Vier Finalisten zum Prix Goncourt, vier Arten, mit einem Verlust umzugehen: Bei Sylvain Prudhomme verschwindet eine Fotografin an einem gesperrten Bergsee, und ein Erzähler, der nie am Unsichtbaren zweifeln will, rekonstruiert ihre letzten Wochen, bis ihm der See selbst zurückzublicken scheint. – Yannick Haenel schickt einen 22-jährigen Referendar durch neun Jahre Vorstadtschule, lässt eine antike Vase zersplittern und verwandelt Pausenhof und Tennisplatz in einen Garten Eden, der erst in den etruskischen Gräbern von Tarquinia sein Lachen findet. – Philippe Jaenada schlägt eine Polizeiakte von 1949 auf, folgt den Spuren einer toten Seine-Anwohnerin, die Maler als Modell kannten, und erzählt in verschachtelten Klammern, Abschweifungen und Maigret-Zitaten, wie aus einer Unbekannten wieder eine Person mit Tochter und Geschichte wird. – Clémentine Mélois packt anderthalb Tage lang Umzugskartons und lässt jeden Senftopf, jeden Hosenanzug und jede Küchenpapierrolle eine Geschichte freigeben, bis hinter dem Hausrat eine gescheiterte Liebe sichtbar wird. Wer lesen will, wie Erzählen Verschwundenes, Zerbrochenes, Vergessenes und Verpacktes bewahrt, findet hier vier Formen dafür.
Der Strom als Erzählprinzip und Infrastruktur als Landschaft: Philippe Vasset
Philippe Vassets Roman „Dans les grandes lignes“ (2026) erzählt von einem namenlosen Ich-Erzähler in den Fünfzigern, der dem Autor biographisch zum Verwechseln ähnelt, am Hafen von Gennevilliers ein Summen unter Hochspannungsleitungen hört und beschließt, ihnen zu Fuß zu folgen, nur entlang von Höchstspannungsleitungen, immer in Sicht- und Hörweite der Masten, ohne Karte. Aus dem Gang um den Pariser Ring wird ein Jahr der Wiederholungen, das über die Alpen und den Ärmelkanal bis an den Bildschirm führt, auf dem der Erzähler dem Netz durch Europa und den Nahen Osten weiter folgt, bis der Betreiber seine interaktive Karte abschaltet und vom Strom nur ein innerer Sprechgesang bleibt. Der Aufsatz liest diese Wanderung als Entstehungsgeschichte des Textes, der von ihr berichtet. Er argumentiert, dass sich die Form des Gegenstands, Ring und Netz, in Raum, Zeit und Satzbau des Romans wiederholt und dass die Krise bei Melun, in der der Erzähler im eigenen Weg die Wiederholung seines früheren Werks erkennt, aus einer Obsession ein Schreibverfahren macht. Von dort aus verfolgt er, wie der Roman den bedeutungslosen Mast mit Bildfeldern von der Musik bis zur Ritterschaft auflädt und mit seiner Naturbeobachtung ein Nature Writing mit umgekehrten Vorzeichen betreibt. Kanonische Vorlagen von Cervantes bis Rimbaud erweisen sich als unpassend, bis die Gesangslinien der Aborigines dem Erzähler ein Modell liefern. Der Seitenblick auf Vassets „Une vie en l’air“ und „La conjuration“ zeigt dieselbe Geste in früheren Büchern, und der Vergleich vom äußeren Rauschen zum selbst erzeugten Murmeln stützt die These, dass das Gehen in diesem Buch bereits Schreiben ist.
➙ Zum ArtikelSchweigen der Archive: verborgenes Begehren, historische Metafiktion und queere Erinnerung bei Pauline Valade
Pauline Valades Roman „Bruno et Jean“ (Actes Sud, 2024) geht von einer dürren Aktenlage aus: Der Schuhmachergeselle Bruno Lenoir und der Domestik Jean Diot wurden am 6. Juli 1750 auf der Place de Grève erdrosselt und verbrannt, als letzte in Frankreich wegen Homosexualität zum Tod Verurteilte. Für die Geschichte von Männlichkeiten zeigt der Roman, dass Männlichkeit im Paris von 1750 keine einheitliche Norm war, sondern ein Feld verschiedener Praktiken: Es reicht von der uniformierten, gewaltbereiten Männlichkeit des Guets über die körperliche Kraft des „fort des Halles“ bis zur Zärtlichkeit des Handwerkers, der vor seinem Geliebten kniet, und zu den travestierten Rollen der Kellerfeste, und es wird von den Männern der Justiz selbst heimlich unterlaufen. Damit erscheint Männlichkeit als Rolle, die im Alltag ausgehandelt, aufgeführt und überwacht wurde, und die homosexuelle Praxis gehört als Teil dieses Spektrums dazu, bevor sie im Recht zur Gegenfigur der „richtigen“ Männlichkeit gemacht und bestraft wird. Die Historikerin, die zuvor die verordnete Freude der Pariser Monarchiefeste erforscht hat, erfindet zu Verhörprotokoll, Urteil und Datum ein Leben hinzu: ein sinnlich dichtes Paris von 1749/50, eine Wahlfamilie aus Wäscherin, Schreiber und Findelkind, eine geheime Subkultur aus Kellern, Gärten und Cabarets. Der Aufsatz liest den Roman als Experiment an der Grenze von Geschichtsschreibung und Fiktion und verfolgt drei Spannungen: zwischen historiographischer Verantwortung und Imagination, zwischen unterdrücktem Begehren und den Codes, die es zugleich verbergen und überliefern, und zwischen der Sterblichkeit der Körper und der Dauer von Stein, Schrift und Akte. Er argumentiert, dass der Text Männlichkeit und Homosexualität nicht als Identitätskategorien vorführt, die es 1750 noch nicht gab, sondern als Praxis, Zugehörigkeit und Zeichensystem. Die Bildfelder von Feuer, Wasser, Stein und Klang sowie die Gegenüberstellung von Anfang und Schluss machen die Erinnerungsarbeit selbst zum Thema. Der Roman erscheint so als Gegenarchiv, das seine eigene Unvollkommenheit offenlegt und gerade dadurch Vertrauen gewinnt: Die Historiographie eines tabuisierten Begehrens stößt auf ein doppeltes Schweigen. Was nicht gesagt werden durfte, wurde nicht aufgeschrieben, und was die Justiz festhielt, hält nur die Sprache der Verfolgung fest, so dass die Betroffenen fast nur als Gegenstand von Protokollen überliefert sind. Valades Roman begegnet dieser Lage, indem er die Lücke nicht schließt, sondern als Methode ausstellt, und so zeigt, dass sich die Geschichte verborgener Liebe nur als Wechselspiel von Quellenkritik und eingestandener Imagination schreiben lässt.
