Genealogie des Hasses: Autobiographie, Antisemitismus und die Poetik der Geschichte bei Édouard Drumont und Christophe Donner

Christophe Donners Roman „La France goy“ breitet, wie der Aufsatz herausarbeitet, ein genealogisches Erzählprojekt aus, in dem individuelle Familiengeschichte und kollektive Ideologiegeschichte ineinandergreifen: Ausgangspunkt ist die archivalische Spurensuche des Ich-Erzählers nach seinem Urgroßvater Henri Gosset, die sich rasch zu einer weit ausgreifenden Rekonstruktion des französischen Antisemitismus seit dem späten 19. Jahrhundert erweitert. Über Gossets soziale Mobilität und seine Verstrickung in das Umfeld von Léon Daudet und Edgar Bérillon wird die Familie direkt in das ideologische Netzwerk der Zeit eingebunden, während parallel die Biographie Édouard Drumonts als „Anatomie des Hasses“ entfaltet wird, die zeigt, wie persönliches Scheitern, soziale Kränkung und mediale Strategien zu einer wirkungsmächtigen antisemitischen Erzählung kondensieren. Ergänzt wird dieses Geflecht durch Gegenfiguren wie die anarchistische Marcelle Bernard sowie durch die genealogische Perspektive auf den Großvater Jean Gosset, dessen Tod im Konzentrationslager die historischen Linien brutal kulminieren lässt. Die Interpretation argumentiert, dass Donners Verfahren weder rein autobiographisch noch klassisch historisch ist, sondern als „genealogische Archäologie“ eine reflexive Poetik des Archivs entwickelt, in der Dokumente, Fiktion und Selbstbeobachtung ineinandergreifen und die Grenzen zwischen Selbst- und Fremdbiographie systematisch unterlaufen werden. Zentral ist dabei die These einer strukturellen Kontinuität des Antisemitismus, die nicht diskursiv behauptet, sondern erzählerisch vorgeführt wird, indem der Roman ideologische, sprachliche und affektive Sedimente über Generationen hinweg sichtbar macht. Donners literarische Leistung wird darin gesehen, den Antisemitismus nicht nur moralisch zu verurteilen, sondern seine ästhetischen und narrativen Attraktionskräfte offenzulegen: Drumonts Erfolg wird als Resultat einer erzählerischen Logik verstanden, die diffuse Ressentiments in eine kohärente Geschichte überführt. Daraus ergibt sich ein anspruchsvoller kritischer Zugriff, der das Schreiben selbst als ambivalente Macht begreift – als Medium sowohl der ideologischen Verführung als auch der aufklärerischen Gegenarbeit – und der den Roman insgesamt als Versuch liest, durch die literarische Durchdringung genealogischer Verstrickungen eine Form von historischer Erkenntnis zu gewinnen, die über bloße Faktizität hinausgeht.

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Das Monster und sein Doppel: Pierre Rivière bei Michel Foucault und Ismaël Jude

Die Rezension stellt zwei radikal unterschiedliche, aber untrennbar miteinander verschränkte Bücher ins Zentrum: den von Michel Foucault herausgegebenen Dokumentarband „Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère“, der den historischen Dreifachmörder Pierre Rivière als Knotenpunkt konkurrierender Diskurse sichtbar macht, und Ismaël Judes „grief“ (éditions verticales, 2022), das genau diese diskursive Einhegung performativ angreift. Während Foucaults Band das im Gefängnis verfasste Memoire Rivières in ein vielstimmiges Archiv einbettet – juristische Akten, medizinische Gutachten, historische Kommentare – und so demonstriert, wie ein Leben durch institutionelle Sprache zum „Fall“ wird, treibt Jude diese Konstellation in die Gegenwart und zerlegt sie von innen: Seine Erzählerin liest Foucault, überschreibt dessen Begriffe (parricide wird zu matricide, sororicide, fratricide) und macht sich selbst zur verdrängten weiblichen Doppelgängerin des Mörders. Die Rezension arbeitet diesen Gegensatz nicht bloß als Differenz zweier Methoden heraus – hier die analytische Distanz der Genealogie, dort die wütende, körperliche, sprachzerstörende Gegenrede –, sondern als eine Art dialektische Bewegung: Foucault zeigt, wie Diskurse sich eines Textes bemächtigen, Jude zeigt, dass auch diese Kritik selbst eine Form der Aneignung bleibt. Dabei verschiebt sich der Fokus entscheidend: Wo Foucault den Text als Kampfplatz zwischen Justiz und Psychiatrie liest und dessen „seltsame Schönheit“ betont, insistiert Jude auf dem, was dabei verschwindet – die geschlechtsspezifische Gewalt, die Körper der Opfer, die Möglichkeit einer anderen, nicht-männlichen Stimme. Die Argumentation der Rezension gewinnt ihre Stärke gerade daraus, dass sie diese beiden Perspektiven nicht gegeneinander ausspielt, sondern als notwendige Spannung begreift: Sie zeigt, wie Foucaults Projekt die Bedingungen schafft, unter denen Jude überhaupt schreiben kann, und zugleich, wie Jude diese Bedingungen sprengt, indem er das Schreiben selbst zur Tat radikalisiert. So entsteht das Bild einer literarisch-theoretischen Konstellation, in der sich eine zentrale Frage immer weiter zuspitzt: Wenn – wie bei Rivière – Text und Tat ineinanderfallen, wer kontrolliert dann ihre Bedeutung? Und wer wird dabei gehört – oder zum Schweigen gebracht?

