Schweigen der Archive: verborgenes Begehren, historische Metafiktion und queere Erinnerung bei Pauline Valade

Pauline Valades Roman „Bruno et Jean“ (Actes Sud, 2024) geht von einer dürren Aktenlage aus: Der Schuhmachergeselle Bruno Lenoir und der Domestik Jean Diot wurden am 6. Juli 1750 auf der Place de Grève erdrosselt und verbrannt, als letzte in Frankreich wegen Homosexualität zum Tod Verurteilte. Für die Geschichte von Männlichkeiten zeigt der Roman, dass Männlichkeit im Paris von 1750 keine einheitliche Norm war, sondern ein Feld verschiedener Praktiken: Es reicht von der uniformierten, gewaltbereiten Männlichkeit des Guets über die körperliche Kraft des „fort des Halles“ bis zur Zärtlichkeit des Handwerkers, der vor seinem Geliebten kniet, und zu den travestierten Rollen der Kellerfeste, und es wird von den Männern der Justiz selbst heimlich unterlaufen. Damit erscheint Männlichkeit als Rolle, die im Alltag ausgehandelt, aufgeführt und überwacht wurde, und die homosexuelle Praxis gehört als Teil dieses Spektrums dazu, bevor sie im Recht zur Gegenfigur der „richtigen“ Männlichkeit gemacht und bestraft wird. Die Historikerin, die zuvor die verordnete Freude der Pariser Monarchiefeste erforscht hat, erfindet zu Verhörprotokoll, Urteil und Datum ein Leben hinzu: ein sinnlich dichtes Paris von 1749/50, eine Wahlfamilie aus Wäscherin, Schreiber und Findelkind, eine geheime Subkultur aus Kellern, Gärten und Cabarets. Der Aufsatz liest den Roman als Experiment an der Grenze von Geschichtsschreibung und Fiktion und verfolgt drei Spannungen: zwischen historiographischer Verantwortung und Imagination, zwischen unterdrücktem Begehren und den Codes, die es zugleich verbergen und überliefern, und zwischen der Sterblichkeit der Körper und der Dauer von Stein, Schrift und Akte. Er argumentiert, dass der Text Männlichkeit und Homosexualität nicht als Identitätskategorien vorführt, die es 1750 noch nicht gab, sondern als Praxis, Zugehörigkeit und Zeichensystem. Die Bildfelder von Feuer, Wasser, Stein und Klang sowie die Gegenüberstellung von Anfang und Schluss machen die Erinnerungsarbeit selbst zum Thema. Der Roman erscheint so als Gegenarchiv, das seine eigene Unvollkommenheit offenlegt und gerade dadurch Vertrauen gewinnt: Die Historiographie eines tabuisierten Begehrens stößt auf ein doppeltes Schweigen. Was nicht gesagt werden durfte, wurde nicht aufgeschrieben, und was die Justiz festhielt, hält nur die Sprache der Verfolgung fest, so dass die Betroffenen fast nur als Gegenstand von Protokollen überliefert sind. Valades Roman begegnet dieser Lage, indem er die Lücke nicht schließt, sondern als Methode ausstellt, und so zeigt, dass sich die Geschichte verborgener Liebe nur als Wechselspiel von Quellenkritik und eingestandener Imagination schreiben lässt.

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Zwischen den Sprachen, zwischen den Zonen: Anne Weber

Zwei Bücher, die kaum unterschiedlicher scheinen könnten: „Annette, ein Heldinnenepos“ (2020) erzählt in freien Versen das Leben der Widerstandskämpferin und Neurologin Anne Beaumanoir, die im Zweiten Weltkrieg Verfolgte versteckte und zwanzig Jahre später im algerischen Unabhängigkeitskampf erneut auf die Seite der Unterdrückten trat, dafür ins Gefängnis ging und schließlich im französischen Dieulefit ein Jahrhundert lang lebte; „Bannmeilen“ (2024) dagegen ist ein Wanderroman, „roman itinérant“, in dem eine deutschstämmige Pariserin an der Seite eines algerischstämmigen Dokumentarfilmers die Banlieue nordöstlich von Paris durchquert, Stadtviertel, Friedhöfe und Cafés erkundet und dabei lernt, was die unsichtbare Mauer der Pariser „Périphérique“ sozial bedeutet. Der Aufsatz liest beide Bücher als „Romans croisés“, als Texte, die den deutsch-französischen Raum nicht illustrieren, sondern poetisch durchkreuzen: Er zeigt, wie Weber in „Annette“ das klassisch-männliche Epos zur Heldinnenform umbaut und dabei die Résistance gegen den Nationalsozialismus und den Widerstand gegen den französischen Kolonialismus als strukturelle Parallelen sichtbar macht, die das offizielle französische Gedächtnis lieber getrennt hält; wie „Bannmeilen“ in der Gattung des essayistischen Déambulationsromans einen sozialen Ausschlussraum erschließt, dessen Straßennamen, Stationsnummern und Friedhofsreihen selbst historische Argumente sind; und wie Webers Praxis der Selbstübersetzung, im Deutschen historisch-raumpolitischer Titel „Bannmeilen“, im Französischen sozialstatistisches „Neuf-trois“, die zwei kulturellen Wahrnehmungsrahmen nicht überbrückt, sondern als produktive Spannung aufrechthält, in der Literatur erst zu dem wird, was Weber selbst fordert: nicht bloß Zeugnis von Unterdrückung, sondern eine Form, die ihr standhält.