➙ Zum ArtikelDer Rand als Erzählmaschine: zur Funktion der Pariser Banlieue in einigen Gegenwartstexten
Wer wissen will, was die Pariser Banlieue in der Gegenwartsliteratur leistet, sollte nicht nach Vorstadtromanen suchen, sondern nach Erzählformen. In zweiundzwanzig Büchern aus den Jahren 2014 bis 2026 ist der Rand der Hauptstadt selten Thema und fast immer Bauprinzip: Bei Agnès Riva und Jérémie Guez beginnen Geschichten auf den Baustellen des Jahres 1973, bei Claire Vesin wird aus einem Neubaugebiet ein Chor von Gerüchten, bei Lucie Bérard wandert ein Hochhaus in Syntax und Körper, bei Julie Peyr wird eine Flussinsel zum geschlossenen Kreis des Erinnerns. Die Banlieue gibt den Büchern ihre Zeitgliederung, ihre Vielstimmigkeit und ihren Rhythmus, bei Chloé Delchini den des Rap, bei Diaty Diallo den des Basses, und sie dient als Archiv, in dem Familien wie bei Vanessa Springora und Nadia Henri-Moula ihre Geschichte verbergen. Der Vergleich zeigt zugleich, dass sie nie für sich steht: Sie braucht eine Mitte, die selten erreicht wird, und wird so zum Maßstab, an dem Krankenhäuser, Schulen und Städte ihr Selbstbild prüfen. Der Essay liest die Vorstadt als Resonanzraum, in dem hörbar wird, was im Zentrum ungesagt bleibt. Chambaz‘ Buch ist ein Spaziergangsbericht, Springoras und Pilles Bücher stehen der Autobiografie nahe, die übrigen sind Romane. Keines dieser Bücher ist ein Banlieue-Roman im engen Sinn. Die Vorstadt ist selten Gegenstand der Handlung, aber fast immer Bedingung des Erzählens: Sie legt fest, woher jemand kommt, in welcher Zeit er spricht, wie lange ein Weg dauert und wer gehört wird. Der Essay fragt deshalb weniger, was über die Banlieue gesagt wird, als wie sie in den Bau der Texte eingreift. Er geht Buch für Buch vor, gibt jedem Titel eine kurze Inhaltsangabe und zeigt, wie Stimme, Zeitform, Gliederung oder Motivik mit dem Vorstadtraum zusammenhängen.
➙ Zum ArtikelBeirut-Fiktion bei Alexandre Najjar: zwischen Zeugenschaft, Metapher und Abschied
Alexandre Najjars Roman „Le syndrome de Beyrouth“ erzählt die Geschichte der Journalistin Amira Mitri, die 1960 in Beiruts Viertel Gemmayzé geboren wird, den Bürgerkrieg erlebt, nach Paris flieht und zwanzig Jahre später als Reporterin zurückkehrt – nur um zu erleben, wie ihre Stadt sich zwar äußerlich wiederaufbaut, aber politisch nicht genesen kann, bis die Explosion des Beiruter Hafens am 4. August 2020 alle Illusionen zerstört und sie endgültig ins französische Exil nach Saint-Malo treibt. Der vorliegende Aufsatz untersucht, wie Najjar dieses persönliche und nationale Scheitern nicht durch direkte Aussage vermittelt, sondern durch ein subtiles Zusammenspiel von formalen Mitteln – einer zwischen Fiktion und Zeugenschaft schwankenden Erzählform, einer Raum- und Zeitstruktur, die private Erinnerung mit dokumentierter Geschichte verschachtelt, und einem dichten metaphorischen Feld aus Körper, Wasser und Krankheit – zur Geltung bringt; dabei zeigt sich, dass der Roman sein eigentliches Thema, das titelgebende „Beirut-Syndrom“ (die Resignation, die sich als Resilienz tarnt), nicht löst, sondern nur räumlich verlagert, sodass selbst die Flucht zu keiner Befreiung führt, sondern die Bindung an einen Ort zur schmerzlichen Daueraufgabe macht. Beirut entsteht in diesem Roman als Palimpsest mehrerer überlagerten Städte zugleich: eine historisch verfallene (durch siebenfache Zerstörungen und biblische Prophezeiung geprägt), eine politisch korrumpierte (durch Klientelismus, Hisbollah-Hegemonie und institutionelles Versagen), eine religiös vibrierende (in der achtzehn Konfessionen als alltägliche Geräuschkulisse präsent sind) und eine sinnlich gegenwärtige Stadt (erfasst durch Düfte der Kindheit, Café-Gespräche, Straßenlaute), deren weiblicher Körper nach der Explosion buchstäblich zu dem biblischen „nackten Felsen“ wird, auf den die Erzählerin am Anfang nur fragende Angst richtete. Dies ist das Besondere von Najjars Beirut: Sie wird nicht erklärt, sondern durch die Verflechtung von journalistischer Genauigkeit, persönlicher Trauma und dichter Metaphorik erfahrbar gemacht – eine Stadt, die man nicht verlassen, sondern nur mit sich fortschleppen kann.
