Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung

Ein Sammelband mit elf Historikerinnen und Historikern bzw. Publizisten unter Herausgeberschaft von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt verfolgt in zwölf Kapiteln, wie sich die politischen Familien Frankreichs – vom Rassemblement National über die Regierungsrechte, Macrons Renaissance, Grüne, Sozialisten und Kommunisten bis zu La France insoumise, der außerparlamentarischen Linken und den Gelbwesten – seit dem Sechstagekrieg 1967 zum Antisemitismus verhalten haben. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus von rechts historisch erwartbar sei, sein wiederholtes Auftauchen im linken Lager dagegen mehr über Verdrängungsmechanismen der französischen Gesellschaft verrate; als Scharnier dient dabei durchgehend das Verhältnis von legitimer Israelkritik und antisemitisch codiertem Antizionismus. Die Rezension würdigt den Band als dicht dokumentierte, quellennahe Bestandsaufnahme, die mit dem Reflex bricht, Judenhass allein der extremen Rechten zuzuschreiben, und die auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht schont. Zugleich benennt sie methodische Grenzen – eine „Sicht von oben“ ohne Archiv- oder Basisforschung, uneinheitliche analytische Zugriffe, das Fehlen einer vergleichenden internationalen Perspektive und eines eigenständigen Kapitels zu islamistisch geprägtem Antisemitismus – sowie eine auffällige Leerstelle gegenüber Literatur und Kunst. Ein Ausblick zeigt schließlich, dass sich die im Buch beschriebenen Muster in der Vorwahlkampfphase zur Präsidentschaftswahl 2027 nahezu unverändert wiederholen.

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Persönliches Pantheon – eine Geschichte der Republik in 20 Bestattungen: Michel Winock

Michel Winocks „Pompes funèbres“ (2024) erzählt die Geschichte der Dritten Republik anhand von zwanzig Sterbefällen zwischen der Semaine sanglante von 1871 und dem Kriegsbeginn 1914: vom auf dem Exerzierplatz von Satory erschossenen Commune-Offizier Louis Rossel über den Historiker Jules Michelet, dessen Leichnam zum Streitobjekt zwischen Witwe und Schwiegersohn wird, bis zum „Henker der Commune“ Adolphe Thiers, der als Republikaner zu Grabe getragen wird, und zu Léon Gambetta, dessen Körper nach der Autopsie buchstäblich aufgeteilt wird. Victor Hugos Staatsbegräbnis mit geschätzt zwei Millionen Teilnehmern steht neben der stillen, gegen ihren Willen kirchlichen Bestattung der Dichterin Louise Colet; der gehasste Schulgründer Jules Ferry und der ermordete Präsident Sadi Carnot stehen neben Louis Pasteur, dessen Witwe die Überführung ins Panthéon zugunsten einer Bestattung im eigenen Institut verweigert. Die Panthéonisierung Émile Zolas wird 1908 selbst zum Schauplatz eines Attentats auf Alfred Dreyfus, während die Feministin Hubertine Auclert, Erfinderin des Wortes „féministe“, weitgehend unbeachtet stirbt und die „Rote Jungfrau“ Louise Michel trotz ihrer anarchistischen Überzeugungen selbst von Gegnern wie Maurice Barrès Bewunderung erfährt. Den Schluss bilden Jean Jaurès, dessen Ermordung am Vorabend der Generalmobilmachung 1914 mit dem Ende der Vorkriegszeit zusammenfällt, und Charles Péguy, dessen Kriegstod noch Jahrzehnte später vom Vichy-Regime politisch vereinnahmt wird. Die Rezension rekonstruiert Winocks Verfahren – eine autobiographisch grundierte Reihe von Einzelporträts ohne zusammenfassenden Schlussteil –, würdigt die Materialfülle aus zeitgenössischer Presse und biographischer Forschung und schlägt zugleich vor, wie sich die über das Buch verstreuten Beobachtungen zu Körperfragmentierung, politischer Lagerbildung, geschlechtsspezifischer Erinnerungskultur und der andauernden Nachwirkung von Trauerfeiern zu eigenständigen Synthesen verdichten ließen, die der Band selbst nicht zieht.

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Die Entwicklung der Vergangenheit: Fotografie, Erinnerung, Begehren bei Sébastien Berlendis

Sébastien Berlendis‘ „Lungomare“ überlagert zwei ligurische Sommer wie zwei Belichtungen auf demselben Negativ: den Sommer 1971, in dem die Eltern des Erzählers jung und sonnengebräunt an der Küste von San Remo posieren, und den gegenwärtigen Sommer in Roccabianca, in dem der Erzähler mit der Rolleiflex um den Hals seine Geliebte Annabella vor blauen Kabinentüren fotografiert. Zwischen bröckelnden Jugendstilvillen, weißen Bojen und dem Duft von lauwarmem Sekt entfaltet sich eine Prosa, die Erinnerung als fotografischen Entwicklungsprozess begreift – unscharf, überbelichtet, nie ganz fixierbar. Diese intermediale Poetik, die den Satzbau konsequent an Kamera, Film und Dunkelkammer schult, durchzieht Berlendis‘ weiteres Werk: In „L’autre pays“ durchquert ein Ich-Erzähler, im stillen Zwiegespräch mit einer abwesenden Geliebten, das sommerliche Italien und entziffert unterwegs die Postkarten eines ausgewanderten Urgroßvaters; in „Maures“ kehrt derselbe Blick an die heimatlichen Zeltplätze der Provence zurück, wo vier vergilbte Fotografien von 1972 den langsamen Abschied von den Großeltern rahmen. Die Interpretation liest diese Bücher als Variationen eines einzigen Verfahrens, in dem Licht, Zelluloid und Satz gemeinsam versuchen, das Vergängliche für einen Augenblick festzuhalten, ohne es je ganz zu besitzen.

