Das Alter als Streitfall: Simone de Beauvoir, Dominique Fernandez und Laure Adler

Der Aufsatz vergleicht drei Bücher, die im Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert und doch in einem erkennbaren Gespräch miteinander über das Altern geschrieben wurden. Simone de Beauvoirs „La Vieillesse“ (1970) entwirft, ausgehend von der These einer gesellschaftlichen „Verschwörung des Schweigens“, eine zweiteilige, sechshundert Seiten starke Untersuchung, die das Alter zunächst als Gegenstand von Biologie, Geschichte und Klassenverhältnissen beschreibt und dann als gelebte, oft entfremdete Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Zeit; Dominique Fernandez‘ „Tout n’est pas si noir“ (2026) tritt dem, mit siebenundneunzig Jahren geschrieben, ausdrücklich als Widerrede entgegen und stellt Beauvoirs Totalanspruch die Vielfalt einzelner Altersschicksale entgegen, belegt an Selbstporträts alternder Maler, an der eigenen, spät gefundenen Liebe und an literarischen Sterbeszenen von Tolstoi bis Hemingway; Laure Adlers „La Voyageuse de nuit“ (2020) schließlich, die sich ausdrücklich als Fortsetzung von Beauvoirs Kampf versteht, mischt beide Register in Form eines Reisetagebuchs, das Statistiken über Pflegeheime mit Alltagsszenen verbindet, etwa der Begegnung mit einem Jogger, der sich als Altersgenosse entpuppt, oder dem eigenen Vater, der ins Heim zieht und dabei alles zurücklässt. Der Aufsatz argumentiert, dass diese drei verschiedenen Formen, das philosophisch-politische Traktat, der assoziative Essay und das journalistisch grundierte Tagebuch, auf denselben blinden Fleck reagieren, ohne sich in ihren Antworten zu decken: Er verfolgt anhand wiederkehrender Themen wie Körper, Liebe, Tod und Geschlecht, wie jedes Buch konkrete Szenen aus Kunstgeschichte, Literatur oder eigenem Erleben gegen oder für Beauvoirs ursprüngliche Diagnose ins Feld führt, und kommt zu dem Schluss, dass erst das Zusammenspiel von gesellschaftlicher Anklage und individueller Erfahrung ein vollständiges Bild des Alterns ergibt.

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Autorschaft als Konstruktionsleistung: Marie Jacquiers Untersuchungen zu Annette Messager, Annie Ernaux und Michel Houellebecq

Marie Jacquiers Dissertation „Autorfiguren zwischen Text und Bild“ (Steiner 2024) nimmt die von Barthes und Foucault Ende der 1960er Jahre formulierte Kritik an der Instanz „Autor“ zum Ausgangspunkt einer interdisziplinären Neuvermessung: Weil die Kunstwissenschaft diese literaturtheoretische Debatte erst spät und über den Umweg der Kritik am Künstlerinterview rezipiert hat, entwickelt Jacquier ein gemeinsames, aus Intertextualitäts-, Paratext- und Fiktionstheorie gespeistes Instrumentarium und erprobt es an drei sehr unterschiedlichen Fällen: an Annette Messager, die ihre Künstlerfigur in eine Spatzen ausstopfende „artiste“ und eine Zeitungsausschnitte sammelnde „collectionneuse“ aufspaltet, an Annie Ernaux, die gemeinsam mit Marc Marie einen Phototext über Krankheit und Begehren verfasst und darin zwei konkurrierende Autorinstanzen gegeneinander schreiben lässt, und an Michel Houellebecq, der seine eigene, gleichnamige Romanfigur von einem Maler porträtieren und anschließend ermorden lässt. In allen drei Fällen zeigt Jacquier, dass Autorschaft nicht als biographisches Faktum, sondern als Konstruktionsleistung zu lesen ist, die sich in Titeln, Interviews und Bildkompositionen ebenso vollzieht wie im Text selbst. Die vorliegende Rezension folgt diesem Aufbau, referiert knapp die vier theoretischen Eingangskapitel und die Korpusbildung, geht dann kapitelweise durch die drei Fallstudien und unterscheidet dabei Jacquiers eigene Befunde von eigenständigen, darüber hinausreichenden Beobachtungen, etwa zu dem wiederkehrenden Muster, dass die Kritik am Autor bei allen drei Positionen in neue Formen von Autorität umschlägt. Gestützt auch auf einen Vergleich mit Jacquiers neuerem, gemeinsam herausgegebenem Sammelband zur Autosoziobiographie, benennt die Rezension abschließend Stärken, Einwände und Desiderate der Arbeit, sodass aus der Einzelbesprechung zugleich ein Argument für die Reichweite von Jacquiers methodischem Ansatz über das konkrete Korpus hinaus wird.