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Aus dem Film "Leurs enfants après eux"

Die Würde des Verharrens: literarische Rehabilitation der France périphérique bei Nicolas Mathieu

In „Leurs enfants après eux“ (Actes Sud, 2018) erzählt Nicolas Mathieu über vier Sommer hinweg das Heranwachsen einer Generation im sterbenden Industrieraum Lothringens: Im fiktiven Heillange treiben Anthony, Hacine und Stéphanie zwischen Baggersee, stillgelegten Hochöfen und familiären Bruchlinien durch eine Jugend, deren Versprechen – Aufstieg, Freiheit, Selbstentwurf – sich als strukturell blockiert erweisen, sodass selbst ihre intensivsten Erfahrungen von Liebe, Gewalt oder Freundschaft stets an die Schwerkraft eines Raums gebunden bleiben, der keine Zukunft mehr produziert; der Roman verdichtet diese Erfahrung zu einem choralen Panorama, in dem individuelle Biographien weniger als autonome Lebensläufe erscheinen denn als Variationen eines kollektiven Schicksals der Unsichtbarkeit. Demgegenüber verschiebt „Connemara“ (Actes Sud, 2022) die Perspektive in die Gegenwart und in eine andere Lebensphase: Anhand von Hélène, der scheinbar erfolgreichen Aufsteigerin, und Christophe, dem im Herkunftsmilieu Verbliebenen, erzählt Mathieu von der Illusion sozialer Mobilität selbst – Hélènes Rückkehr aus der Pariser Leistungselite in die Provinz offenbart den Aufstieg als Entfremdungsgeschichte, während Christophe die Kehrseite verkörpert, ein Leben der Kontinuität ohne Aufbruch, sodass ihre flüchtige Wiederbegegnung die Unmöglichkeit einer kohärenten Identität zwischen Herkunft und Selbstentwurf sichtbar macht; der titelgebende Sehnsuchtsort bleibt dabei reine Projektion, ein Name für das nicht gelebte Leben. Der Aufsatz liest beide Romane als Diptychon, das den geographischen Raum der France périphérique von der Kulisse zum epistemischen Zentrum erhebt: Raum erscheint hier als Erkenntnisinstrument, in dem sich die Widersprüche der französischen Meritokratie materialisieren, und die Figuren agieren als Träger sozialer Positionen, deren Handlungsspielräume durch Herkunft, Klassenlage und symbolische Ordnungen vorgezeichnet sind. Dabei wird Mathieus Poetik als Spannung zwischen sozialrealistischer Präzision und literarischer Ökonomie beschrieben – als ein Schreiben der Ellipse, das durch chorale Struktur, freien indirekten Stil und die Aufladung von Landschaft, Körper und Alltagsdetails eine universelle Resonanz erzeugt, ohne je ins Abstrakte zu kippen; zugleich insistiert dieses Schreiben darauf, dass die implizite Sozialkritik gerade nicht in expliziten Thesen liegt, sondern in der narrativen Form selbst, in der Konvergenz ohne Katharsis, im „malgré tout“ eines prekären Glücks oder im „cœur en miettes“ einer unerfüllten Existenz. So entsteht das Bild eines Werks, das weder Aufstieg noch Verharren moralisch privilegiert, sondern beide als Varianten desselben double bind begreift – und hierin die politische Kraft seiner Literatur entfaltet.

