Ein Besitz, der nicht mehr ausgesprochen wird: Catherine Clément

Catherine Cléments „L’Allemand de ma mère“ (2023) erzählt, wie die junge jüdisch-ukrainische Apothekerin Raymonde Gornick 1937 den katholischen Yves Clément heiratet und wie ihre Familie – zwischen Paris und dem Loire-Dorf Le Thoureil, zwischen Kristallnacht, Vichy-Gesetzen, Deportation und Befreiung – durch den Zweiten Weltkrieg kommt, begleitet von der janusköpfigen Figur des deutschen Arztes Samuel Schütz, der sich zunächst als verfolgter jüdischer Flüchtling ausgibt, dann aber als Stabsarzt der Abwehr im besetzten Paris auftaucht und, als „falscher Samuel“, Raymonde immer wieder warnt und schützt, ohne dass je ganz klar würde, ob er Retter oder Agent, Freund oder Werkzeug des Vernichtungsapparats ist; parallel dazu verfolgt der Roman in kurzen, vorsprachlichen Passagen, wie das ungeborene und dann kleine Kind Catherine – die Erzählerin, benannt wie die Autorin selbst – ein eigenes Ich entwickelt, bis sie am Ende, nach der Ermordung der Großeltern in Auschwitz und der Geburt eines Bruders im Mai 1945, die Geschichte selbst in der ersten Person weitererzählt. Der Aufsatz liest diesen Roman als „roman croisé“, weil er Deutschland und Frankreich nicht als benachbarte Räume, sondern als ineinander verschränkte, einander durchdringende Wirklichkeiten zeigt: Deutsch ist die Sprache, die Raymonde einst fließend sprach und nach dem Krieg für immer verstummen lässt, und zugleich der eine, gespaltene Mann, bei dem sich Rettung und Bedrohung nicht trennen lassen; formal spiegelt sich diese Verschränkung in einer datierten, fast annalistischen Kriegschronik, die immer wieder von einer ganz anderen, körperlich-kindlichen Zeitlichkeit unterbrochen wird, sodass der Roman am Ende weniger eine abgeschlossene Geschichte als eine unabschließbare Übersetzungsarbeit zwischen Sprachen, Generationen und Loyalitäten hinterlässt.

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Die Verführung des Schönen: Alexandre Najjar und Lilian Auzas über Olympia 1936 und über Leni Riefenstahl

Wenn in Alexandre Najjars „Berlin 36“ (2009) zwanzig Scheinwerfer sich über dem Berliner Olympiastadion zu einer immensen Lichtkuppel erheben, unter der hunderttausend Menschen mit erhobenen Armen das Kampflied der SS singen, während Mädchen in Weiß aus dem Dunkel treten und den scheidenden Fahnenträgern Andenken reichen, dann offenbart sich jene Verführungskraft, der sich auch in Lilian Auzas „Riefenstahl“ (2012) ein Kinopublikum nicht zu entziehen vermag: Beim Anblick von „Triumph des Willens“ erstarrt der Saal zunächst, dann will der Beifall nicht enden, denn niemand entzieht sich der Schönheit dieser Bilder. Wie lässt sich Literatur dieser ästhetischen Faszination gegenüber kritisch verhalten, ohne sie zu leugnen oder auf eine ferne Anklage zu reduzieren? Najjars Roman antwortet mit dokumentarischer Breite: Eine Vielzahl von Figuren (die Familie Owens, eine französische Journalistin, ein Jazzmusiker, ein libanesischer Sportfunktionär) widerstehen der nationalsozialistischen Inszenierung durch alltägliche Gesten der Zivilcourage. Auzas hingegen wagt den riskanten Akt, Leni Riefenstahls Innenperspektive nachzuvollziehen und dabei die eigene Anfälligkeit für ästhetische Verführung nicht zu verschweigen. Der Artikel zeigt, wie beide Romane trotz ihrer gegensätzlichen poetischen Verfahren gemeinsam demonstrieren: Widerstand gegen totalitäre Macht wird sowohl als gelebte Praxis alltäglicher Gesten erkennbar als auch dadurch, dass die kritische Reflexion ästhetischer Verführung selbst zur politischen Aufgabe der Literatur gehört.

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Hundert Jahre „Esprit und Geist“ (1927) von Eduard Wechßler: eine kritische Lektüre