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Kolonisation im Plural: wie Historiker heute von der Eroberung erzählen

Kaum ein Land tut sich mit seiner imperialen Vergangenheit so schwer wie Frankreich, das sich selbst über Jahrhunderte konsequent als Nation und nicht als Empire gedacht hat – noch die Dritte Republik vermied das Wort „empire“ für die eigenen Kolonialbesitzungen, während gleichzeitig ein Sechstel der Weltbevölkerung unter französischer Herrschaft stand. Emmanuelle Saada, Historikerin an der Columbia University und Spezialistin für das französische Kolonialrecht, zieht in ihrem neuen Buch „Histoires et colonisations: des récits de la conquête aux héritages postcoloniaux“ (Gallimard, 2026) die Summe aus drei Jahrzehnten internationaler Forschung zu diesem verdrängten Erbe: Sie fragt nicht primär, was in Algerien, Indochina oder Westafrika geschah, sondern wie Historikerinnen und Historiker seit dem „tournant colonial“ der 1990er Jahre gelernt haben, koloniale Macht überhaupt zu denken – als fragiles, oft improvisiertes Gebilde statt als allmächtige Maschine. Der Bogen reicht von der Eroberung Algeriens 1830, deren Rechtfertigungserzählung schon damals eine algerische Gegenerzählung gegenüberstand, bis zu den tagesaktuellen Reparationsforderungen, die Frankreich seit Emmanuel Macrons Rede von 2017 bis zum algerischen Parlamentsbeschluss vom Dezember 2025 begleiten. Warum dieses Buch trotz seiner analytischen Kühle gerade an seinen Rändern zur brisanten Zeitdiagnose wird – und wo es an seine eigenen methodischen Grenzen stößt –, zeigt die Rezension.

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Der Universalismus als uneingelöstes Versprechen: Souleymane Bachir Diagne

Ob im Umgang mit Pandemien, Klimakrise oder globalen Migrationsbewegungen – überall dort, wo Menschen verschiedener Herkunft gezwungen sind, gemeinsame Regeln, Institutionen und Verantwortlichkeiten auszuhandeln, stellt sich die Frage, wie ein Universelles entstehen kann, das nicht die Sprache der einen über die anderen stülpt, sondern im wechselseitigen Übersetzen und Anerkennen wirklich alle einschließt. Souleymane Bachir Diagnes „Universaliser“ (Albin Michel, 2024) unternimmt eine Rettung des Universellen, indem es dessen Krise historisch erklärt statt sie zu beklagen: Der Autor unterscheidet den europäisch-imperialen Universalismus als partikulare „Legende“ von der Menschheit selbst als dem „ersten Universellen“ und verfolgt in sechs Kapiteln – vom Napoleon-Gemälde über Simone Weil, Senghor und Césaire bis zu Merleau-Pontys „lateraler Universalität“ und schließlich Ubuntu als Antwort auf den Afropessimismus – wie aus der Dekonstruktion dieser Legende die Formel „entwestlichen, um zu universalisieren“ hervorgeht. Die Rezension folgt dieser Bewegung nicht nur nach, sondern macht ihre eigene Argumentationsstruktur zum Gegenstand der Würdigung: Sie zeigt überzeugend, dass der eigentliche Ertrag des Buchs in der Verschiebung vom Substantiv zum Verb liegt, vom Universalismus als Lehrgebäude zum Universalisieren als nie abgeschlossener Praxis der Übersetzung, und dass Diagnes genealogisches, seminaristisches Verfahren – dichtes Zitieren, close reading, das Zu-Wort-kommen-Lassen auch abgelehnter Positionen – diese These performativ einlöst. Zugleich verzichtet die Rezension nicht auf kritische Distanz: Sie benennt die begriffliche Unschärfe, die aus dem assoziativen Aufbau resultiert, den engen französisch-afrikanischen Erfahrungsraum, der lateinamerikanische und feministische Traditionen nur streift, sowie den auffällig ungebrochenen Optimismus des Schlusskapitels angesichts der sozialen Realität im postapartheidischen Südafrika – und verortet diese Einwände präzise dort, wo eine mögliche Fortsetzung des Buchs ansetzen müsste, nämlich bei der institutionellen Übersetzung eines philosophisch gewonnenen Prinzips.

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Hundert Jahre „Esprit und Geist“ (1927) von Eduard Wechßler: eine kritische Lektüre

2027 jährt sich das Erscheinen von Eduard Wechßlers „Esprit und Geist. Versuch einer Wesenskunde des Deutschen und des Franzosen“ zum hundertsten Mal – Anlass genug, das 604 Seiten starke Werk, das 1927 mitten in der französischen Rheinlandbesetzung erschien, noch einmal genau zu lesen. Wechßler, damals Ordinarius für Romanistik in Berlin, stellt darin deutschen „Geist“ und französischen „Esprit“ in rund vierzig antithetischen Paaren gegenüber, gegliedert nach Dantes Jenseitsarchitektur in ein „Erstes Buch“ der zu überwindenden „Erdgeister“ (Inferno) und ein „Zweites Buch“ der „helfenden Geister“ (Purgatorio): Der Franzose fürchtet die Natur und sucht das Vergnügen der Gesellschaft, formt seinen Garten geometrisch und erweist in Voltaires Klage über das Erdbeben von Lissabon die Furcht vor der Natur; der Deutsche verehrt die Natur als Schöpfung und malt mit Caspar David Friedrich Berglandschaften, in denen der Mensch klein wird. Der Franzose hat horreur de l’infini, der Deutsche einen Drang ins Unendliche – wobei ausgerechnet die gotische Kathedrale, eine französische Erfindung, als Beleg deutscher Unendlichkeitssehnsucht herhalten muss, ein Widerspruch, den Wechßler nur auflöst, indem er den „schöpferischen Anteil“ an der Gotik kurzerhand dem Germanenblut zuschreibt. Genau an solchen Stellen wird die Methode selbst zum Problem: Aus Stadtgründung hier und Einzelhof dort liest Wechßler Geselligkeit gegen Sonderwillen heraus, aus der Unübersetzbarkeit von Wörtern weltanschauliche Differenz, aus einem eigenen Kapitel über vier „Rassen“ – mit unbelegten Prozentangaben nach Gobineau und Vacher de Lapouge – einen biologischen Unterbau für alles Übrige; wo ein Gegenbeispiel auftaucht, wird es auf fremdes Blut zurückgeführt oder als Ausnahme abgetan, sodass die These gegen jede Widerlegung immunisiert bleibt. Die Rezension zeichnet diese Verfahren im Einzelnen nach – von der Freiheitsidee Eckharts und Luthers, die gegen die französische Menschenrechtserklärung von 1789 ausgespielt wird, bis zum Frauendienst-Kapitel –, verortet das Buch im völkischen Nationalismus, der zeitgenössischen Rassenanthropologie und dem Revanchismus der Weimarer Republik, zeigt aber auch die Selbstwidersprüche: Wechßler rühmt Frankreichs Widerstand gegen kulturelle Nivellierung als Vorbild, zitiert André Gide zustimmend und mündet im Schlusswort in eine Versöhnungsgeste über das gemeinsame griechische Erbe – ohne den Rahmen ewiger Nationalwesen je zu verlassen. Susanne Dalstein-Paffs Dissertation von 2006 zitiert Victor Klemperer, der dem Buch „faschistische Methode“ bescheinigte, dass Benedetto Croce ihm vorwarf, politische Gegensätze in vermeintlich geistige zu verwandeln, und sie zeigt auf, dass Wechßlers Vokabular 1940 direkt in NS-Propagandaschriften einfloss. Wer das Buch heute liest, sollte es also nicht als Auskunft über „die Franzosen“ und „die Deutschen“ lesen, sondern gegen sich selbst: als Archiv dafür, wie sich Gelehrsamkeit, Sprachgefühl und wissenschaftlicher Anspruch im Weimarer Deutschland in den Dienst einer Erzählung stellen ließen, die nationale Differenz nicht beschreibt, sondern herstellt – und gerade deshalb bleibt „Esprit und Geist“ hundert Jahre später ein Lehrstück, nicht über Nationalcharaktere, sondern über die Mechanik ihrer Erfindung.