➙ Zum ArtikelTotem und Roman: die Schuld als Schreibauftrag bei François-Régis de Guenyveau
François-Régis de Guenyveaus Roman „Totem“ (Pauvert, 2026) erzählt, wie eine Kindheitsfreundschaft zwischen dem armen Adelssohn Pierre und dem charismatischen Sacha Leblanc-Dumas in einer Nacht während eines Pfadfinderlagers 2001 zerbricht, als Sacha Opfer eines grausamen Übergriffs wird, von dem Pierre nichts ahnt; zwanzig Jahre später, als Personalberater für ein europäisches KI-Rüstungsunternehmen, glaubt Pierre, Sacha in einem Zug wiederzuerkennen, und begibt sich auf eine Recherche, die ihn über das Geständnis seiner Schwester, Sachas Tagebuch und einen ehemaligen Priester im Geheimdienst schließlich zur Erkenntnis führt, dass sein Freund vor Jahren unter ungeklärten Umständen ertrunken ist und zu einem verdeckten Agenten europäischer Souveränität geworden war, während Pierre selbst in die Abhängigkeit des amerikanischen Investors gerät, dessen Sohn einst der Täter jener Nacht war. Der Aufsatz liest diesen Stoff nicht als bloße Familiengeschichte, sondern entwickelt die These, dass der Roman seine eigene Titelmetapher, das Totem als Figur, die jedem Menschen seine Weltbeziehung ordnet, konsequent auf sich selbst anwendet: Er zeigt, wie Erzählperspektive, Zeitschleifen, Raumsymbolik und ein Netz aus Radiohead-, Homer- und Nietzsche-Referenzen darauf hinarbeiten, dass die Schlusszeile den Anfangssatz buchstäblich neu schreibt und damit den ganzen Roman als jenen Text ausweist, zu dem der Erzähler, von Sacha einst „der Schriftsteller“ genannt, erst am Ende die Feder ansetzt; die Argumentation verbindet auf diese Weise eine private Schuldgeschichte mit einer Diagnose europäischer Ohnmacht gegenüber technologischer und kapitaler Übermacht, ohne dem Text am Schluss eine moralische Auflösung abzuverlangen, die er selbst verweigert.
➙ Zum ArtikelPrix Renaudot 2026, dritte Auswahl: Désérable, Djaïz, Lewat, Percin
Der Überblicksartikel stellt vier Romane der dritten Auswahl des Prix Renaudot vor, die in der Reihe der bereits besprochenen Titel noch fehlten. In „Le Palais“ von François-Henri Désérable wird der aus einem Müllhaldenslum in Delhi nach Burgund verkaufte Arun Kumar mit seinem absoluten Gaumen zum Weinkenner, Rächer und Fälscher. David Djaïz begleitet in „La méthode“ den Arzt Paul Remlinger, der im Konstantinopel von 1910 einen Plan zur Tötung der streunenden Hunde entwirft, und zeigt, wie aus der Hygienemaßnahme ein Muster für spätere Vernichtungspolitik wird. In „Un corps indocile“ von Osvalde Lewat kämpft der kamerunische Schneider Deffo Deffo mit einem Körper, der ihm nicht gehorcht, und gerät in die Textilindustrie zwischen Kamerun und China, wo ein Fabrikbrand und ein Tötungsdelikt seine Geschichte rahmen. Anne Percin rekonstruiert in „Eugénie sous les bombes“ aus dem Heft ihres Urgroßvaters die Reise der kranken Eugénie durch das bombardierte Paris vom März 1918. Die Argumentation folgt einem festen Raster: Jede Besprechung verbindet eine knappe Inhaltswiedergabe mit einer Deutung, die Form und Thema aufeinander bezieht, und endet in einer begründeten Bestimmung dessen, was am Text preiswürdig ist. So liest der Artikel Désérables Roman als Schelmenstück über die Frage, wem Kennerschaft gehört, Djaïz‘ Buch als Ideenroman über eine Methode, die ihren Zweck vergisst, Lewats Text als Sozialdrama, dessen Näh- und Körpermotive die Ökonomie dahinter sichtbar machen, und Percins Buch als Beschwörung, die dem Wissen um das Ende die Hoffnung als eigentliche Hauptfigur entgegensetzt. Die Einleitung stellt dazu in je einem Satz den Charme der Bücher heraus und bindet sie an die zwei bereits ausführlich besprochenen Titel der Auswahl zurück, „Stay Free“ und „Heures sauvages“. Das gemeinsame Thema, was ein Mensch von seiner Herkunft mitträgt und wofür er einstehen muss, ergibt einen Zusammenhang, der die vier Porträts als Vergleich lesbar macht.
➙ Zum ArtikelEntscheidungen unter fremdem Takt: Zum Erscheinen des deutschen Bandes 9 der Deutsch-Französischen Geschichte, 1933–1945.
