Berlin als Wartesaal der Erinnerung: Mathieu Trautmann

Mathieu Trautmanns Debütroman „Six mois, dix ans et un jour“ (2012) erzählt von zwei Figuren, die auf unterschiedliche Weise versuchen, der Unzuverlässigkeit ihrer eigenen Erinnerung zu entkommen: Während der Berliner Übersetzer David den Gästen eines Kunsthotels aus der Distanz seines Fensters erfundene Biographien zuschreibt, reist die schwedische Ökonomin Elena nach zehn Jahren nach Berlin, um einem ehemaligen Geliebten unter falscher Identität zu begegnen und zu prüfen, ob Liebe auch ohne gemeinsame Erinnerung Bestand haben kann. In der parallel geführten Handlung verschränken sich Beobachtung und Teilnahme, Wahrheit und Inszenierung, bis sich beide Erzählstränge in Berlin kreuzen – einer Stadt, deren eigene Geschichte von Teilung, Überlagerung und Rekonstruktion geprägt ist. Der vorliegende Aufsatz liest den Roman als roman croisé, der die deutsch-französische Konstellation nicht auf die Begegnung zweier Nationen reduziert, sondern sie in transnationalen Biographien, mehrsprachigen Kommunikationsräumen und einer europäischen Erinnerungslandschaft entfaltet. Zugleich zeigt er, dass Trautmann das Kontrafaktische nicht als alternative Geschichtsschreibung, sondern als Verfahren individueller Selbstentwürfe einsetzt: Erfundenen Identitäten, manipulierten Fotografien und imaginären Biographien kommt die Funktion zu, die Konstruiertheit von Erinnerung sichtbar zu machen und den schmalen Übergang zwischen gelebtem Leben und erzählter Möglichkeit auszuloten. So verbindet der Roman eine Poetik der Fälschung mit einer Poetik Berlins als Erinnerungsraum, in dem sich Ost und West, Vergangenheit und Gegenwart, Original und Kopie sowie Beobachtung und Erfahrung fortwährend überlagern.

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Was vom Krieg bleibt: Stein, Sand, Zitat und Vogelgesang bei Jean-Yves Jouannais

Der Artikel liest vier Bücher von Jean-Yves Jouannais – „L’usage des ruines“, „Les barrages de sable“, „MOAB“ und den neuen Roman „Une forêt“ – als Variationen einer Frage: was vom Krieg bleibt, wenn die Handelnden selbst verschwinden. In „L’usage des ruines“ umkreist eine Galerie von Porträts, von Naram-Sîn bis W. G. Sebald, den Begriff „obsidional“, der Belagerung und Besessenheit über die gemeinsame lateinische Wurzel obsidere zusammenführt. „Les barrages de sable“ überträgt dieselbe Logik auf ein Kinderspiel am Strand, bei dem der Bau eines Sandwalls nicht auf Sieg, sondern auf die eigene Niederlage zielt. „MOAB“ radikalisiert das Verfahren: Jouannais formuliert keinen Satz des Haupttextes selbst, sondern montiert Zitate aus zwei Jahrtausenden Kriegsliteratur zu zweiundzwanzig Gesängen ohne Autor, Held oder Chronologie. „Une forêt“, der 2026 erschienene Roman, kehrt zur konventionellen Erzählform zurück und schickt einen amerikanischen Hauptmann nach Bremen, wo eine Entnazifizierungskommission darüber berät, ob ein Wald von Vögeln, die das Horst-Wessel-Lied singen, „entnazifiziert“ werden muss. Der Aufsatz destilliert aus den vier Texten fünf wiederkehrende Prinzipien – Material statt Erzählung als Träger der Erinnerung, das obsidionale Umkreisen ohne Eintritt, kindliche und tierische Figuren als Erkenntnisinstanz jenseits institutioneller Logik, den Rückzug der Autorschaft und die wörtlich genommene Metapher – und liest darin eine Skepsis gegenüber jeder Vorstellung, Krieg lasse sich in eine zusammenhängende Erzählung fassen.

