählers erweist sich als unhaltbar, und am Ende steht nicht die geordnete, aussprechbare Tragödie von 1944, sondern eine Gewalt, die sich in keine Bühnenform mehr zwingen lässt. Anhand von Erzählperspektive, Raum- und Zeitstruktur, Figurenkonstellation und einer Reihe genau gelesener Textstellen aus beiden Werken zeigt die Untersuchung, wie ein Klassiker der französischen Nachkriegsliteratur im Krieg des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts nicht nachgespielt, sondern auf seine eigenen Voraussetzungen hin befragt wird.

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Der Rassemblement national als Nutznießer einer neuen Konfiguration

Gewönne der Rassemblement national 2027 das Präsidentschaftsamt, träfe eine Partei mit wenig Regierungserfahrung auf ein machtvolles Amt, das Außen-, Sicherheits- und Europapolitik bestimmt, und sie wäre auf Überläufer aus der Rechten, Geldgeber und wohlgesinnte Medien angewiesen. Für die deutsch-französischen Beziehungen hieße das, dass der Motor der europäischen Politik ins Stocken geraten könnte: Gemeinsame Rüstungsvorhaben wie das Kampfflugzeug FCAS, abgestimmte Positionen zur Ukraine-Hilfe, Kompromisse bei Haushaltsregeln und Migrationspolitik sowie die Absprachen vor jedem EU-Gipfel wären nicht mehr selbstverständlich, weil Berlin einer Präsidentin gegenüberstünde, die nationale Vorrechte über die europäische Integration stellt. Für Europa wöge das schwer, weil Frankreich als Atommacht und ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats in einer unsicheren Weltlage eine gemeinsame europäische Antwort tragen oder blockieren kann. Wie es so weit kommen konnte, erklären Patrick Lehingue und Bernard Pudal in „Du FN au RN“ (2026) mit einer Beobachtung, die zunächst überrascht: Die Partei ist innen dünn besetzt. Ein Funktionär der Jugendorganisation räumt ein, die veröffentlichten Mitgliederzahlen seien um das Zehnfache überhöht, von den 35 Abgeordneten des Jahres 1986 gehörten 2020 nur noch zwei der Partei an, und Vereine oder Gewerkschaften, die sie tragen würden, gibt es kaum. Trotzdem erreicht sie seit 1984 fast immer mehr als zehn Prozent, und 2022 stimmten in der Stichwahl 41 Prozent für Marine Le Pen. Die Autoren erklären das wie bei einem Laden mit wenig Personal, der trotzdem voll wird, weil sich die Umgebung verändert hat und die anderen Geschäfte der Straße schließen. Vier Veränderungen benennen sie: Die Sicherheit im Berufsleben schwindet, die Politik schottet sich in einer Schicht von Berufspolitikern ab, die Schule sortiert aus und kränkt viele, und in der Verunsicherung gewinnt das Gefühl, „wir sind hier zu Hause“, neue Kraft. Die Rezension geht das Buch kapitelweise durch und prüft es an seinen eigenen Zahlen. Überzeugend ist der Blick auf alle Wahlberechtigten statt nur auf die Abstimmenden: Von den Menschen ohne Abschluss blieben 2017 mehr als 37 Prozent der Wahl fern, ihre häufigste „Wahl“ war also die Enthaltung. Angreifbar bleibt der Gedanke des Glücksfalls, der fast jeden Erfolg erklärt und deshalb schwer zu widerlegen ist, ebenso die knappe Antwort auf die Frage, was die Partei selbst richtig macht. Nach Lehingue und Pudal hat der FN/RN das Parteiensystem vor allem über die Themen und über die Rechenspiele der anderen verändert. Sozialisten und klassische Rechte haben ihn zunächst für taktische Vorteile instrumentalisiert (Verhältniswahl 1986, regionale Absprachen), später übernahmen die Etablierten seine Themen und Formeln, und der „Front républicain“ gilt den Autoren seit 2022 als verbraucht. Seit 2024 ist der RN mit 142 Abgeordneten und einem Bündnis mit Teilen der Republikaner zugleich die stärkste Einzelfraktion und ein Schiedsrichter über die Lebensdauer der Regierungen, während der Niedergang von PS und LR (zusammen 6 Prozent 2022) nach dem Buch vor allem auf die Schließung des politischen Feldes zurückgeht und nur teilweise auf den RN selbst.

