Der perfekte Mord als Chimäre: Julie Wolkensteins Spiel mit Wahrheit und Macht
Julie Wolkensteins 2026 bei P.O.L. erschienener Roman „Chimère“ entfaltet sich während des ersten Lockdowns 2020 als raffinierte, polyphone Wiederaufnahme eines angeblich längst abgeschlossenen Falls: 1994 stürzte der manipulative Kunstsammler Osmond nach einer Vernissage in Rom in den Tod. In einem „falschen“ Kriminalroman, der weniger nach dem Täter als nach der Wahrheit fragt, rekonstruieren fünf Frauen – Tante, Schwester, Freundin, Komplizin und Witwe – aus unterschiedlichen medialen und sprachlichen Perspektiven das Leben eines Mannes, dessen psychische Unterwerfung („emprise“) ihre Biografien deformiert hat. Intertextuell eng an Henry James’ „The Portrait of a Lady“ angelehnt und zugleich durch das naturwissenschaftliche Paradox des Mikrochimärismus strukturiert, verbindet der Roman Familienuntersuchung, Genderreflexion im Licht von #MeToo und kriminalistische Spannung zu einer „chimärischen“ Poetik der Identität. Die Rezension liest „Chimère“ als Wendepunkt in Wolkensteins Werk: als Rückkehr zur Fiktion nach autobiografischen Büchern, als Hommage an James und als virtuos konstruiertes Spiel mit Wahrheit, Erinnerung und Befreiung – ein Roman, der zeigt, dass jede Enthüllung zugleich Projektion bleibt und dass selbst der perfekte Mord nur im Medium des Erzählens seine Form gewinnt.
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