Kai Nonnenmacher: Rezension von: Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar, Berlin: Metropol 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/09/41463.html
Bühne, Strecke, Küste, Maske: Vier Arten, Amerika zu erzählen bei Christine Montalbetti
Christine Montalbetti hat zwischen 2005 und 2022 vier Bücher über Amerika geschrieben, die sich in Form und Haltung stark unterscheiden. „Western“ (2005) erzählt in vier Teilen einen Tag vom Morgengrauen bis zum Abend. Der redselige Erzähler dehnt ein Genrebild von Saloon, Duell und Abritt so lange, bis es zum Versuchsaufbau wird. „Journée américaine“ (2009) folgt einer Autofahrt durch Oklahoma zu einer Ranch in Colorado, auf der eine Erzählerin namens Christine Footballstadien, Maskottchen und Alltagsrituale mit ethnologischer Zärtlichkeit beobachtet. „Plus rien que les vagues et le vent“ (2014) lässt einen namenlosen Franzosen in einer Bar an der Küste Oregons stranden. Er verschränkt die Geschichten seiner Trinkgefährten mit dem Bericht der Lewis-und-Clark-Expedition, bis seine Erinnerung sich auflöst. Die „Romans américains“ (2022) treten als Übersetzungen dreier erfundener amerikanischer Autoren auf, erzählt von Ich-Figuren, hinter denen eine Pseudo-Übersetzerin steht. Der Aufsatz interpretiert diese Texte kontrastiv und fragt, was Amerika in ihnen leistet. Seine These lautet, dass Amerika bei Montalbetti kein Referenzraum ist, sondern ein Repertoire von Erzählschablonen, Bildern und Sprechweisen, an dem das Erzählen selbst verhandelt wird. Die Argumentation beginnt mit vier Szenen und zeigt Amerika nacheinander als Bühne, Strecke, Küste und Maske. Danach liest sie Erzählweise, Poetologie, Metaphorik, Stereotype und intertextuelle Bezüge als Variationen derselben Frage, nämlich wo sich die Autorin im Repertoire aufhält. Sie ist als hörbare Stimme im Erzählertext präsent, als Reisende, die ihren Vornamen nennt, als Fremder, der sein früheres Leben vergisst, und schließlich als Maske. Entlang dieser Verschiebung wird auch die Differenz zu Frankreich jeweils anders verhandelt, als Importware und Zitat, als Standort der Beobachterin, als Körper des Erzählers und als Sprache der Übersetzung. Das Ergebnis ist ein Befund über eine Schreibentwicklung, in der Amerika weniger Gegenstand als Verfahren ist.
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