Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung

Ein Sammelband mit elf Historikerinnen und Historikern bzw. Publizisten unter Herausgeberschaft von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt verfolgt in zwölf Kapiteln, wie sich die politischen Familien Frankreichs – vom Rassemblement National über die Regierungsrechte, Macrons Renaissance, Grüne, Sozialisten und Kommunisten bis zu La France insoumise, der außerparlamentarischen Linken und den Gelbwesten – seit dem Sechstagekrieg 1967 zum Antisemitismus verhalten haben. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus von rechts historisch erwartbar sei, sein wiederholtes Auftauchen im linken Lager dagegen mehr über Verdrängungsmechanismen der französischen Gesellschaft verrate; als Scharnier dient dabei durchgehend das Verhältnis von legitimer Israelkritik und antisemitisch codiertem Antizionismus. Die Rezension würdigt den Band als dicht dokumentierte, quellennahe Bestandsaufnahme, die mit dem Reflex bricht, Judenhass allein der extremen Rechten zuzuschreiben, und die auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht schont. Zugleich benennt sie methodische Grenzen – eine „Sicht von oben“ ohne Archiv- oder Basisforschung, uneinheitliche analytische Zugriffe, das Fehlen einer vergleichenden internationalen Perspektive und eines eigenständigen Kapitels zu islamistisch geprägtem Antisemitismus – sowie eine auffällige Leerstelle gegenüber Literatur und Kunst. Ein Ausblick zeigt schließlich, dass sich die im Buch beschriebenen Muster in der Vorwahlkampfphase zur Präsidentschaftswahl 2027 nahezu unverändert wiederholen.

➙ Zum Artikel

Der Präsident als Erzähler: Édouard Philippe und Gilles Boyer zwischen Zeugnis und Kandidatur

Die Rezension analysiert den bürgerlichen Präsidentschaftskandidat für 2027, Édouard Philippe, der mit Gilles Boyer einen Regierungsrückblick „Impressions et lignes claires“ (2021) geschrieben hat, im Zusammenspiel mit ihrem früheren Politthriller „Dans l’ombre“ (2011) sowie dem späteren, unter Pseudonym über Philippe erschienenen Roman „Ils ont tué Édouard Philippe“ (2025) und entwickelt daraus ein vielschichtiges Bild politischer Selbstdeutung und literarischer Machtreflexion. Während „Impressions et lignes claires“ in vierzehn lose verbundenen, intertextuell betitelten Kapiteln die 1145 Tage in Matignon als Folge impressionistischer Beobachtungen rekonstruiert, die sich erst im Zusammenspiel zu einer Kontur politischen Handelns verdichten, entwirft das Buch zugleich ein dezidiert nicht-charismatisches Verständnis von Politik als erlernbares Handwerk, geprägt durch Lektüre, institutionelle Loyalität und persönliche Bindungen. Dem steht ihr Thriller „Dans l’ombre“ als frühere, fiktionale Rollenprobe gegenüber, die Macht in zynischer Zuspitzung als manipulierbares System zeigt und die Differenz zwischen sichtbarer politischer Figur und im Hintergrund agierendem Strategen theoretisch vorwegnimmt. Der dystopische Roman „Ils ont tué Édouard Philippe“ von einem „Max B.“ radikalisiert diese Perspektive, indem er reale politische Akteure in eine verschwörungstheoretisch aufgeladene Attentatserzählung einbindet und so die Grenze zwischen Fiktion und dokumentarischem Anspruch systematisch verwischt. Die Rezension arbeitet heraus, dass sich über diese drei Texte hinweg ein Spannungsfeld zwischen literarischer Imagination und politischer Selbstinszenierung eröffnet: vom verschlüsselnden Schlüsselroman über das kollektiv verfasste Regierungszeugnis bis hin zur paranoiden Dystopie, die reale politische Figuren ohne Distanz fiktionalisiert. In dieser Konstellation erscheint Philippe zugleich als Autor, Figur und Projektionsfläche eines literarisch-politischen Diskurses, in dem sich individuelle Karriere, institutionelle Reflexion und gesellschaftliche Imagination überlagern und gegenseitig strukturieren.

➙ Zum Artikel

Zur Gattung des Präsidialromans

Eine beiderseitige Verquickung gilt es zu untersuchen zwischen politischer Macht und kulturell-ästhetischer, hier fiktionaler Repräsentation in Form von Dichterlob, Mäzenatentum, copinage oder eben eines französischen Präsidialromans der letzten Amtszeiten und bereits für 2027 (in Houellebecqs neuestem Roman „Anéantir“).

➙ Zum Artikel
Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.