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Die Mine als Text, die Stadt als Körper: Kiruna bei Maylis de Kerangal
Zu Maylis de Kerangals „Kiruna“ (2019) entwickelt der Beitrag eine Lektüre, die das Buch nicht nur als literarische Reportage über die nordschwedische Bergbaustadt und ihre spektakuläre Verlegung versteht, sondern als poetologische Reflexion über die Bedingungen des Sehens und Erkennens. Im winterlichen Dunkel reist die Erzählerin nach Kiruna, begegnet Bergarbeitern, Ingenieurinnen und Bewohnern, verfolgt die Geschichte einer Stadt, die sich selbst versetzen muss, weil die stetig wachsende Mine den Boden unter ihren Häusern destabilisiert, lauscht den Erschütterungen der Sprengungen, rekonstruiert den Streik von 1969 und stößt auf die verdrängten Geschichten der Sámi. Doch der eigentliche Gegenstand ihrer Suche bleibt ihr verschlossen: Die tiefsten Bereiche des Bergwerks entziehen sich dem Blick, sodass sich die Erkenntnis nicht aus unmittelbarer Anschauung, sondern aus Spuren, Stimmen und Erinnerungen ergibt. Ausgehend von der nächtlichen Ankunft und der Wahrnehmung der Mine als verborgenem Zentrum des Raumes rekonstruiert der Aufsatz in konzentrischen Bewegungen die Argumentation des Textes: die unauflösliche Verflechtung von Stadt und Mine als „siamesische Zwillinge“, die Anthropomorphisierung des Untergrunds zum lebendigen Körper, die Überlagerung konkurrierender Zeitlichkeiten von der Geschichte der Sámi bis zum Bergarbeiterstreik von 1969, die langsame Aneignung des unterirdischen Raums durch Frauen sowie die Entwicklung einer Schreibweise, die aus dem Scheitern unmittelbarer Anschauung eine Methode macht. Dabei wird „Kiruna“ im Licht von de Kerangals späteren poetologischen Überlegungen in „La lentille et le roman“ (2026) gelesen: Wie eine Linse bündelt der Text fragmentarische Wahrnehmungen, Stimmen und Erinnerungen, ohne die Dunkelheit seines Gegenstandes vollständig aufzulösen. Der Beitrag zeigt, dass die Mine nicht nur als industrielles Objekt, sondern als historisches, politisches und epistemologisches Gefüge erscheint und dass de Kerangals Schreiben gerade im Beharren auf Unschärfe und partieller Sichtbarkeit eine Poetik des indirekten Wissens entwirft, in der das Unsichtbare nicht beseitigt, sondern in seiner verborgenen Wirksamkeit lesbar gemacht wird.
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