Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.
Das Auge an der Zapfsäule: Alexandre Labruffe
Der Aufsatz liest Alexandre Labruffes „Chroniques d’une station-service“ (éds. Verticales, 2019) als radikale Umcodierung des Romans hin zu einer Poetik des Ephemeren: Im Zentrum steht eine Pariser Tankstelle, die nicht bloß als Schauplatz, sondern als Wahrnehmungs- und Schreibform fungiert. Aus der Perspektive eines namenlosen Tankwarts entfaltet sich ein Geflecht aus Mikroszenen, fragmentarischen Beobachtungen und lose verknüpften Erzählfäden – etwa wenn ein betrunkener Kunde verzweifelt nach den Dichtern ruft, während auf den Überwachungsmonitoren sein Gang zum „hinkenden Flamingo“ verzerrt wird; wenn nachts das Muhen einer Kuh aus einem Viehlaster im Nebel zu einer unerwartet lyrischen Szene anschwillt; oder wenn das flackernde Neonschild „HORIZON“ allmählich Buchstaben verliert und den Ort selbst ins Verschwinden kippen lässt. Die Studie zeigt, wie die formale Zersplitterung, die mediatisierte Wahrnehmung (Überwachungsbilder, Bildschirme, Codes) und die zyklische Zeitstruktur eine Ästhetik des Durchgangs erzeugen, in der Konsum, Begehren und apokalyptische Imagination ineinandergreifen. Im Rückgriff auf Konzepte des „Nicht-Orts“ wird die Tankstelle als paradoxes Zentrum einer globalisierten Transitwelt lesbar, in der Subjektivität sich nur noch als flüchtige Registratur von Zeichen konstituiert. Zugleich arbeitet der Aufsatz die autopoetologische Dimension des Textes heraus: Der Verlust des eigenen Manuskripts wird zur poetischen Matrix eines Romans, der sich selbst als Fragment und Rest inszeniert. So erscheint Labruffes Debüt als melancholisch-ironische Reflexion auf die Bedingungen des Erzählens im Spätkapitalismus.
➙ Zum Artikel