Kai Nonnenmacher: Rezension von: Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar, Berlin: Metropol 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/09/41463.html
Georges Perec im Dialog mit der Malerei
Als Fallschirmjäger schrieb Georges Perec 1959 aus einem Militärlager an seinen Freund, den Maler Pierre Getzler, er könnte Maler sein, hätte er die Malerei so betrieben wie die Literatur. Der Band „Dialogue avec les peintres“, den Cécile De Bary im September 2026 bei Seuil herausgibt, versammelt, was aus dieser Möglichkeit geworden ist: Briefe, Notizen, Essays, Katalogtexte, Gedichte und Romanauszüge. Sie sind in drei Teilen geordnet, vom Weg zum Schriftsteller über die Begegnungen mit Malern bis zu einer Schreibweise im Trompe-l’œil. Die Besprechung folgt dieser Anlage Text für Text. Sie zeigt, wie Perec Paul Klee als Maler der Beunruhigung verteidigt, wie ihn Antonellos „Condottiere“ und „Heiliger Hieronymus“ beschäftigen und wie in der Arbeit mit Getzler, Boni, Poli, Clerici und anderen ein Verfahren entsteht, das Bilder weniger als Metapher des Schreibens denn als Auftrag, Gegenüber und Regelstoff behandelt. Dabei treten Spannungen hervor: zwischen Bildlust und Bildzerstörung, zwischen dem Maler, der die Welt beherrscht, und dem, der nur beunruhigt, und zwischen der gemalten Illusion und der Zeit, die sie einholt. Die Rezension würdigt die Quellenarbeit der Herausgeberin, die bisher unveröffentlichte und verstreute Dokumente zusammenführt, und macht an einem Beispiel anschaulich, wie eng Bild und Werk bei Perec verschränkt sind: Als Junge wird er beim Einräumen der Skier von einem Skistock an der Oberlippe getroffen, die Narbe wird zum persönlichen Kennzeichen, und sie führt ihn im Louvre zu Antonellos „Condottiere“, dem Gesicht mit der gleichen Narbe, dessen Nachahmung in seinem ersten Roman den Fälscher scheitern lässt und dessen Spur sich bis in „Un cabinet d’amateur“ verfolgen lässt. Sie schließt mit der These, dass der Band die Perec-Forschung von der Bildmetapher zur dokumentierbaren Praxis der Zusammenarbeit führt.
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