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Kosmogonie und Sommersonnenwende auf dem Supermarktparkplatz: Célestin de Meeûs

In Célestin de Meeûs, „Mythologie du .12″ (2024) treffen an einem einzigen Sommersonnenwendabend in der belgischen Provinz zwei Welten aufeinander, die sich sonst nie begegnen: Théo, gerade volljährig und mit den letzten Prüfungen fertig, vertreibt sich mit seinem Freund Max die Zeit auf dem Parkplatz einer Einkaufszone, zwischen Bier, Joints und der Erinnerung an eine gescheiterte Beziehung, während der Chefarzt Rombouts nach einem langen Arbeitstag in seine Villa am Waldrand zurückkehrt, wo Ehe und Vaterrolle bereits zerbrochen sind. Als Théo und Max am Abend in genau jenes kürzlich erworbene Waldstück ziehen, das an Rombouts‘ Grundstück grenzt, registriert dieser von seiner Terrasse aus Stimmen und Lichtschein, hält die beiden für Einbrecher und erschießt Théo mit seiner Flinte vom Kaliber .12 – ein Akt aus Furcht, den der Roman nicht als plötzlichen Ausbruch, sondern als Endpunkt eines längst angelegten Gefälles aus Besitzdenken, verletzter Männlichkeit und familiärer Weitergabe von Gewalt erzählt. Der Aufsatz liest diese Erzählung als Auseinandersetzung mit dem im Titel angekündigten Mythos: Kurz vor dem Schuss ruft sich Théo den antiken Sukzessionsmythos von Uranos und dem Sohn Kronos ins Gedächtnis, in dem der Sohn den übermächtigen Vater entmannt, um eine neue Ordnung freizusetzen – doch der Roman kehrt dieses Muster um, denn hier tötet eine Vaterfigur einen fremden jungen Mann, um den eigenen Status zu verteidigen, sodass aus befreiender Ablösung sterile Wiederholung wird. Eigentum, Männlichkeitsideal und koloniales Erbe verdichten sich dabei, wie der Text zeigt, zu einer selbstgemachten Mythologie im Sinne Roland Barthes‘, die eine Tötung als Notwehr erscheinen lässt, während Form und Syntax des Romans – die endlosen, kaum von Punkten unterbrochenen Sätze, die Parallelführung der Schauplätze, das wiederkehrende Bild des „Nirgendwo“ – diese Sinnverweigerung auf der Ebene der Sprache selbst vollziehen.

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Wasser, Hitze, Tiefe: Zur Poetik des französischen Sommerromans

Der Artikel wurde bei 37°C geschrieben. Er bündelt sechzehn jüngere französischsprachige Romane zu einer vielstimmigen Topographie des Wassers – von der Pariser Stadtpiscine über private Swimmingpools und nordamerikanische Wohnanlagen bis hin zu Seenlandschaften und den Küsten des Atlantiks und Mittelmeers. In prägnanten Szenen – dem Zögern auf dem Fünf-Meter-Brett, dem ersten Eintauchen eines alten Mannes nach Jahrzehnten, dem reglosen Sitzen am Rand eines unbenutzten Beckens oder dem erschöpften Auftauchen nach einem weiten Meeresschwimmen – wird Wasser als elementare Erfahrung des Körpers erfahrbar: kühlend, tragend, widerständig. Die Texte zeigen, wie sich im Moment des Badens soziale Ordnungen verschieben und zugleich sichtbar werden: Körper werden lesbar, Klassenunterschiede, Begehren und Ausschlüsse treten offen zutage, während das Wasser für Augenblicke eine Gleichheit herstellt, die an Land sofort wieder zerfällt. – Zugleich fungiert das nasse Element als Speicher und Auslöser von Erinnerung: Chlorgeruch, Salz auf der Haut oder das wiederkehrende Blau eines Beckens rufen Kindheit, erste Liebe oder Verlusterfahrungen auf. Mehrfach kehren die Romane zur Adoleszenz zurück, zu Initiationsmomenten eines Sommers, in dem ein Sprung ins Wasser über Zugehörigkeit entscheidet oder ein Nicht-Sprung eine Lebenslinie markiert. Andere Texte zeigen das Wasser als Ort existenzieller Grenzerfahrung – als Raum der Trauerbewältigung, der Krankheit, der Depression oder der Konfrontation mit dem Tod, in dem Sprache versagt und nur noch der Körper reagieren kann. Zwischen öffentlichem Schwimmbad, das als sozialer Mikrokosmos fungiert, und offenem Meer, das Gleichgültigkeit und Übermacht verkörpert, entfaltet sich so eine Poetik des Wassers, die das Element weder auf Metapher reduziert noch rein naturalistisch belässt: Es ist zugleich konkreter Stoff und Resonanzraum, in dem sich Leben verdichtet. Der Sommer erscheint dabei als beschleunigte, aufgeheizte Zeitform, in der sich im Kontakt mit dem Wasser Übergänge vollziehen – zwischen Kindheit und Erwachsensein, Nähe und Verlust, Kontrolle und Kontrollverlust – und in der die Figuren für einen Moment zugleich freigelegt und sich selbst entzogen sind.