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Zerlegung, Selektion, Verstummen: Marion Messinas Roman als Sektion einer zerfallenden Republik

Marion Messinas Roman „Die Entblößten“ (Hanser-Verlag 2024, im Original „La peau sur la table“, 2023) beginnt mit der Selbstverbrennung des Studenten Enzo Brunet vor der Nationalversammlung und verfolgt dann drei Lebensläufe, die sich nie begegnen: die erschöpfte Grundschullehrerin Sabrina, die darwinistisch argumentierende Präsidentin und den zum Metzger gewordenen Literaturwissenschaftler Paul mit seinem bäuerlichen Freund Aurélien. Der Provinzler Brunet war bei einer Feier an der Universität von mehreren privilegierten jungen Männern vergewaltigt worden, als Klassenritual und Machtdemonstration, als dies publik wird, entlädt sich das Land in Straßenkämpfen, einem Massaker auf den Champs-Élysées und dem Ausnahmezustand, und der Roman endet mit der stillen Erschießung Auréliens an einer Straßensperre. Der Aufsatz liest dieses Buch nicht als Dystopie, sondern als Zustandsbeschreibung, und begründet das an der Form: Fokalisierungswechsel, freie indirekte Rede und der Kontrast zwischen knapper Gegenwart und ausufernder Vorgeschichte machen die Erzählweise selbst zur Anklage. Jede Figur wird mit einem eigenen theoretischen Zugriff erschlossen, Sabrina mit Robert Castels Begriff der Entsicherung, die Präsidentin mit Foucaults Biopolitik, Paul und Aurélien mit Bourdieus Kapitaltheorie, die nur einem von beiden eine Exit-Option zuschreibt. Als tragende These ergibt sich eine Ringkomposition aus Benennung und Verstummen: Brunet nennt öffentlich die Namen seiner Täter, am Schluss wird ein Zeuge zum Schweigen gebracht. Der Aufsatz widerspricht damit der deutschsprachigen Kritik, die die pamphletartige Anlage und die „Soziotypen“ als Schwäche verbucht, und liest sie als bewusstes Verfahren serieller Beglaubigung. Dass der Text derzeit Gewicht hat, zeigen die Schüler- und Jugendproteste in Frankreich seit September, mit blockierten Gymnasien, Tausenden Festnahmen und einem Streit zwischen Regierung und Jugendverbänden darüber, wer die Gewalt zu verantworten hat. Messinas Roman macht erkennbar, dass dieser Streit um die Deutung selbst eine Form von Macht ist.

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Ein Mann verschwindet, um Zeuge zu werden: Joy Sorman

Ein Mann verlässt eines Morgens seine Wohnung, drückt einer fremden Obdachlosen seinen Personalausweis in die Hand und betritt den Pariser Justizpalast – um ihn nicht mehr zu verlassen. Er nistet sich in der abgehängten Decke über den Verhandlungssälen ein, lebt von Kaffee und Ingwerkeksen aus der Cafeteria und wird tagsüber, unter den Zuhörern wechselnder Kammern, zum stillen Zeugen eines endlosen Zugs von Fällen: Diebstahl, häusliche Gewalt, Terrorismus, sexueller Missbrauch. Joy Sormans Roman „Le témoin“ folgt diesem Bart durch Monate im Rhythmus der Sitzungen, in denen sich, Verhandlung um Verhandlung, weniger die Schuld der Einzelnen zeigt als die Mechanik einer Institution, in der Zeitdruck, Erschöpfung und Herkunft über das Urteil mitentscheiden – bis eine Rückblende auf Barts eigene Kündigung bei der Arbeitsagentur ahnen lässt, welche Erfahrung von Ungerechtigkeit ihn selbst hierhergeführt hat, und ein Alptraum von einer Gesetz-in-den-Körper-schreibenden Maschine unüberhörbar an Kafka erinnert. Als Bart schließlich, wegen Vagabundierens angeklagt, an derselben Schranke steht, die er all die Monate beobachtet hat, antwortet er auf jede Frage nach seiner Identität nur mit einer einzigen, unerschütterlichen Formel – und stellt damit, im Augenblick seiner eigenen Aburteilung, jene Frage, auf die der ganze Roman zusteuert: ob genaues, geduldiges Zusehen selbst schon eine Form sein kann, in der sich Gerechtigkeit zeigt, wenn das Recht sie längst verfehlt hat. Damit setzt Sorman ihr Verfahren fort, gesellschaftliche Orte – zuvor den Schlachthof in „Comme une bête“, die Psychiatrie in „À la folie“ – literarisch zu erschließen, und macht diesmal die Sprache des Rechts selbst zum eigentlichen Gegenstand.

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Amerikareisen: Die Straße nach dem Ende der Straße bei Catherine Mavrikakis und Cormac McCarthy