2027 jährt sich das Erscheinen von Eduard Wechßlers „Esprit und Geist. Versuch einer Wesenskunde des Deutschen und des Franzosen“ zum hundertsten Mal – Anlass genug, das 604 Seiten starke Werk, das 1927 mitten in der französischen Rheinlandbesetzung erschien, noch einmal genau zu lesen. Wechßler, damals Ordinarius für Romanistik in Berlin, stellt darin deutschen „Geist“ und französischen „Esprit“ in rund vierzig antithetischen Paaren gegenüber, gegliedert nach Dantes Jenseitsarchitektur in ein „Erstes Buch“ der zu überwindenden „Erdgeister“ (Inferno) und ein „Zweites Buch“ der „helfenden Geister“ (Purgatorio): Der Franzose fürchtet die Natur und sucht das Vergnügen der Gesellschaft, formt seinen Garten geometrisch und erweist in Voltaires Klage über das Erdbeben von Lissabon die Furcht vor der Natur; der Deutsche verehrt die Natur als Schöpfung und malt mit Caspar David Friedrich Berglandschaften, in denen der Mensch klein wird. Der Franzose hat horreur de l’infini, der Deutsche einen Drang ins Unendliche – wobei ausgerechnet die gotische Kathedrale, eine französische Erfindung, als Beleg deutscher Unendlichkeitssehnsucht herhalten muss, ein Widerspruch, den Wechßler nur auflöst, indem er den „schöpferischen Anteil“ an der Gotik kurzerhand dem Germanenblut zuschreibt. Genau an solchen Stellen wird die Methode selbst zum Problem: Aus Stadtgründung hier und Einzelhof dort liest Wechßler Geselligkeit gegen Sonderwillen heraus, aus der Unübersetzbarkeit von Wörtern weltanschauliche Differenz, aus einem eigenen Kapitel über vier „Rassen“ – mit unbelegten Prozentangaben nach Gobineau und Vacher de Lapouge – einen biologischen Unterbau für alles Übrige; wo ein Gegenbeispiel auftaucht, wird es auf fremdes Blut zurückgeführt oder als Ausnahme abgetan, sodass die These gegen jede Widerlegung immunisiert bleibt. Die Rezension zeichnet diese Verfahren im Einzelnen nach – von der Freiheitsidee Eckharts und Luthers, die gegen die französische Menschenrechtserklärung von 1789 ausgespielt wird, bis zum Frauendienst-Kapitel –, verortet das Buch im völkischen Nationalismus, der zeitgenössischen Rassenanthropologie und dem Revanchismus der Weimarer Republik, zeigt aber auch die Selbstwidersprüche: Wechßler rühmt Frankreichs Widerstand gegen kulturelle Nivellierung als Vorbild, zitiert André Gide zustimmend und mündet im Schlusswort in eine Versöhnungsgeste über das gemeinsame griechische Erbe – ohne den Rahmen ewiger Nationalwesen je zu verlassen. Susanne Dalstein-Paffs Dissertation von 2006 zitiert Victor Klemperer, der dem Buch „faschistische Methode“ bescheinigte, dass Benedetto Croce ihm vorwarf, politische Gegensätze in vermeintlich geistige zu verwandeln, und sie zeigt auf, dass Wechßlers Vokabular 1940 direkt in NS-Propagandaschriften einfloss. Wer das Buch heute liest, sollte es also nicht als Auskunft über „die Franzosen“ und „die Deutschen“ lesen, sondern gegen sich selbst: als Archiv dafür, wie sich Gelehrsamkeit, Sprachgefühl und wissenschaftlicher Anspruch im Weimarer Deutschland in den Dienst einer Erzählung stellen ließen, die nationale Differenz nicht beschreibt, sondern herstellt – und gerade deshalb bleibt „Esprit und Geist“ hundert Jahre später ein Lehrstück, nicht über Nationalcharaktere, sondern über die Mechanik ihrer Erfindung.

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Berlin als Wartesaal der Erinnerung: Mathieu Trautmann

Mathieu Trautmanns Debütroman „Six mois, dix ans et un jour“ (2012) erzählt von zwei Figuren, die auf unterschiedliche Weise versuchen, der Unzuverlässigkeit ihrer eigenen Erinnerung zu entkommen: Während der Berliner Übersetzer David den Gästen eines Kunsthotels aus der Distanz seines Fensters erfundene Biographien zuschreibt, reist die schwedische Ökonomin Elena nach zehn Jahren nach Berlin, um einem ehemaligen Geliebten unter falscher Identität zu begegnen und zu prüfen, ob Liebe auch ohne gemeinsame Erinnerung Bestand haben kann. In der parallel geführten Handlung verschränken sich Beobachtung und Teilnahme, Wahrheit und Inszenierung, bis sich beide Erzählstränge in Berlin kreuzen – einer Stadt, deren eigene Geschichte von Teilung, Überlagerung und Rekonstruktion geprägt ist. Der vorliegende Aufsatz liest den Roman als roman croisé, der die deutsch-französische Konstellation nicht auf die Begegnung zweier Nationen reduziert, sondern sie in transnationalen Biographien, mehrsprachigen Kommunikationsräumen und einer europäischen Erinnerungslandschaft entfaltet. Zugleich zeigt er, dass Trautmann das Kontrafaktische nicht als alternative Geschichtsschreibung, sondern als Verfahren individueller Selbstentwürfe einsetzt: Erfundenen Identitäten, manipulierten Fotografien und imaginären Biographien kommt die Funktion zu, die Konstruiertheit von Erinnerung sichtbar zu machen und den schmalen Übergang zwischen gelebtem Leben und erzählter Möglichkeit auszuloten. So verbindet der Roman eine Poetik der Fälschung mit einer Poetik Berlins als Erinnerungsraum, in dem sich Ost und West, Vergangenheit und Gegenwart, Original und Kopie sowie Beobachtung und Erfahrung fortwährend überlagern.

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Nachbarschaft, Abgrund, Übersetzung: Deutschland bei Philippe Claudel

Ein französischer Autor aus Lothringen schreibt fünf Erzählungen über das Deutschland des 20. Jahrhunderts – und gibt ihnen ausschließlich deutsche Titel: Der Aufsatz nimmt diese Geste als Ausgangspunkt für eine These, die Philippe Claudels „Fantaisie allemande“ als doppelte Übersetzungsbewegung liest, zum einen eines fremden Landes in eine fremde Sprache, zum anderen des Dokuments in die Fiktion. Anhand der geisterhaft wiederkehrenden Figur eines „Viktor“, der in jeder der fünf Erzählungen eine andere, nie ganz greifbare Gestalt annimmt, verfolgt der Text, wie Schuld, Erinnerung und Zeugenschaft über ein Jahrhundert hinweg montiert werden – von der Flucht eines Lagerangestellten 1945 bis zur fiktiven Aktenlage über die Ermordung des Malers Franz Marc im Rahmen der „Aktion T4“. Der Aufsatz zeigt, wie Claudel reale Kunsthistoriker fiktive Aussagen sprechen lässt und damit die Verlässlichkeit jeder Quelle, auch der eigenen, zur Disposition stellt. Ergänzt wird diese Analyse um einen Blick auf zwei weitere Romane Claudels, die Deutschland auf entgegengesetzte Weise behandeln: „Le rapport de Brodeck“ löst Land und Sprache in einer erfundenen deutsch-französischen Zwischenidiom auf und verweigert dem Feind jeden Eigennamen, während „Les âmes grises“ Deutschland ganz aus dem erzählten Raum heraushält und nur als fernes Kanonendonnern hinter der Front hörbar lässt, sodass die titelgebende moralische Grauzone allein unter Franzosen entsteht. Im Dreiervergleich wird sichtbar, dass Claudels immer wiederkehrende Frage nach Mitverantwortung und Gleichgültigkeit nicht an eine Nationalität gebunden ist, sondern je nach Werk benannt, verschlüsselt oder ausgelagert wird – und dass gerade diese Verschiebung den eigentlichen Ertrag der Lektüre von „Fantaisie allemande“ ausmacht.