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Putins Russland, Homophobie und Papierfranzosen bei Sergueï Shikalov

Der Aufsatz liest Sergueï Shikalovs „Espèces dangereuses“ (Seuil, 2024) als poetologisch hochreflexiven Text über Homophobie im postsowjetischen Russland, in dem eine ganze Generation schwuler Männer zwischen einem kurzen historischen „Frühling“ und einer erneuten autoritären Eiszeit sichtbar wird. Im Zentrum steht dabei weniger eine lineare Handlung als eine kollektive Erfahrungsform, die sich im unbestimmten „on“ artikuliert: eine litaneiartige, fragmentierte Rede, die individuelle Biographie zugunsten eines geteilten, von Gewalt, Scham und prekärem Begehren gezeichneten Daseins suspendiert. Gerade diese Verweigerung des Ichs wird zur ästhetischen Strategie, die das Verschwinden dokumentiert und zugleich konterkariert, indem sie aus Anonymisierung ein Verfahren der Zeugenschaft macht. Die Thematisierung von Homophobie erscheint dabei nicht nur als soziale Realität – in Gestalt von Übergriffen, institutioneller Gleichgültigkeit und politischer Repression –, sondern als diskursive Ordnung, die Körper klassifiziert, entwertet und aus dem Sagbaren verdrängt. Entscheidend ist, dass der Roman diese Erfahrung in der erlernten französischen Sprache formuliert, die als Medium des Exils einen paradoxen Raum eröffnet: Distanz und Artikulationsmöglichkeit fallen zusammen, sodass das Unsagbare überhaupt erst sagbar wird. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Frage der französischen Staatsbürgerschaft Kontur: Sie markiert zwar einen juristischen und existentiellen Bruch, bleibt jedoch – wie Shikalovs Essay „Français de papier“ (2025) zeigt – ambivalent, insofern Zugehörigkeit weiterhin unter Vorbehalt steht und sich die Logiken der Ausgrenzung in neuer Form fortschreiben.

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Jüdisches Denken gegen sich selbst: Verbergen, Assimilation und doppelte Existenz bei Nathan Devers

Nathan Devers’ „Penser contre soi-même“ (Albin Michel, 2024) verfolgt eine ebenso autobiografische wie philosophische Bewegung, in der das orthodox gelebte Judentum nicht als bloße Herkunft, sondern als dynamischer Denkraum erscheint, der seine eigene Überschreitung ermöglicht. Ausgehend von einem bürgerlich-assimilierten Milieu führt der Text über eine Phase intensiver religiöser Radikalisierung hin zu einem Bruch, der nicht von außen erzwungen wird, sondern aus der inneren Logik des Glaubens selbst hervorgeht – paradigmatisch verdichtet in der Lektüre des Kohelet und im Schwindel der eigenen Kontingenz. Zugleich rückt die Darstellung ein jüdisches Leben ins Zentrum, das sich unter Bedingungen latenter Bedrohung organisiert: Praktiken des Sich-Verbergens, der „marranischen“ Unsichtbarkeit und der situativen Anpassung erscheinen als alltägliche Strategien in einer von Antisemitismus durchzogenen Umwelt. Die Besprechung arbeitet diese Spannung als konstitutiv heraus und liest Jüdischkeit nicht als stabile Identität, sondern als Bewegung, die sich gerade der Verfestigung ins Identitäre entzieht. Sie erscheint vielmehr als eine offene, selbstkritische Praxis, die – in ihrer talmudischen Struktur – die Mittel zu ihrer eigenen Infragestellung bereitstellt. Devers’ Übergang zur Philosophie erweist sich folglich nicht als Abkehr, sondern als Transformation: als Fortsetzung einer existenziellen Suche unter veränderten epistemischen Bedingungen, in der die „zerbrochenen Götzen“ des Glaubens in veränderter Form weiterwirken.

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Herkunft, Begehren und Glaube: Monia Aljalis

La librairie Avicenne jette au bitume sa langue de vers à soie. Cinq ans d’arabe dans les veines et Leyla sait à peine déplier une phrase sans buter sur chaque mot. De toute façon, personne ne le saura ; elle peut faire croire à son bilinguisme tant qu’elle baragouine du dialecte aux masses blanches enthousiastes. Mais ici, elle ne peut pas donner le change – ce qui explique qu’elle a mal au bide depuis son arrivée, l’envie de courir se vider les entrailles. Elle prend un livre au hasard : الملك الضلّيل. Le déchiffrement est difficile, déjà : cela n’ira pas plus loin. Elle va dans la section pour enfants : c’est un peu plus simple, mais voyez le ridicule de l’affaire… Tous ces grands êtres ont traduit dans la langue de son Seigneur ce qui vient de la langue des Hommes – échange de bons procédés – tandis qu’elle tient dans ses bras ballants Abû Sîr et Abû Kîr qu’elle ne comprend qu’avec peine. Je peux vous aider ? demande un monsieur sévère sous des verres fumés. Elle ne voudrait pas déranger.

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Neukaledonien – versehrtes Epos und Empathie als Widerstand: Alice Zeniter

Als „Frapper l’épopée“ im August 2024 erschien, stand Neukaledonien in Flammen: Wenige Monate zuvor hatten Aufstände gegen eine in Paris durchgesetzte Wahlrechtsreform vierzehn Tote und Milliardenschäden gefordert. Alice Zeniters bereits 2023 abgeschlossener Roman trat damit in seiner „Vorkrisen-Fassung“ mitten in eine brennende Aktualität ein, die er nicht hatte kennen können – ein Zusammenfall, der ihm eine fast prophetische Schwere verlieh. Das Buch erzählt die Heimkehr der jungen Caldoche Tass nach Nouméa, wo sie als Aushilfslehrerin ihrer ungeklärten Familienherkunft nachspürt, während eine kanak Aktivistengruppe um Un Ruisseau mit Aktionen einer „gewalttätigen Empathie“ den Kolonisierenden die Erfahrung der Enteignung körperlich spürbar zu machen sucht; in einem phantastischen Sturz ins „Wasserloch“ durchlebt Tass schließlich die koloniale Vorgeschichte ihres ins Bagno deportierten Vorfahren Arezki, ehe der Roman in der Gegenwart und einer kaum sichtbaren Schlussgeste – einem mit dem Finger gespurten Aktivistenkürzel – mündet. Der Aufsatz liest das Werk von seinem Titel her, das Verb „frapper“ in seiner Doppelbedeutung (schlagen und prägen) als poetologisches Programm eines „versehrten Epos“, das die heroische Kolonialerzählung zertrümmert und zugleich ein neues, vielstimmiges und antiheroisches Gedächtnis einschreibt. Erzählen soll hier nicht informieren, sondern sinnlich verunsichern. Flankiert wird diese werkimmanente Lektüre durch eine Einordnung neben Zeniters „L’Art de perdre“, eine Auswertung der französischen Rezeption und eine Reflexion über die Verschiebung der Leseperspektive nach den Aufständen vom Mai 2024 – sodass die Besprechung das Buch zugleich als ästhetisches Wagnis und als politisch brisanten Gegenwartstext profiliert.