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Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung

Ein Sammelband mit elf Historikerinnen und Historikern bzw. Publizisten unter Herausgeberschaft von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt verfolgt in zwölf Kapiteln, wie sich die politischen Familien Frankreichs – vom Rassemblement National über die Regierungsrechte, Macrons Renaissance, Grüne, Sozialisten und Kommunisten bis zu La France insoumise, der außerparlamentarischen Linken und den Gelbwesten – seit dem Sechstagekrieg 1967 zum Antisemitismus verhalten haben. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus von rechts historisch erwartbar sei, sein wiederholtes Auftauchen im linken Lager dagegen mehr über Verdrängungsmechanismen der französischen Gesellschaft verrate; als Scharnier dient dabei durchgehend das Verhältnis von legitimer Israelkritik und antisemitisch codiertem Antizionismus. Die Rezension würdigt den Band als dicht dokumentierte, quellennahe Bestandsaufnahme, die mit dem Reflex bricht, Judenhass allein der extremen Rechten zuzuschreiben, und die auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht schont. Zugleich benennt sie methodische Grenzen – eine „Sicht von oben“ ohne Archiv- oder Basisforschung, uneinheitliche analytische Zugriffe, das Fehlen einer vergleichenden internationalen Perspektive und eines eigenständigen Kapitels zu islamistisch geprägtem Antisemitismus – sowie eine auffällige Leerstelle gegenüber Literatur und Kunst. Ein Ausblick zeigt schließlich, dass sich die im Buch beschriebenen Muster in der Vorwahlkampfphase zur Präsidentschaftswahl 2027 nahezu unverändert wiederholen.

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Persönliches Pantheon – eine Geschichte der Republik in 20 Bestattungen: Michel Winock

Michel Winocks „Pompes funèbres“ (2024) erzählt die Geschichte der Dritten Republik anhand von zwanzig Sterbefällen zwischen der Semaine sanglante von 1871 und dem Kriegsbeginn 1914: vom auf dem Exerzierplatz von Satory erschossenen Commune-Offizier Louis Rossel über den Historiker Jules Michelet, dessen Leichnam zum Streitobjekt zwischen Witwe und Schwiegersohn wird, bis zum „Henker der Commune“ Adolphe Thiers, der als Republikaner zu Grabe getragen wird, und zu Léon Gambetta, dessen Körper nach der Autopsie buchstäblich aufgeteilt wird. Victor Hugos Staatsbegräbnis mit geschätzt zwei Millionen Teilnehmern steht neben der stillen, gegen ihren Willen kirchlichen Bestattung der Dichterin Louise Colet; der gehasste Schulgründer Jules Ferry und der ermordete Präsident Sadi Carnot stehen neben Louis Pasteur, dessen Witwe die Überführung ins Panthéon zugunsten einer Bestattung im eigenen Institut verweigert. Die Panthéonisierung Émile Zolas wird 1908 selbst zum Schauplatz eines Attentats auf Alfred Dreyfus, während die Feministin Hubertine Auclert, Erfinderin des Wortes „féministe“, weitgehend unbeachtet stirbt und die „Rote Jungfrau“ Louise Michel trotz ihrer anarchistischen Überzeugungen selbst von Gegnern wie Maurice Barrès Bewunderung erfährt. Den Schluss bilden Jean Jaurès, dessen Ermordung am Vorabend der Generalmobilmachung 1914 mit dem Ende der Vorkriegszeit zusammenfällt, und Charles Péguy, dessen Kriegstod noch Jahrzehnte später vom Vichy-Regime politisch vereinnahmt wird. Die Rezension rekonstruiert Winocks Verfahren – eine autobiographisch grundierte Reihe von Einzelporträts ohne zusammenfassenden Schlussteil –, würdigt die Materialfülle aus zeitgenössischer Presse und biographischer Forschung und schlägt zugleich vor, wie sich die über das Buch verstreuten Beobachtungen zu Körperfragmentierung, politischer Lagerbildung, geschlechtsspezifischer Erinnerungskultur und der andauernden Nachwirkung von Trauerfeiern zu eigenständigen Synthesen verdichten ließen, die der Band selbst nicht zieht.

