Wir sind nicht in der Wüste: Jüdischkeit als Verhandlungssache bei Olivia Rosenthal
Ein Mann liegt am Strand und beginnt, das Wort „Shoah“ wie eine Zauberformel zu skandieren – mit dieser Szene eröffnet Olivia Rosenthal ihren 2005 erschienenen Roman „Les fantaisies spéculatives de J.H. le Sémite“ (éditions verticales), der seinen Protagonisten J.H. in zehn kurzen, von Bibelzitaten gerahmten Alltagsepisoden vorführt: im Urlaub, beim Abendessen, in der Ehe, in der Debatte um die Beschneidung des ungeborenen Sohnes, in der Vertreibung eines palästinensischen Freundes aus dem gemeinsamen Haushalt. Der vorliegende Aufsatz liest diese Episoden als fortlaufende Inszenierung jüdischer Identität, die weder auf eine feste Substanz zurückgeführt noch als bloße Selbsttäuschung entlarvt wird: Er zeigt, wie J.H. seine Zugehörigkeit in jeder Szene neu behaupten, zitieren und rechtfertigen muss – gegen die trockene Gegenrede seiner Frau E, gegen die eigene Verfolgungsangst, gegen die Erinnerungspflicht, die ihm seine Mutter buchstäblich in die Hand drückt. Der Aufsatz verfolgt dabei eine doppelte Bewegung: vom lauten, öffentlichen Bekenntnis des Anfangs zur leisen, negativ formulierten Litanei des Schlusses, in der sich das Paar nur noch durch das definiert, was es nicht mehr ist. Wer verstehen möchte, wie ein Roman komische Alltagsszenen mit dem Gewicht der Tora und der Shoah kurzschließt, ohne dabei zu moralisieren, findet hier eine Lektüre, die dem Text seine Ambivalenz lässt, statt sie vorschnell aufzulösen.
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