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Zartes Vernichten: Michel Houellebecq

Michel Houellebecqs Roman „Anéantir“ (2022) breitet das Panorama einer erschöpften Gegenwart aus: Im Zentrum steht Paul Raison, ein hoher Beamter im Umfeld eines französischen Ministers, dessen Alltag von rätselhaften Cyberangriffen, politischer Nervosität und schleichender persönlicher Entfremdung durchzogen ist. Parallel dazu zerfällt sein familiäres Umfeld – der Vater nach einem Schlaganfall, die Geschwister in ihren je eigenen Sackgassen –, bis sich der Fokus zunehmend auf Pauls eigene Erkrankung verlagert. Die Diagnose eines unheilbaren Krebsleidens verschiebt die Perspektive radikal: Was zunächst als politischer Roman beginnt, verdichtet sich zu einer Erzählung des Sterbens, in der überraschend eine fragile Form von Nähe wiederkehrt – insbesondere in der vorsichtigen Wiederannäherung an seine Frau Prudence. Der Roman zeichnet diesen Prozess in langsamer, fast protokollarischer Zeitlichkeit nach und hält die Vernichtung in erzählerischer Schwebe: als etwas, das geschieht, aber durch Beziehungen, Routinen und minimale Hoffnungsschimmer noch aufgehalten scheint. – Der Gedichtband „Combat toujours perdant“ (2026) wirkt demgegenüber wie eine radikale Kontraktion desselben Materials. Hier gibt es keine Handlung, keine Figurenentwicklung, keine Vermittlung durch soziale Kontexte: Die Texte bestehen aus kurzen, scharf geschnittenen Beobachtungen, die den körperlichen und existenziellen Verfall unmittelbar ausstellen. Krankheit erscheint nicht als Verlauf, sondern als Zustand; der Körper nicht als erzähltes Schicksal, sondern als defektes System. Auch die Motive des Romans – Einsamkeit, Sexualität, Altern, Todesnähe – kehren wieder, doch in einer Sprache, die jede Illusion von Kontinuität oder Sinn verweigert. Wo der Roman noch Beziehungen rekonstruiert, kennt der Gedichtband nur deren Abwesenheit oder ihr Echo; wo der Roman Zeit entfaltet, reduziert die Lyrik sie auf abrupte Gegenwartspunkte. Die Rezension liest beide Bücher als komplementäre Formen eines einzigen Projekts, um die allmähliche Vernichtung von Individuum und Gesellschaft darstellbar zu machen. Der Roman agiert dabei als eine Art „Schutzraum“: Er verteilt das Unerträgliche auf Handlung, Figuren und Zeit und macht es dadurch überhaupt erst wahrnehmbar. Der Gedichtband hingegen hebt diese Schutzmechanismen systematisch auf und konfrontiert den Leser mit einer Sprache, die das Ende nicht mehr erzählt, sondern voraussetzt. Im Unterschied zu den kalkulierten Provokationen früherer Texte, die auf Skandal, Überzeichnung und polemische Zuspitzung setzten, operiert dieses Spätwerk mit einer demonstrativen Entleerung: Nicht mehr der Tabubruch erzeugt Reibung, sondern die fast schon protokollarische Nüchternheit eines Schreibens, das jede Pointe verweigert. Ob darin ein Rückschritt oder eine Reifung liegt, entscheidet sich daran, wie man diese Geste liest: als Verlust an Angriffslust – oder als Form von Selbstkritik, die erkannt hat, dass Provokation angesichts der dargestellten Erschöpfung ins Leere läuft und daher durch radikale Verknappung ersetzt werden muss. In dieser Bewegung werden sowohl das Individuelle als auch das Gesellschaftliche gleichsam ausradiert: Das Subjekt schrumpft auf einen funktionierenden oder versagenden Körper, während die Gesellschaft nur noch als diffuse Hintergrundstruktur erscheint, sodass beide Ebenen im selben Prozess der Auslöschung ununterscheidbar werden. So bleibt am Ende eine eigentümliche Schönheit: im gedämpften Licht des Krankenzimmers, wenn Paul und Prudence wortlos nebeneinander liegen, in der langsamen Geste, mit der sie ihm das Essen reicht, im leisen Weiterlaufen der alltäglichen Dinge – Kaffeedampf am Morgen, das Rascheln von Bettwäsche –, während der Körper unaufhaltsam zerfällt und gerade diese unscheinbaren Szenen wie letzte, fragile Inseln im Strom der Auslöschung aufleuchten.