Der von Alya Aglan, Johann Chapoutot und Jean-Michel Guieu verfasste Band 9 der Deutsch-Französischen Geschichte (deutsch 2026 als Open Access-Band) stellt die Jahre 1933 bis 1945 unter die Frage, welche Entscheidungen in einer Epoche möglich waren, die rückblickend wie ein Verhängnis aussieht. Er verfolgt in drei chronologischen Kapiteln, wie Frankreich das nationalsozialistische Deutschland deutete, umwarb und fürchtete, weshalb die Verständigungspolitik der späten 1930er Jahre in München und in der Erklärung Bonnet–Ribbentrop endete und wie Vichy und die Besatzer ihre ungleiche Kollaboration aushandelten, während Widerstand und Befreiung die Legitimität verschoben. Drei vergleichende Kapitel über Europaentwürfe, Unterdrückungssysteme und den Krieg gegen die Zivilbevölkerung ergänzen den Überblick. Die Rezension prüft, ob dieser Leitbegriff trägt, und bejaht es dort, wo der Band Zeitzeugen sprechen lässt: Blums plausible Fehleinschätzung von 1932, die Anschlussfähigkeit französischer Eliten an eugenische und antisemitische Denkmuster und die Korrektur eines oft falsch datierten Blum-Zitats zeigen Kontingenz am Material. Die Rezension wertet als Ertrag die Rezeptionsgeschichte des Nationalsozialismus in Frankreich, den Befund einer asymmetrischen Kollaboration und die ambivalente Europa-Idee, die später in die Nachkriegsordnung einging. Sie bemängelt zugleich, dass der Handlungsspielraum nicht gemessen wird, die deutsche Seite blasser bleibt als die französische und Kolonialreiche, Wirtschaft sowie die Gewaltgeschichte der Besatzung angekündigt oder ausgeklammert werden. Abschließend liest sie den Band als Vorgeschichte von Band 10 und sieht dort an die Stelle der Kontingenzfrage die Frage nach der Versöhnung treten.
➙ Zum ArtikelDas Gesicht als Frist: Nathalie Azoulai
Nathalie Azoulais „Le Nouveau Visage“ (2026) beginnt mit einer Szene, die man kaum vergisst: Im Januar 2025 brennen in Los Angeles die Viertel, und die Autorin sieht in den Flammen nicht nur Häuser verschwinden, sondern Gesichter, Porträts und Filmstills, die sich in der Hitze verziehen und in Rauch aufgehen. Von diesem Bild aus folgt das Buch der Kosmetikchirurgie durch die Boulevards von Beverly Hills, die Operationssäle, die Kinosäle und die Wohnzimmer, in denen Freundinnen Fotos vergleichen und um das Alter einer Schauspielerin streiten. Es erhebt dabei keine moralische Anklage und verteidigt auch keine Freiheit um jeden Preis, sondern beobachtet, was geschieht, wenn das Gesicht, jene Stelle, an der ein Mensch für andere sichtbar wird, nicht mehr den Spuren der Zeit folgt, sondern einem Programm. Der vorliegende Essay liest das Buch als Beschreibung einer „Frist“: Das Gesicht wird zur Zone, in der Dauer und Werden miteinander ringen, und die Chirurgie verlängert, verschiebt oder verschleiert diese Zeit, ohne sie aufheben zu können. Die Argumentation verbindet drei Ebenen. Erstens die Gegenüberstellung von Dauern und Werden, die das Kino als Medium der Wiederkehr ebenso erfasst wie den Eingriff als Versuch, Vergänglichkeit am lebenden Körper zu verabschieden. Zweitens Emmanuel Levinas‘ Begriff des Antlitzes als Anspruch, der fragt, ob ein geglättetes Gesicht noch Verletzlichkeit zeigen und damit eine ethische Antwort hervorrufen kann. Drittens die Geschlechterasymmetrie, die sich vor allem am männlichen Gegenbild zeigt: Der Mann darf Falten als Charakter tragen, während die Frau sie als Mangel verbergen soll, und sein Alter wird eher in Kapital oder Macht übersetzt als in Begehren. Die Stärke des Aufsatzes liegt in der konsequenten Verknüpfung dieser Ebenen, die aus einer Beobachtung über Oberflächen eine Frage nach Zeit, Anspruch und Geschlecht entwickelt. Seine Grenze liegt darin, dass die männliche Perspektive auf den Rand des Buches angewiesen bleibt, weshalb sie eher als Kontrastfolie denn als eigenständige Analyse erscheint. Zudem übernimmt der Essay die empirischen Befunde der Autorin, etwa zu Eingriffszahlen und zur Geschichte einzelner Schauspielerinnen, weitgehend ohne deren Quellenlage zu prüfen, was bei einem Thema, das so stark von Gerüchten und Selbstauskünften lebt, eine methodische Schwachstelle bleibt.
➙ Zum ArtikelCatherine Cusset und drei Lektüren von Prousts Recherche
Catherine Cusset legt mit „Ma vie avec Marcel Proust“ (Gallimard, 2025) keine Einführung in die „Recherche“ vor, sondern einen Essay, der Prousts Roman mit dem eigenen Leben vergleicht und nach drei Lektüren gegliedert ist: Mit fünfzehn liest sie ihn als Roman der Liebe, in dem die Analyse von Eifersucht, Warten und Schweigen ihrem Liebesleid eine Sprache gibt; mit zwanzig als Roman der Gesellschaft, dessen Komik sie entdeckt und in dem sie sich selbst, indiskret und gaffensüchtig, in der Figur des ungeschickten Bloch wiedererkennt; mit fünfzig als Roman des Schreibens, den sie nach dem Suizid eines Freundes liest, der Proust fast auswendig kannte, aber nie ein Werk schuf. Die Rezension zeichnet diese Dreiteilung nach und deutet sie: Die erste Lektüre wirke wie eine Übersetzung unbenennbarer Zustände, die zweite verbinde das Lachen mit einem Urteil, das Cusset auf sich selbst bezieht, die dritte kehre den Zugang der ersten um, denn Proust helfe nun, fremdes statt eigenes Leiden zu verstehen. Zugleich folge Cusset dem Weg des Erzählers, der von Liebe und Gesellschaft enttäuscht wird und erst in der Kunst Halt findet, gewinne Proust aber als Werkzeug statt als Ziel zurück. Das Buch endet mit der Entscheidung für die Kirche als Ort der Gemeinschaft, womit sich Cusset zu dem bekennt, was Proust beim Schreiben für sich ausschloss: die Freundschaft.