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Ein Mietshaus im Elsass und Gespenster der Geschichte: Michèle Audin

Der Artikel präsentiert Michèle Audins Roman „La Maison hantée“ (2025) als eindrückliches Beispiel eines „roman croisé“, in dem sich dokumentarische Recherche, erzählerische Imagination und multiple Zeitebenen überlagern: Ausgehend von ihrem Einzug in ein Straßburger Mietshaus im Jahr 1992 folgt eine Ich-Erzählerin den Spuren früherer Bewohner und entfaltet aus Archivmaterialien, Zufallsfunden und vorsichtigen Rekonstruktionen ein Geflecht von Lebensgeschichten, das besonders die Familie Caron-Fischbach in den Jahren 1930 bis 1946 in den Blick nimmt; im Schatten der nationalsozialistischen Annexion des Elsass werden dabei Fragen von Zugehörigkeit, Sprachzwang und administrativer Gewalt virulent, wobei insbesondere die jüdischen Bewohner des Hauses und ihr sukzessives Verschwinden aus den Registern als beklemmende Leerstelle hervortritt, die weder narrativ geschlossen noch historisch vollständig aufgeklärt werden kann. Die erzählerische Bewegung gleicht einem tastenden Durchqueren von Räumen und Zeiten – Treppenhaus, Wohnungen, Archive –, in denen sich Stimmen überlagern und Gegensätze nicht aufgelöst, sondern sichtbar gehalten werden. Vor diesem Hintergrund argumentiert der Aufsatz, dass Audin eine Poetik der Spurensicherung entwickelt, die das Nebeneinander von Fakt und Fiktion nicht nivelliert, sondern ausstellt: Erstens wird der historische Roman durch die konsequente Selbstreflexivität der Erzählinstanz als Konstrukt kenntlich gemacht, indem imaginative Ergänzungen ausdrücklich markiert und damit epistemologisch transparent werden; zweitens erscheint das Elsass als paradigmatischer Raum gekreuzter Identitäten, in dem nationale Zuschreibungen – insbesondere unter den Bedingungen der NS-Sprachpolitik – gewaltsam durchgesetzt und zugleich in ihrer Fragilität erfahrbar werden; drittens erweist sich das Schweigen der Quellen, etwa im Fall der ausgelöschten jüdischen Existenzen, nicht als bloßes Defizit, sondern als zentrales Bedeutungsträger, der die Grenzen historischer Erkenntnis markiert und eine ethisch reflektierte Form des Erinnerns einfordert. So macht der Aufsatz plausibel, dass „La Maison hantée“ Geschichte nicht als lineare Erzählung, sondern als vielstimmiges, von Brüchen durchzogenes Gefüge begreift, in dem sich Vergangenheit nur im Modus der Annäherung und Überkreuzung erschließt.

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Impressionismus als Widerstand: Pedro Kadivar

Pedro Kadivars Roman „Dernière année au pays natal“ (Gallimard 2026) erzählt das letzte Schuljahr eines Jugendlichen im iranischen Schiras des Jahres 1982 – gegliedert in vier Jahreszeiten, vom melancholischen Herbst über den erstarrten Winter und einen gefährlichen Frühling bis zum Sommer des Abschieds – und verschränkt diese erlebte Vergangenheit mit der erinnernden Rückschau eines Exilanten im heutigen Berlin. Auslöser ist das Foto eines als Märtyrer inszenierten toten Schulkameraden, das im Schulkorridor hängt und den Erzähler Jahrzehnte später als Heimsuchung wieder einholt. Die Interpretation deutet den Impressionismus – als Wahrnehmungsweise wie als Kompositionsprinzip des Romans – als die eigentliche politische Haltung gegen ein totalitäres Regime. Diese These wird auf mehreren Ebenen plausibilisiert, die sich gegenseitig stützen: strukturell über die Jahreszeitengliederung, die innere Reifung statt politische Chronik artikuliert; bildtheoretisch über die zentrale Opposition zwischen dem Propagandafoto des Toten und der lebendigen Malerei über eine Galerie von Malern (Cézanne, Van Gogh, Mondrian, Hockney), die ein verstecktes Bildungsprogramm des Sehens bilden; und über das namenlose, sensorisch beschriebene Begehren zwischen dem Protagonisten und dem Bruder des Toten, das jeder ideologischen Klassifizierung entgeht. Die ästhetische Form wird dabei gegen die Ideologie gelesen – gegen Eindeutigkeit, Abstraktion, Teleologie und Lärm –, weil er die Einzelbeobachtungen zu einem Prinzip bündelt: Ein Roman, der die einheitliche Perspektive verweigert, öffnet einen Raum der Freiheit. Das unwillkürliche Erinnern wird als traumatische Variante der Proust’schen „mémoire involontaire“ gefasst. So zeigt sich, wie kohärent der Roman seine ethische Grundfrage beantwortet: wie man seine Seele in einer zerfallenden Welt rettet, nicht philosophisch, sondern durch die Präzision des Sehens und die Verwandlung von Erfahrung in Form.

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Phantome der Geschichte: Christophe Jamin und Lee Miller