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Lesbische Literatur als Verfahren: zu Lou Lootgieters subjektiver Kartographie des Verborgenen

Lou Lootgieters Sammlung „Les Dessous lesbiens de la littérature“ (2026) zeigt anhand von 29 frankophonen Texten seit dem 19. Jahrhundert eine bewusst subjektive, nicht-chronologische Kartographie lesbischer Schreibweisen, die journalistische Recherche, Interviews und close readings verbindet. Im Zentrum stehen wiederkehrende Strategien, mit denen Autorinnen lesbisches Begehren unter Bedingungen von Zensur und Unsichtbarkeit artikulieren: So liest Lootgieter Rachildes „Monsieur Vénus“ (1884) als frühe Figuration von „Monstrosität“ als Chiffre eines noch sprachlosen Begehrens, während sie in Monique Wittigs „L’Opoponax“ (1964) die grammatische Neutralisierung von Geschlecht als literarisches „Trojanisches Pferd“ interpretiert. An Beispielen wie Amélie Nothombs „Stupeur et tremblements“ (1999), dessen homoerotische Spannung von der zeitgenössischen Kritik ignoriert wurde, oder Violette Leducs zensierter Internatserzählung „Thérèse et Isabelle“ zeigt der Band, wie stark Rezeption und Publikationsgeschichte zur Unsichtbarmachung beitragen. Zugleich verschiebt sich die Perspektive im Verlauf der vier Kapitel von Verschleierungstechniken hin zu offenen politischen Positionen, etwa in Constance Debrés „Love Me Tender“ (2020), das Heterosexualität als soziales Regime explizit zurückweist. Theoretische Bezugspunkte – von Judith Butler über Monique Wittig bis zu Paul B. Preciado – bleiben dabei bewusst fragmentarisch und werden eher als Resonanzraum denn als systematischer Rahmen eingesetzt. Zudem werden quer dazu auch das Verhältnis zu männlicher Homosexualität, innerfeministische Konfliktlinien sowie Fragen von Transinklusion und -exklusion punktuell mitverhandelt. Die Rezension arbeitet diese Spannungen zwischen Materialfülle und fehlender methodischer Synthese ebenso heraus wie den Erkenntniswert des Bandes als Fundus bislang marginalisierter Texte, Rezeptionsdokumente und Gesprächsperspektiven für die literaturwissenschaftliche Weiterarbeit.

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Marine Le Pen als Bücherfigur: Enthüllen, Deuten, Imaginieren