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Zwischen Herkunft und Aufstieg: Romane des Klassenwechsels bei Moraton, Robin und Sizun

Der Artikel stellt drei französische Romane ins Zentrum, die soziale Mobilität aus unterschiedlichen Perspektiven literarisch gestalten: Gilles Moratons „Transfuge“ (Nadeau, 2025), Patrice Robins „Le Visage tout bleu“ (P.O.L., 2022) und Marie Sizuns „10, villa Gagliardini“ (Arléa, 2024). Robin erzählt aus autobiographischer Nähe den Bildungsaufstieg eines Jungen aus einem ländlich-handwerklichen Milieu, dessen beinahe tödliche Geburt und die harte Arbeitswelt der Eltern die soziale Ausgangslage prägen; der Weg in die intellektuelle Sphäre bleibt dabei von Schuldgefühl und körperlich eingeschriebener Herkunft begleitet. Moraton schildert den Werdegang eines Protagonisten aus kleinbürgerlichen oder proletarischen Verhältnissen, der sich über schulische Institutionen Zugang zur kulturellen Elite verschafft, jedoch als „Überläufer“ zwischen den Klassen verharrt und die eigene Metamorphose schonungslos analysiert. Sizun wiederum rekonstruiert die Kindheit eines Mädchens im Nachkriegsparis, das aus der Enge der „villa Gagliardini“ durch Bildung und Selbstdisziplin allmählich in eine andere soziale Sphäre hineinwächst; der Klassenwechsel erscheint hier als leise, innerfamiliäre Verschiebung, die eng mit weiblicher Selbstermächtigung verbunden ist. – Der Aufsatz argumentiert, dass diese drei Romane den Klassenwechsel nicht nur thematisch behandeln, sondern ihn als strukturelles Problem der Narration ausstellen. Im Zentrum steht die Figur des „transfuge“ als doppelt positioniertes Subjekt, das retrospektiv von einer Herkunft erzählt, die es verlassen hat, ohne sie je vollständig abstreifen zu können. Analysiert werden insbesondere die Spannung zwischen erzählendem und erzähltem Ich, das Sprachproblem des sozialen Registerwechsels, die Inszenierung von Bruch oder Kontinuität in der Zeitstruktur sowie die ethische Dimension der Figurenzeichnung. In der vergleichenden Lektüre der Romanschlüsse arbeitet die Rezension heraus, dass Robin auf eine versöhnliche Integration der Herkunft zielt, Moraton die dauerhafte Zwischenstellung betont und Sizun eine stille Form der inneren Kontinuität entwirft. So zeigt die Besprechung, dass Klassenwechsel als literarisches Motiv eine ästhetische und ethische Herausforderung darstellt, weil er Identität, Sprache und Erzählperspektive gleichermaßen in Bewegung versetzt.

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Das Spätwerk als Laboratorium: Jean-Jacques Schuhl und Simon Liberati