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Montaigne auf der Anklagebank: Philippe Desan

Der Roman des renommierten Montaigne-Forschers Philippe Desans, „Montaigne – La Boétie: une ténébreuse affaire“ (2024), erzählt die berühmteste Freundschaft der französischen Renaissance als literarischen Kriminalfall. Ausgehend von der Begegnung Montaignes und Étienne de La Boéties im Bordeaux des 16. Jahrhunderts entfaltet der Roman die provokante Hypothese, Montaigne selbst könnte für den frühen Tod seines Freundes verantwortlich gewesen sein. Über die Spur eines verschollenen Sonetts, verborgener Dokumente und einer modernen akademischen Untersuchung verfolgt Desan die Wege der Überlieferung bis in die Gegenwart und macht die Rekonstruktion der Vergangenheit zum eigentlichen Gegenstand seiner Erzählung. Der Aufsatz zeigt, dass dieser historische Kriminalroman weit mehr ist als ein gelehrtes Spiel: Er stellt eine fiktionale Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der Montaigne-Forschung dar und setzt sich dabei implizit mit der humanistischen Montaigne-Deutung Hugo Friedrichs auseinander. Während Friedrich in seiner klassischen Monographie von 1949 die Einheit eines „sehr organisierten Geistes“ und die Konsubstantialität von Leben und Werk betont, entwirft Desan einen Montaigne, dessen Identität, Texte und Erinnerungen von historischen Interessen, editorischen Eingriffen und sozialen Strategien geprägt sind. Der Aufsatz argumentiert, dass Desans Roman die Grenze zwischen Wissenschaft und Fiktion bewusst verwischt, um die grundsätzliche Erzählnatur jeder Interpretation offenzulegen: Lesen erscheint hier als Arbeit mit Indizien, Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen, sodass die Geschichte eines möglichen Verbrechens zugleich zu einer Reflexion über die Bedingungen literaturwissenschaftlicher Erkenntnis wird.

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Huysmans als Seismograph der Moderne: Agnès Michaux

Agnès Michaux’ Romantrilogie „La fabrication des chiens“ und ihre spätere Biographie über Joris-Karl Huysmans bilden zusammen ein außergewöhnliches Doppelprojekt: eine literarische Rekonstruktion des fin de siècle und zugleich ein neuer Blick auf Huysmans als Seismograph der Moderne. Der erste Band der Trilogie (1889) folgt dem jungen Provinzjournalisten Louis Daumale durch das Paris der Exposition universelle, der Eiffelturm-Eröffnung und der Fortschrittsbegeisterung, während unter der glänzenden Oberfläche bereits Nationalismus, Eugenik, soziale Angst und kulturelle Erschöpfung sichtbar werden. Im Zentrum steht Daumales Begegnung mit Huysmans, der nicht als museale Décadence-Ikone erscheint, sondern als radikal aufrichtiger Diagnostiker seiner Zeit: „injuste, parfois seulement, mais en toute sincérité“. Michaux’ Argumentation besteht darin, die Décadence nicht als Pose, sondern als präzise Zivilisationsdiagnose zu lesen. Des Esseintes aus „À rebours“ wird nicht als ästhetisches Wunschbild verstanden, sondern als Symptom einer Gesellschaft, deren Reizüberflutung und Künstlichkeit den Menschen deformieren. Diese Idee spiegelt sich im titelgebenden Motiv der „Fabrikation“ von Hunden: Optimierung, Züchtung und gesellschaftliche Dressur werden zur Metapher einer Moderne, die alles Lebendige normiert. In der Biographie radikalisiert Michaux diesen Ansatz weiter, indem sie Huysmans nicht textimmanent, sondern körperlich und sozial situiert liest – als frierenden, nervösen Beamten, dessen Kunst aus physischer Überempfindlichkeit, Großstadtmüdigkeit und kompromissloser Wahrhaftigkeit hervorgeht. So entsteht kein nostalgisches Bild der Belle Époque, sondern eine Analyse der Moderne selbst: 1889 erscheint bei Michaux als jener historische Kipppunkt, an dem Fortschritt und Verfall, Rationalisierung und spirituelle Sehnsucht, Oberfläche und innere Zerrüttung untrennbar ineinander übergehen.