Dieser Überblick über Marine-Le-Pen-Literatur steht im unmittelbaren Schatten eines laufenden Gerichtsverfahrens: Am 7. Juli 2026 verkündet die Pariser Cour d’appel ihr Urteil im Prozess um die Assistenten der FN-Europaabgeordneten, in dem Marine Le Pen erstinstanzlich zu fünf Jahren Verlust des passiven Wahlrechts mit sofortiger Vollstreckung verurteilt worden war – eine Entscheidung, deren Bestätigung sie von der Präsidentschaftswahl 2027 ausschließen und den Weg für Jordan Bardella als Ersatzkandidaten des Rassemblement National ebnen würde, während eine Abschwächung oder Aufhebung der sofortigen Vollstreckung ihre Kandidatur offen hielte; da das Urteil zum Zeitpunkt der Abfassung noch aussteht, erhält die folgende Übersicht eine besondere Gegenwartsdringlichkeit. – Die Rezension folgt einer doppelten Ordnung: einerseits einer Gattungslogik, andererseits einer argumentativen Progression vom Sichtbaren zum Strukturellen. Ein erster Abschnitt widmet sich mehreren journalistischen Enthüllungsbüchern, die in dichter Recherchearbeit Netzwerke, Finanzen und parteiinterne Strategien freilegen. Hier zeigt die Rezension im Detail, wie diese Texte mit wiederkehrenden dramaturgischen Mitteln arbeiten: Sie eröffnen mit prägnanten Szenen – etwa Wahlkampfauftritten oder internen Krisenmomenten –, um anschließend Schritt für Schritt ein Gegenbild zur öffentlichen Inszenierung zu entfalten. Die Politikerfigur erscheint dabei als strategisch kontrolliertes Konstrukt, dessen „Normalisierung“ als bewusste Operation beschrieben wird. Die Rezension arbeitet heraus, dass diese Bücher weniger durch neue Fakten als durch ihre narrative Rahmung Wirkung entfalten: Sie organisieren das Material entlang einer Enthüllungslogik, die stets auf die Entlarvung einer Diskrepanz zwischen Oberfläche und Tiefe zielt. – Ein zweiter Block gilt diskursanalytischen und ideologiekritischen Studien. Hier verschiebt sich der Zugriff: Statt biografischer Details stehen Sprachmuster, Begriffsverschiebungen und rhetorische Strategien im Zentrum. Die Rezension rekonstruiert die Argumentationsgänge dieser Arbeiten: Sie zeigen etwa, wie Begriffe wie „Volk“, „Souveränität“ oder „Sicherheit“ semantisch umcodiert werden, wie ambivalente Formulierungen unterschiedliche Adressaten zugleich bedienen und wie sich ältere rechtsextreme Diskurse in moderaterer Form fortschreiben. Besonders hervorgehoben wird die methodische Strenge dieser Studien, die mit Korpusanalysen, Redevergleichen und historischen Kontextualisierungen arbeiten. Die Figur Le Pen erscheint hier nicht mehr als handelndes Subjekt, sondern als Effekt eines Diskurses, der über sie hinausweist. – Darauf folgt ein Abschnitt zu biografischen Darstellungen, die stärker narrativ und psychologisierend verfahren. Die Rezension zeigt, wie diese Bücher zentrale Motive – familiäre Konflikte, die Beziehung zum Vater, der Generationswechsel innerhalb der Partei – zu einer kohärenten Lebensgeschichte verdichten. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Biografien häufig mit literarischen Mitteln operieren: Sie setzen auf dramatische Zuspitzung, charakterliche Entwicklung und symbolische Schlüsselszenen. Die Politikerfigur gewinnt hier an Tiefe und Kontur, wird aber zugleich in bekannte Erzählmuster eingebettet, die ihre politische Rolle verständlich und erzählbar machen. – Ein weiterer Teil der Rezension ist programmatischen Schriften und politischen Essays gewidmet, die entweder von Le Pen selbst oder aus ihrem Umfeld stammen. Hier analysiert die Rezension die innere Struktur dieser Texte: die Konstruktion eines kollektiven Subjekts („das Volk“), die Gegenüberstellung von Bedrohung und Schutz, sowie die Inszenierung politischer Klarheit durch scheinbar einfache Lösungen. Argumentativ wird gezeigt, dass diese Schriften weniger konkrete Politikvorschläge entwickeln als vielmehr ein kohärentes Weltbild anbieten, in dem die Autorin als notwendige Repräsentantin erscheint. – Abschließend behandelt die Rezension Prognosen, Wahlstudien und fiktionale Texte, die eine mögliche Präsidentschaft vorwegnehmen. Besonders instruktiv ist hier die Beobachtung, dass statistische Modelle und literarische Imaginationen sich einander annähern: Beide transformieren die politische Figur in eine Zukunftsfigur, deren Möglichkeit bereits als Realität gedacht wird. Die Rezension zeigt, wie diese Texte Szenarien durchspielen, Regierungskonstellationen entwerfen und politische Entscheidungen antizipieren – und damit das Vorstellbare verschieben. – Die argumentative Linie der Rezension läuft darauf hinaus, diese unterschiedlichen Texttypen nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines gemeinsamen kulturellen Produktionsprozesses. In ihrer Zusammenschau entsteht „Marine Le Pen“ als vielschichtige Figur, die je nach Perspektive enthüllt, analysiert, erzählt, programmiert oder imaginiert wird. Gerade diese Überlagerung macht ihre politische Wirksamkeit aus. – Vor diesem Hintergrund gewinnt das ausstehende Urteil ein Gewicht, das weit über die juristische Einzelfrage hinausgeht: Seine Folgen betreffen nicht nur die französische Innenpolitik und die Konstellation der Präsidentschaftswahl 2027, sondern reichen in die deutsch-französischen Beziehungen hinein – etwa in Fragen der wirtschafts- und europapolitischen Koordination – und berühren die politische Architektur Europas insgesamt, insofern sie das Kräfteverhältnis zwischen nationalpopulistischen und integrationsorientierten Projekten neu justieren könnten.

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Karsamstag ohne Auferstehung: Michel Houellebecq und das entzauberte Christentum

„Noël raté. Le christianisme désenchanté de Michel Houellebecq“, hrsg. von Stephan Leopold und Noëlle Miller versammelt zwölf Beiträge und eine Postface, die Houellebecqs Werk aus unterschiedlichen Perspektiven als Auseinandersetzung mit einem fortwirkenden, seiner Heilsgewissheit beraubten Christentum lesen. Ausgehend vom Weihnachtsmotiv als Chiffre des Scheiterns entfalten die Beiträge ein interpretatorisches Feld, das von Fragen der Autorschaft und Performativität über die religiöse Struktur des Konsumkapitalismus und die Problematik sozialer Kohäsion bis hin zu den Motiven von Liebe, Mitleid und Transzendenz reicht. Der Band verbindet literaturwissenschaftliche, religionsphilosophische und kultursoziologische Ansätze zu einer kohärenten Deutung des Œuvres als eines „Karsamstags ohne Auferstehung“, in dem christliche Formen und Symbole fortbestehen, ohne noch durch einen positiven Glaubensgehalt eingelöst zu werden. Trotz einzelner Redundanzen und einer mitunter weitgehenden christologischen Typologisierung eröffnet der Sammelband eine interpretatorisch ambitionierte und methodisch vielfältige Perspektive auf den religiösen Gehalt von Houellebecqs Werk und formuliert zugleich Fragestellungen, die über die Houellebecq-Forschung hinaus für die Analyse zeitgenössischer Formen literarischer Entzauberung von Bedeutung sind.

