Republik der Gelehrten: Jena, Thüringen und die deutsche Innerlichkeit bei Alberto Rollo

Résumé
Alberto Rollos Roman „Le attitudini“ (Neri Pozza, 2026) lässt einen italienischen Professor den Briefwechsel zweier Menschen rekonstruieren, die sich 1793 in Neapel begegnen: Marianna Di Dio, genannt Nenna, eine Waise aus dem Salento, die im Haus des britischen Gesandten Hamilton lesen, singen und Sprachen lernt, und Bruno Röder, ein Student aus Fliederoda, der in Jena zwischen Fichte, Schiller, den Brüdern Schlegel und Novalis seinen Platz sucht. Sie sehen sich nicht wieder. Bruno erkrankt an der Lunge und stirbt 1803, bevor er Ancona erreicht, wo man sich treffen wollte, und was danach geschah, füllt der Professor mit Vermutungen, während sein eigener Sohn vor Gericht steht. Der Aufsatz liest dieses Buch als Erzählung über Deutschland und entwickelt seine Deutung in fünf Schritten: Jena erscheint als Gelehrtenrepublik, die den fehlenden Nationalstaat ersetzt; pietistische Innerlichkeit und kaufmännischer Zweckverstand wachsen in derselben Familie; die deutsche Italiensehnsucht wird von einer Italienerin umgekehrt, die den Norden zurückliest; dem Heiligenkult um Novalis steht das Leben unbekannter Zeitgenossen gegenüber; und die Lücken der Überlieferung, geprägt von Bomben, Zufall und Nachlässigkeit, bilden die Gedächtnisform eines Landes, das sich aus Resten erinnert. Aus diesen Schritten folgt die These, dass Rollo die Epoche als Haltung beschreibt und nicht als Staat, als eine Haltung, die zugleich echt und inszeniert ist und an Napoleon, an der Restauration und am Geschäftssinn der eigenen Verwandtschaft scheitert, sich aber als Geste weitergeben lässt. Die Stärke der Argumentation liegt darin, dass sie die Verklärung, die der Stoff nahelegt, am Text selbst prüft und mit den Vettern, den Quellenlücken und Mariannas Selbstbehauptung gegenliest.

 

Deutschland als Briefwechsel, ein Professor als Leser

Der Erzähler in Alberto Rollos Le attitudini (Neri Pozza, 2026) ist ein pensionierter italienischer Professor, Kenner des neapolitanischen Settecento und der Opernlibretti. Er hat einen Briefwechsel in die Hände bekommen, den eine Metallkassette durch den Bombenangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 getragen hat, dazu Briefe und ein Notizbuch aus einem Schrank in einem Palazzo im Salento. Daraus will er die Geschichte von Marianna Di Dio, genannt Nenna, und Bruno Röder aus Fliederoda in Thüringen rekonstruieren. Die Arbeit läuft neben einem brüchigen Alltag: Der Professor schläft schlecht, seine Frau plant medizinische Einsätze in Afrika, der ältere Sohn Guglielmo lebt in Seattle, der jüngere, Marco, steht vor einem Strafverfahren, in das er durch dubiose Geschäftspartner geraten ist. Eine Reise nach Thüringen bleibt lange ein Plan, und ein Freund aus Stuttgart sagt ihm, das gesuchte Land gebe es nicht mehr.

Die Briefe setzen im Herbst 1793 ein. Nenna wuchs als Waise im Salento auf, des Lesens unkundig, und kam als Dienstmädchen einer Marchesa nach Neapel. Dort nahmen sie Sir William Hamilton und seine Frau Emma im Palazzo Sessa auf. Nenna lernte Sprachen, Gesang und Zeichnen und sah Emmas „Attitüden“ mit, die lebenden Bilder nach antiken Vorlagen. Bruno, Sohn einer Witwe aus dem Kreis der Herrnhuter, war auf seiner Italienreise ihr Vorleser geworden, mit Homer und Schiller. Zurück in Thüringen steht er unter dem Druck seiner Mutter und seines Onkels Martin, eines Textilunternehmers, der seine Ausbildung und sein Geld kontrollieren will. Bruno setzt das Studium in Jena durch und schreibt von dort an Nenna, immer mit dem Versprechen, bald nach Neapel zu kommen.

In Jena findet Bruno seinen Freund Heinrich Müller wieder und gerät in den Umkreis von Fichte, Schiller, den Brüdern Schlegel, Tieck und Friedrich von Hardenberg, der sich später Novalis nennt. Er hilft bei der Zeitschrift „Athenaeum“, sieht Hardenbergs kranke Braut Sophie und erfährt später von ihrem Tod, und er selbst wird lungenkrank. Als er 1794 nach Rom reist, wirft ihn ein Fieber nieder. Nenna macht sich auf den Weg zu ihm und kehrt in Caserta um. Danach folgen Jahre, in denen sich beide nur schreiben, mit Lücken im Material, die der Professor eingesteht. Nenna verliert ihre Vertraute Carmela, lernt bei Giuseppe Carena Spitz Deutsch und Mozart und wird 1799, als in Neapel die Republik ausgerufen und niedergeschlagen wird, in den Salento zurückgeschickt. Dort führt sie ihr Notizbuch und findet in der Nonne Veronica eine Freundin.