➙ Zum ArtikelKlemperer in Kalifornien: Cécile Alduy und die Sprache des neuen US-Regimes
Cécile Alduys Buch „D’abord ils sont venus chercher les mots“ (2026) untersucht die Liste von mehr als 250, später über 380 Wörtern, die seit Januar 2025 aus Webseiten, Förderanträgen und Verwaltungstexten der US-Bundesbehörden getilgt werden. Die Stanforder Literaturwissenschaftlerin liest sie als Frühwarnsystem. Die Liste ist amtlich nie erlassen worden, sondern entsteht aus dem Auftrag, Programme zu listen, aus datenbankgestützten Stichwortsuchen und aus dem vorauseilenden Gehorsam von Behörden, Unternehmen und Hochschulen. Diesem Wortentzug folge der Personenentzug, von gestrichenen Förderungen über abgebrochene Gesundheitsdaten bis zu Festnahmen und Haft. Im dritten Teil entwirft Alduy mit Klemperer, Arendt und Orwell die Theorie eines Sprachregimes, das nicht überzeugen, sondern binden will, Fakten durch Mythen ersetzt und die Sprache des Gegners löscht. Der Aufsatz prüft diese Argumentation in drei Schritten. Er zeigt erstens, dass Alduys Stärke in der Formanalyse der Liste und in der belegten Genealogie von Dekret, Behördenmemo, Übererfüllung und Kopie liegt, weil sie Zensur als Verfahren und nicht als Wortschatz beschreibt. Zweitens fragt er, ob der behauptete Zusammenhang zwischen Wortverbot und Gewalt über die Plausibilität des Kontinuums hinaus belegt ist, und verweist auf die unscharfe Beleglage der Liste und die Spannung zwischen Pluralitätsanspruch und fehlender Auseinandersetzung mit Gegenpositionen. Drittens prüft er, wie tragfähig die Übertragung auf Frankreich ist. Er kommt zu dem Schluss, dass das Buch als analytisches Zeitzeugnis überzeugt und zugleich einen Fragenkatalog liefert, den die Forschung empirisch und vergleichend einlösen müsste.
➙ Zum ArtikelDas Gold, die Fliegen und der Dauphin: Semantik der Zersetzung und der Erneuerung im Jahr 1661 bei Camille Pascal
Camille Pascals Roman „Le Bal des foudroyés“ (Robert Laffont, 2026) erzählt in datierten Szenen die Monate zwischen dem 7. Februar und dem 1. November 1661: das Sterben des Kardinals Mazarin, die Kunst seines Testaments, die Selbsternennung Ludwigs XIV. zum regierenden König, den Sturz des Surintendanten Nicolas Fouquet von den Festen in Fontainebleau und Vaux bis zur Verhaftung in Nantes, und als Gegenstimme das Elend einer Landgemeinde im Vendômois. Der Aufsatz liest den Text als Roman, der Geschichte konsequent als Theater organisiert. Er zeigt, dass ein auktorialer, ironischer Erzähler die Figuren als Rollenträger führt, dass Raum und Zeit als Bühne und Spielplan funktionieren, dass sich die Herrschaft über Blick, Schrift und Zeremoniell durchsetzt und ihre Opfer an den Rand des Bühnenbilds drängt, dass Gold, Körper, Fliegen und Licht ein dichtes Metaphernnetz bilden und dass die weiblichen Figuren eine Schattenmacht ausüben, die den männlichen Maskeraden gegenübersteht. Über Intertexte (Corneille, Molière, Ovid, Bibel) und intermediale Bezüge (Tapisserie, Ballett, Porträt) entwirft der Roman zudem eine Poetik, nach der Herrschaft vor allem als geschriebener, geprobter und aufgeführter Text entsteht. Der Vergleich von Anfang und Schluss führt zur These, dass die Macht des Königs am Ende nur deshalb tragfähig erscheint, weil der Roman ihre Gemachtheit unablässig vorführt.
➙ Zum ArtikelKünstlerroman im Zeitraffer: Die Poetik der Scham bei Esther Teillard
Esther Teillards „Fuck Circus“ ist eine temporeiche Gesellschaftssatire und zugleich ein melancholisches Kammerspiel, das den Liebeskummer einer jungen Frau in einer einzigen Sommernacht als Brennglas für moderne Beziehungsneurosen und urbane Entfremdung nutzt, und der Roman (Grasset, 2026) erzählt diese Nacht so: Eine namenlose junge Frau wird in einer südfranzösischen Hafenstadt von ihrem Geliebten verlassen, zieht durch die Stadt, erinnert sich an ihre Kindheit, an ihre erste Liebe Alma und an die schweigsame Mutter und landet in einer Konzept-Bar, wo sie im Gespräch mit einem Produzenten, einem Politiker, einer Aktivistin und einem Mann, der sich für einen Nachfahren Chateaubriands hält, mehrere eigene Romane entwirft, bis dieser Mann mit einem Jagdgewehr zurückkehrt und Literatur als Lösegeld verlangt. Indem die nächtliche Suche nach Trost in der skurrilen Bar zu dieser absurden Geiselnahme eskaliert, entlarvt der Roman die hohlen Sprachspiele und Machtkämpfe des zeitgenössischen Bürgertums und Literaturbetriebs, wobei Teillard schwarzen Humor mit existenzieller Verletzlichkeit verknüpft und die Frage stellt, ob Kunst angesichts der rohen, unberechenbaren Dynamiken menschlicher Beziehungen Schutz bietet oder selbst Teil des Zirkus ist. Der Aufsatz liest das Buch als Künstlerroman im Zeitraffer, und seine These lautet, dass der reale Roman die Verfahren seiner fiktiven Bücher selbst anwendet, nämlich kalte Beschreibung, seltene Wörter, politische Undurchsichtigkeit und vor allem die Bindung des Lesers durch Scham, um diese Poetik dann an einer Lage zu prüfen, in der Bücher niemanden mehr beschützen, was er an Zeit, Raum, Stimme, Figuren und Geschlechterordnung zeigt, an der Gegenüberstellung von Anfang und Schluss und an einem Ort, der als Utopie erscheint: der Bibliothek als einzigem gemeinsamen Raum.