Jean-Jacques Schuhls „Les apparitions“ und Simon Liberatis „Performance“ (beide 2022) kreisen um alternde Schriftstellerfiguren, deren körperlicher Verfall zum Ausgangspunkt einer radikal erneuerten literarischen Erfahrung wird. In „Les apparitions“ schildert Schuhl einen Erzähler, der nach einer schweren inneren Blutung und zerebralen Hypoxie von sogenannten „Erscheinungen“ heimgesucht wird: autonome, hochpräsente Bildereignisse, die weder Traum noch Halluzination sein wollen. Der Text entfaltet eine Poetik der Montage, der Zitation und der Entsubjektivierung, in der das Ich zunehmend hinter fremden Bildern, Stimmen und Fragmenten zurücktritt. „Performance“ hingegen erzählt von einem 71-jährigen Autor, der nach einem Schlaganfall durch einen Auftrag über die Rolling Stones zu neuer schöpferischer Energie findet. Diese wird jedoch maßgeblich durch eine skandalöse Beziehung zu seiner jungen Stieftochter gespeist, die als Projektionsfläche eines exzessiven Begehrens wirkt. Liberatis Roman verbindet Krankheit, Dekadenz, Popkultur und Transgression zu einer provokanten Inszenierung des Alterns als ästhetische Grenzerfahrung. – Die Rezension liest beide Romane als paradigmatische Alterswerke, die das Altern nicht als Phase der Bilanz oder Mäßigung, sondern als ästhetisches Extrem begreifen. Sie argumentiert, dass Schuhl und Liberati zwei gegensätzliche, aber komplementäre Modelle des „vieillir créateur“ entwerfen: eine rezeptive, entmächtigende Imagination bei Schuhl, die das Ich im Schreiben nahezu auflöst, und eine aggressive, transgressive Imagination bei Liberati, die gerade im moralischen und körperlichen Niedergang eine letzte Form künstlerischer Souveränität behauptet. Im Zentrum der Analyse steht die These, dass Pathologie, Krankheit und Nähe zum Tod in beiden Texten zur „Denkmaterie“ werden, aus der neue Formen literarischer Intensität hervorgehen. Die Rezension zeigt damit, wie das Spätwerk hier nicht als Abgesang, sondern als Laboratorium fungiert, in dem Literatur ihre eigenen Grenzen im Angesicht der Endlichkeit radikal neu vermisst.

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Die Brüder Goncourt und die Poetik der Verdopplung: Alain Claude Sulzer

Alain Claude Sulzers Roman „Doppelleben“ (2022) ist nun auf Französisch erschienen, mit dem Titel „Les Vieux Garçons“ (2025), er zeichnet mit präziser, kunstvoll distanzierter Sprache das Leben der Brüder Edmond und Jules de Goncourt nach – zwei Schriftstellern, die im Paris des 19. Jahrhunderts untrennbar miteinander leben, denken und schreiben. Sulzer verwebt historische Fakten mit poetischer Imagination: Von den alltäglichen Ritualen und Gesprächen über Kunst und Stil bis zu den leisen Katastrophen ihres Privatlebens entfaltet sich ein Kammerspiel über Abhängigkeit, Krankheit und schöpferische Obsession. Der Roman begleitet die Brüder von ihrem literarischen Aufstieg bis zu Jules’ körperlichem und geistigem Verfall, den Edmond mit verzweifelter Fürsorge, aber auch mit ästhetischer Kälte beobachtet.

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Autosoziobiographie als französische Gattung

Autosoziobiographie: Poetik und Politik, hrsg. von Eva Blome, Philipp Lammers und Sarah Seidel, Abhandlungen zur Literaturwissenschaft, Metzler, 2022.

Der Sammelband „Autosoziobiographie: Poetik und Politik“, herausgegeben von Eva Blome, Philipp Lammers und Sarah Seidel, widmet sich der Untersuchung einer literarischen Textform, die seit Didier Eribons Rückkehr nach Reims (Retour à Reims, 2009/2016) eine unübersehbare Konjunktur erlebt. Die Herausgeber verfolgen die Intention, dieses „noch junge Genre“ zu sichten, zu systematisieren und zu reflektieren, um es als relevantes literaturwissenschaftliches Forschungsobjekt zu etablieren und die literarische Form (Poetik) im Kontext ihrer politischen und gesellschaftsanalytischen Ansprüche zu untersuchen. Die Beiträge diskutieren aktuelle autosoziobiographische Texte und ihre literarhistorischen Kontexte unter den drei Schwerpunkten ‚Literarische Epistemologie des Sozialen‘, ‚Zum Politischen der Form‘ und ‚Transition und Narration‘.

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Boualem Sansals Werk heute: Rebecca Hohnhaus

Zum Sachstand: Ausschluss aus den nationalen Begnadigungen Die Situation des algerisch-französischen Schriftstellers Boualem Sansal bleibt weiterhin kritisch. Am 1. Juli 2025 bestätigte ein algerisches Berufungsgericht das Urteil der ersten Instanz und verurteilte den 80-jährigen, schwer kranken Autor erneut zu fünf Jahren Haft ohne Bewährung. Ihm wird vorgeworfen, die „nationale Einheit“ Algeriens verletzt zu haben. Diese …

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Die Welt vervollständigen: Alice Zeniter

