Das Unglück als Konstante? Pierre Birnbaum liest die jüdischen Romanciers der Jahrhundertwende

Pierre Birnbaum, 1940 geboren, ist Politikwissenschaftler und Historiker des französischen Judentums und hat die Beziehung der Juden zum Staat in Büchern wie „Les fous de la République“ und „Prier pour l’État“ über Jahrzehnte untersucht. In „Le roman du malheur“ (2025) liest er die jüdischen Romanciers einer „langen Generation“ von Wien bis New York, von Schnitzler, Zweig und Joseph Roth über Proust, Cohen, Némirovsky, Svevo und Bassani bis zu Zangwill und Henry Roth, als Test der vergleichenden Staatssoziologie. Er fragt, ob die Romane die Logik der jeweiligen Staaten abbilden oder trotz aller Unterschiede ein gemeinsames Unglück erzählen. Sechs Kapitel prüfen sechs Auswege, die Begegnung mit dem Antisemitismus, die verweigerte Assimilation, die Nostalgie des Shtetl, die Ablehnung des Zionismus, die Ideologien und die Allianz mit dem Staat, und finden sie überall versperrt. Jüdischkeit erscheint dabei nicht als Religion, Sprache oder Praxis, sondern als Zuschreibung von außen und als Erfahrung des unsicheren Status. Der Aufsatz folgt dieser Argumentation und ergänzt sie durch Porträts der wichtigsten französischen und italienischen Autoren. Er zeigt, dass Proust die Grenzen der Assimilation von innen beobachtet, Cohen den Staatsdienst als Falle erzählt, Némirovsky die Herkunft im Körper wiederkehren lässt, Bloch an der Republik festhält und von seinem Freund Rolland als Fremder gelesen wird. Für Italien zeigt er, dass Svevo schweigt, Saba verharmlost und erst Bassani die Assimilation als Falle erkennt. Kritisch prüft der Aufsatz drei Punkte: die Auswahl, die Autoren nach der Erfahrung von Ausgrenzung zusammenstellt und den gemeinsamen Ton damit teilweise selbst erzeugt; den relationalen Begriff von Jüdischkeit, der jedes Schweigen als Symptom lesbar macht; und das Vorgehen eines Soziologen, der von Figuren auf Autoren schließt. Sein Gewinn für die Erforschung jüdischer Literatur liegt im Vergleich über Sprachgrenzen hinweg und in der Frage, wie der Staat die Erzählungen prägt.

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