In Catherine Mavrikakis‘ „Sur les routes: un étrange voyage de Chicago à Alamogordo“ bricht eine Literaturprofessorin im Sommer 2024 zu einer Fahrt durch die USA auf, die sie sich selbst als Reaktion auf Cormac McCarthys The Road auferlegt: Wenn McCarthy der amerikanischen Straßenliteratur mit seiner Apokalypse ein Ende gesetzt hat, lässt sich die Straße dann überhaupt noch einmal befahren, und mit welchem Blick? Von Ontario über Michigan, Wyoming und die Wüsten des Südwestens bis nach Alamogordo verknüpft die Erzählerin in acht essayistischen Kapiteln die eigene Kindheit mit der Geschichte der Bisonjagden, der AIDS-Krise, des Rust Belt, der Anarchistin Voltairine de Cleyre und des Kernwaffentests von Trinity, sodass jede besuchte Stadt zugleich zum Schauplatz persönlicher Erinnerung und politischer Gegenwart wird, vom Attentat auf Donald Trump in Memphis bis zu den Kämpfen um das Abtreibungsrecht in Michigan und Wyoming. Der Aufsatz argumentiert, dass dieses Buch seine Gattungsfrage zur Methode macht: Statt McCarthys geschlossene, namenlose Endzeitallegorie fortzuschreiben, antwortet Mavrikakis mit einem datierten, digressiven Text, der Reisebericht, Essay und Autofiktion ineinander montiert und damit gerade die politische Lesbarkeit der amerikanischen Gegenwart zurückgewinnt, die McCarthys Apokalypse ausgelöscht hatte. Gezeigt wird das an der Funktion, die „The Road“ für den Text übernimmt, als Epigraph, als Auslöser der Reise und als stumme Folie, die am Schluss in der weißen, radioaktiven Wüste von White Sands unausgesprochen wiederkehrt, ebenso wie an der Verschränkung von Raum, Zeit, Geschlecht und Rasse, mit der Mavrikakis die amerikanische Straße als Palimpsest wiederkehrender Gewalt liest.

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Sylvain Prudhomme zwischen USA und Mexiko, die Grenze als Erzählkörper zwischen Reportage, Chorroman und Elegie

Sylvain Prudhommes „Coyote“ (2024) erzählt, entlang der 3.200 Kilometer langen Grenze zwischen Mexiko und den USA von Tijuana bis Matamoros, die per Anhalter unternommene Reise eines mit dem Autor weitgehend deckungsgleichen Ich-Erzählers, der sich fast vollständig hinter den Stimmen seiner fast neunzig Fahrerinnen und Fahrer zurücknimmt und dabei ein Amerika montiert, das zwischen Mauerbau, Kartellgewalt, Femiziden und alltäglicher Zugewandtheit changiert; formal steht dem Buch mit „Par les routes“ (2019), dem Roman über einen unstet durch Frankreich reisenden Anhalter, dessen Wiederbegegnung mit einem alten Freund den Erzähler zur Reflexion über Bindung und Freiheit zwingt, sowie mit „De l’autre côté du lac“ (2026), in dem ein unzugängliches Naturreservat jenseits eines Bergsees zum Gegenstand einer aus der Ferne geführten, brieflichen Annäherung zweier Figuren wird, ein Werkzusammenhang zur Seite, in dem die Grenze durchgängig als Schwelle zwischen Nähe und Unzugänglichkeit fungiert. Der Aufsatz argumentiert, dass diese Grenze in „Coyote“ nicht bloß Thema, sondern Bauprinzip des Textes ist: Er zeigt, wie das serielle, kartografisch getaktete Kapitelraster, die Alternanz von protokollierter Fahrerrede und naturgeschichtlichen Einschüben über den titelgebenden Kojoten sowie die programmatische Selbstzurücknahme der Erzählerstimme eine Poetik der Zeugenschaft erzeugen, die sich an intertextuellen Bezügen wie Bolaños „2666“ und Villeneuves „Sicario“ ebenso abarbeitet wie an der eigenen, in „Par les routes“ vorweggenommenen Reisefiktion, und führt diesen Befund im Schlussteil mit der vergleichenden Lektüre der beiden anderen Romane zu der These zusammen, dass Prudhommes Schreiben insgesamt aus der Bewegung entlang, nicht über Grenzen hinweg seine Form gewinnt.

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Fluch und Auftrag: Jüdischkeit als Spannungsfeld bei Stéphane Giusti

Stéphane Giustis Debütroman „Le Juif rouge“ erzählt das Leben des Aaron Tamerlan Munteanu, eines rumänischen Juden von zwei Metern zwanzig mit feuerrotem Haar, der 1917 durch den Fluch eines Dybbuk zur Unsterblichkeit verurteilt wird und fortan als sogenannter roter Jude, eine Legendengestalt aus mittelalterlicher Überlieferung, durch das gewaltvolle 20. Jahrhundert Mitteleuropas wandert: von den Schützengräben der Karpaten über Odessa, Wien, Berlin und Prag bis nach Treblinka und schließlich Jerusalem, stets als Zeuge, der das Unheil vorausahnt, ohne es aufhalten zu können. Der Aufsatz liest diesen Roman als Verhandlung von Jüdischkeit selbst: nicht als feste Identität, sondern als Spannungsfeld aus Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Fremdbild und Selbstbild, Legende und Geschichte, das sich im überlebensgroßen, unverwundbaren Körper des Helden leiblich verdichtet. Die Argumentation zeigt, wie der Text die Gattungen des Schelmenromans, der jüdischen Legende, der Schauergeschichte und der historischen Chronik ineinanderschiebt, um ein Geschehen zu umkreisen, das sich realistischer Darstellung entzieht, und wie er zugleich seine eigene Poetik als Zeugenschaft reflektiert, als Pflicht, Buße und Gebet, die im Erzählen selbst ihre Form findet. Ein eigenes Gewicht erhält dabei die Beobachtung, dass der Roman sein Heldenmodell zuletzt unterläuft: Die Legende verspricht einen Retter, der Text liefert einen Zeugen ohne Wirkmacht, dessen Unsterblichkeit Strafe und Auftrag zugleich ist, und dessen Schluss, die Pflege des einstigen Gegners auf einem Jerusalemer Dach, die anfängliche Sehnsucht nach dem einfachen Hass in eine Ethik der Zuwendung verwandelt, ohne sie von aller Schuld zu befreien.

