Gesellschaft im Modus der Fragmentierung – Literatur als Antwort auf die Krise der Repräsentation: Robert Lukenda

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Das Leben erzählen: Unlesbarkeit des Sozialen

Robert Lukenda, Gesellschaftsdarstellung im Zeitalter der Singularitäten: narrative Antworten auf die zeitgenössische Repräsentationskrise Frankreichs, Studia Romanica 246 (Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2025), 380 S.

Als Annie Ernaux in ihrem Tagebuch (Regarde les lumières mon amour, 2014) über ihre Beobachtungen in einem Supermarkt der Pariser Vorstadt schreibt, wählt sie einen Ort, den die Literatur gemeinhin als literaturunwürdig abtut: die Kassenschlange, die Regale mit Sonderangeboten, die schweigenden Körper von Kassierenden und Kunden. Hierin liegt ein polemischer Impuls: Ernaux macht sichtbar, was als selbstverständlich, weil alltäglich und populär, unsichtbar geblieben ist. Ähnlich verfährt Éric Vuillard in seinem Erzähltext über die Französische Revolution (14 juillet, 2016), wenn er die namentlich kaum überlieferten Handwerker, Wäscherinnen und Kleinhändler der Revolutionstage aus dem Schweigen der Historiografie herausholt – nur um zu zeigen, dass ihre Anwesenheit in den Quellen stets eine Scheinpräsenz gewesen war, eine Auffüllung des Bildes durch anonyme Masse, nicht durch individuelle Subjekte. Und wenn Pierre Rosanvallon 2014 mit dem kollektiven Erzählprojekt Raconter la vie aufruft, Bürgerinnen und Bürger mögen gemeinsam mit Schriftstellern, Soziologen und Journalisten den „wahren Roman der Gesellschaft von heute“ verfassen, dann reagiert er auf einen Befund, den er seit Jahren mit Nachdruck vorträgt: dass das Land sich nicht repräsentiert fühle, dass die politischen, wissenschaftlichen und medialen Diskurse ein Bild der französischen Gesellschaft zeichnen, das von einer tief empfundenen Kluft zwischen Darstellenden und Dargestellten geprägt sei.

Diese drei Momente – der Supermarkt als Ethnologie, das Volk als historiografisches Phantom, die Demokratie als Erzählprojekt – bündeln ein Problem, dem Robert Lukendas 2025 im Universitätsverlag Winter erschienene Habilitationsschrift nachgeht: Wie wird, und mit welchen narrativen, ästhetischen und epistemischen Mitteln, gesellschaftliche Wirklichkeit in der französischen Gegenwartsliteratur dargestellt? Und welche Antworten gibt die Literatur auf jene „Repräsentationskrise“, die Frankreich seit Jahrzehnten beschäftigt, sich in den Gelbwesten-Protesten von 2018/19, in den Banlieue-Unruhen von 2005 und 2023, in der anhaltenden Stärke des Rassemblement national, aber auch in einem diffusen Gefühl der Unlesbarkeit des Sozialen immer wieder Bahn bricht?

Das Buch, 2024 als Habilitationsschrift am Fachbereich Neuere Philologien der Goethe-Universität Frankfurt am Main eingereicht und 2025 in der renommierten Reihe Studia Romanica erschienen, verfolgt ein programmatisch breites Vorhaben: Es verbindet politikwissenschaftliche, soziologische und literaturwissenschaftliche Perspektiven, um den französischen „Krisendiskurs“ der Gegenwart in seinen verschiedenen Repräsentationsfeldern zu kartieren und die Rolle der Literatur darin zu bestimmen. Der Titel nimmt bewusst Bezug auf Andreas Reckwitz‘ soziologische Diagnose einer „Gesellschaft der Singularitäten“ – einer Spätmoderne, in der die soziale Logik des Allgemeinen zugunsten der des Besonderen und Einzigartigen verdrängt wurde – und stellt sie in ein Spannungsverhältnis zur Frage der Gesellschaftsdarstellung. Denn eine Gesellschaft, die sich in immer feinere Partikularitäten aufgelöst hat und in der klassische Kollektivkategorien wie Klasse, Partei oder Gewerkschaft an Bindekraft verloren haben, stellt auch der Literatur ein Darstellungsproblem: Wie lässt sich Einheit figurieren, wo die Erfahrung von Fragmentierung vorherrscht?

Die Arbeit gliedert sich in zwei große Teile. Der erste (Kapitel 2) widmet sich politischen, sozialwissenschaftlichen, soziologischen und medialen Repräsentationsdiskursen und schafft damit die interdisziplinäre Rahmung; der zweite (Kapitel 3 und 4) fokussiert auf das literarische Feld im engeren Sinne, auf Poetologien, Strategien und konkrete Textanalysen. Ein abschließendes Kapitel 5 zieht Bilanz. Die Bibliografie umfasst über 600 Titel; ein Register erschließt Personen und Konzepte zuverlässig.

Der Verfasser stützt sich auf ein Korpus, das über kanonische Gegenwartsliteratur hinausgeht: Neben literarischen Texten von Annie Ernaux, Virginie Despentes, Didier Eribon und Éric Vuillard analysiert er soziologische Hybridstudien wie Pierre Bourdieus La misère du monde und das kollektive Sammelwerk La France invisible, das digitale Erzählprojekt Raconter la vie, TV-Serien wie Vernon Subutex und Engrenages sowie Übersetzungen ins Deutsche. Das ist methodisch ambitioniert, verlangt dem Buch aber auch Weite ab, die gelegentlich auf Kosten der analytischen Tiefe geht.

