Die Blume als Text, Körper und Gefahr: drei Romane von Colette Fellous, Célia Houdart und Constance Guisset

Was verbindet drei sehr unterschiedliche französische Romane der Gegenwart – Colette Fellous‘ „Quelques fleurs“ (Gallimard, 2024), Célia Houdarts „Les Fleurs sauvages“ (P.O.L, 2024) und Constance Guissets „Fleur de peau“ (Flammarion, 2026)? Auf den ersten Blick nur das Botanische ihrer Titel; bei genauerer Lektüre aber ein gemeinsames und vielschichtiges literarisches Projekt: die Befragung, Verschiebung und in manchen Fällen radikale Zerstörung jener symbolistischen Tradition, die die Blume seit Mallarmé als erhabenes, körperloses Zeichen kodiert hat – als „l’absente de tous bouquets“, abwesend aus jedem wirklichen Strauß, aufgestiegen in die reine Idee. Die vorliegende vergleichende Rezension zeigt, wie die drei Autorinnen diese Erbschaft auf je eigene Weise beerben und brechen, indem sie das Pflanzliche ins Körperliche, ins Ökologische und ins Pharmakologische zurückholen. Fellous, deren autofiktionaler Essay in der Formlinie des lyrischen récit operiert, kultiviert die Blume als Mnemotop und als poetologisches Selbstportrait: Ihre Blumen sind stille Zeuginnen des gelebten Lebens, Kondensate von Kindheit, Mutter, Tunis und Paris, und das Buch, das sie schreibt, ist buchstäblich „en ces fleurs caché“ – in den Blumen verborgen, wartend auf den Akt des Schreibens, der sie befreit. Houdart dagegen entzieht der Blume jeden subjektiven Anspruch: Im lakonischen Polyphonie-Erzählen ihrer provenzalischen Figuren sind die Wildblumen ökologische Zeichen einer Natur, die dem Menschen gleichgültig ist und ihn – im Falle der halluzinogenen Datura, die zwei Figuren vergiftet – auch zu schädigen bereit ist, ohne Absicht und ohne Botschaft; botanisches Wissen wird hier zur ethischen und epistemischen Notwendigkeit. Guisset schließlich stellt die romantische Blumenästhetik mit einer systemkritischen Geste auf den Kopf: Ihre Floristin Ava hat dreizehn Jahre lang die Schönheit der Blumen arrangiert und dabei, durch Pestizide in der Haut, ein unsichtbares Gift akkumuliert – die Blume, die als Gegenwelt zur Finanzwelt gewählt wurde, erweist sich als deren Komplizin, und der Körper der Frau als Barometer einer globalen Warenwirtschaft, die Schönheit auf toxischen Substanzen gründet. Der Aufsatz liest diese drei sehr unterschiedlichen Textprojekte entlang einer gemeinsamen Analysedimension: der Funktion der Blume als Zeitfigur, als Körperfigur und als Sprachfigur, und sie argumentiert, dass die zeitgenössische französische Literatur im Blumenmotiv eine Skala aufspannt, die von der mnemotechnischen Kultivierung über die ökologische Nüchternheit bis zum pharmakologischen Paradox reicht – und in Ismaël Judes gleichzeitig erschienenen Roman „Une vie de jasmin“, der als vierter Vergleichstext herangezogen wird, in einer sprachskeptischen Ontologie der reinen Emanation gipfelt, die Mallarmés Idealisierung mit den Mitteln des Körpers und der Biologie konsequent zu Ende denkt.