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Die Wüste als Theorie: Jean Baudrillard und das Ende der Geschichte im Bild

Jean Baudrillards „Amérique“ von 1986 verwandelt eine Reise durch Wüsten, Freeways und Metropolen der USA in eine Theorie der Hyperrealität: Amerika erscheint hier als Utopie, die sich, anders als die europäische, nie im Ausstehen der Geschichte, sondern von Beginn an im Alltag selbst verwirklicht hat, als Zivilisation ohne Ursprungsfrage, deren Oberfläche, Tempo und Leere keine Tiefe mehr brauchen, um zu bestehen. Fünfzehn Jahre später, in seinem umstrittenen Essay „L’esprit du terrorisme“ zu den Anschlägen des 11. September, radikalisiert Baudrillard genau diese Systemdiagnose: Er deutet den Anschlag nicht als politisches oder religiöses Ereignis, sondern als symbolischen Akt, in dem sich ein hegemoniales System, das jeden Tod aus seiner Rechnung ausgeschlossen hatte, an seiner eigenen Perfektion selbst verwundbar zeigt, während die Attentäter den eigenen Tod als eine Waffe einsetzen, auf die es innerhalb der Logik des globalen Tauschs keine gleichwertige Antwort gibt. Der Aufsatz liest beide Texte im Zusammenhang, zeigt, wie eng die Begriffe des Buchs, die Wüste, das Bild, die Simulation, in der späten Analyse des Terrors wiederkehren, und ordnet Baudrillards Amerikabild zugleich in eine lange französische Denktradition ein, die von Tocqueville über Duhamel bis in die Gegenwart reicht.

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Eine notwendige Gegenlektüre von Thélyson Orélien

Zwei Lektüren, auffallend übereinstimmende Befunde mit konträrer Bewertung: Niklas Benders Besprechung von Thélyson Oréliens „C’était ça ou mourir“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. September liest als Schwäche, Redundanz und Schablone, was ich in meiner Besprechung vom 11. September als bewusst gesetzte Erzählpoetik beschrieben habe – von der episodischen Anlage über die flüchtigen Figuren bis zu Körper, Lachen und Wiederholung. Benders Text lässt sich dabei durchaus als implizite Replik auf zentrale Argumente meiner Lektüre lesen, auch wenn er sie nicht ausdrücklich adressiert. Dazu kommt der unterschiedliche Entstehungskontext: Meine Besprechung erschien vor der inzwischen breiten KI-Kontroverse, Benders danach. Gerade im Nebeneinander wird sichtbar, woran sich die ästhetische Auseinandersetzung mit Oréliens Roman entzündet: an der Frage, ob seine Formen schematisch misslingen oder gerade in ihrer Wiederholung eine Poetik von Flucht, Zeugenschaft und Verlust hervorbringen. Es lohnt sich, beide Besprechungen als Streitgespräch über denselben Text zu lesen.

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Von Tocqueville zu De Gaulle: die Furcht der Zweiten Republik vor dem Volk und ihr Weg ins Kaiserreich

Marie-Hélène Baylacs „La peur du peuple“ erzählt den Weg Frankreichs von der Ausrufung der Republik am 24. Februar 1848 bis zur Kaiserkrönung Napoleons III. am 2. Dezember 1852 als Geschichte einer Furcht, die stärker wirkt als jedes politische Programm: Bankette und Barrikaden, das Recht auf Arbeit und seine Zerschlagung in den Junitagen, der stille Machtaufbau Louis Napoleons und schließlich der Staatsstreich fügen sich bei ihr zu einer Kette von Szenen, in denen Besitzende, Klerus und selbst gemäßigte Republikaner immer wieder aus Angst vor der „sozialen“ Republik zur Ordnung zurückfinden, bis diese Ordnung eine Person findet, die sie verkörpert. Der Aufsatz legt die Architektur dieser Erzählung offen: Er zeigt, wie Baylac die Furcht als Strukturprinzip, nicht als Randmotiv behandelt, und macht sichtbar, dass sie diese These doppelt verankert, einmal politisch-theoretisch in Alexis de Tocqueville, der die Revolution von 1848 als Ausbruch „sozialer Leidenschaften“ voraussah und die Junitage später als Klassenkrieg deutete, und literarisch in Flaubert, Hugo, Balzac und Marie d’Agoult, deren Bilder von wogenden Menschenmengen und flüchtenden Kutschen die bürgerliche Angst in Sprache fassen. Zugleich formuliert die Rezension, was diese dichte, quellennahe Erzählung an analytischer Schärfe schuldig bleibt, etwa gegenüber der quantitativen Wahlforschung oder der neueren Emotionsgeschichte, und ordnet das Buch so zwischen erzählerischer Stärke und begrenztem Theorieanspruch ein.