Kapitel 1: Ein „Unbehagen in der Demokratie“

Die ausgedehnte Einleitung (Kapitel 1, ca. 25 Seiten) entwirft das Problemfeld in konzentrierter Form. Lukenda nimmt seinen Ausgang von Rosanvallons Diagnose, wonach das Land sich nicht mehr repräsentiert fühle 1, und entfaltet daran die dreifache Struktur der Repräsentationskrise: Sie ist erstens eine politische Krise (Erosion der Traditionsparteien und Gewerkschaften, Aufstieg des Rassemblement national, zunehmende Wahlabstinenz), zweitens eine sozioökonomische (Erosion der Mittelschichten, Entstehung neuer classes populaires, räumliche Polarisierung zwischen der gut vernetzten France métropolitaine und der abgehängten France périphérique im Sinne von Christophe Guilluy), und drittens eine epistemische (Unlesbarkeit der sozialen Welt, Krise der Kategorien, mit denen Gesellschaft beschrieben und analysiert wird).

Besondere Aufmerksamkeit widmet Lukenda der Semantik des Begriffs“représentation“, der im Französischen Politikvertretung, Darstellung, Vorstellung und ästhetische Inszenierung zugleich meinen kann – eine Polysemie, die im Deutschen durch die Differenzierung in Repräsentation, Vertretung, Vorstellung und Darstellung analytisch entzerrt wird, dabei aber die intuitiven Verbindungen verliert, die das Französische „naturwüchsig“ stiftet. Gerade diese semantische Verdichtung erklärt, so Lukenda, warum in Frankreich die Frage der politischen Repräsentation so leicht und so konsequent mit der Frage der ästhetischen Darstellung zusammengedacht wird – und warum Schriftsteller wie Rosanvallon die Literatur in der Pflicht sehen, einen analytischen wie engagierten Beitrag zur Krisenbewältigung zu leisten.

Die Einleitung formuliert das Erkenntnisinteresse klar: Es geht darum, jene „engen Verbindungen“ zwischen politischen, sozialwissenschaftlichen und literarischen Repräsentationsdebatten sichtbar zu machen, die in Frankreich historisch gewachsen sind, und zu zeigen, wie die Gegenwartsliteratur auf die Unlesbarkeit der sozialen Welt reagiert – nicht nur mimetisch, sondern sinnstiftend, kollektiv-bildend und bisweilen auch widerständig. Der Ertrag dieses einleitenden Kapitels ist die kohärente Problemstellung, die den heterogenen Analysen im weiteren Verlauf ihren Zusammenhalt gibt.

Kapitel 2: Sozialwissenschaftliche, politische und mediale Repräsentationsdiskurse

Das zweite Kapitel ist mit knapp 130 Seiten das umfangreichste und zugleich theoretisch dicht. Es ist in drei Großabschnitte gegliedert: eine Begriffsgeschichte und Theoriegeschichte von „représentation“ (2.1), eine historische Perspektivierung der Repräsentationsproblematik in Frankreich von der Revolution bis zur Gegenwart (2.2) sowie eine Analyse zeitgenössischer Krisensymptome und -diskurse (2.3).

Abschnitt 2.1 entfaltet den Repräsentationsbegriff in Kulturwissenschaft, Sozialwissenschaft und Philosophie. Ausgehend von Foucaults erkenntnistheoretischer Diagnose (in Les mots et les choses) – wonach das klassische Zeitalter die Repräsentationssysteme als der Wirklichkeit adäquat empfand, bevor diese Gewissheit im ausgehenden 18. Jahrhundert zerbrach – zeichnet Lukenda die poststrukturalistische Dekonstruktion des Repräsentationsbegriffs nach. Er stellt ihr jedoch gezielt neuere Strömungen gegenüber, die – etwa in der Akteur-Netzwerk-Theorie Brunos Latours oder in Rancières politischer Ästhetik – den analytischen Wert des Begriffs wiederherstellen, indem sie ihn aus seiner Statik lösen und als dynamischen Prozess von Inklusion und Exklusion fassen. Besonders ertragreich ist Lukendas Auseinandersetzung mit dem Translationskonzept im Anschluss an Latour: Repräsentation wird als Übersetzungsprozess verstanden, der immer auch Transformation, Verzerrung und Unsichtbarkeit produziert – ein Gedanke, der später in den Textanalysen, vor allem zur Übersetzungspolitik von Ernaux, fruchtbar gemacht wird.

Abschnitt 2.2 legt eine knappe, aber instruktive historische Linie vom postrevolutionären Frankreich bis zur Gegenwart: Wie sich das Problem, eine Gesellschaft gleicher Individuen nach dem Ende der Standesordnung zu repräsentieren, von Beginn der politischen Moderne an in Frankreich als konstitutives Spannungsverhältnis zwischen der juridisch-politischen Einheitsfigur des Volkes und der soziologischen Realität ungleicher Einzelpersonen gestellt hat, arbeitet Lukenda im Rückgriff auf Rosanvallons demokratiehistorische Studien und Claude Leforts politische Theorie überzeugend heraus. Besonders erhellend ist die Analyse, wie der französische Republikanismus durch den Vorrang der „volonté générale“ die politische Repräsentation von Partikularinteressen – etwa sprachlicher oder kultureller Minderheiten, aber auch der Arbeiterschaft – strukturell erschwert und damit jene Ambivalenz produziert hat, die das Land bis heute prägt.

