Nähe, Vernichtung: Kolonialkrieg und Nuklearzeitalter bei Xavier Le Clerc

Ein französischer Wehrpflichtiger, kaum den Kriegstrümmern seiner eigenen Kindheit in Dünkirchen entwachsen, findet 1959 in einem von der Armee napalmverbrannten Dorf der Kabylei den siebenjährigen Idir, dessen Eltern verkohlt am Fuß des familiären Töpferofens liegen, und macht ihn zu seinem Sohn: Xavier Le Clercs Roman „Le garçon ébloui“ (Gallimard, 2026) bezahlt diese Adoption mit einer Versetzung in die „verbotene Stadt“ Reggane, wo Sébastien Vandaele den ersten französischen Atomtests ausgesetzt wird und 1985 an deren Spätfolgen stirbt, während der überlebende Idir als Historiker Archive zu Hiroshima, Bikini und Mururoa durchforstet, um die Wahrheit über den Tod des Vaters zu rekonstruieren. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Roman als Verschränkung dreier Geschichten, die im kollektiven Gedächtnis selten zusammen gedacht werden, der Kolonialgeschichte Algeriens, der Familiengeschichte einer Adoption quer zu den Fronten und der Wissenschaftsgeschichte der Bombe, und verfolgt dabei, mit welchen Mitteln der Text diese Verschränkung trägt: die Dokumentarfiktion, die Fakten und Erfindung ununterscheidbar ineinanderschiebt, die semantischen Felder von Blendung, Feuer und Asche, das titelgebende Wortspiel um den „Grad“ als Temperatur- wie Verwandtschaftsmaß, sowie ein dichtes intertextuelles Gewebe von Camus bis Jules Verne, das dem Roman seine eigene Poetik der Zeugenschaft liefert. Die Analyse argumentiert, dass gerade die Nähe von Zärtlichkeit und Vernichtung, von privater Vaterliebe und staatlicher Verfügung über Körper, den Roman zu einem Text macht, der seine Leserschaft zwingt, koloniale und nukleare Gewalt nicht als getrennte, sondern als eine einzige, fortgesetzte Geschichte zu lesen.

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