Christophe Jamins Roman „Lee fantôme“ (Grasset, 2026) entfaltet zwei eng ineinander verschränkte Erzählbewegungen: Einerseits folgt er in freier, zeitspringender Rekonstruktion der Biografie Lee Millers von ihrer Ankunft im Paris der späten 1920er Jahre über ihre Einbindung in die surrealistische Szene bis zu ihrer Entwicklung zur Kriegsfotografin und ihren Aufnahmen im befreiten Deutschland 1945. Andererseits rekonstruiert er eine deutsch-französische Familiengeschichte des Erzählers, die von einer Emigration aus Konstanz nach Paris, von verschwiegenen Verwandtschaftslinien und der Figur Georg Elsers bis zu offenen Fragen von Schuld und Widerstand im Nationalsozialismus reicht. Beide Stränge werden aus der Perspektive eines kranken, zeitlich entgrenzten Ichs erzählt, das die historischen Episoden nicht chronologisch berichtet, sondern als visionäre Überblendungen einer einzigen Pariser Nacht erfahrbar macht. Der Aufsatz liest den Text als als roman croisé, dessen zentrales Strukturprinzip nicht die Synthese, sondern die produktive Instabilität des „Dazwischen“ ist: zwischen Nationen (Deutschland/Frankreich), Medien (Fotografie/Schrift), Zeiten (Zwischenkriegszeit/Gegenwart) und Existenzformen (Leben/Tod). Ausgehend von der Konstellation eines sterbenden Ich-Erzählers, der die Fotografin Lee Miller als „Phantom“ einer zugleich historischen und imaginär aufgeladenen Vergangenheit beschwört, wird gezeigt, wie der Text die narrativen Stränge in eine kontrapunktische Struktur überführt, die sich am Datum des 30. April 1945 verdichtet, ohne jemals in eine vollständige Begegnung oder Auflösung zu münden. Die Argumentation arbeitet dabei systematisch heraus, dass der Roman keine klassische Biografie entwirft, sondern ein epistemologisch reflektiertes Imaginieren inszeniert, in dem Erinnerung stets als spekulative Rekonstruktion und als Schwellenphänomen erscheint. Zentral ist die These, dass das Gespenstische nicht nur Figurenqualität (Lee als „fantôme“), sondern poetologisches Prinzip ist: Der Erzähler selbst agiert als mediales Durchgangsmedium zwischen Epochen, während die Fotografie als Leitmedium die Ambivalenz von Fixierung und Zerstörung sichtbar macht. Im weiteren Verlauf wird der Deutschlandbezug als Riss innerhalb einer Familie interpretiert, der Emigration und Täterschaft aus derselben Herkunft ableitet und damit das nationale Versöhnungsnarrativ unterläuft. Die Avantgarde erscheint zugleich als Raum intensiver ästhetischer Produktivität und latenter Gewaltverhältnisse, insbesondere im Verhältnis von männlichem Künstlergenie und weiblicher Muse. Insgesamt entwickelt der Aufsatz eine strikt kompositorische Lesart des Romans: Seine argumentative Pointe besteht darin, dass „Lee fantôme“ Bedeutung nicht in der Auflösung historischer Widersprüche erzeugt, sondern im dauerhaften Offenhalten ihrer Überlagerungen – als ästhetisch strukturierte Schwelle, auf der Geschichte nicht erinnert, sondern als gegenwärtige Differenz erfahrbar wird.

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Im Niemandsland der Identität: Antoine Rault

Antoine Raults „La Danse des vivants“ (Albin Michel, 2016) folgt einem französischen Soldaten, der 1918 ohne Gedächtnis erwacht, mühelos Französisch, Deutsch und Russisch spricht und unter der Identität des gefallenen deutschen Leutnants Gustav Lerner vom französischen Geheimdienst nach Berlin und ins Baltikum geschleust wird; zwischen Lazarett, Freikorps-Krieg und der Liebe zur russischen Tänzerin Tamara montiert der Roman ein breites Panorama des deutsch-französischen Verhältnisses von 1918/19 – Zusammenbruch des Kaiserreichs, Versailles, Berliner Bürgerkrieg –, an dessen Ende der Held jede nationale Bindung aufkündigt und eine erfundene deutsche Zugehörigkeit wählt. Der Aufsatz liest den Text als „roman croisé“ und entfaltet die Leitthese – Rault erzähle die Amnesie eines Einzelnen als Allegorie eines Kontinents, der sein altes Selbst verloren hat, und mache die nationale Differenz nicht zum aufzulösenden Konflikt, sondern zum produktiven, bedeutungsstiftenden Medium – in einer Argumentation, die von der hybriden Gattungssignatur über das dokumentarische Geschichtspanorama, die Erzählarchitektur des „Dazwischen“ und die drei Maßstäbe des Deutsch-Französischen (diplomatisches Kräftespiel, sprachliches Verrätselungsdrama, elsässische Grenzexistenz) bis zur autopoetologischen und intertextuellen Selbstreflexion führt; sie belegt dies an konkreten Szenen, etwa am verräterischen „Maurice“/“Moritz“, an dem die ganze Tarnung hängt, oder an Klaus Kühns empörter Rückfrage „Quel camp?“ –, sodass das wiederkehrende Bild der Grenze, die „nicht zwischen den Figuren, sondern durch sie hindurch“ verläuft, aus dem Material entwickelt wird, während die Deutung das produktive Offenhalten der Differenz bis in den bewusst ambivalenten Schluss hinein verfolgt.

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Boualem Sansals „Le Village de l’Allemand“ zwischen Erinnerungskultur und postkolonialem Text

Dieser Aufsatz ist ausdrücklich keine Besprechung von Sansals Gefängnisjournal „La Légende: libres méditations d’un prisonnier encombrant“ (Grasset, 2026), und es soll kurz begründet werden, warum eine solche Besprechung vorerst an dieser Stelle unterbleibt. Das Buch ist ein autobiografischer Haftbericht, der sich selbst als „livre de combat“ versteht und noch so dicht in tagesaktuelle Polemiken, Verlagskonflikte und Freund-Feind-Bilanzen verstrickt ist, dass sich seine literarische Eigengestalt kaum vom Lärm um ihn trennen lässt. Statt das Buch verfrüht zu zergliedern, nimmt der Text es zum Anlass, auf den älteren Roman „Le Village de l’Allemand“ (Gallimard, 2008) zu verweisen – und vertagt so bis auf Weiteres eine interpretierende Auseinandersetzung mit „La Légende“. Der Roman „Le Village de l’Allemand“ ist ein „roman croisé“, der das Dazwischen nicht nur thematisiert, sondern zum Schreibverfahren erhebt. Anhand der verschränkten Tagebücher der Brüder Schiller, der Isotopie des „village“ über vier Todesräume hinweg, der Datumssymmetrie von Massaker und Suizid und der wandernden Lagermetaphorik zeigt er, wie der Roman drei Gedächtnisräume — Shoah, algerischer Bürgerkrieg, französische Banlieue — ineinanderfaltet und Schuld nie als feste Front, sondern als gestaffelt, übersetzbar und nie ganz entscheidbar denkt. Zwei Schlüsselstellen aus Rachels Tagebuch rahmen die Lektüre und werden zugleich zur nachdenklichen Kontrastfolie für „La Légende“: Der Romancier, der die Differenz zwischen Bezeugen und Abrechnen einst literarisch durchdrungen hat, erinnert daran, wie fragil die Position des Gerechten bleibt.

