Der Artikel liest Gisèle Pelicots „Et la joie de vivre“ (2026, zit. als EJV) nicht als bloße Aufarbeitung eines spektakulären Strafprozesses, sondern als literarisch reflektierte Selbstkonstitution durch Sprache: Der Text erzählt die Geschichte einer Frau, die nach der schockartigen Enthüllung systematischer Gewalt – vermittelt über die fragmentarische, dissoziative Struktur des Erinnerns, über Rückblenden in eine von Verlust geprägte Kindheit und über die schrittweise Eskalation der Verbrechen ihres Mannes – ihr eigenes Ich erst wieder hervorbringen muss, indem sie es erzählt. Zentral ist dabei die Verschiebung von Scham und Deutungshoheit: Ausgehend von einer internalisierten Beschämung, die sich in der Unfähigkeit artikuliert, das Geschehene als eigenes Erleben anzuerkennen („Non, ce n’est pas moi“), entwickelt das Buch eine Poetik der Wiederaneignung, in der Benennung, Namenswahl und Erzählinstanz zu Akten der Selbstermächtigung werden. Die narrative Organisation folgt dabei nicht der Chronologie des Geschehens, sondern der Logik des Traumas – in Schichten, Brüchen und Wiederholungen –, während wiederkehrende Motive wie das Ritual des gedeckten Frühstückstisches oder die Lichtsymbolik der Landschaften Gegenräume zur Gewalt eröffnen. Im letzten Teil kulminiert diese Bewegung im öffentlichen Gerichtsprozess, der als Bühne eines gesellschaftlichen Diskurses über patriarchale Gewalt inszeniert wird und in Pelicots Entscheidung zur Transparenz seinen politischen Höhepunkt findet: „La honte doit changer de camp“ wirkt als ethische und strukturelle Peripetie. Die Lektüre analysiert diese Entwicklung als konsequent autofiktionales Projekt, das zwischen therapeutischem Schreiben und literarischer Gestaltung vermittelt: Sie zeigt, wie Pelicots Text implizit eine Poetik entwirft, in der Schreiben weder Dokumentation noch Fiktion ist, sondern eine existentielle Praxis, die das Subjekt überhaupt erst hervorbringt. Zugleich liest der Artikel die lebensbejahende Tonlage – die vielfach als „Hymne an die Resilienz“ rezipiert wurde – nicht als affirmative Glättung, sondern als hart erarbeitete Gegenlektüre zur Gewalt, die sich in unspektakulären Gesten der Autonomie (allein leben, den eigenen Namen wählen, lieben können) manifestiert. Die Argumentation zielt damit darauf, das Buch aus der Sphäre des rein Zeugenschaftlichen zu lösen und als literarisch anspruchsvolle, formal reflektierte und politisch wirksame Arbeit zu begreifen, deren eigentliche Radikalität in der Behauptung liegt, dass das Wiederfinden der eigenen Worte identisch ist mit dem Wiederfinden des eigenen Lebens.
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