Die Mutter, die Sprache, der Wahnsinn: Antonin Artaud bei Justine Lévy

Justine Lévys Roman „Son fils“ (Stock, 2021) erzählt das Leben Antonin Artauds aus der Perspektive seiner Mutter Euphrasie und entwirft in Form eines fiktiven Tagebuchs das eindringliche Porträt einer Frau, die ihren Sohn liebt, besitzt und gerade deshalb nie wirklich versteht. Anstelle einer werkzentrierten Künstlerbiografie rückt der Roman die Erfahrung von Krankheit, Entfremdung und Verlust in den Mittelpunkt und lässt Artauds Denken nur indirekt, gleichsam als Echo in der Wahrnehmung seiner Mutter, hervortreten. Die vorliegende Rezension zeigt, wie Lévy historische Fakten und literarische Fiktion zu einer Biofiktion verbindet, deren erzählerische Kraft gerade aus der Spannung zwischen der begrenzten Sicht der Erzählerin und dem Wissen der Lesenden entsteht. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Frage, welches Bild Artauds aus dieser radikal subjektiven Perspektive hervorgeht, sowie die literarischen Verfahren, mit denen der Roman Motive seines Werks – etwa den „Körper ohne Organe“, die Ablehnung biologischer Herkunft oder das Theater der Grausamkeit – aufnimmt, ohne sie ausdrücklich zu erläutern. Zugleich wird untersucht, wie Form, Sprache und Perspektivierung den mütterlichen Besitzanspruch ebenso sichtbar machen wie dessen fortschreitendes Scheitern und den Roman damit zu einer Reflexion über die Grenzen biografischen Verstehens werden lassen.

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Transgression bei Guillaume Lebrun: Jeanne d’Arc und Héliogabale

Guillaume Lebruns Romane „Fantaisies guérillères“ (2022) und „Ravagés de splendeur“ (2025) erzählen Geschichte als Produkt von Fiktion, Macht und Inszenierung. Der Artikel analysiert, wie Lebrun Jeanne d’Arc zur feministischen Medienfigur umcodiert und den römischen Kaiser Héliogabale als transidente Mystikerin der Dekadenz stilisiert. Mittelalter und römische Antike dienen als ästhetischer und ideologischer Resonanzraum für Fragen von Identität und Fiktion: In „Fantaisies guérillères“ wird Jeanne von einer Frauenclique erfunden und strategisch in Szene gesetzt als Symbol weiblicher Gegenmacht. In „Ravagés de splendeur“ führt die Überschreitung in Anlehnung an Antonin Artauds „Héliogabale“ in einen brutalen Tod, dieser Tod markiert die Unvereinbarkeit von Héliogabales Existenz mit einer Ordnung, die das Andere auslöschen muss. Lebrun versteht Literatur als Affektmaschine und Störinstanz – seine Sprache will nicht abbilden, sondern destabilisieren und befreien, in diesen queeren, mythopoetischen Transgressionen.

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