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Bildstörung: deutsch-französische Interferenzen bei Alain Robbe-Grillet und Claude Ollier

Der Aufsatz schlägt eine vielleicht überraschende Genealogie des Nouveau Roman vor, indem er dessen Entstehung nicht im Pariser Literaturbetrieb, sondern in der Extremsituation der Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland verortet. Ausgehend von der Begegnung Alain Robbe-Grillets und Claude Olliers in einer Nürnberger Fabrik rekonstruiert die Lektüre von vier Büchern der Autoren, wie sich unter Bedingungen von Fremdheit, Kontrolle und Entsubjektivierung eine neue Form der Wahrnehmung herausbildet: eine radikale Hinwendung zu Oberflächen, Dingen und räumlichen Strukturen, die psychologische Tiefenmodelle konsequent zurückweist. In Einzelanalysen zeigt der Text, wie diese Erfahrung in spezifische Erzählverfahren übersetzt wird – in fragmentierte Zeitordnungen, instabile Perspektiven und eine Sprache, die weniger deutet als registriert. So entsteht das Bild einer Poetik, die aus historischer Erschütterung hervorgeht, ohne sich je in expliziter Erinnerungsliteratur zu erschöpfen. Die behandelten Romane machen das Verhältnis beider Kulturen nicht zum Thema, sondern schreiben es in ihre formalen Strukturen ein. Das Deutsche erscheint als Erfahrungsraum von Macht und Fremdheit, das Französische als literarische Transformationsinstanz – doch beide sind untrennbar ineinander verschränkt. Diese Texte sind daher deutsch-französische Romane nicht aufgrund ihres Inhalts, sondern weil sie einen Zwischenraum entwerfen, in dem nationale Zuschreibungen instabil werden und Bedeutung erst aus ihrer Überlagerung hervorgeht.

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Verbergen und Zeigen: die Gewalt der Kunst bei Benjamin de Laforcade

Benjamin de Laforcades Roman „Rouge nu“ (Gallimard, 2022) situiert sich um ein paradoxes Zentrum: ein berühmtes Gemälde, das gerade durch seine Unsichtbarkeit Wirkungsmacht entfaltet, indem es – verborgen in einem architektonisch inszenierten Schutzraum – zugleich Mythos und Marktwert steigert, während es eine gewaltsame Geschichte birgt; im Fokus steht die Figur des Malers Andreas Mauser und das Modell Izabela, deren Körper im Akt der künstlerischen Produktion zum Schauplatz von Gewalt wird, die im Diskurs des Geniekults systematisch verschwiegen wird. Die Rezension arbeitet diesen Zusammenhang als dialektisches Verhältnis von Zeigen und Verbergen heraus und liest die ästhetische Technik des Übermalens und Freilegens als Metapher für die kulturelle Logik des Kunstbetriebs: Sichtbarkeit ist selektiv produziert, Unsichtbarkeit nicht bloß Abwesenheit, sondern aktive Verdrängung. Nadeije Laneyrie-Dagens kunsthistorische Studie „Cacher/montrer: une histoire des œuvres invisibles en Occident“ (Gallimard, 2024) zeichnet von der Prähistorie bis zur Gegenwart nach, dass Kunstwerke im Westen lange nicht auf permanente Sichtbarkeit angelegt waren, sondern ihre Wirkung gerade aus ritualisierten Praktiken des Verbergens und selektiven Zeigens bezogen, wodurch Sichtbarkeit als historisch regulierte Form von Macht, Begehren und sozialer Kontrolle erscheint. Der Aufsatz verschränkt die narrative Struktur des Romans mit solchen Überlegungen und zeigt so, dass das „unsichtbare“ Kunstwerk weniger ein Objekt als ein Dispositiv ist, das Machtverhältnisse stabilisiert.

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Zwischen Zeiten und Ländern: Widerstand als Zeitreiseroman bei Martin Winckler

Ausgehend von Martin Wincklers eigener Biographie als in Algerien geborener jüdischer Arzt, der zwischen kolonialer Geschichte, französischer Erinnerungskultur und späterer Emigration steht, liest die Rezension seinen Roman „L’Amour à temps“ (P.O.L., 2026) als literarische Verdichtung eben jener Erfahrung von Entwurzelung und historischer Überlagerung. Der Text verschränkt das populäre Zeitreise-Narrativ mit den historischen Tiefenschichten der deutschen Besatzung, des Widerstands marginalisierter Gruppen und den emanzipatorischen Impulsen von 1968: Bereits der Prolog setzt mit dem eindrücklichen Bild ein, wenn die Bibliothek von Tours in Flammen steht und der junge Arzt Maurice D’Alget inmitten von Rauch und einstürzenden Regalen einen verwundeten Soldaten aus dem Feuer zieht – eine Szene, die Zerstörung von Wissen und zugleich den Impuls zur Rettung paradigmatisch verbindet. Im Zentrum steht sodann die 83-jährige Erzählerin Rachel, die im Jahr 2026 ihre eigene Vergangenheit rekonstruiert und dabei über ein Zeitportal in das Jahr 1942 eingreift; besonders verdichtet erscheint dies in der Szene ihres Besuchs bei den Großeltern im besetzten Paris, wo sie, am ganzen Körper zitternd, vergeblich versucht, sie vor der bevorstehenden Verhaftungswelle zu warnen – ein Moment, in dem historisches Wissen zur existentiellen, aber begrenzten Handlungsmacht wird. Diese doppelte Bewegung – retrospektives Erzählen und körperlich erfahrene Vergangenheit – transformiert Zeitreise von einem spekulativen Motiv zu einem ethischen Verfahren der Vergegenwärtigung von Geschichte, das sich schließlich in der drastischen Tat zuspitzt, als Rachel einen Kollaborateur tötet und damit zwar ein individuelles Schicksal verändert, nicht aber die Logik der Verfolgung aufhebt. Der Aufsatz arbeitet heraus, dass Winckler das Genre hybridisiert – als „roman choral“, der durch eine Vielzahl nicht attribuierter Stimmen kollektive Erinnerung gegen das Verstummen organisiert, und als autopoetologisches Projekt, in dem die Erzählerin selbst als Instanz der Archivierung, Kommentierung und Legitimation auftritt. Die Zeitstruktur wird ethische Aporie: Wissen um historische Katastrophen erzeugt Verantwortung, ohne notwendigerweise Handlungsmacht zu garantieren; die Zeitreise erlaubt lediglich „Eingriffe an der Oberfläche“, die individuelle Schicksale verschieben, nicht aber die Geschichte als Ganze revidieren. In dieser Perspektive erscheint der Roman als dezidiert gegenwartsbezogenes Erinnerungsnarrativ, das – wie die Rezension pointiert herausstellt – die Sprache des Widerstands von 1942 in die politische Gegenwart überträgt und so die Kontinuität von Gewalt, Ideologie und Gegenwehr sichtbar macht. Insgesamt liest die Interpretation den Text als Verbindung von Körpergedächtnis, Mehrsprachigkeit und polyphoner Zeugenschaft, deren gemeinsamer Fluchtpunkt eine Poetik des Erzählens als Widerstand ist: Schreiben wird hier zur Praxis, die Vergangenheit nicht zu bewahren, sondern sie im Akt der Weitergabe immer wieder neu zu aktualisieren.

