Die Stunde als Maß: Zeit, Rand und Bildentzug bei Giorgio Falco
Giorgio Falcos Roman „Di ora in ora“ (Einaudi, 2026) erzählt in vier Kapiteln, wie ein Ich aus der Mailänder Peripherie, aufgewachsen auf einem zugeschütteten Hafenbecken, ein Maß für sein Leben sucht: im Kinderspiel mit leeren Batterien, in der Fotografie, die es aufgibt, in der Dauerkunst Tehching Hsiehs und schließlich in einem Jahresprojekt, das tote Schaben in einer Garage zum Archiv machen soll und den Erzähler zum Schädlingsbekämpfer werden lässt. Zwischen Szenen, in denen er Kanaldeckel hebt, eine Maus auf der Leimfalle ansieht und in einer Klinik durch einen niedrigen Kriechkeller robbt, wächst ein Buch, das statt der vorgesehenen vierundzwanzig Fotografien nur Sätze zeigt. Es misst ein Leben in Minuten und Stunden, bis am Ende ein Novembernachmittag am Fluss steht, an dem eine Wassermelonenpflanze den Winter nicht überleben wird und der Erzähler beschließt, nicht mehr zu töten. Der Aufsatz liest das Buch als Prosa des Bildentzugs. Seine These lautet, dass an die Stelle des fotografischen Bildes die Einheit der Stunde tritt und dass sich Raumgefüge, Figurenkonstellation, Metaphorik und Erzählhaltung aus dieser Ersetzung ableiten lassen. Das Argument geht von der Landschaft aus, die auf Zerstörung gegründet ist, verfolgt die ‚Minuzie‘ (winzige Kleinigkeiten, Reststücke, Nebensächliches) als Zeit- und Erzählprinzip, untersucht den Rand als Ort von Bild und Verletzung und fragt, ob Dauerkunst ohne Töten zu haben ist. Der Roman erklärt seine Poetik nicht, sondern führt sie in Szenen vor, dabei unterliegen auch Männlichkeit, Arbeit und Kunstglaube des Erzählers der Prüfung. Eine Prosa des Bildentzugs zwingt den Leser, die Bilder selbst herzustellen und dabei zu bemerken, wie viel an einem Blick Erinnerung, Erwartung und Sprache ist, sodass er das Buch nicht betrachtet wie ein Foto, sondern Satz für Satz durchlebt wie eine Stunde.
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