Im Niemandsland der Identität: Antoine Rault
Antoine Raults „La Danse des vivants“ (Albin Michel, 2016) folgt einem französischen Soldaten, der 1918 ohne Gedächtnis erwacht, mühelos Französisch, Deutsch und Russisch spricht und unter der Identität des gefallenen deutschen Leutnants Gustav Lerner vom französischen Geheimdienst nach Berlin und ins Baltikum geschleust wird; zwischen Lazarett, Freikorps-Krieg und der Liebe zur russischen Tänzerin Tamara montiert der Roman ein breites Panorama des deutsch-französischen Verhältnisses von 1918/19 – Zusammenbruch des Kaiserreichs, Versailles, Berliner Bürgerkrieg –, an dessen Ende der Held jede nationale Bindung aufkündigt und eine erfundene deutsche Zugehörigkeit wählt. Der Aufsatz liest den Text als „roman croisé“ und entfaltet die Leitthese – Rault erzähle die Amnesie eines Einzelnen als Allegorie eines Kontinents, der sein altes Selbst verloren hat, und mache die nationale Differenz nicht zum aufzulösenden Konflikt, sondern zum produktiven, bedeutungsstiftenden Medium – in einer Argumentation, die von der hybriden Gattungssignatur über das dokumentarische Geschichtspanorama, die Erzählarchitektur des „Dazwischen“ und die drei Maßstäbe des Deutsch-Französischen (diplomatisches Kräftespiel, sprachliches Verrätselungsdrama, elsässische Grenzexistenz) bis zur autopoetologischen und intertextuellen Selbstreflexion führt; sie belegt dies an konkreten Szenen, etwa am verräterischen „Maurice“/“Moritz“, an dem die ganze Tarnung hängt, oder an Klaus Kühns empörter Rückfrage „Quel camp?“ –, sodass das wiederkehrende Bild der Grenze, die „nicht zwischen den Figuren, sondern durch sie hindurch“ verläuft, aus dem Material entwickelt wird, während die Deutung das produktive Offenhalten der Differenz bis in den bewusst ambivalenten Schluss hinein verfolgt.
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