Ausatmen lernen: Meditation und Literatur als Gegenkräfte bei Emmanuel Carrère
Emmanuel Carrères „Yoga“ (P.O.L. 2020) beginnt als scheinbar überschaubares Projekt: ein „kleines, heiteres und subtiles Buch über Yoga“, geschrieben aus der Perspektive eines Autors, der seit Jahrzehnten Meditation und Tai-Chi praktiziert. Doch schon der Abbruch eines Vipassana-Retreats nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ verschiebt den Text in eine andere Richtung. Aus dem geplanten Essay über Achtsamkeit wird ein Roman über psychische Desintegration, Klinikaufenthalte, depressive und manische Zustände, Erinnerungslücken und die prekäre Suche nach Gegenwärtigkeit. Carrère erzählt von Meditation, ohne je einen spirituellen Erfahrungsbericht daraus zu machen: Gerade die Unfähigkeit zur inneren Stille wird zum Zentrum des Buches. Immer wieder kollidieren meditative Praxis und literarisches Verfahren miteinander – das Ideal des Loslassens mit dem Zwang des Schriftstellers, Gedanken festzuhalten, zu kommentieren und in Sprache zu verwandeln. Der Roman verbindet dabei autobiographische Selbstanalyse mit Reflexionen über Schreiben, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit und entwickelt aus seinen Brüchen eine eigene Form. Räume des Rückzugs – das Schweigeretreat, die psychiatrische Klinik, das Flüchtlingslager auf Léros – erscheinen als Varianten derselben Erfahrung von Isolation und Selbstbeobachtung. Zugleich ist Emmanuel Carrères Text von einer auffälligen Nüchternheit geprägt: Er erzählt weder eine Geschichte der Heilung noch eine der Erleuchtung, sondern beschreibt das Weitermachen unter instabilen Bedingungen. Der Fokus des vorliegenden Aufsatzes auf die autopoetologische Dimension macht die zahlreichen Motive des Romans – Atem, Schweigen, Wiederholung, Selbstbeobachtung und Scheitern – nicht nur thematisch, sondern als Reflexionen über die Bedingungen des Schreibens selbst lesbar. Gerade darin liegt die literarische Spannung des Buches, das aus der Differenz zwischen dem geplanten Yoga-Buch und dem tatsächlich entstandenen Text seine Form gewinnt.
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