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Tugend, Volk, Terreur vor den Präsidentschaftswahlen 2027: Jean-Luc Mélenchon, Robespierre und das Erbe der Revolution

Der Artikel analysiert die politische und ideengeschichtliche Verbindung zwischen dem Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon und Maximilien Robespierre, dem jakobinischen Revolutionär und Architekten der Terreur, und zeigt, wie sich zentrale Motive des jakobinischen Denkens – insbesondere das Konzept der „Vertu“ als republikanische Tugend, die Vorstellung eines homogenen Volkswillens und die scharfe Gegenüberstellung von Volk und Korruption – in Mélenchons politischem Projekt für La France insoumise fortschreiben. Ausgehend von der ambivalenten Figur Robespierres, die zwischen Tugendideal und Terrorherrschaft steht, rekonstruiert der Text die historiographischen Deutungstraditionen und ihre gegenwärtige politische Aktualisierung in Frankreich. Dabei wird deutlich, dass Mélenchons Mobilisierungskraft ebenso wie seine Polarisierung aus einer strukturellen Spannung resultiert: dem Versuch, moralische Reinheit und demokratische Repräsentation zu vereinen. Der Beitrag verbindet politische Theorie, Ideengeschichte und literarische Reflexion und versteht die anhaltende Auseinandersetzung um Robespierre als Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Krise und Selbstdeutung der französischen Linken.

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Jüdisch-arabische Koexistenz als Familienchronik: Pierre Hazan

Pierre Hazans „Les Juifs, les Arabes, ma famille et moi“ (2026) entfaltet anhand einer weit verzweigten Familiengeschichte ein ebenso literarisches wie historiographisches Projekt: In sieben genealogisch organisierten Kapiteln rekonstruiert das Buch die untergegangene Realität jüdisch-arabischer Koexistenz im östlichen Mittelmeerraum und stellt sie den verhärteten Identitätslogiken des 20. Jahrhunderts entgegen. Ausgehend von Figuren wie einem sephardischen Rabbiner des 19. Jahrhunderts, einem zugleich ägyptischen Nationalisten und Zionisten oder den letzten jüdischen Stimmen Ägyptens verbindet Hazan Archivmaterial, Erinnerungsfragmente und zeitgenössische Begegnungen mit israelischen und palästinensischen Akteuren. Daraus entwickelt er drei zentrale Thesen: dass Koexistenz historisch gelebte Praxis war, dass ihre Zerstörung auf konkurrierende Nationalismen zurückgeht und dass die wechselseitig verdrängten Traumata – die Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern und die Nakba – untrennbar miteinander verschränkt sind. Das Buch versteht sich so als Intervention in die Erinnerungspolitik der Gegenwart und als Plädoyer dafür, Hybridität nicht als Ausnahme, sondern als verlorene historische Normalität neu zu denken.

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Wenn die Kraft das Recht ablöst: Bruno Le Maire

„Le temps d’une décision“ (Gallimard, 2026) ist zugleich Memoir und weltpolitische Diagnose: Aus fünfundzwanzig Jahren in höchsten französischen Regierungsämtern destilliert Bruno Le Maire die beunruhigte Frage, wer in der Gegenwart von 2025/2026 überhaupt noch entscheidet – und beantwortet sie pessimistisch. Vom verweigerten Handschlag eines Bürgers in Chamonix bis zu den Verhandlungstischen mit Trump, Putin und Xi zeichnet er den Übergang von einer regelbasierten Ordnung, für die das Frankreich des Jahres 2003 mit seinem Veto gegen den Irakkrieg steht, zu einer Welt danach, in der „la force a remplacé le droit“ und die Entscheidung aus Nationen und multilateralen Institutionen in die Hände von Autokraten, Tech-Oligarchen und Finanzgiganten abgewandert ist. Der vorliegende Artikel liest dieses Buch nicht allein als politische Streitschrift, sondern legt seine eigentliche Pointe in der Form frei: Le Maire behauptet seine These nicht, er inszeniert sie – durch novellistisch komponierte Szenen, mit dem Skalpell geschnittene Porträts und Leitsymbole wie die Starlink-Antenne über dem Dach seines Landhauses. Die Argumentation des Artikels verläuft in fünf einander durchdringenden Deutungsachsen, von der Anatomie des Entscheidungsverlusts über die Selbstrechtfertigung in der Schuldenfrage bis zum Weckruf an Europa, und mündet in eine zugespitzte These: Dass die literarische Form bei Le Maire selbst zur Antwort auf das diagnostizierte Problem wird – wo niemand mehr „wirklich“ entscheidet, verspricht das Erzählen jene Kohärenz, die der Politik abhandengekommen ist. So erweist sich das viel beschworene „livre de vérité“ als ein Werk, dessen Wahrheitsanspruch und fiktionale Mittel in einer produktiven, bewusst kalkulierten Spannung stehen.

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Das Intime als politische Technik: Thesen zu Édouard Louis

Dieser Artikel liest Édouard Louis‘ Werk als ein geschlossenes poetologisches Projekt und fragt danach, wie seine Texte die Grenzen zwischen autobiografischem Erzählen, soziologischer Analyse und politischer Intervention überschreiten. Ausgehend von den Begriffen der „Konfrontationsliteratur“ und des „Intimismus“, die Louis in seinem jüngsten Gesprächsband „Que faire de la littérature ?“ (2025) entwickelt, werden zehn Deutungsansätze vorgestellt, die die formalen Verfahren, thematischen Konstanten und strategischen Verschiebungen seines Schreibens sichtbar machen. Im Zentrum steht die Frage, ob sich im Verlauf des Werks eine Reifung des Autors oder vielmehr eine Verfeinerung seiner literarischen Mittel beobachten lässt – und wie Louis mit seinen Texten nicht nur erzählen, sondern seine Leserinnen und Leser dazu zwingen will, das zu sehen, was sie allzu leicht verdrängen.

