Die Mutter, die Sprache, der Wahnsinn: Antonin Artaud bei Justine Lévy

Justine Lévys Roman „Son fils“ (Stock, 2021) erzählt das Leben Antonin Artauds aus der Perspektive seiner Mutter Euphrasie und entwirft in Form eines fiktiven Tagebuchs das eindringliche Porträt einer Frau, die ihren Sohn liebt, besitzt und gerade deshalb nie wirklich versteht. Anstelle einer werkzentrierten Künstlerbiografie rückt der Roman die Erfahrung von Krankheit, Entfremdung und Verlust in den Mittelpunkt und lässt Artauds Denken nur indirekt, gleichsam als Echo in der Wahrnehmung seiner Mutter, hervortreten. Die vorliegende Rezension zeigt, wie Lévy historische Fakten und literarische Fiktion zu einer Biofiktion verbindet, deren erzählerische Kraft gerade aus der Spannung zwischen der begrenzten Sicht der Erzählerin und dem Wissen der Lesenden entsteht. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Frage, welches Bild Artauds aus dieser radikal subjektiven Perspektive hervorgeht, sowie die literarischen Verfahren, mit denen der Roman Motive seines Werks – etwa den „Körper ohne Organe“, die Ablehnung biologischer Herkunft oder das Theater der Grausamkeit – aufnimmt, ohne sie ausdrücklich zu erläutern. Zugleich wird untersucht, wie Form, Sprache und Perspektivierung den mütterlichen Besitzanspruch ebenso sichtbar machen wie dessen fortschreitendes Scheitern und den Roman damit zu einer Reflexion über die Grenzen biografischen Verstehens werden lassen.

➙ Zum Artikel
Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.