Die unzuverlässige Stimme der Kolonialherrschaft: Mathieu Belezi
Mathieu Belezis Roman „Moi, le glorieux“ (2024) entwickelt einen delirierenden, monologischen Erinnerungsstrom des fiktiven Kolonialherrn Albert Vandel, genannt „Bobby“, der im Jahr 1962 – am Vorabend der algerischen Unabhängigkeit – als 145-jährige, grotesk übersteigerte Allegorie der gesamten Kolonialgeschichte in seiner befestigten Villa in Algier ausharrt. Ausgehend von dieser belagerten Gegenwart entfaltet der Text in assoziativen Rückblenden ein Jahrhundert kolonialer Herrschaft: den gewaltsamen Aufbau des Landguts, die ökonomische Ausbeutung, die sexuelle Verfügung über Frauen, die politische Selbstinszenierung im Rahmen kolonialer Rituale sowie schließlich den apokalyptischen Aufbruch in die Wüste, der im gewaltsamen Tod des Protagonisten durch jene endet, die er als seine „Untertanen“ imaginiert hatte. Zentral ist dabei die Figur Ouhrias, einer jungen Algerierin, die als stumme Begleiterin und widerständige Zuhörverweigerin den Monolog begleitet und zugleich unterläuft. Die im vorliegenden Aufsatz entwickelte Argumentation liest diesen Roman als radikales Experiment narrativer Selbstentlarvung: Belezi überlässt dem ostentativ unzuverlässigen Ich-Erzähler vollständig die Redehoheit und verzichtet auf jede explizite moralische Kommentierung, sodass sich die Kritik nicht aus einer Gegenstimme, sondern aus der Übersteigerung der kolonialen Logik selbst ergibt. Die Analyse arbeitet heraus, wie diese Strategie auf mehreren Ebenen greift: in der monologischen Erzählstruktur, die Kommunikation in Herrschaft verwandelt; in der Zeitstruktur, die Geschichte als ungebrochene Kontinuität kolonialer Gewalt erscheinen lässt; in der Figurenkonstellation, die koloniale Subjekte systematisch zum Schweigen bringt; sowie in den semantischen Feldern von Körper, Tiermetaphorik und Besitz, die die Ideologie des Erzählers tragen. Besonders hervorgehoben wird die Funktion der satirischen Übertreibung und der strukturellen Diskrepanz zwischen erzählter Selbstwahrnehmung und faktischer Gewalt, die als „satirische Maschine“ fungiert. Schließlich zeigt der Aufsatz, dass der Roman auch eine autopoetologische Reflexion darstellt, indem er den Kolonisator als Autor seiner eigenen Geschichte inszeniert und zugleich die Instabilität dieser Autorschaft offenlegt. In der Zusammenschau erscheint „Moi, le glorieux“ damit als ein Text, der die koloniale Gewalt nicht von außen kritisiert, sondern sie im Modus ihrer eigenen Rede so radikal ausstellt, dass sie sich im Akt des Sprechens selbst diskreditiert.
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