Alice Zeniters Werk „Toute une moitié du monde“ (Flammarion, 2022, deutsch: „Eine ganze Hälfte der Welt“, aus dem Französischen von Yvonne Eglinger, Berlin-Verlag, 2025) ist eine stimulierende Reflexion über die Fiktion, die sich aus ihren persönlichen Erfahrungen als Leserin und Autorin speist und eine umfassende Revision unserer Art, Geschichten zu lesen und zu erzählen, anregt. Das vorliegende Buch versteht sich explizit nicht als streng wissenschaftlicher Essay, sondern vielmehr als eine gedankliche Exkursion oder eine meditative Reflexion, die persönliche Reflexionen, literaturtheoretische Überlegungen und gesellschaftliche Kritik frei miteinander verknüpft.

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François Truffaut und die Literatur

Der Sammelband Correspondance avec des écrivains (1948-1984) (Gallimard, 2022) bietet einen gebündelten Einblick in die Gedankenwelt François Truffauts und seine tief verwurzelte Beziehung zur Literatur, die sein gesamtes filmisches Schaffen durchdrungen hat. Herausgegeben von Bernard Bastide, versammelt dieses Werk eine Fülle von Briefen, die Truffaut von 1948 (er war 16 Jahre alt) bis 1984 (er …

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Non serviam. Politische Literatur heute: Alexandre Gefen

Alexandre Gefen möchte mit seinem Buch „La littérature est une affaire politique“ („Literatur ist eine politische Angelegenheit“) aufzeigen, dass Literatur – entgegen der oft verbreiteten Annahme, sie diene lediglich der Unterhaltung – grundsätzlich eine politische Angelegenheit ist. Ein zentrales Anliegen Gefens ist ein Fokus darauf, dass zeitgenössische französische Schriftsteller, obwohl sie die klassische Vorstellung von „engagierter Literatur“ ablehnen, keineswegs ästhetisch gleichgültig gegenüber den politischen Problemen ihres Landes sind. Vielmehr nutzen diese Autoren ihre Erzählungen sehr oft als Werkzeug zur Analyse von Ungleichheiten. Sie bedienen sich dabei Elementen der Autobiografie oder des Reportage, um soziale Diskurse zu hinterfragen und versuchen manchmal sogar, gesellschaftliche Krisen zu verlängern oder vorherzusehen. Damit weisen sie die Idee eines „Elfenbeinturms“ zurück, in den man sie einsperren möchte und den sie nicht länger ertragen. Sie erfüllen soziale Anforderungen, indem sie an literarischen Residenzen teilnehmen, zum Beispiel in Regionen, Krankenhäusern, Altenheimen oder mit Jugendlichen und Migranten. Das Buch enthüllt somit ein beeindruckendes Panorama einer „kämpferischen und modernen Literatur, die unsere Gesellschaft verändern möchte“.

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Frankreichs Topologie der Gewalt. Narrative Modellierungen im extrême contemporain: Markus Alexander Lenz

Die vorliegende Studie Die verletzte Republik: erzählte Gewalt im Frankreich des 21. Jahrhunderts (Mimesis 101, Berlin: De Gruyter Brill, 2022) widmet sich einer hochaktuellen und gesellschaftlich drängenden Thematik: der Darstellung und Reflexion von Gewalt in der französischen Gegenwartsliteratur. Der Autor, Markus Alexander Lenz, bietet eine tiefgehende Analyse aktueller Erzähltexte, die größtenteils in der zweiten Dekade …

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Das Übernatürliche als Ausdruck der Zeit im Roman: Anne-Sophie Donnarieix

Anne-Sophie Donnarieix‘ Monographie Puissances de l’ombre: le surnaturel du roman contemporain (Presses universitaires du Septentrion, 2022) bietet eine differenzierte Analyse der Präsenz des Übernatürlichen in der französischen Gegenwartsliteratur. Das Buch verfolgt das ambitionierte Ziel, die vielfältigen Erscheinungsformen und Funktionen des Übernatürlichen in einem literarischen Kontext zu verorten, der einerseits von einer Krise des Rationalismus gezeichnet …

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Das neue Athen: Laurent Gaudé

Gaudé inszeniert in „Chien 51“ (2022) eine düstere Parabel über die Degradierung des Menschen zur Ressource, über das Vergessen kollektiver Geschichte, über die Verlagerung staatlicher Gewalt in privatwirtschaftliche Hände – und über das letzte Aufflackern von Menschlichkeit in einem entseelten System. Der Roman thematisiert nicht nur soziale Ungleichheit, sondern geht weit darüber hinaus: Er stellt Fragen nach moralischer Integrität, individueller Handlungsmacht, Erinnerung, Rache und Erlösung – mit einer eindrucksvollen Sprache, die zugleich analytisch kühl und liturgisch verdichtet wirkt.

