Beirut-Fiktion zwischen Elegie und Wiederaufbau: Pour l’amour de Beyrouth

Wenige Wochen nach der Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020 versammelt der Sammelband „Pour l’amour de Beyrouth“ fünfunddreißig Stimmen, von denen jede der Stadt ein eigenes formales Verfahren abringt: Sarah Briand reiht im Vorwort das Wort „Besoin de…“ über dreißig Mal aneinander, bis die Sehnsucht selbst zur Litanei wird; Vénus Khoury-Ghata lässt in freien, interpunktionslosen Versen Mauern und Rauch nach den Verschütteten rufen; Amin Maalouf formt ein überkonfessionelles Gebet, das die Stadt an einen namenlosen Himmel adressiert; Christophe Ono-dit-Biot entfaltet ein ganzes Alphabet aus dem Buchstaben B – Beyrouth, Bitume, Bordel, Blast –, während Maria Ousseimi die Stadt in einer Kette einander widersprechender Adjektive auflöst, ohne sie je zur Deckung zu bringen. Alexandre Najjar personifiziert Beirut als verwundete, aber unbezwingbare Frau, Kamal Mouzawak widerspricht genau dieser Figur und besteht darauf, dass nur die Beiruterinnen und Beiruter selbst, mit ihren Katzen, Straßenhändlern und Hochzeitskleidern, die Stadt hervorbringen. Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Dany Laferrière oder Charif Majdalani stehen neben Schauspielerinnen, Musikern, einer Tänzerin und einem Modeschöpfer; ein Brief an ein Kleinkind, ein Kriegsreportage-Protokoll und ein Chanson-Text teilen sich denselben Einband, ohne dass eine Gattung den Ton vorgibt. Der vorliegende Artikel liest diese Textsammlung als literarisches Gegenstück zum materiellen Wiederaufbau, den ihr Erlös finanziert, und fragt, mit welchen je eigenen sprachlichen Mitteln eine Stadt beschrieben wird, die viele ihrer eigenen Autorinnen und Autoren für unbeschreibbar erklären. Zwischen Zedernsetzling und phönizischem Sarkophag, zwischen der ehemaligen Grünen Linie des Bürgerkriegs und dem Gewürzsack auf dem Souk entsteht so das Bild einer Stadt, die sich der eigenen Zerstörung immer wieder entzieht, während der Band selbst offenlässt, ob diese Widerstandskraft ein Trost oder ein Verhängnis ist.

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Einsamkeit des Freien Mitarbeiters: Tahar Ben Jelloun

Tahar Ben Jellouns „Pigiste au Monde“ (Gallimard, 2026) liest sich wie ein Gang durch die Korridore einer mächtigen Zeitung – und zugleich wie das Protokoll einer langen, nie ganz gesicherten Zugehörigkeit. Aus fast vier Jahrzehnten freier Mitarbeit bei Le Monde formt Ben Jelloun kein Heldennarrativ, sondern das Bild eines Lebens „à la pige“, geprägt von Anerkennung und Austauschbarkeit zugleich. Der Pigist wird zur emblematischen Figur struktureller Prekarität: präsent im Zentrum kultureller Macht, aber ohne festen Ort darin. Le Monde erscheint dabei als ambivalentes Gebilde – demokratische Institution und soziales Mikrosystem zugleich –, durchzogen von Ritualen, Rivalitäten und stillen Hierarchien. Anschaulich schildert Ben Jelloun Redaktionsszenen, literarische Mittagessen, Machtspiele und Loyalitäten, während er seinen eigenen Weg vom Alphabetisierungslehrer zum publizierenden Intellektuellen nachzeichnet, stets begleitet von körperlicher Anspannung und existenzieller Unsicherheit. Seine Reportagen führen in Grenzräume: zu nordafrikanischen Arbeitern in den Banlieues, nach Mekka, in den Nahen Osten kurz vor politischen Verhärtungen. Dort schreibt er nicht als distanzierter Beobachter, sondern als Beteiligter und Zeuge – mit einer Haltung, die Objektivität als Genauigkeit und Ehrlichkeit versteht, nicht als Neutralisierung. Im letzten Drittel verdichtet sich das Buch zur Reflexion über Zugehörigkeit und Verrat: Ben Jellouns arabisch-muslimische Herkunft öffnet ihm Türen, macht ihn aber zugleich angreifbar. Diffamierungen nach der Mekka-Reportage, politische Interventionen, innerredaktionelle Abwehr und Konkurrenz unter maghrebinischen Autoren zeigen, wie brüchig seine Position bleibt. Immer wieder wird er gebraucht, selten vollständig anerkannt. Aus dieser Spannung entwickelt Ben Jelloun sein zentrales Argument: Schreiben ist für ihn der einzige verlässliche Ort der Zugehörigkeit – ein Raum zwischen Journalismus und Literatur, in dem Erfahrung, Empathie und Kritik zusammenkommen. „Pigiste au Monde“ ist so ein eindringliches Porträt intellektueller Einsamkeit und ein Plädoyer für einen Journalismus, der sich seiner Macht bewusst ist und sie nicht verleugnet.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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