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Demontage deutsch-französischer Geschichtsmythen in Eric Vuillards récits

Éric Vuillards „La bataille d’Occident“ (2012) und „L’ordre du jour“ (2017) sind zwei Récits über den Krieg, die den Ersten und den Zweiten Weltkrieg nicht als Nationalgeschichten, sondern als Produkte wechselseitig verschränkter deutsch-französischer Mythologien erzählen: Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 bildet dabei den strukturellen Horizont beider Texte, aus dem die komplementären Selbstbilder beider Nationen – die deutsche Rationalitätsmythologie des unaufhaltsamen Militärapparats und der französische „élan“-Mythos der glorreichen Offensive – als traumatische Spiegelreflexe voneinander hervorgehen. Der Aufsatz argumentiert, dass Vuillards literarisches Verfahren wesentlich in einer doppelten Demontage besteht: Er zeigt zum einen, dass die vermeintliche deutsche Effizienz ein Bluff ist – die Panzer der Wehrmacht stehen auf der Straße nach Linz im Stau, Schlieffen verschiebt Papierfiguren über eine vergilbte Landkarte –, und zum anderen, dass der französische Revanchismus in Joffres kulinarischen Elsass-Phantasien kollabiert, während die Soldaten in roten Uniformhosen ins Maschinengewehrfeuer marschieren. Verbindendes Erklärungsmodell ist dabei weder nationale Wesensart noch politischer Irrationalismus, sondern Kapitalinteresse und Klassenlogik: Die vierundzwanzig Industriellen, die 1933 Hitler finanzieren, erscheinen bei Vuillard als zivile Fortsetzung derselben buchhalterischen Rationalität, die Schlieffen seinen Vernichtungsplan als Gewinnspekulation entwerfen ließ. Als Gattung des Récit – einer Hybridform zwischen Essay, Historiographie und Roman – praktiziert Vuillard dabei eine autopoetologisch reflektierte Poetik des Gegen-Archivs, die die verdrängten Namen der Opfer, die kollabierten Mythen der Täter und die fortwirkende Amnesie der Konzerne gegen die Domestizierung der Geschichte zur folkloristischen „déesse raisonnable“ einer erstarrten Geschichtspolitik stellt.

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Austausch und Unverständnis: Jacques Decour, Philisterburg

Jacques Decours „Philisterburg“ (1932, Éds. Allia, 2023) ist paradigmatisch als Text einer Poetik des „Dazwischen“: ein hybrides Werk zwischen Tagebuch, Essay, Reisebericht und politischer Diagnose, das aus der Perspektive eines jungen französischen Germanistikstudenten das Deutschland der späten Weimarer Republik erkundet und zugleich die epistemischen Bedingungen dieser Beobachtung reflektiert. Im Zentrum steht dabei nicht eine einseitige Darstellung des Fremden, sondern die produktive Spannung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Teilnahme und kritischer Selbstbefragung, die sich sowohl formal – in der Verschränkung von narrativen und essayistischen Passagen – als auch inhaltlich manifestiert. Decours Text entfaltet ein dichtes Panorama gesellschaftlicher, politischer und kultureller Kräfte, in dem Figuren weniger als Individuen denn als Träger struktureller Positionen im deutsch-französischen Beziehungsgefüge erscheinen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Rolle von Sprache und Übersetzung als Ort des Missverstehens wie der Erkenntnis, der Analyse von Stereotypen und Feindbildern sowie dem Vergleich unterschiedlicher Bildungssysteme als Ausdruck divergierender Weltverhältnisse. Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden politischen Lage um 1930 gewinnt die Darstellung eine prophetische Schärfe, ohne je in deterministische Eindeutigkeit zu verfallen. Die Rezension arbeitet heraus, wie Decour das „Dazwischen“ nicht als harmonische Synthese, sondern als konflikthaften, erkenntnisgenerierenden Raum begreift, in dem kulturelle Differenz sichtbar und denkbar wird – und wie gerade diese literarische Haltung dem Text seine anhaltende Aktualität und intellektuelle Dringlichkeit verleiht.