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Verbergen und Zeigen: die Gewalt der Kunst bei Benjamin de Laforcade

Benjamin de Laforcades Roman „Rouge nu“ (Gallimard, 2022) situiert sich um ein paradoxes Zentrum: ein berühmtes Gemälde, das gerade durch seine Unsichtbarkeit Wirkungsmacht entfaltet, indem es – verborgen in einem architektonisch inszenierten Schutzraum – zugleich Mythos und Marktwert steigert, während es eine gewaltsame Geschichte birgt; im Fokus steht die Figur des Malers Andreas Mauser und das Modell Izabela, deren Körper im Akt der künstlerischen Produktion zum Schauplatz von Gewalt wird, die im Diskurs des Geniekults systematisch verschwiegen wird. Die Rezension arbeitet diesen Zusammenhang als dialektisches Verhältnis von Zeigen und Verbergen heraus und liest die ästhetische Technik des Übermalens und Freilegens als Metapher für die kulturelle Logik des Kunstbetriebs: Sichtbarkeit ist selektiv produziert, Unsichtbarkeit nicht bloß Abwesenheit, sondern aktive Verdrängung. Nadeije Laneyrie-Dagens kunsthistorische Studie „Cacher/montrer: une histoire des œuvres invisibles en Occident“ (Gallimard, 2024) zeichnet von der Prähistorie bis zur Gegenwart nach, dass Kunstwerke im Westen lange nicht auf permanente Sichtbarkeit angelegt waren, sondern ihre Wirkung gerade aus ritualisierten Praktiken des Verbergens und selektiven Zeigens bezogen, wodurch Sichtbarkeit als historisch regulierte Form von Macht, Begehren und sozialer Kontrolle erscheint. Der Aufsatz verschränkt die narrative Struktur des Romans mit solchen Überlegungen und zeigt so, dass das „unsichtbare“ Kunstwerk weniger ein Objekt als ein Dispositiv ist, das Machtverhältnisse stabilisiert.

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Politische Rhetorik in Trümmern: Mathieu Larnaudie und Nicolas Idier

Die Doppelrezension liest Mathieu Larnaudies „Acharnement“ (2012) und Nicolas Idiers „Matignon la nuit“ (2024) als zwei ergänzende Diagnosen eines politischen Diskurses, der seinen Bezug zu den Menschen verloren hat und nur noch um sich selbst kreist. Beide Romane erzählen stark reduzierte Handlungen: Bei Larnaudie schreibt ein ehemaliger Redenschreiber zurückgezogen in der Provinz immer neue Reden, probt sie und verwirft sie wieder, während reale Katastrophen nur am Rand auftauchen. Bei Idier soll ein Berater in einer einzigen Nacht im Regierungssitz eine Rede verfassen, verliert sich jedoch zunehmend in Begegnungen, Erinnerungen und Abschweifungen. Besonders deutlich wird dies in zwei Bildern: der Holzestrade, auf der Müller seine Reden ins Leere hinein probt, und der nächtlichen Krisenmaschine von Matignon, in der Sprache nur noch aus austauschbaren „éléments“ besteht. Die Rezension vergleicht auch die Schreibweisen der beiden Autoren: Larnaudies lange, verschachtelte und sich selbst kommentierende Prosa erscheint als Nachahmung und zugleich Kritik politischer Rhetorik. Idiers fragmentierter und offener Stil wirkt dagegen wie eine Sabotage des politischen Diskurses, die neue Möglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig verbindet die Rezension diese Stilanalyse mit den Figuren, den Handlungsformen und der Zeitstruktur der Romane: hier die endlose Wiederholung bei Larnaudie, dort die verdichtete Chronologie einer einzigen Nacht bei Idier. So stützen sich Form und politische Diagnose gegenseitig. Die Argumentation der Rezension beginnt mit der Analyse rhetorischer Mechanismen wie Rhythmus, Punchline und medialer Inszenierung und untersucht anschließend die Stellung der Sprecherfiguren: auf der einen Seite der entlassene Redenschreiber, auf der anderen der „sous-plume“ innerhalb des Regierungsapparats. Hinzu kommt die Frage nach dem Publikum, das entweder ganz abwesend ist oder nur noch als hypermediale Masse erscheint. Am Ende bleiben zwei ausweglose Möglichkeiten: entweder trotz erkannter Sinnlosigkeit weiterzuschreiben (bei Larnaudie) oder aus dem politischen Diskurs auszubrechen und nach einer anderen Form von Handlung zu suchen (bei Idier).

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Odysseus in Paris: Epos ohne Zentrum mit James Joyce

Der Band „Ulysse à Paris“ (Seuil, 2024) unternimmt eine Fortschreibung der homerisch-joyce’schen Traditionslinie, indem er die epische Struktur der Irrfahrt radikal pluralisiert und in das sozial, politisch und historisch aufgeladene Terrain des Pariser Nordens verlegt. Der kollektive Roman, gemeinsam mit der Zeitschrift Cockpit herausgegeben, ist nicht nur eine lose Anthologie, sondern ein ästhetisch wie theoretisch kohärentes Projekt, das literarische Vielstimmigkeit programmatisch als Gegenmodell zur epischen Einheit inszeniert. Statt eines souveränen Helden entfaltet sich ein Geflecht heterogener Stimmen, deren Figuren – von migrantischen Subjekten über feministische Neuformulierungen mythischer Rollen bis hin zu erinnerungspolitisch sensibilisierten Flaneuren – die Odyssee als Erfahrung von Entortung, Prekarität und fragmentierter Identität durchlaufen. Die Rezension arbeitet heraus, wie die einzelnen Beiträge jeweils spezifische homerische Episoden und Joycesche Verfahren transformieren: sei es durch die Entleerung des Heroischen (de Quatrebarbes), die Ironisierung genealogischer Autorität (Fiat), die Politisierung mythischer Gewalt im Kontext des Holocaustgedächtnis (Comment) oder die radikale Subjektivierung marginalisierter Perspektiven (Schavelzon, Noël). Tiphaine Samoyault akzentuiert Erinnerung als Modus einer nie abgeschlossenen Heimkehr. Gabriela Vazquez verdichtet Migration zur epistemischen Perspektive, die das Zentrum konsequent aus der Peripherie heraus denkt. Die Analyse verfolgt die dichte intertextuelle Verschränkung und liest formale Verfahren (Polyphonie, Bewusstseinsstrom, Katalogtechnik) als Träger historischer und ideologischer Bedeutungen. Hierbei wird sichtbar, dass das zentrale Movens des Bandes die Dekonstruktion der Heimkehr ist: Ithaka erscheint nicht mehr als erreichbarer Ort, sondern als leere Signatur, ersetzt durch provisorische, oft prekäre Formen des Ankommens, die weder Identität stabilisieren noch Geschichte versöhnen. Die Rezension selbst folgt damit einer doppelten Bewegung – sie rekonstruiert die genealogische Tiefe des Projekts und insistiert zugleich auf dessen zeitdiagnostischer Schärfe –, wodurch „Ulysse à Paris“ als ein Epos sichtbar wird, das seine eigene Möglichkeit permanent infrage stellt.

