Vier Finalisten zum Prix Goncourt, vier Arten, mit einem Verlust umzugehen: Bei Sylvain Prudhomme verschwindet eine Fotografin an einem gesperrten Bergsee, und ein Erzähler, der nie am Unsichtbaren zweifeln will, rekonstruiert ihre letzten Wochen, bis ihm der See selbst zurückzublicken scheint. – Yannick Haenel schickt einen 22-jährigen Referendar durch neun Jahre Vorstadtschule, lässt eine antike Vase zersplittern und verwandelt Pausenhof und Tennisplatz in einen Garten Eden, der erst in den etruskischen Gräbern von Tarquinia sein Lachen findet. – Philippe Jaenada schlägt eine Polizeiakte von 1949 auf, folgt den Spuren einer toten Seine-Anwohnerin, die Maler als Modell kannten, und erzählt in verschachtelten Klammern, Abschweifungen und Maigret-Zitaten, wie aus einer Unbekannten wieder eine Person mit Tochter und Geschichte wird. – Clémentine Mélois packt anderthalb Tage lang Umzugskartons und lässt jeden Senftopf, jeden Hosenanzug und jede Küchenpapierrolle eine Geschichte freigeben, bis hinter dem Hausrat eine gescheiterte Liebe sichtbar wird. Wer lesen will, wie Erzählen Verschwundenes, Zerbrochenes, Vergessenes und Verpacktes bewahrt, findet hier vier Formen dafür.
Echo, Serie, Fläschchen: Wiederholung zwischen Zeitschleife und Variation bei Jean-Philippe Toussaint
Jean-Philippe Toussaints Roman „Faire l’amour“ (2002) erzählt das Ende einer Liebe. Ein namenloser Schriftsteller reist mit Marie, einer Modeschöpferin, nach Tokyo; ein Erdbeben, Tränen, ein Streit am Telefon und eine Fahrt nach Kyoto trennen die beiden, und ein Fläschchen Salzsäure, das der Erzähler bei sich trägt, findet erst in der letzten Nacht sein Ziel. Der Essay liest die Wiederholung als das formende Verfahren dieses Romans und seiner Nachbarbücher. Seine These lautet, dass Toussaint Wiederholung weder als Stilfigur noch als bloßes Thema einsetzt, sondern als Gegenstück zur Handlung: Wo ein Ereignis sich nicht entwickeln lässt, kehrt es wieder, und aus der Differenz zwischen erstem und zweitem Mal entsteht, was in diesen Büchern an Erzählung bleibt. Die Argumentation beginnt bei den Echo-Dialogen von Faire l’amour, in denen Figuren einander nachsprechen, und bei der Szene, in der Marie wörtlich dieselbe Frage zum zweiten Mal stellt, und verfolgt von dort die Tic-Formel in „Monsieur“ und „La Salle de bain“, den Leitgegenstand in „Fuir“, die Satzanfangsschleife in „La Télévision“, die Anapher in „L’Instant précis où Monet entre dans l’atelier“, die Hotelserie in „Made in China“, den Vierjahreszyklus in Football und schließlich die Frage nach dem Vater, die „La Hantise“ eröffnet und nicht mehr loslässt. Sie unterscheidet dabei zwischen einer Wiederholung, die beruhigt (Gewohnheit, Ritual, Kalender), und einer, die bedrängt (Hantise), und zeigt, dass beide im selben Satzbau gründen.
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