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Die Kellerkammer der Republik: bürgerliche Fassaden bei Florence Chataignier und Claude Chabrol

Florence Chataigniers Romane „Fuir la lumière“ (Cherche Midi, 2026) und „Des gens comme il faut“ (Cherche Midi, 2024) verhandeln aus entgegengesetzten Richtungen dieselbe zentrale Frage: Was geschieht, wenn das bürgerliche Leben nicht länger als selbstverständlicher Rahmen erscheint, sondern sich als Konstruktion enthüllt, die errichtet, gepflegt und irgendwann demontiert werden muss? Der vorliegende Aufsatz interpretiert beide Werke vergleichend als Sezierungen bürgerlicher Fassaden und fragt nach der Funktion des literarischen Erzählens selbst: Über welche Verfahren – der Zeitstruktur, der Raumgestaltung, der Metaphorik, des Zitierens – werden gesellschaftliche Codes sichtbar gemacht, die offiziell nicht existieren? Die zentrale These lautet, dass die Fassade bei Chataignier nicht von bestimmten Geheimnissen ablenkt, sondern von etwas Fundamentalerem: von der Unmöglichkeit, überhaupt ein authentisches Selbst zu haben, solange die sozialen Codes des französischen Bürgertums bestehen. Damit zeichnet sich ein spezifisches Frankreichbild ab – nicht das einer offen hierarchischen Gesellschaft, sondern das einer Gesellschaft, die ihre Klassengrenzen durch Diskretion, Aussprache und Etikette aufrechthält, während sie offiziell republikanische Gleichheit predigt. Im Vergleich mit Claude Chabrols filmischem Werk zeigt sich dabei eine entscheidende Perspektivverschiebung: Wo Chabrols Kamera diese Gesellschaft wie ein Entomologe von außen studiert und die verdrängte Wut in Gewalt umschlagen lässt, sprechen Chataigniers Ich-Erzählerinnen von innen heraus und finden in der genauen, komischen und schmerzhaften Beschreibung der Fassade selbst, nicht in ihrer Sprengung, eine Form der Befreiung. Das Erzählen wird so zum Ort, an dem die Unversöhnlichkeit von Authentizität und sozialer Form artikulierbar wird, ohne sie aufzulösen.

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Autorschaft als Konstruktionsleistung: Marie Jacquiers Untersuchungen zu Annette Messager, Annie Ernaux und Michel Houellebecq

Marie Jacquiers Dissertation „Autorfiguren zwischen Text und Bild“ (Steiner 2024) nimmt die von Barthes und Foucault Ende der 1960er Jahre formulierte Kritik an der Instanz „Autor“ zum Ausgangspunkt einer interdisziplinären Neuvermessung: Weil die Kunstwissenschaft diese literaturtheoretische Debatte erst spät und über den Umweg der Kritik am Künstlerinterview rezipiert hat, entwickelt Jacquier ein gemeinsames, aus Intertextualitäts-, Paratext- und Fiktionstheorie gespeistes Instrumentarium und erprobt es an drei sehr unterschiedlichen Fällen: an Annette Messager, die ihre Künstlerfigur in eine Spatzen ausstopfende „artiste“ und eine Zeitungsausschnitte sammelnde „collectionneuse“ aufspaltet, an Annie Ernaux, die gemeinsam mit Marc Marie einen Phototext über Krankheit und Begehren verfasst und darin zwei konkurrierende Autorinstanzen gegeneinander schreiben lässt, und an Michel Houellebecq, der seine eigene, gleichnamige Romanfigur von einem Maler porträtieren und anschließend ermorden lässt. In allen drei Fällen zeigt Jacquier, dass Autorschaft nicht als biographisches Faktum, sondern als Konstruktionsleistung zu lesen ist, die sich in Titeln, Interviews und Bildkompositionen ebenso vollzieht wie im Text selbst. Die vorliegende Rezension folgt diesem Aufbau, referiert knapp die vier theoretischen Eingangskapitel und die Korpusbildung, geht dann kapitelweise durch die drei Fallstudien und unterscheidet dabei Jacquiers eigene Befunde von eigenständigen, darüber hinausreichenden Beobachtungen, etwa zu dem wiederkehrenden Muster, dass die Kritik am Autor bei allen drei Positionen in neue Formen von Autorität umschlägt. Gestützt auch auf einen Vergleich mit Jacquiers neuerem, gemeinsam herausgegebenem Sammelband zur Autosoziobiographie, benennt die Rezension abschließend Stärken, Einwände und Desiderate der Arbeit, sodass aus der Einzelbesprechung zugleich ein Argument für die Reichweite von Jacquiers methodischem Ansatz über das konkrete Korpus hinaus wird.

