Zwischen Umkehrung und Exotisierung: Die Konstruktion schwarzer Männlichkeit bei Marie Darrieussecq

Marie Darrieussecqs mit dem Prix Médicis ausgezeichneter Roman „Il faut beaucoup aimer les hommes“ (2013) erzählt die Passion der französischen Schauspielerin Solange für den kamerunisch-kanadischen Schauspieler und Regisseur Kouhouesso, der mitten in Hollywood eine Verfilmung von Joseph Conrads „Heart of Darkness“ im Kongo plant und schließlich dreht – eine Liebesgeschichte, die von Los Angeles über Paris bis in den äquatorialen Regenwald führt und in einer Kinopremiere endet, bei der Solange entdeckt, dass sämtliche ihrer Szenen aus dem fertigen Film herausgeschnitten wurden. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Roman als literarische Verhandlung einer offenen Frage: Kehrt der Text, indem er eine weiße Frau einen schwarzen Mann in der Rolle des exotisierten, begehrten Anderen zeigen lässt, lediglich das klassische koloniale Begehrensmuster um und stellt damit Symmetrie her – oder wiederholt er, unter dem Deckmantel weiblicher Emanzipation, eine Sexualisierung schwarzer Männlichkeit, die selbst an rassistische Denkfiguren rührt? Der Aufsatz argumentiert, dass Darrieussecq keine der beiden Antworten gibt: Der Text legt den Mechanismus der Exotisierung durch Solanges eigene Wahrnehmung offen, verweigert zugleich aber jede bequeme Gleichsetzung von Geschlechter- und Rassenhierarchie – und bleibt gerade in dieser Unabgeschlossenheit literarisch und politisch aufschlussreich.

➙ Zum Artikel

Schlaflos: Covid, Lautréamont, Trump, Poesie

Der Verlag P.O.L. kündigt mit Darrieussecqs Roman Pas dormir eine Poetik der Schlaflosigkeit an, die seit vielen Jahren auch das Leben der Autorin bestimmt: « J’ouvre les livres et tous me parlent d’insomnie. Woolf! Gide! Pavese! Plath! Sontag! Kafka! Dostoïevski! Darwich! Murakami! Césaire! Borges! U Tam’si! Sur tous les continents, la littérature ne parle que de ça. Comme si écrire c’était ne pas dormir. » 1 Der Roman ist aber weit mehr als nur autofiktionale Bewältigung dieses Schlafmangels im Schreiben, der abwesende Schlaf wird symbolisch aufgeladen zur Störung der Moderne, etwa in der pandemischen Corona-Übertragung, die poetologisch mit Lautréamonts berühmtem Zitat zusammengebracht wird, auch mit dem Schlaf der Vernunft bei Goya (das Buch ist übrigens voll mit Illustrationen): Schlaflosigkeit macht uns die Andersartigkeit der Welt bewusst.

Weiterlesen

Anmerkungen
  1. „Ich schlage Bücher auf, und sie alle erzählen mir von Schlaflosigkeit. Woolf! Gide! Pavese! Plath! Sontag! Kafka! Dostojewski! Darwich! Murakami! Césaire! Borges! U Tam’si! Auf allen Kontinenten dreht sich alles in der Literatur um diese Frage. Wie wenn Schreiben heißt, nicht zu schlafen.“>>>
Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.