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Wuchernde Körper, schweigende Blumen: Ästhetik der Emanation bei Ismaël Jude

Die Rezension zu „Une vie de jasmin“ (éditions verticales, 2026) von Ismaël Jude liest den Roman als grundlegende Infragestellung menschlicher Identität, Sprache und Zivilisation: Im Zentrum steht die Figur Jasmine, deren Körper in einem Prozess der „Dermaculture“ Pflanzen hervorbringt und so die Grenze zwischen Mensch und Vegetation auflöst. Vor dem Hintergrund einer repressiven, technokratischen Ordnung – verkörpert durch den allergischen, autoritären Vater und eine von Beton und Pestiziden geprägte Welt – entwirft der Text eine Gegenästhetik des Wucherns, der „Émanation“ und einer „Sexualité sans langage“, in der Blumen nicht als Symbole, sondern als eigenständige, nicht übersetzbare Formen von Leben erscheinen. Die Rezension zeigt, wie sich diese poetologische Programmatik mit einer traumatischen Familien- und Kolonialgeschichte verschränkt: Der Name Jasmine erweist sich als „Acte manqué“, als blutige Spur des Algerienkriegs, die Identität nicht stiftet, sondern unterminiert. In der Verbindung von ökologischer Kritik, queerer Körperlichkeit und sprachskeptischer Poetik deutet die Besprechung den Roman schließlich als Plädoyer für ein nicht fixierbares Leben, das sich – wie eine Pionierpflanze – in den Rissen der Zivilisation ausbreitet und jenseits symbolischer Ordnungen behauptet.

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Das Monster und sein Doppel: Pierre Rivière bei Michel Foucault und Ismaël Jude

Die Rezension stellt zwei radikal unterschiedliche, aber untrennbar miteinander verschränkte Bücher ins Zentrum: den von Michel Foucault herausgegebenen Dokumentarband „Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère“, der den historischen Dreifachmörder Pierre Rivière als Knotenpunkt konkurrierender Diskurse sichtbar macht, und Ismaël Judes „grief“ (éditions verticales, 2022), das genau diese diskursive Einhegung performativ angreift. Während Foucaults Band das im Gefängnis verfasste Memoire Rivières in ein vielstimmiges Archiv einbettet – juristische Akten, medizinische Gutachten, historische Kommentare – und so demonstriert, wie ein Leben durch institutionelle Sprache zum „Fall“ wird, treibt Jude diese Konstellation in die Gegenwart und zerlegt sie von innen: Seine Erzählerin liest Foucault, überschreibt dessen Begriffe (parricide wird zu matricide, sororicide, fratricide) und macht sich selbst zur verdrängten weiblichen Doppelgängerin des Mörders. Die Rezension arbeitet diesen Gegensatz nicht bloß als Differenz zweier Methoden heraus – hier die analytische Distanz der Genealogie, dort die wütende, körperliche, sprachzerstörende Gegenrede –, sondern als eine Art dialektische Bewegung: Foucault zeigt, wie Diskurse sich eines Textes bemächtigen, Jude zeigt, dass auch diese Kritik selbst eine Form der Aneignung bleibt. Dabei verschiebt sich der Fokus entscheidend: Wo Foucault den Text als Kampfplatz zwischen Justiz und Psychiatrie liest und dessen „seltsame Schönheit“ betont, insistiert Jude auf dem, was dabei verschwindet – die geschlechtsspezifische Gewalt, die Körper der Opfer, die Möglichkeit einer anderen, nicht-männlichen Stimme. Die Argumentation der Rezension gewinnt ihre Stärke gerade daraus, dass sie diese beiden Perspektiven nicht gegeneinander ausspielt, sondern als notwendige Spannung begreift: Sie zeigt, wie Foucaults Projekt die Bedingungen schafft, unter denen Jude überhaupt schreiben kann, und zugleich, wie Jude diese Bedingungen sprengt, indem er das Schreiben selbst zur Tat radikalisiert. So entsteht das Bild einer literarisch-theoretischen Konstellation, in der sich eine zentrale Frage immer weiter zuspitzt: Wenn – wie bei Rivière – Text und Tat ineinanderfallen, wer kontrolliert dann ihre Bedeutung? Und wer wird dabei gehört – oder zum Schweigen gebracht?

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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