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Amerikareisen: ein Land ohne Gräber, Chateaubriand, Butor, Vuillard

In dieser unregelmäßigen Rubrik werden französische Amerika-Texte aus zwei Jahrhunderten vorgestellt, Reiseberichte, Romane, Textmontagen und historische Erzählungen, die den nordamerikanischen Kontinent je neu zum Prüfstein für Europa machen. Wiederkehrende Fragen sind dabei, was ein Land ohne europäische Vergangenheit über Europa selbst verrät, wie sich Freiheit erzählen lässt, wenn sie von Herkunft und Tradition gelöst ist, und was aus den Gründungsmythen einer jungen Nation wird, wenn sie zu Denkmälern erstarren oder als Gewaltgeschichte freigelegt werden. Durch die Reihe zieht sich zudem die Spannung zwischen zwei Traditionen der französischen Geistesgeschichte, einer antiamerikanischen Strömung, die Amerika als Zivilisationsverlust oder Bedrohung beschreibt, und einer Faszinationsgeschichte, die denselben Kontinent als Versprechen liest, so dass sich über die Zeit ein Bild davon ergibt, wie sich der französische Blick auf Amerika, von der Leere über das Denkmal bis zur freigelegten Gewalt, zugleich treu bleibt und radikal verschiebt.

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Marion Maréchal, „Si tu te sens Le Pen“ — eine kritische Lektüre

Marion Maréchals „Si tu te sens Le Pen“ (2026) will, das zeigt schon der Erscheinungszeitpunkt kurz nach dem Tod Jean-Marie Le Pens und mitten in der juristischen Unsicherheit um Marine Le Pens Kandidatur 2027, aus einem Familiennamen politische Legitimität machen und die eigene, durch den Bruch mit dem Rassemblement National und die gescheiterte Allianz mit Éric Zemmour beschädigte Loyalität rückwirkend als konsequente Erfüllung eines großväterlichen Auftrags erzählen. Dafür verknüpft das Buch, ausgehend von einem Autounfall im August 2025, die eigene politische Biographie – die Kandidatur 2012, den Rückzug 2017, die Hochschulgründung ISSEP, die Zemmour-Episode, die Parteigründung Identité Libertés – mit Positionen zu Migration, Islam, Geschlecht, Wirtschaft und einer international vernetzten Rechten von Meloni bis Trump. Der vorliegende Aufsatz zeigt, dass dieses doppelte Ziel – persönliche Rehabilitierung und politisches Programm – über eine Reihe wiederkehrender rhetorischer Verfahren erreicht werden soll, die selbst problematisch sind: eine Opfererzählung, die jede Kritik am Front National als bloße „diabolisation“ durch ein feindliches Establishment abtut, ohne deren historische Gründe zu benennen; eine genealogische Legitimation, die aus persönlichem Leid und Herkunft politische Notwendigkeit ableitet, ohne diesen Schluss zu problematisieren; eine Symmetrisierung, die etwa „anti-weißen Rassismus“ gegen tatsächlichen Rassismus oder „Gender-Ideologie“ gegen Frauenrechte in Stellung bringt und dabei strukturelle Machtunterschiede ausblendet; eine selektive religiöse Überhöhung, die den Katechismus zur Begründung restriktiver Migrationspolitik heranzieht, während unbequeme kirchliche Positionen relativiert werden; und eine internationale Vernetzung mit Trump, Vance und Meloni, die der eigenen Position den Anschein einer historischen Notwendigkeit verleihen soll. Der Aufsatz argumentiert, dass diese Verfahren keine Randerscheinung, sondern das eigentliche Strukturprinzip des Buches bilden – und macht deutlich, an welcher Stelle jedes einzelne Kapitel diese Muster im Detail einsetzt.