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Boualem Sansals „Le Village de l’Allemand“ zwischen Erinnerungskultur und postkolonialem Text

Dieser Aufsatz ist ausdrücklich keine Besprechung von Sansals Gefängnisjournal „La Légende: libres méditations d’un prisonnier encombrant“ (Grasset, 2026), und es soll kurz begründet werden, warum eine solche Besprechung vorerst an dieser Stelle unterbleibt. Das Buch ist ein autobiografischer Haftbericht, der sich selbst als „livre de combat“ versteht und noch so dicht in tagesaktuelle Polemiken, Verlagskonflikte und Freund-Feind-Bilanzen verstrickt ist, dass sich seine literarische Eigengestalt kaum vom Lärm um ihn trennen lässt. Statt das Buch verfrüht zu zergliedern, nimmt der Text es zum Anlass, auf den älteren Roman „Le Village de l’Allemand“ (Gallimard, 2008) zu verweisen – und vertagt so bis auf Weiteres eine interpretierende Auseinandersetzung mit „La Légende“. Der Roman „Le Village de l’Allemand“ ist ein „roman croisé“, der das Dazwischen nicht nur thematisiert, sondern zum Schreibverfahren erhebt. Anhand der verschränkten Tagebücher der Brüder Schiller, der Isotopie des „village“ über vier Todesräume hinweg, der Datumssymmetrie von Massaker und Suizid und der wandernden Lagermetaphorik zeigt er, wie der Roman drei Gedächtnisräume — Shoah, algerischer Bürgerkrieg, französische Banlieue — ineinanderfaltet und Schuld nie als feste Front, sondern als gestaffelt, übersetzbar und nie ganz entscheidbar denkt. Zwei Schlüsselstellen aus Rachels Tagebuch rahmen die Lektüre und werden zugleich zur nachdenklichen Kontrastfolie für „La Légende“: Der Romancier, der die Differenz zwischen Bezeugen und Abrechnen einst literarisch durchdrungen hat, erinnert daran, wie fragil die Position des Gerechten bleibt.

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Montaigne auf der Anklagebank: Philippe Desan

Der Roman des renommierten Montaigne-Forschers Philippe Desans, „Montaigne – La Boétie: une ténébreuse affaire“ (2024), erzählt die berühmteste Freundschaft der französischen Renaissance als literarischen Kriminalfall. Ausgehend von der Begegnung Montaignes und Étienne de La Boéties im Bordeaux des 16. Jahrhunderts entfaltet der Roman die provokante Hypothese, Montaigne selbst könnte für den frühen Tod seines Freundes verantwortlich gewesen sein. Über die Spur eines verschollenen Sonetts, verborgener Dokumente und einer modernen akademischen Untersuchung verfolgt Desan die Wege der Überlieferung bis in die Gegenwart und macht die Rekonstruktion der Vergangenheit zum eigentlichen Gegenstand seiner Erzählung. Der Aufsatz zeigt, dass dieser historische Kriminalroman weit mehr ist als ein gelehrtes Spiel: Er stellt eine fiktionale Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen der Montaigne-Forschung dar und setzt sich dabei implizit mit der humanistischen Montaigne-Deutung Hugo Friedrichs auseinander. Während Friedrich in seiner klassischen Monographie von 1949 die Einheit eines „sehr organisierten Geistes“ und die Konsubstantialität von Leben und Werk betont, entwirft Desan einen Montaigne, dessen Identität, Texte und Erinnerungen von historischen Interessen, editorischen Eingriffen und sozialen Strategien geprägt sind. Der Aufsatz argumentiert, dass Desans Roman die Grenze zwischen Wissenschaft und Fiktion bewusst verwischt, um die grundsätzliche Erzählnatur jeder Interpretation offenzulegen: Lesen erscheint hier als Arbeit mit Indizien, Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen, sodass die Geschichte eines möglichen Verbrechens zugleich zu einer Reflexion über die Bedingungen literaturwissenschaftlicher Erkenntnis wird.

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Das Werk, das fehlt: Xavier Garnier und Mohamed Mbougar Sarr im Dialog

Xavier Garniers „Quels lieux pour les littératures en langues africaines ?“ und Mohamed Mbougar Sarrs Roman „La plus secrète mémoire des hommes“ kreisen beide um die Frage, unter welchen Bedingungen afrikanische Literatur sichtbar wird – und was mit Schriftstellern geschieht, die sich den Erwartungen des französischen Literaturbetriebs entziehen. Garnier rekonstruiert in seiner Studie die verdrängte Geschichte afrikanischsprachiger Literaturen und zeigt, wie stark frankophone Texte von Sprachen wie Wolof, Gikũyũ oder Kiswahili geprägt sind, obwohl diese im internationalen Literaturbetrieb meist unsichtbar bleiben. Sarr erzählt dieselbe Problematik als literarische Suchbewegung: Der junge senegalesische Autor Diégane Latyr Faye verfolgt die Spur des rätselhaften T.C. Elimane, dessen gefeierter Roman von 1938 nach heftigen rassistischen und exotisierenden Reaktionen verschwindet. Der Essay liest beide Bücher als komplementäre Gegenstücke: Garniers theoretische Begriffe – etwa Literatur als „Ökosystem“ aus Sprachen, Orten und Institutionen – machen verständlich, warum Elimane im Roman zugleich bewundert und ausgeschlossen wird, während Sarr Garniers abstrakte Überlegungen in konkrete Szenen übersetzt, etwa in die fingierten Pariser Zeitungskritiken oder die mehrsprachigen Passagen auf Wolof und Serer. Besonders stark ist die Analyse dort, wo sie zeigt, dass afrikanische Autoren im frankophonen Feld bis heute zwischen zwei widersprüchlichen Erwartungen stehen: zugleich „authentisch afrikanisch“ und literarisch universell sein zu müssen. Gerade aus dieser Spannung heraus entwickelt der Essay eine präzise und anschauliche Deutung von Sarrs Roman als Reflexion über literarische Anerkennung, sprachliche Zugehörigkeit und die Möglichkeit des Schreibens unter postkolonialen Bedingungen.