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Von der Geschichte zur Legende: Alexander der Große bei Laurent Gaudé

Laurent Gaudés „Pour seul cortège“ (2012) verlagert den historischen Alexanderstoff radikal von der Ebene der Ereignisgeschichte auf die Schwelle zwischen Tod und Nachleben. Statt die bekannten Stationen des Eroberers nachzuerzählen, konzentriert sich Gaudé auf das ausgedehnte Sterben Alexanders in Babylon und auf den Kampf um seinen Leichnam, der zum symbolischen Zentrum des Romans wird. Der Aufsatz argumentiert, dass nicht Alexander als historische Figur, sondern sein sterblicher Körper der eigentliche Protagonist des Werkes ist: An ihm bündeln sich Machtansprüche, Erinnerungsarbeit und die Frage nach der Zugehörigkeit des Toten. Ausgehend von einer Analyse der polyphonen Erzählstruktur, der dramatischen Bauform und der mythisch aufgeladenen Bildfelder von Körper, Hunger, Safran und Wind zeigt der Text, wie Gaudé den historischen Roman in eine Tragödie der Stimmen verwandelt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Figur der Dryptéis, die als Gegenpol zu den machtgierigen Generälen den Übergang vom Besitz des Körpers zur Bewahrung des Geistes verkörpert. Durch den Vergleich mit Gaudés „La mort du roi Tsongor“ (2002) und „Le Tigre bleu de l’Euphrate“ (2002) wird zudem herausgearbeitet, dass Gaudé ein zentrales Motiv seines Werks fortschreibt: die Frage, wie Tote weiterleben. Die Interpretation deutet „Pour seul cortège“ letztlich als Roman über die Macht des Erzählens, das den Menschen der Vergänglichkeit entreißt und ihn in die Sphäre der Legende überführt.

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Demontage deutsch-französischer Geschichtsmythen in Eric Vuillards récits

Éric Vuillards „La bataille d’Occident“ (2012) und „L’ordre du jour“ (2017) sind zwei Récits über den Krieg, die den Ersten und den Zweiten Weltkrieg nicht als Nationalgeschichten, sondern als Produkte wechselseitig verschränkter deutsch-französischer Mythologien erzählen: Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 bildet dabei den strukturellen Horizont beider Texte, aus dem die komplementären Selbstbilder beider Nationen – die deutsche Rationalitätsmythologie des unaufhaltsamen Militärapparats und der französische „élan“-Mythos der glorreichen Offensive – als traumatische Spiegelreflexe voneinander hervorgehen. Der Aufsatz argumentiert, dass Vuillards literarisches Verfahren wesentlich in einer doppelten Demontage besteht: Er zeigt zum einen, dass die vermeintliche deutsche Effizienz ein Bluff ist – die Panzer der Wehrmacht stehen auf der Straße nach Linz im Stau, Schlieffen verschiebt Papierfiguren über eine vergilbte Landkarte –, und zum anderen, dass der französische Revanchismus in Joffres kulinarischen Elsass-Phantasien kollabiert, während die Soldaten in roten Uniformhosen ins Maschinengewehrfeuer marschieren. Verbindendes Erklärungsmodell ist dabei weder nationale Wesensart noch politischer Irrationalismus, sondern Kapitalinteresse und Klassenlogik: Die vierundzwanzig Industriellen, die 1933 Hitler finanzieren, erscheinen bei Vuillard als zivile Fortsetzung derselben buchhalterischen Rationalität, die Schlieffen seinen Vernichtungsplan als Gewinnspekulation entwerfen ließ. Als Gattung des Récit – einer Hybridform zwischen Essay, Historiographie und Roman – praktiziert Vuillard dabei eine autopoetologisch reflektierte Poetik des Gegen-Archivs, die die verdrängten Namen der Opfer, die kollabierten Mythen der Täter und die fortwirkende Amnesie der Konzerne gegen die Domestizierung der Geschichte zur folkloristischen „déesse raisonnable“ einer erstarrten Geschichtspolitik stellt.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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