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Zum Gedächtnis: Pierre Nora (1931–2025)

Am 2. Juni 2025 ist der bedeutende französische Historiker Pierre Nora im Alter von 93 Jahren in Paris gestorben. Als Herausgeber der monumentalen siebenteiligen Werkreihe „Les Lieux de mémoire“ (1984–1993) prägte er entscheidend das Verständnis der nationalen Erinnerungskultur und trug maßgeblich zur Reflexion über die französische Identität bei. Geboren 1931 in Paris, entkam Pierre Nora als Kind der Verfolgung durch die Gestapo. Diese frühe Erfahrung prägte sein Denken über Geschichte, Gedächtnis und Nation tiefgreifend. In zwei Büchern aus den letzten Jahren legte Nora Memoiren vor, „Jeunesse“ (2022) und „Une étrange obstination“ (2023), um frei über sein Leben als Verleger und Historiker zu berichten und insbesondere seinen Werdegang nachzuzeichnen.

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Transgression bei Guillaume Lebrun: Jeanne d’Arc und Héliogabale

Guillaume Lebruns Romane „Fantaisies guérillères“ (2022) und „Ravagés de splendeur“ (2025) erzählen Geschichte als Produkt von Fiktion, Macht und Inszenierung. Der Artikel analysiert, wie Lebrun Jeanne d’Arc zur feministischen Medienfigur umcodiert und den römischen Kaiser Héliogabale als transidente Mystikerin der Dekadenz stilisiert. Mittelalter und römische Antike dienen als ästhetischer und ideologischer Resonanzraum für Fragen von Identität und Fiktion: In „Fantaisies guérillères“ wird Jeanne von einer Frauenclique erfunden und strategisch in Szene gesetzt als Symbol weiblicher Gegenmacht. In „Ravagés de splendeur“ führt die Überschreitung in Anlehnung an Antonin Artauds „Héliogabale“ in einen brutalen Tod, dieser Tod markiert die Unvereinbarkeit von Héliogabales Existenz mit einer Ordnung, die das Andere auslöschen muss. Lebrun versteht Literatur als Affektmaschine und Störinstanz – seine Sprache will nicht abbilden, sondern destabilisieren und befreien, in diesen queeren, mythopoetischen Transgressionen.

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Im Wald verwandelt sich der Mensch

De loin, la forêt, la grande forêt, forme un infini, un continent où couve une inquiétude ancienne. Elle peut intimider, épouvanter aussi. Passer outre craintes et tremblements et participer à la cérémonie qui s’y ordonne. À l’approche de ce nuage d’ombres s’élève la beauté, celle des cathédrales d’avant les hommes, celle des bêtes antiques. Au bout du chemin du regard, se perdent la confusion des lisières, le treillis des épaisseurs de feuillages et des nouvelles pousses de printemps. Il n’est plus question de revenir sur ses pas ; l’attrait grandit, je me hâte. Sauter un fossé, remonter la courte pente d’un talus, traverser les fouillis des ramures, s’égratigner : je me déracine, je me grise, je m’abstrais des souvenirs. Une fois passées les mailles couturées des taillis de ronciers à mûres qui enfoncent dans la terre leurs rameaux pour se reproduire, l’on parle bas, comme par crainte d’être surpris lors d’un échange secret. Ici est le lieu de la confidence sans éclats de voix. J’entre en résonance, je reçois la forêt comme une grâce. À ce moment tout bascule, un frisson froid parcourt l’échine, le cœur bat plus vite, la gorge se noue. L’agitation vous porte et ce que vous ressentez devient inexprimable. Sous les feuillées, le promeneur part pour un voyage sans retour.

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Kein Bedürfnis, über ihre Existenz zu sprechen

Toujours sur le qui-vive, nous échangions par gestes référencés pour évaluer la menace et prévenir l’agression. Dans l’intimité, c’était un langage de mains, de toucher, de caresses ou de coups, parfois ponctué de grognements ou de cris outragés.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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