Abschnitt 2.3 widmet sich den zeitgenössischen Krisensymptomen: der Spannung zwischen Individuum und Kollektiv in der Spätmoderne (2.3.1), der soziogeografischen Fragmentierung (2.3.2 und 2.3.3), der medialen Repräsentation der Banlieue-Unruhen und der Gelbwesten-Bewegung (2.3.4) sowie dem Verhältnis von Repräsentationskrise und Populismus (2.3.5). Die Analysen zur „France périphérique“ und zur Gelbwesten-Bewegung – die Warnweste als semiotisches Objekt, das gleichzeitig Berufszugehörigkeit, soziales Abstiegsgefühl und das Bedürfnis nach Sichtbarkeit verkörpert – gehören zu den besonders anschaulichen Passagen des Buches. Die Unterabschnitte zur medialen Darstellung sozialer Konflikte zeigen, wie Banlieue-Unruhen und Gelbwesten-Proteste in den Massenmedien von einem Blick dominiert wurden, der Konflikt spektakulär sichtbar macht, die strukturellen Ursachen aber systematisch ausblendet. Der Ertrag des zweiten Kapitels ist eine komparatistisch nuancierte Grundierung, die die literarischen Analysen des zweiten Teils erst in ihrer politischen Dimension verständlich macht.

Kapitel 3: Elemente einer Poetologie sozialer Repräsentation

Kapitel 3 bildet das theoretische Herzstück des literaturwissenschaftlichen Teils. In drei Großabschnitten werden Klassendiskurse in der Literatur (3.1), epistemologische und ästhetische Strategien zeitgenössischer Gesellschaftsdarstellung (3.2) und die Beziehung zwischen Literatur und TV-Serie in Frankreich (3.3) verhandelt.

Abschnitt 3.1 fragt nach der literarischen Repräsentation der „classes populaires“ und situiert die Gegenwartsliteratur in einem historisch-ästhetischen Diskurs, der von Rancières Begriff des „ästhetischen Regimes“ und Auerbachs Mimesisbegriff ebenso gespeist wird wie von Nelly Wolfs Studien zur Demokratie im französischen Roman. Besonders prägnant ist Lukendas Analyse der „transfuges de classe“ – jener Autoren, die wie Eribon, Louis oder Ernaux soziale Aufsteiger sind und aus dieser Grenzposition heraus schreiben – als zentrale Repräsentationsfiguren der „classes populaires“ in der Gegenwartsliteratur. Er zeigt, wie diese Autoren eine doppelte Geste vollziehen: Sie machen das Milieu der Herkunft sichtbar, produzieren dabei aber auch eine neue Unsichtbarkeit, indem sie zwangsläufig aus der Perspektive des Aufstiegs, des Blicks von außen, sprechen. Die Frage, ob man „einfache Verhältnisse“ literarisch darstellen kann, ohne sie zu exotisieren oder zu viktimisieren, diskutiert Lukenda mit Blick auf die historische Debatte zwischen Realismus und „misérabilisme“ sowie auf Ernaux‘ „Ästhetik der Gleichwertigkeit“ – die Entscheidung, den Vater in La Place nicht als bemitleidenswert, sondern als souveränes Subjekt zu zeichnen, das seinen Platz in einer ungerechten Welt würdevoll einnimmt.

Abschnitt 3.2 untersucht den „tournant documentaire“ in der Gegenwartsliteratur: die Konjunktur dokumentarischer, journalistischer und soziologischer Schreibweisen. Lukenda analysiert „neue Dispositive der sozialen Investigation“ jenseits kanonischer Literatur – investigative Hybridprojekte wie La France invisible, die Zeitschrift XXI, Formen der „littérature de terrain“ – und zeigt, wie sich Literatur, Soziologie und Journalismus im zeitgenössischen Frankreich in einem Feld vermengen, das weder dem einen noch dem anderen Bereich eindeutig zugehört. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Panoramaprinzip als historisch verankerte Form der Gesellschaftsdarstellung: von den Physiologies des frühen 19. Jahrhunderts über Balzacs Comédie humaine bis zu zeitgenössischen Serienformaten. Die Beobachtung, dass die Wiederentdeckung panoramatischer und kollektiver Erzählformen ein Symptom für das Bedürfnis nach Lesbarkeit in einer fragmentierten sozialen Welt ist, wird durch zahlreiche Beispiele plausibel gemacht.

Abschnitt 3.3 wendet sich dem Verhältnis zwischen Literatur und TV-Serie zu. Lukenda zeigt, dass sich das Serialitätsprinzip zu einem kulturellen Paradigma entwickelt hat, das auch die Literatur prägt: Despentes‘ Vernon Subutex-Trilogie ist nicht zufällig als Serie konzipiert – in ihrer breiten Gesellschaftsperspektive und ihrem Wechsel zwischen sozialen Milieus erinnert sie an zeitgenössische Quality-TV-Serien. Anhand der Adaptation von Vernon Subutex als Canal+-Serie und anhand der Krimiserie Engrenages analysiert Lukenda, welche Transformationen bei der Übertragung literarischer Stoffe in das serielle Medium stattfinden und welche Konsequenzen das für die Darstellung sozialer Marginalität hat. Die These, dass die TV-Serie die Literatur in ihrer Funktion als unmittelbares Medium der Zeitgeschichtsschreibung teilweise verdrängt, dabei aber auch neue ästhetische Impulse liefert, ist überzeugend, aber nicht neu.

Kapitel 4: Texte und Projekte

Das vierte Kapitel ist analytisch konkret und methodisch heterogen. Es gliedert sich in vier Studien: zu Vuillards 14 juillet (4.1), zum oben erwähnten Projekt Raconter la vie (4.2), zu Ernaux‘ Regarde les lumières mon amour (4.3) und zur Übersetzungspolitik von Ernaux-Texten im deutschsprachigen Raum (4.4).