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Der Universalismus als uneingelöstes Versprechen: Souleymane Bachir Diagne

Ob im Umgang mit Pandemien, Klimakrise oder globalen Migrationsbewegungen – überall dort, wo Menschen verschiedener Herkunft gezwungen sind, gemeinsame Regeln, Institutionen und Verantwortlichkeiten auszuhandeln, stellt sich die Frage, wie ein Universelles entstehen kann, das nicht die Sprache der einen über die anderen stülpt, sondern im wechselseitigen Übersetzen und Anerkennen wirklich alle einschließt. Souleymane Bachir Diagnes „Universaliser“ (Albin Michel, 2024) unternimmt eine Rettung des Universellen, indem es dessen Krise historisch erklärt statt sie zu beklagen: Der Autor unterscheidet den europäisch-imperialen Universalismus als partikulare „Legende“ von der Menschheit selbst als dem „ersten Universellen“ und verfolgt in sechs Kapiteln – vom Napoleon-Gemälde über Simone Weil, Senghor und Césaire bis zu Merleau-Pontys „lateraler Universalität“ und schließlich Ubuntu als Antwort auf den Afropessimismus – wie aus der Dekonstruktion dieser Legende die Formel „entwestlichen, um zu universalisieren“ hervorgeht. Die Rezension folgt dieser Bewegung nicht nur nach, sondern macht ihre eigene Argumentationsstruktur zum Gegenstand der Würdigung: Sie zeigt überzeugend, dass der eigentliche Ertrag des Buchs in der Verschiebung vom Substantiv zum Verb liegt, vom Universalismus als Lehrgebäude zum Universalisieren als nie abgeschlossener Praxis der Übersetzung, und dass Diagnes genealogisches, seminaristisches Verfahren – dichtes Zitieren, close reading, das Zu-Wort-kommen-Lassen auch abgelehnter Positionen – diese These performativ einlöst. Zugleich verzichtet die Rezension nicht auf kritische Distanz: Sie benennt die begriffliche Unschärfe, die aus dem assoziativen Aufbau resultiert, den engen französisch-afrikanischen Erfahrungsraum, der lateinamerikanische und feministische Traditionen nur streift, sowie den auffällig ungebrochenen Optimismus des Schlusskapitels angesichts der sozialen Realität im postapartheidischen Südafrika – und verortet diese Einwände präzise dort, wo eine mögliche Fortsetzung des Buchs ansetzen müsste, nämlich bei der institutionellen Übersetzung eines philosophisch gewonnenen Prinzips.

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Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung

Ein Sammelband mit elf Historikerinnen und Historikern bzw. Publizisten unter Herausgeberschaft von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt verfolgt in zwölf Kapiteln, wie sich die politischen Familien Frankreichs – vom Rassemblement National über die Regierungsrechte, Macrons Renaissance, Grüne, Sozialisten und Kommunisten bis zu La France insoumise, der außerparlamentarischen Linken und den Gelbwesten – seit dem Sechstagekrieg 1967 zum Antisemitismus verhalten haben. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus von rechts historisch erwartbar sei, sein wiederholtes Auftauchen im linken Lager dagegen mehr über Verdrängungsmechanismen der französischen Gesellschaft verrate; als Scharnier dient dabei durchgehend das Verhältnis von legitimer Israelkritik und antisemitisch codiertem Antizionismus. Die Rezension würdigt den Band als dicht dokumentierte, quellennahe Bestandsaufnahme, die mit dem Reflex bricht, Judenhass allein der extremen Rechten zuzuschreiben, und die auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht schont. Zugleich benennt sie methodische Grenzen – eine „Sicht von oben“ ohne Archiv- oder Basisforschung, uneinheitliche analytische Zugriffe, das Fehlen einer vergleichenden internationalen Perspektive und eines eigenständigen Kapitels zu islamistisch geprägtem Antisemitismus – sowie eine auffällige Leerstelle gegenüber Literatur und Kunst. Ein Ausblick zeigt schließlich, dass sich die im Buch beschriebenen Muster in der Vorwahlkampfphase zur Präsidentschaftswahl 2027 nahezu unverändert wiederholen.

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Persönliches Pantheon – eine Geschichte der Republik in 20 Bestattungen: Michel Winock

Michel Winocks „Pompes funèbres“ (2024) erzählt die Geschichte der Dritten Republik anhand von zwanzig Sterbefällen zwischen der Semaine sanglante von 1871 und dem Kriegsbeginn 1914: vom auf dem Exerzierplatz von Satory erschossenen Commune-Offizier Louis Rossel über den Historiker Jules Michelet, dessen Leichnam zum Streitobjekt zwischen Witwe und Schwiegersohn wird, bis zum „Henker der Commune“ Adolphe Thiers, der als Republikaner zu Grabe getragen wird, und zu Léon Gambetta, dessen Körper nach der Autopsie buchstäblich aufgeteilt wird. Victor Hugos Staatsbegräbnis mit geschätzt zwei Millionen Teilnehmern steht neben der stillen, gegen ihren Willen kirchlichen Bestattung der Dichterin Louise Colet; der gehasste Schulgründer Jules Ferry und der ermordete Präsident Sadi Carnot stehen neben Louis Pasteur, dessen Witwe die Überführung ins Panthéon zugunsten einer Bestattung im eigenen Institut verweigert. Die Panthéonisierung Émile Zolas wird 1908 selbst zum Schauplatz eines Attentats auf Alfred Dreyfus, während die Feministin Hubertine Auclert, Erfinderin des Wortes „féministe“, weitgehend unbeachtet stirbt und die „Rote Jungfrau“ Louise Michel trotz ihrer anarchistischen Überzeugungen selbst von Gegnern wie Maurice Barrès Bewunderung erfährt. Den Schluss bilden Jean Jaurès, dessen Ermordung am Vorabend der Generalmobilmachung 1914 mit dem Ende der Vorkriegszeit zusammenfällt, und Charles Péguy, dessen Kriegstod noch Jahrzehnte später vom Vichy-Regime politisch vereinnahmt wird. Die Rezension rekonstruiert Winocks Verfahren – eine autobiographisch grundierte Reihe von Einzelporträts ohne zusammenfassenden Schlussteil –, würdigt die Materialfülle aus zeitgenössischer Presse und biographischer Forschung und schlägt zugleich vor, wie sich die über das Buch verstreuten Beobachtungen zu Körperfragmentierung, politischer Lagerbildung, geschlechtsspezifischer Erinnerungskultur und der andauernden Nachwirkung von Trauerfeiern zu eigenständigen Synthesen verdichten ließen, die der Band selbst nicht zieht.