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Israel, Gaza und der französische Intellektuellendiskurs nach dem 7. Oktober: Deutungshoheiten bei Denis Sieffert

Die Rezension analysiert die französische Intellektuellendebatte nach dem 7. Oktober 2023 als ein zutiefst polarisiertes Diskursfeld, in dem sich drei zentrale Positionen herausgebildet haben: ein dominantes pro-israelisches Lager, ein marginalisiertes propalästinensisches Spektrum sowie eine fragile, lange kaum hörbare Zwischenposition. Im Zentrum steht Denis Siefferts Buch „La mauvaise cause“ (2026), das als engagierte Gegenrede gegen eine aus seiner Sicht hegemoniale, pro-israelische Diskursordnung gelesen wird. Die Rezension rekonstruiert detailliert Siefferts Argumentation – von der historischen Verflechtung Frankreichs mit Israel über die Analyse medialer und rhetorischer Mechanismen bis hin zur Kritik prominenter Intellektueller wie Gilles Kepel und Eva Illouz – und arbeitet heraus, dass sein zentraler Einsatzpunkt in der Re-Politisierung des Konflikts als Kolonialfrage liegt. Im Vergleich mit Kepels geopolitisch-religionswissenschaftlichem Ansatz und Illouz’ soziologischer Kritik an der westlichen Linken zeigt die Rezension die fundamentalen epistemischen Differenzen dieser Positionen auf: Während Kepel und Illouz die Reaktionen auf den 7. Oktober problematisieren, richtet Sieffert den Blick auf die Mechanismen der Diskursmacht und die Unsichtbarmachung palästinensischen Leids. Abschließend bewertet die Rezension das Buch als wichtige, wenn auch nicht unproblematische Intervention, die exemplarisch die politischen, medialen und moralischen Bruchlinien des gegenwärtigen Frankreich offenlegt.

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Das Zweistromland zwischen archaischer Mythologie, imperialer Gegenwart und postkolonialer Schuld: Olivier Guez

Olivier Guez’ „Mesopotamia“ (Grasset, 2024, dt. „Die Welt in ihren Händen“, Kiepenheuer & Witsch, 2026) rekonstruiert in Form einer historiografischen Fiktion das Leben der britischen Archäologin und Kolonialbeamtin Gertrude Bell als Knotenpunkt zweier ineinandergreifender Narrative: der Emanzipationsgeschichte einer außergewöhnlichen Frau und der gewaltsamen Genese des modernen Irak im Kontext des britischen Imperialismus nach dem Ersten Weltkrieg. Der Roman verfolgt Bells Weg von der wissenschaftlichen Erschließung Mesopotamiens bis zu ihrer maßgeblichen Rolle bei der politischen Neuordnung der Region, wobei historische Akteure wie T. E. Lawrence, Winston Churchill und Faisal I. in ein dichtes Geflecht aus Diplomatie, Mythologie und Machtpolitik eingebunden werden. Zentral ist dabei die poetische Konstruktion Mesopotamiens als Palimpsest, in dem sich archaische Zivilisationen (Sumer, Babylon) und moderne Kolonialinteressen überlagern; diese Tiefenschichtung fungiert zugleich als ideologische Matrix imperialer Legitimation und als ironische Brechung ihrer Hybris. Die Interpretation arbeitet heraus, dass Guez’ eigentliches Argument in der strukturellen Analogie von Archäologie und Kolonialherrschaft liegt: Beide operieren als Formen epistemischer Aneignung, die Wissen in Macht übersetzen und so politische Ordnungen hervorbringen, deren Fragilität im postkolonialen Epilog – vom Sturz der Monarchie bis zu den Kriegen des 20. und 21. Jahrhunderts – evident wird. Die zyklische Zeitstruktur und die mythische Übercodierung werden als narrative Strategien gedeutet, die das britische Projekt als nur eine Episode in einer longue durée imperialer Wiederholungen erscheinen lassen; dabei wird die Tendenz betont, die französisch-britische Rivalität primär als Spiegelstruktur zu lesen. Insgesamt zeigt die Rezension, wie Guez Bell als tragische Figur zwischen Erkenntnis und Komplizenschaft inszeniert und damit eine fundamentale Kritik an der Illusion imperialer Gestaltungsmacht formuliert.