In seiner Vuillard-Analyse (4.1) zeigt Lukenda, wie der Text in seiner dokumentarischen Fiktionalisierung der Bastille-Erstürmung nicht nur ein Bild der Revolution rekonstruiert, sondern zugleich die Mechanismen historiografischer Unsichtbarkeit entlarvt: Die namenlosen Handwerker, Kleinhändler und Wäscherinnen, die den Sturm auf die Bastille vollzogen, erscheinen in den Quellen – auch in Michelets scheinbar volksnaher Geschichtsschreibung – stets als anonyme Masse, nie als individuelle Subjekte mit Namen und Geschichte. Vuillards Verfahren, ihnen fiktiv Namen zu geben und ihre Einzelschicksale zu rekonstruieren, ist dabei keine naive Illusion von Vollständigkeit, sondern eine reflexive Markierung des historiografischen Defizits. Gleichzeitig liest Lukenda den Text als Spiegel einer gegenwärtigen Protestkultur: Das Figurenkabinett der kleinen Leute, die die Bastille stürmen, wird explizit mit der France périphérique der Gelbwesten kontextualisiert.

Die Analyse von Raconter la vie (4.2) ist umfangreich und theoretisch gehaltvoll. Lukenda rekonstruiert das Projekt Rosanvallons präzise: Es sollte einen „wahren Roman der Gesellschaft“ produzieren – nicht als fiktionale Konstruktion, sondern als kollektives Erzählprojekt, in dem Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Schriftstellern, Soziologen und Journalisten Lebensberichte verfassten. Von 2014 bis 2017 entstanden in der Buchreihe bei Seuil 26 Bände und im digitalen Raum rund 800 Beiträge. Lukenda analysiert das Programm der „narrativen Demokratie“ (Rosanvallon), die Verbindung von soziologischer Wissensbildung und demokratischer Partizipation, und zeigt dabei zugleich die inneren Widersprüche des Projekts: Die Notwendigkeit, das symbolische Kapital eines Rosanvallon zu bündeln, um überhaupt Sichtbarkeit zu erzeugen, reproduziert die Ungleichheitsstruktur, der das Projekt entgegenwirken wollte. Die Analyse von Ernaux‘ Beitrag Regarde les lumières mon amour als Teil der Buchreihe illustriert konkret, wie das Programm in Texten realisiert wird: Der Supermarkt als paradigmatischer Ort geteilter Sehnsüchte und soziokultureller Ungleichheiten wird von Ernaux ethnografisch erschlossen – als ein Raum, in dem sich das kollektive Alltagsleben der „classes populaires“ abspielt und der gerade deshalb literarisch vernachlässigt worden ist.

Die Studie zur Übersetzungspolitik (4.4) ist methodisch innovativ und öffnet das Buch in Richtung Translationswissenschaft. Lukenda zeigt, wie Ernaux im deutschsprachigen Raum zunächst als Autorin eines erotisch-autobiografischen Erzählens rezipiert wurde – ihr Text Passion simple erschien 1992 als Eine vollkommene Leidenschaft: die Geschichte einer erotischen Faszination im Fischer-Verlag –, bevor sie nach dem Boom der autosoziobiografischen Übersetzungen von Eribon und Louis als Klassikerin einer kritischen Klassenliteratur neu entdeckt wurde. Der Textvergleich zwischen dem französischen Original und der deutschen Übersetzung illustriert, wie Übersetzungsentscheidungen den Rezeptionskontext konstituieren und wie eine Übersetzerin aus einer literarischen Vorreiterin eine Nachzüglerin machen kann. Das ist ein genuiner Befund mit einer gewissen Pointe.

Kapitel 5: Schlussbetrachtung: Repräsentation und Vermittlung

Die Schlussbetrachtung „Jenseits von Repräsentation? Literatur als Relation und Vermittlung“ fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und schlägt einen abschließenden konzeptuellen Bogen. Lukenda schlägt vor, den Begriff der Repräsentation durch den der Vermittlung zu ergänzen oder partiell zu ersetzen: Die zeitgenössische Literatur sei nicht mehr primär eine Stellvertreterin, die das Abwesende sichtbar macht und dabei notwendigerweise dessen Unsichtbarkeit verstärkt, sondern ein Medium, das Relationen herstellt – zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen sozialer Vielfalt und politischer Einheit. Diese Umformulierung ist theoretisch anregend, bleibt aber in ihrer Ausarbeitung etwas abstrakt. Der Ausblick benennt ein Desiderat für zukünftige Forschung: die Frage nicht nur nach dem Ursprung der Fiktion in der Realität, sondern nach dem Ursprung der Realität in der Fiktion – ein Thema, das angesichts der zunehmenden Wirklichkeitskonstitution durch Medien und soziale Netzwerke tatsächlich dringlicher wird.

Gedanken im Anschluss

Die strukturelle Abwesenheit der Eliten

Der analytische Fokus von Lukenda liegt fast durchgehend auf den „classes populaires“ und ihrer Unsichtbarkeit, nicht auf denen, die sie unsichtbar machen. Der auffälligste Befund ist insofern ein negativer: In den meisten der von Lukenda besprochenen Texte erscheinen die Eliten nicht als Protagonisten, sondern als strukturierende Leerstelle. Bei Ernaux sind sie der implizite Maßstab, an dem die Herkunftswelt des Vaters gemessen und für mangelhaft befunden wird – in La Place erscheinen die Eliten als jene, deren Sprechen, Wohnen und Essen die heimliche Norm bilden, der gegenüber der Vater ein Defizit darstellt. Die Gewalt liegt nicht in einem expliziten Klassenkonflikt, sondern in der Internalisierung dieser Norm durch die Figuren selbst. Eribon beschreibt das in Retour à Reims als symbolische Herrschaft im Bourdieu’schen Sinne: Die Arbeiterklasse seiner Herkunft hat die Überzeugung übernommen, dass ihre Welt, ihre Sprache, ihr Geschmack weniger wert sind – und zwar ohne direkten Zwang, durch bloße Strukturwirkung.