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Die Entwicklung der Vergangenheit: Fotografie, Erinnerung, Begehren bei Sébastien Berlendis

Sébastien Berlendis‘ „Lungomare“ überlagert zwei ligurische Sommer wie zwei Belichtungen auf demselben Negativ: den Sommer 1971, in dem die Eltern des Erzählers jung und sonnengebräunt an der Küste von San Remo posieren, und den gegenwärtigen Sommer in Roccabianca, in dem der Erzähler mit der Rolleiflex um den Hals seine Geliebte Annabella vor blauen Kabinentüren fotografiert. Zwischen bröckelnden Jugendstilvillen, weißen Bojen und dem Duft von lauwarmem Sekt entfaltet sich eine Prosa, die Erinnerung als fotografischen Entwicklungsprozess begreift – unscharf, überbelichtet, nie ganz fixierbar. Diese intermediale Poetik, die den Satzbau konsequent an Kamera, Film und Dunkelkammer schult, durchzieht Berlendis‘ weiteres Werk: In „L’autre pays“ durchquert ein Ich-Erzähler, im stillen Zwiegespräch mit einer abwesenden Geliebten, das sommerliche Italien und entziffert unterwegs die Postkarten eines ausgewanderten Urgroßvaters; in „Maures“ kehrt derselbe Blick an die heimatlichen Zeltplätze der Provence zurück, wo vier vergilbte Fotografien von 1972 den langsamen Abschied von den Großeltern rahmen. Die Interpretation liest diese Bücher als Variationen eines einzigen Verfahrens, in dem Licht, Zelluloid und Satz gemeinsam versuchen, das Vergängliche für einen Augenblick festzuhalten, ohne es je ganz zu besitzen.

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Kosmogonie und Sommersonnenwende auf dem Supermarktparkplatz: Célestin de Meeûs

In Célestin de Meeûs, „Mythologie du .12″ (2024) treffen an einem einzigen Sommersonnenwendabend in der belgischen Provinz zwei Welten aufeinander, die sich sonst nie begegnen: Théo, gerade volljährig und mit den letzten Prüfungen fertig, vertreibt sich mit seinem Freund Max die Zeit auf dem Parkplatz einer Einkaufszone, zwischen Bier, Joints und der Erinnerung an eine gescheiterte Beziehung, während der Chefarzt Rombouts nach einem langen Arbeitstag in seine Villa am Waldrand zurückkehrt, wo Ehe und Vaterrolle bereits zerbrochen sind. Als Théo und Max am Abend in genau jenes kürzlich erworbene Waldstück ziehen, das an Rombouts‘ Grundstück grenzt, registriert dieser von seiner Terrasse aus Stimmen und Lichtschein, hält die beiden für Einbrecher und erschießt Théo mit seiner Flinte vom Kaliber .12 – ein Akt aus Furcht, den der Roman nicht als plötzlichen Ausbruch, sondern als Endpunkt eines längst angelegten Gefälles aus Besitzdenken, verletzter Männlichkeit und familiärer Weitergabe von Gewalt erzählt. Der Aufsatz liest diese Erzählung als Auseinandersetzung mit dem im Titel angekündigten Mythos: Kurz vor dem Schuss ruft sich Théo den antiken Sukzessionsmythos von Uranos und dem Sohn Kronos ins Gedächtnis, in dem der Sohn den übermächtigen Vater entmannt, um eine neue Ordnung freizusetzen – doch der Roman kehrt dieses Muster um, denn hier tötet eine Vaterfigur einen fremden jungen Mann, um den eigenen Status zu verteidigen, sodass aus befreiender Ablösung sterile Wiederholung wird. Eigentum, Männlichkeitsideal und koloniales Erbe verdichten sich dabei, wie der Text zeigt, zu einer selbstgemachten Mythologie im Sinne Roland Barthes‘, die eine Tötung als Notwehr erscheinen lässt, während Form und Syntax des Romans – die endlosen, kaum von Punkten unterbrochenen Sätze, die Parallelführung der Schauplätze, das wiederkehrende Bild des „Nirgendwo“ – diese Sinnverweigerung auf der Ebene der Sprache selbst vollziehen.