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Huysmans als Seismograph der Moderne: Agnès Michaux

Agnès Michaux’ Romantrilogie „La fabrication des chiens“ und ihre spätere Biographie über Joris-Karl Huysmans bilden zusammen ein außergewöhnliches Doppelprojekt: eine literarische Rekonstruktion des fin de siècle und zugleich ein neuer Blick auf Huysmans als Seismograph der Moderne. Der erste Band der Trilogie (1889) folgt dem jungen Provinzjournalisten Louis Daumale durch das Paris der Exposition universelle, der Eiffelturm-Eröffnung und der Fortschrittsbegeisterung, während unter der glänzenden Oberfläche bereits Nationalismus, Eugenik, soziale Angst und kulturelle Erschöpfung sichtbar werden. Im Zentrum steht Daumales Begegnung mit Huysmans, der nicht als museale Décadence-Ikone erscheint, sondern als radikal aufrichtiger Diagnostiker seiner Zeit: „injuste, parfois seulement, mais en toute sincérité“. Michaux’ Argumentation besteht darin, die Décadence nicht als Pose, sondern als präzise Zivilisationsdiagnose zu lesen. Des Esseintes aus „À rebours“ wird nicht als ästhetisches Wunschbild verstanden, sondern als Symptom einer Gesellschaft, deren Reizüberflutung und Künstlichkeit den Menschen deformieren. Diese Idee spiegelt sich im titelgebenden Motiv der „Fabrikation“ von Hunden: Optimierung, Züchtung und gesellschaftliche Dressur werden zur Metapher einer Moderne, die alles Lebendige normiert. In der Biographie radikalisiert Michaux diesen Ansatz weiter, indem sie Huysmans nicht textimmanent, sondern körperlich und sozial situiert liest – als frierenden, nervösen Beamten, dessen Kunst aus physischer Überempfindlichkeit, Großstadtmüdigkeit und kompromissloser Wahrhaftigkeit hervorgeht. So entsteht kein nostalgisches Bild der Belle Époque, sondern eine Analyse der Moderne selbst: 1889 erscheint bei Michaux als jener historische Kipppunkt, an dem Fortschritt und Verfall, Rationalisierung und spirituelle Sehnsucht, Oberfläche und innere Zerrüttung untrennbar ineinander übergehen.

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Marc Bloch im Pantheon: Historiker, Widerstandskämpfer, Märtyrer der Republik

Am 23. Juni 2026 wird Marc Bloch ins Panthéon überführt – 82 Jahre nachdem die Gestapo ihn bei Lyon erschossen und seinen Leichnam im Graben liegen gelassen hatte. Dieser Text versucht zu verstehen, was diese Geste bedeutet: für Frankreich, das in Bloch einen Bürger ehrt, dem ein französischer Staat einmal die staatsbürgerlichen und akademischen Rechte beschnitten hatte; für Deutschland, das in ihm ein Opfer seiner eigenen Staatsgewalt wiedererkennen muss; und für die Geschichtswissenschaft, die mit ihm zum ersten Mal einen ihrer Eigenen in den Tempel der Nation einziehen sieht. Er war Mediävist und Offizier, Gründer der „Annales“ und Widerstandskämpfer, ein Mann, der das Selbstverständliche als erklärungsbedürftig behandelte und die Wahrheit auch dann nicht losließ, als sie ihn das Leben kostete. Was seine Werke zusammenhält, von den „Rois thaumaturges“ bis zur unvollendeten „Apologie“, ist weniger eine Methode als eine Haltung: die Weigerung, Geschichte von innen einer einzigen Gemeinschaft zu erzählen. Als Grabinschrift hatte er sich „dilexit veritatem“ gewählt – er liebte die Wahrheit. Die Republik gibt ihm jetzt die Antwort, die er 1940 nicht erhalten hat.

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Zwischen Leim und Leben: eine Phänomenologie des Buches

Michel Julliens „Le Format d’un livre“ (Verdier, 2026) blättert eine ebenso präzise wie sinnlich gesättigte Phänomenologie des Buches auf, die nicht vom Text, sondern vom Objekt ausgeht: vom Gewicht der Seiten, vom Geruch des Papiers, von der Haltung der lesenden Hände. In lose gefügten, erzählerisch grundierten Kapiteln verbindet Jullien buchhistorische Miniaturen – vom Dépôt légal der Renaissance bis zur Typografie der Pléiade – mit autobiografischen Szenen und ethnografisch genauen Beobachtungen des Lesens als körperlicher Praxis. Das Buch erscheint dabei als ein Zeitbehälter eigener Art: Es speichert nicht nur Texte, sondern Spuren gelebten Lebens – Fingerabdrücke, Fundstücke, Gebrauchsspuren – und gewinnt seine Bedeutung aus dem Zusammenspiel von Material, Form, Gebrauch und Erinnerung. Julliens Essay bewegt sich damit jenseits klassischer Gattungen zwischen Dingbeschreibung, Kulturgeschichte und Selbstnarration und macht anschaulich, dass das Buch bereits spricht, bevor es gelesen wird.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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