Bei Vuillard ist das anders und literarisch interessanter. In 14 juillet erscheinen die Eliten des Ancien Régime als jene, die das Volk aus der Geschichte herausschreiben – nicht durch aktive Unterdrückung, sondern durch die Logik der Überlieferung, die Namen und Biographien nur für Würdenträger reserviert. Die Aristokraten und Hofleute sind in Vuillards Text präsent, aber sie werden ironisch dekonstruiert: In L’ordre du jour, das Lukenda nur am Rande erwähnt, erscheinen die deutschen Industriellen, die sich 1933 mit Hitler arrangierten, als eine Elite, die ihre Handlungsmacht systematisch verleugnet – die sich als Getriebene inszeniert, wo sie Akteure waren. Das ist Vuillards eigentliches Thema: nicht die Bösartigkeit der Eliten, sondern ihre Selbstentlastungsnarrative.

In Virginie Despentes‘ Vernon Subutex, dem umfangreichsten Gesellschaftspanorama im Korpus, sind die Eliten explizit präsent – und das ist analytisch aufschlussreich. Die gut situierten Figuren des Romans sind nicht moralisch korrumpierter als die anderen, aber sie leben in einer Wirklichkeitsblase, die strukturell von der Prekarität der anderen abgeschirmt ist. Was Lukenda an der Adaption als TV-Serie herausarbeitet, gilt auch für den Roman: Die Kamera – oder der Erzählerblick – ist eine der bürgerlichen Kunstform, die das proletarische Milieu von außen betrachtet. Despentes, selbst eine Aufsteigerin aus schwierigen Verhältnissen, ist sich dieser Spannung bewusst und baut sie als Reflexionsproblem in den Text ein. Die Frage „une vision du prolétariat par la bourgeoisie?“ – die Lukenda als Kapitelüberschrift zitiert – ist keine rhetorische, sondern eine genuine Aporie: Wer spricht über wen, für wen, mit welchem Recht?

Bei Eribon gibt es eine Verschiebung, die Lukenda registriert, aber nicht systematisch auswertet. Die Elite, gegen die sich Eribons Text richtet, ist primär die intellektuelle und akademische Linke – jene, die einst die Arbeiterschaft als revolutionäres Subjekt konstruiert hat und sich dann, mit der Strukturwandlung der Gesellschaft, von ihr abgewendet hat, ohne das wirklich zu merken. Das ist eine Binnenkritik der Elite, die Eribon selbst angehört: Er schreibt als Hochschulprofessor, der über die Welt seiner Herkunft schreibt, aus der er geflohen ist. Die intellektuelle Elite ist hier nicht der Feind von außen, sondern die eigene Herkunftsfamilie der zweiten Ordnung – der kulturelle Raum, in den man aufgestiegen ist, der aber gleichzeitig die Blindheit gegenüber der Herkunftswelt produziert hat.

Was Lukendas Buch insgesamt zeigt, ohne es explizit als Befund zu formulieren, ist folgendes: Die von ihm besprochene Literatur hat kein ausgearbeitetes Bild der Eliten, weil ihre analytische Energie auf die Unterseite der Gesellschaft gerichtet ist. Das hat eine politische Logik – Sichtbarkeit für die Unsichtbaren herzustellen ist dringlicher als die Analyse derer, die ohnehin überrepräsentiert sind. Aber es produziert auch eine narrative Schieflage: Die Eliten erscheinen diffus als Struktur, als Blick, als abwesende Norm, aber selten als handelnde, widersprüchliche, ihrerseits gefangene Subjekte. Das wäre ein Einwand, den man produktiv an das Korpus richten kann: Eine Literatur, die die Unterseite zeigt, ohne die Oberseite zu analysieren, läuft Gefahr, das Verhältnis zwischen beiden als natürlich oder unvermeidlich erscheinen zu lassen – anstatt es als das zu zeigen, was es ist: als Ergebnis von Entscheidungen, Interessen und historisch sedimentierten Machtverhältnissen.

Literatur als Antwort auf Populismus?

Die naheliegendste Antwort ist die diagnostische: Literatur beschreibt den Populismus als gesellschaftliches Phänomen, analysiert seine emotionalen Grundlagen, macht seine Akteure und ihre Lebenswelten sichtbar. Das tut etwa Didier Eribon in Retour à Reims, wenn er erklärt, warum seine Familie vom kommunistischen zum Front-national-Wähler wurde – nicht als moralische Verurteilung, sondern als soziologische Rekonstruktion. Ähnlich Nicolas Mathieu in Leurs enfants après eux: Der Roman zeigt, wie die Deindustrialisierung Lothringens in den 1990ern die Grundlage für spätere Ressentiments legt, ohne dass das Wort Populismus je fällt.