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Wasser, Hitze, Tiefe: Zur Poetik des französischen Sommerromans

Der Artikel wurde bei 37°C geschrieben. Er bündelt sechzehn jüngere französischsprachige Romane zu einer vielstimmigen Topographie des Wassers – von der Pariser Stadtpiscine über private Swimmingpools und nordamerikanische Wohnanlagen bis hin zu Seenlandschaften und den Küsten des Atlantiks und Mittelmeers. In prägnanten Szenen – dem Zögern auf dem Fünf-Meter-Brett, dem ersten Eintauchen eines alten Mannes nach Jahrzehnten, dem reglosen Sitzen am Rand eines unbenutzten Beckens oder dem erschöpften Auftauchen nach einem weiten Meeresschwimmen – wird Wasser als elementare Erfahrung des Körpers erfahrbar: kühlend, tragend, widerständig. Die Texte zeigen, wie sich im Moment des Badens soziale Ordnungen verschieben und zugleich sichtbar werden: Körper werden lesbar, Klassenunterschiede, Begehren und Ausschlüsse treten offen zutage, während das Wasser für Augenblicke eine Gleichheit herstellt, die an Land sofort wieder zerfällt. – Zugleich fungiert das nasse Element als Speicher und Auslöser von Erinnerung: Chlorgeruch, Salz auf der Haut oder das wiederkehrende Blau eines Beckens rufen Kindheit, erste Liebe oder Verlusterfahrungen auf. Mehrfach kehren die Romane zur Adoleszenz zurück, zu Initiationsmomenten eines Sommers, in dem ein Sprung ins Wasser über Zugehörigkeit entscheidet oder ein Nicht-Sprung eine Lebenslinie markiert. Andere Texte zeigen das Wasser als Ort existenzieller Grenzerfahrung – als Raum der Trauerbewältigung, der Krankheit, der Depression oder der Konfrontation mit dem Tod, in dem Sprache versagt und nur noch der Körper reagieren kann. Zwischen öffentlichem Schwimmbad, das als sozialer Mikrokosmos fungiert, und offenem Meer, das Gleichgültigkeit und Übermacht verkörpert, entfaltet sich so eine Poetik des Wassers, die das Element weder auf Metapher reduziert noch rein naturalistisch belässt: Es ist zugleich konkreter Stoff und Resonanzraum, in dem sich Leben verdichtet. Der Sommer erscheint dabei als beschleunigte, aufgeheizte Zeitform, in der sich im Kontakt mit dem Wasser Übergänge vollziehen – zwischen Kindheit und Erwachsensein, Nähe und Verlust, Kontrolle und Kontrollverlust – und in der die Figuren für einen Moment zugleich freigelegt und sich selbst entzogen sind.

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Putins Russland, Homophobie und Papierfranzosen bei Sergueï Shikalov

Der Aufsatz liest Sergueï Shikalovs „Espèces dangereuses“ (Seuil, 2024) als poetologisch hochreflexiven Text über Homophobie im postsowjetischen Russland, in dem eine ganze Generation schwuler Männer zwischen einem kurzen historischen „Frühling“ und einer erneuten autoritären Eiszeit sichtbar wird. Im Zentrum steht dabei weniger eine lineare Handlung als eine kollektive Erfahrungsform, die sich im unbestimmten „on“ artikuliert: eine litaneiartige, fragmentierte Rede, die individuelle Biographie zugunsten eines geteilten, von Gewalt, Scham und prekärem Begehren gezeichneten Daseins suspendiert. Gerade diese Verweigerung des Ichs wird zur ästhetischen Strategie, die das Verschwinden dokumentiert und zugleich konterkariert, indem sie aus Anonymisierung ein Verfahren der Zeugenschaft macht. Die Thematisierung von Homophobie erscheint dabei nicht nur als soziale Realität – in Gestalt von Übergriffen, institutioneller Gleichgültigkeit und politischer Repression –, sondern als diskursive Ordnung, die Körper klassifiziert, entwertet und aus dem Sagbaren verdrängt. Entscheidend ist, dass der Roman diese Erfahrung in der erlernten französischen Sprache formuliert, die als Medium des Exils einen paradoxen Raum eröffnet: Distanz und Artikulationsmöglichkeit fallen zusammen, sodass das Unsagbare überhaupt erst sagbar wird. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Frage der französischen Staatsbürgerschaft Kontur: Sie markiert zwar einen juristischen und existentiellen Bruch, bleibt jedoch – wie Shikalovs Essay „Français de papier“ (2025) zeigt – ambivalent, insofern Zugehörigkeit weiterhin unter Vorbehalt steht und sich die Logiken der Ausgrenzung in neuer Form fortschreiben.

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Jüdisches Denken gegen sich selbst: Verbergen, Assimilation und doppelte Existenz bei Nathan Devers

Nathan Devers’ „Penser contre soi-même“ (Albin Michel, 2024) verfolgt eine ebenso autobiografische wie philosophische Bewegung, in der das orthodox gelebte Judentum nicht als bloße Herkunft, sondern als dynamischer Denkraum erscheint, der seine eigene Überschreitung ermöglicht. Ausgehend von einem bürgerlich-assimilierten Milieu führt der Text über eine Phase intensiver religiöser Radikalisierung hin zu einem Bruch, der nicht von außen erzwungen wird, sondern aus der inneren Logik des Glaubens selbst hervorgeht – paradigmatisch verdichtet in der Lektüre des Kohelet und im Schwindel der eigenen Kontingenz. Zugleich rückt die Darstellung ein jüdisches Leben ins Zentrum, das sich unter Bedingungen latenter Bedrohung organisiert: Praktiken des Sich-Verbergens, der „marranischen“ Unsichtbarkeit und der situativen Anpassung erscheinen als alltägliche Strategien in einer von Antisemitismus durchzogenen Umwelt. Die Besprechung arbeitet diese Spannung als konstitutiv heraus und liest Jüdischkeit nicht als stabile Identität, sondern als Bewegung, die sich gerade der Verfestigung ins Identitäre entzieht. Sie erscheint vielmehr als eine offene, selbstkritische Praxis, die – in ihrer talmudischen Struktur – die Mittel zu ihrer eigenen Infragestellung bereitstellt. Devers’ Übergang zur Philosophie erweist sich folglich nicht als Abkehr, sondern als Transformation: als Fortsetzung einer existenziellen Suche unter veränderten epistemischen Bedingungen, in der die „zerbrochenen Götzen“ des Glaubens in veränderter Form weiterwirken.

