Assoziationsraum Troja: Olivier Rolin

Wenn Ulixes den kleinen Astyanax von den Mauern Trojas stürzt, damit „keiner von ihnen dem Abgrund des Todes entkomme, nicht einmal der Knabe im Leib seiner Mutter“, und wenn, gut dreitausend Jahre später, vor einer Geburtsklinik in Mariupol ein Bombenkrater eine schwangere Frau mit ihrem ungeborenen Kind tötet, zitiert Olivier Rolin nicht bloß eine Parallele, sondern denselben Satz wörtlich: So beginnt sein 2026 bei Gallimard erschienenes Buch „La guerre éternelle“, das sich selbst nicht Roman, sondern „Souvenirs de Troie“ nennt: eine Erkundung der türkischen Troas, in der die Lektüre der Ilias, eigene Reisenotizen und die Erinnerung an die im belagerten Sarajevo kennengelernte Schauspielerin Jane sich mit den Zerstörungen von Smyrna 1922, den Dardanellen 1915, Berlin 1945, Srebrenica, Sindschar, Tschibok, Mariupol, Gaza und dem Sudan verschränken, bis das letzte Kapitel in der Dunkelheit des hölzernen Pferdes endet, kurz bevor der Untergang beginnt. Der vorliegende Aufsatz liest dieses Buch nicht als eine dem Roman fremd gebliebene Form, sondern nimmt seine Gattungsverweigerung selbst als Argument ernst: Raum und Zeit erscheinen als Palimpsest, in dem an ein und demselben Strand Bronzezeit, Antike und Gegenwart übereinanderliegen; die Figuren gliedern sich in ein wiederkehrendes Muster aus plündernden Männern und gefangenen, klagenden Frauen; und ein dichtes Gewebe aus antiken Tragikern, klassischer und moderner Dichtung, Malerei, Film und Fotografie zeigt, dass Gewalt immer schon durch Bilder vermittelt ist, bevor sie in Sprache gefasst wird. Den Schlüssel zu dieser Poetik liefert die Rahmenkomposition selbst: Während das Buch mit dem Rückblick auf eine bereits vollzogene Katastrophe beginnt, endet es im Modus der bloßen Erwartung, unmittelbar vor dem Angriff – eine Umkehrung, die nicht behauptet, sondern vorführt, dass der „ewige Krieg“ kein Bild, sondern eine wiederkehrende Struktur der Geschichte ist.

➙ Zum Artikel

Von der Fußnote zur Gegengeschichte: Olivier Rolin zu Victor Hugo

Olivier Rolin entwickelt in „Jusqu’à ce que mort s’ensuive“ (Gallimard, 2024) aus einer randständigen Passage der „Misérables“ eine konsequente Gegengeschichte. Bei Hugo erscheinen Emmanuel Barthélemy und Frédéric Cournet nur als exemplarische Figuren innerhalb der Barrikadenmythologie von 1848, deren Schicksal in wenigen Sätzen moralisch geschlossen wird. Rolin löst sie aus dieser symbolischen Funktion und rekonstruiert ihre Lebenswege von den Junikämpfen über das Londoner Exil bis zu Duell und Galgen. Aus Hugos Miniatur entsteht eine materialreiche Chronik, in der Barthélemy als Produkt des Bagno und Cournet als widersprüchlicher Republikaner erscheinen – nicht als Typen, sondern als historische Existenzen ohne Erlösungslogik. Die Rezension liest Rolins Buch als Entmythologisierung durch Präzision. Rolin widerspricht Hugo nicht offen, sondern setzt dort an, wo dessen epische Ordnung brüchig wird. Gegen Hugos Verdichtung stellt er Chronologie, Archivmaterial und erzählerische Nüchternheit. So verschiebt sich der Maßstab von Sinnstiftung zu Beschreibung: Jean Valjeans Erlösung steht Barthélemys Verhärtung gegenüber, der emphatische Titel „Les Misérables“ der administrativen Kälte von „Jusqu’à ce que mort s’ensuive“. Der nüchterne Schluss am Galgen wird als methodische Setzung gelesen: Geschichte erzeugt keinen Sinn von selbst. Literatur kann sie sichtbar machen – aber nicht erlösen.

➙ Zum Artikel
Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.