Eine andere Antwort ist die narrative Konkurrenz: Literatur bietet alternative Vergemeinschaftungsnarrative an, die dem populistischen Wir-gegen-die entgegenwirken. Rosanvallons Raconter la vie ist dafür ein programmatisches Beispiel – der Versuch, die soziale Wirklichkeit pluraler, widersprüchlicher und weniger pauschalisierbar zu erzählen, als populistische Diskurse es tun. Das Problem, das Lukenda dabei herausarbeitet, ist die innere Paradoxie dieses Projekts: Es will die Unsichtbaren sichtbar machen, bedient sich dabei aber der symbolischen Kapitallogik des Literaturbetriebs, der die Unsichtbaren strukturell ausschließt.

Gibt es umgekehrt populistische Strategien in der Literatur? Man kann hier mindestens drei Ebenen unterscheiden. Erstens die Ebene der Inhalte und Haltungen: Manche Literatur operiert mit populistischen Figuren – dem authentischen Volk gegen die korrupte Elite, der verlorenen Heimat, dem gesunden Volksempfinden. Das ist nicht zwangsläufig rechts: Auch Teile der engagierten Literatur links der Mitte konstruieren ein nobles „peuple“ gegen eine verachtenswerte Elite, ohne die Heterogenität des ersteren oder die Legitimität des letzteren ernsthaft zu befragen. Chantal Mouffe würde das einen linken Populismus nennen und als notwendig verteidigen; Rancière würde dagegen einwenden, dass das Volk keine soziologische Gegebenheit ist, sondern stets neu konstruiert werden muss – und dass literarische Konstruktionen des Volkes, die so tun, als würden sie es bloß abbilden, gerade die populistische Illusion reproduzieren.

Zweitens die Ebene der Form: Populismus bevorzugt Unmittelbarkeit, Authentizität, die scheinbar unverfälschte Stimme. Genau das kennzeichnet auch den Boom des autosoziobiografischen Schreibens – Eribon, Louis, Ernaux. Die Texte behaupten, direkt aus der Erfahrung zu sprechen, ohne literarische Vermittlung. Das ist rhetorisch höchst wirksam und moralisch gut begründet; es ist aber auch eine Konstruktion, die ihre eigene Artifizialität verbirgt. Lukenda streift das Problem im Zusammenhang mit Bourdieus „illusion biographique“, ohne es auszuschöpfen. Die Frage, ob die Autosoziobiografie eine literarische Form des Populismus ist – oder zumindest mit populistischen Authentizitätsversprechen spielt –, ist literaturtheoretisch noch nicht wirklich gestellt worden.

Drittens die Ebene des Marktes: Literatur, die die Unsichtbaren sichtbar macht, ist seit den 2010ern ein Verkaufserfolg. Das erzeugt Anreize zur Produktion von Texten, die bestimmte Authentizitätssignale bedienen – die richtige Herkunftsgeschichte, das richtige Milieu, die richtige Wut. Édouard Louis hat das gespürt: In Interviews spricht er davon, dass er eine Figuration von Armut verkörpern soll, die der Literaturbetrieb braucht. Frédéric Beigbeder hat ihn süffisant als „PDG de la victim company“ beschimpft – was eine rechte Polemik ist, aber einen strukturellen Punkt berührt: der Markt belohnt bestimmte populärappellierende Gesten.

Das Verhältnis von Literatur und Populismus ist deshalb so produktiv, weil beide auf dasselbe Problem reagieren: auf das Gefühl, dass etwas an der offiziellen Selbstbeschreibung der Gesellschaft nicht stimmt, dass bestimmte Wirklichkeiten nicht repräsentiert werden. Populismus löst das durch Vereinfachung – das wahre Volk gegen die falsche Elite. Literatur löst es, in ihren reflektiertesten Formen, durch Komplizierung: Sie zeigt, dass das Volk kein kohärenter Akteur ist, dass die Elite keine homogene Klasse, dass die Verhältnisse widersprüchlicher sind, als jede Erzählung erfassen kann. Aber in ihrer marktgängigsten Form nähert sie sich dem populistischen Muster an – und das ist der blinde Fleck, den Lukendas Buch eröffnet, ohne ihn vollständig auszuleuchten.

Das Fehlen der Politik

Ähnlich wie bei den Eliten fällt zunächst auf, dass Politiker als handelnde Figuren in den besprochenen Texten kaum vorkommen. Das ist durchaus programmatisch: Die Autosoziobiografien von Ernaux, Eribon und Louis interessieren sich nicht für die Politik als Entscheidungsraum, sondern für ihre Auswirkungen auf die Körper, die Wohnungen, die Sprachlosigkeit der „classes populaires“. Politik erscheint in diesen Texten als etwas, das mit den Figuren geschieht, nicht als etwas, das sie gestalten. Bei Eribon ist das am deutlichsten: Die politischen Ereignisse der Nachkriegsgeschichte – de Gaulles Rückkehr, der Mai 68, der Aufstieg Mitterrands, das Ende des Kommunismus – sind Hintergrundrauschen, das die soziale Lage der Arbeiterfamilie kaum verändert. Das ist selbst eine politische These: dass das parlamentarische System die Lebenswirklichkeit der „classes populaires“ strukturell nicht adressiert.

Lukenda erwähnt Macrons Wahl 2017 mehrfach als politisches Symptom, analysiert sie aber nicht literarisch. Interessant wäre dabei gewesen, dass Macrons Aufstieg – ohne Partei, mit dem Versprechen, die Links-rechts-Spaltung zu überwinden – in mehreren der besprochenen Texte implizit präsent ist, ohne direkt benannt zu werden. Despentes‘ Vernon Subutex erschien kurz vor Macrons Wahl und antizipiert das Szenario einer Gesellschaft, in der die traditionellen politischen Koordinaten kollabiert sind, ohne dass etwas Neues an ihre Stelle getreten wäre. Die Figuren des Romans navigieren durch ein politisches Vakuum, das zwar emotional aufgeladen ist – es gibt diffuse Wut, Nostalgie, Ressentiment –, aber keine institutionelle Form findet. Das ist das literarische Äquivalent zu dem, was soziologisch als Entstehungsbedingung des Populismus beschrieben wird.