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Brücken bauen, Gräben vertiefen: Pauline Dreyfus

Pauline Dreyfus’ „Un pont sur la Seine“ (2025) entfaltet, ausgehend von der Katastrophe eines Fährunglücks im Jahr 1828, die über Generationen gespannte Geschichte zweier durch die Seine getrennter Dorfgemeinschaften, deren Schicksale sich im Bau, der Zerstörung und dem Wiederaufbau einer Brücke verdichten: Anhand der Familie Vernet und ihrer genealogischen Verzweigungen verfolgt der Roman die Transformation vom agrarischen Milieu zur Industriegesellschaft und weiter in die postindustrielle Gedächtniskultur, wobei historische Einschnitte – Kriege, Volksfront, Okkupation, Deindustrialisierung – als strukturierende Kräfte in die Lebensläufe eingeschrieben werden. Zugleich insistiert die Erzählung auf ihrer eigenen Künstlichkeit: Figuren erscheinen weniger als psychologisch singuläre Individuen denn als typisierte Träger sozialer Positionen, deren Konflikte – etwa zwischen Winzer und Fabrikarbeiter, Résistance-Erbin und Erinnerungspolitiker – die Persistenz gesellschaftlicher Spaltungen sichtbar machen. Der Aufsatz arbeitet heraus, wie das zentrale poetische Prinzip des Romans in der mehrdimensionalen Konstruktion der Brücke liegt: als historisches Objekt, topographische Achse, soziales Diagnoseinstrument und philosophische Metapher, die im Sinne einer selbstreflexiven Geschichtspoetik gerade nicht Versöhnung stiftet, sondern Differenz produziert und sichtbar macht. In dieser Dialektik von Dokumentation und Fiktion, von historischer Genauigkeit und ironischer Distanz erweist sich Dreyfus’ Text als bewusste Fortschreibung und zugleich kritische Brechung der Tradition des historischen Gesellschaftsromans: Er demonstriert, dass die großen Narrative von Fortschritt und Verbindung an den mikrosozialen Realitäten scheitern und dass jede Form von Geschichtserzählung – im Roman wie im von ihm entworfenen Museumsprojekt – notwendig ihre eigene Konstruktionslogik mitreflektieren muss.

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Brückenschlag und Selbstkorrektur: Ernst Robert Curtius

„Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich“ von Ernst Robert Curtius eröffnet als Produkt der unmittelbaren Nachkriegszeit aus der Erfahrung politischer Niederlage heraus einen bewusst gegenläufigen, europäisch orientierten Deutungsraum: Indem Curtius 1918/20 zentrale französische Autoren (Gide, Rolland, Claudel, Suarès, Péguy) als Träger einer geistigen Erneuerung präsentiert, betreibt er weniger neutrale Literaturvermittlung als eine kulturpolitische Intervention gegen nationale Ressentiments und stereotype Frankreichbilder. Die Rezension arbeitet heraus, dass Curtius’ Argumentation auf einer doppelten Bewegung beruht: einerseits der Dekonstruktion des deutschen Klischees vom rationalistischen, „lateinischen“ Frankreich durch den Nachweis transnationaler, insbesondere auch „germanischer“ Einflüsse; andererseits der Konstruktion eines „wahren Frankreichs“, das als pädagogische Projektionsfläche für ein erneuertes, europäisch gewendetes Deutschland stehen kann. Dabei wird die Spannung zwischen dokumentierter Feindschaft (etwa bei Suarès) und programmatischer Überblendung durch den Europagedanken nicht nivelliert, sondern als produktiver Widerspruch gelesen. Kritisch markiert die Rezension zugleich die selektive Anlage und die lebensphilosophische Wertungshierarchie des Buches, die bestimmte Strömungen ausblendet und andere normativ überhöht. Insgesamt erscheint Curtius’ Studie so als ein zugleich zeitgebundenes und methodisch wegweisendes Unternehmen: als rhetorisch gesteuerte Selbstkorrektur nationaler Wahrnehmung, die Literaturwissenschaft in den Dienst einer intellektuellen Verständigung stellt.

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Zwischen Mythos und Massenmord: deutsch-französische Romane im Zeichen des Dritten Reiches

Michel Tourniers „Le Roi des Aulnes“ (1970) und Jonathan Littells „Les Bienveillantes“ (2006) sind, trotz des Abstands von 36 Jahren und zweier grundverschiedener literarischer Temperamente, beide deutsch-französische Romane im präzisesten Sinne: Tournier schickt seinen Pariser Garagisten Abel Tiffauges als Kriegsgefangenen nach Ostpreußen, wo er Deutschland als mythologisches Spiegelland erlebt – Hirschherden wie Wappentiere, Görings Jagdschloss als „palais sur rails“, die Napola-Burg Kaltenborn als Erfüllung einer Erlkönig-Obsession –, bis das jüdische Kind Ephraïm am Ende alle seine Zeichen invertiert und sich im letzten Satz in den Davidstern verwandelt; Littell stattet seinen Ich-Erzähler Max Aue, SS-Offizier und Massenmörder, mit einer elsässischen Herkunft, einer französischen Mutter, einer Sciences-Po-Ausbildung und Pariser Kollaborationsfreunden aus, so dass die deutsch-französische Hybridität nicht als humanisierende Brücke, sondern als Voraussetzung der Komplizenschaft erscheint – wer Racine und Hölderlin gleich gut kennt, schreibt den Massenmord eben in besserem Französisch. Die vorliegende kontrastive Interpretation argumentiert, dass beide Romane exakt diese Gemeinsamkeit teilen: Sie verweigern die tröstliche Erzählung, wonach der Nationalsozialismus ein kulturell Fremdes war, das dem deutsch-französischen Erbe von außen aufgezwungen wurde, und zwingen stattdessen ihre Protagonisten – den faszinierten Franzosen wie den hybriden Täter – dazu, die eigene Bildung, Faszination und Sprachkenntnis als Einfallstor zu erkennen. Dabei unterscheidet die Rezension scharf zwischen Tourniers mythologischer Verfremdung – das Verbrechen wird in archaische Muster (Erlkönig, Christophoros, Inversion der Zeichen) sublimiert, um erst so sichtbar zu werden – und Littells hyperrealistischer Immanenz, die jeden mythologischen Schutzschirm verweigert und den Leser durch Aues kultivierten Berichtston in eine Komplizenschaft zieht, aus der er sich nicht heraushalten kann; die Rezension legt nahe, dass diese Differenz nicht nur ästhetisch, sondern historisch erklärbar ist: 1970 war Auschwitz noch unbeschreiblich, man sublimierte – 2006 war es akademisiert und musealisiert, und Littell insistierte auf der Unverarbeitbarkeit. Als deutsch-französische Texte werden beide Romane dabei auch auf ihre Sprachpolitik hin befragt: das Deutsche, das Tournier im Roman als ehrfürchtig unübersetztes Fremdkörper-Material stehen lässt (Napola, Reichsjägermeister, Jungmann), und das Französische, das Littell als Schreibsprache für den deutschen Massenmord wählt – ein literarisches Sakrileg, das die „clarté française“ gegen sich selbst kehrt und damit die These der Rezension illustriert, dass die deutsch-französische Kulturgemeinschaft das schwarze Loch in ihrer Geschichte nicht schließen, sondern nur umkreisen kann.