➙ Zum ArtikelDer Blick, der sich selbst blendet: Mythos und Schuld bei Lilia Hassaine
Lilia Hassaines 2019 erschienener Debütroman „L’œil du paon“ erzählt die Geschichte der jungen Héra, die von der dalmatinischen Insel ihres Vaters Adonis – die seit einem mittelalterlichen Mönchsfluch von Unglück gezeichnet ist – nach Paris geschickt wird, wo sie im großbürgerlichen Haushalt ihrer Tante Agathe aufwächst, sich zur gefeierten Fotografin entwickelt und dabei den fortschreitenden, tödlich endenden Missbrauch ihres jungen Cousins Hugo übersieht, bevor der Roman sie am Ende zur Insel und, in Erblindung und Tod, an seinen mythischen Ausgangspunkt zurückführt. Der vorliegende Aufsatz nähert sich diesem Text über die Beobachtung, dass er ein mythisches Personal – Namen wie Héra, Adonis, der sterbende Pfau Titus – in eine explizit sozialrealistische Gegenwartshandlung einschreibt, während er das Wort „Mythos“ selbst vermeidet und seine Geschichte stattdessen als „keine Fabel“ ausweist; aus dieser Spannung zwischen mythischer Anspielung und realistischem Wahrheitsanspruch entwickelt die Analyse ihre Leitfragen. Sie fragt erstens, ob ein Fluch, dem die Hauptfigur selbst keinen Glauben schenkt, in der Fluch-fernen Metropole Paris überhaupt kausale Kraft entfalten kann, zweitens, wie sich der fotografische, professionell geschulte Blick, den Héra zunehmend perfektioniert, zu jenem anderen, ethisch geforderten Blick verhält, der Hugos Leiden hätte erkennen müssen, und drittens, welchen Preis ästhetischer Erfolg – das Herstellen von Bildern – von der Aufmerksamkeit fordert, die dem Wahrnehmen realer Personen gilt. Die zentrale Metaphorik des Pfauenauges – das Sehen, Beobachten, Fotografieren und schließlich buchstäbliches Erblinden ineinanderführt – wird in Bezug auf andere Interpretationsaspekte gelesen und auf einen abschließenden Vergleich von Anfang und Schluss hin bündelt, wodurch der Kreis, den Héras Weg von der Insel zurück zur Insel beschreibt, zugleich als Antwort auf die Frage nach der Wirkmacht des Mythischen im realistischen Roman lesbar wird.
➙ Zum ArtikelSpurensuche. Zu Nicola Denis, „Wo die Kaffeekirschen leuchten“
Nicola Denis‘ zweiter Roman „Wo die Kaffeekirschen leuchten“ (2026) rekonstruiert anhand hunderter Briefe, Fotos und Dokumente aus dem Nachlass der Mutter die ersten Ehejahre ihrer Eltern, die 1953 von Deutschland nach Kolumbien auswandern: Der Vater, ein promovierter Geologe, nimmt eine Dozentenstelle in Tunja an, die Mutter gibt dafür ihr Musikstudium auf und spielt später als Violinistin in Orchestern, 1954 folgt der Umzug nach Bogotá zu einer US-Ölfirma, 1956 endet der Roman mit dem Wechsel nach San Francisco. Was in den Briefen fehlt, füllt Denis mit Archivarbeit, Spürsinn und kindlicher Phantasie, wobei sich Tatsachenbericht und Konstruktion verschränken. Politisch wird das Buch dort, wo die Eltern in Kolumbien ehemaligen Nazis und jüdischen Emigranten begegnen und sich dazu verhalten müssen, zugleich geht es der Tochter um die Frage nach der eigenen Herkunft: Die Gesteinsschichten, die der Vater erforscht, werden ihr zum Bild für Eltern-, Familien- und Selbstgeschichte, ihre Methode nennt sie „Sedimentologie“. Die Frankreich-Bezüge sind vielfältig: Denis hat Balzac, Dumas und Éric Vuillard ins Deutsche übersetzt, die Gattung der „Zwiesprache mit historischen Persönlichkeiten“ ist in Frankreich als „exofiction“ bekannt, Vuillards „La Guerre des pauvres“ (2019) dient als Vergleichswerk, von dem sich Denis durch das persönliche Anliegen der Identitätsfrage abhebt, mit Sartres „Les mots“ teilt das Buch den Akt der Selbstanalyse, und der Rezensent Matthias Mayer deutet den Titel mit Lacans „Ding“ als Bild für das unbewusste Sediment jeder Familiengeschichte.