Bruno stirbt 1803 im Haus seiner Mutter, im Arm Heinrichs, ohne Ancona erreicht zu haben, wo man sich treffen wollte. Spitz meldet es Nenna in einem Brief, der mitten im Satz abbricht. Nenna verabschiedet sich von der Marchesa, die sie widerwillig und doch mit Zuneigung gehen lässt, und reist mit Veronica nach Ancona. Was danach geschah, gibt keine Quelle her. Der Professor stellt sich vor, dass Marianna und Heinrich ein Paar wurden, und stützt sich dabei auf die Fotografie eines Grabes auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Das Buch schließt mit einem langen Brief an Marco vor dessen Verhandlung: Man solle der Zukunft nichts aufbürden und im Gegenwärtigen standhalten.

Jena ersetzt den Nationalstaat durch eine Republik der Gelehrten

Bruno schreibt an Nenna, es gebe in diesem Deutschland so viele Universitäten wie Kleinstaaten, und nur Fichte denke in Richtung einer Nation. Der Roman macht daraus eine These: Wo der politische Raum fehlt, besetzt der Geist das Gelände. Jena mit seinen Hörsälen, Wirtshäusern und dem Haus der Schlegels in der Leutragasse wird zu einem Staat auf Zeit, mit eigener Währung (Ideen), eigener Öffentlichkeit („Die Horen“, „Athenaeum“) und eigenem Rechtsgefühl (dem freien Willen). Die Revolution, die in Paris Köpfe rollen lässt, kommt in Rollos Thüringen als Kant-Lektüre und Ich-Philosophie an. In den Briefen von Wackenroder und Tieck wird die Hinrichtung der Königin beiläufig erwähnt, und Bruno spricht von der Guillotine wie von einer Szene aus den Tragödien, die er in der Schule gelesen hat. Heinrich schreibt nach Hardenbergs Tod, Europa hätte in Jena entstehen können, vielleicht sei es sogar entstanden, ohne dass man es bemerkt habe. Der Professor antwortet im Schlussbrief trocken: Nicht Jena habe Europa geschaffen, sondern Bonaparte. Die Verschiebung der Revolution ins Innere erscheint damit als Leistung und als Grenze zugleich.

Herrnhuter Innerlichkeit und Kaufmannsnüchternheit teilen dieselbe Familie

Brunos Mutter Anna führt in Fliederoda eine kleine Gemeinde aus Brüdern und Schwestern, die Psalmen liest und Choräle singt, darunter eine Fassung von Bachs „Meine Seel‘ erhebt den Herren“. Bruno findet diese Frömmigkeit milde und etwas langweilig, übernimmt aber von ihr die Technik, in sich hineinzugraben, die später als Fichtes Ich zurückkehrt. Ihr Gegenstück sind Onkel Martin und die Vettern Theodor und Werner, die aus der Textilfabrik des verstorbenen Vaters Zahlen machen und später Armeen beliefern, gleichgültig, wer die Rechnung begleicht. Ihr Geschäft wird, wie der Professor nachrecherchiert, von einem größeren Haus aus Bielefeld geschluckt. Der Roman zeigt Deutschland um 1800 als Gesellschaft, in der religiöse Selbstprüfung und bürgerlicher Zweckverstand aus demselben Boden wachsen und sich im Wohnzimmer gegenübersitzen. Die Pietisten bleiben dabei keine Karikatur: Die Mutter lässt ihren Sohn ziehen, die Haushälterin Bertha spricht ihm Mut zu, und beim Sterben singt ihm die junge Sopranistin der Gemeinde vor. Die Geschäftsleute stellen die Rechnung, die Frommen pflegen.

Die deutsche Italiensehnsucht trifft eine Italienerin, die zurückliest

Winckelmann, Goethe und die Grand Tour liefern den Stoff, aus dem Bruno und Heinrich ihre Südvorstellung bauen. Bruno sieht in Nenna Nausikaa und eine Nymphe, und er stellt sich ihr Land golden vor wie die Datteln, die sie in Neapel gemeinsam aßen. Nenna dagegen ist Besitz der Marchesa, die sie „meine Sache“ nennt, und ihr Süden riecht nach Kapern, Tuff und Stallwärme. Sie antwortet auf Brunos Goldbild mit der Bemerkung, der Dattel gelte bei ihnen wenig, und sie bleibt bei der Kaper. Emmas Attitüden zeigen dieselbe Schieflage: Die Antike wird zur Pose einer Frau aus einfachen Verhältnissen, vor Männern, die sammeln, und Sir Williams Bilder lagern teils in Kellern. Während Bruno den Süden nie wieder erreicht, lernt Nenna Deutsch, übersetzt Verse aus dem Deutschen und singt Mozart. Das Notizbuch erwähnt Bruno kaum, und er hat es nie zu lesen bekommen. Rollo dreht die deutsche Richtung der Sehnsucht um: Am Ende kommt der Süden im Norden an, wenigstens in der Vorstellung des Professors, der Marianna durch die Dresdner Galerie gehen lässt.