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Francia als neue Marianne: Allegorie eines kaleidoskopischen Frankreich bei Nancy Huston

„Francia“ (Actes Sud, 2024) von Nancy Huston ist ein zugleich erzählerisch konzentrierter und thematisch weit ausgreifender Roman: Im Zentrum steht die transgeschlechtliche Protagonistin Francia, die aus Kolumbien stammt und die der Roman an einem Maitag im Pariser Bois de Boulogne als Sexarbeiterin begleitet; dieser streng eingegrenzte Zeitrahmen bildet die Bühne für ein vielstimmiges Panorama, in dem siebzehn männliche Kunden – aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen und biographischen Kontexten – nacheinander auftreten und ihre verborgenen Bedürfnisse, Traumata und Selbsttäuschungen offenbaren. Durch Rückblenden entfaltet sich zugleich Francias eigene Geschichte vom als Rubén geborenen Kind über die Transition bis hin zur selbstgewählten Identität, die sich im Namen „Francia“ programmatisch mit dem Land Frankreich verschränkt. Der Roman konstruiert so ein „kaleidoskopisches Porträt“ der französischen Gegenwartsgesellschaft, in dem Fragen von Migration, Geschlecht, Männlichkeit und sozialer Ungleichheit ineinandergreifen. Die Interpretation deutet, dass Francia als eine „neue Marianne“ gelesen werden kann, also als moderne Allegorie der französischen Republik selbst: Ihr Körper, ihre hybride Identität und ihre soziale Position bündeln die Widersprüche eines Landes, das von postkolonialer Vielfalt, sozialen Spannungen und kollektiven Traumata geprägt ist. Entsprechend argumentiert der Aufsatz, dass Francia nicht nur individuelle Figur, sondern symbolische Projektionsfläche nationaler Selbstverständigung ist. Dabei wird besonders die doppelte Perspektivstruktur herausgestellt – die expansive Innensicht der Männer versus Francias nüchterne, professionelle Außenwahrnehmung –, aus der sich eine implizite Kritik männlicher Selbstdeutung ergibt: Die Männer erscheinen weniger als autonome Subjekte denn als von Begehren, Angst und gesellschaftlichen Erwartungen Getriebene. Zentral ist ferner die These der Universalisierung von „Prostitution“ als sozialem Prinzip („tout le monde est pute“), die die moralische Sonderstellung der Sexarbeit aufhebt und stattdessen Austausch, Bedürftigkeit und Inszenierung als allgemeine menschliche Praktiken deutet. Die Interpretation liest Hustons Verfahren des Multiperspektivismus, der Polyphonie und der metafiktionalen Selbstreflexion (Figur der „Griffonne“) als poetologisches Programm: Literatur erscheint selbst als Akt der Einfühlung und Aneignung, der ethisch riskant, aber erkenntnisproduktiv ist. Insgesamt zeichnet sie den Roman als zugleich politischen und zutiefst empathischen Text, der gesellschaftliche Konfliktlinien nicht didaktisch auflöst, sondern in der Figur Francias – als „neuer Marianne“ – verdichtet und sichtbar macht.

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Die Blume als Text, Körper und Gefahr: drei Romane von Colette Fellous, Célia Houdart und Constance Guisset

Was verbindet drei sehr unterschiedliche französische Romane der Gegenwart – Colette Fellous‘ „Quelques fleurs“ (Gallimard, 2024), Célia Houdarts „Les Fleurs sauvages“ (P.O.L, 2024) und Constance Guissets „Fleur de peau“ (Flammarion, 2026)? Auf den ersten Blick nur das Botanische ihrer Titel; bei genauerer Lektüre aber ein gemeinsames und vielschichtiges literarisches Projekt: die Befragung, Verschiebung und in manchen Fällen radikale Zerstörung jener symbolistischen Tradition, die die Blume seit Mallarmé als erhabenes, körperloses Zeichen kodiert hat – als „l’absente de tous bouquets“, abwesend aus jedem wirklichen Strauß, aufgestiegen in die reine Idee. Die vorliegende vergleichende Rezension zeigt, wie die drei Autorinnen diese Erbschaft auf je eigene Weise beerben und brechen, indem sie das Pflanzliche ins Körperliche, ins Ökologische und ins Pharmakologische zurückholen. Fellous, deren autofiktionaler Essay in der Formlinie des lyrischen récit operiert, kultiviert die Blume als Mnemotop und als poetologisches Selbstportrait: Ihre Blumen sind stille Zeuginnen des gelebten Lebens, Kondensate von Kindheit, Mutter, Tunis und Paris, und das Buch, das sie schreibt, ist buchstäblich „en ces fleurs caché“ – in den Blumen verborgen, wartend auf den Akt des Schreibens, der sie befreit. Houdart dagegen entzieht der Blume jeden subjektiven Anspruch: Im lakonischen Polyphonie-Erzählen ihrer provenzalischen Figuren sind die Wildblumen ökologische Zeichen einer Natur, die dem Menschen gleichgültig ist und ihn – im Falle der halluzinogenen Datura, die zwei Figuren vergiftet – auch zu schädigen bereit ist, ohne Absicht und ohne Botschaft; botanisches Wissen wird hier zur ethischen und epistemischen Notwendigkeit. Guisset schließlich stellt die romantische Blumenästhetik mit einer systemkritischen Geste auf den Kopf: Ihre Floristin Ava hat dreizehn Jahre lang die Schönheit der Blumen arrangiert und dabei, durch Pestizide in der Haut, ein unsichtbares Gift akkumuliert – die Blume, die als Gegenwelt zur Finanzwelt gewählt wurde, erweist sich als deren Komplizin, und der Körper der Frau als Barometer einer globalen Warenwirtschaft, die Schönheit auf toxischen Substanzen gründet. Der Aufsatz liest diese drei sehr unterschiedlichen Textprojekte entlang einer gemeinsamen Analysedimension: der Funktion der Blume als Zeitfigur, als Körperfigur und als Sprachfigur, und sie argumentiert, dass die zeitgenössische französische Literatur im Blumenmotiv eine Skala aufspannt, die von der mnemotechnischen Kultivierung über die ökologische Nüchternheit bis zum pharmakologischen Paradox reicht – und in Ismaël Judes gleichzeitig erschienenen Roman „Une vie de jasmin“, der als vierter Vergleichstext herangezogen wird, in einer sprachskeptischen Ontologie der reinen Emanation gipfelt, die Mallarmés Idealisierung mit den Mitteln des Körpers und der Biologie konsequent zu Ende denkt.