➙ Zum ArtikelDie Wiederkehr des Verdrängten im Karst: Maryse Vuillermet
In der abgelegenen Jura-Combe von Crêt à la Neuve lässt sich 1977 das junge Paar Isabelle und Tony in einer verlassenen Alphütte nieder und gerät damit in eine bäuerliche Welt, die zwischen Neugier und Misstrauen schwankt; aus dieser Ausgangslage entwickelt Maryse Vuillermet in ihrem Roman „Lapiaz“ über zwei Jahre hinweg eine Kette aus Begehren, Eifersucht und Ausgrenzung, die in der Ehe-Krise von Bernard und Arlette, in der gefährlichen Dreiecksbeziehung mit der Bardame Séverine und schließlich im gewaltsamen Tod Bernards durch die Hand seines Bruders Daniel kulminiert – ein Totschlag, der sich bezeichnenderweise im Lapiaz selbst ereignet, jener von Rissen durchzogenen Karstlandschaft, die dem Buch seinen Namen gibt. Der Aufsatz liest diese Landschaft als Formprinzip des ganzen Romans: Wie Wasser, das unbemerkt durch Kalkstein sickert, um erst kilometerweit entfernt wieder aufzutauchen, arbeiten im Roman verschwiegene Spannungen – sexuelle, familiäre, historische – lange im Verborgenen, bevor sie gewaltsam an die Oberfläche treten. Jede Bewegung zwischen den beiden Welten führt dabei über Schwellenräume, an denen sich diese Spannung bereits vor ihrem Ausbruch entlädt: Der Lapiaz selbst, von Vipern durchzogen, die Isabelle mit einem Stock in Schach halten muss und die Arlette wiederum meisterhaft fängt, wird so zum Prüfstein von Zugehörigkeit und Angst zugleich, während Felskante und Felsspalte als weitere Schwellen den moralischen Bruch räumlich vorwegnehmen. Anhand der polyphonen Erzählstruktur, die eine mündliche Ich-Chronik des alten Bauern Satin mit der personalen Innensicht der jüngeren Figuren verschränkt, sowie anhand dieser Raumsemantik, der Geschlechterordnung und der intertextuellen Bezüge zeigt der Aufsatz, wie Vuillermets Roman die ländliche Peripherie weder als stille Idylle noch als bloßen Schauplatz archaischer Gewalt entwirft, sondern als ein Gefüge, das genau so lange hält, wie seine Risse verborgen bleiben.
➙ Zum ArtikelSteine, Chor und Gewehre: Gewaltgenese in Jérôme Bonnettos Dorfroman
Jérôme Bonnettos „La certitude des pierres“ (Éds. Inculte, 2020) erzählt, wie in einem südfranzösischen Bergdorf aus der Ankunft eines einzigen Zugezogenen – des Schäfers Guillaume, der sich gegen den Widerstand der alteingesessenen Jägerfamilie Anfosso eine Existenz aufbaut – über sechs Jahre hinweg eine Kette kleiner Kränkungen, toter Tiere und stiller Sabotageakte zu jenem Mord heranwächst, der bereits im Prolog als Schuss in die Morgendämmerung angekündigt wird, bevor der Epilog zeigt, wie das gesamte Dorf sich anschließend in ein kollektives, folgenloses Schweigen zurückzieht. Die vorliegende Interpretation liest diesen Roman nicht als Studie eines individuellen Täters, sondern als literarisches Modell der kollektiven Genese von Gewalt: Sie verfolgt, wie eine anonyme Kollektivstimme Verantwortung diffundiert, wie ein Frauenchor und ein Männerbund aus Jägern durch Gerücht beziehungsweise ererbte Kriegs- und Schimpfwortvokabeln denselben Nachbarn schrittweise zum legitimen Feind erklären, wie die titelgebende Steinmetaphorik eine ältere, unverhandelbare Ordnung aus Herkunft und Landbesitz beschwört, und wie eine öffentlich inszenierte Scheinhinrichtung als gescheiterte Generalprobe jener anonymen, heimlichen Tat vorausgeht, mit der der Roman endet – wobei die Verschiebung vom hoffnungsvollen „pourra“ des Prologs zum fatalistischen „doit“ des letzten Saint-Barthélemy die gesamte Bewegung vom offenen Anfang zur geschlossenen Tragödie in einem einzigen grammatischen Detail bündelt.
➙ Zum ArtikelVom Traum zum Tribunal: Wie Jean-Paul Sartres Amerika-Bilder im Werk arbeiten
Yan Hamel liest Sartres Texte über die USA nicht als Meinungen, die sich im Lauf der Jahre vom Bewunderer zum Gegner wandeln, sondern als ein Bildreservoir mit einem unlösbaren Widerspruch im Kern: Individualismus und Konformismus, Freiheit und Unterdrückung. Sein Buch „L’Amérique selon Sartre“ (2013) folgt diesem Reservoir durch drei Stationen, vom erträumten Amerika der Nick-Carter-Hefte, des Jazz und der amerikanischen Romanciers über das bereiste Land der Reportagen, der Putain respectueuse und der New Yorker Szenen im Romanwerk bis zum gehassten Amerika des „monstre sureuropéen“, das in den Büchern zu Rosenberg und Vietnam seinen Platz hat. Methodisch stützt er sich auf die Soziokritik von Duchet, Angenot und Popovic und vergleicht Sartres Bilder mit dem französischen Sozialdiskurs seiner Zeit. Der Aufsatz folgt diesem Gang und prüft ihn an einzelnen Szenen, etwa dem Traum von den hohen Mauern New Yorks, dem Briefbruch von 1953 oder dem Auftritt Sartres vor dem Russell-Tribunal in Roskilde. Seine Argumentation hat zwei Schritte. Zuerst zeigt er, wie Hamel Amerika als Gegenbild zur bürgerlichen Lage, als Lehrstück für das Schreiben und schließlich als Feind liest, der das Engagement erst definiert. Dann wägt er die Gesamtdeutung ab, Amerika sei für Sartres Poetik und Imaginäres, was der Marxismus für seine Philosophie war, ein unüberschreitbarer Horizont. Die Deutung überzeugt dort, wo sie Texte verschiedener Gattungen gleichrangig behandelt. Der Aufsatz benennt aber auch ihre Grenzen: die Last, die ein einzelner Traumabsatz tragen soll, ein Kapitel, das zum Katalog wird, und einen Ton, der dem Handbuch näher steht als der Szene.