Das Sterben der Frühen: Heiligenkult um Novalis, Alltag der Unbekannten

Heinrich Müller fasst die Lage in einem Brief zusammen: Die Generation sei zwischen zwei Romanen aufgewachsen, dem „Werther“ und dem „Wilhelm Meister“, zwischen den Anfällen des Selbstmörders und der Klarheit des Bürgers. Novalis, dessen Braut Sophie mit fünfzehn stirbt und der selbst mit einem Taschentuch am Mund durch Jena geht, wird von Tieck und Schlegel noch zu Lebzeiten zum Heiligen verklärt. Bruno erkrankt an der Lunge, liegt in Rom im Fieber, fährt nach Bad Bocklet zur Kur und schreibt trotzdem Briefe, in denen das Fragment zur Lebensform wird. Rollo stellt dem Mythos vom früh vollendeten Genie eine Gegenfigur zur Seite: einen jungen Mann, dessen Verse nie erscheinen und dessen Briefe nur als Abschriften überleben. Der Professor betont im Schlusskapitel, Marianna und Bruno seien keine Protagonisten gewesen, und gerade das sei sein Gegenstand. Epochen bestehen demnach aus Nebenfiguren, die dem Fieber der Zeit ausgesetzt sind, ohne dass jemand ein Denkmal für sie errichtet. Heinrich, der überlebt und liebt, trägt die Zeitgenossenschaft weiter.

Archive und Lücken als deutsche Gedächtnisform

Das Material liegt nicht in einem Archiv, sondern in einer Kassette, die einem Dresdner Buchhändler gehörte und über Zürich weiterwanderte, und in einem schiefen Schrank, den die Trägheit der Besitzer rettete. In Dresden rettete ein Zufall, im Salento die Nachlässigkeit. Briefe fehlen, Tinte verblasst, Archivsignaturen sind im Text nur mit Sternchen angedeutet. Marco schlägt vor, die Fetzen mit Fixiermittel zu sichern, und der Freund aus Stuttgart rät, von Thüringen nicht viel zu erwarten. Der Roman macht daraus ein Verfahren: Der Professor verzichtet auf allwissendes Erzählen und legt jede Lücke offen, bevor er sie mit Vermutungen füllt. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs stehen im Hintergrund jeder Spur, vom Dresdner Neumarkt bis zu zerstreuten Sammlungen, die ein Porträt Brunos unauffindbar machen. Wer deutsche Vergangenheit sucht, so lässt sich das lesen, findet sie als Restbestand, den man mit Imagination ergänzen muss. Das Grab in Berlin, das ein Freund fotografiert, ist am Ende ein belegbarer Hinweis, an dem sich die Vermutungen festhalten.

Eine Generation ohne Staat, aber mit Haltung

„Attitudini“ bedeutet im Roman dreierlei. Es sind Emma Hamiltons lebende Bilder, die Anlagen und Neigungen, die in den Menschen stecken, und die Haltung, mit der Bruno und seine Freunde der Welt begegnen: Die Welt solle sich nach dem Ich richten, wie es eine Notiz formuliert, die der Professor in seinem Taschenbuch mit sich trägt. Rollo erzählt Jena als Augenblick, in dem eine Gesellschaft ohne Staat sich eine Haltung zulegt, die aus freiem Willen, Innerlichkeit, Südsehnsucht und der Überzeugung besteht, Bildung könne Macht ersetzen. Emmas Posen spiegeln das auf unbequeme Weise, denn Pose und Leben lassen sich in beiden Fällen nicht sauber trennen. Die Haltung ist echt und zugleich inszeniert, und sie scheitert an der Politik, die in Gestalt Napoleons, der Restauration von 1815 und der Waffenhändler in der eigenen Verwandtschaft über sie hinweggeht.

Der Roman nimmt die Gegenwart des Professors als Gegenbild. Dort gibt es Wohlstand, Flugverbindungen und schnelle Nachrichten, aber keine Szene, in der junge Menschen glauben, sie könnten die Welt neu denken. Marco steht für diesen Mangel. Die Eingangsfrage, ob man ewig jung bleiben kann, beantwortet das Buch mit Nein und mit dem Hinweis, dass sich Haltungen weitergeben lassen, als Brief, als Fund, als Ton. Das Deutschland dieses Romans ist ein Briefwechsel und keine Nation, ein Land, das in der Vorstellung eines Italieners entsteht, der es nur aus Papier kennt. Wer Rollo Verklärung vorwerfen will, findet im Text selbst die Gegenargumente: die Vettern, die Lücken, die Krankheiten und eine Frau aus dem Süden, die sich vom Bild der Geliebten löst und ein eigenes Leben beginnt.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Republik der Gelehrten: Jena, Thüringen und die deutsche Innerlichkeit bei Alberto Rollo." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Oktober 3, 2026 at 12:49. https://rentree.de/2026/10/02/republik-der-gelehrten-jena-thueringen-und-die-deutsche-innerlichkeit-bei-alberto-rollo/.

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