Beute und Andacht: Naturdarstellung bei Franck Maubert

Franck Mauberts Prosaband "Histoires naturelles" (Mercure de France, 2022) führt Weg, Wald, Fluss und Garten in siebzehn Texten zusammen, deren Sprache selbst zum Gegenstand der Betrachtung wird: kurze, oft subjektlose Satzreihungen ahmen das atemlose Gehen nach, Kathedralen- und Architekturvokabular verwandelt Baumkronen in Kirchenschiffe, und ein wiederkehrendes Oxymoron – der tote Baum, der weiterwächst, die „demütige Souveränität“ der Eichen – hält Verfall und Schönheit in derselben Formulierung fest, ohne sie aufzulösen. Ein Aufsatz zu diesem Band zeigt, wie sich diese kunstvolle, bildreiche Prosa mit einer literaturwissenschaftlichen Analyse von Gattung, Erzählperspektive und Metaphorik verbinden lässt: Der Text steht in der Tradition des Nature Writing, verbindet darin jedoch, in einer für die Gattung charakteristischen Spannung, das Prosagedicht mit dem naturkundlichen Sachbuch und der Jagdliteratur und hält so zwei einander widersprechende Zugriffsweisen auf die Natur gleichzeitig offen – die zärtliche Andacht vor dem Lebendigen und den ungerührten Bericht über seinen Verzehr. Semantische Felder von Wasser, Fleisch und Stein durchziehen den ganzen Band und verdichten sich zu einem Bild der Natur als verletzlichem, doch beharrlich lebendigem Körper, während der Erzähler selbst, in seiner Auflösung im Wald oder am Fluss, die Grenze zwischen Beobachter und Beobachtetem immer wieder aufhebt – jene enge Verschränkung von genauer Naturbeobachtung und autobiografischer Erinnerung, die das Nature Writing von der reinen Naturkunde unterscheidet. So liest sich Mauberts Buch zugleich als sinnliches Naturerlebnis und als reflektierte Poetik des Schreibens, die dem Leser vorführt, dass genaue Naturbeobachtung und literarische Form einander nicht ausschließen, sondern bedingen.

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