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Herkunft, Begehren und Glaube: Monia Aljalis

La librairie Avicenne jette au bitume sa langue de vers à soie. Cinq ans d’arabe dans les veines et Leyla sait à peine déplier une phrase sans buter sur chaque mot. De toute façon, personne ne le saura ; elle peut faire croire à son bilinguisme tant qu’elle baragouine du dialecte aux masses blanches enthousiastes. Mais ici, elle ne peut pas donner le change – ce qui explique qu’elle a mal au bide depuis son arrivée, l’envie de courir se vider les entrailles. Elle prend un livre au hasard : الملك الضلّيل. Le déchiffrement est difficile, déjà : cela n’ira pas plus loin. Elle va dans la section pour enfants : c’est un peu plus simple, mais voyez le ridicule de l’affaire… Tous ces grands êtres ont traduit dans la langue de son Seigneur ce qui vient de la langue des Hommes – échange de bons procédés – tandis qu’elle tient dans ses bras ballants Abû Sîr et Abû Kîr qu’elle ne comprend qu’avec peine. Je peux vous aider ? demande un monsieur sévère sous des verres fumés. Elle ne voudrait pas déranger.

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Neukaledonien – versehrtes Epos und Empathie als Widerstand: Alice Zeniter

Als „Frapper l’épopée“ im August 2024 erschien, stand Neukaledonien in Flammen: Wenige Monate zuvor hatten Aufstände gegen eine in Paris durchgesetzte Wahlrechtsreform vierzehn Tote und Milliardenschäden gefordert. Alice Zeniters bereits 2023 abgeschlossener Roman trat damit in seiner „Vorkrisen-Fassung“ mitten in eine brennende Aktualität ein, die er nicht hatte kennen können – ein Zusammenfall, der ihm eine fast prophetische Schwere verlieh. Das Buch erzählt die Heimkehr der jungen Caldoche Tass nach Nouméa, wo sie als Aushilfslehrerin ihrer ungeklärten Familienherkunft nachspürt, während eine kanak Aktivistengruppe um Un Ruisseau mit Aktionen einer „gewalttätigen Empathie“ den Kolonisierenden die Erfahrung der Enteignung körperlich spürbar zu machen sucht; in einem phantastischen Sturz ins „Wasserloch“ durchlebt Tass schließlich die koloniale Vorgeschichte ihres ins Bagno deportierten Vorfahren Arezki, ehe der Roman in der Gegenwart und einer kaum sichtbaren Schlussgeste – einem mit dem Finger gespurten Aktivistenkürzel – mündet. Der Aufsatz liest das Werk von seinem Titel her, das Verb „frapper“ in seiner Doppelbedeutung (schlagen und prägen) als poetologisches Programm eines „versehrten Epos“, das die heroische Kolonialerzählung zertrümmert und zugleich ein neues, vielstimmiges und antiheroisches Gedächtnis einschreibt. Erzählen soll hier nicht informieren, sondern sinnlich verunsichern. Flankiert wird diese werkimmanente Lektüre durch eine Einordnung neben Zeniters „L’Art de perdre“, eine Auswertung der französischen Rezeption und eine Reflexion über die Verschiebung der Leseperspektive nach den Aufständen vom Mai 2024 – sodass die Besprechung das Buch zugleich als ästhetisches Wagnis und als politisch brisanten Gegenwartstext profiliert.

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Montaigne auf der Anklagebank: Philippe Desan

Der Roman des renommierten Montaigne-Forschers Philippe Desans, „Montaigne – La Boétie: une ténébreuse affaire“ (2024), erzählt die berühmteste Freundschaft der französischen Renaissance als literarischen Kriminalfall. Ausgehend von der Begegnung Montaignes und Étienne de La Boéties im Bordeaux des 16. Jahrhunderts entfaltet der Roman die provokante Hypothese, Montaigne selbst könnte für den frühen Tod seines Freundes verantwortlich gewesen sein. Über die Spur eines verschollenen Sonetts, verborgener Dokumente und einer modernen akademischen Untersuchung verfolgt Desan die Wege der Überlieferung bis in die Gegenwart und macht die Rekonstruktion der Vergangenheit zum eigentlichen Gegenstand seiner Erzählung. Der Aufsatz zeigt, dass dieser historische Kriminalroman weit mehr ist als ein gelehrtes Spiel: Er stellt eine fiktionale Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der Montaigne-Forschung dar und setzt sich dabei implizit mit der humanistischen Montaigne-Deutung Hugo Friedrichs auseinander. Während Friedrich in seiner klassischen Monographie von 1949 die Einheit eines „sehr organisierten Geistes“ und die Konsubstantialität von Leben und Werk betont, entwirft Desan einen Montaigne, dessen Identität, Texte und Erinnerungen von historischen Interessen, editorischen Eingriffen und sozialen Strategien geprägt sind. Der Aufsatz argumentiert, dass Desans Roman die Grenze zwischen Wissenschaft und Fiktion bewusst verwischt, um die grundsätzliche Erzählnatur jeder Interpretation offenzulegen: Lesen erscheint hier als Arbeit mit Indizien, Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen, sodass die Geschichte eines möglichen Verbrechens zugleich zu einer Reflexion über die Bedingungen literaturwissenschaftlicher Erkenntnis wird.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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