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Roman ohne Geschichte, Politik ohne Handlung: Jean-Philippe Toussaints Heimsuchungen

Jean-Philippe Toussaint legt mit „La Hantise“ (Éditions de Minuit, 2026) den dritten Roman des Detrez-Zyklus vor: Der EU-Beamte Jean Detrez wird nach dem Tod seines Vaters, eines integren Europa-Idealisten, unvermittelt in eine internationale Korruptionsaffäre verstrickt, als ihm ein USB-Stick mit brisanten Daten in die Hände fällt. Die Handlung entwickelt sich zum Politthriller zwischen Brüssel, Paris und Brügge, wobei Jean zwischen Liebe zu Yolanda Paul, Trauer um den Vater und der Rolle des Whistleblowers navigiert. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass „La Hantise“ keinen Genrebruch im Werk Toussaints darstellt, sondern eine konsequente Umfunktionierung seiner langjährig etablierten poetischen Verfahren: Die Scheibe als Beobachtungsinstrument wird zur Spionagetechnik, die melancholische Verlangsamung zur inneren Lähmung des Trauernden, die Asche als Motiv des Sterblichen zur Metadaten-Spur der digitalen Überwachung. Diese Umfunktionierung verankert sich in Toussaints eigenem poetologischem Programm des „roman infinitésimaliste“ (2007), das das unendlich Kleine und das unendlich Große als zwei Pole einer einzigen Poetik zusammendenkt, was „La Hantise“ in der Tat umsetzt, indem es die EU-Institutionen und geopolitischen Verflechtungen mit derselben phänomenologischen Genauigkeit erfasst wie die Details einer Armbanduhr oder einer Kleiderfalte. Indem der Aufsatz die Intertextualität mit „La Clé USB“ und „Les Émotions“ verfolgt, die Raum- und Zeitstrukturen analysiert, die Motive im Werk von „La Salle de bain“ bis „La Hantise“ nachzeichnet und die Presseresonanz einbezieht, zeigt sich, dass der Roman ein Werk der asymptotischen Annäherung ist: ein Schriftsteller, der denselben Roman über sieben Jahre in immer neuen Variationen schreibt, um einer Frage nachzugehen, die keine Antwort erlaubt, wie man einem toten Vater treu bleibt, wenn die einzige Antwort das Handeln, nicht die Sprache, sein kann.

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Der Riss, der trägt: Charlotte Casiraghi

Charlotte Casiraghis „La Fêlure“ (Julliard, 2026) entfaltet in sechzehn Kapiteln und einem Epilog eine literarisch-philosophische Erkundung des Risses als Grundfigur menschlicher Existenz: Ausgehend von Fitzgeralds „The Crack-Up“, dessen französischen Titel sie sich leiht, versammelt die Autorin Colette, Balzac, Duras, Pavese, Akhmatova, Sand, Bachmann, von Arnim, Woolf, Freud, Dufourmantelle, Pascal, Moitessier, Juarroz und J. J. Cale zu einer Galerie von Figuren, die je auf eigene Weise mit einer Bruchstelle in sich selbst leben, und verwebt deren Lektüre mit eigenen, oft nur angedeuteten Erinnerungen, etwa an ihre klinische Arbeit mit essgestörten Jugendlichen oder an den Tod einer Freundin. Der vorliegende Aufsatz liest diese sechzehn Fallstudien nicht additiv, sondern als Spannungsgefüge: Er zeigt, wie Deleuzes Begriff der Fluchtlinie und Freuds Bild des vorgeprägten Kristallsprungs als zwei Pole fungieren, zwischen denen sich die einzelnen Kapitel bewegen, und wie ein geschlechtliches Muster, Ausdauer und Zeugenschaft bei den Frauen, Bewegung und Flucht bei den Männern, das Buch strukturiert. Aus dieser Analyse erwächst eine Gesamtdeutung, die dem Buch seine Redlichkeit zugesteht, zugleich aber fragt, ob die immer gleiche Abfolge aus Biografie, Zitat und Deutung nicht genau jene Vereinnahmung reproduziert, vor der das Buch selbst warnt; ein angefügtes Kapitel zur Presserezeption bestätigt diesen Befund von außen, indem es zeigt, dass auch die Kritik fast durchweg in denselben Gegensatz von Hochglanzbild und literarischer Tiefe einstimmt, den „La Fêlure“ zu seinem Thema macht.