➙ Zum ArtikelEin doppeltes Amerika im Spiegel der Häuser: Verwandlung bei Julien Dufresne-Lamy
Julien Dufresne-Lamys Roman „Jolis Jolis Monstres“ (2019) erzählt, wie der ehemalige Harlem-Dragstar James Gilmore alias Lady Prudence in einer nächtlichen Barbegegnung sein Leben zwischen 1980 und der Aids-Ära an den jungen Victor Santiago weitergibt, der unter dem Namen Mia de Guadalajara selbst zur Dragqueen eines landesweiten Castingformats wird und dabei seine geflohene Familie zurückgewinnt. Bemerkenswert an diesem Amerika-Roman ist, dass er sein eigenes Herkunftsland nicht als Außenposition verschweigt, sondern als Motiv in die amerikanische Handlung selbst einschreibt: Innerhalb der Ballroom-Szene steht Frankreich wiederholt als Chiffre für Eleganz und kulturelles Kapital, wenn Lady Prudence von Bewunderern für Französin gehalten wird, ihre Perücke mit einer Louis-XVI-Frisur verglichen und ihr „Quelle culture française!“ zugerufen wird, oder wenn Keith Harings internationaler Erfolg daran bemessen wird, dass er nun „en France, en Chine, à la Biennale de Venise“ ausgestellt wird und seine Asche schließlich in Paris verstreut werden soll. Der Aufsatz argumentiert, dass der Roman dieses importierte Frankreichbild, ein Amerika, das Europa als Gütesiegel von Raffinesse und Hochkultur konsumiert, bewusst gegen sein eigentliches USA-Bild kontrastiert: gegen ein Amerika der institutionellen Gleichgültigkeit während der Aids-Krise, der Gewalt gegen trans Frauen und der ökonomischen Prekarität, dem die Ballroom-Community mit selbstgeschaffenen Häusern, Titeln und Familienstrukturen begegnet. Aus dieser doppelten Spiegelung, Frankreich als Projektionsfläche innerhalb der erzählten amerikanischen Welt, Amerika als Projektionsfläche des französischen Autors, der von außen auf sie blickt, entwickelt der Aufsatz seine zentrale These: Dufresne-Lamy nutzt die wechselseitige Exotisierung zweier Kulturen nicht zur Bestätigung nationaler Klischees, sondern um sichtbar zu machen, wie sehr Identität, ob individuell in der Drag-Verwandlung oder kollektiv im Bild einer Nation, immer aus geborgten, fremden Zeichen montiert wird.
➙ Zum ArtikelNicht-Macht als Erzählprinzip: Franziskanische Poetik und Gegenwartskritik bei Sébastien Lapaque
Sébastien Lapaques Roman „Le Rappel des oiseaux“ (Actes Sud, 2026) erscheint im 800. Todesjahr des Franziskus und lässt den Heiligen als Traum- und Erinnerungsfigur durch das Leben Noés gehen, der in vier Frühlingen (1977, 1983, 1994, 2005) vom Kind in der Bretagne zum Physiker und Lehrer in Paris heranwächst: Er lernt vom Großvater das Rotkehlchen nachzupfeifen, verliebt sich in Azou, die an Fanconi-Anämie stirbt, und reist am Ende nach Assisi, während das letzte Kapitel die Vögel selbst erzählen. Der Aufsatz liest das Buch als franziskanische Poetik mit politischer Pointe. Franziskus liefert drei Muster: Wie er seinem Vater, dem Tuchhändler und Geldverleiher, die Kleider zurückgab, steht Noé dem Käsemanager gegenüber, der spielerische Käse für Kinder entwirft und aus der Benediktsregel eine Managementlehre macht, doch Noé bricht nicht, er entzieht sich still. In Noés Traum sieht Franziskus auf dem Markt von Foligno das Geld im Kreis laufen und im Wucherer einen Zeitdieb, und diese Szene wird zur Folie für den Schülerstreik von 2005, den das System als „Fest wie jedes andere“ verdaut. Gelebt wird die Lebensform nicht von Ordensleuten, sondern von Laien: Mame nennt ihr Tiergehege „maison de retraite“ und predigt den Krähen als kleinen Schwestern, eine Nachdichtung des Sonnengesangs, Grand Mathieu lernt im schlesischen Lager einen Franziskus kennen, den ein kommunistischer Schweißer für einen Genossen hält, und Noé isst am Karfreitag das Lamm, weil Franziskus Gastfreundschaft über Verzicht stellte. Der Freund Saïd fasst das mit Salomos Vögeln, die im Herzen des Königs wohnen, als Ethik der Nicht-Macht, und Marie liest Giottos Vogelpredigt als Predigt an die Arbeitenden. Formal wählt der Roman keine Heiligenvita, sondern die Fioretti-Form aus kurzen Episoden, Predigten, Liedern und Briefen, und Noé schreibt wie Franziskus nur ab, was andere gesagt haben. Der Aufsatz prüft, wo diese Aneignung trägt und wo sie die Quellen verschiebt: Der Franziskus des Romans ist eher Troubadour und „prince de la joie“, Askese, Fasten und Regelstreit treten zurück, der Dialog mit dem Sultan und die Weißen Schwestern in Kabylien wirken harmonischer, als Geschichte und Gegenwart erwarten lassen, und die klugen Frauenfiguren werden zu Hüterinnen männlichen Werdens. Am Schluss löst sich der Konflikt der Vögel, den Marie als Gegensatz von Wucherbürgertum und Arbeitenden gedeutet hatte, mit Jesaja in Versöhnung auf, und das Buch versteht Politik nicht als Parole, sondern als Ruf, der zurückholt, erinnert und die Welt dem Besitz entzieht.
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