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Die unzuverlässige Stimme der Kolonialherrschaft: Mathieu Belezi

Mathieu Belezis Roman „Moi, le glorieux“ (2024) entwickelt einen delirierenden, monologischen Erinnerungsstrom des fiktiven Kolonialherrn Albert Vandel, genannt „Bobby“, der im Jahr 1962 – am Vorabend der algerischen Unabhängigkeit – als 145-jährige, grotesk übersteigerte Allegorie der gesamten Kolonialgeschichte in seiner befestigten Villa in Algier ausharrt. Ausgehend von dieser belagerten Gegenwart entfaltet der Text in assoziativen Rückblenden ein Jahrhundert kolonialer Herrschaft: den gewaltsamen Aufbau des Landguts, die ökonomische Ausbeutung, die sexuelle Verfügung über Frauen, die politische Selbstinszenierung im Rahmen kolonialer Rituale sowie schließlich den apokalyptischen Aufbruch in die Wüste, der im gewaltsamen Tod des Protagonisten durch jene endet, die er als seine „Untertanen“ imaginiert hatte. Zentral ist dabei die Figur Ouhrias, einer jungen Algerierin, die als stumme Begleiterin und widerständige Zuhörverweigerin den Monolog begleitet und zugleich unterläuft. Die im vorliegenden Aufsatz entwickelte Argumentation liest diesen Roman als radikales Experiment narrativer Selbstentlarvung: Belezi überlässt dem ostentativ unzuverlässigen Ich-Erzähler vollständig die Redehoheit und verzichtet auf jede explizite moralische Kommentierung, sodass sich die Kritik nicht aus einer Gegenstimme, sondern aus der Übersteigerung der kolonialen Logik selbst ergibt. Die Analyse arbeitet heraus, wie diese Strategie auf mehreren Ebenen greift: in der monologischen Erzählstruktur, die Kommunikation in Herrschaft verwandelt; in der Zeitstruktur, die Geschichte als ungebrochene Kontinuität kolonialer Gewalt erscheinen lässt; in der Figurenkonstellation, die koloniale Subjekte systematisch zum Schweigen bringt; sowie in den semantischen Feldern von Körper, Tiermetaphorik und Besitz, die die Ideologie des Erzählers tragen. Besonders hervorgehoben wird die Funktion der satirischen Übertreibung und der strukturellen Diskrepanz zwischen erzählter Selbstwahrnehmung und faktischer Gewalt, die als „satirische Maschine“ fungiert. Schließlich zeigt der Aufsatz, dass der Roman auch eine autopoetologische Reflexion darstellt, indem er den Kolonisator als Autor seiner eigenen Geschichte inszeniert und zugleich die Instabilität dieser Autorschaft offenlegt. In der Zusammenschau erscheint „Moi, le glorieux“ damit als ein Text, der die koloniale Gewalt nicht von außen kritisiert, sondern sie im Modus ihrer eigenen Rede so radikal ausstellt, dass sie sich im Akt des Sprechens selbst diskreditiert.

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Isis in Montmartre: Gérard de Nerval als Patient und Prophet bei Diane Morel

Diane Morels „Le Mystère Nerval“ (Fayard, 2024) setzt 1841 an: Gérard de Nerval wird blutverschmiert in die Klinik von Dr. Blanche eingeliefert, besessen von der Vorstellung, eine „Isis“ sei tot. Aus dieser Szene entwickelt sich eine doppelbödige Erzählung, die Kriminalintrige und Dichterporträt verschränkt. Der junge Mediziner Émile Blanche ermittelt im literarischen Paris zwischen Gautier, Houssaye und dem radikalen Petrus Borel, stößt auf die ermordete Journalistin Flore – und auf eine politische Verschwörung gegen die Juli-Monarchie. Doch die eigentliche Dynamik liegt tiefer: Morel montiert Nervals Motive – die „schwarze Sonne der Melancholie“ aus dem Sonett „El Desdichado“, das Doppelgänger-Motiv aus „Aurélia“, die Landschaften des Valois aus „Sylvie“, die ägyptische Isis als Chiffre des „ewigen Weiblichen“ – in die Struktur der Handlung ein. Der chaotische Schreibprozess, visualisiert als Teppich aus hunderten Zetteln, wird zum poetologischen Programm: Fragment, Traum und Vision sind keine Symptome, sondern Erkenntnisformen. Selbst die therapeutische Szene, in der Nervals eigene „Faust“-Übersetzung ihn aus der Katatonie löst, inszeniert Literatur als Gegenmacht zur klinischen Rationalität. – Die Rezension liest diesen Roman nicht nur als historischen Krimi, sondern zugleich als poetische Versuchsanordnung: Morel verteidigt Nervals „Wahnsinn“ gegen den Zugriff des Positivismus, indem sie dessen innere Logik ernst nimmt. Die Kriminalhandlung der Bio-Fiktion spiegelt Nervals Obsession mit der „Morte amoureuse“, Flore wird zur irdischen Erscheinung jener Isis, die in Nervals Werk Muttergöttin, Geliebte und verlorene Einheit zugleich ist. Traum und Realität durchdringen einander, bis am Ende in den Ruinen von Chaalis – einem Topos aus „Sylvie“ – die reale Tote und die mythische Loreley ineinander überblenden. So entsteht das Bild eines Dichters, dessen Zerrissenheit nicht pathologisiert, sondern als ästhetische Radikalität begriffen wird. Morels Roman erscheint in dieser Lesart als Plädoyer für eine Poetik des Unsteten: gegen die „Ordnung“ der Klinik setzt er die produktive Unordnung der Imagination – und macht Nervals Satz vom Traum als „zweitem Leben“ zum erzählerischen Prinzip.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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