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Michel Butor zum 100. Geburtstag: Würdigung, die vier frühen Romane und der Übergang zu Mobile

Der Text verbindet drei eigenständige, aber aufeinander bezogene Annäherungen an Michel Butor: eine biografische Würdigung zu seinem hundertsten Geburtstag, eine vergleichende Interpretation der vier frühen Romane und ihrer Verfahren, sowie eine Lektüre von „Mobile“, jenem Buch, das 1962 den Übergang von der erzählenden Prosa zu Butors späterem, grenzüberschreitendem Werk markiert. Die drei Teile lassen sich einzeln lesen, ergeben zusammengelesen aber eine Bewegung vom Leben über die vier Romane bis zu jenem Werk, in dem Butor den Roman als Form endgültig hinter sich ließ. Wenn Butor 1962 Jeffersons Satz von der Gleichheit aller Menschen unmittelbar neben dessen eigene Zeilen über die notwendige Trennung der Rassen stellt, trifft er genau jenen Widerspruch, über den die USA bis heute in Streitigkeiten um Denkmäler, Südstaaten-Geschichte und rassische Gerechtigkeit verhandeln. Und die Technik, mit der das Buch Werbeslogans, Regierungszitate und private Wahrnehmungssplitter kommentarlos aneinanderreiht, liest sich, lange vor Internet und Feed, wie eine Vorwegnahme jenes ungefilterten Nebeneinanders von Nachricht, Reklame und Geschichtsdeutung, in dem sich auch heute ein Bild von Amerika zusammensetzt.

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Das Alter als Streitfall: Simone de Beauvoir, Dominique Fernandez und Laure Adler

Der Aufsatz vergleicht drei Bücher, die im Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert und doch in einem erkennbaren Gespräch miteinander über das Altern geschrieben wurden. Simone de Beauvoirs „La Vieillesse“ (1970) entwirft, ausgehend von der These einer gesellschaftlichen „Verschwörung des Schweigens“, eine zweiteilige, sechshundert Seiten starke Untersuchung, die das Alter zunächst als Gegenstand von Biologie, Geschichte und Klassenverhältnissen beschreibt und dann als gelebte, oft entfremdete Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Zeit; Dominique Fernandez‘ „Tout n’est pas si noir“ (2026) tritt dem, mit siebenundneunzig Jahren geschrieben, ausdrücklich als Widerrede entgegen und stellt Beauvoirs Totalanspruch die Vielfalt einzelner Altersschicksale entgegen, belegt an Selbstporträts alternder Maler, an der eigenen, spät gefundenen Liebe und an literarischen Sterbeszenen von Tolstoi bis Hemingway; Laure Adlers „La Voyageuse de nuit“ (2020) schließlich, die sich ausdrücklich als Fortsetzung von Beauvoirs Kampf versteht, mischt beide Register in Form eines Reisetagebuchs, das Statistiken über Pflegeheime mit Alltagsszenen verbindet, etwa der Begegnung mit einem Jogger, der sich als Altersgenosse entpuppt, oder dem eigenen Vater, der ins Heim zieht und dabei alles zurücklässt. Der Aufsatz argumentiert, dass diese drei verschiedenen Formen, das philosophisch-politische Traktat, der assoziative Essay und das journalistisch grundierte Tagebuch, auf denselben blinden Fleck reagieren, ohne sich in ihren Antworten zu decken: Er verfolgt anhand wiederkehrender Themen wie Körper, Liebe, Tod und Geschlecht, wie jedes Buch konkrete Szenen aus Kunstgeschichte, Literatur oder eigenem Erleben gegen oder für Beauvoirs ursprüngliche Diagnose ins Feld führt, und kommt zu dem Schluss, dass erst das Zusammenspiel von gesellschaftlicher Anklage und individueller Erfahrung ein vollständiges Bild des Alterns ergibt.

