Die Leerstelle der Migranten: Perspektive und Konvergenz bei Thomas Bonte
Thomas Bontes Roman „Passer“ erzählt denselben Sommer an der Küste des Pas-de-Calais dreimal: Der Landwirt Simon nimmt zwei afghanische Geschwister, Mehran und Soheila, wochenlang auf seinem Hof auf, ehe sie über Nacht verschwinden; die Vereinshelferin Elsa begegnet denselben beiden bei einer Verteilaktion unter einer Autobahnbrücke und gerät zwischen die Fronten konkurrierender Hilfsorganisationen; der im Bunker lebende Einsiedler Michel schließlich erweist sich rückblickend als derjenige, der die beiden zuerst entdeckt und heimlich zu Simons Hof gelenkt hat. Erst ein Epilog führt die drei, einander unbekannten Beobachter in derselben Nacht am selben Strand zusammen, wenn das überfüllte Schlauchboot der Migranten ablegt. Der Aufsatz liest diese Konstruktion nicht als bloßes Erzählexperiment, sondern als formale Antwort auf eine inhaltliche Frage: Er zeigt, wie die gegeneinander verschobene Chronologie der drei Teile, ihre unterschiedlich bemessenen Zeiträume und die durchgängige Stimmlosigkeit der beiden Migranten zusammenwirken, um Hilfsbereitschaft als etwas darzustellen, das aus eigener Bedürftigkeit entsteht, räumlich und sozial begrenzt bleibt und sich nie zu einer Gemeinschaft der Helfenden verbindet.
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