Bei Vuillard ist der Bezug auf die politische Gegenwart direkter, aber verschlüsselt: 14 juillet erschien 2016, also kurz vor den Gelbwesten-Protesten, und Lukenda liest den Text explizit als Spiegel einer zeitgenössischen Protestkultur. Die Pointe ist dabei, dass das revolutionäre Volk bei Vuillard keinen politischen Repräsentanten hat und keinen braucht – es handelt aus sich selbst heraus, spontan, kollektiv, ohne Führungsfigur. Das ist eine implizite Kritik an der repräsentativen Demokratie, die Lukenda benennt, aber nicht weiter politisch kontextualisiert.

Frankreichbild: ein Land in struktureller Selbstverfehlung

Was sich aus der Summe der besprochenen Texte ergibt, ist ein Frankreichbild, das man als strukturelle Selbstverfehlung beschreiben könnte: ein Land, dessen Selbstdarstellung – republikanische Gleichheit, kulturelle Grandeur, politische Repräsentation aller – dauerhaft und systematisch von seiner sozialen Wirklichkeit abweicht. Das ist nicht das Bild eines gescheiterten Staates, sondern eines, der seine eigenen Versprechen nicht einlöst und diese Diskrepanz mit erheblichem rhetorischen Aufwand verdeckt.

Lukenda zitiert dafür Ernst Robert Curtius‘ berühmte Formulierung von 1930, wonach die Literatur in Frankreich die Funktion einnimmt, die anderswo auf Philosophie, Wissenschaft, Musik und Dichtung verteilt ist – sie ist der repräsentative Ausdruck der Nation. Das ist das Selbstbild. Die Literatur, die Lukenda analysiert, arbeitet genau gegen diesen Repräsentationsanspruch: Sie zeigt ein Frankreich, das sich nicht im Spiegel der offiziellen Kultur erkennt.

Konkret entsteht dabei ein Bild, das mehrere Schichten hat. Da ist erstens das geografisch gespaltene Frankreich: Guilluys „France périphérique“ ist kein Analysekonzept, das Lukenda bloß referiert, sondern es grundiert die meisten Texte implizit – das Lothringen von Mathieu und Eribon, die Normandie von Ernaux, die Vorstädte bei Despentes, die ländlichen Regionen, die in Raconter la vie Stimme bekommen. Die Metropole Paris erscheint in diesen Texten selten als Zentrum der nationalen Einheit, häufiger als Symbol einer Welt, die den Rest des Landes nicht wahrnimmt.

Da ist zweitens das sozial immobile Frankreich: Gegen das Selbstbild der Republik als Aufstiegsgesellschaft, in der Bildung das entscheidende Emanzipationsinstrument ist, zeigen Eribon, Ernaux und Louis übereinstimmend, wie die grande école, das Gymnasium, das Universum der hohen Kultur als Selektionsmechanismen funktionieren, die Herkunft reproduzieren statt überwinden. Die Schule, die eigentlich das republikanische Versprechen einlösen soll, erscheint in diesen Texten als Ort der Beschämung und der sozialen Sortierung.

Da ist drittens das erinnerungspolitisch umstrittene Frankreich: Vuillards 14 juillet greift die Gründungserzählung der Republik – die Revolution, das Volk, die Bastille – auf, nur um zu zeigen, dass das Volk in dieser Erzählung strukturell unsichtbar gemacht worden ist. Das ist ein Angriff auf das nationale Gedächtnis, der in Frankreich, wo die Revolution als Legitimationsquelle der Republik einsteht, politische Sprengkraft hat.

Was das Frankreichbild dieser Texte – und Lukendas Analyse – merklich ausblendet, ist die institutionelle Dimension: Wie funktionieren die Institutionen, die den Anspruch der Republik verkörpern sollen – Schule, Sozialstaat, Justiz, Armee? Sie tauchen in den besprochenen Texten fast nur als Enttäuschungsmaschinen auf, nie als ambivalente, widersprüchliche Strukturen, in denen auch Emanzipation möglich ist. Das erzeugt ein Frankreichbild, das konsistenter düster ist, als die Wirklichkeit es wahrscheinlich ist – und das seinerseits einer ideologischen Logik gehorcht: der des Schreibens aus der Position der Verliererin, des Verlierers, dem die Struktur gegenübersteht.

Das ist kein Vorwurf an die Texte, wohl aber ein Hinweis auf ihre Perspektivität, den eine kritische Rezension eigentlich einfordern müsste. Lukenda tut das am Rande, wenn er Raconter la vie als Gegenbeispiel anführt – ein Projekt, das trotz aller Ambivalenzen zeigt, dass das Land auch zusammenhält. Aber dieser Einwand bleibt randständig gegenüber dem dominanten Bild, das die Studie entwirft: Frankreich als ein Land, dessen Selbsterzählung und Selbstwahrnehmung chronisch auseinanderklaffen.