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Zugehörigkeit als Ausschluss: die fremde Sprache und der Vater als Yekkes bei Dory Manor

Der Roman zeigt, wie jüdische Identität zugleich als historischer Schutz und als normierende Einschreibung im Körper wirkt und den Einzelnen in ein unauflösbares Spannungsverhältnis zwischen Diaspora und israelischer Zugehörigkeit stellt. Ein Sohn schreibt seinem toten Vater in einer fremden Sprache und zeigt dabei, wie sich Geschichte, Herkunft und Macht unauslöschlich in Körper, Namen und Begehren einschreiben – und wie man ihnen nur entkommt, indem man sie neu erzählt. Manor Dorys „Le Gorille“ (Grasset, 2026) untersucht, wie Identität durch historische, körperliche und sprachliche Einschreibungen hervorgebracht wird – und wie sich diese Einschreibungen nicht überwinden, sondern nur transformieren lassen. Ausgangspunkt ist die Konstellation eines autobiographisch grundierten Briefromans, in dem ein Sohn seinem toten Vater, um sich dessen Zugriff zu entziehen und ihn zugleich literarisch neu zu erzeugen. Von hier aus rekonstruiert der Aufsatz die zentralen Bewegungslinien des Textes: die Kindheitserfahrung eines körperlich und symbolisch abweichenden Vaters (Nicht-Beschneidung, Namenswechsel von Reinhard zu Ezer), die eigene Adoleszenz als Phase der gewaltsamen Annäherung an eben diesen Körper und der gleichzeitigen Abwehr (bis hin zur Psychiatrie-Episode und homoerotischen Regungen), sowie das Erwachsenenleben, in dem sich die genealogischen, politischen und erotischen Konflikte in einer transnationalen Existenz zwischen Tel Aviv, Berlin und Paris bündeln. Die Interpretation liest den Roman entlang der These, dass unterschiedliche Machtordnungen – Familie, Religion, Staat, Männlichkeit – homolog funktionieren, insofern sie den Körper markieren, disziplinieren und lesbar machen; die Beschneidung wirkt als paradigmatische Figur, wird jedoch durch Namen, Sprachen und institutionelle Praktiken erweitert. Besondere Aufmerksamkeit gilt den poetologischen Verfahren: der Wahl des Französischen als „privater“ Sprache des Schreibens, der Mosaikstruktur als Abbild eines nicht-linearen Gedächtnisses, der Figur des Deadnamings als Schnittstelle von zionistischer Namenspolitik und queer-theoretischem Denken. Zugleich arbeitet die Rezension die zentrale Paradoxie jüdischer Existenz heraus, die der Roman in eine prägnante Bildform bringt: Was in Europa Überleben sicherte (der unbeschnittene Körper), bedeutet in Israel Ausschluss – eine historische Verkehrung, die sich im Körper des Vaters realisiert und im Schreiben des Sohnes explizit gemacht wird. In dieser Perspektive erscheint das Schreiben selbst als ambivalente Praxis: nicht als Befreiung von Gewalt, sondern als deren Verlagerung in eine selbstbestimmte Form, als „Übersetzung“, die Treue nur durch Verrat ermöglicht. Der Schluss – die Ankündigung eines unbeschnittenen, mehrsprachigen Kindes – wird als bewusste Unterbrechung eines Einschreibungszusammenhangs gedeutet, dessen Fortwirken der Roman zugleich reflektiert und nicht aufhebt.

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Wo das Trauma beginnt: Camille de Toledo

Camille de Toledos „Thésée, sa vie nouvelle“ (Verdier, 2020) erarbeitet aus einem Schockmoment – dem Fund des erhängten Bruders im Paris des Jahres 2005 – eine vielschichtige literarische Untersuchung, die Trauerarbeit, Familienchronik, Essay und poetische Beschwörung miteinander verschränkt. Der Roman folgt seinem Erzähler Thésée über Jahre hinweg in eine doppelte Bewegung: in die Gegenwart eines traumatisierten Körpers und zugleich rückwärts in die genealogischen Tiefenschichten einer von Verlusten, Schweigen und verdeckter jüdischer Herkunft geprägten Familie. Ausgehend von drei Kartons mit Fotografien, Briefen und dem Manuskript des Ururgroßvaters entwickelt sich eine „poème-enquête“, in der sich zeigt, wie sich historische Gewalt, Suizide und verdrängte Erinnerung nicht nur narrativ, sondern physisch im Körper der Nachkommen einschreiben. Die Rezension liest dieses formal hybride Werk als performative Poetik des Transgenerationalen: Die nicht-lineare Zeitstruktur, die Synchronien der Daten, der Wechsel der Pronomina und die Einlagerung dokumentarischer Stimmen realisieren genau jene Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart, die der Text behauptet. Im Zentrum steht dabei die Umdeutung des Theseus-Mythos: Das Labyrinth ist kein äußerer Ort mehr, sondern das Innere der Familiengeschichte, der „Ariadnefaden“ ein fragiles Geflecht aus Archivmaterial, das erst im Schreiben entsteht. Indem der Roman am Ende – in einer radikalen Inversion der Chronologie – zum Suizid des Ururgroßvaters im Jahr 1939 zurückkehrt, markiert er den Ursprungspunkt der Wunde und macht sichtbar, dass Erkenntnis nur im Rückkehren möglich ist: als Ankommen an dem Ort, von dem alles ausging. Der Aufsatz hebt hervor, dass Toledo damit weder eine psychologische noch eine soziologische Erklärung des Suizids liefert, sondern eine literarische Erkenntnisform etabliert, die das in der Materie sedimentierte Gedächtnis zur Sprache bringt. Literatur erscheint hier als Ort der „revivance“ – nicht als Auflösung des Traumas, sondern als Wiederverbindung mit den Toten, als vorsichtiges Verknüpfen eines zerrissenen Fadens, der eine „vie nouvelle“ überhaupt erst denkbar macht.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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