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Vom Wir zum Ich: Anne Godards Poetik der Pronomen

Anne Godards Roman „Nous aussi“ (Actes Sud, 2026) lässt eine großbürgerliche Pariser Familie über Generationen hinweg mit einer einzigen Stimme sprechen, dem grammatischen „on“, das Besitz, Herkunft und Zärtlichkeit ebenso selbstverständlich in einen Haussmann-Bau und ein alpines Feriendomizil einschreibt, wie es sexuelle Übergriffe unter den eigenen Kindern unsichtbar hält, bis ein Bruder vom Treppenhausfenster in den Innenhof stürzt und sein Tod, Jahre später, eine Kette von Enthüllungen auslöst, die auch die Erzählerin selbst als Betroffene zeigt. Der vorliegende Essay argumentiert, dass sich diese Geschichte nicht über Ereignisse, sondern über eine Grammatik erschließt: Er verfolgt, wie Gattungswahl, Raumordnung, Zeitstruktur, Körperlichkeit, Geschlechterrollen, Poetik und intertextuelle Verweise gemeinsam auf eine einzige Bewegung zulaufen, den seltenen, harten Bruch vom kollektiven „on“ zu einem individuellen „je“, das sich erst in den letzten Seiten aus der Familie löst und dort, kaum gewonnen, wieder im alten Wir der Kindheit versinkt. Anhand konkreter Szenen und wörtlicher Belege zeigt der Essay, wie dieser Umschlag sprachlich vorbereitet, im Text selbst reflektiert und schließlich wieder zurückgenommen wird, und liest den Roman damit als Werk, das sein eigentliches Ereignis nicht in der Handlung, sondern in der Frage austrägt, wer in einer Familie überhaupt „ich“ sagen darf.

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Schmerzensmutter: Anne Godard

In Anne Godards 2006 bei Minuit erschienenem récit „L’Inconsolable“ wartet eine namenlose Mutter, zwanzig Jahre nach dem Suizid ihres ältesten Sohnes, in einem südfranzösischen Haus auf ein Telefon, das nicht klingelt: Ein Ritualsystem aus Jahrestagen, weißen Lilien und einem verschlossenen Kinderzimmer samt Klavier hält die Trauer wach, während Ehemann und überlebende Kinder sich der stummen Anklage entziehen, bis die Erzählung selbst im Schlusskapitel in ein imaginiertes Sterben und ein Testament an die Kinder kippt. Der vorliegende Aufsatz liest diesen schmalen, durchgängig in der zweiten Person erzählten Text als Ökonomie der Anklage: Er verfolgt, wie die Du-Anrede Nähe und Distanz zugleich erzeugt, wie Korridor und verschlossenes Zimmer die Trauer räumlich zur Krypta verdichten, wie ein Kalenderritual profane und heilige Zeit nach dem Muster religiöser Wiederholung ordnet und wie die Bildfelder Weiß, Blut und Stein sich zuletzt im Mythos der Niobe verdichten. Zugleich zeigt die Analyse, wie der Roman das kulturelle Bild der Mater Dolorosa nicht bestätigt, sondern als Machtform befragt, und wie er sich am Ende selbst als jenes Testament ausgibt, das seine Protagonistin erst noch schreiben wird, eine selbstbezügliche Volte, die den Vergleich von Romananfang und Romanschluss zum eigentlichen Angelpunkt der Interpretation macht.

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René Depestre: Ein Jahrhundertleben zwischen Haiti und Prix Goncourt

Eine Geschichte des Jahrhunderts

Im Mai 2026 verlieh die Académie Goncourt René Depestre den Prix Goncourt de la poésie Robert Sabatier für sein Gesamtwerk, wenige Monate bevor Haiti und Frankreich seinen einhundertsten Geburtstag feierten. Die Ehrung traf einen Autor, dessen Biografie sich seit 1945 mit den Fluchtlinien des 20. Jahrhunderts deckt: Exil, Dekolonisation, kommunistische Hoffnung und deren Enttäuschung, Karibik und Europa. Wer sein Werk liest, liest zugleich eine Geschichte dieses Jahrhunderts, erzählt von jemandem, der sie nicht beobachtet, sondern durchlebt hat.