Gesamtbewertung: Fiktionalisierung der Realität

Was hat Lukenda gezeigt? Erstens, dass die französische Gegenwartsliteratur im Kontext einer umfassenden Repräsentationskrise steht, die politische, soziale und epistemische Dimensionen hat und durch strukturelle Merkmale der französischen Republik – Vorrang der „volonté générale“, ambivalentes Verhältnis zu Partikularinteressen, herausgehobene Stellung der Literatur im nationalen Selbstverständnis – historisch geformt ist. Zweitens, dass die Gegenwartsliteratur auf diese Krise mit einem breiten Repertoire narrativer, ästhetischer und medialer Strategien reagiert, das von der autosoziobiografischen Introspektion (Ernaux, Eribon) über die dokumentarische Historiografie (Vuillard) bis zur kollektiven Erzählpraxis (Raconter la vie) und der TV-Serie reicht. Drittens, dass diese Reaktionen auf eine historisch verankerte Tradition verweisen – auf den Realismus des 19. Jahrhunderts, die soziale Funktion der Literatur in der postrevolutionären Gesellschaft, die Tradition des literarischen Engagements –, die gegenwärtig weniger fortgesetzt als re-appropriiert und kritisch befragt wird.

Die Stärken der Arbeit liegen in der interdisziplinären Breite und konzeptuellen Präzision der Problemstellung, in der historischen Tiefe der Rahmung, in der überzeugenden Analyse von Vuillards 14 juillet und in der innovativen Studie zur Übersetzungspolitik von Ernaux. Lukenda ist einer der romanistischen Wissenschaftler, der die Repräsentationsdebatte konsequent in ihrer gesamten Breite – von der Politikwissenschaft über die Soziologie bis zur Translationswissenschaft – verfolgt und produktiv für die Literaturanalyse fruchtbar macht. Das Buch schließt damit eine tatsächliche Forschungslücke, die der Verfasser selbst benennt: die Vernachlässigung zeitgenössischer sozialer Klassenfragen in der Literaturwissenschaft.

Als Schwächen fallen ins Gewicht: Die thematische Breite führt stellenweise dazu, dass einzelne Stränge nur skizziert werden, wo eine eingehendere Analyse wünschenswert wäre. Die TV-Serienanalysen, insbesondere zu Engrenages und Vernon Subutex, bleiben vergleichsweise an der Oberfläche. Der zweite Hauptteil (Kapitel 3 und 4) ist methodisch weniger einheitlich als der erste: Die Kategorie der „Poetologie sozialer Repräsentation“ wird eingeführt, aber nicht systematisch an allen behandelten Texten durchgeführt. Die Schlussbetrachtung formuliert die abschließende Synthese (Literatur als Relation und Vermittlung) zu knapp, um das konzeptuelle Gewicht zu tragen, das der Verfasser ihr zumisst. Zudem fällt auf, dass das Buch – trotz der betonten Interdisziplinarität – auf frankophone Literaturen außerhalb des Hexagons praktisch nicht eingeht; die koloniale Vergangenheit und die postkoloniale Gegenwartsliteratur werden zwar als Desiderat benannt, aber nicht integriert.

Ein methodisches Fragezeichen verdient schließlich die Anlage des Korpus: Das Nebeneinander von kanonischen Texten (Ernaux, Eribon, Vuillard) und marginalen oder institutionell nicht kanonischen Projekten (Raconter la vie, Lebensberichte auf Webseiten) ist programmatisch gewollt, wird aber nicht immer mit der gleichen Stringenz analysiert. Die digitalen Texte auf der Raconter la vie-Website, die nicht mehr abrufbar sind, stellen ein quellenkundliches Problem dar, das Lukenda zwar erwähnt, aber nicht weiter reflektiert.

Lukendas Studie erscheint in einem Moment, da die von ihr beschriebene Konstellation – Repräsentationskrise, Erstarken populistischer Bewegungen, Unsichtbarkeit der „classes populaires“, Suche der Literatur nach neuen gesellschaftlichen Bündnissen – sich weiter verschärft hat. Die Proteste gegen die Rentenreform 2023, die Parlamentswahlen 2024 mit dem erneuten Erstarken des Rassemblement national, die zunehmende Fiktionalisierung des Politischen in Serien wie La Fièvre (2024) – all das zeigt, dass die von Lukenda analysierten Dynamiken keineswegs abgeschlossen sind. Sein Buch liefert das konzeptuelle Instrumentarium, um diese Entwicklungen einzuordnen.

Für die Romanistik und die europäische Literaturwissenschaft insgesamt liegt die Bedeutung dieser Arbeit in ihrem interdisziplinären Modell: Sie zeigt, dass literaturwissenschaftliche Analyse an Erklärungskraft gewinnt, wenn sie die politischen, sozialen und medialen Kontexte nicht als bloßen Hintergrund behandelt, sondern als konstitutive Felder, in denen literarische Bedeutung entsteht und verhandelt wird. Offene Forschungsfelder ergeben sich vor allem im Bereich der frankophonen Literaturen, die die Repräsentationsproblematik unter postkolonialen Vorzeichen stellen, sowie im Bereich der digitalen Literaturformen, die nach dem Ende von Raconter la vie in anderen Formaten weiterleben. Nicht zuletzt bleibt die von Lukenda am Schluss aufgeworfene Frage nach der „Fiktionalisierung der Realität“ – nach dem Ursprung politischer Wirklichkeit in medialen Fiktionen – ein dringendes Programm für eine kulturwissenschaftlich sensibilisierte Romanistik.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Gesellschaft im Modus der Fragmentierung – Literatur als Antwort auf die Krise der Repräsentation: Robert Lukenda." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Mai 12, 2026 at 17:59. https://rentree.de/2026/05/12/gesellschaft-im-modus-der-fragmentierung-literatur-als-antwort-auf-die-krise-der-repraesentation-robert-lukenda/.

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.

Anmerkungen
  1. „Le pays, en un mot, ne se sent pas représenté“>>>

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