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Autorschaft als Konstruktionsleistung: Marie Jacquiers Untersuchungen zu Annette Messager, Annie Ernaux und Michel Houellebecq

Marie Jacquiers Dissertation „Autorfiguren zwischen Text und Bild“ (Steiner 2024) nimmt die von Barthes und Foucault Ende der 1960er Jahre formulierte Kritik an der Instanz „Autor“ zum Ausgangspunkt einer interdisziplinären Neuvermessung: Weil die Kunstwissenschaft diese literaturtheoretische Debatte erst spät und über den Umweg der Kritik am Künstlerinterview rezipiert hat, entwickelt Jacquier ein gemeinsames, aus Intertextualitäts-, Paratext- und Fiktionstheorie gespeistes Instrumentarium und erprobt es an drei sehr unterschiedlichen Fällen: an Annette Messager, die ihre Künstlerfigur in eine Spatzen ausstopfende „artiste“ und eine Zeitungsausschnitte sammelnde „collectionneuse“ aufspaltet, an Annie Ernaux, die gemeinsam mit Marc Marie einen Phototext über Krankheit und Begehren verfasst und darin zwei konkurrierende Autorinstanzen gegeneinander schreiben lässt, und an Michel Houellebecq, der seine eigene, gleichnamige Romanfigur von einem Maler porträtieren und anschließend ermorden lässt. In allen drei Fällen zeigt Jacquier, dass Autorschaft nicht als biographisches Faktum, sondern als Konstruktionsleistung zu lesen ist, die sich in Titeln, Interviews und Bildkompositionen ebenso vollzieht wie im Text selbst. Die vorliegende Rezension folgt diesem Aufbau, referiert knapp die vier theoretischen Eingangskapitel und die Korpusbildung, geht dann kapitelweise durch die drei Fallstudien und unterscheidet dabei Jacquiers eigene Befunde von eigenständigen, darüber hinausreichenden Beobachtungen, etwa zu dem wiederkehrenden Muster, dass die Kritik am Autor bei allen drei Positionen in neue Formen von Autorität umschlägt. Gestützt auch auf einen Vergleich mit Jacquiers neuerem, gemeinsam herausgegebenem Sammelband zur Autosoziobiographie, benennt die Rezension abschließend Stärken, Einwände und Desiderate der Arbeit, sodass aus der Einzelbesprechung zugleich ein Argument für die Reichweite von Jacquiers methodischem Ansatz über das konkrete Korpus hinaus wird.

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Kolonisation im Plural: wie Historiker heute von der Eroberung erzählen

Kaum ein Land tut sich mit seiner imperialen Vergangenheit so schwer wie Frankreich, das sich selbst über Jahrhunderte konsequent als Nation und nicht als Empire gedacht hat – noch die Dritte Republik vermied das Wort „empire“ für die eigenen Kolonialbesitzungen, während gleichzeitig ein Sechstel der Weltbevölkerung unter französischer Herrschaft stand. Emmanuelle Saada, Historikerin an der Columbia University und Spezialistin für das französische Kolonialrecht, zieht in ihrem neuen Buch „Histoires et colonisations: des récits de la conquête aux héritages postcoloniaux“ (Gallimard, 2026) die Summe aus drei Jahrzehnten internationaler Forschung zu diesem verdrängten Erbe: Sie fragt nicht primär, was in Algerien, Indochina oder Westafrika geschah, sondern wie Historikerinnen und Historiker seit dem „tournant colonial“ der 1990er Jahre gelernt haben, koloniale Macht überhaupt zu denken – als fragiles, oft improvisiertes Gebilde statt als allmächtige Maschine. Der Bogen reicht von der Eroberung Algeriens 1830, deren Rechtfertigungserzählung schon damals eine algerische Gegenerzählung gegenüberstand, bis zu den tagesaktuellen Reparationsforderungen, die Frankreich seit Emmanuel Macrons Rede von 2017 bis zum algerischen Parlamentsbeschluss vom Dezember 2025 begleiten. Warum dieses Buch trotz seiner analytischen Kühle gerade an seinen Rändern zur brisanten Zeitdiagnose wird – und wo es an seine eigenen methodischen Grenzen stößt –, zeigt die Rezension.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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